Was ist Philosophie und was bedeutet Philosophie heute noch?

Was ist philosophie? Warum findet Philosophie kein Ende?

Was ist Philosophie?

Philosophie bedeutet Liebe zur Weisheit und ist in der griechischen Antike als Wissenschaft entstanden. Heute versteht man die Philosophie nicht als Wissenschaft im eigentlichen Sinne – sie ist eine Geisteswissenschaft, die im Selbstverständnis der Philosophen mal diese, mal jene Ergebnisse hervorbringen kann – und … welche ernsthafte und nutzbringende Wissenschaft kann sich dergleichen schon leisten?

Die Philosophie ist außer Ansehn gekommen: und doch war sie die höchste Beschäftigung der Weisen. Die Wissenschaft der Denker hat alle Achtung verloren. Seneka führte sie in Rom ein; eine Zeit lang fand sie Gunst bei Hofe: jetzt gilt sie für eine Ungebührlichkeit. Und doch war stets die Aufdeckung des Trugs die Nahrung des denkenden Geistes, die Freude der Rechtschaffenen.
Gracian’s Orakel der Weltklugheit, Balthasar Gracian

Dabei waren die Anfänge der Philosophie und die Anfänge der strengen Wissenschaften durchaus verbunden – die Philosophen waren meist gleichzeitig Naturkundler ersten Ranges …

Ein weiterer Grund mag sein, dass sich die Philosophie allzu weit davon entfernt hat, ein Wert des öffentlichen Bewußtseins zu sein – sie scheint sich (für den Außenstehenden) allzusehr mit Themen zu beschäftigen, die keinen praktischen Wert haben, sie kann nichts lehren das als hoher gesellschaftlicher Wert verstanden würde, oder das man als persönlichen Gewinn ansehen würde, hätte man nur Anteil …

Vorbei die Zeiten, als (vor mehr als 2000 Jahren) einige der griechischen Sophisten hochangesehene Lehrer der Tugenden waren, wie beispielsweise des Sprechens (der Rhetorik), und damit viel Geld verdienten.

 

Die Kompliziertheit der in der modernen Philosophie behandelten Themen förderte auch eine recht komplizierte Sprache, was ebenfalls zum Rückzug der Philosophie aus dem öffentlichen Bewusstsein beitrug.

Offenbar waren viele Philosophen aus einer gewissen intellektuellen Überheblichkeit recht zufrieden damit, sich einer kryptischen Sprache zu bedienen. Dennoch darf man wohl davon ausgehen, dass gerade jene, die diesen Missstand erkannten und erkennen, und versuchen ihn zu beheben, die Hoffnung der modernen Philosophie sind …

Warum aber hat Kant seine »Kritik der reinen Vernunft« in einem so grauen, trockenen Packpapierstil geschrieben? Ich glaube, weil er die mathematische Form der Descartes-Leibniz-Wolfianer verwarf, fürchtete er, die Wissenschaft möchte etwas von ihrer Würde einbüßen, wenn sie sich in einem leichten, zuvorkommend heiteren Tone ausspräche. Er verlieh ihr daher eine steife, abstrakte Form, die alle Vertraulichkeit der niederen Geistesklassen kalt ablehnte. Er wollte sich von den damaligen Popularphilosophen, die nach bürgerlichster Deutlichkeit strebten, vornehm absondern, und er kleidete seine Gedanken in eine hofmännisch abgekältete Kanzeleisprache. Hier zeigt sich ganz der Philister.

„Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ von Heinrich Heine

denn was nützt schon etwas, das in seiner Allgemeingültigkeit zwar eigentlich äußerste Wichtigkeit hat, das aber kaum jemand lesen, geschweige denn begreifen mag?

Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.
Ludwig Wittgenstein

Jedenfalls erscheint mit dem Siegeszug der strengen Naturwissenschaften in den letzten Jahrhunderten die Philosophie geradezu wie eine aus dem Fokus entschwundene Wissenschaft; eine Wissenschaft der man im Grunde nicht mehr bedarf; eine Wissenschaft, die nur dann betrieben wird, wenn jemand eine gewisse Liebe dafür aufbringt … und somit eine Wissenschaft, die nicht aus keiner besonderen Notwendigkeit heraus betrieben wird.

Eine Wissenschaft, die nicht immer und überall reproduzierbare Ergebnisse liefert, gilt heute wenig. Weisheit … was ist das?

Was nun macht die Philosophie so schwierig?

