Freiheit der Gedanken. Wie frei und gleich können Andersdenkende sein? Eine spirituelle Betrachtung.

Andersdenkende: Was unterscheidet die Menschen und was macht sie gleich?

Heute muss man Terror zur Kenntnis nehmen, und man schaut zu, wenn Hassprediger im freiheitlichen Staat tun was sie wollen. Zu oft wird gesagt, die Freiheit insbesondere der Gedanken sei ein hohes Gut – man könne demzufolge nichts tun, solange sich der hasserfüllte Gedanke nicht in einem tatsächlichen Gewaltakt Bahn bricht. Andersdenkende sind zu schützen.

Man fragt sich (als spiritueller Mensch): Ist es spirituell, alles zuzulassen? Friede sei mit dem Andersdenkenden – und zwar in jeder Hinsicht?
Wie absolut ist eigentlich die Freiheit der Gedanken, wie absolut darf sie sein?

Andersdenkende – was die Menschen in ihrer Verschiedenheit definiert

Für mich macht insbesondere der Geist die Unterschiedlichkeit der Menschen aus – ihr Denken. Zu fordern, man solle jedes Denken von  Andersdenkenden tolerieren, ist für mich die Forderung, alles andere im eigenen Leben integrieren zu wollen oder zu können. Und – was ist „anders“? „Anders“ als das Eine ist alles. Will man wirklich pauschal „anders“, will man alles?

Menschen suchen die Gleichheit in der Unendlichkeit des Alles

Das entspräche keiner Lebenserfahrung. Es kann dem Einzelnen nicht gleichgültig sein, mit welchen Leuten, mit welchem Denken, er sich in Verbindung bringt. Jeder Mensch setzt sich in Verbindung mit Denken, dem er selbst zuneigt. Er vermeidet das Denken in Kategorien, die er sich für sich selbst nicht wünscht. Ob man das nun gut oder schlecht findet – es ist so.

Wer Frieden möchte, geht weder zu gewalttätigen Menschen, noch lässt er es zu, dass ihre Welt in die eigene einbricht. Er hält sich von ihnen fern, verhält sich restriktiv, nicht offen.

Gerade jene, die vorgeben alles integrieren zu wollen oder zu können, liefern nicht den Beweis, dass das möglich wäre. Grenzen sie ihr Denken denn nicht ab? Können und wollen sie jedes Denken tolerieren? Natürlich nicht.

Man muss einfach zur Kenntnis nehmen: Unter Menschen gibt es keine völlige Freiheit des Denkens. Das Einzelne kann nicht zugleich Alles sein. Es muss sich auch abgrenzen.
„Anders“ ist nicht „gleich“. Man definiert sich durch die Gemeinsamkeit – das ist das wichtige Prinzip, Andersdenkende zu tolerieren. Man definiert sich aber mindestens im gleichen Maße auch durch die Verschiedenheit, durch Abgrenzung. Auch Abgrenzung ist wichtig. Dem einen Prinzip gegenüber dem anderen eine Absolutheit zuzuschreiben, ist unmöglich, und muss an der Realität scheitern.

Der Staat ist nichts völlig Anderes als der Einzelne.

Wenn es um Staatsräson geht, also um die allgemeinen Regeln des Staates, dann heißt es oft, was irgendwo im Staat gedacht wird, muss den Politiker nicht berühren, muss den Bürger nicht berühren; oft meint man sogar, es ginge den Einzelnen gar nichts an!

Aber – besteht denn der Staat nicht aus den Bürgern? Wo würde man beim Einzelnen das Prinzip finden, er müsse alles integrieren, ohne auch das Prinzip der Abgrenzung von Andersdenkenden? Die Illusion, der Staat könne das tun, was sonst niemand kann, d.h. er könne Beliebiges integrieren, kommt vielleicht aus der Wahrnehmung, dass man sich selbst nicht mit dem Andersdenken auseinandersetzen muss – der Staat ist ja groß.

Aber, dieses Denken stößt bei den konkreten Menschen an eine Grenze – irgendjemand muss sich dann doch mit dem Konkreten auseinandersetzen.

Daher muss, was für den Einzelnen selbstverständlich ist, der Staat ebenso beachten. Der Staat kann nur funktionieren, wenn er die Gemeinsamkeit fördert, wenn er integriert, wenn er sich im gleichen Maß aber auch abgrenzt. Sich nicht abzugrenzen bedeutet in der Konsequenz Auflösung.

Eine unrealistische Denkweise, der zufolge man alles tolerieren müsse, dem Staat zurechnen zu wollen, widerspricht dem Denken der Menschen, aus denen sich der Staat formt. Der Staat ist den Regeln der Menschen unterworfen, aus denen er sich formt. Und so muss und darf sich der Staat auch abgrenzen.

Es gibt keine absolute Freiheit des Tuns, und damit auch nicht des Denkens. Denn es kann nichts getan werden, was nicht auch gedacht wird.

Was getan wird, muss gedacht sein. Auch Gewaltakte jeglicher Art – sie entstehen in Gedanken. In Gedanken werden sie durchgeführt. Man wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass Gedanken nicht egal sind. Sie sind nicht unreal, nicht unwirklich, und daher sind gerade sie nicht völlig frei, und waren es nie.

Die Freiheit von humanistischem Denken zu bewahren- das ist ein hohes Gut. Man kann dieses hohe Gut nur bewahren, wenn man es definiert, aber auch in seiner Verschiedenheit von anderem Denken abgrenzt. Und da das Denken in Menschen ist – von Andersdenkenden. Man muss klar sagen was man will, um es zu leben. Was will man annehmen und fördern, und was ist abzulehnen und klar auszugrenzen? Nicht jede Denkrichtung kann im Staat willkommen sein.

 

 

 

Freiheit der Gedanken. Wie frei und gleich können Andersdenkende sein? Eine spirituelle Betrachtung. was last modified: Dezember 2nd, 2015 by Henrik Geyer