Die Zahl Vier – Symbol für die ganze Welt

Die Zahl Vier, Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die Vorstellung von den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Die Zahl Vier – die Diversifizierung der Welt

Ich darf noch einmal erinnern an die Zahl Eins – und die in diesem Beitrag zitierte Passage aus dem taoistischen Werk „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, indem es um das Entstehen der Welt, vorgestellt als Zahlen, ging.

Siehe auch: Beitrag Die Zahl Eins

Nachdem das kosmische Urprinzip seinen Ausdruck findet in den Zahlen Eins, Zwei und Drei, ebenso wie den uns im eigentlichen Sinn unfassbaren Ausdrücken Null und Unendlich, entdecken wir die Zahl Vier, wenn die Welt beginnt Formen anzunehmen in vier prinzipiellen Vorstellungen – oft bezeichnet als Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Nun ist es ja die Eigenschaft des Spirealismus, immer die Verschiedenheit der Vorstellungen zu betonen und zu verdeutlichen – denn ein objektives Außen gibt es nicht. Alles kann daher auch anders gesehen werden – und dem Symbolismus, der Metaphorik, kommt im Spirealismus eine besondere Bedeutung zu.

Ich mag Ouspensky, daher möchte ich auch an dieser Stelle ein Zitat aus einem seiner Werke einfügen – wohlgemerkt stellvertretend für viele mögliche Quellen, aus vielen verschiedenen möglichen Bereichen.

J.P. Ouspensky: A New Model Of The Universe

Aber wie als Gegenstück zu toten Ideen, die nirgendwo sonst existieren, gab es auf der anderen Seite lebendige Ideen, die immer und überall wiederkehren und stets präsent sind, in allem was ich dachte, erfuhr und zu dieser Zeit verstand. Zuerst war da die Vorstellung einer Triade, oder Trinität, die in alles eindrang. Ein weiterer sehr wichtiger Platz wurde durch die Vorstellung von den vier Elementen eingenommen: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dies war eine reale Vorstellung, und während der Experimente, im neuen Zustand der Bewusstheit, verstand ich, wie alles von der Triade durchdrungen und verbunden war. Doch im Normalzustand verließ mich der Sinn für die Wichtigkeit und die Verbindung dieser beiden Ideen.

Die Zahl Vier könnte man auch so sehen …

Die vier Elemente – Ihre sprachliche Verwandtschaft zu allem was wir kennen Siehe Dahn – die Heldengoetter – entstammen Urprinzipien. In seinen visionären Interpretationen der Tarotkarten beschreibt Ouspensky die Zahl Vier als ein Prinzip, das am Rand eines rotierenden Kreises (die Welt selbst) zu finden ist, so als solle dieser Kreis in seinem Lauf stabilisiert werden … Materie ist das Gerinnen des Geistes..“

 

J.P. Ouspensky: Der Symbolismus des Tarot

Karte 21: Die Welt

Eine unerwartete Vision erschien mir. Ein Kreis, der einer Frucht ähnlich sah, gewoben aus Regenbogen und Blitzen, wirbelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit von Himmel zu Erde, mich durch seine Strahlkraft blendend. Und mitten in diesem Licht und Feuer hörte ich Musik und leises Singen, Donnerschläge und das Brüllen eines Orkans, das Rumoren von zusammenstürzenden Bergen, und Erdbeben.

Der Kreis wirbelte mit einem erschreckenden Lärm, die Erde und die Sonne berührend, und, in der Mitte sah ich die nackte, tanzende Figur einer wunderschönen jungen Frau, eingehüllt in ein leichtes, transparentes Tuch, in ihrer Hand hielt sie einen Zauberstab.

Augenblicklich erschienen die vier apokalyptischen Bestien am Rand des Kreises; eins mit dem Gesicht eines Löwen, eins mit dem Gesicht eines Menschen, eins dem eines Adlers und das vierte dem Gesicht eines Bullen.

Die Vision verschwand so schnell wie sie erschienen war. Eine seltsame Stille überfiel mich. Ich fragte mich, was all das wohl bedeutete.

