Polarität überwinden

Polarität - Yin und Yang, aus einem hellen Ursprung kommend .. Starburst [SPID 4516]

Im Beitrag Polarität und Dualität habe ich über die Widersprüchlichkeit der Welt gesprochen, deren Quelle wir selbst sind. Ich habe darüber gesprochen, dass es unauflösbare Widersprüche nicht gibt, und dass das gegensätzlichste Widerspruchs-Paar wie gut und böse, Gott und Teufel, Kommunist und Faschist, doch immer in einem engen Zusammenhang stehen.

Gleichzeitig habe ich darüber gesprochen, dass sich der Mensch, der Element der Schöpfung ist und nicht Beobachter der Schöpfung wie er selbst meint .. er kann sich daher aus der Widersprüchlichkeit nicht lösen. Denn, Widersprüchlichkeit ist seine Seinsbedingung.

Yin und Yang als das Zeichen der Polarität in ihrer Einheit

Ich habe das obige Bild hinzugefügt, um dem eine Vorstellung beizugeben. Alles entstammt einer Quelle, im Bild ist es der Mittelpunkt. Im Mittelpunkt sind die Dinge undefiniert, alles ist möglich – das ist der Ursprung des Seins. Nach außen hin diversifizieren sich die Dinge, die Gegensätze treten auf und werden stärker, verfestigen sich. Das ist das Sein, so wie wir es kennen. Mit festen Begriffen, aber auch notwendigen Gegensätzen.

Die Widersprüchlichkeit in ihrer Einheit ist symbolisiert durch das Yin und Yang. Yin und Yang gehören zusammen, sind eins, doch sie sind sich scheinbar unversöhnlich in dem Sinn, dass, würden sie tatsächlich verschmelzen, dies das Ende ihres SEINS wäre. Denn es gibt kein Yin ohne Yang und umgekehrt. Und die Melange aus beiden wäre quasi der helle Fleck des Mittelpunktes … es wäre das Nichts im irdischen Sinn.

Das Bild soll verdeutlichen, dass es einen notwendigen Zusammenhang des Seins mit der Polarität gibt, also, den im Sein auftretenden Widersprüchen.

Die Lehre des Spirealismus

Doch was ist dann die Lehre des Spirealismus? Wie soll man denn die Polarität überwinden? Wird das Gute schließlich obsiegen? Wird ein allumfassender Glücksstaat den Kapitalismus ablösen? Wird es einen Zustand ewigen Friedens geben, oder müssen wir mit Krieg rechnen?

was ist richtig, was ist falsch?

Wenn man die Welt aus uns selbst hervorgehen sieht, den Menschen als die Quelle der Welt, dann wird begreiflich, dass sich, so verstanden, die Frage nach Schuld und Sühne, richtig und falsch, schlecht stellen lässt. Denn das Richtige kann nicht ohne das Falsche sein. Wer trägt nun die „Schuld“ am Falschen? Etwa das Richtige? Wer ist schuld am Mord? Der Ermordete? Das zu denken ist schwierig.

Zum Beispiel bedeutet das in Bezug die politische Diskussion, dass es linke Politik ohne ihren Gegenpart, die Rechte, nicht geben kann. Und umgekehrt. Das wird beiden Gruppen nicht schmecken, denn jede glaubt sich im Besitz eines einzigartigen, ganz eigenen Rechtes, im Besitz des (jeweils anders verstandenen) Guten, u.s.w.. Der Linke wird sagen, die Rechte sei alles das, was er hasst. Und der Rechte sagt das ebenso über die linke Bewegung.

Oder aber, auch das kennen wir aus dem Alltäglichen, wird derjenige, der die Liebe als das alleinig anzustrebende Prinzip ansieht, sagen, man dürfe nicht hassen. Doch Liebe und Hass sind eben gar nicht nur Gegensätze. Sie entspringen der selben polarisierenden Quelle: uns. Und sie benötigen einander, um sein zu können.

Die Polarität entsteht aus uns

Wenn ich soeben sagte, dass wir selbst die polarisierende Quelle sind, ist die Antwort auf die Frage was zu tun ist, gegeben: nicht polarisieren!

