Kelten und Druiden

Kelten und Druiden

Kelten und Druiden – ein Gespräch

 

Kelten und Druiden bilden einen starken Mythos im europäischen Raum,  insbesondere unsere europäischen Nachbarn, die sich als Erben der Kelten ansehen, wie beispielsweise Franzosen und Briten haben hier einen starken Bezug auch in der Gegenwartskultur.

Österreich liegt im überlieferten keltischen Kernland. Markus, der sich mit der keltischen Mythologie beschäftigt und aus Österreich stammt, hat uns einige Fragen zu diesem interessanten Thema beantwortet.

 

Spireo: Lieber Markus, du hast ja in unserer Vorbesprechung gesagt dass du das Keltische als unser Erbe betrachtest. Du bist Österreicher -so gesehen… Deutsche bezeichnen sich eher als Erben der germanischen Kultur.. Welche Unterschiede gibt es nach deiner Ansicht zwischen den alten Kulturen?

Zunächst einmal das keltische „Kernland“ – da nehmen ich gerne die Hallstatt-Zeit so um 600 v.u.Z. – das umfasst nicht nur Österreich, da gehört im Westen der ganze Süddeutsche Raum, die Nordschweiz bis hinein in das heutige Frankreich dazu, im Osten der südliche Teil von Tschechien und Teile der Slowakei, Ungarns, Sloweniens und vielleicht noch ein kleiner Teil des heutigen Kroatiens. Also das heutige Bayern ist genauso keltisches Urgestein wie Österreich. Entwickelt hat sich die keltische Ur-Kultur wohl aber schon deutlich früher, beginnend sicher schon in der Bronzezeit. Zu dieser Zeit gab es so etwas wie das, was wir heute als „Religion“ bezeichnen noch nicht.  Vorherrschend war wohl insgesamt eine eher als ganzheitlich Naturreligiös zu bezeichnende Spiritualität, wohl auch bei den Protokelten.  Offiziell heißen die dann erst mit Beginn der Eisenzeit „Kelten“.  Im Unterschied zu den „germanischen“ Stämmen hat der keltische Kulturbereich das Druidentum entwickelt und mit dem Druidentum auch schon eine Art von Gewaltenteilung zwischen dem „Fürsten“ und dem „Druiden“ hervorgebracht. Für die Entwicklung des Druidentums sehe ich heute Einflüsse des vedischen Kulturkreises in Folge des beginnenden Welthandels keltischer Handwerksbetriebe als maßgeblich. Das Druidentum hat wohl auch eine naturwissenschaftlich-technische Komponente, so daß die Kelten in der damaligen Zeit auch technologisch führend waren, was man auch in der Waffen und Kriegstechnik sehen kann. Zeugnisse dafür sind z.B. das eisenbeschlagene Rad, die Erfindung des Pfluges und der Schere.

Spireo: Wären solche Unterschiede vielleicht heute bemerkbar – als Mentalitätsunterschiede zwischen Österreichern und Deutschen?☺

Solche Unterschiede sind auch heute noch sehr deutlich wahrnehmbar, nicht nur in Bräuchen, deren Ursprung kaum mehr einer richtig weiß. Auch im täglichen Umgang miteinander gibt es immer noch signifikante Unterschiede. Beispielsweise wird in Bayern und Österreich von den Eingeborenen sehr viel und häufig in der Möglichkeitsform gesprochen.

„Würdest Du mir vielleicht mal den Butter (Butter ist hier männlich) geben?“,  man zwingt den Gegenüber nicht verbal wie z.B. in Berlin üblich in der direkten Anrede.  Im religiösen Bereich läuft im keltischen Raum nichts ohne Muttergöttin – das hat die römische Kirche dazu gezwungen, Maria als Himmelskönigin und Gottesmutter zu stilisieren, wovon in den christlichen Schriften ursprünglich rein gar nix zu finden ist.

Spireo: Gibt es auch Ähnlichkeiten der keltischen Kultur mit der germanischen?

Ähnlichkeit gibt es in der ganzheitlichen naturreligiösen Spiritualität, in dieser Frühzeit gab es auch noch kein polytheistisches „Götter“ Pantheon. Das wurde erst mit der Konfrontation mit dem römischen Imperium entwickelt. So erklärt sich auch die ungeheure keltische „Göttervielfalt“ – es waren eben keine „Götter“ im griech.-röm. Stil. So etwas kann es auch in einer Betrachtungsweise nicht geben, in der „diese (materielle) Welt“ Eins ist mit der spirituellen „Anderswelt“. Es sieht so aus, als ob diese ganzheitliche Betrachtungsweise auch bei den frühen Germanen üblich war.

Spireo: Wo siehst Du keltisches Erbe im heutigen Alltagsleben?

Was verbindet Österreich mit dem süddeutschen Raum und ein bisserl drumrum? Es schimmert immer noch die non-duale Denkweise durch. Österreicher und Bayern haben eine Abneigung, sich alternativlos dual zu entscheiden. Machen wir doch lieber ein bissl was von dem und nehmen von dem anderen einfach ganz pragmatisch dazu. Von Norddeutschen wird sowas oft als unzuverlässig und wankelmütig ausgelegt.

Spireo: Wie kann uns das keltische Erbe heute helfen, wo unsere normale Alltagskultur nicht weiter weiß?