„Das ist ein Abbild der Welt“, sagte die Stimme. „Doch das kann erst verstanden werden, nachdem der Tempel betreten wurde. Dies ist eine Vision der Welt im Kreislauf der Zeit, inmitten der vier Prinzipien. Doch Ihr seht verschieden, denn Ihr seht die Welt außerhalb Eurer selbst. Lernt sie in Euch selbst zu sehen und ihr werdet den unendlichen Grundstoff entdecken, der hinter allen illusorischen Formen verborgen liegt.

Versteht, dass die Welt die Ihr kennt nur ein Aspekt der unendlichen Welt ist, und Dinge und Erscheinungen sind Hieroglyphen der tieferen Ideen.

Der Mensch kommt in seinen Vorstellungen immer wieder auf Urvorstellungen zurück

Der Mensch kommt in seinen Vorstellungen immer wieder auf fundamentalste Urvorstellungen zurück, oft verbunden mit den Elementen Luft, Wasser, Feuer, Erde.

 

Der Philosoph Thales beispielsweise fand als Urgrund und Substrat aller Dinge das Feuchte, das Wasser.

Der Philosoph Anaximenes wiederum sah die Luft als den Urgrund aller Dinge, denn aus dieser entstünde alles, und löse sich auch wieder auf.

Heraklit sagte:

Alles ist Austausch des Feuers und das Feuer Austausch von allem, gerade wie für Gold Waren und für Waren Gold eingetauscht wird.

In der Bibel schließlich ist die Erde (Staub) das, aus dem alles ist:

Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zur Erde kehrst, von der du genommen bist; denn du bist Staub und kehrst wieder zum Staub zurück! (1. Mose 3)

Sprache ist die Vorstellung von der Welt … Sprache ist die Welt

Man kann das Ganze auch wie ein Sprachforscher angehen, der zeigt, dass den Diversifikationen der Worte (und den damit verbundenen Vorstellungen) stets einfache Urworte und Urvorstellungen zugrundeliegen, denn es ist die spirealistische Vorstellung, dass die Worte die Umsetzungen unserer Vorstellungen sind, und, da die Welt(en) im Spirealismus aus Vorstellungen bestehen, sind die Worte ebenso die Welt(en). So gesehen ist die Entwicklung der Worte gleichzusetzen mit der Entwicklung der Welt(en).

Ich habe nun hierfür folgendes Zitat, in dem Felix Dahn (unter anderem) aufzeigt, dass aus der Praxis der Germanen, Zauberzeichen (Runen) in Stäbe einzuritzen, diese in einem Gefäß zu mischen (etwa einem Helm), auf die Erde zu schütten und von dort aufzulesen, das Wort „lesen“ stammt.

(Zauber von zepar; opferbare Tiere, im Gegensatz zu Unziefer, Ungeziefer, welches die Götter verschmähen), Weissagung, Zukunftsforschung, Losung. Man ritzte in Stäbchen von Buchenrinde Zeichen, warf sie (etwa aus einem Helm) zur Erde und las sie einzeln auf (daher „lesen“);

aus: Germanische Heldensagen von Felix Dahn

Empedokles sagte:

… so ist auch die Quelle der irdischen Dinge, so viele uns in ihrer unendlichen Fülle bekanntgeworden sind, nirgendwo anders als in ihren Elementen zu suchen.

 

Damals war die Vorstellung von Grundelementen die von Feuer, Wasser, Luft und Erde. Und, wechselnd, auch einigen anderen, wie z.B. Blut. Heute haben wir im Periodensystem der Elemente etwa 116 Elemente, mit der Tendenz zur allmählichen Steigerung der Anzahl. Haben wir heute ein objektives Wissen vor uns, im Gegensatz zur griechischen Antike? Aus der Sicht des Spirealismus nicht, denn der sieht in der Fortentwicklung einen nie aufhörenden, kontinuierlichen Prozess der Herausbildung der Welt(en).

Das Stück „die Welt“ wird aufgeführt auf der Bühne der vier Dimensionen

Den Pytagoreern wird folgende geometrische Erkenntnis zugeschrieben, die gleichzeitig Erweiterung und Variation dessen ist, was bereits über die Zahlen Eins, Zwei und Drei gesagt wurde:

Eins ist der Punkt.