Jedoch muss man sich eben darüber klar sein, dass das polare Prinzip, man könnte auch sagen, die Welt der Zusammenhänge in gleichzeitiger Gegensätzlichkeit das Seinsprinzip ist. Das bedeutet, wir können gar nicht anders, als zu polarisieren. Indem wir sind, „tun“ wir es.

Erst wenn wir uns wirklich darüber klar werden, Element der Schöpfung zu sein, und nicht Beobachter, wenn wir dieses Prinzip verstehen, verinnerlichen und vor allem akzeptieren, dann kann uns das ein Werkzeug in die Hand geben, den Urprinzipien unserer Welt gerecht zu werden und ihnen gemäß zu leben. Ihnen gemäß zu leben – das bedeutet nicht etwa, sie außer Kraft setzen zu wollen!

Nicht gut sein wollen

Die Polarität liegt sowohl im Guten wie im Bösen. Das zu begreifen, darum geht es.

Alle Menschen wollen gut sein. Alle Menschen sind immer gut – aus ihrer Perspektive. Alle Menschen haben aus der eigenen Perspektive immer Recht. Das Gute, das Richtige, das wollen sie tun, und das tun sie, darauf kann man sich verlassen. Selbst der „böseste“ Mensch ist doch aus seiner Innensicht ganz erklärlich, ist nicht böse, sondern gut. Doch das Gute und Richtige der einen Perspektive ist das Böse und Falsche der anderen.

Im Guten, im Kampf für das Gute, liegt das Böse. Das eigentliche Übel der Welt sind die Kämpfe, die unversöhnlichen, bis aufs Blut geführten Kämpfe. Doch wir können uns aus der Notwendigkeit zu kämpfen nicht lösen. Wir können die Kämpfe aber in geordnete Bahnen führen. In der Gesellschaft ist beispielsweise ein Kampf, der mit parlamentarischen Mitteln ausgetragen wird, ein ganz anderer, als ein mit Waffengewalt ausgetragener Kampf.

Daher ist es falsch, zu polarisieren. Es ist falsch, gut sein zu wollen. Es ist natürlich auch falsch, böse sein zu wollen, doch man bedenke: wer will schon böse sein. Wollen denn nicht alle immer das Richtige aus ihrer Perspektive?

Es ist das überbordende Streben nach etwas, das eigenes oder fremdes Leiden in die Welt bringt.

Es gibt einen taoistischen Text, der dieses Geheimnis sehr schön ausdrückte; ich las es einmal – er lautet etwa so:

Versuche nicht, besonders gut zu sein, denn damit würdest du dich hervorheben.

Versuche nicht, dich hervorzuheben, denn dadurch würdest du bewundert werden.

Versuche nicht, Bewunderung zu erlangen, denn dadurch wirst du stolz.

Versuche nicht, stolz zu sein, denn damit wirst du geltungssüchtig und aufbrausend. Durch Geltungssucht und aufbrausenden Charakter kommen Unfrieden und Kummer in dein Leben – und in die Welt.

 

Polarisierung erkennen und vermeiden

Versuche nicht besonders gut zu sein [SPID 4004]

Nun wird jeder beim eben Gesagten feststellen, dass es geradezu unser Streben ist, uns hervorzuheben. Wir wollen stolz sein, wir wollen bewundert werden! Oder etwa nicht?

Unfriede und Leid sind seit Urzeiten Begleiter der Menschheit. Den Menschen scheinen sie von anderswo zu stammen, manche machen Gott dafür verantwortlich. Doch müssen wir, wenn wir ehrlich sind, doch sagen, dass Unfriede und Leid nur aus uns sein können!

So gesehen leuchtet die besprochene Sichtweise wohl besser ein: das Geheimnis, dass Dinge mit uns geschehen, die wir eigentlich nicht wollen, kann nur in etwas liegen, das uns gleichermaßen bekannt wie geheimnisvoll ist: Unser eigener Wille und unser eigenes Tun.

