Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz

Kontingenz ist ein philosophischer Begriff, der die Nicht-Notwendigkeit des Vorhandenen charakterisiert, und andererseits die Möglichkeit von Allem. Kontingenz (griech., „etwas, was möglich ist“). Wie kommen Philosophen auf so etwas – und was bewirkt es? Ist denn das Sein nicht begrenzt auf das, was wir vor uns sehen?


Kontingenz ist ein Gegenbegriff zu jenem Denken, das die Möglichkeiten der Natur als eng begrenzt sieht, als einschränkbar auf das, was das (menschliche) Denken wahrnehmen kann.

Kontingenz ist der Gegenbegriff zu Alternativlosigkeit – jenem Denken in angeblichen Unabdingbarkeiten, in Notwendigkeiten etc..

Kontingenz ist eine schwer fassbare, aber deshalb nicht weniger zutreffende Weltauffassung. Es handelt sich dabei nicht um etwas ganz Abstraktes, sondern wir begegnen dem Unterschied der Begriffs-Welten in vielen Themen der Gegenwart. Im ganz Alltäglichen ist der Unterschied zwischen jenen, die auf Grund ihrer Weltsicht alles für möglich halten, und jenen, die in der Natur enge Grenzen des Möglichen vermuten, sehr sichtbar und geht in die einfachsten Begriffe ein.

Die Vertreter der Alternativlosigkeit können es sich beispielsweise schon nicht so recht vorstellen, dass es eine vernünftige Vernunft jenseits der eigenen geben kann. Man denke an das Wort „postfaktisch“: die „Fakten“ sind im eigenen Besitz; jene aber, die eine Gegenposition zur eigenen Position einnehmen, werden als „jenseits von Fakten“ imaginiert.

Oder, dass sich ein (gesellschaftlicher) Zustand leicht wandeln kann, zum Beispiel von Reichtum zu Armut, von Frieden zu Krieg, von Freiheit zu Unterdrückung. Sie glauben im Sein stets eine sichere Bank zu haben, gleich einem unwandelbaren Objekt. Das Sein betrachten sie als starr und statisch – und sich selbst als im Besitz des besten Begriffes davon.

Während also das Denken in Unbedingtheiten stets im Objekthaften verharrt, der Mensch sei so und so, die Gesellschaft sei so und so (und nicht anders denkbar), ist Kontingenz verbunden mit der Vorstellung einer Welt, die im Flusse ist; durch den menschlichen Geist letztlich als Objekt unfassbar, denn sie ist in jedem Moment des Begreifens ein wenig anders. Und – wenn sie kaum fassbar ist, so ist damit auch eine Vorstellung eines Unwissens über ihre Möglichkeiten verbunden.

Spruchbild, Bildspruch: Es ist unmöglich zweimal in denselben Fluss zu springen

Dazu im Gegensatz meint der Vertreter des Objekthaften stets, die Objekte seiner Anschauungen seien nicht anders auffassbar, als in der eigenen Perspektive. Auch auf die Zukunft projeziert er seine Überzeugungen – die Zukunft könne sich nur zwischen den Zuständen A und B abspielen, meint er.

Aus dem Wissen um das prinzipielle Wesen der Zukunft leitet der statisch Denkende beispielsweise ab, der Mensch würde sich vom Niederen zum Höheren entwickeln. Seine Zukunft, das könne nicht anders sein, sei die einer weltumspannenden Einigkeit, eines End-Glücks ohne Widersprüche. Dass der Mensch die Widersprüche, und damit Streit und Krieg, selbst generiert, wie ein ewig drehender Dynamo, will dem Vertreter der Unbedingtheiten nicht so recht einleuchten. Er sieht den Menschen als getrennt von der Welt, als geniehaften Beobachter. Die Welt, so meint er, würde vom Menschen lediglich klug analysiert und gestaltet, und betreut wie ein alter Opi.

Und, noch eins: Weil selbstverständlich keine Sekunde zu verlieren ist, die Welt ihrem glücklichen Schicksal zuzuführen, findet man im Lager der Verabsolutierer viele Revolutionäre, Heilsbringer und Weltverbesserer. Sie sehen sich als Katalysatoren des Weltglücks – einer ihrer Auffassung nach unvermeidlichen Entwicklung, wodurch sie sich auf Seiten einer natürlichen Gesetzmäßigkeit wähnen. Die Menschheit, so meinen sie, werde ihnen Dank wissen, ist erst der glückliche Endzustand erreicht.