Die Bewegung des Punktes erzeugt die Linie, das ist die Zwei.

Die Bewegung der Linie erschafft die Fläche, das ist die Drei.

Die Bewegung der Fläche erschafft die Körper, das ist Vier.

Diese (geometrische) Betrachtung kann man als Vorstellung vom Entstehen der Welt sehen, denn die Bühne „der Welt“ ist nach geläufiger Vorstellung der Raum. Die Bewegung ist die Veränderung der Sichtweise (verbunden mit Ortswechsel im Raum), möglich gemacht durch Zeit. Die Körper (Dinge) aus denen unsere Welt besteht werden möglich gemacht durch die Dimensionen, von denen es, zumindest bis vor kurzem, noch vier gab – auch hier finden wir wieder die Zahl Vier.

Nebenbemerkung: Inzwischen wollen Forscher die Zahl der Dimensionen mit 11 angeben, wenn ich da auf dem Laufenden bin, vielleicht sind es inzwischen schon mehr. Ich halte es für unsachgemäß Dimensionen einfach herbeidefinieren zu wollen – der Begriff Dimension, mehr noch als jeder andere Begriff, steht nach meinem Dafürhalten für ein grundlegendes Prinzip, das in der Vorstellungswelt Aller seine Wurzeln haben muss, nicht nur einiger Wissenschaftler, und sich daher nicht aus den Berechnungen von Atomphysikern ergeben kann. 

Die Zahl Vier als die symbolhafte Verkörperung der Welt

So erklärt sich, dass die Zahl Vier eine gewisse Wichtigkeit hat – sie steht, nachdem das Prinzip der Dreifaltigkeit zum ursprünglichen Entstehen der Welt zu rechnen ist, für das Entstehen der Dinge. Die unendlich vielen Dinge, sie beginnen, für das menschliche Denken, für die Sprache, in ganz einfachen Dingen.

So suchen wir beispielsweise immer noch den Kern in jeder Sache. Denken wir an den Atomkern, und seine diversen Kerne (Elektronen, Protonen, Neutronen, Quanten) – so als handelte es sich um den Kern, der man selbstverständlich in einer Kirsche zu finden erwartet.

Der Spirealismus versteht den Menschen als Teil eines ihm übergeordneten Bewusstseins, eines Kontinuums aus Denken, in dem es kein Gestern und kein Morgen gibt, sondern sich stetig entwickelnde und diversifizierende Begriffe.

Daher ist die Sichtweise berechtigt, dass alles, was wir heute denken, auf einige wenige Urvorstellungen zurückgeht, wie Erde, Luft, Wasser, und Feuer. Die Zahl Vier.

Siehe auch: Beitrag Symbolismus – was ist das? Symbolhaftes Denken

Siehe auch: Artikel Monokausal und Multikausal – wie viele Gründe kann man zählen?

Siehe auch: Beitrag Der Mensch möchte zu den Sternen singen

Die Zahl Vier – Symbol für die ganze Welt was last modified: Mai 19th, 2016 by Henrik Geyer

Symbolismus – was ist das? Symbolhaftes Denken

Symbolismus der Astrologie: Sternzeichen Fische, Zodiac Sign Pisces

Was ist ein Symbol?

Ein Symbol ist ein Zeichen, das für etwas anderes steht. Beispielsweise ist ein Symbol für Deutschland die deutsche Flagge, ein literarisches/filmisches Symbol für Traurigkeit ist Regen, ein astrologisches Symbol ist beispielsweise ein Sternzeichen. So bezeichnet Symbolismus eine Form des Denkens. Symbolismus als ein Denken in Sinnbildern.

Worin liegt das Problem der Erklärbarkeit von Symbolismus?

