Konstruktivismus und Wille

Konstruktivismus ist jene philosophische Denkrichtung, die davon ausgeht, dass sich die Wirklichkeit als Denkkonstruktion generiert. Insofern ist sie dem Spirealismus scheinbar recht verwandt, denn jener geht ja davon aus, dass alles Geist ist. Oder, anders formuliert:

Die Dinge sind, was wir über sie denken

noch anders formuliert:

Es gibt nicht die Unterschiedlichkeit: Dort objektiver Gegenstand, hier der diesen Gegenstand spiegelnde Geist. Sondern, alles ist Geist.

noch anders formuliert:

Der Mensch ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern Element der Schöpfung. (Mithin ist er nicht dazu gemacht, die Schöpfung zu sehen, zu erlernen, sie geistig widerzuspiegeln, zu beurteilen, sondern, er ist originärer Teil der Schöpfung und schöpft, während er glaubt nur zu beobachten)

noch anders formuliert:

Wenn es gar keine eindeutige Materie gibt, sondern nur vieldeutige Gedanken (alles ist Geist), dann gibt es auch keine eine Realität, sondern viele Realitäten. Es gibt nicht die Welt, sondern viele Welten, etc..

Ich habe diese doch recht verschieden scheinenden Formulierungen untereinander geschrieben, um zu zeigen, dass sie letztlich auf immer dasselbe zurückführen – auf ein Nichtvorhandensein von etwas Objektivem und ein endloses Schöpfen, das sowohl „natürlichen“ Ursprungs ist, wie auch menschlichen. Durch dieses So-Sehen wird überhaupt der doch meist vorausgesetzte Unterschied zwischen Natur und Mensch aufgehoben.

Und der Konstruktivismus? Zitat aus Wikipedia, zum Thema:

Während im Radikalen Konstruktivismus die menschliche Fähigkeit, objektive Realität zu erkennen, mit der Begründung bestritten wird, dass jeder Einzelne sich seine Wirklichkeit im eigenen Kopf „konstruiert“ ….

Ich bleibe einmal bei diesem „radikalen“ Konstruktivismus. Ich denke, der Grundgedanke des Konstruktivismus ist richtig, und seine eigentlich leicht feststellbare Grundvoraussetzung auch: Niemand kann die objektive Realität erkennen. Niemand hat sie, niemand weiß sie.

Der Spirealismus sagt: Es gibt sie auch gar nicht, „die“ Realität. Es gibt keine „Objektivität“. Aber, was man im oben zitierten kurzen Satz bei Wikipedia sofort feststellen kann, ist die Verwirrung, die aus der Vermischung von materialistischen Denkvoraussetzungen mit grundlegend anderen resultiert. Diese Verwirrung lässt den Konstruktivismus aus materialistischer Sicht wie einen undurchdachten Unsinn wirken – so etwas könne nicht sein. Ich will diese Verwirrung benennen und auf folgenden Zusammenhang hinweisen, der, zumindest aus spirealistischer Sicht, folgerichtig ist: Gibt es „die“ Realität nun, oder nicht? Antwort: Wenn kein Mensch die objektive Realität erkennen kann (eine einfache Feststellung, der heutzutage kaum widersprochen wird), wenn „die Wirklichkeit“ (Einzahl) in keinem einzigen Menschen „objektiv“ vorhanden ist (auch nicht in vielen Menschen oder allen Menschen), dann muss man davon ausgehen, dass es keine eine Wirklichkeit gibt!

So sieht es der Spirealist – er hat als Grundgedanken: Es gibt keinen Widerspruch zwischen „der Wirklichkeit“ und dem, was sich der Mensch so „über die Wirklichkeit“ denkt, denn es ist ein- und dasselbe. Und es ist immer verschieden.