Wenn wir und das keltische Erbe wieder bewußt machen würden, würden wir vorsätzlich wieder mehr in eine ganzheitlich non-duale Lebensweise einsteigen, wo es eben nicht bloß zwei Standpunkte gibt, sondern unvoreingenommen ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten.

Spireo: Es gibt viele spirituelle Strömungen – was fasziniert dich ausgerechnet an den Kelten so sehr?

Es ist eben diese ganzheitlich non-duale Spiritualität, die mich so fasziniert, weil sie sehr viel mehr reale Lebensmöglichkeiten zuläßt als das heute übliche duale Schwarz-Weiß denken. Darüber hinaus zeigt uns ja heute sogar die Wissenschaft mit Quantenphysik und Relativitätstheorien, daß diese keltische Denkweise vielleicht gar nicht so zufällig entstanden ist.

Spireo: Du nennt sich selber Markus Merlin, was, glaube ich, ein Künstlername ist. Welche Eigenschaften findest du an dem Zauberer Merlin inspirierend?

Der „Zauberer“ ist kein Zauberer, er ist eine mythische Figur, die das keltisch-druidische Erbe in die christliche „Neuzeit“ überträgt. Aufgrund der unnachgiebigen und tödlichen Verfolgung des keltischen Erbes durch die römische Kirche war man jedoch gezwungen, das sozusagen zu „verschlüsseln“ und dem Mythos einen christlichen Anstrich zu geben.

Spireo: Woher kommt es dass man insbesondere von fremden Religionen Weisheitslehren fasziniert ist.. es gäbe doch da die scheinbar nahe liegende christliche Religion?

Die scheinbar naheliegende christliche Religion ist eine Religion von nahöstlichen Wüstenvölkern mit eindeutig dualistischen Dogmen und einer nicht anders als aus patriarchalischen Machtgründen erzeugten Entwertung des weiblich-Göttlichen.

Die vedischen Schriften wie auch der Buddhismus kennen diese „Schieflage“ nicht und sind auch nicht so dogmatisch, weil halt schlußendlich auch in einer ganzheitlich non-dualen Weltsicht wurzelnd.

Spireo: Von den Kelten ist nicht viel bekannt und überliefert. Einige sehr kraftvolle Symbole werden den Kelten zugeordnet davon geht sicherlich eine große Faszination aus. Ist es vielleicht gerade auch das unvollkommene – das Nichtwissen, welches eine besondere Faszination hervorbringt? Ähnlich einer unfertigen Skizze, die oft mehr verspricht, als es das fertige Bild bietet?

Von den Kelten ist relativ viel überliefert, aber eben erst nach dem Untergang bzw. der Unterwerfung unter das römische Imperium. Schon Cäsar hat nach dem Völkermord in Gallien zuerst mal das Druidentum verboten. Die ursprünglich ganzheitlich non-duale Weltsicht der Kelten befreit den Menschen von den Fesseln einer Religion, weil er sich unmittelbar selber an der Schnittstelle von dieser Welt und der Anderswelt findet. Das wiederum ist keine historische oder veraltete Betrachtungsweise, das ist eine Lebenshaltung, die jederzeit neue Erkenntnisse sucht und integriert. Das ist das Faszinierende: Die keltische Denkweise ist sozusagen „Antidogmatisch“ und Erkenntnisorientert. Es kann deshalb auch gar keine „heiligen Schriften“ geben, das Ganze ist eine „vorwärtsorientierte“ dynamische Lebenshaltung. Ein Druide ist deshalb auch nicht mit einem Priester zu vergleichen sondern eher mit dem modernen Begriff eines „Coaches“.

Spireo: Du siehst die Kelten – das habe ich unserem Vorgespräch entnommen – als eine Art Gegenentwurf zur christlichen Kirche. Vieles, was den Kelten zugeordnet wird, entspringt der Periode nach der Christianisierung der Kelten. Genannt sei insbesondere die Artussage, Merlin. Hat sich die keltische Kultur letztlich im Christentum aufgelöst?

Die keltische Kultur hat sich nicht im Christentum aufgelöst. Sie hat aber das Christentum nachhaltig verändert. Da sind zunächst die Trinität, die Heiligenverehrung, die Gottesmutter, viele keltische mythische „Helden“ sind zu christlichen Heiligen mutiert usw. Was verlorengegangen wurde ist die ganzheitlich non-duale Weltsicht, die mußte wie gesagt aus Gründen der Machtentfaltung der Kirche durch eine duale und schief liegende Weltsicht ersetzt werden. Gott und der Teufel. Nur Männer sind gut und Frauen sind eigentlich des Teufels. Nahezu 2000 Jahre duales Denken haben uns dahin geführt, wo wir heute stehen: Am Abgrund. Es wird Zeit, „Das Ganze“ wieder wahrzunehmen und auch zu leben. Und das ist eben nicht nur „Keltisch“ – aber unsere keltischen Wurzeln zeigen mir eben auch, daß das Druidentum wie die vedischen Schriften und buddhistische Erkenntnisse in dieser Zeit ihre Hochblüte hatten. Und das keltisch-druidische hat sich in Europa über mehrere Jahrhunderte als dezentral organisierte Kulturgemeinschaft durchaus bewährt. Es war auch bei weitem nicht so aggressiv wie das – duale – Imperium, das durchaus nur knapp und mit aller aufbringbaren Macht über eben diese Kelten triumphiert hat.

 

 

Kelten und Druiden was last modified: Dezember 15th, 2015 by Henrik Geyer