Das Äußerliche (die Dinge) versus das „nur Gedachte“. Gedanken zu Existenzialismus

Existenzialismus: Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf; er existiert nur in dem Maße, als er sich entfaltet. Spireo Spruchbild

Was ist für mich das Wesentliche am Existenzialismus? Ist es die Frage nach Sinn?

Nein. Der Existenzialismus rückt die Existenz des Menschen in den Mittelpunkt, wenn es um die Frage nach dem Wesen der Dinge geht. Die Existenz, der Beobachter also, ist damit entscheidend für das Beobachtete. Die zum Nachdenken anregende Kernfrage lässt sich somit auch wie folgt formulieren: Was sind die Dinge, was ist letztlich das Universum, wenn sie nicht (durch den Menschen) beobachtet werden?

(Der allgegenwärtige Materialismus sieht hier normalerweise keinen Zusammenhang. Die Dinge seien existent, auch ganz ohne Beobachter…)

 Die Frage nach Sinn wird aus einer neuen Perspektive gestellt

Eine wichtige Aussage des Existenzialismus ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Seins. Auf der Basis seiner (für seine Zeit) ungewöhnlichen Sichtweise, der Sichtweise des beobachtenden Seins (also der Existenz eines Beobachters in Form eines Menschen), macht der Existenzialismus die Aussage, dass es einen Sinn jenseits der Existenz nicht gibt. Es ist dies eine Weiterentwicklung und interessante Variante der uralten Frage nach der Existenz. Ist die Existenz definiert durch feste Objekte aus Materie in einem Außen, der Geist als beobachtendes Element gegenübersteht? Materie als real, Geist als „nur gedacht“, und damit der Inbegriff dessen, was wir als „nicht wirklich“, und damit unreal ansehen? Oder ist nicht der Beobachter für das Entstehen der Welt entscheidend?

 Fundamentale Frage nach dem Wesen von Existenz

Die Frage nach der Existenz erweist sich als äußerst schwierig für unser Alltagsverständnis. Wir sehen die Dinge immer nur auf eine Art: Sie wären bereits vorhanden, sobald wir sie beobachten. Somit kann sich bereits die Frage nach dem Wesen der Existenz dem Materialisten normalerweise nicht erschließen, denn der Materialismus geht ja davon aus, die Dinge wären unabhängig von uns, in einem Außen, bereits vorhanden. (Wohlgemerkt: ich verstehe unter Materialismus nicht eine gesellschaftspolitische Strömung, und auch keine konsumfreundliche Gesinnung, sondern die Vorstellung, die Dinge existierten außerhalb von uns, sie seien in einem Außen und unabhängig von uns bereits vorhanden. Und, Hand aufs Herz, wer ist denn nicht Materialist – in diesem Sinn?)
Und nun gibt es auf der anderen Seite, wie gesagt, die seit Jahrtausenden immer wieder auftauchende, und ja sehr berechtigte Frage: Was könnten denn diese „Dinge“, vorgestellt als Materie (Stoff) wohl sein, wenn wir sie nicht beobachten? Unterliegen sie denn nicht unserer Sichtweise? Denn wir stellen immer und überall fest: Was wir sehen, was wir wahrnehmen, nehmen wir nur innerhalb der in uns liegenden Möglichkeiten wahr. Die Dinge unterliegen also unserer Sichtweise. Sie lassen sich nie und nirgends auf immer dieselbe Art beobachten.

Der Materialist wird aus seinem Grundverständnis heraus annehmen, dass eine solche Frage nach der Existenz, gestellt aus umgedrehter Blickrichtung – also weg von den Dingen, hin zum Schauenden – falsch gestellt sein muss. Was soll denn der Schauende schon sehen, wenn nicht die Dinge? Die Dinge, die in ihrem Raum, die in ihrem Außen vorhanden sind? Sie sind doch da! Oder etwa nicht? Und was wohl soll mein Geist an den Dingen erfassen, wenn nicht die wahre Existenz der Dinge ?

