Ist ein Elefant, bzw. ein Rhinozeros im Raum? Wittgenstein und die Frage nach der Struktur der Wirklichkeit

Den jungen Philosophen Wittgenstein beschäftigte die Frage, ob ein vorhandenes Problem, oder das Vorhandensein von ETWAS, bemerkt werden müsse, wenn das (kollektive) Verständnis dieses ETWAS nicht sehen will oder kann. Link z.B. hier . Man kennt das als die Frage nach einem Elefanten im Raum, das bedeutet, etwas ist eigentlich unübersehbar vorhanden, erdrückt einen geradezu durch seine körperliche Präsenz, so wie ein Elefant, der sich im selben Raum aufhält wie man selbst, und dennoch kann man es nicht bemerken. Die Denkweise des Philosophen Wittgenstein war sehr speziell und für viele seiner Zeitgenossen (und Heutige) unbegreiflich, daher erlangte das Gespräch zwischen Wittgenstein und Russel eine gewisse Berühmtheit und oft wird darauf Bezug genommen. Der Elefant im Raum – kann man ihn sehen? Muss man ihn wahrnehmen?

Ich will versuchen die Fragestellung und ihre Beantwortung, die aus spirealistischer Sicht eine recht eindeutige Färbung bekommt, in diesem kurzen Artikel darzulegen.

 

Die Frage sieht man gemeinhin als eine Fragestellung aus der Psychologie. In der Psychologie ist ja bekannt, dass Personen sich bestimmten „Tatsachen der Wirklichkeit“ gegenüber verschließen können. Man nennt das Verdrängung. Das bedeutet, diese Personen nehmen Tatsachen nicht wahr, haben demzufolge selbst eine andere Wirklichkeit, was innerhalb der materialistischen Weltsicht als ziemlich unbegreiflich gelten darf. Die Wirklichkeit kann man sich doch nicht ausdenken!!! Doch insgeheim fragt sich so mancher: Aber was, wenn doch? Was, wenn man sich die Wirklichkeit ausdenken kann – der „Kranke“ macht es doch uns vor! Es funktioniert – zwar nicht in dem Sinn, dass es gesellschaftlich funktional und damit anerkannt wäre, aber im Sinn einer Möglichkeit funktioniert es.

Ich möchte an dieser Stelle einige sehr weitgehende Brückenschläge vornehmen, wer meine Bücher kennt wird sicher einiges wiederfinden. Wir kennen die Wahrnehmung einer anderen, einer fremden Realität von Menschen, die der anerkannten Wirklichkeit entrückt sind – von „Ver-Rückten“, Kranken also. Wir kennen es aber auch von ganz normalen Menschen – religiös Gläubigen etwa. Begeben sie sich denn nicht in geistige Realitäten, für die sich äußerlich kein Anzeichen finden lassen? Wir kennen das Phänomen genau genommen aber in jedem fremden Menschen – und sind geneigt bei jedem Fremden zu denken (und manchmal sagen wir es auch), dieser oder jener habe eine merkwürdige Vorstellung von Realität. Warum? Weil sie abweicht von unserer eigenen. Im Grunde haben wir, wenn wir die Frage nach dem Elefanten im Raum behandeln, die seit Jahrtausenden bekannte Frage nach dem Schmetterling, der glaubt ein Mensch zu sein, der aber ebenso gut ein Mensch sein könnte, der glaubt ein Schmetterling zu sein, vor uns. Was ist derjenige nun wirklich? Kann man über das, was man als die Realität erkennt, hinaus denken? Was anderes wohl könnte jedem die Realität sein, wenn nicht das, was er dafür hält?

Man kann dasselbe Problem, statt es unter dem Gesichtspunkt der Psychologie zu sehen, auch in die Soziologie eingliedern. Die Fragestellung wäre hier: wie lernen die Menschen von einander (Peer-Group-Beziehungen)? Wie nehmen sie Informationen auf. Ist denn dem Menschen nicht ein möglicher Beweis für das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von etwas die Aussage eines anderen Menschen? Ist es denn nicht sogar so, dass allermeistens der Mensch Kenntnis von etwas erhält, indem er durch andere Menschen davon hört?

Oder man kann das Ganze in einem sehr grundsätzlichen Sinn als Problem der Informationstheorie sehen. Was ist eine Information, woher kommt sie, wie bildet sie sich? War sie vorher schon „da“, bevor sie in meinem Denken auftauchte? In welcher Form?