Unser eigener Wille und unser eigenes Tun ist geheimnisvoll? Ich ahne: wenige werden das so sehen. Doch, es sehen zu können bedeutet zu verstehen, was es bedeutet zu sagen: Wir sind Elemente der Schöpfung – nicht ihre Beobachter! Es ist eine Schöpfung, die aus Polarisierung besteht und entsteht. Indem wir sind, polarisieren wir. Jede unserer Meinungsäußerungen negiert etwas anderes, und zwar etwas, das sich spätestens in dem Moment bildet, wenn wir uns festlegen – als das Gegenteil. Der Streit zwischen den Gegensätzen ist das Wesen und der normale „Betriebszustand“ der Welt.

Was wir tun können, um Leid und Unglück von uns selbst und von den uns Nächsten fernzuhalten, ist, übergroße Polarisierungen zu vermeiden. Streit aus dem Wege gehen, nicht kämpfen wenn es nicht sein muss, nicht leichtfertig die Gewichte der Welt verschieben.

Die Grenzen des Ich akzeptieren

Die Begrenztheit des Menschen, die Grenzen seines Ichs zu akzeptieren, darin liegt eine der wichtigsten Lehren, die der Spirealismus hat.

Denn das oben Gesagte zeigt uns, dass wir keineswegs unsere eigenen Wirkungen, die wir auf die Welt und die Dinge haben, durchschauen. Vorsicht und Zurückhaltung sind daher oberstes Gebot.

Wir müssen nicht nur Rücksicht nehmen auf andere, deren Grenzen und Begrenztheiten, müssen nicht nur bedenken, dass aus zu viel eigenem Stolz Neid und Feindschaft im anderen erwächst. Sondern wir müssen auch für uns selbst das Gleiche bedenken. Setzen wir uns mit jemandem in Verbindung der stolz ist, so wächst Neid und Feindschaft in uns selbst.

Nur wer sich mit den Grenzen des Ich beschäftigt, sie schließlich akzeptiert, und nicht, wie es heute üblich ist, sich für einen gottgleiches Wesen hält, dessen Geist dazu geschaffen ist alles zu wissen und alles zu erkennen, kann die nötige Zurückhaltung und Genügsamkeit aufbringen, um Unfriede und Unglück zurückzudrängen.

Das Beste und Herrlichste, wozu man in diesem Leben gelangen kann, ist, daß du schweigst und Gott wirken und sprechen läßt.
Meister Eckhart

Ist das Zynismus?

Wie man sieht, ist das genau das Gegenteil dessen, was die moderne Welt für erstrebenswert und zwingend hält.  Der einem Gotte gleiche Mensch, der vorwärts stürmt, ist geradezu das Idealbild des Menschen seit der Aufklärung. Und nun sieht der Spirealismus hier eine Gefahr…

Das oben Gesagte mag, so gesehen, wie als zynische Ablehnung der großartigen Menschheitswerte der Gegenwart wirken.

Doch man bedenke: Die Welt in ihrem Wirken kann durch uns nicht beeinträchtigt werden, denn wir selbst sind die Elemente aus denen sie entsteht. Die Welt – das sind eben nicht nur wir Menschen. UNSERE Welt kann durch uns eine andere Form bekommen, aber wichtig ist das für „die Welt“ nicht. Nur für uns ist es wichtig, die wir Stabilität und Ruhe suchen, und keineswegs den Krieg. Um UNSERE Welt zu gestalten, müssen wir uns selbst unseres polarisierenden Wesens bewusst sein.

Also, so lautet die unabdingbare Folgerung, müssen wir unsere Wünsche überdenken, das überdenken, was wir für wahr und erstrebenswert halten. Anders geht es nicht.

Die Welt ist immer im Ausgleich

Wir müssen erkennen: die Welt ist immer im Ausgleich, ob nun mit oder ohne uns. Wir können uns bemühen, die Sinnhaftigkeit der Polarisierung in uns und im anderen zu erkennen, um sie nicht zu stark werden zu lassen – und zwar zu unserem eigenen Besten.

Wir müssen das aber im eigentlichen Sinn nicht tun, und würden den Unterschied nie begreifen. Denn die Welt ist ohnehin immer das, was wir in ihr sehen. Sehen wir in ihr eine Welt in der Kummer und Unfrieden unerklärliche Notwendigkeiten sind, so ist sie das. Sehen wir in der Welt etwas, das in Harmonie ist, was immer passiert, dann ist sie das ebenfalls.