Das Problem der Erklärbarkeit liegt im Grunde in der Abgrenzung. Was ist eigentlich kein Symbol?
Das ist gar nicht so einfach zu klären, wenn man Folgendes bedenkt:
1. Jede vorstellbare Sache kann zu einem Symbol gemacht werden. Ich kann es jetzt, in diesem Augenblick, selbst tun. Ich erschaffe ein Symbol, indem ich erkläre, dass Deutschland für Wertarbeit steht. Somit ist also nicht nur die deutsche Flagge ein Symbol für Deutschland, sondern das Bezeichnete selbst ist wiederum ein Symbol, oder kann zumindest so gesehen werden.
2. Abgrenzbar wäre Symbolismus, wenn man unter Symbolismus eine Art Lehre verstehen würde, die darlegt, welches Symbol für welchen Gegenstand steht.
Doch man kann Symbole ganz verschieden anwenden. Zum Beispiel kann Regen in einem Roman auch ein Symbol für eine Reinigung sein. Wer will also sagen, ein Symbol könne nur dies oder jenes sein?
3. Das Verstehen eines Symbols ist abhängig vom Verständnis desjenigen, dem ein Symbol gezeigt wird. Wenn z.B. auch ein Schriftsteller das Symbol Regen wie ein Zeichen für Traurigkeit einsetzen mag, so wird doch so mancher Leser darin auch die Reinigung sehen, oder dem überhaupt eine andere Bedeutung geben. Wer will also den gesamten Bedeutungsumfang eines Symbols bezeichnen, doch wissend, dass dieser Bedeutungsumfang all das umschließen müsste, was alle Menschen darin sehen?

Symbolhaftes Denken

P.D.Ouspensky, Schriftsteller und Esoteriker, bezeichnete Symbolismus als eine Art und Weise des Denkens, und zwar eines Denkens, das in den Dingen immer Symbole sieht. Er schrieb, dass diese Denkweise in unserer ach so bestimmten Welt, die glaubt, in einer Sache immer nur eins sehen zu können, diese Fähigkeit abhanden kommt. Die Fähigkeit des symbolhaften Denkens zurückzuerlangen, sei ein äußerst schmerzhafter und langwieriger Lern-Prozess.
Ein Zitat, das meiner Ansicht nach sehr schön das Wesen des symbolhaften Denkens erklärt, ist das Folgende: „Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst, seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, – die Gabe, die sie alle zu haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.“ (aus: „Der Golem“ von Gustav Meyrink)

Resümee

Die vielen symbolistischen Speziallehren, sei es Astrologie, Tarot, Flaggenkunde oder Wappenkunde, sogar die Symbole des Periodensystems der Elemente, sehe ich als Erscheinungsformen eines umfassenden Prinzips. Diese Erscheinungsformen lassen das eigentliche Prinzip dabei zur Unkenntlichkeit verblassen. Denn das Prinzip selbst hat letztlich nichts mit einer ganz bestimmten Aussage zu tun – weder mit einer Flagge, noch mit einer Spielkarte, noch mit einem Stern. Es ist vielmehr eine unerschöpfliche Quelle, eine Quelle, die alle Deutungen hervorbringen kann.
Ich sehe Symbolismus als eine Denkweise, die sehr verwandt ist mit Spiritualität, und von dieser nicht zu trennen ist. Denn Spiritualität ist Sich-dem-Innen-zuwenden, dem Geist. Das „wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern“, das Sehen der Dinge, die hinter den Dingen stehen, ist nicht möglich, wenn man sich nur auf ein Außen konzentriert.

Symbolismus – was ist das? Symbolhaftes Denken was last modified: Dezember 2nd, 2015 by Henrik Geyer

Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky

Tarot: der Mond. Symbolismus der Tarotkarte "Der Mond"

Tarot: Der Mond

Tarot: Der Mond – diese Karte steht für das Geheimnisvolle.

Was Tarot so besonders wertvoll macht, ist sein Symbolismus. Der Ausdruck der Karten ist verschlüsselt in Sinnbildern. Diese Sinnbilder haben eine starke suggestive Wirkung – sie sind aber keineswegs „klar“. Was eine Tarotkarte bedeutet, ist abhängig von Demjenigen, der sie sieht.

Was ist Symbolismus?

