Albert Camus, das Absurde und Gott. Ist Gott absurd?

In Albert Camus‘ Werk kommt dem Absurden eine besondere Bedeutung zu. Die Welt IST absurd! Als Existenzialist verneint Camus zugleich die Existenz Gottes. In diesem Artikel geht es um die Frage, was das Absurde und Gott miteinander zu tun haben, und inwiefern sich beides nicht ausschließt, sondern genau dasselbe ist.

zu Albert Camus

Camus verneint, dass es einen begreifbaren Sinn des Lebens geben kann, denn die Welt, so wie er sie versteht, ist zufällig, irrational, entzieht sich der logischen Durchdringung – kurz, sie ist absurd. Das ist, im Kern, seine Philosophie des Absurden. Gleichzeitig war Albert Camus Existenzialist, d.h., das Begreifen des Menschen seiner selbst und an sich selbst ist die einzige und wahre Form des Verständnisses des Seins – insofern schließt Existenzialismus den Glauben an einen Gott aus, der den Menschen erschafft und lenkt. Dem Existenzialisten geht es um die Selbstbestimmung des Menschen, die zu erfahren und zu gestalten dessen Aufgabe ist. Worauf es dem Materialisten ankommt, was ihm im Zentrum aller Fragen steht, ist das konkrete Sein des Menschen als Individuum.

Für Camus sind Gott und das Chaos, bzw. das Absurde, zweierlei. Für mich ist es ganz ähnlich, eigentlich gleich. Das Chaos, das Absurde, sind für mich synonym mit: unbegreiflich. Und im Umkehrschluss: Gott als nachvollziehbar sehen zu wollen, unserer menschlichen Logik folgend, finde ich … unbegreiflich. Was wäre dann wohl göttlich an Gott?

die spirealistische Sicht

Im Spirealismus geht und ging es mir immer um das Wahrnehmen der Existenz Gottes. Gemeint ist Gott nicht als der gute und liebe Onkel, der, personifiziert verstanden, uns den Hammer reicht, wenn wir gerade auf der Leiter stehen, mit Nägeln im Mund, und um Unterstützung bitten. Oder der, in der Art eines Buchhalters, die Welt plant, durchrechnet und steuert. Sondern Gott als das Höhere. Höher bedeutet – uns übergeordnet, so dass diese Existenz uns unbegreiflich ist. Sie ist aus Menschensicht nicht logisch durchdringbar, vielmehr ist es ihre Logik, eine uns fremde Logik, die den Menschen erschafft.  Der Spirealismus sieht die Existenz als die Existenz von Gedanken im ewigen Jetzt – insofern sind die Gedanken des Menschen denen Gottes untergeordnet, und können nicht dessen Gedanken durchdringen.

Im Materialismus und durchaus auch in den vielfältigsten idealistischen Weltanschauungen werden die Gedanken stets als etwas von der Wirklichkeit Verschiedenes gesehen, so dass es scheint, als wäre es doch möglich, dieses äußerliche Wirken Gottes durch kluges Denken irgendwie zu erfassen.

Der Spirealismus hingegen sieht die dem Menschen eigenen Gedanken als nicht verschieden von den Gedanken Gottes – wenn sie den Gedanken Gottes untergeordnet sind dann deshalb, weil sie stets nur ein kleiner Teil von etwas sehr Großem sind. Die Gedanken sind die Elemente, die dem formlosen Alles (Gott) Form geben. Wenn man sich also nur als einen kleinen Teil der Schöpfung ansieht, ein Teil, aus dem es sozusagen Schöpfung sprudelt, und nicht etwa als Beobachter der Schöpfung, dann wird völlig klar, dass sich Gott, und damit die Urgründe des Seins, nicht erforschen lassen, und zwar aus systemischen Gründen (die sich nicht durchbrechen lassen). Etwa aus demselben Grund, wie ein Puzzle-Teil nicht das gesamte Bild des Puzzles sehen kann.

Parallele zu Albert Camus

Und hier nun ergeben sich die Parallelen zum Denken Albert Camus‘, im Grunde variiert lediglich die Formulierung … Wenn Albert Camus das Absurde beschreibt, und dafür Beispiele nennt, so ist das durchaus nachvollziehbar; es ist die Erfahrung, die im Christentum etwa so beschrieben wird: „Gottes Wege sind unergründlich.“, was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Mensch sich bemühen kann wie er will, das gesamte Bild kann er nicht sehen. Der Mensch denkt, Gott lenkt – dem Menschen erscheinen die Wirkbeziehungen dessen, in das er geworfen ist, chaotisch, zufällig und irrational, und nicht, wie er es am liebsten hätte, durch ihn, den Menschen, im Ganzen zu ordnen. Ordnen kann der Mensch scheinbar nur seine kleinen, privaten Dinge, dennoch bleibt er einer Macht untergeordnet, die er nicht versteht, und oft genug, weil sie durch ihn hindurch wirkt, nicht einmal sieht („Der Mensch kann tun was er will, er kann aber nicht wollen was er will„).

