Die Welt als Sichtweise – die Welt als Phantasie

Die Welt ist eine Sichtweise, die sich nach dem Sehenden richtet. Das haben viele kluge Köpfe gesagt, ich habe nur wenige Sekunden gebraucht, um ein passendes Zitat aufzutreiben; jenes von Thackeray. Natürlich wird es dem Materialisten scheinen, als sei das wahr, dann aber auch wieder nicht … Aber das ist eine andere Geschichte.


Auch der große Philosoph Schopenhauer kam zu dem Schluss, die Welt sei eine Vorstellung (sein Hauptwerk: „Die Welt als Wille und Vorstellung“). Er versuchte das in seinen Schriften zu beweisen, darzulegen. In wissenschaftlicher Weise zitierte er, lateinisierte er, bewies er – und war, auf Grund seines enzyklopädischen Wissens auch dazu in der Lage! Doch, eine allzu große Wirkung erzielte er damit nicht, wie er selbst einmal feststellte. Er schrieb, er habe von seiner ganzen Philosophie nicht mehr gehabt, als dass sie ihm vieles erspart habe. Er meinte wohl (in seiner etwas hochtrabenden Art), dass ihm seine Philosophie die Zeit und Mühe erspart habe, sich mit nichtssagenden Leuten abzugeben, sowie deren nichtssagenden Äußerungen. Diese Zeit habe er für sich selbst gewonnen, der besten Gesellschaft, die er kannte.

Dass er der Welt nichts beweisen konnte lag wohl zum Allerersten daran, dass er nichts vorzuweisen hatte, das jenen, die ihn beurteilten sollten, sichtbar war. Was ihm sichtbar war, war jenen unsichtbar. Und so fiel sein Urteil über jene, die ihn umgaben, bitter aus. Umgekehrt machte man sich oft über ihn lustig, empfand ihn als Un-Persönlichkeit, die nur im Abseitig-Geistigen, jenseits des „prallen Lebens“, ihre Existenz hatte. Kurz gesagt: Man verstand ihn nicht.

So wie er versuchten sich viele daran, wissenschaftlich nachzuweisen, was doch in einem Außen nur dann sichtbar wäre, wenn es auch der Glaube der Vielen wäre. Die materialistische Weltanschauung ist ebenfalls ein Glaube. Ein Glaube, der erst einmal durchbrochen sein will, um sich einem anderen Glauben zuwenden zu können. Denn die materialistische Weltanschauung hält sich ihrem Wesen nach nur selbst für möglich, beweist sich selbst, stabilisiert sich selbst. Es ist ein Monotheismus. Der materialistische Glaube hat seine (scheinbaren) Vorteile und Unabdingbarkeiten für die Gläubigen, die nur allzu gern an das Feste, an die Materie, die ihnen ein anderes Wort für Gott ist, glauben möchten.

Die materialistische Wissenschaft möchte stets Psychologie und Glauben abtrennen von dem, was sie selbst formuliert – denn es gehöre nicht zusammen. Glaube und Wissenschaft seien zweierlei. Das sieht Spirealismus natürlich anders. Glaube, Psychologie und Wissenschaft gehören zusammen. Wir haben nur ein Organ der Wahrnehmung für alle Formen des kausalen Schließens, des Beweisens, des Imaginierens – das Bewusstsein. Der Spirealismus fragt: Welche ontologischen Entitäten könnte man untersuchen, würde man beispielsweise den Glauben an das Atom verlieren?

Auch ich mühte mich, die Ergebnisse meiner Überlegungen und meines Glaubens für andere sichtbar zu machen. In der Art eines Konvertiten vom Materialismus hatte ich den Anspruch, das müsse doch beweisbar sein. Doch, was heißt das, wenn man sagt, die Welt ist eine Vorstellung?

Es bedeutet, dass die Welt abhängig ist von der Sichtweise des Individuums. Das Individuum .. das kann auch eine Gruppe von Personen sein – siehe Supersubjektivität). Aber, wenn man nun eine andere Sichtweise hat, die weit von der Sichtweise der Vielen abweicht … ? Was wohl kann man dann den Vielen beweisen? Ich bin da ein bisschen pessimistisch geworden. Im Grunde ist es den Gläubigen des Materialismus schon unverständlich, wenn man nach dem Unterschied zwischen dem Objekt der Anschauung, und der Anschauung selbst fragt – diesen Unterschied soll es dem Materialismus zufolge ja geben. Der Materialist glaubt ja, er habe die einzig mögliche, beste Vorstellung vom ihm vor Augen stehenden Objekt, gleichwohl gäbe es eine Differenz zwischen Denken und Objekt … (man denke an Kants Frage nach dem Ding „an sich“).


Muss man etwas beweisen? Auf materialistische Art kann man jedenfalls nichts Nichtmaterialistisches beweisen. Getreu einer Hauptaussage des Spirealismus („Die Welt ist semantischer Natur“) sehe ich meine Aufgabe eher darin, Worte zu finden, die das Spirealistische in der besten Weise ausdrücken. Das ist gar nicht einfach – die materialistische Welt steckt bereits in unseren Worten. Die Welt (als Vorstellung) ist eben semantischer Natur. Worte sind verdichtete Vorstellungen. Die Aufgabe ist, nicht-materialistische Vorstellungen mit materialistischen Worten zu formulieren! Wenn das denn überhaupt möglich ist, so ist es schwer. Doch es hilft, wenn man sich zumindest der Problematik und des Ziels bewusst ist.

Weil ich eben den Spirealismus in der wirksamsten Form darlegen und nachweisen möchte, sind mir Worte des Glaubens, des Okkulten, des Symbolismus, nicht fern (siehe auch Ouspenskys „Der Symbolismus des Tarot“. Sie gehören dazu, denn die Welt als Vorstellung ist naturgemäß auch eine Welt der Phantasie. Ich kenne keine Worte, die es schöner ausdrücken, als jene Ouspensky’s. Es geht ihm um jene allgegenwärtige Phantasie … sie ist eine Naturkraft.

 

Die Natur träumt, improvisiert, erschafft Welten. Lerne, deine Vorstellungskraft mit ihrer Vorstellungskraft zu vereinen, und dir wird nichts jemals mehr unmöglich sein. Wende dich ab von der äußerlichen Welt und suche in dir. Dann wirst du das Licht finden.

P. D. Ouspensky
esoterischer Schriftsteller, Schüler von Georges I. Gurdjieff
* 4. März 1878 in Moskau; † 2. Oktober 1947 in Lyne Place, Surrey

 

 

 

Die Welt als Sichtweise – die Welt als Phantasie was last modified: Januar 25th, 2018 by Henrik Geyer