 

Im Existenzialismus formt sich die Grundfrage nach der Existenz in einer neuen Variation aus – mit neuen Perspektiven, neuen Antworten. Genannt wurde ja schon die im Existenzialismus aufgefrischte Feststellung, dass Sinn durch die Existenz selbst entsteht.

Bekannt sind uns Betrachtungen des Themas gleichwohl bereits, und zwar in mannigfacher Form, seit langer, langer Zeit. Zu nennen sind Äußerungen diverser Philosophen und Naturwissenschaftler, die sich immer wieder um die Frage drehen: Was ist der Gegenstand der Betrachtung ohne den Betrachter? Was ist der Betrachter ohne den Gegenstand der Betrachtung?

Im jahrtausendealten Taoismus ist der Gipfelpunkt der Weisheit die Verschmelzung von Betrachter und Betrachtetem – es ist die Aufhebung der Polarität von Geist und Materie, der Dualität.

Eine dem Taoismus verwandte Aussage macht übrigens interessanterweise Goethe in folgendem Zitat:

Spireo-Existenzialismus-Unser-ganzes-Kunststueck-besteht
Unser ganzes Kunststück besteht darin, daß wir unsere Existenz aufgeben, um zu existieren.
Johann Wolfgang von Goethe

Für mich ist die Aussage dieses Zitates das Aufgeben der Identität (des Glauben an ein Definiert-Sein im Vorhinein) – was sich sogar auf das eigene Ich erstreckt. Wozu soll ein solches Aufgeben gut sein? Um dem Geheimnis  des Seins auf die Spur zu kommen! Denn das Sein – so wie wir es verstehen – ist letztlich das Definiert-Sein von etwas. Und die Definitionen – woher kommen sie, wenn nicht aus uns? Das Kunststück von dem Goethe spricht, ist das Kunststück, die Relativität die in allem liegt, zu erkennen, und damit seinen Frieden zu machen.

 Das „Ding an sich“ – philosophische Näherungen zum Thema Existenz in der Geschichte

Bei Immanuel Kant hat das objektive Außen keinen greifbaren Kern – das „Ding an sich“ ist für den Menschen nicht greifbar, und nicht begreifbar. Dennoch müsse es (zweifellos) vorhanden sein.

Ebenso fragt sich Jean-Paul Sartre, als einer der Hauptvertreter des Existenzialismus, ob es wohl die „Fremdexistenz“ überhaupt gibt – er versteht darunter die Existenz eines fremden Menschen. Angenommen, wir wären denkende Existenzen in einem Computer, oder ein in einem Bassin schwimmendes Gehirn – woher wüssten wir, dass es ein existierendes Außen wirklich gibt? Und auch Sartre kommt zu einem ähnlichen Resultat wie Kant: die Fremdexistenz müsse wohl vorhanden sein… auch wenn es an Beweisen mangelt.

Der Naturphilosoph David Hume drückte seine Überlegung dieser Frage so aus: Der Mensch könne nicht umhin, an die Existenz der Außenwelt zu glauben. Die Natur habe dem Menschen hierin keine Wahl gelassen. In „Alles ist Geist“ frage ich mich.. warum soll die Natur dem Menschen keine Wahl gelassen haben? Die Natur hat kein wie auch immer geartetes Interesse, sich in einem bestimmten Sinn zu präsentieren. Der „zwingende“ und unumgängliche Sinn, muss demnach wohl aus uns selbst kommen…

Zumindest jedoch werden in all diesen Äußerungen namhafter Philosophen, selbst wenn sie immer wieder auf die materielle Außenwelt kommen, die es geben müsse, trotz jeglicher logischer Überlegung, wohlüberlegte Zweifel laut, die am materialistischen Konzept bestehen – und die nach meinem Dafürhalten mehr als berechtigt sind (daher formuliert der Spirealismus auch den kompletten Gegenentwurf).

