Ist „Ich denke, also bin ich“ zu kurz gedacht?

Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich. Das ist ein Prinzip des Spirealismus. Der den Satz prägte, Rene Descartes, war kein Spirealist, kein subjektiver Idealist, oder Konstruktivist, sondern letztlich Materialist. Er glaubte an eine Existenz des Materiellen jenseits des Gedankens. Wohl etwa aus dem Grund, den Oswald Spengler so formuliert:

Cogito, ergo sum. Das ist willkürlich:
auch wenn ich nicht denke, bin ich.

Oswald Spengler
politischer Schriftsteller
geb. 29. Mai 1880 in Blankenburg am Harz; gest. 8. Mai 1936 in München

 

Kann man das anders sehen?

Man kann. „Ich denke, also bin ich“ ist nicht zu kurz gedacht, vorausgesetzt, am Ende dieser Überlegung steht nicht wieder der „unvermeidliche“ Materialismus.

Nur der Gedanke gibt uns Auskunft über das Sein. Etwa, wenn wir feststellen, wir seien auch „da“ gewesen, als wir „eine Weile nicht gedacht hatten“. Wir befinden uns, wenn dieser, oder irgendein anderer Gedanke auftritt, im Jetzt. Wenn wir feststellen, wir seien „da“, oder „da gewesen“, oder etwas sei „da“ oder „da gewesen“, dann ist dies ein Gedanke des Jetzt. Die Zeit, mit ihrer Konstruktion der Vergangenheit und Zukunft, ist ein Produkt des Jetzt, der Gedanken des Jetzt. Wenn nicht der Gedanke des Jetzt da ist (und wann wohl sollte der Gedanke sonst auftreten, wenn nicht Jetzt?), dann gibt es auch kein Sein.

 

Das ist, was für das Bewußtsein ist, für das Bewußtsein Sein hat.

Richard Rothe
deutscher Theologe
geb. 28. Januar 1799 in Posen; gest. 20. August 1867 in Heidelberg

Ist „Ich denke, also bin ich“ zu kurz gedacht? was last modified: Dezember 3rd, 2017 by Henrik Geyer