Dass nun die Philosophie gleichzeitig die schwierigste Wissenschaft ist, ist zumindest aus spirealistischer Sicht verständlich.

Einerseits versucht diese Wissenschaft die grundlegendsten Prinzipien des Kosmos zu ergründen, also jene Prinzipien, die den Gesetzen und Naturgesetzen übergeordnet sind. Somit strebt die Philosphie die Formulierung der fundamentalsten Grundsätze an, will die aller-allgemeinsten Aussagen treffen. Und findet nun die Schwierigkeit vor, dass sich nichts Allgemeines sagen lässt, ohne das vorherige Formulieren des Speziellen. Ohne das Erkennen der Einzeldinge lässt sich keine Aussage über die Gesamtheit treffen. Das Begreifen der Gesamtheit wiederum wirkt sich auf das Verstehen der Einzeldinge aus. Dieser Zirkelschluss führt dazu, dass man mit dem Justieren der Aussagen zu keinem Ende kommen kann.

Ich will das an einer Analogie deutlich machen.

Wenn wir eine Aussage über das Universum machen wollen, dann müssen wir die Konkretheit der Himmelskörper beobachten. Wenn wir eine Aussage über die Himmelskörper machen wollen, dann müssen wir die Konkretheit der Elemente beobachten, aus denen sie bestehen.

Nun scheint es dem materialistischen Verstand so zu sein, als beobachteten wir eine außerhalb unserer selbst liegende Realität, die in den Möglichkeiten der Materie begrenzt ist. Insofern müssten wir mit den Beobachtungen dieser einen Realität irgendwann an ein Ende gelangen.

Der Spirealismus sieht das Wesen der Welt als geistig, und das Wesen des Geistes als die Relation an. Die Relationen bestehen zwischen allen Begriffen, so dass das Erkennen des Einzelnen auf das Erkennen des Gesamtzusammenhanges wirkt, aber ebenso auch umgekehrt: jede Formulierung eines Gesamtzusammenhanges wirkt auf das Erkennen des Einzelnen zurück.

Anders ausgedrückt: als was wir das Universum sehen, wirkt auf das Verständnis der Planeten zurück. Etwas Einzelnes, das sich nur aus sich heraus begreifen ließe, gibt es nicht.

Nun wollen wir uns das Ganze aber als ein Universum aus Begriffen denken. Also nicht ein Universum aus Planeten, Galaxien, etc., sondern ein Universum aus Worten, ein Universum der Semantik gewissermaßen. Die Worte dieser Semantik bezeichnen alles, was wir begreifen können, also zum Beispiel ein Universum, hierfür gibt es die Begriffe Erde, Planet, Galaxie, etc.. Aber auch ein Haus, hierfür gibt es die Begriffe Wand, Dach, Tür, Fenster, Raum. Oder einen Kirschbaum, hierfür gibt es die Begriffe Stamm, Zweig, Kirsche, Kirschkern, etc..

Wer nun meint, all dies, also Universum, Haus, Kirschbaum, seien Dinge, die miteinander nichts zu tun haben, der irrt. Das Universum enthält nicht nur Erde, Planeten, Galaxien, sondern auch Häuser, Türen, Fenster, Äste, Kirschen, etc.. Umgekehrt bezeichnet man Teile von Galaxien als Zweige, wir suchen nach Kernen in allen Dingen, so als hätten wir immer Kirschen vor uns, man denke an den Erdkern, den Atomkern, des Pudels Kern, etc.. Ein Haus in Verbindung mit Universum ergibt zum Beispiel „Tür in eine andere Dimension“.  Das bedeutet: Alles steht in einer Verbindung mit allem anderen. Alles ist eingebunden in ein schwingendes Netzwerk aus Relationen, aus Sinnverbindungen. Das Verständnis was ein Kirschkern ist, lässt uns sowohl Mikrokosmos wie auch Makrokosmos in einer ganz bestimmten Weise begreifen. Nichts steht für sich allein. Alles ist eine Metapher. Und daher: Ändert sich ein Begriff, ändert sich der Kosmos der Begriffe … das Universum ist nichts anderes als das Einzelne in seinem Zusammenhang, in seiner Konstellation. Und das Einzelne wiederum ist nichts anderes als ein Kosmos im Kosmos – es lässt sich nicht verstehen, wenn man es nicht als Teil einer Gesamtheit begreift.