Und – warum sollte man von einer solch „schrägen“ Annahme überhaupt ausgehen: Es gäbe nur eine Wirklichkeit? Wenn doch alle Anzeichen dagegen sprechen! Im Grunde müsste doch jeder wirklich frei denkende Mensch sofort sagen: „Da alle Anzeichen dafür sprechen, müssen wir annehmen, dass es viele nebeneinander existierende Wirklichkeiten gibt.“

Aber ernsthaft gefragt: Warum sollte man davon ausgehen, oder besser, warum geht man de facto davon aus, es gäbe nur eine Wirklichkeit? Drei Antworten: 1. Der Materialismus ist ein erlernter Glaube; er gibt diese Antwort für uns. Der Materialismus stellt sich als ein Wissen dar. Die Schwierigkeit, ihn zu überwinden mag als Beispiel für die Unüberwindlichkeit von Denkmustern gelten. Denn ein starker Glaube ist immer Wissen. 2. Weil jede Realität typischerweise neben der anderen existiert und existieren kann, das ist in „der“ Welt (die in Wirklichkeit gar nicht nur eine ist), eben das völlig Normale! 3. Zur Illustration: Eine mögliche Realität (Materialismus) geht zum Beispiel davon aus, es gäbe nur eine Realität, anders gesagt: es gäbe objektive Dinge, die wir in eindeutiger Weise beobachten können. Und eine andere Realität (Konstruktivismus/Spirealismus/Zen-Buddhismus) geht davon aus, dass es eine solche eine Realität gar nicht gibt. Sondern, statt dessen: Die geistige Konstruktion des Betrachters (Konstruktivismus), eine schöpferische Leere (Zen-Buddhismus), einen unbestimmten Raum von Möglichkeiten/ein unendliches Nichts (Spirealismus).

Wille

Eine typischerweise unüberbrückbare Kluft zwischen materialistischem und spirealistischem Denken (das in mancher Hinsicht dem konstruktivistischen Denken ähnlich ist), ist die Selbstsicht des Menschen als sich selbst bestimmendes Wesen, mit Hilfe eines freien Willens – so sieht der Materialist den Menschen. Aus verschiedenen Gründen kommt der Spirealismus zu dem Resultat, dass es einen solchen Willen, in der vom Menschen gedachten Form, nicht geben kann.

Einen Grund möchte ich sehr verkürzt so formulieren: Wenn man wahrnehmen kann (dass jeder das so wahrnehmen kann, will ich hier gar nicht behaupten, aber der Spirealismus würde ja auch immer darauf hinweisen, dass Wahrnehmung grundsätzlich abhängig ist von Denkvoraussetzungen), dass 99 Prozent dessen, was der einzelne Mensch beobachtet, nicht einer freien Beobachtung entstammt, sondern letztlich anderen Quellen, so kann es auch kein Wahrnehmen geben, das völlig gelöst von Anderem, und damit frei, wäre. Und somit kann es auch kein eigenständiges rationales Schließen geben, und die stets und ständig bemühte Willensfreiheit des Menschen löst sich in Wohlgefallen auf. … Jedenfalls in der vom materialistischen Menschen imaginierten Form. Ich möchte um das eben Gesagte zu unterstreichen, gern wieder Einstein bemühen, der einmal formulierte, es könne nur beobachtet werden, was eine bereits vorhandene Theorie als Resultat einer Beobachtung ermögliche.

Nebenbei gesagt: Dem Spirealisten ist die Sache mit dem Willen ohnehin ein wenig zweifelhaft, denn der Grundgedanke, dass Geist überall ist, also im Menschen ebenso wie in der Natur, jedenfalls nicht nur im menschlichen Schädel, führt irgendwie zwangsläufig dazu, dass man den Willen in der Natur ebenso sieht wie bei sich selbst. Oder, umgekehrt, dass man den (materialistisch gedachten) Willen im Menschen weniger sieht. Man könnte auch sagen, der Wille stellt sich dem Spirealisten anders dar, als der Materialist das sieht, der ja wie gesagt von etwas singulär Existierendem ausgeht. Dem Spirealisten ist Wille etwas, das in der Natur seinen Ausdruck findet, wie ganz ähnlich im menschlichen Geist – hier ist Gleichheit. Beides ist Geist. Und wer in der zielgerichteten Aufbau-Arbeit von tausenden Ameisen keinen Willen erkennen kann, der erkennt in der Arbeit von Architekten vielleicht auch keinen ..

