Neulich sah ich einen Engel.

Gibt es Engel? Alles ist eine Frage der Sichtweise. Die Welt ist eine Vorstellung.

Die Leute wollen immer wissen, was wirklich ist. Aber wirklich ist eben genau jenes, was wir uns denken. Erzählt man eine Geschichte von einem Engel, dann sagen die Leute, das sei Unsinn. Erzählt man eine alltägliche Geschichte, die nur das beinhaltet, was die Leute glauben wollen, dann sagen die Leute, das sei nicht interessant. Wer glaubt, Engel sehen zu können, sieht sie. Wer glaubt, Engel könne es nicht geben, für den sind sie nicht da. Ob man nun von Engeln berichtet, oder von Leuten, die uneigennützig gut handeln – es ist eigentlich dasselbe.

Und Himmel und Hölle sind jederzeit in uns, beides entsteht wie absichtslos; oft gleichzeitig. Wenn wir das Selbstverständlich-Übernatürliche suchen, werden wir es nirgendwo anders finden, als in unserem Blick.

 

Neulich sah ich einen Engel.

Ich ging über ein grünes Feld. Die Büsche rauschten, und die Pappeln neigten sich. Da stand eine Person, mir zugewandt. Ich senkte den Kopf und wollte schnell vorüber gehen. Doch der Andere sah mich an. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass sich hinter seinem Rücken etwas bewegte. Ich blieb zögernd stehen. Hinter seinem Rücken – das waren weiße Flügel!

Seine tiefblauen Augen waren unverwandt auf mich gerichtet. Sein Haar wurde von dem heftigen Wind kaum bewegt. Ich fragte:

„Was machst du hier?“

„Nichts. Ich passe auf.“

„Auf mich?“

„Nein. Auch. Ich schaue, dass es seine Ordnung hat.“

„Eine Ordnung? Warum machst du das? Bist du von Gott gesandt?“

„Es ist meine Natur.“

Ich sah ihn noch eine Weile an, wie er dort im Wind stand. Sein Blick ging nun an mir vorbei. In seinen dunklen Augen leuchteten viele kleine Punkte.

Der Wind drehte die helle Unterseite der Blätter nach oben. Als ich weitergegangen war und mich umschaute, war er verschwunden.

Die Büsche rauschten, und die Pappeln wogten im Wind, so als würden sie sich verneigen.

 

War es so? Oder war es vielleicht so:

 

Ich ging mit dem großen Familienhund spazieren, es war ein Sonntag Vormittag, glaube ich. Die Feldwege waren schlammig und es war ein wenig windig. Über den Himmel zogen graue Wolken.

Mir kam ein Mann entgegen, der zwei weiße Plastiktüten in der Hand hatte. Er hatte zwei kleinere Hunde dabei, die um seine Beine herumwuselten. Für mich ein kleines Ärgernis, denn ich habe oft Mühe, den eigenen Hund zu halten, wenn uns andere Hunde begegnen.

Ich sagte, dass sei schwierig mit den Hunden, wenn die so heftig an der Leine reißen – so zum Smalltalk. Der Fremde sagte ja, besonders wenn man noch Plastiktüten dabei hat. Ich nickte anerkennend, und ein wenig fragend.

Er sagte, er sammele immer den Müll auf, wenn er so spazieren gehe. Die Leute schmeißen ja so viel weg, direkt in die Natur. Jetzt, hier, habe er schon wieder zwei Beutel voll.

Ich wunderte mich, dass er das machte. Ich dankte ihm auch, im eigenen Namen, aber auch im Namen all der Menschen, die so etwas sicherlich zu schätzen wüssten, würden sie es nur bemerken. Wenn man jemanden mit Plastiktüten über Feldwege gehen sieht, dann kommt man nicht darauf, dass hier jemand Ordnung schaffen will.

Ich musste seither oft daran denken. Was würde wohl aus diesem Land und seinen Menschen, wenn es nicht sehr viele Leute gäbe, wie ihn?

Neulich sah ich einen Engel. was last modified: Dezember 15th, 2017 by Henrik Geyer