 

Die Naturwissenschaften machen es sich in einer gewissen Weise leicht. Sie zweifeln ihre Paradigmen nicht an. Für die Mathematik sind die Zahlen unzweifelhafte Wesenheiten, die Chemie vertraut ihrem Periodensystem der Elemente, die Physik ihren Gesetzmäßigkeiten. Würden die Naturwissenschaften ihre Grundbegriffe hinterfragen, was durchaus berechtigt wäre, und was die gesamte Wissenschaft ändern würde (man denke an den Paradigmenwechsel in der Physik durch Einsteins Relativitätstheorie), dann würde sie sich sozusagen philosophischer Methoden bedienen.

Denn das macht die Philosophie – sie ist dem Wesen der Dinge auf der Spur. Sie will nicht wissen, wie man mit Zahlen rechnen kann, sondern sie will wissen was Eins ist. Sie will nicht den Urknall logisch ergründen, sondern will wissen wie wir von Einem zum Anderen kommen, so dass wir logische Ableitungen erhalten.

Nun stellt aber insbesondere der Philosoph fest, dass er in der Erforschung des Allgemeinen nie zu einem Ende gelangen kann, denn, wie gesagt, die Interpretation eines Begriffes, die Definition eines Tatbestandes, welcher es auch sei, seine Verschiebung innerhalb eines semantischen Sinn-Netzwerkes, bringt einen geänderten Kosmos der Begriffe hervor, der nun erneut beschrieben werden könnte.

Innerhalb der materialistischen Vorstellungswelt erschließt es sich uns eben nicht, dass wir nicht Beobachter eines äußerlichen Prozesses sind, sondern Elemente dieses Prozesses. Wir beobachten nicht, sondern erschaffen. Und der Philosoph ist dieser Wahrheit eigentlich am nächsten, kann sie aber ebenso wenig erkennen wie die materialistische Wissenschaft, solange er glaubt, mit seinen Worten eine äußerliche Realität zu beschreiben.

 

 

 

Was ist Philosophie nicht – im Gegensatz zur exakten Naturwissenschaft?

Geisteswissenschaften wie Philosophie liefern nur Subjektives. Diese Auffassung geht von der materialistischen Sichtweise aus, der zufolge der Mensch Beobachter eines von ihm selbst unabhängigen Außen ist.

Die Ergebnisse der Naturwissenschaften seien demzufolge objektiv, also außerhalb und unabhängig des menschlichen Bewußtseins gültig und „vorhanden“, die Wissenschaft der Philosophie jedoch eher eine Sammlung von Sichtweisen.

Die Subjektivität der Naturwissenschaft

Im Rahmen der Besprechungen zum Spirealismus wurde auf diesem Blog dargelegt, warum die Naturwissenschaften keine Objektivität aufweisen. Man denke auch an Schopenhauers „Die Welt ist eine Vorstellung“ …

Siehe auch: Artikel Was bedeutet subjektiv? Ist ein wissenschaftlicher Versuch objektiv?

Ähnliches Thema: Mengenlehre, Worte, Zahlen. Sind Zahlen objektiver als Worte?

Siehe auch: Beitrag Was ist das Nichts?

So gesehen sind in einem absoluten Sinn die Weisheiten der Philosophie nicht weniger objektiv als die der Naturwissenschaften. Oder, besser gesagt, die Naturwissenschaften sind gleichermaßen subjektiv. Der Unterschied ist lediglich ein gradueller – er trägt den Charakter einer Einigung.

Während die Philosophie als Arbeitswerkzeug die Alltags-Sprache hat, und sich jeder Philosoph seine eigenen Begriffe prägt, nutzt die Naturwissenschaft seit Jahrtausenden die gleichen Begriffe und kommt so auf die Idee, es könne keine anderen geben – man denke an die Idee, alles sei aus „Kernen“ aufgebaut, die Dinge enthielten Atome (und diese wiederum Atomkerne), so wie die Kirsche einen Kern hat.

Die Naturwissenschaft setzt voraus, den Gedanken der eigenen Objektivität stets hegend, dass es keine andere Sichtweise geben könne, als die eigene, daher hat jeder, der Naturwissenschaft betreiben möchte, die vorhandene Sprache zu lernen und anzuwenden, was wiederum zu einer Stabilisierung und Kontinuität der soeben besprochenen  Vorstellung von der eigenen Objektivität führt – anders gesagt: ein anderes zum Vergleich taugendes Wissenschaftssystem steht nicht zur Verfügung; ein ewig auf sich selbst zurückführender Zirkelschluss.