Symbolismus ist für mich sehr wichtig. Symbole sind Zeichen, die für etwas (anderes) stehen. Symbole sind im Ursprung Zeichnungen. Aber man bedenke: Auch Worte sind Symbole. Chinesische Schriftzeichen sind zum Beispiel im Ursprung Zeichnungen, die zu Schrift wurden. Das ist auch heute noch an den chinesischen Schriftzeichen gut zu erkennen.

Kalligraphie ist Schrift, die zu einer Zeichnung bzw. Malerei wird. So sind schließlich Worte auch Symbole. Sie stehen für etwas. Doch sehen wir genauer hin, stehen sie immer für Vieles, das in seiner Vielfalt letztlich nicht begrenzbar ist. Symbolismus ist also die Frage nach den Bedeutungen in den Zeichen und Dingen. Symbolismus ist zugleich die Anerkenntnis der Tatsache, dass sich vielfältige Bedeutungen in allem finden lassen, was der Geist zu erfassen vermag.

Die Vorstellung, dass ETWAS für ETWAS ANDERES steht, das sich selbst nicht anders definieren lässt, ist eine materialistische Vorstellung. Dem Materialismus zufolge sind die Dinge in Eindeutigkeit in Materie definiert – so dass der Geist sie nur spiegelt. Der Materialismus setzt daher voraus, das Vorgestellte und das Reale seien strikt auseinander zu halten. Daher gäbe es stets nur EINEN „richtigen“ Namen für jede Sache, ebenso wie EINE „richtige“ Beschreibung. Symbole seien daher etwas anderes als jeder normale Begriff.

Doch – können wir denn tatsächlich so gut unterscheiden, zwischen dem, was die Dinge „wirklich“ sind, und dem, was sie letztlich nur durch unseren Blick auf sie sind? Und die vielfältigen (anderen) Bedeutungen, die so jederzeit entstehen können? Nach meiner Auffassung nicht. Daher ist ALLES auch ein Symbol. ALLES steht auch für etwas anderes. NICHTS kann man nur auf eine Art sehen. ALLES hat unendliche Aspekte. ALLES ist auch symbolhaft. Zitat Goethe: Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft.

Es kann zu einer Denkgewohnheit werden, die Bedeutungen hinter den Namen zu erfragen, die Dinge, hinter den Symbolen. Das gilt für jede Sache. Der Denk-Reichtum vieler Welten erwächst daraus. Ganz im taoistischen Sinn: Die Welt ist eine Welt aus zehntausend Namen. Welche Namen finde ich noch? Welche Welten finde ich noch? Was bedeutet irgendein Wort oder eine Sache… für mich?

Eines der bekannteren Bücher Ouspenskys heißt „Symbolismus des Tarot“. Das Kartenspiel Tarot hat starke Symbole. Symbole, die das kollektive Unterbewusstsein ansprechen. Das bedeutet – jeder kann der suggestiven Kraft dieser Symbole nachspüren, und wird sicher fündig werden.
Hier meine Übersetzung der Ouspensky-Interpretation der Karte Tarot: Der Mond. Und hier auch meine bildliche Umsetzung.

Ouspensky: Der Symbolismus des Tarot: Der Mond

Eine öde Ebene erstreckte sich vor mir. Der Vollmond schaute auf mich, in überlegender Zögerlichkeit. In ihrem schwankenden Licht lebten die Schatten ihr eigenes, merkwürdiges Leben.

Am Horizont sah ich blaue Berge. Durch sie hindurch, fern am Horizont, wand sich ein Pfad, der zunächst zwischen zwei grauen Türmen hindurch verlief. Auf beiden Seiten des Pfades saßen ein Wolf und ein Hund, die den Mond anheulten. Ich erinnerte mich, dass Hunde an Diebe und Geister glauben. Ein großer schwarzer Krebs kroch aus einem Bach in den Sand. Schwerer, kalter Tau senkte sich herab.

Furcht befiel mich. Ich spürte die Gegenwart einer unheimlichen Welt, einer Welt von feindlichen Seelen, eine Welt von Leichen, die Gräbern entsteigen. Eine Welt von irrlichternden Geistern. In diesem fahlen Mondlicht konnte ich die Gegenwart von Geisterscheinungen spüren. Manche beobachteten mich aus der Ferne, noch von jenseits der Türme. Und ich wusste, es würde gefährlich sein, zurückzuschauen.