Wenn Krieg und Hunger die Welt verheert, dann scheint uns die Welt wie aus den Fugen geraten. Doch das ist sie im eigentlichen Sinn nicht, ist sie nie. Würden wir Menschen verschwinden, dann geht der Prozess, aus dem alles entsteht, dem auch wir entspringen, ungestört weiter.

Soweit wir es beeinflussen können, muss unser Interesse darin liegen, die eigene polare Sichtweise mit der allgegenwärtigen Harmonie in Einklang zu bringen. Die Widersprüche, die wir überall sehen, sind immer an zwei Stellen auflösbar: im anderen und in uns selbst.

Sich selbst nicht überfordern

Es ist immer leichter, Dinge bei sich selbst zu bewirken, als im anderen. Aber, da man keineswegs uneingeschränkter Herrscher der eigenen Gedanken ist, polarisiert man, indem man das Rechte tut, sich aber jedoch selbst oder andere überfordert. Das sollte man im eigenen Interesse nicht tun. Man darf nicht versuchen, aus der zwangsläufigen Wechselwirkung, der immerwährenden Harmonie, herauszutreten; das kann nicht gelingen. Denn das wäre wieder die unzutreffende Vorstellung des Menschen von sich im materialistischen Weltbild: Der Mensch als der geniale Beobachter…

Nein, wir sind nicht Beobachter, sondern Teil. Wir müssen wissen, dass das, was im anderen ist, schließlich auch im Selbst auftritt. Wir selbst sind die Elemente, in uns und durch uns treten die Widersprüche auf, in ihrer Einheit. Der Hass des anderen wird zu meinem Hass, die Liebe des anderen wird zu meiner Liebe. Und umgekehrt. Man kann nichts denken, das vom Denken der anderen, des anderen, abgekoppelt wäre. Alles ist Geist, und wir sind ein Teil des Geistes.

Daher muss man darauf achten, mit wem und mit was man sich (auch räumlich) verbindet. Daher muss man sich selbst Freiräume zugestehen, darf Grenzen haben, muss Grenzübertritte nicht zulassen. Und man sollte anderen zugestehen, es ganz genauso zu halten, denn der Friede des anderen ist schließlich auch mein Friede.

Man darf sich nicht überfordern, muss nicht Jesus gleich sein – man kann es nicht sein. Man muss nicht jedermanns Freund sein. Man sollte nicht versuchen besonders gut zu sein. Umgekehrt sollte man Feindschaften meiden. Feindschaften, die man in anderen beobachtet, sind ein guter Indikator für mangelndes Verständnis – Verständnis dafür, dass die Kräfte, die im eigenen Inneren wirken, auch im anderen sind.

 Die Notwendigkeit der Harmonie sehen – Karma

Die Notwendigkeit der Harmonie liegt in unseren Wünschen, in nichts sonst. Die Narur, Gott, ist ohnehin in Harmonie. Wir selbst wünschen uns ein harmonisches Sein.

Der Begriff des Karma ist verbunden mit der Einsicht, dass jedes Tun, jeder Gedanke, Folgen haben muss. Karma ist das Bild eines ewigen, uns weitgehend unsichtbaren Kreislaufes von Wechselwirkungen. Alles hat miteinander zu tun, nichts ist wirklich getrennt – auch wenn wir das weder sehen noch verstehen können, denn unsere Welt ist die der Gegensätze.

Man muss es aber wissen: Nichts, was man tut, ist wirkungslos. Alles was einem geschieht, hat auch einen Grund.

 Ausgleich, Integration durch Verständnis

Hier liegt die so oft im Religiösen besprochene „Schuld“ des Menschen: Er kann sich nicht aus seiner polaren Sichtweise lösen. Was immer er tut, bringt nicht nur das Gute hervor, sondern genauso das Böse. Beides nicht zu stark werden zu lassen – das ist Verständnis der Polarität. 

 

Polarität überwinden was last modified: Dezember 21st, 2016 by Henrik Geyer