Und als vergleichbar und ebenbürtig wird die Wissenschaft ja eben nicht angesehen, es ist noch nicht einmal die Vorstellung der Philosophie von sich selbst, ebenbürtig zu sein. Wie oft schon habe ich selbst studierte Philosophen mit Geringschätzung über die Philosophie sprechen hören – dies oder jenes sei nur Philosophie …

Die wahre Bedeutung der Philosophie

Doch, wie das wahre Verständnis des Spirealismus, oder von Philosophen wie Schopenhauer oder Kant zeigt: Umfassendere Wahrheiten wie die des Fehlenden Objektiven, der Fortentwicklung der Menschheit als einer Fortentwicklung seiner Begriffe, sind aus den Naturwissenschaften mit ihrem materialistischen Objektivitätsdenken nicht zu erwarten.

Die Philosophie tut sich keinen Gefallen, wenn sie sich ebenfalls diesem Maßstab unterwirft, ganz freiwillig sozusagen und unter Negation ihrer wichtigsten geistigen Errungenschaften. (Ganz Ähnliches gilt übrigens für die Psychologie).

Weiterlesen: Beitrag Naturwissenschaften vs Geisteswissenschaften. Die Psychologie in der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft

Vielmehr muss sie versuchen ihre Resultate in klarere Worte zu fassen um in der Gesellschaft als wichtige und wirkliche Wissenschaft wahrgenommen werden zu können; eine Wissenschaft sogar, die, wie sich herausstellen könnte, die weiterführendsten Erkenntnisse für die Menschheit hervorbringt.

Diese Erkenntnis von der ich spreche, das ist in ihrem Wesen die, dass die Begriffe in ihrer Weiterentwicklung wieder neue Begriffe und Probleme hervorbringen müssen, ganz ähnlich einem Esel, dem der Reiter eine an einer Angel hängende Möhre vorhält – der Esel kann die Möhre zwar nicht erlangen, aber er schreitet fort. Die Menschheit entwickelt ihr Universum (auch) aus sich heraus fort. Und das unterscheidet die Naturwissenschaften eben nicht von der Philosophie. Das ist im Übrigen die Folge des spirealistischen Grundsatzes der fehlenden Objektivität, das ist die Folge von: „Die Welt ist eine Vorstellung“. Sie ist eine Möglichkeit.

Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und die Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.
Ludwig Wittgenstein

 

 

Siehe auch: Artikel Lebensweisheiten

 

 

Was ist Philosophie und was bedeutet Philosophie heute noch? was last modified: Juni 7th, 2016 by Henrik Geyer

Worte. Die Unvollkommenheit der Worte und Begriffe

Worte. Die Unvollkommenheit der Worte und Begriffe

Beschreiben Worte und Begriffe die Welt … richtig?

Die Unvollkommenheit der Worte und Begriffe

Im Artikel um das Alles und das Nichts habe ich dargelegt, welch fundamentalen Unterschied es in der Auffassung dieser Worte geben kann. Ich habe zugleich dargelegt, warum unter spirealistischem Sehen das Alles (das All, das Universum, der Kosmos) eine Möglichkeit ist, keine Notwendigkeit.

In dem Artikel ging es um die bombastischen Begriffe „das Alles“ und „das Nichts“ – es stellt sich, nachdem diese Begriffe besprochen wurden, die Frage, inwieweit man in der Betrachtung von Worten etwas über die Realität aussagen kann.

In diesem Artikel möchte ich darlegen, warum es unsere Vorstellungen / Worte, und unsere Realität, eins sind.

Das sind doch nur Worte!! Worte als Denkgrenzen

Viele sagen aus der Logik der materialistischen Weltsicht: „Das sind doch alles nur Worte!!! Und derjenige, der sich um die Worte sorgt, ist ein neumalkluger Formalist ohne Bezug zur Realität! Worte beschreiben die Realität nur!“

 

Doch gerade am Beispiel der zwei Worte „alles“ und „nichts“ lässt sich zeigen, was ich bereits in anderen Artikeln darlegte: die Worte halten uns in einer bestimmten Realität fest. Sie sind nicht Mittel, Informationen über die Realität auszutauschen, sondern erzeugen selbst unsere Realität.

Ein Beispiel: wenn die spirealistische Auffassung von dem Bedeutungsinhalt der Worte Alles und Nichts in so dramatischer Weise von der materialistischen unterscheiden, wie ich das in dem anderen Artikel beschrieb … wie kann ich das kommunizieren? Mit Hilfe der Worte, mit denen ich angeblich alles beschreiben kann, müsste das doch möglich sein!