Der Mensch glaubt ein außerhalb seines Selbst liegendes Bild wahrzunehmen, er glaubt es drehen und betrachten zu können, aber stattdessen ist er selbst eines jener Elemente, die das Bild hervorbringen (er ist das Puzzleteil im Puzzle), so dass er schon aus diesem Grund das Gesamtbild niemals sehen kann. Im Moment des Betrachtens entsteht etwas … es ist nicht schon da und nicht fertig, um sich in aller Ruhe betrachten zu lassen. Sondern, im Moment des Gedankens entsteht ein Bild, und wird im Moment eines weiteren betrachtenden Gedankens zu einem anderen Bild. Der Gedanke des Jetzt relativiert den vorhergehenden Gedanken, macht ihn ein Stück weit falsch.

Was immer der Mensch denkt das Gott sei, das ist er gerade nicht.

Meister Eckhart

Man könnte das Absurde, von dem Camus spricht, in sehr vielen Lebenserfahrungen finden, so dass sich der scheinbare Sonderweg Camus‘ als eine weitere Variante von etwas Wohlbekanntem entpuppt. Beispielsweise Kafkas Absurditäten, aufgeschrieben in „Das Schloss“ oder „Der Prozess“. Hierfür hat sich das Wort kafkaesk verbreitet, aber es handelt sich nicht im Grunde um nichts anderes als die Erfahrung der Camusschen Absurdität: Um die Beschreibung des Menschen als geworfen in eine Welt, die sich ihm nicht logisch erschließen kann. Und nicht umsonst nennt Max Brodt, der Verleger und Freund Kafkas, das Schloss im gleichnamigen Roman ein Sinnbild für das Wirken Gottes, denn das Schloss ist jene merkwürdige und rätselhafte Institution, der sich der Held des Stücks erfolglos zu nähern versucht – er schafft es nie. Noch nicht einmal die Barrieren, die ihn hindern in das Schloss zu gelangen, werden ihm ersichtlich.

Nein, das Absurde ist wahrhaftig keine seltene Erfahrung. Im Gegenteil, im Grunde dreht sich alles Wirken in Kunst und Kultur stets um diesen nie erfahrbaren Teil der Realität, der uns als „absurd“ „überaus bekannt ist – es ist das nie Greifbare, nie Be-Greifbare, man könnte auch sagen das Zufällige, das der Motor für alles ist; es ist das dem Menschen Interessanteste. Interessant ist ihm nicht das Berechenbare, nicht das scheinbar so „völlig Verstandene“. Eben deshalb erscheint so vielen unsere heutige Welt der Wissenschaften, der Pläne und der Rätsellosigkeit so uninteressant: Sie haben nur nie gelernt das Rätsel zu sehen.

Gott … absurd?

Nun wird man vielleicht sagen: Gott mag vieles sein, aber „absurd“ ist er nicht.

Nun, hier sollte man sich nicht an dem Wort absurd stoßen, denn das Absurde ist für Camus eine ganz alltägliche, normale Erfahrung. Das Absurde ist nichts anderes als das Irrationale, das nicht Erfassbare.

Die Erfahrung des Absurden ist nicht widersinnig, sondern im Grunde sehr normal, mit sehr viel Sinn verbunden, wenn man nur ein Auge dafür hat. Folgerichtig plädiert Camus dafür, diese Absurdität zu leben … wie? Indem man sie zuallererst einmal wahrnimmt.

Denn absurderweise (das ist das eigentlich Merkwürdige!) versteht sich der Mensch, ausgestattet mit der materialistischen Weltsicht, als der Lenker seiner selbst, als Bezwinger von Raum und Zeit, als singuläres kosmisches Ereignis, als Zentrum der Bewusstheit, als im Zentrum jeder Logik und jedes Wissens stehend.