Und jetzt, zu guter Letzt, kommen auch noch die Resultate der Erforschung der Materie in der Quantenphysik hinzu. Forscher stellen fest: dort, wo nach aller Überlegung innerhalb des materialistischen Weltbildes Eindeutigkeit sein müsste; wo die Objektivität herrschen müsste, die wir im Großen nicht finden konnten – also in den geringsten und aller-kleinsten „Kernen“ der Materie – dort herrscht Wahrscheinlichkeit, Unschärfe, Relativität!

Spirealismus als philosophische Sichtweise, die von einem existenzialistischen Ansatz ausgeht

Der „Spirealismus“ legt dar, dass der Gedanke selbst die Existenz ist, und somit der Inbegriff des Realen. Unser Begreifen von Existenz beinhaltet normalerweise die Vorstellung eines Betrachters, der die in einem Außen befindlichen, existierenden Dinge, beobachtet. Das wäre also die Dualität aus Beobachter und Beobachtetem, aus ich und du, aus „das Selbst“ und „das Fremde“, aus hier und dort. Das Konzept eines Außen ist zwar in jedem Wort unserer Sprache, in jedem Gedanken eingewoben, es lässt sich nur nirgendwo nachweisen. Und letztlich ist es auch gar nicht besonders vernünftig.. man braucht dieses Konzept letztlich nicht, um sich ein funktionierendes Universum vorzustellen. Oder ist uns etwa ein Universum des Außen, das aus einem Urknall hervorgeht.. tatsächlich Erklärung??

Daher drehe ich die Aussage Humes folgendermaßen um: Der Mensch formt in seinen Begriffen die Vorstellung eines von ihm unabhängig existierenden Außen, einer Außenwelt. Wenn der Mensch also, wie Hume sagt „nicht umhin komme“, an die Existenz einer Außenwelt zu glauben, dann deshalb, weil er nur innerhalb seiner Begriffe zu denken vermag.
In „Alles ist Geist“ wird das eine „Denkgrenze“ genannt, und zwar eine Denkgrenze, die aus Wissen besteht. Aus Wissen deshalb, weil es unser unerschütterliches Wissen ist, dass es eine unabhängig von uns existierende Außenwelt geben müsse, auch wenn wir sie gar nicht nachweisen können. Eine rationale Begründung erscheint uns überflüssig – denn: Was sollen wir wissen, jenseits unseres Wissens? Als Grenze ist diese Denkgrenze für uns also unsichtbar, weil die Welt, die wir kennen, und unsere Begriffe von ihr, ein und dasselbe sind.

Tatsächlich aber sind unsere Begriffe von der Welt nicht auf irgendein außerhalb von uns selbst existierendes Außen zurückzuführen, sondern unsere Begriffe entstehen durch… nun ja, durch uns!

Dies entspricht übrigens in seiner Grundaussage etwa der Aussage Schopenhauers, der konstatiert, das die Welt die Welt unseres Denkens ist, und das dies nach allersorgfältigster Überlegung so gesagt werden müsse. Gleichwohl, das wusste Schopenhauer, sei diese Aussage demjenigen, der sie hört, zunächst völlig unverständlich.

In „Alles ist Geist“ beantworte ich die Frage nach der Existenz anders, als es letztlich auch die Existenzialisten tun. Denn der Existenzialismus verliert sich in Deutungen von Begriffen wie Sinn, während doch das Hauptthema, auch für den Existenzialismus, die Frage nach der Existenz selbst sein muss. Verstehen wir die Existenz richtig? Wie könnte man eine Frage nach Sinn beantworten, wenn man die Frage nach den Dingen schon nicht zu stellen vermag? Was ist die Existenz? Was existiert? Was ist etwas Vorhandenes?