Doch: Einerseits will ich etwas ausdrücken, das der materialistischen Erfahrung zutiefst widerspricht. Etwas, das ich mit „alles“ oder „nichts“ eigentlich nicht ausdrücken möchte. Andererseits bin ich auf die Worte „alles“ und „nichts“ angewiesen – es sind sehr zentrale Worte der deutschen Sprache. Kann man ohne sie auskommen? Nein.

Ich kann mit diesen Worten nichts ausdrücken, was so begriffen werden soll, wie ich das wünsche. Sondern ich kann nur ausdrücken, was die Menschen begreifen, wenn sie diese Worte hören.

Wer diese Worte hört, hat die widersprüchliche Auffassung des Materialismus im Kopf. Er begreift nur den erlernten Wortinhalt, nichts anderes. Das Wort selbst, im Zusammenhang mit den Denkvoraussetzungen, die es in sich trägt, ist uns daher eine kaum überwindbare „Denkgrenze“.

Daraus erklärt sich, warum das Platosche Paradox, von dem in „Was ist das Nichts?“ die Rede war, zwar seit Jahrtausenden bekannt ist, aber dennoch der Erklärung harrt.

Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.

Man kann das eben Gesagte auch als andere Formulierung des Einstein-Zitates »Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.«, sehen.

Wenn das, was wir beobachten können, mit unseren Theorien über eben das zusammenhängt, was wir (aus dritter Position) zu beobachten glauben, dann schließt sich ein Kreis. Das, was Einstein für die Quantenmechanik sagte, trifft ebenso gut auf jeden Lebensbereich zu. Ich formuliere es daher allgemeiner: „Was wir über etwas wissen, entscheidet darüber, als was wir es sehen.“ Und nun bedenke man, dass man ganz verschiedenes Wissen haben kann.

Die Worte wirken nicht nur auf unsere Realität irgendwie zurück – sie sind die Realität.

Bei Worten wie „alles“ und „nichts“ scheint es anders zu sein – wir sehen sie nicht als Teil einer unbewiesenen Theorie, sondern als feststehend, statisch, unbestreitbar. Wir benutzen sie ständig – will man uns unterstellen, wir wüssten nicht, was sie bedeuten? Doch andererseits – wer glaubt, diese Worte seien tatsächlich unbestreitbar, der lese sich den genannten Artikel „Alles und Nichts“ noch einmal durch.

Die Statik der Wortzusammenhänge überwinden – Neulernen

Die Worte „alles“ und „nichts“ stehen nicht für sich allein, sondern sie sind verbunden. Sie bilden eine unumstößliche Statik, mit allen den anderen Worten, die wir verwenden, allen anderen Vorstellungen, die wir haben.

Wie also könnte man die Denkgrenze überwinden, die in den Worten liegt?

Indem man die alten Begriffe und Bedeutungen vergisst, und sie neu lernt.

Doch wer will das tun? Aus der materialistischen Sicht erscheint nur das eigene Weltbild real.  Es ist das scharf eingestellte Fernsehbild des anderen Beitrages „Alles und Nichts“. Demzufolge muss jedes andere Weltbild ein wenig absurd wirken – warum sollte man ein „erwiesenes“ Weltbild aufgeben, zugunsten eines absurden?

Die Statik des Begreifens festigt sich selbst

Worte sind nicht „nur Worte“, die eine davon unabhängige, eigentliche Realität, abbilden. Sondern sie selbst sind die Realität – und die Realität festigt sich selbst; hält uns in der Realität fest.

Siehe auch der Artikel „Entstehung der Realität“, in dem es um die Formung von Realität aus Worten geht, und um die Frage, ob Philosophen den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren, wenn sie sich der Analyse von Worten widmen.

Auf Grund des materialistischen Weltbildes folgern wir, erfinden, bilden immer mehr Wissen, immer mehr Vorstellungen.

Das materialistische Weltbild festigt sich selbst, wird immer schärfer „eingestellt“. Man kann es kaum verlassen. Dieses Weltbild ist eine Möglichkeit, die aus dem Rauschen des „Alles“ auftaucht. Es hält uns in „seiner“ Welt, die wir in einem Außen zu sehen glauben, fest.

 

Ich möchte mit einem Wittgenstein-Zitat schließen, das uns die Bedeutung der Worte für unser Weltbild (und ihre Grenzen) vor Augen führt. „Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und die Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.“
Ludwig Wittgenstein

 

 

Worte. Die Unvollkommenheit der Worte und Begriffe was last modified: Januar 13th, 2016 by Henrik Geyer