Sinn und Sinnlosigkeit

Sinn gibt es nicht außerhalb des Denkens

Goethe-Zitat:

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.

Johann Wolfgang von Goethe
der wohl größte deutsche Dichter
geb. 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Johann Wolfgang Goethe; gest. 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Das klingt wie nichtssagend, wie ein in sich geschlossener Kreis, wie eine Tautologie, bei der sich die Schlussfolgerung bereits in der Ausgangsfrage findet. Und doch ist es die tiefste findbare Wahrheit.

Außerhalb des Kreises, außerhalb der Tautologie, ist kein Sinn, den wir kennen können. Sinn ist der Bezug auf den Bedeutungsraum den wir kennen. Es ist der Bezug auf uns selbst.

Das erinnert an die sich in den Schwanz beißende Schlange, den Ouroboros, ein uraltes Symbol für die Welt. Die Schlange frisst, um zu sein. Was frisst sie? Sich selbst. Anders gesagt: Um zu sein muss sie sich selbst Nahrung sein. Der Sinn des Seins kommt aus dem Sein. Existenz aus der Existenz. Mehr Grund, mehr Vernunft, mehr Sinn für das Sein kann und muss es nicht geben, als eben das Sein!

Unbefriedigende Rätselhaftigkeit

Warum erscheint uns diese Weisheit als unbefriedigende Rätselhaftigkeit?

Das erscheint uns so, weil es in der materialistischen Sichtweise die Eigenschaft von Rätseln ist, dass sie gelöst werden. Denn alles, so glauben wir, habe einen Grund. Und dass es Gründe geben könnte, die dem Menschen nicht ermittelbar sind, können wir uns nicht vorstellen. Das ist ähnlich der Unendlichkeit des Weltalls – wie kann es ein Ding geben, zum Beispiel das Weltall, das zwar einen definierten Inhalt hat, aber keine Grenzen? Jedes Ding definiert sich in seiner Gesamtheit doch durch eine Grenze! Und ganz ähnlich ist uns ein Rätsel, das in sich Beginn und Ende trägt, dessen Antwort die Frage wiederholt, ein Rätsel also, das offensichtlich nicht lösbar ist, unbefriedigend. Wenn der Sinn des Lebens das Leben selbst ist, und wenn hier Ursache und Folge unauflösbar miteinander verwoben sind, erscheint uns dies nicht wie eine gültige Antwort auf eine Frage. Und dennoch ist es so.

Wir glauben eben an das Prinzip des eindeutigen Grundes, der außerhalb von uns liegen soll – so, wie wir auch an die Existenz von Objekten außerhalb von Geist glauben. Das glauben wir so sehr, dass sich der Materialismus, dessen Grundannahme eben dies ist, sich schmeichelt, die Welt erkannt zu haben, und zwar so gründlich, dass sie ihm bereits als geradezu langweilig erscheint.

Für den Spirealismus gilt das nicht, und die oben angeführte Rätselhaftigkeit versteht er als seine Grundaussage, und verweist immer wieder auf die Aussage, dass alle Rätsel ja aus uns selbst kommen. Wir selbst sind Quell und Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Wir sind nicht die Beobachter und Ergründer von Sinn, sondern Sinn Wie können wir „die Rätsel“ lösen, wenn wir selbst sie generieren? Unser Denken steckt in unseren Worten. Wenn wir von „den Rätseln“ sprechen, so klingt das wie eine abzählbare Gesamtheit. Doch wie können die Rätsel eine abzählbare Gesamtheit sein, wenn wir selbst sie hervorbringen. So lange wir da sind, müssen demnach immer neue Rätsel entstehen.

Das gleiche gilt für Sinn. Solange wir da sind, wird immer neuer Sinn generiert, immer anderer Sinn. Ganz wie das Spiel der Farben und Dinge in einem Kaleidoskop. Die Frage wie viele Male kann ein Kaleidoskop Muster erzeugen kann wird zu der Frage, wie oft ein Mensch daran zu schütteln vermag.

Während der Materialismus glaubt Rätsel seien zu nichts gut, als nur dazu, gelöst zu werden, sieht der Spirealismus sehr wohl Nutzen im Wahrnehmen der Rätselhaftigkeit. Warum? Um der Selbstentfremdung des Menschen zu begegnen. Damit sich der Mensch seiner Quelle nähern kann. Um spirituelle Macht in sich selbst zu finden. Um die Existenz Gottes wahrzunehmen – Gott als die Rätselhaftigkeit, das Irrationale. Gott als die Unendlichkeit des Nichts. Gott als unbeschreiblich und jenseits der menschlichen Vorstellung. Wer Gott wahrnehmen kann, wird umso weniger dazu neigen sich selbst zu überhöhen. Der Mensch wird im Materialismus zwar sein eigener Gott, ist aber eben dadurch umso weniger Herr seiner selbst.

Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens.

Carl Gustav Jung
Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker
* 26. Juli 1875 in Kesswil; † 6. Juni 1961 in Küsnacht

Und … Selbstfindung ist für den Spirealismus nicht lediglich etwas, das nur den einzelnen Menschen angeht, denn auch die Gesellschaft lässt sich als ein Organismus verstehen.


Kurioserweise fiel mir noch folgendes Zitat in die Hände; es tauchte auf, als ich nach dem Goethe-Zitat suchte:

Der Sinn des Lebens ist mehr als das Leben selbst.

Stefan Zweig
österreichischer Schriftsteller
geb. 28. November 1881 in Wien; gest. 23. Februar[1] 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien

Mir gefällt das Goethe-Zitat besser. Wenn da mehr Sinn wäre, als das Leben, dann wäre zu klären, was das sein soll, dieses „Mehr“. Können wir das? Natürlich nicht.

Wenn wir ein Mehr definierten, wäre es wieder Produkt unseres Selbst. Es war nicht „vorher da“, denn ohne Leben kann es keinen auf das Leben bezogenen Sinn geben. Was über das Leben zu sagen ist, ist eben nicht sagbar ohne das Leben.

Der Satz Zweigs ist für mich ein typisches Produkt der Vermischung materialistischer Weltanschauung (die Dinge existieren außerhalb des Denkens) mit spirituellem Denken.

 

 

Sinn und Sinnlosigkeit was last modified: Mai 22nd, 2018 by Henrik Geyer