Doch sind sie es meist selbst, die die Welt verheeren mit ihren vielversprechenden Ideen. Diese Ideen wirken verschieden, sind es aber im Wesen gar nicht. Es geht immer um die Erlösung des Menschen durch ein großes Glück in Einigkeit … ein festes und dauerhaftes Glück sozusagen – so statisch wie das Denken jener, die an es glauben.

Denken wir an den Dreißigjährigen Krieg, der um den rechten Glauben (Katholizismus an Stelle des aufkommenden Reformgedankens) geführt wurde. Und damit um die „richtige“ Erlösung. Denken wir überhaupt an sogenannte „Glaubenskriege“ (geht es denn nicht immer um Glauben?). Denken wir an die große chinesische Hungersnot, die ausbrach, weil die chinesische kommunistische Regierung die Landwirtschaft ihrem Glauben gemäß umbauen wollte; sie kostete viele Millionen das Leben. Denken wir an die Gulags Stalins – das waren Säuberungen im Namen des großen sozialistischen Gedankens, der alle Menschen als potentielle Brüder sieht. Wer wohl konnte gegen dieses Große Glück sein? Derjenige musste in den Gulag! Denken wir an den Zweiten Weltkrieg, den Hitler sich zu führen traute, denn er wollte die Deutschen ihrem dauerhaften Glück und ihrer Erlösung zuzuführen – wieder liegt die Erlösung in der uneingeschränkten Gültigkeit der Ideologie, respektive ihrer Weltherrschaft. Denken wir an die Roten Khmer, die einmal mehr die Welt mit der altbekannten Erlösungsideologie beglückten, welche natürlich wieder,  für den Moment, die „harte Hand“ nötig machte.


Der Spirealismus ist eine Philosophie, die den Menschen als endlich im Unendlichen sieht. Das Endliche seiner Gedanken, das ist das menschliche Sein. Die Unendlichkeit dessen, was nicht in seinen Gedanken ist, die Unendlichkeit des Möglichen also, ist ihm das Nichts, oder auch die „Nichtexistenz“.

Doch, was weiß er über das Nichts? Nichts. Nur innerhalb seiner paradoxen materialistischen Weltanschauung will es ihm scheinen, als verfüge er über die  Möglichkeit, das Nichts einzugrenzen, in dem er es verdinglicht, zu dem Nichts.

Aus der Sichtweise des Spirealismus folgt Kontingenz – die Möglichkeit von allem, die Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden, als völlig normale und logische Konsequenz. Statisches Denken ist ihm fremd.

Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz was last modified: Januar 24th, 2018 by Henrik Geyer

Alles und Nichts – kann das Alles zugleich das Nichts sein?

Alles und Nichts - Bildrauschen des Kosmos. Kann das Alles zugleich das Nichts sein?

Alles und Nichts – kann das dasselbe sein?

In diesem Artikel werden die Worte  „Alles“ und „Nichts“ unter unterschiedlichen philosophischen Perspektiven gesehen, und zwar der materialistischen und der spirealistischen Sichtweise.

Über das Nichts

Das „Nichts“ ist in der materialistischen Sichtweise paradox, wie schon Plato feststellte. Obwohl dieser Begriff keine Aussage beinhalten dürfte (denn, was will man über etwas aussagen, das man nicht kennen kann?), erscheint der Begriff wie inhaltsreich. Man verbindet gar Mengenangaben mit ihm („das Nichts“, „ein Nichts“), etc..

Das Paradox  ergibt sich aus der grundsätzlichen Überzeugung, dass der Mensch in der Lage ist, die Welt vollständig zu erkennen. Was er nicht kennt, sei nicht vorhanden. Diese Überzeugung kommt aus der materialistischen Weltanschauung, der zufolge Geist (der Mensch) einen äußerlichen Prozess im Gehirn abbildet. Daher erscheint das Nichts lediglich wie ein momentanes Nichtkennen dessen, was es zwar gibt, was der Mensch aber momentan nicht weiß. Das Nichts erscheint so, als sei es beschreibbar und bereits erkannt. Denn grundsätzlich kann sich der Mensch im materialistischen Gedankengebäude nicht vorstellen, dass es etwas geben kann, das ihm prinzipiell unzugänglich ist.