Kann man aber wahrnehmen, dass das ganze Gegenteil der Fall ist, wird man nie wieder in die Höhle der Unwissenheit zurückfinden. Die sogenannte Absurdität, von der Camus spricht, wird zu einer Normalität – einer ständigen Gotteserfahrung im Alltag. Und die Erfahrung Gottes kann man mit vielerlei Worten benennen. Man kann sie absurd nennen, oder verwirrend, oder als die Erfahrung einer gigantischen Kraft jenseits unserer Vorstellungen. Man wird aber nie sagen können, man habe sie völlig verstanden und damit unterworfen. Sondern das Ziel kann nur sein, das Göttliche in der Form zu sehen, zu verstehen und zu akzeptieren, dass es allgegenwärtig und irrational ist – sich unserem Denken entzieht.

Die Erfahrung Gottes ist im Prinzip die Erfahrung eines Wunders, und das in einer Welt, deren normale Sichtweise es ist, dass es keine Wunder gibt und geben kann. Aus dieser, uns allgegenwärtigen, Sichtweise, erscheint es so, als sei das Leben vollständig verstanden, die Welt und der Mensch darin wie ein völlig erforschlicher Gegenstand, so dass die Welt aus heutiger Sicht geradezu schon langweilig wirkt und man sich fragt, wann schon einen Countdown zu hören vermeint, an dessen Ende die Lösung der letzten Rätsel steht. Doch langweilig, erschlossen, enträtselt, ist die Welt nicht; was uns fehlt dies zu erkennen ist lediglich der richtige Blick.

Albert Camus, ebenso wie Kafka, ebenso wie so viele Denker, Philosophen und Künstler, können uns zu diesem besonderen Blick, der uns das Höhere erkennen lässt, und als die uns übergeordnete Kraft wahrhaft verstehen lässt, verhelfen.

„Wenn du schon nicht erkennen kannst, dass es ein Wunder ist zu leben … wie kannst du dann nach etwas Tieferem fragen?“

Albert Camus, das Absurde und Gott. Ist Gott absurd? was last modified: Juni 23rd, 2017 by Henrik Geyer

Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität

Yin und Yang allgegenwärtig - Kampf und Einheit der Gegensätze 2 [SPID 4150]

Liebe und Hass, Gott und der Teufel, Schöpfer und Werk, Christ und Antichrist, hell und dunkel, aber auch Konkreteres wie Nazis und Linke, Naturzerstörung und Umweltschutz, Krieg und Frieden, sind Teile des menschlichen Weltverständnisses und stellen sich als unversöhnlich dar. Kann man diese Gegensätze, die Prinzipien von Polarität und Dualität, aufheben, vielleicht durch Verständnis „heilen“?

Polarität und Dualität

Man bezeichnet, was sich als unvereinbarer Gegensatz gegenübersteht als Dualismus. In dem Gastbeitrag Polarität und Dualität ist die Sichtweise der Unterscheidung sehr gut herausgearbeitet, es heißt darin, Zitat:

Polarität wird häufig mit Dualität verwechselt. Dualität bedeutet: eine Zweiheit bildend, in voneinander unabhängiger Gegensätzlichkeit. Im philosophisch-religiösen Bereich ist es die Lehre von zwei unabhängigen ursprünglichen Prinzipien im Weltgeschehen: Gott-Welt, Leib-Seele, Christ-Antichrist usw.  Im Unterschied hierzu sind Polaritäten nie voneinander unabhängig.

Man sieht hier bereits die Denkschwierigkeit, die sich aus dem Begriff der Dualität ergibt. Was ist dieses Etwas, das der genaue Gegensatz von etwas anderem ist, aber von diesem Anderen völlig unabhängig?

Aus spirealistischer Sicht ist ein unauflöslicher Widerspruch, ein unabhängiges Gegensatzpaar, nicht möglich. Denn, gerade wenn man etwas in einem genau gegenteiligen Verhältnis sieht, wird zweifellos ein starkes Verhältnis daraus begründet. Und ein Verhältnis lebt von der Stellung der Teile zueinander, von Unabhängigkeit kann keine Rede sein.

Man kann sich das wie folgt vorstellen, zum Beispiel im Denken eines Christen: Wie soll es einen Gott geben, ohne Welt? Die wichtigste Eigenschaft Gottes ist es ja gerade, die Welt erschaffen zu haben. Und umgekehrt : wie soll es eine Welt geben ohne Gott? Wenn Gott das welterschaffende Prinzip ist, so muss es ihn wohl geben, oder ist die Welt vielleicht nicht „da“? Wenn die Welt nicht erschaffen ist, worüber reden wir dann? Wie man die Welt sieht, so sieht man Gott – und umgekehrt.