In „Alles ist Geist“ wird die Frage nach Existenz so beantwortet: Während wir, wenn wir allein das Wort „Existenz“ denken, oder es nennen, uns etwas vorstellen, was bereits da wäre, ist doch die Existenz tatsächlich etwas, das sich aus uns und durch uns, als Prozess ereignet. Es gibt also keine Existenz in dem Sinne, etwas wäre bereits vorhanden, und wir könnten es auf nur eine einzige Art und Weise beobachten. Und tatsächlich gibt es gar nicht „die Welt“. Sondern es gibt viele Welten – die Welten des individuellen Denkens. Auch das ist, achtsam beobachtet, überall feststellbar. Es ist die einzig immer und überall feststellbare Tatsache : es gibt nichts Objektives.

Der Aussage: Die Ontologie des Materialismus beruhte auf der Illusion, daß man die Art der Existenz, das unmittelbar Faktische der uns umgebenden Welt, auf die Verhältnisse im atomaren Bereich extrapolieren könne. (Werner Heisenberg), stelle ich meine Wahrnehmung gegenüber, dass sich auch „im unmittelbar Faktischen der uns umgebenden Welt“ die objektive Existenz nicht feststellen lässt. Das müssen Kant und Hume beispielsweise ganz ähnlich gesehen haben, sonst wären sie nicht auf den Gedanken gekommen, eben diese Existenz, zu hinterfragen, obwohl sie doch die atomare Welt nicht wie Heisenberg kennen konnten.

Die Aussage, es gäbe nichts Objektives, sondern nur Subjektives, wird gemeinhin (falsch) so verstanden, dass man meint, es gäbe jenseits der individuellen Vorstellungen, jenseits des individuellen Wahrnehmens, noch eine „richtige“, eine objektive Welt. (auch hier wird die Verbindung von Wort und Begreifen eines Weltbildes sichtbar… (Denn: heißt „Wahrnehmen“ nicht normalerweise, etwas in einem Außen Vorhandenes als Information abzurufen?). Der Spirealismus jedenfalls sagt: Es gibt keine im Außen vorhandene, objektive Welt. Die Information formt sich im Augenblick der Wahrnehmung.

In meinem Buch stelle ich dar, wie sich dieser Gedanke in mir entwickelte. Es ist eine Beobachtung meiner Psyche in einer Notlage – und eine Beobachtung der Entwicklung der Begriffe darin. Es ist mein eigenes Erstaunen, dass ich in diesem Buch schildere: mit einer ganz bestimmten Art und Weise des Denkens hängt eine ganz bestimmte Art und Weise der Wahrnehmung der Welt zusammen. Bereits hier ist die Einzigartigkeit der Information in jedem Augenblick wahrzunehmen. Man muss keine Teilchenbeschleuniger bemühen (diese hatte ja übrigens Kant auch nicht zur Verfügung).

 

In meinem Buch stelle ich also die Frage nach dem Wesen der Existenz. Meine Schlussfolgerung, die ich in meinem Buch erläutere, ist: Es gibt kein Materieobjekt, dem eine bestimmte Information vor der Wahrnehmung bereits „anheftet“. Das bedeutet: Wissenschaft – und jeder andere Glaube, den wir haben können, funktionieren aus demselben Grund: Die Welt ist die Welt der Relationen, die Welt der Information, die immer subjektiv und immer einzigartig entsteht. In uns! Es gibt keine davon verschiedene, „objektive“ Welt und keine objektive Existenz.

Warum aber können wir das aber nicht ohne weiteres feststellen? Es muss doch einen guten Grund haben, warum diese Thematik seit Jahrtausenden Philosophen und Naturwissenschaftler bewegt, und dennoch immer wieder in einem materialistischen Sinn beantwortet wird? Ich  nenne es eine Denkgrenze. Der Mensch kann sich nicht außerhalb der eigenen Begriffe bewegen und daher werden wir nie eine Inkongruenz zu unserem eigenen Verständnis feststellen – welches auch immer das ist.

Das Äußerliche (die Dinge) versus das „nur Gedachte“. Gedanken zu Existenzialismus was last modified: Dezember 1st, 2015 by Henrik Geyer