Und so reden Konstruktivist/Spirealist und Materialist zweifellos von zwei verschiedenen Dingen, wenn sie vom „Konstruieren“ sprechen. Sie reden somit aneinander vorbei. Während der Spirealist nicht davon ausgeht, dass die Gedanken frei sind oder frei sein müssen, sei es, irgendetwas werde gedacht oder konstruiert, sei es, irgendetwas werde entschieden, ist das freie Denken eine dem Materialisten ganz wichtige Denkvoraussetzung, eine wichtige Stütze seines Weltbildes. So wie er ja überhaupt davon ausgeht, dass Dinge ganz einzeln sein können, und ohne Zusammenhang zu allem anderen (objektiv eben!). Man denke nur an die vielen Aspekte des Rechts und der Moral, die auf der Annahme des ganz freien Willens beruhen. Dem Materialisten erscheint der Konstruktivismus unmöglich, denn vom Konstruieren von Realitäten – davon müsste der Konstrukteur doch etwas mitbekommen, oder nicht? Wo bliebe denn sonst der Wille? Wo bliebe die Wahrnehmung als was Wahre?
Wo bliebe überhaupt die Wahrheit? Der Materialist möchte dem Konstruktivisten fast zurufen:“Dann hör doch mal auf mit dem Konstruieren, und sieh dir die Welt an, wie sie wirklich ist! Ich sehe doch die Wirklichkeit, kannst du das denn nicht?“ Und der Konstruktivist wird sagen: „Was soll ich weiter sehen, als das, was mich das Denken sehen lässt?“

Die Wirklichkeit

Bereits das Wort „die Wirklichkeit“ beinhaltet das erlernte überkommene materialistische Weltbild – das Wort käme uns falsch und irrational vor, würde es etwas Beliebiges bezeichnen.

Hierzu noch ein Gedanke. Die Wirklichkeit kann für den Spirealisten, und sicher auch den Konstruktivisten, jede Form annehmen. Denn sie ist nicht an das Prinzip von etwas Ojektiv-Begrenzbarem gebunden. Sie als „beliebig“ zu bezeichnen wäre aber auch falsch, da sie immer als Kommunikation zustande kommt, als Verbindung der Verschiedenheit, sozusagen. Man stelle sich das Yin-Yang-Symbol vor, welches das Prinzip der Welt in der Verbindung der sich selbst hervorbringenden Verschiedenheit sieht.

Daher hat, was wir beobachten, immer auch etwas mit uns selbst zu tun, und kann von den vorhandenen Gedanken nie völlig getrennt sein. Die Wirklichkeit generiert sich durch uns – sie braucht sozusagen einen bestimmten Punkt, einen Beobachter. In etwa so, wie es auch nur Sinn macht, einen Punkt in der Raumzeit zu definieren, wenn man von einem anderen Punkt in der Raumzeit ausgeht.
Und von einem bestimmten Punkt hat ein anderer Punkt auch immer einen Bezug – nämlich den zum Beobachter. Wir selbst, als Element der Schöpfung, SIND so ein Punkt. Wir stehen nicht außen und beobachten etwas von uns Getrenntes!

Anders gesagt: Die unendlichen Möglichkeiten der Schöpfung sind uns nicht sichtbar, wir sehen immer nur unsere, spezifische, Welt. Aus der Sicht eines beliebigen Beobachters jedenfalls (gibt es eine Sichtweise ohne Beobachter?) kann die Wirklichkeit nicht beliebig sein.

Und man denke auch noch einmal an den Satz „Alles ist Geist“ – Geist ist nicht nur in uns Menschen, sondern Geist umgibt uns. Daher sind die „vorhandenen“ Gedanken nicht nur in uns. Man denke hier auch noch einmal an den oben zitierten Einstein-Satz: Was wir beobachten, hat immer damit zu tun, was wir annehmen. Ich füge hinzu: Oder als wahr annehmen … wahrnehmen.

Konstruktivismus und Wille was last modified: August 7th, 2019 by Henrik Geyer