Oder so: Wie soll es das Gute geben ohne das Böse? Die Eigenschaft des Guten ist es ja gerade, nicht böse zu sein. Und umgekehrt. Je böser das Böse desto besser das Gute.

Oder, ganz weltlich, so: wie kann es Kommunisten geben ohne Faschisten? Wie kann es Reich geben ohne Arm? Auch hier bedingen sich die gegensätzlichen Paare – in einem armen Land ist reich, wer ein paar Ziegen hat. In einem reichen Land ist reich wer viele Millionen hat.

Und: wären alle reich, gäbe es keine Reichen mehr. Denn wo wären die Armen, die zum Bestehen des Reichen unabdingbar sind?

Im Spirealismus formuliere ich das Prinzip des Sich-gegenseitigen-Bedingens, und gleichzeitig Sich-gegenseitig-Ausschließens, so:

Es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Das Eine kann nicht ohne das Andere sein.

Diese Sichtweise ist dem Einzelnen meist völlig unverständlich. Er fragt sich, vielleicht als Kommunist: „Was habe ich mit den Faschisten zu tun?“ Oder als Klerikaler: „Was habe ich, der ich ein guter Christ bin, mit dem Teufel zu tun?“

Die Unvereinbarkeit von beidem kommt in folgendem Satz zum Ausdruck, der zum obigen Zitat zwingend hinzugehört:

Das Eine kann nicht das Andere sein.

Das bedeutet, dass sich ein Etwas, was immer es sein mag, als etwas definiert, das in einem Verhältnis zu etwas anderem steht. Das zwingende Grundverständnis eines Verhältnisses ist, das es aus mehreren Elementen bestehen muss, die sich unterscheiden. Es gibt kein Verhältnis zwischen völlig gleichen Dingen. Noch einmal: Das Eine kann nicht das Andere sein.

Sichtweisen im Wettstreit – konkrete Auswirkung

Im Konkreten bedeutet das: Hätte der Kommunist so viel Verständnis für den Faschisten, dass er sich ihm auf die größtmögliche Art und Weise annähert, dann wäre er selbst ein Faschist. Aber es kommt noch ein Aspekt hinzu: angenommen alle Kommunisten würden das tun, dann verschwände der Faschismus. Wo bliebe er? Er würde als Gegenteil von etwas anderem nicht mehr wahrnehmbar sein.

Kann man sich das vorstellen? Das ist schwierig, aber lassen Sie uns diesen Gedanken dennoch kurz zu Ende denken.

Wenn alle Menschen Anhänger des Faschismus würden, wo bliebe dann die Ungerechtigkeit des Faschismus? Anhänger zu sein bedeutet doch Zustimmung, wohingegen allein die Vorstellung von Ungerechtigkeit die ist, dass man mit ihr nicht einverstanden sein kann.

Am oben Gesagten ist folgende Erkenntnis wichtig:

  • Das Aufheben der Gegensätze ist uns nicht möglich. Wir Menschen sind diesbezüglich begrenzt, sind gefangen.  Um es religiös zu sagen: Wir können nicht Gott sein. Wir können uns aus einer Position nicht „lösen“, die die Grundbedingung unseres Seins ist.

In meinen philosophischen Aussagen habe ich es immer so formuliert:

Wir sind Element der Schöpfung, nicht Beobachter der Schöpfung.

  • Andererseits muss uns zweitens möglich sein, die Gestalt der Gegensätze, ihre Position zueinander, zu beeinflussen. Das aber offensichtlich erst dann, wenn man Punkt 1 tatsächlich versteht. Denn andernfalls ist man das Element, aus dem heraus die Polarität unerkannt fließt, und was man als den eigenen Willen sieht, als die eigenen Entscheidungen, oder auch als das Wirken des Äußerlichen (das Wirken der Natur), ist das, was sich aus dem Zwangsläufig-Polarisierenden des Selbst ergibt.

Element der Schöpfung

Als Element der Schöpfung, muss man sich selbst als Etwas verstehen, durch das hindurch die Schöpfung erst zu Stande kommt. Nur in dieser Sichtweise ist es möglich, Verständnis für das uns eigentlich rätselhafte Prinzip des Selbstbezuges, der weitere Aussagen unmöglich macht, zu gewinnen.

