Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität

Yin und Yang allgegenwärtig - Kampf und Einheit der Gegensätze 2 [SPID 4150]

Liebe und Hass, Gott und der Teufel, Schöpfer und Werk, Christ und Antichrist, hell und dunkel, aber auch Konkreteres wie Nazis und Linke, Naturzerstörung und Umweltschutz, Krieg und Frieden, sind Teile des menschlichen Weltverständnisses und stellen sich als unversöhnlich dar. Kann man diese Gegensätze, die Prinzipien von Polarität und Dualität, aufheben, vielleicht durch Verständnis „heilen“?

Polarität und Dualität

Man bezeichnet, was sich als unvereinbarer Gegensatz gegenübersteht als Dualismus. In dem Gastbeitrag Polarität und Dualität ist die Sichtweise der Unterscheidung sehr gut herausgearbeitet, es heißt darin, Zitat:

Polarität wird häufig mit Dualität verwechselt. Dualität bedeutet: eine Zweiheit bildend, in voneinander unabhängiger Gegensätzlichkeit. Im philosophisch-religiösen Bereich ist es die Lehre von zwei unabhängigen ursprünglichen Prinzipien im Weltgeschehen: Gott-Welt, Leib-Seele, Christ-Antichrist usw.  Im Unterschied hierzu sind Polaritäten nie voneinander unabhängig.

Man sieht hier bereits die Denkschwierigkeit, die sich aus dem Begriff der Dualität ergibt. Was ist dieses Etwas, das der genaue Gegensatz von etwas anderem ist, aber von diesem Anderen völlig unabhängig?

Aus spirealistischer Sicht ist ein unauflöslicher Widerspruch, ein unabhängiges Gegensatzpaar, nicht möglich. Denn, gerade wenn man etwas in einem genau gegenteiligen Verhältnis sieht, wird zweifellos ein starkes Verhältnis daraus begründet. Und ein Verhältnis lebt von der Stellung der Teile zueinander, von Unabhängigkeit kann keine Rede sein.

Man kann sich das wie folgt vorstellen, zum Beispiel im Denken eines Christen: Wie soll es einen Gott geben, ohne Welt? Die wichtigste Eigenschaft Gottes ist es ja gerade, die Welt erschaffen zu haben. Und umgekehrt : wie soll es eine Welt geben ohne Gott? Wenn Gott das welterschaffende Prinzip ist, so muss es ihn wohl geben, oder ist die Welt vielleicht nicht „da“? Wenn die Welt nicht erschaffen ist, worüber reden wir dann? Wie man die Welt sieht, so sieht man Gott – und umgekehrt.

Oder so: Wie soll es das Gute geben ohne das Böse? Die Eigenschaft des Guten ist es ja gerade, nicht böse zu sein. Und umgekehrt. Je böser das Böse desto besser das Gute.

Oder, ganz weltlich, so: wie kann es Kommunisten geben ohne Faschisten? Wie kann es Reich geben ohne Arm? Auch hier bedingen sich die gegensätzlichen Paare – in einem armen Land ist reich, wer ein paar Ziegen hat. In einem reichen Land ist reich wer viele Millionen hat.

Und: wären alle reich, gäbe es keine Reichen mehr. Denn wo wären die Armen, die zum Bestehen des Reichen unabdingbar sind?

Im Spirealismus formuliere ich das Prinzip des Sich-gegenseitigen-Bedingens, und gleichzeitig Sich-gegenseitig-Ausschließens, so:

Es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Das Eine kann nicht ohne das Andere sein.

Diese Sichtweise ist dem Einzelnen meist völlig unverständlich. Er fragt sich, vielleicht als Kommunist: „Was habe ich mit den Faschisten zu tun?“ Oder als Klerikaler: „Was habe ich, der ich ein guter Christ bin, mit dem Teufel zu tun?“

Die Unvereinbarkeit von beidem kommt in folgendem Satz zum Ausdruck, der zum obigen Zitat zwingend hinzugehört:

Das Eine kann nicht das Andere sein.

Das bedeutet, dass sich ein Etwas, was immer es sein mag, als etwas definiert, das in einem Verhältnis zu etwas anderem steht. Das zwingende Grundverständnis eines Verhältnisses ist, das es aus mehreren Elementen bestehen muss, die sich unterscheiden. Es gibt kein Verhältnis zwischen völlig gleichen Dingen. Noch einmal: Das Eine kann nicht das Andere sein.

