Die semantische Natur der Dinge

Die semantische Natur der Dinge

In diesem Beitrag soll die semantische Natur der Dinge besprochen werden, und natürlich die Frage, was überhaupt die Sprache und die Dinge miteinander zu tun haben – denn man meint ja meist, die Sprache würde die Dinge nur beschreiben.

Es gibt keine Objektivität – was sind die Objekte, die wir vor uns sehen?

In diversen Beiträgen habe ich die spirealistische Grundüberzeugung „Es gibt keine Objektivität“ ausgeführt, begründet, dargelegt.

Mit dem Fehlen der Objektivität fehlt dem Spirealismus der „Betrachtungsgegenstand“, den man in der materialistischen Sichtweise das „Objekt“ nennt, oder das „objektive Außen“, oder die „Materie“, oder auch die „Realität“.

Es fragt sich im Spirealismus, wo als Quelle der Existenz lediglich das Subjekt bleibt: Was beobachtet das Subjekt eigentlich? Was ist es, was es „sieht“?

Die Antwort des Spirealismus auf diese Frage ist: Das Subjekt beobachtet im eigentlichen Sinne nichts. Es kommuniziert, bzw. ist selbst Ergebnis einer Kommunikation. Der Sinn des Ausdrucks „etwas beobachten“ wäre herkömmlich, dass das Beobachtete unabhängig vom Beobachter ist – dies ist die Sichtweise der Trennung von Subjekt und Objekt; und die damit einher gehende stillschweigende Annahme, es gäbe überhaupt etwas, das von uns (Menschen), dem Beobachter, unabhängig wäre.

Aber eben das ist es ja, was der Spirealismus bestreitet.

Die Welten entstehen als Beziehungsgeflecht logisch aufeinander bezogener Begriffe.

Daher, immer wieder sagend und betonend: „Es gibt nichts, das zu beobachten wäre, das vom Beobachter unabhängig ist“ (eine Weiterentwicklung der Aussage „Es gibt keine Objektivität“), kommt der Spirealismus zu dem Schluss, dass die Vorstellungen von der Welt, und die Welt selbst, eins sind. Die subjektiven Welten entstehen nicht aus von uns unabhängigen Objekten, sondern als Beziehungsgeflecht logisch aufeinander bezogener Begriffe.

Wie gesagt: die äußerlichen Objekte fehlen. Eine Welt, die aus äußerlichen, von uns unabhängigen, Objekten gemacht ist, ist lediglich in unserer Vorstellung vorhanden. Die Voraussetzung für diese Vorstellung ist Geist – Geist ist somit nicht die Folge einer materiellen Anordnung (Gehirn) .

Woher beziehen wir also unsere Begriffe?

Angenommen, vor mir steht ein Glas Wasser. Was beobachte ich da? Ich gehe davon aus, dass es das Objektive nicht gibt. Was gibt es dann?

Die Antwort des Spirealismus ist: „Es gibt Geist!“ Der Geist ist das Primäre, nicht Objekte in einem Außen. Der Inbegriff des Wortes Existenz ist Geist, ist der Gedanke. Die Objekte kommen aus dem Geist – sie sind unsere Realität.

Da wir Menschen nur Elemente des Geistes sind, ist Geist durch uns zwar nicht weiter erklärbar,  aber die Materie ist ja letztlich durch uns auch nicht weiter erklärbar. Alle logischen Kausalketten enden im Nichts. Da wir nur gewohnt sind, uns gedanklich in der Mitte von Kausalketten zu bewegen, entgeht uns diese Kleinigkeit meist. Aber noch einmal: Alle Kausalketten enden im Nichts. Denken wir an den „Urknall“, der von uns herbeigedachte Anfang von allem. Hier entstand, so meinen wir, die Materie. Aber was war vorher, woher kommt die Materie nun eigentlich, etc..?