Dieses Prinzip wird versinnbildlicht durch den Ouroboros, eine sich selbst verschlingende Schlange. Man denke auch an das Wort Tautologie – es bezeichnet in der Logik eine Herleitung aus sich selbst, also etwa: Etwas ist eins, weil es eins ist. Oder das bekannte literarische „eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ In der Logik ist dies eine nutzlose Herleitung, denn das Ergebnis des logischen Schließens sagt nicht mehr, als sein Ausgangspunkt. Andererseits aber kennt die Logik keinen klaren Urgrund für nur den kleinsten und alltäglichsten Gegenstand. So dass man sagen kann: Die Dinge der Welt, so fest und klar umrissen sie auch scheinen, haben ihre Wurzeln im Unbestimmten, in der Unendlichkeit. Alles trägt daher, in der Tiefe, den Charakter des Tautologischen.

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ – diese Aussage ist richtig. Richtig aber in einem Sinn, wie man diesen Satz meist nicht versteht. Meist wird der Satz verstanden als: man müsse nicht weiter erklären, was die Rose ist, denn mit dem Wort Rose sei das Wichtige bereits gesagt.

Richtiger hingegen ist es zu sagen: es kann nicht erklärt werden. Denn wir sind Element der Schöpfung. Was wir über die Rose sagen kommt durch uns in die Welt, ist eine Schöpfung. Die Rose existiert nicht in dem von uns gedachten Sinn, in Zeit und Raum, von uns unabhängig. Sondern sie entsteht durch uns, durch Denken. Was die Rose in einem objektiven Sinn sein könnte, jenseits unseres Denkens, ist niemals ermittelbar, denn Objektivität existiert nicht (für uns), ebenso wenig wie ein Denken jenseits des Denkens.

Es gibt nichts Beobachtbares, das vom Beobachter unabhängig wäre.

Yin und Yang

Und so entsteht der Gegensatz der Dinge aus uns. Warum? Weil Teil der Rose wir selbst sind. Was wäre die Rose ohne uns, ohne den, der sie denkt, der sagt: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose..“?

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Und hier kommen wir wieder auf den uns eigentlich unerklärlichen Widerspruch, den die sich selbst verspeisende Schlange verkörpert.
Einerseits beißt sich die Schlange in den Schwanz und verspeist sich selbst, zurück bleibt Leere. Andererseits ist die Schlange im Verspeisen begriffen und solange dieser Zustand anhält, ist sie auch „da“. Gleiches gilt für „die Welt“, denn der Ouroboros versinnbildlicht die Welt in ihrem grundlegenden Prinzip.

Man kann den Ouroboros auch als Verkörperung des dialektischen Prinzips sehen, bei dem aus dem Kampf (bei gleichzeitiger Einheit!) der Gegensätze das stets Neue entsteht, das Dritte.

Man kann es auch so formulieren: Die Schlange beinhaltet sich selbst, und doch ist sie von sich verschieden. Die Schlange verspeist die Schlange – da sind zwei: da ist erstens die Schlange die gerade etwas verschlingt, und da ist zweitens der Gegenstand ihrer Gier. Zählen wir noch das Ergebnis des Augenblicks hinzu, eine Schlange die halb da ist und halb aufgefressen, sind es drei.

Man kann das Symbol des Ouroboros auch in das Symbol des Yin und Yang übersetzen – Ouroboros und Yin/Yang ähneln sich – das Eine durchdringt das Andere, das Eine ist im Anderen. Ohne das Eine nicht das Andere und umgekehrt.

Yin und Yang [SPID 4000]Es ist nicht genau dasselbe, ob man von völliger Vermischung spricht, oder ob man sagt, die Gegensätze durchdringen sich ununterscheidbar und bleiben als Gegensätze dennoch intakt. Yin und Yang, auch Ouroboros, verkörpern den unauflösbaren Widerspruch für das materialistische Denken, verkörpern ein Paradox – und dennoch charakterisieren sie die Beschaffenheit der Welt auf die bestmögliche Weise.

Man bedenke: wenn Yin ununterscheidbar im Yang aufginge – was wäre dann „da“? Die Antwort ist: Nichts! Bildlich überlegt könnte man sich vorstellen, dass sich schwarz und weiß zu grau durchmischen. Was wiederum wäre grau auf grau? Grau wäre nur erkennbar als Gegensatz zu etwas anderem – und da sind sie wieder: Die existenziellen (für die Existenz notwendigen) Gegensätze. …. Und das Prinzip der Gegensätze wiederum ist eben durch Yin und Yang bereits verkörpert.

Das bedeutet: Das völlige Verschmelzen der Gegensätze ist Aufgehen in Allem, ist Nirvana, ist Tod. Das Existieren der Gegensätze ist selbst Existenz.

 

Aus der Existenz der Gegensätze, die durch uns in die Welt kommen, können wir uns nicht lösen. Wir können sie nicht im eigentlichen Sinn „überwinden“. Wir können sie lediglich in der Schärfe der Trennung mildern – und haben dafür nur ein Werkzeug: Verständnis.