Sichtweisen im Wettstreit – konkrete Auswirkung

Im Konkreten bedeutet das: Hätte der Kommunist so viel Verständnis für den Faschisten, dass er sich ihm auf die größtmögliche Art und Weise annähert, dann wäre er selbst ein Faschist. Aber es kommt noch ein Aspekt hinzu: angenommen alle Kommunisten würden das tun, dann verschwände der Faschismus. Wo bliebe er? Er würde als Gegenteil von etwas anderem nicht mehr wahrnehmbar sein.

Kann man sich das vorstellen? Das ist schwierig, aber lassen Sie uns diesen Gedanken dennoch kurz zu Ende denken.

Wenn alle Menschen Anhänger des Faschismus würden, wo bliebe dann die Ungerechtigkeit des Faschismus? Anhänger zu sein bedeutet doch Zustimmung, wohingegen allein die Vorstellung von Ungerechtigkeit die ist, dass man mit ihr nicht einverstanden sein kann.

Am oben Gesagten ist folgende Erkenntnis wichtig:

  • Das Aufheben der Gegensätze ist uns nicht möglich. Wir Menschen sind diesbezüglich begrenzt, sind gefangen.  Um es religiös zu sagen: Wir können nicht Gott sein. Wir können uns aus einer Position nicht „lösen“, die die Grundbedingung unseres Seins ist.

In meinen philosophischen Aussagen habe ich es immer so formuliert:

Wir sind Element der Schöpfung, nicht Beobachter der Schöpfung.

  • Andererseits muss uns zweitens möglich sein, die Gestalt der Gegensätze, ihre Position zueinander, zu beeinflussen. Das aber offensichtlich erst dann, wenn man Punkt 1 tatsächlich versteht. Denn andernfalls ist man das Element, aus dem heraus die Polarität unerkannt fließt, und was man als den eigenen Willen sieht, als die eigenen Entscheidungen, oder auch als das Wirken des Äußerlichen (das Wirken der Natur), ist das, was sich aus dem Zwangsläufig-Polarisierenden des Selbst ergibt.

Element der Schöpfung

Als Element der Schöpfung, muss man sich selbst als Etwas verstehen, durch das hindurch die Schöpfung erst zu Stande kommt. Nur in dieser Sichtweise ist es möglich, Verständnis für das uns eigentlich rätselhafte Prinzip des Selbstbezuges, der weitere Aussagen unmöglich macht, zu gewinnen.

Dieses Prinzip wird versinnbildlicht durch den Ouroboros, eine sich selbst verschlingende Schlange. Man denke auch an das Wort Tautologie – es bezeichnet in der Logik eine Herleitung aus sich selbst, also etwa: Etwas ist eins, weil es eins ist. Oder das bekannte literarische „eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ In der Logik ist dies eine nutzlose Herleitung, denn das Ergebnis des logischen Schließens sagt nicht mehr, als sein Ausgangspunkt. Andererseits aber kennt die Logik keinen klaren Urgrund für nur den kleinsten und alltäglichsten Gegenstand. So dass man sagen kann: Die Dinge der Welt, so fest und klar umrissen sie auch scheinen, haben ihre Wurzeln im Unbestimmten, in der Unendlichkeit. Alles trägt daher, in der Tiefe, den Charakter des Tautologischen.

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ – diese Aussage ist richtig. Richtig aber in einem Sinn, wie man diesen Satz meist nicht versteht. Meist wird der Satz verstanden als: man müsse nicht weiter erklären, was die Rose ist, denn mit dem Wort Rose sei das Wichtige bereits gesagt.

Richtiger hingegen ist es zu sagen: es kann nicht erklärt werden. Denn wir sind Element der Schöpfung. Was wir über die Rose sagen kommt durch uns in die Welt, ist eine Schöpfung. Die Rose existiert nicht in dem von uns gedachten Sinn, in Zeit und Raum, von uns unabhängig. Sondern sie entsteht durch uns, durch Denken. Was die Rose in einem objektiven Sinn sein könnte, jenseits unseres Denkens, ist niemals ermittelbar, denn Objektivität existiert nicht (für uns), ebenso wenig wie ein Denken jenseits des Denkens.

Es gibt nichts Beobachtbares, das vom Beobachter unabhängig wäre.

Yin und Yang

Und so entsteht der Gegensatz der Dinge aus uns. Warum? Weil Teil der Rose wir selbst sind. Was wäre die Rose ohne uns, ohne den, der sie denkt, der sagt: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose..“?

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Und hier kommen wir wieder auf den uns eigentlich unerklärlichen Widerspruch, den die sich selbst verspeisende Schlange verkörpert.
Einerseits beißt sich die Schlange in den Schwanz und verspeist sich selbst, zurück bleibt Leere. Andererseits ist die Schlange im Verspeisen begriffen und solange dieser Zustand anhält, ist sie auch „da“. Gleiches gilt für „die Welt“, denn der Ouroboros versinnbildlicht die Welt in ihrem grundlegenden Prinzip.

