Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen

Philip K. Dick - die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen [SPID 4408]

Wenn es um den Sinn für das Paradoxe geht (auch manchmal provokativ-drastisch Mindfuck genannt), dann ist Philip K. Dick unbedingt zu nennen. Er ist einer der Menschen, die geradezu ihr ganzes Leben dem Ergrübeln des Wesens der Realität widmeten.

Die rote und die blaue Pille – Tore zu verschiedenen Universen

In dem Film „Matrix“ wird der Held Neo mit der Tatsache konfrontiert, dass, welche Art von Welt er bewohnt, eine Frage der Medikation ist. Je nach Art der Pille, die er schluckt (ihm wird eine rote und eine blaue Pille zur Auswahl gestellt), wird sich seine Realität formen. Und: es wird eine jeweils ununterscheidbare Realität sein …. ununterscheidbar von einer anderen, richtigen, wirklichen Realität.

Anders gesagt: Realität ist Realität, es gibt nur eben verschiedene Realitäten. Nicht die Realität ist Eins – wir Menschen sind eins, und die Realitäten in uns sind Viele …

Die blaue Pille wird ihn in eine Welt des Komforts gleiten lassen, die rote Pille hingenen wird ihm die ganzen Möglichkeiten offenbaren, die die Realität anzunehmen in der Lage ist. Das wird ungemütlich, aber auch interessant! Mit Hilfe der roten Pille wird er sehen, wie tief „das Kaninchenloch“ ist, das von der oberflächlichen Welt in die dahinterliegenden Universen führt. Das „Kaninchenloch“ (rabbit hole) ist übrigens wiederum ein Zitat aus „Alice in Wonderland“, der Geschichte eines Mädchens, das, einem Kaninchen in dessen Bau folgend, in eine unterirdische, abenteuerlich-märchenhafte Traumwelt gerät.

Philip K. Dick hat nicht das Script zum Film Matrix geschrieben, aber der Film ist wie eine Aneinanderreihung von Sujets des berühmten Autors.

Philip K. Dick

Philip K. Dick war ein amerikanischer Autor, der sich um die Science Fiction Literatur sehr verdient gemacht hat. Seine Bücher führten mehrfach zu großartigen Filmen, beispielsweise dem Film Blade Runner, oder dem Film Minority Report.

Philip K. Dick war drogenabhängig, was manchen seiner Kritiker dazu verführt, den Wert des Schaffens Dicks gering zu nennen. Doch Dick war ein Visionär; die Frage „Was ist die Realität?“ war sozusagen das Thema seines Lebens. Und, wie sehr viele große Schriftsteller, die letztlich abhängig von Drogen waren, meist Alkohol, war auch er ein Manipulator des Geistes – und konnte daher aus erster Hand davon berichten, dass das, was gemeinhin „die Realität“ genannt wird, gar nicht Eins ist, sondern Vieles.

Man könnte auch sagen, dass er seine Drogensucht in einer konstruktiven und produktiven Weise verarbeitete. Ich glaube, dass die Visionen Dicks in mancher Hinsicht unverstanden und unterbewertet sind – wer diesen Blog kennt, wird das sicher verstehen. Denn hier geht es ja häufig, im Rahmen des Spirealismus, um die Realität. Was Dick oft als Frage formuliert, ist mir Grundüberzeugung, und ich glaube, dass, wenn die Menschen erst wirklich begreifen, dass „die Realität“ nicht Eins ist, sich wichtige und revolutionäre Ableitungen daraus ergeben werden, und zwar auch ganz wissenschaftlicher Art. Dick hat einige davon visionär in seinen Büchern vorweggenommen.

Philip K. Dick war schwer tablettenabhängig, er benutzte Drogen jeweils, um arbeiten zu können, um schlafen zu können, um wach zu werden, etc.. Folgerichtig tauchte in seinen Büchern häufiger das Motiv auf, dass jemand eine Tablette schluckt, und daraufhin in einer andere Realität gerät, die ihr Real-Sein dadurch kenntlich macht, dass sie bis ins letzte Detail und in die letzte Konsequenz folgerichtig ist, nur eben auf eine fremd erscheinende Art.

Ubik

Ein für Dick typisches und sehr gut lesbares Buch ist Ubik.

Achtung Spoiler Ubik ist ein Mittel (Droge), das man einnimmt, um ganz bestimmte Realitäten zu erzeugen, andere zu verdrängen. Als hintersinniger Effekt des Buches wird dem Leser erst am Ende klar, dass das Mittel Ubik nicht in der wirklichen Welt eingenommen wird, sondern in der Welt, bzw. der Realität, von der der Leser bis dahin annahm, es sei die nicht-wirkliche. Und es fragt sich natürlich .. in welche Realität führt Ubik eigentlich? Die erste oder die zweite? Oder eine Welt der unendlichen Variabilität?