Bleiben wir bei der Psychologie, warum nicht? In der Psychologie geht es stets um die Wahrnehmungen von Menschen. Menschen nehmen scheinbar unzulässigerweise etwas wahr, das andere nicht wahrnehmen können, und umgekehrt. Immer geht es darum, Wahrnehmungen und Handlungsrezepte „auf Linie“ zu bringen, so dass sie beim Patienten eine solche Form annehmen, wie die Wahrnehmungen und Handlungsrezepte der Allgemeinheit, oder, um im Verständnis der Psychologie zu reden: so dass sie die Realität richtig adressieren.  (aber um die Realität, d.h. was sie ist, geht es ja auf diesem Blog)

Sieht man den konkreten Fall eines Betroffenen (psychisch Kranken), so ist es immer eindrucksvoll zu lernen, wie das NICHTVORHANDENSEIN einer doch vorhandenen Problematik, eines Faktums, einer Sache, absolut realistisch und überzeugend im Bewusstsein von demjenigen verankert ist. Oder, ebenso gut: das VORHANDENSEIN von etwas, das man selbst nicht sehen kann. Das zu erleben kann ich an dieser Stelle kaum beschreiben – wenn man es nicht selbst erfahren hat, kann eine Beschreibung dessen immer nur trocken und unzureichend sein – zum Vergleich: ebenso wenig lässt sich ein selbst erlebter Fallschirmsprung durch die Erzählung eines Fallschirmsprunges ersetzten. Das Erleben dessen lässt einen auch sehen, welch weitreichende Konsequenzen ein spezifisches Denken für denjenigen hat – diese Konsequenzen reichen viel weiter, als man geneigt ist anzunehmen. Das Nichtvorhandensein von etwas offensichtlich Vorhandenem im Bewusstsein eines Patienten produziert alle möglichen Folgen, und Folgen von Folgen. Man stelle sich das auf das Körperliche übertragen vor: ein krankes Gelenk verändert schließlich den ganzen Körper, beispielsweise durch Fehlhaltungen, übermäßige Beanspruchung anderer Gelenke. Und ebenso hat eine geistige Besonderheit immer unabsehbare Auswirkungen, die in jeden Winkel des Bewusstseins ausstrahlen.

Als Materialisten grenzen wir Menschen aus, die in ihren Bewusstseinsinhalten sehr offensichtlich von unseren abweichen. Wir bezeichnen sie als krank, oder als ver-rückt, wenn eine gesellschaftliche Dysfunktionalität mit diesem Anders-Sehen einhergeht.

Die etwas mildere Form des Anders-Sehens bei anderen stigmatisieren wir gern als „nicht realistisch“, oder als „Realitätsverweigerung“. Wobei wir stets davon ausgehen, selbst im Vollbesitz des irgend-möglichen Realismus zu sein, mithin in vollster Kenntnis aller möglich Elefanten, die jemals im Raum sein könnten. Das bedeutet, wir beurteilen die Möglichkeiten der Realität so eingegrenzt, wie es unser eigenes Bewusstsein ist! Ist das nicht kurios? Das gelingt uns, indem wir, mit Hilfe des Materialismus, unser Bewusstsein nicht als eingegrenzt und begrenzt sehen, sondern als genialisch-allumfassend. Das Begrenzte sei die Wirklichkeit, denn davon gebe es nur eine! Und – so schließt sich der Kreis – diese eine Wirklichkeit, die sog. Realität, widerspiegelten wir in unserem scharfen Verstand, der so realistisch sei, wie er nur sein könne. Und das denkt nun jeder!

Damit das jeder denken kann, und von der einfachen Wahrnehmung völlig ungestört bleibt, dass jeder Mensch seine eigene Realität in sich trägt, müssen wir alles ab- und ausgrenzen, was diesen Gedanken stören könnte. Aus diesem Grund eben sehen wir Verrückte als völlig von uns verschieden an – hier läge eine ganz andere Art und Weise des Denkens vor, mutmaßen wir. Auf diese Weise vermeiden wir den Gedanken (können es uns nicht vorstellen), dass in unserem eigenen Denken dieselben Mechanismen am Werke sind, wie im Denken eines „Verrückten“, oder eines Menschen, den wir als „unrealistisch“ bezeichnen. Denn wir können und wollen uns nicht vorstellen, dass das „Problem des Anders-Sehens“, das wir bei einer anderen Person bemerken, ebenso uns selbst betrifft und eigentlich das Grundprinzip jedes Bewusstseins ist.

Aber, natürlich ist auch unser Denken, unser Wissen, alles was wir tun und je tun können, begrenzt. Und das, was jenseits unseres Denkens ist, können wir nicht denken; so wie das, was wir nicht tun, auch nicht getan werden kann.

Ich will gleich darlegen, warum und inwiefern es unser eigenes Problem ist, und warum übrigens DIESES Verdrängen selbst das beste Beispiel für einen „Elefanten im Raum“ ist.

Die Struktur der Realität

Wer einmal die Tatsache der veränderten Wirklichkeit in einem anderen Menschen 1:1 beobachten durfte, der nimmt das Mahnende dieser Beobachtung wahr, denn man fragt sich unwillkürlich: Und was kann ich selbst in diesem Moment nicht sehen, was doch „da“ ist? Und, weil sich die Psychologie des Einzelnen in der Psychologie der Menge wiederfindet, lässt sich aus sehr nahe liegenden Gründen dieselbe Frage für die Masse, für die Gesellschaft, stellen. Was können wir als Gesellschaft nicht sehen, obwohl es doch „da“ ist?

Denken wir uns das Problem einmal so herum: Wir wissen, dass wir heute auf der Basis bestimmter Denkinhalte entscheiden, und dass wir viele der heute getroffene Entscheidungen morgen bereuen werden. Warum? Weil sie falsch waren. Aus der Sicht der Zukunft erscheint die heute getroffene Entscheidung mit einer nicht geringen Wahrscheinlichkeit falsch, sie erscheint geradezu dumm! Und dennoch müssen wir die heutigen Entscheidungen dumm treffen, denn wir können ja nicht in die Zukunft sehen. Das bedeutet, dass uns Tatsachen, die eigentlich heute bereits existieren, was aus der Sicht des Morgen sehr deutlich zu sehen ist, in der Heute-Sicht völlig unbekannt sind.  Und unbekannt sein müssen! Denn, wie gesagt, wir können ja nicht in die Zukunft sehen. Wir können nicht wissen, was uns übermorgen wie vollständig sichtbar und vorhanden erscheinen wird, in diesem Augenblick aber völlig unsichtbar und nicht-vorhanden ist. Und das wiederum bedeutet, wohl bedacht:

IN DIESEM MOMENT sind Elefanten im Raum, wir können sie nur nicht wahrnehmen! So gesehen sind wir uns selbst der beste Beweis für unsichtbare Elefanten, die sich mitten unter uns, im Raum befinden …

Das gilt sowohl für den Einzelnen, wie auch für die Gesellschaft, denn für die Gesellschaft gilt natürlich ebenso wie für den Einzelnen, dass viele Entscheidungen sich schon sehr bald als falsch erweisen werden. Und dass man in der Zukunft sagen wird, dass Entscheidungen im Heute hätten anders getroffen werden müssen, als sie getroffen werden (wurden), würde man nur diese oder jene Tatsache wahrnehmen (wahrgenommen haben) … was zu der entsprechenden Zeit (unser Heute)  möglich ist (möglich gewesen wäre).

Im Grunde geht es bei der Frage nach einem Elefanten im Raum um viel mehr, als eine psychologische oder soziologische Fragestellung, mehr als um eine Besonderheit bei bestimmten Menschen („Verrückten“) etc.. Es handelt sich um die Frage, was wir eigentlich als Fakten bezeichnen und wie wir diese Fakten abgrenzen wollen von dem, was auch „da“ ist, uns jedoch völlig unbekannt ist. Wie entsteht unsere Wirklichkeit, was ist die sogenannte Realität eigentlich? Vielleicht kennen Sie die alte philosophische Frage: Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es „da“ oder nicht „da“?

Und schließlich um die Frage aller Fragen; Was ist das Sein? Es handelt sich bei der Frage nach dem Elefanten im Raum um eine Facette der ewig gleichen Frage nach dem Wesen und der Struktur der Realität, was diese mit unserer Wahrnehmung zu tun hat, und vielem mehr.

Die Grundfrage des Seins (Ontologie) beantwortet der Materialismus bekanntermaßen so: Die Realität hat mit dem Bewusstsein nichts zu tun, denn sie liegt außerhalb des Bewusstseins und ist unabhängig von diesem. Es gibt die Dinge – sie sind das Sein. Und es gibt das Denken VON den Dingen, das ist eine Reflexion des Seins. Das Sein kommt auch ohne die Reflexion aus, andersherum hingegen benötigt die Reflexion des Seins (das Denken) das materielle Sein, und es entsteht aus diesem. Das Denken kommt also nicht ohne das Sein aus – was wiederum auf die vorausgesetzte Trennung von Sein und Bewusstsein zurückführt.

Der Spirealismus sieht das natürlich genau anders herum. Das Bewusstsein IST das Sein – die Realität ist niemals unabhängig von einem Bewusstsein, im Gegenteil. Es ist ganz und gar dasselbe. Und … die Dinge haben immer mit dem Denken zu tun. Niemals können wir etwas sehen, niemals etwas beobachten, in der Physik niemals etwas messen, das unabhängig vom Denken in seiner spezifischen Ausprägung wäre. Schließlich: Alles ist Geist, auch die Dinge.

Wichtige Fragen

Ich möchte auf einige ganz offensichtliche Tatsachen hinweisen, die bei der Diskussion der Fragestellung zum „Elefanten im Raum“ Wichtigkeit haben, und von den Interessierten beachtet und durchdacht werden sollten. Sie sind gleichzeitig der Einstig in eine ganz andere Denkwelt, als sie der Materialismus bietet.

  1. Es kann es für uns nichts geben, das nicht in unserem Bewusstsein ist. Allein das ist uns bereits in der materialistischen Weltsicht völlig unbegreiflich, in der es doch so aussieht, als seien die Dinge ganz unabhängig von unserem Bewusstsein „vorhanden“. Doch man bedenke: Was soll es geben, das nicht als Gedanke in uns existiert? Wir sehen hier die zwingende Verbindung von Bewusstsein und Dingen.
  2. Auf meinem Blog diskutiere ich das in Punkt 1 Genannte häufig als die Frage nach dem Nichts, die uns durch den Materialismus paradox erscheint. Denn im Materialismus ist das Nichts das Fehlen von Etwas, das Nicht-Vorhandensein einer Sache, somit ist das Nichts die Negation einer Sache, und dadurch eigentlich eine Sache (so ähnlich wie Antimaterie auch Materie ist, nur eben auf einer anderen Ebene). Das Nichts im eigentlichen Sinn, so, wie es auch Plato verstand, ist aber ein reines Nichtvorhandensein, und somit auch etwas Undenkbares, etwas Unaussprechliches, etwas Unabzählbares (also nicht DAS Nichts in der Einzahl). Das Nichts ist etwas für den Materialismus Paradoxes – nur wenn der Materialist das Nichts als Etwas versteht, erscheint es ihm als „völlig klar“ und nicht-paradox.
  3. was ich in Punkt 1 ansprach gilt ebenso für die Qualität dessen, was wir über die Dinge denken. ETWAS kann nur etwas sein, das wir uns in einer bestimmten Form denken. Und, was immer es ist, wir werden es nie als etwas anderes denken können als das, was es im konkreten Bewusstsein ist. In seiner Art, seinem Umfang, seinem Wesen, kann es immer nur das sein, was wir denken. Das wiederum bedeutet, dass es in jedem Bewusstsein ein wenig anders sein muss, die Dinge sind also nie völlig gleich. Jedes Bewusstsein ist sein eigenes Universum, das ist das Konzept der Ich-Universen.
  4. Ich hoffe der Leser versteht, was ich mit dem unter Punkt 3 Gesagten meine. Hat er dies verstanden, fällt ihm sicherlich auf, dass, so gesehen, etwas vertauscht ist, was wir in der materialistischen Sichtweise genau anders herum denken. Normalerweise (d.h. im Materialismus) glauben wir, die Dinge könnten in ihrem Wesen nie etwas anderes sein, als sie nun einmal sind („eine Rose, wie auch immer sie genannt würde, müsste duften“), die Gedanken hingegen seien frei. Wenn ich nun aber sage, dass die Dinge nie etwas anderes sind, als was sie uns in unseren konkreten (also festen) Gedanken erscheinen, ist dieses Verhältnis auf den Kopf gestellt. Und das wiederum beschreibt sehr genau das Verhältnis des Spirealismus zum Materialismus – dem Spirealismus sind die Gedanken die Existenz, dem Materialismus ist die Materie die Existenz.