Verständnis, eben für das dargelegte Prinzip, nämlich, dass das Eine das Andere bedingt, und zwar in zwei Richtungen: Das Eine kann nicht das Andere sein, aber das Eine kann auch nicht ohne das Andere sein.

Polarität ist der Urgrund und die Urbedingtheit der Welt.

Polarität und Dualität – es gibt nur Polarität

Aus diesem Grund habe ich den Artikel überschrieben mit „Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität“.

Es gibt keine Dualität im Sinne eines objektiven Gegensatzes. Ein Gegensatz also, der außerhalb und unabhängig von uns vorhanden wäre … und daher uns unauflösbar. In uns entstehen die Gegensätze und in uns und mit uns lösen sie sich auch auf.

Etwas, das von etwas anderem unabhängig wäre, und gleichzeitig in einem Zusammenhang gedacht wird, existiert nicht. Etwas, das der unbedingte und unauflösbare Gegensatz von etwas anderem ist, kann nicht sein – jedenfalls nicht außerhalb von uns selbst.

Was ich mit dem oben Gesagten darlegen will, ist, dass die Überlegungen zu Polarität und Dualität erstens in unserer Welt sehr konkrete Auswirkungen haben. Wenn man über Gott und den Teufel spricht, über den Schöpfer und die Schöpfung, dann klingt das alles sehr vage und theoretisch. Wenn man aber über Rechts und Links spricht, Kommunismus und Faschismus, Krieg und Frieden, das Richtige und das Falsche tun, im Jetzt, dann nehmen diese Überlegungen eine viel konkretere Form an und man erkennt ihre Wichtigkeit. Man kann diese Überlegung als eine Grundhaltung in der täglichen Auseinandersetzung gut nutzen, ich will in einem weiteren Artikel konkretisieren, auf welche Weise.

Lesen Sie weiter: Polarität überwinden – Lehre des Spirealismus

 

 

 

Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität was last modified: Oktober 3rd, 2016 by Henrik Geyer

Gott und Leid – wo liegt die Quelle von Frieden und Krieg?

Spruchbild Thema Gott und Leid: Sie wollen keinen Frieden. Sie wollen Siege. Sie wollen Macht.

Gott und Leid – gibt es da einen Zusammenhang? Erschafft Gott all das Leiden der Welt? Ich las neulich das Buch „Black Hawk Down“ – es gibt auch einen sehr guten Film dazu.

Gott und Leid: Wenn es einen Gott gibt, warum erschafft er all das Leid?

In dem Film geht es um eine UN-Friedensmission für Somalia, ein hungerndes Land am Horn von Afrika. Eine Operation der Amerikaner, die einen Clan-Chef fassen wollen, der für das Morden und den Krieg im Land verantwortlich gemacht wird, entgleitet, und wird zur Katastrophe.

Mitten in der somalischen Hauptstadt Mogadischu stürzen durch Raketen-Beschuss Hubschrauber der Amerikaner ab.  Es entwickelt sich ein ungleicher Kampf von ca 200 amerikanischen Soldaten gegen viele Tausend somalische Zivilisten, praktisch jeder in der Stadt ist bewaffnet und macht mit. Aus einer Friedensmission wird ein Kampf auf Leben und Tod.

Ich bin es nicht, der andere ist der Schurke!

Das Buch lässt darüber nachdenken, wie es zu solch einer Katastrophe kommen kann, wo doch die Absicht der, von der UN beschlossenen Mission, Frieden war!

Liegt es in der Hand  einzelner Länder, einzelner Menschen, Frieden zu erschaffen? Oder ist hier ein kollektives Bewusstsein am Werk, dass nur insgesamt die Macht hat, unsere kollektive Realität zu erschaffen?