Der materialistische Mensch sieht die Materie als begrenzt in ihren Möglichkeiten – sie könne nur bestimmte Formen annehmen. Wohingegen der menschliche Geist frei sei, Materie abzubilden wie er will, oder auch zu phantasieren.

Siehe auch der Artikel „Was ist das Nichts?“

das spirealistische Nichts

Demgegenüber nennt der Spirealismus das Nichts nicht erkennbar und nicht eingrenzbar. Dem Spirealismus ist das Nichts ein „Alogon“ im Sinne Platos, also etwas für den Menschen nicht (sinnvoll) Aussprechbares.

Denn es ist eine Konsequenz der spirealistischen Sichtweise, die das menschliche Denken als einen Teil eines umfassenderen Denkens sieht, dass die Begrenzungen, die der Mensch zu sehen glaubt, im Menschen sind, nicht in den Möglichkeiten dessen, was ihn hervorbringt (was ebenfalls Geist ist). Das ergibt sich bereits aus der ersten Überlegung, dass der Mensch, wenn er Teil ist, keine Aussage über das „Alles“ machen kann. Der Teil kann nicht das „Alles“ sein – und kann es nicht beschreiben.

Zwischen dem Teil und dem Alles gibt es eine notwendige Differenz, die nicht überwunden werden kann. Insofern liegen alle Möglichkeiten, aber auch nicht überwindbare Grenzen, im Denken.

Das Alles, und damit auch die Vorstellung vom All, vom Universum, vom Kosmos, ist widersprüchlich, legt man die materialistische Auffassung zu Grunde. Wenn der Mensch das All sieht, glaubt er, er sähe quasi in das Alles. Doch er kann es nicht erfassen – es ist für ihn die paradoxe Unendlichkeit des Möglichen.

Daher ist, was der Mensch sieht, wenn er in das All schaut, nicht das Alles und nicht das Nichts. Sondern eine Möglichkeit.

Alles und Nichts zugleich

Hieraus erklärt sich die Sichtweise, dass das Alles und das Nichts im Grunde dasselbe ist.

Denn, worüber der Mensch eine Aussage machen kann, ist das, was er kennt.

Er kann hingegen nicht sagen, was er nicht kennt, kann es nicht sinnvoll benennen, nicht abzählen, nicht begreifen. Das, was er nicht kennt, könnte man „etwas“ nennen, doch genauso gut auch „nichts“. Das Nichts wiederum ist nicht eingrenzbar – es umfasst alle Möglichkeiten.

Diese Sichtweise hängt auch eng mit der Erfahrung zusammen, dass das Wissen, das der Mensch (die Menschheit) hat, eine Variante ist, eine Möglichkeit; aber keine Notwendigkeit.

Alles und Nichts bildhaft vorgestellt

Man stelle sich das vor wie einen Fernseher, auf dem alle Sender zugleich laufen. Zu sehen ist lediglich ein Rauschen. Keine Information. Keine Möglichkeit zu sagen, wie viele Sender da „zu sehen“ sind. Das ist das Alles. Es ist dem Menschen zugleich das Nichts, denn er erkennt nichts. Alles, was er kennt, ist nicht da.

Wird ein Sender scharf eingestellt, dann ist das in diesem Gleichnis die menschliche Realität. Sie ist eine Möglichkeit, aber keine Notwendigkeit. Man hat einen Sender eingestellt, sieht ein scharfes Bild, aber was ist mit den anderen Sendern? Man verpasst sie, weiß nicht, was auf ihnen läuft. Kann es nie benennen, und dennoch sind sie (vielleicht?) da.

Dieser eine Sender ist die Welt für den Menschen.

 

Zitat Tao Te King

Der Sinn, der sich aussprechen läßt,
ist nicht der ewige Sinn.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
 »Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
 »Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
 Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
 zum Schauen des wunderbaren Wesens,
 die Richtung auf das Sein
 zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
 Beides ist eins dem Ursprung nach
 und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

 

Alles und Nichts – das sind doch nur Worte!

Alles und Nichts sind „nur“ Worte, wird mancher meinen – wer sich ihnen zu lange widmet, spräche an der Realität vorbei. Lesen Sie hier, warum Worte die Realität sind ..

 

Alles und Nichts – kann das Alles zugleich das Nichts sein? was last modified: Januar 16th, 2016 by Henrik Geyer