Ouspensky: The Symbolism of the Tarot – The Moon

A desolate plain stretched before me. A full moon looked down as if in contemplative hesitation. Under her wavering light the shadows lived their own peculiar life.

On the horizon I saw blue hills, and over them wound a path which stretched between two grey towers far away into the distance. On either side the path a wolf and dog sat and howled at the moon. I remembered that dogs believe in thieves and ghosts. A large black crab crawled out of the rivulet into the sands. A heavy, cold dew was falling.

Dread fell upon me. I sensed the presence of a mysterious world, a world of hostile spirits, of corpses rising from graves, of wailing ghosts. In this pale moonlight I seemed to feel the presence of apparitions; someone watched me from behind the towers,—and I knew it was dangerous to look back.

Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky was last modified: Dezember 2nd, 2015 by Henrik Geyer

Der vierte Weg

Roboter

Der vierte Weg

Nach Gurdijeff, einem kaukasischen Okkultisten der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, ist der Mensch gefangen in einem Käfig der Gewohnheiten; er ist einem Roboter ähnlich. Die eigentlichen Kräfte seines Seins stehen ihm erst zur Verfügung, wenn er lernt aus dem Käfig auszubrechen.

Lesen Sie auch: Roboter Mensch. Ist der Mensch ein humanoider Roboter?

Dieser Ausbruch gelingt auf verschiedenen Wegen, insbesondere dem Weg des Yoga, der Religion, des Fakirs. Gurdijeff fügte noch den vierten Weg hinzu, „die Arbeit“. „Die Arbeit“ ist ein System, das verschiedene von Gurdijeff erfundene Techniken vereint, die man allesamt als eine Art Achtsamkeitstechniken verstehen könnte.

Der vierte Weg sollte, nach den Vorstellungen Gurdjeffs, im Gegensatz zu den anderen Wegen der „Bewusstwerdung“, ein Weg des Erkennens, aber nicht spirituell-religiöser Handlungen sein. Es ist, wenn man so will, der intelligente Weg, der zusätzlich zu den spirituellen Wegen geschaffen werden sollte.

Im Laufe seines Lebens etablierte Gurdijeff verschiedene Schulen, die ein System aus solchen Lehren zusammenfasste und als „die Arbeit“ durchführten. Eine Übung beispielsweise war, daß sich die Schüler selbst auf das Kommando „Stop!“ hin in ihrer Tätigkeit unterbrechen mussten, was auch immer sie taten. Ein Schüler verbrannte sich dabei die Hand, denn er hatte gerade eine heiße Tasse Tee gefasst und konnte sie nun, da das Kommando „Stop!“ gesagt worden war, nicht loslassen.

Eine weitere Übung war die der „extra Mühe“, das heißt, die Schüler hatten, auch wenn dies unnötig schien, oder besser gesagt gerade dann, sich besonderen Mühen zu unterziehen, einzig zu dem Zweck, einen höheren Bewusstseins-Zustand zu erlangen. So wurde in extra lauten Cafes gesprochen, es wurden Erdarbeiten durchgeführt um sich der Mühe des Grabens auszusetzen, psychologische Mühen wurden durch Gurdijeff geschaffen.

Manche Schüler verprellte Gurdijeff mit den Methoden seines vierten Weges (der insgesamt ein unbequemer war), dennoch darf man ihn zu den bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der psycho-okkulten Szene seiner Zeit, der ersten Hälfte des 20. Jhd., rechnen. Er war ein bedeutender und charismatischer Visionär mit großem Einfluss auf weitere wichtige Zeitgenossen, wie beispielsweise Ouspenksy. 
Weiterlesen: Beitrag Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky

Noch mehr Spruchbilder

Wer keine ueblen Gewohnheiten
Wer keine üblen Gewohnheiten hat, hat wahrscheinlich auch keine Persönlichkeit.
William Faulkner

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Der vierte Weg was last modified: April 26th, 2016 by Henrik Geyer