Zitat aus dem Buch „Black Hawk Down“ von Eric Bowden, zu dem es auch einen gleichnamigen Film gibt
„Es war nutzlos“ [er meint den UN-Einsatz], sagte ein Mitarbeiter des State Department, der nicht genannt werden wollte, weil seine Ansicht so gegensätzlich zur gegenwärtigen Außenpolitik ist.
„Es war unsere Ansicht, dass schreckliche Länder so schrecklich sind, weil gute, ehrliche und unschuldige Leute unterdrückt werden – von bösen und mörderischen Führern. Somalia änderte das. Da ist ein Land, wo fast jeder in Begriffen von Hass und Krieg denkt. Halte eine alte Dame auf der Straße an, und frage sie, ob sie Frieden will, und sie wird sagen: ‚Ja, natürlich, ich bete täglich für Frieden.‘ All das, was man von einer alten Dame erwartet. Dann frage sie, ob ihr Clan die Macht teilen würde, um diesen Frieden zu erlangen, und sie wird sagen: ‚ Mit diesen Mördern und Dieben? Eher würde ich sterben!‘
Die Menschen in diesen Ländern – Bosnien ist ein neueres Beispiel – wollen keinen Frieden. Sie wollen siegen. Sie wollen Macht. Männer, Frauen, Alte und Junge. Somalia war die Erfahrung, die uns lehrte, dass Menschen in diesen Ländern selbst die Verantwortung tragen für das, was dort vor sich geht. Der Hass und das Töten dauert fort, denn so wollen sie es. Oder, sie wollen den Frieden nicht genug, um das Morden zu stoppen.“
“It was a watershed,” says one State Department official, who asked not to be named because his insight runs so counter to our current foreign policy agenda. “The idea used to be that terrible countries were terrible because good, decent, innocent people were being oppressed by evil, thug-gish leaders. Somalia changed that. Here you have a country where just about everybody is caught up in hatred and fighting. You stop an old lady on the street and ask her if she wants peace, and she’ll say, yes, of course, I pray for it daily. All the things you’d expect her to say. Then ask her if she would be willing for her clan to share power with another in order to have that peace, and she’ll say, ‘With those murderers and thieves? I’d die first.’ People in these countries—Bosnia is a more recent example—don’t want peace. They want victory. They want power. Men, women, old and young. Somalia was the experience that taught us that people in these places bear much of the responsibility for things being the way they are. The hatred and the killing continues because they want it to. Or because they don’t want peace enough to stop it.”

die Zentralsicht des Ego

Nicht ein fremder Gott des Außen erschafft für uns das Leid. Wir sind es selbst. Das o.g. Zitat macht deutlich, wie sehr wir gefangen sind, in der Sicht auf uns selbst, auf das Ego. In uns finden wir das Böse nicht, immer nur im anderen.

Letztlich ist es auch bei uns in Europa, in den kleinen Kriegen des Alltags, nicht anders. Die Bösewichter sieht man anderswo – im Außen. Sich selbst hinterfragt man zu selten. Aus diesem Grund wohl kommt mancher darauf, dass Gott und Leid irgendwie zusammengehören müssen. Gott war es, nicht wir!

Erreichbarkeit von Frieden

Doch wir selbst sind die Elemente der Schöpfung, durch uns findet die Schöpfung statt.

Erst wenn wir verstehen, dass das Leid, Krieg, das Böse, durch uns selbst in die Welt kommt, wenn wir lernen in uns zu suchen, nicht nur im Anderen, haben wir die Mittel in der Hand, das Leiden aufhören zu lassen.

Weiterlesen: Artikel Gott und Leid – wo liegt die Quelle von Frieden und Krieg?

Gott und Leid haben nichts miteinander zu tun. Gott ist kein außerhalb von uns sitzender Dämon.
Siehe auch Artikel zum Thema : Was ist Gott? Die Notwendigkeit der Götter

Siehe auch Artikel zum Thema : Gibt es Gott? Begründungen und Gründe dagegen.

Gott und Leid – wo liegt die Quelle von Frieden und Krieg? was last modified: April 4th, 2016 by Henrik Geyer

Kreativ sein – die 80 % Regel

Kreativ sein - die 80 % Regel

Kreativ sein – wie geht das? Ausgehend von meinen Erfahrungen als Autor hier eine grundsätzliche Überlegung, die ebenso Gültigkeit hat für jede Kunstform.

Wir können nichts wahrnehmen jenseits der Begriffe, die in uns sind.

Man muss sich darüber klar sein, dass alles was man auffassen kann, nicht völlig neu sein kann. Alles, was das Ich begreifen kann, muss es mit den ihm eigenen Begriffen auffassen.

Das Wissen (oder ist es Glaube?) über das, was die Dinge sind, formt, was das Ich in ihnen sehen kann.

Der Leser sucht das Bekannte

Zurück zum Konkreten.

Zwar sucht der Buchleser das Unbekannte, die neue Erfahrung, aber immer nur in dem (sehr engen) Rahmen dessen, was ihm bereits bekannt ist.

Man mag das an sich selbst beobachten: Zeitungsartikel vergleicht man mit dem, was man für wahr hält. Bücher sucht man nach den Vorlieben aus, die man schon hat.

