Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall

Schmetterlingseffekt

Der Schmetterlingseffekt legt etwas nach materialistischem Verständnis ganz Erstaunliches nahe: die Ursache für ein (jedes) Ereignis könnte in einem ganz unscheinbaren Mikroereignis liegen. Und damir nicht in einem eindeutigen, deutlichen, großen, nachvollziehbaren Ereignis, sondern einem geradezu beliebigen.

Was ist der Schmetterlingseffekt?

Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment – der Schmetterlingseffekt bezeichnet die Wirkung (den Effekt), den der Flügelschlag eines Schmetterlings haben könnte. Denn auch der Flügelschlag eines Schmetterlings hat schließlich seine Auswirkungen, die sich weiter und immer weiter fortpflanzen, auch der Schmetterling gehört zu dieser Welt und kann somit nicht von dem in der Unendlichkeit wurzelnden System aus Wirkbeziehungen getrennt werden, von dem wir uns umgeben glauben …

So gesehen könnte der Flügelschlag eines Schmetterlings an anderer Stelle (eine Stelle, die man vielleicht nicht mit dem Schmetterlings-Flügelschlag in Verbindung bringen würde) Entscheidendes bewirken. Der Flügelschlag eines Schmetterlings könnte der entscheidende Grund für Leben oder Tod eines Menschen sein. Weltreiche könnten entstehen oder untergehen, aufgrund eines Schmetterlings, etc..

 

Ein Beispiel: Eine Präsidenten-Wahl geht äußerst knapp aus. Am Ende ist es der Bürger John Smith in Wyoming, der dafür verantwortlich ist, dass Anwärter X an die Macht kommt. Während Anwärter Y für Ausgleich stand, zettelt X einen Weltkrieg an …

Und dabei war es Zufall, dass John Smith am Wahltag überhaupt zur Wahl ging. Der Motor seines Autos war kaputt, und er hatte sich schon in seine Stube gesetzt, in der Meinung, nun doch nicht zum Wahlbüro zu fahren. Doch da kam zufällig Tante Amely vorbei und fragte John, ob sie ihn mitnehmen solle.

Sichtweisen

Quantität und Qualität

Der Schmetterlingseffekt steht, gerade das genannte Beispiel macht das deutlich, in Verbindung mit dem in der Philosophie seit antiker Zeit betrachteten Effekt, dass auf wundersame Weise aus einer quantitativen Änderung sich schließlich die Änderung einer Qualität ergibt.

Aus Frieden wurde Krieg – was genau war der Grund? War es Smith? Oder Tante Amely? Oder waren es die Freundinnen von Amely, die diese an jenem Wahltag zum Kaffeekränzchen eingeladen hatten, woraufhin Amely mit ihrem Auto losfuhr, und an John Smith’s Haus vorbeikam?

 

Ein weiteres Beispiel: An einem Damm steht das Wasser bis zum Rand. Es fällt noch ein Tropfen ins Wasser – am Damm bricht sich ein kleines Rinnsal Bahn, das Sandkörner mitreißt, wodurch mehr und immer mehr Wasser nachströmen kann. Der von Moment zu Moment stärker werdende Strom entwickelt mit der Zeit Macht und Energie … ein Dammbruch ist die Folge.

So wird durch eine quantitative Änderung die Änderung einer Qualität bewirkt – das stetige Fallen von Regentropfen lässt aus einer nutzbringenden Anlage zur Stromerzeugung (der Damm gehörte zu einem Wasserkraftwerk) eine Katastrophe hervorgehen.

 

Oder man denke an den Vorgang des Sparens. Man spart und spart, fährt Fahrrad, plötzlich hat man genug Geld um sich ein schickes Auto zu kaufen …

 

Warum nannte ich diesen Effekt „wundersam“? Weil er uns letztlich nicht begründbar ist, siehe Schmetterlingseffekt. Wer ist der Mensch oder das Ding, das letztlich für Krieg oder Frieden die Verantwortung trägt?

Welches ist der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt?

Welches ist der Cent, der schließlich den Kauf des Autos ermöglicht?

Und was ist der Effekt? Dieselbe Betrachtungsweise lässt sich nämlich auch umgekehrt anstellen – nicht auf die Vergangenheit, den Grund gerichtet, sondern auf die Zukunft und die Wirkung (den Effekt).

Ist der Effekt des Sparens und des Autokaufs nun eine Erleichterung der Wege im Alltag, das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit wenn man im offenen Wagen durch die Landschaft rast, oder vielleicht ein Herzinfarkt durch die Sitzerei im Auto – wo man doch früher radelte?

 

Einem weisen Mann lief eines Tages ein Pferd zu.

Man gratulierte ihm ob dieser glücklichen Fügung. Doch der weise Mann sagte: „Wer weiß, wer weiß … “

Der weise Mann ritt in der Folgezeit auf dem Pferd herum und freute sich daran. Doch eines Tages viel er vom Pferd und brach sich ein Bein.

Wieder kamen die Leute zu ihm, um ihn zu bedauern. Doch er sagte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

Weil der Weise krank darniederlag konnte er an einem bestimmten Tag nicht zum Markt gehen, wie es sonst seine Gewohnheit war. Doch an diesem Tag brach in der Markthalle ein Feuer aus, viele wurden verletzt.

Er sei ein Glückspilz sagte man ihm, doch der weise Mann erwiederte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

… u.s.w..

 

 

Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist.
William Shakespeare

 

Zufall

Der Schmetterlingseffekt ist mit dem Zufall verbunden. Das Gedankenexperiment des Schmetterlingseffekts zeigt uns, dass es nicht gelingen kann, den letzten Grund (und die letzte Wirkung) für irgendetwas zu finden.

Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.
Wilhelm Busch

Und etwas, das uns nicht erklärlich ist, für das wir keinen Grund finden können und das uns daher unberechenbar ist, nennen wir „zufällig“.

Wahrscheinlichkeit

Den Zufall wiederum glauben wir mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit ausschalten zu können. Die Wahrscheinlichkeit nimmt eine später eintretende Wahrheit (Ereignis, Effekt) vorweg, indem sie postuliert, sie müsse mit einer bestimmten Notwendigkeit eintreten.

Somit wird die (noch verschwommen erscheinende) Wahrheit der Zukunft zur Wahrheit des Jetzt.

Man kann das alles aber auch viel einfacher sehen – als eine Sichtweise, der der Mensch ohne eigenes Zutun ohnehin unterliegt, während wir die Wahrscheinlichkeit als unsere menschliche Erfindung sehen. Sehen wir beispielsweise wie sich ein Apfel vom Ast löst, erwarten wir, dass er im nächsten Augenblick auf der Erde auftrifft. Der Wahrscheinlichkeitstheoretiker würde sagen: „Der Apfel trifft mit der Wahrscheinlichkeit 1 (also völlig sicher) auf der Erde auf, wenn er sich einmal vom Ast gelöst hat.“

Wahrscheinlichkeit ist Zufall – Die Welt als Zufall

Doch für die Wahrscheinlichkeit und die Wahrscheinlichkeitsrechnung läßt sich wiederum sagen, was wir bereits für „jedes Ding“ postulierten: auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung hat ihre Wurzeln in der Unendlichkeit und ist nicht zu ergründen, bzw. zu begründen.

Es ist Zufall, welche Grundprämissen man der Berechnung einer Wahrscheinlichkeit zu Grunde legt – und welches Ergebnis man demzufolge erhält. Ob oder ob nicht eine bestimmte Wahrscheinlichkeit überhaupt zur Berechnung kommt, ist wiederum nicht zu begründen – und damit Zufall. Ob man eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellt, könnte man wiederum als das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeit ansehen.

Und … was schließlich ist eine Wahrscheinlichkeit, die niemand kennt, niemand denkt? Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es „da“ oder nicht?

 

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Weil es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und daher letztlich unergründlich, unberechenbar und zufällig ist, ist die Summe aller Dinge, die Welt, zufällig vorhanden.Und schließlich: Wenn es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und das daher letztlich unergründlich ist, dann ist die Summe aller Dinge, also die Welt, auch zufällig vorhanden, nicht wahr? Zumindest aus menschlicher Sicht.

 

 

 

spirealistische Sichtweise

Der Schmetterlingseffekt ist in der spirealistischen Sichtweise überaus selbstverständlich, denn hier kommen die Dinge durch den Gedanken in die Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kommt damit auch in eine Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kann als der Grund von etwas Anderem verstanden werden. Umgekehrt: Was ein Gedanke nicht erfasst kann auch niemals als der Grund von etwas anderem verstanden werden.

Alles Beliebige kann der Grund für etwas anderes sein – weil sich eine Grenze der Gedanken aus menschlicher Sicht niemals ziehen lässt. So kann selbstverständlich auch der Flügelschlag eines Schmetterlings der Grund für etwas sehr Gravierendes sein – vorausgesetzt, das Denken verleiht dieser Logik Existenz. Es ist die spirealistische Grundauffassung, die Welt als Sichtweise zu verstehen – die Welt kommt durch den Gedanken erst in die Existenz.

Anders gesagt: der Mensch ist nicht Beobachter einer äußerlichen Realität, sondern Erschaffer – allerdings nicht gemeint als eine Art Gott. Er ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern Element der Schöpfung. Die Realität, gibt es, abgetrennt von seinem Gedanken, nicht noch einmal „extra“, in objektiver Form.

 

Das angeführte „zufällige Vorhandensein der Welt“ ist im Übrigen letztlich die Umformung des Gedankens an fehlende Objektivität. Es ist das Ding „an sich“ des Kant, das sich nicht finden lässt. Es ist das „Alles fließt“ des Heraklit. Nichts ist erfassbar, das nicht auch anders gesehen werden könnte. Warum also erfassen wir es gerade so, wie wir es erfassen? Warum glauben wir an eine völlige Bestimmtheit eines Dinges das wir beobachten? Weil wir in der materialistischen Sichtweise meinen, ein in sich definiertes Außen vor uns zu haben, wenn wir etwas (ein Ding) beobachten. Doch wir sehen eigentlich: Die Dinge sind nicht ergründlich. Und aus unserer Sicht ist die Welt ein Zufall.

Nebenbemerkung: übrigens ist „die Welt“ in der spirealistichen Sichtweise nicht die Summe aller Dinge, sondern ein Objekt des Denkens wie jedes andere. 

Oder hat Gott einen Plan? Die materialistische Weltanschauung sagt: „Ja!“ Denn „Gott würfelt nicht“, wie Einstein formulierte. Doch der Schmetterlingseffekt ist eine Spielart jener Paradoxien, die das materialistische Weltbild hervorbringt und es gleichzeitig wanken lassen. Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment, das uns über die Wurzeln der Dinge unserer Welt(en) Auskunft gibt, und uns gleichzeitig rätseln lässt.

 

Ähnliches Thema: Artikel Was ist Wahrheit? Wahrheit als Weltanschauung.
Siehe auch: Artikel Letzte Wahrheit – gibt es sie?

Lesen Sie auch: Beitrag Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Weiterlesen: Artikel Die Wahrheit ist das, was im Fernsehen läuft

Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall was last modified: Juni 8th, 2016 by Henrik Geyer