Man kann den Ouroboros auch als Verkörperung des dialektischen Prinzips sehen, bei dem aus dem Kampf (bei gleichzeitiger Einheit!) der Gegensätze das stets Neue entsteht, das Dritte.

Man kann es auch so formulieren: Die Schlange beinhaltet sich selbst, und doch ist sie von sich verschieden. Die Schlange verspeist die Schlange – da sind zwei: da ist erstens die Schlange die gerade etwas verschlingt, und da ist zweitens der Gegenstand ihrer Gier. Zählen wir noch das Ergebnis des Augenblicks hinzu, eine Schlange die halb da ist und halb aufgefressen, sind es drei.

Man kann das Symbol des Ouroboros auch in das Symbol des Yin und Yang übersetzen – Ouroboros und Yin/Yang ähneln sich – das Eine durchdringt das Andere, das Eine ist im Anderen. Ohne das Eine nicht das Andere und umgekehrt.

Yin und Yang [SPID 4000]Es ist nicht genau dasselbe, ob man von völliger Vermischung spricht, oder ob man sagt, die Gegensätze durchdringen sich ununterscheidbar und bleiben als Gegensätze dennoch intakt. Yin und Yang, auch Ouroboros, verkörpern den unauflösbaren Widerspruch für das materialistische Denken, verkörpern ein Paradox – und dennoch charakterisieren sie die Beschaffenheit der Welt auf die bestmögliche Weise.

Man bedenke: wenn Yin ununterscheidbar im Yang aufginge – was wäre dann „da“? Die Antwort ist: Nichts! Bildlich überlegt könnte man sich vorstellen, dass sich schwarz und weiß zu grau durchmischen. Was wiederum wäre grau auf grau? Grau wäre nur erkennbar als Gegensatz zu etwas anderem – und da sind sie wieder: Die existenziellen (für die Existenz notwendigen) Gegensätze. …. Und das Prinzip der Gegensätze wiederum ist eben durch Yin und Yang bereits verkörpert.

Das bedeutet: Das völlige Verschmelzen der Gegensätze ist Aufgehen in Allem, ist Nirvana, ist Tod. Das Existieren der Gegensätze ist selbst Existenz.

 

Aus der Existenz der Gegensätze, die durch uns in die Welt kommen, können wir uns nicht lösen. Wir können sie nicht im eigentlichen Sinn „überwinden“. Wir können sie lediglich in der Schärfe der Trennung mildern – und haben dafür nur ein Werkzeug: Verständnis.

Verständnis, eben für das dargelegte Prinzip, nämlich, dass das Eine das Andere bedingt, und zwar in zwei Richtungen: Das Eine kann nicht das Andere sein, aber das Eine kann auch nicht ohne das Andere sein.

Polarität ist der Urgrund und die Urbedingtheit der Welt.

Polarität und Dualität – es gibt nur Polarität

Aus diesem Grund habe ich den Artikel überschrieben mit „Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität“.

Es gibt keine Dualität im Sinne eines objektiven Gegensatzes. Ein Gegensatz also, der außerhalb und unabhängig von uns vorhanden wäre … und daher uns unauflösbar. In uns entstehen die Gegensätze und in uns und mit uns lösen sie sich auch auf.

Etwas, das von etwas anderem unabhängig wäre, und gleichzeitig in einem Zusammenhang gedacht wird, existiert nicht. Etwas, das der unbedingte und unauflösbare Gegensatz von etwas anderem ist, kann nicht sein – jedenfalls nicht außerhalb von uns selbst.

Was ich mit dem oben Gesagten darlegen will, ist, dass die Überlegungen zu Polarität und Dualität erstens in unserer Welt sehr konkrete Auswirkungen haben. Wenn man über Gott und den Teufel spricht, über den Schöpfer und die Schöpfung, dann klingt das alles sehr vage und theoretisch. Wenn man aber über Rechts und Links spricht, Kommunismus und Faschismus, Krieg und Frieden, das Richtige und das Falsche tun, im Jetzt, dann nehmen diese Überlegungen eine viel konkretere Form an und man erkennt ihre Wichtigkeit. Man kann diese Überlegung als eine Grundhaltung in der täglichen Auseinandersetzung gut nutzen, ich will in einem weiteren Artikel konkretisieren, auf welche Weise.

Lesen Sie weiter: Polarität überwinden – Lehre des Spirealismus

 

 

 

Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität was last modified: Oktober 3rd, 2016 by Henrik Geyer