Blade Runner

Der Text, der dem Film Blade Runner zu Grunde liegt, trägt eigentlich nicht den Titel Blade Runner, sondern: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Wie der Titel im Grunde schon verrät, geht es wieder um die Frage des Bewusstseins. Philip K. Dick setzt voraus, dass eine künstliche Intelligenz auch Willen und Wünsche haben muss; wovon träumt sie wohl? Was ist ihr eine notwendige Anschaffung (vielleicht ein künstliches/elektrisches Schaf?), was ist ihr ein Must-See, u.s.w.?

Interessant wird es in Blade Runner, wenn es um die tiefsinnige Frage geht, woran genau man künstliche Intelligenz erkennt, wenn man sie vor sich hat? Die Fabel, künstliche Intelligenz müsse weniger intelligent sein als der Mensch, entpuppt sich in diesen Tagen als falsch. (Man denke an Google, dem geradezu jede Frage gestellt werden kann, und diese Frage wird von Google in einer Weise beantwortet, wie das kein einzelner Mensch je könnte. Was Google fehlt, um als Mensch wahrgenommen zu werden, ist eine Art menschliche Stimme, doch, hat Google diese, wird Google zunehmend ununterscheidbar von einer „richtigen“ Intelligenz. Kommt jetzt noch ein Element hinzu, das man von jedem Menschen kennt: das Nicht-Vorhersagbare, man könnte auch sagen: der Zufall, dann wird eine solche vernetzte Maschinenintelligenz zu einem erfindungsreichen Partner, ununterscheidbar von einem „sehr klugen Typen“.)

Interessant ist in Blade Runner natürlich auch die Frage (die Philip K. Dick vielleicht als einer der ersten formulierte), welche moralische Einstellung der Mensch gegenüber künstlicher Intelligenz eigentlich einnehmen wird. Darf man sie einfach vernichten, in der Art eines Blade Runners, d.h., eines auf das Stilllegen von Maschinenmenschen spezialisierten Detectives .. eigentlich müsste man sagen: Killers?

Thema Blade Runner: Verloren wie Tränen im Regen

Eye in the sky – das Auge des Schöpfers

Eye in the Sky ist ebenfalls ein interessantes Buch von Philip K. Dick. Eine Gruppe von Personen wird durch einen Unfall in einer technischen Anlage in eine geistige Welt einer anderen Person hineinkatapultiert, eine Welt, in der religiöse Werte eine sehr direkte Macht bekommen. Gott existiert, und zuweilen erscheint sein Auge tatsächlich am Himmel. Gehaltsabrechnungen gibt es nicht, man muss um Geld beten, das dann wie Manna vom Himmel fällt. Autos fahren durch Gottes Kraft, man steuert sie durch Gebete.

Dieser Text erinnerte mich an die spirealistische Aussage, dass Wissenschaft und Religion im Grunde nicht verschieden sind. Beide begründen sich aus einem Funktionieren in der „wirklichen“ Welt – man kann nicht sagen, dass Religion nur Aberglaube sei, im Gegensatz zur objektiven Wahrheit der Wissenschaft, und zwar wenn man zweierlei (oder auch nur eins davon) irgendwann verstanden hat, bzw. am eigenen Leib erlebte:

Erstens gibt es keine objektive Wahrheit, es gibt nichts Objektives

Zweitens ist Religion wirksam, und zwar in dem Sinne, dass das, was man glaubt, auch die subjektive Realität ist. Umgekehrt kann man nichts anderes von der Wissenschaft sagen – auch der Glaube vieler Menschen (=Wissen) ist subjektiv, oder besser gesagt supersubjektiv; entscheidendes Kriterium der Wissenschaft ist, dass sie funktioniert.

 

Das Motiv in Eye in the Sky, dass die Menschen in der Vorstellung eines Dritten dessen subjektive Welt bewohnen, ist letztlich das spirealistische Konzept der Ich-Universen. Das Andere, z.B. andere Personen, Dinge etc., sind nie etwas anderes, als das, was der Einzelne subjektiv darüber denkt. So gibt es keine zwei völlig gleichen Ich-Universen, und die einzelne Sichtweise auf die Dinge und die Kausalität der Welt, unterscheidet sich stets.

Philip K. Dick formulierte das einmal so:

Zitat Dick: Die Science Fiction ermöglicht es dem Schreibenden, etwas, das eigentlich ein innerliches Problem ist, in eine äußere Umwelt zu projizieren; er tut das in Form einer Gesellschaft oder eines Planeten, und hier hausen jetzt praktisch alle, die vorher in dem einen Kopf gesteckt haben. Ich mache niemandem einen Vorwurf, wenn ihm dies nicht zusagt, denn der Kopf von so manch einem von uns ist nicht unbedingt der Ort, wo man sich gerne aufhält. Aber andererseits: Was für ein nützliches Werkzeug ist das doch für uns – um zu begreifen, dass wir nicht alle in derselben Weise das Universum sehen, ja gewissermaßen nicht einmal dasselbe Universum.

 

 

 

 

 

 

 

 

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer