Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst

Es ist eine Kuriosität, dass die Menschen sich als Individuen sehen, ohne die vielfältigen Verbindungen zu bemerken, die in ihnen sind.

Was genau meine ich? Woran können wir das sehen?

Nun, an uns, zum Beispiel.

Hilfe, ich höre Stimmen!

In uns sind Stimmen – viele Menschen hören sie gar nicht. Die sogenannte „innere Stimme“ ist ihnen fremd. Daher gibt es Trainer, die den Menschen erklären, dass sie innere Stimmen haben und lernen können, auf sie zu hören.

Ich erinnere mich, dass es auch mir einmal fremd war, von einer „inneren Stimme“ zu sprechen, und die Vorstellung Stimmen im Kopf zu haben, erschreckte mich und erschien mir bedrohlich wie eine Erkrankung. Ich lernte erst, diese Dinge als normal anzusehen und die innere Stimme als etwas ganz Alltägliches und Hilfreiches wahrzunehmen. Als etwas, das einfach da ist – es ist niemandes Verdienst … Es ist aber auch eine bedauernswerte Selbstentfremdung, wenn man diese innere Stimme nicht hören kann. Es lohnt sich, auf sie zu achten.

Ich weiß noch, wie kurios es mir schließlich vorkam zu erfahren, dass viele Psychologen mit dieser inneren Stimme wenig anzufangen wissen, sie nicht kennen. Sie wollen also Patienten davon heilen (böse) Stimmen zu hören, und haben nicht die mindeste Vorstellung davon, wie das ist, so eine innere Stimme. (Ich war, wie ich in Alles ist Geist schrieb, eine Zeit lang recht involviert mit Psychiatrie und Psychologen, denn mein Sohn hatte eine psychische Erkrankung)

Schweigen über das Selbst

Da übrigens die Menschen über ihre innersten Vorstellungen kaum reden, ist es fast ein geheimes Wissen, wie selbstentfremdet die Menschen heutzutage sind. Sie beurteilen sich und andere demgemäß, was sie sich in einer Art unehrlichem Smalltalk gegenseitig über „vernünftiges Denken“ erzählen. Auch Allernächsten wird nur ganz selten das Innerste offenbart; meist jedoch wollen die Menschen als irgendetwas erscheinen.

Insofern ist das Unwissen über die Mächte des Inneren sehr groß, obwohl doch der Mensch stets meint, sich in sich selbst sehr gut auszukennen. So entsteht das Bild des unheimlichen „Es“, eines Gedanken-Ungeheuers, das im Keller des Ich einer geheimnisvollen Denk-Tätigkeit nachgeht, und sich erfrecht Gedanken zu denken, die einerseits ganz tierisch und grob sind, uns andererseits nicht gerade unbekannt. Wir haben einige Mühe, sie in unser Selbstbild, das vom oben genannten unehrlichen Smalltalk geprägt ist, zu integrieren.

Statt offen zu sein für das, was sie in sich finden, haben die Menschen ein eher heiliges Bild von sich selbst, das sie nach Außen transportieren wollen. Andere sollen ja nicht (über sie) denken, dass …

Der Smalltalk erleichtert die illusorische Integrität des Selbstbildes; man führt tagein tagaus seltsam seichte Konversationen, um nur ja nicht das zu berühren, das man doch mit Fug und Recht eigentlich als das Wichtigste sehen könnte – die Art und Weise wie man Dinge sieht; und wie man schließlich und endlich sich selbst und andere wahrnimmt …

Nur einmal angenommen, die Menschen würden mit dem Smalltalk aufhören und anfangen offene Gespräche zu führen, so würden sie sich ihres Scheins entblößen; sie stünden sie da wie der Kaiser ohne Kleider. Man könnte das Lächerlichste sehen. Die geheimen Gedanken, die Dummheiten, die oft unanständige innere Stimme …

Man stelle sich das vor … auch bei den Mächtigen, den Regierenden, die, entkleidet ihres Pompes, nur als das erscheinen könnten was in ihnen ist. Dann ginge es um kluge Gedanken, so aber geht es um Floskeln.

Es wäre es eine große Erleichterung, zu erfahren, wie alltäglich all die inneren Welten sind, wie normal. Was im Außen geschieht käme uns weit weniger unvorhersehbar vor, gäbe es eine Kultur der Ehrlichkeit. Andererseits hätten Moral-Scharlatane, wie sie heutzutage Konjunktur haben, geringe Chancen.

Aber, eine solche Offenheit ist natürlich reine Theorie.

Ich glaube jedoch, dass hierin die Chance der Menschheit liegt, sich weiterzuentwickeln. Sie fände, was sie angeblich so lange sucht: die Möglichkeit eins zu werden, bis zu einem gewissen Grad. Denn die Chance der Menschheit auf Frieden muss in Selbsterkenntnis liegen … worin sonst? Schließlich liegt alles (beeinflussbare) Ungemach des Menschen seiner Quelle nach in ihm selbst.

Wahre Selbsterkenntnis aber ist dem Wesen nach nicht angenehm. Selbsterkenntnis ent – täuscht – d.h.: Ihr Wesen ist, Täuschungen über das Selbst aufzuheben. Die dafür nötige Offenheit erzeugt unangenehm-angreifbare Nacktheit. Die Täuschung des geliebten heiligen Selbstbildes wird zerstört. Wer glaubt, so etwas sei ein Fest, der irrt. Jedoch befreit es.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Indem wir etwas beim Namen nennen, verliert es an Macht

Indem wir etwas beim Namen nennen,
verliert es an Macht über uns.

Hermann Bahr
österreichischer Schriftsteller und Kritiker
geb. 19. Juli 1863 in Linz; gest. 15. Januar 1934 in München, lebte 71 Jahre.

Wessen Stimme ist das?

Merkwürdig genug ist so eine innere Stimme ja, denkt man sich den Menschen als Eines. Mit wem spricht man da? Mit sich selbst, natürlich, aber zu welchem Zweck? Welche zwei Meinungen will man da einholen, wenn es doch nur einer ist, der spricht? Wie kann Eins zu Zwei werden?

Die Antwort ist: Es ist von Anfang an nicht Einer. Das ist nur, wie wir uns sehen – im Großen als voneinander völlig getrennte Individuen, und das Individuum wiederum als einen Geist, der getrennt von einem vielgliedrigen Körper ist.

Allein schon die vorausgesetze Trennung von Geist und Körper ist ein kaum nachvollziehbarer Kunstgriff der materialistischen Weltsicht – sie muss wohl sein, wenn man einmal Geist und Materie als voneinander strikt getrennt definiert. Heben wir diese Trennung einmal gedanklich auf, denken wir also spirealistisch, dann haben wir den ganzheitlichen Menschen vor uns. Ein Körper, der Geist ist, und dessen ganzes Sein in diesem Körper zum Ausdruck kommt. Der Körper als Bild des geistigen Seins. Sehen wir also unseren Körper an, so besteht er aus vielen Teilen, die jeder für sich auch Bedürfnisse haben, die sich wohl fühlen können, oder auch nicht; Teile, die leben wollen, es aber nicht einzeln können. Sie benötigen die Verbindung dazu, den Staat … dessen Bild der Körper ist.

Das ist der Mensch – das ist das Ganze; es besteht aus Vielem. In uns ist Vieles. Wir können es nicht im Einzelnen benennen (oder können wir es doch benennen? Neulich sagte mein kleiner Sohn, als ich ihn fragte, ob er noch Hunger habe, sein Bauch sage ihm „nein“ …), aber, das ist der Ursprung der „inneren Stimme“. Es sind eigentlich Stimmen (Mehrzahl).

Gehorchen uns (dem Ganzen) diese Stimmen? Oder ist es umgekehrt  – gehorcht das Ganze den Stimmen? Das ist wohl eine Frage der Sichtweise. Üblich ist, dass sich das Ich als Eins sieht und es den Widerstreit der Vielstimmigkeit als Ausdruck des eigenen freien Willens interpretiert. Schließlich entstammt der Vielstimmigkeit dann jeweils ein Entschluss … ein einziger. Und das Ich sieht sich als eins.

Doch es lässt sich auch anders denken: Das Ich als Sprachrohr der Vielheit, d.h. der vielen Einzelinteressen.

So gesehen macht auch Nietzsches „Es denkt“ mehr Sinn: nämlich als innere Stimme (Denken), die ohne eine Absicht, die das Ich vereinnahmend als „meine Absicht“ bezeichnen könnte, spricht.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Es denkt

Es denkt.

Friedrich Nietzsche
deutscher klassischer Philologe und Philosoph
geb. 15. Oktober 1844 in Röcken; gest. 25. August 1900 in Weimar, lebte 56 Jahre.

 

Zusatz

Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht lediglich als deren Beobachter. Alles Grundsätzliche des Außen findet er in sich. Daher auch kann man die vielfältigen Verbindungen, die der Mensch gewohnt ist im Äußerlichen zu sehen oder herzustellen, auch in sich selbst finden.

Sich aber als getrennt von der Schöpfung zu sehen, als Geist innerhalb toter Materie, DAS ist die täuschende Welt der zehntausend Namen.

Als Grundsatz des Spirealismus erwähnte ich auch des Öfteren, das Eine könne nicht das Andere sein. Das ist, bezogen auf den Menschen, das Prinzip der Individualität. Das Eine könne aber auch nicht ohne das Andere sein – das ist das (uns rätselhafte) Prinzip der allgegenwärtigen Verbindung, die mindestens ebenso Wirklichkeit in unserem Sein hat, wie das Erstgenannte. In uns selbst spüren wir das. In uns sind Viele.

Aus Vielem wird immer wieder Eins – das ist, wieder bezogen auf das menschliche Subjekt, Supersubjektivität. Betrachtet sich das Eine (das Subjekt) genauer, stellt es fest, aus Vielem zu bestehen – das ist Subsubjektivität.

Subsubjektivität ist einfach ein Wort für die spirealistische Gewissheit, dass im Einzelnen, aus dem jedes Ganze (auch der Mensch) besteht, jeweils ein subjektiver Wille herrscht. Subsubjektivität ist ebensowenig „objektiv“ zu umreißen wie Supersubjektivität.

 

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst was last modified: Januar 22nd, 2018 by Henrik Geyer