Selbst wenn wir die Kausalkette weiterführten, vor den Urknall, und beispielsweise hinzufügten: der Urknall entstand aus einem Ereignis oder einer Konstellation XYZ, verschiebt sich das Ende der Kausalkette, doch danach kommt immer noch und immer wieder: das Nichts. Das Enden der Kausalketten im Nichts wird nicht aus der Welt geschafft.

materielle Festigkeit in der Mitte der Kausalketten

Daher kann man doch, was ich die „Mitte der Kausalkette“ nenne, auch als das Zentrum eines Ich-Universums sehen. In ihm sind die Begriffe fest und eindeutig. Warum? Weil jeder Begriff durch ein unendlich scheinendes Netzwerk von anderen Begriffen gestützt wird. Das ist am Ende einer Kausalkette nicht der Fall.

 

Beispielsweise das Glas Wasser. Es wird gestützt durch die eindeutig scheinenden Begriffe „Glas“ und „Wasser“, für „Glas“ ließe sich ersetzend „Gefäß“ oder „Behälter“ verwenden, für „Wasser“ die Worte „Nass“ oder „Flüssigkeit“.

So erscheint der Begriff „ein Glas Wasser“ wie das Einfachste und Eindeutigste. Es erscheint wie etwas, das nicht anders möglich sei, das nicht anders beobachtet werden könnte. Man befindet sich ja nicht am Ende der Kausalkette. Man befindet sich im semantischen Zusammenhang nicht an einer Außengrenze, wo Begriffe und Vorstellungen fehlen, die die gegebene Vorstellung erklären oder ersetzen könnten.

Doch wenn man die Kausalkette bis ans Ende verfolgte, dann fragte sich, was dieses Glas und dieses Wasser eigentlich ist.. Eine objektive, endgültige Information darüber ist nicht zu erlangen – wie gesagt: was ist Materie? Was ist ein Atom? Das, was da vor mir steht, sei eindeutig, meint man zuerst, doch diese Vorstellung verschwindet, wenn sich die Vorstellung von Materie, von Atomen, etc.. verflüchtigt.

Man kann noch weiter überlegen: Das Zentrum eines Ich-Universums ist das Ich. Um das Zentrum herum sieht das Ich die Dinge, die Nicht-Ich sind. Alles, was nicht das Ich ist, erscheint dem Ich wie die Dinge außerhalb, die es beobachtet. Das Ich ist der „massivste Körper“ dieses Ich-Universums. Ohne diesen Ich-Körper sind alle Objekte des Ich-Universums nicht vorhanden – weil die wichtigste und immer vorhandene, man kann sagen „die das Universum begründende“ Relation, fehlt – es fehlt das Zentrum, in dem alle semantischen Zusammenhänge zusammenkommen.

Doch auch das Ich braucht die Dinge, die um es herum sind. Das Ich kann sich nur dann etablieren, wenn es Dinge um es herum gibt – denn das Ich ist, wie alle anderen Dinge auch, eine Relation. Man könnte sagen, das Ich definiert sich durch den Gegensatz – das Ich und die Dinge. Es benötigt daher Dinge, die zu ihm selbst relativ sind. In der Sprache des Materialismus hieße das: Dinge, die der Mensch beobachten kann; ohne sie ist er nicht vorhanden. Man kann sich das ganz greifbar machen, indem man sich vorstellt, dass ein Ich, das kein Aussehen hat, in keiner Zeit ist, um das herum keine Dinge sind, auch nicht existiert. Denn es könnte nicht unterscheiden: hier bin Ich, dort ist das Andere.

Daher sagt der Spirealismus: Es gibt nichts vom Beobachter Unabhängiges. Die Welt, die das Ich da vor sich entstehen sieht, entsteht als Relation, dessen zentraler Ankerpunkt das Ich ist. Und das bedeutet auch wieder: die Welt, die das Ich da vor sich sieht, ist individuell, und kann in dieser Form nur von diesem einen Ich gesehen werden. Das ist eben auch der Sinn des Wortes „Ich-Universum“. Das Universum gibt es nicht, außerhalb des Ichs, etwa in objektiver (eindeutiger) Form. Es gibt eben nur das Subjektive, nicht das Objektive.