Nachdem ich auf diese bedenkenswerten Besonderheiten hingewiesen habe, möchte ich darauf zurückkommen, was das für die Problematik des „Elefanten im Raum“ bedeutet. Hierauf übertragen bedeutet es

  • zu Punkt 1: Ein Problem, das uns nicht bewusst ist, existiert nicht. Ein Problem, ein Ding, eine Tatsache, sie Existenz hat oder bekommen soll, muss in das Bewusstsein von jemandem gelangen. Ein Beispiel hierzu: 2 Personen sind in einem Raum, der eine sieht den Elefanten, der andere nicht. Die eine Person begreift nicht, warum die andere Person den Elefanten nicht sehen kann. Die zweite Person wiederum wundert sich, worüber die erste eigentlich redet. Da ist doch nichts!
  • Aber, nun angenommen, beide Personen können den Elefanten nicht sehen. Dann können sie darüber nicht sprechen, niemand wird sich wundern, wo er denn sei, der Elefant … gibt es ihn? (der Spirealismus ist hier ganz klar: Nein!). Wer sich das verbildlichen möchte – es ähnelt der Umkehrung der bekannten Paradoxons: Denke nicht an einen rosa Elefanten! Die Umkehrung wäre die Aufforderung: Denke bitte an das, an das du gerade nicht denkst!
  • Sind beide Personen im Raum der Überzeugung, es gäbe ihn, den Elefanten, dann ist der materialistische Normalzustand erreicht. Dieser Zustand wird erreicht, indem der eine dem anderen vom Vorhandensein des Elefanten unterrichtet, ihn überzeugt, ihn belehrt. Jetzt sehen beide den Elefanten – der Beweis ist erbracht, dass es auch „da“ sein müsse (Dasein = unsere Vorstellung von Existenz). Gemäß dem materialistischen Weltbild ist dort also etwas vorhanden, und zwar kurioserweise außerhalb und unabhängig von der Beobachtung der beiden Individuen.
  • Wenn man sich bis hierher auf das Gesagte eingelassen hat, dann wird man jetzt auch verstehen, warum es dem Menschen als Beweis für die Existenz einer Sache, einer Problematik, eines Dinges, stets ausreicht, wenn er von anderen hört, diese Sache würde existieren. Und warum das eigentlich nicht der Beweis für Existenz (im materialistischen Sinn) sein kann, denn, wie gerade die Problematik des Elefanten im Raum zeigt, hat ja jeder seine eigenen Vorstellungen, ob etwas da ist, und in welcher Form es da ist. Nun fordert aber gerade die materialistische Weltsicht, die Dinge müssten in objektiv-materialistischer Weise „da“ sein – in einer Meinung sieht der Materialismus keine Existenz. Jedoch … wenn es aber nun nichts weiter gibt als Meinungen zu Dingen? Was folgt wohl daraus?
  • zu Punkt 2: Der Elefant, kommt er denn durch Denken in die Existenz, er kann nur die Form haben, die ihm das Denken konkret zubilligt. Der Elefant kann auch ein Rhinozeros sein, er kann rosa, gelb, blau oder grau sein – im Bewusstsein wird er aber stets eine bestimmte Form erhalten müssen. Denn Dinge ohne Eigenschaften sind letztlich auch keine Dinge. Diese Aussage hat große Bedeutung für das vorher Gesagte. Oder ist es etwa kein riesiger Unterschied, ob man sagt, etwas wäre grundsätzlich da, oder ob man sagt, etwas wäre in einer bestimmten Form da? Etwas kann doch nur in einer bestimmten Form „da“ sein – Das Dasein ist an Formen gebunden! Es ist ein riesiger Unterschied, ob ein Elefant, oder ein Rhinozeros, oder vielleicht eine Mücke im Raum ist. Solche Unterscheidungen sind alles, womit wir uns auf dieser Welt beschäftigen können, daher ist die Form des Daseins und das Dasein selbst, untrennbar verbunden. Ein formloses Dasein gibt es nicht – das Formlose im eigentlichen Sinn ist das undenkbare Nichts. Daher: Durch das Bewusstsein wird der Elefant konkret, im Bewusstsein wird er fest. Er ist nicht fest in einer vom Bewusstsein unabhängigen, materiellen Form – umgekehrt gesagt: diese ist für das Erscheinen des Elefanten auch gar nicht nötig.

Ich hoffe ich konnte darlegen, wie weitreichend die von Wittgenstein in einem bekannten Streitgespräch behandelte Problematik ist, und wie sehr sie geeignet ist, das materialistische Weltbild auf den Kopf zu stellen. Natürlich nur, wenn man sie lange und nachhaltig bedenkt, und nicht sofort abtut, als etwas Bekanntes, denn dann ist man auf dem besten Weg, den Elefanten im Raum zu übersehen.

Ist ein Elefant, bzw. ein Rhinozeros im Raum? Wittgenstein und die Frage nach der Struktur der Wirklichkeit was last modified: Juni 12th, 2017 by Henrik Geyer