Zu kreativ zu sein, im Sinne von: komplett neue Welten zu entwickeln, sich „auszuspinnen“, ist daher kein Erfolgsrezept. Der Konsument jeder Art von Kunst muss auf die Ressourcen zurückgreifen können, die er hat. Was nützt es ihm, eine Kunstform präsentiert zu bekommen, die er nicht begreift?

Raum für Deutungen lassen

Auch deshalb ist es ein überaus wichtiger Teil des Kreativ Seins, Raum für Deutungen zu lassen, nicht zu klar werden zu wollen. Man denke an Lyrik – jeder findet seine eigene Welt in ihr, nicht die des Dichters. Das Mystische und Rätselhafte ist immer ein wichtiger Teil von Kunst. Der Leser nimmt das Mystische überaus dankbar auf, als Raum für die eigene Phantasie. Es erleichtert ihm, sich anzueignen, was der Dichter eigentlich aus seiner eigenen Vorstellungswelt heraus schrieb – und es macht ihn neugierig.

der Autor sucht den Leser

Braucht der Autor den Leser so dringend? Schreiben kann man doch erst einmal ohne!

Jede Kunstform, die keine Beachtung findet, endet. Oder hat sie schon geendet? Wer will eine Aussage über etwas Unbekanntes machen?  Siehe auch Artikel zum Thema: Alles und Nichts – kann das Alles zugleich das Nichts sein?

Kurz: der Autor braucht die Leser. Ohne Leser kein Buch.

Weil der Autor den Leser benötigt, ist gibt es ein Spannungsfeld des Kreativ Seins –  zwischen der grenzenlosen Phantasie des Autors, und dem, was der Leser an Neuem aufnehmen kann – und will.

Kreativ sein: 80 % Bekanntes, 20 % Neues

Wenn man kreativ ist, dann ist es eine gute Regel, nur 20 % dessen was man kreiert, erfindet, erschafft, völlig neu sein zu lassen. Alles andere sollte den geistigen Inhalten des „gesellschaftlichen Wissens“, dem Bekannten, oder sagen wir dem „kollektiven Unterbewusstsein“, entstammen.

Man denke an den Film „Krieg der Sterne“. Für seinen Zukunfts-Sternenkrieg hat der Regisseur George Lucas so viele Anleihen bei der Vergangenheit gemacht, dass uns das Szenario bekannt vorkommt, wenn auch in eine funkelnde, neue Form gebracht. Jedes Detail sagt uns etwas, jeder Name ist assoziativ. Man denke an Darth Vader – den dunklen Vater. Oder an den kleinen und doch so weisen Yoda, der uns an die Worte Jota (wie klein), oder Yoga erinnert. Oder man denke an eine eigentlich uralte Waffe, das Schwert – in diesem Film ist es nicht aus Stahl, sondern aus Licht. Oder man denke an die Abwehrgschütze der Sternenflotte, die nicht zufällig wie Flak-Geschütze aus dem zweiten Weltkrieg aussehen. Man denke auch an das Aussehen von Darth Vader, das, wiederum nicht zufällig, dem Auftreten von Nazi-Größen nachempfunden ist.

Kreativ sein – Würfelbecher der Gedanken

Es ist viel besser, den Leser, den Zuschauer, den Kunstinteressierten, an das zu erinnern was er schon weiß. Zu verlangen, dass sich der Leser  etwas völlig neu aneignen muss, führt einfach zu einem sehr eingeschränkten Leser-Kreis.

Man bedenke auch, dass unsere Vorstellung von Wahrheit so funktioniert, dass wir alles mit dem vergleichen, was wir bereits kennen. Womit sonst? Der so wichtige Aspekt der Authentizität eines Kunstwerkes hängt also davon ab,  dass der Konsument sich in dem wiederfindet, was er konsumiert.

Der Leser, der Beschauer – er muss mit, auf die geistige Reise. Der Autor sucht die Leser, der Kinofilm sucht die Zuschauer. Ohne Leser kein Buch. Ohne Zuschauer kein Film.

Kreativ sein gleicht eher einem Würfelbecher, in dem das Neue sich als die Synthese des Wohlbekannten ergibt, nicht einem Quell, dem völlig Neues entspringt. Man sollte nicht vergessen, die 80 % / 20 % Regel im Hinterkopf zu behalten.

 

Siehe auch Artikel zum Thema: Kreativität – der in uns sprudelnde Quell der Schöpfung

Kreativ sein – die 80 % Regel was last modified: Februar 10th, 2016 by Henrik Geyer