Die semantische Natur der Dinge.

Die Semantik ist ein Teilgebiet der Sprachwissenschaften und beschäftigt sich mit sprachlichen Zusammenhängen. Es untersucht das Entstehen von Bedeutung aus Wortzusammenhängen.

Die vielfältigen Methoden und Aspekte der Sematik aussparend, ist das für mich Anziehende am Wort Semantik, so dass ich sagen kann „die Natur der Dinge ist semantisch“, folgendes:

  1. Der Spirealismus stellt fest, dass es eine objektive Außenwelt nicht gibt. Somit entstehen alle Begriffe die wir haben, und von denen wir eigentlich meinen, es seien Begriffe, die eine von uns unabhängige Außenwelt beschreiben, aus subjektiven Relationen.
  2. Das spirealistische Grundverständnis „Das Denken ist die Realität“ bedeutet, dass wir nicht trennen müssen, von dem, was wir über die Dinge denken, und den Dingen. Es ist ein- und dasselbe.
  3. Somit sind die Welten in uns ebenso semantischer Natur, wie unsere Sprache, die nur vermeintlich dazu dient, eine äußerliche Welt zu beschreiben. Die Welt ist unser Gedanke daran, und mithin auch das, was wir „über“ die Welt sagen.
  4. Semantik sieht jeden Begriff, jede Vorstellung, als einen Punkt innerhalb eines Beziehungsgeflechtes anderer Begriffe.  Wie gesagt: Was ein Glas Wasser ist, lässt sich nur beschreiben, mit den Vorstellungen unserer Welt. Die dem Begriff „Glas Wasser“ nächsten Begriffe sind „Glas“ und „Wasser“, aber es gehören ebenso alle Begriffe dazu, die wiederum „Glas“ und „Wasser“ begründen und beschreiben. Letzten Endes lässt sich kein Teil eines Ich-Universums sehen, das nicht damit zu tun hätte; nichts lässt sich einzeln sehen, kein Teil eines Universums ist gedanklich abtrennbar.

Lesen Sie auch: Beitrag Ich – Universum. Die subjektive Welt als die einzig „vorhandene“ Welt

Das ist es, was ich meine, wenn ich von der semantischen Natur der Dinge spreche.

Die Variationsmöglichkeiten der Begriffe sind stets unendlich – und sie variieren kontinuierlich. Die semantische Konstellation ändert sich ständig. So wie ein Text, der die Welt beschreiben soll, und der ständig andere Vorstellungen hervorbringt, weil er sich selbst ständig ändert. Der Text wird ständig neu geschrieben, neu formuliert.

Der sich ändernde Text – das sind wir selbst. In uns, in unseren Vorstellungen, fluktuiert und wabert die Welt, wandelt sich, wird ständig anders. Immer innerhalb des nicht begrenzbaren Beziehungsgeflechtes unserer Vorstellungen. Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung – nicht als Beobachter der Schöpfung.

Ändert sich beispielsweise unsere Vorstellung davon was ein Atom ist, ändert sich unsere Vorstellung von der Welt.

Die Sprache entsteht aus einem Kontinuum der Kommunikation

Wir sehen die Sprache als abgetrennt von anderen Phänomenen. So als sei es ein besonderes Privileg des Menschen, zu kommunizieren. Oder als sei die Sprache eine besondere geistige Leistung des Menschen, die sich dieser quasi „ausgedacht“ habe.

Doch der Spirealismus sieht die Sprache in einem Kontinuum, das die Kommunikation der Relationen fortsetzt, welche den Menschen erst erschafft – Geist. Es ist ja einer der grundlegenden Sätze des Spirealismus: „Alles ist Geist“ („Alles ist Geist“ ist zugleich das erste hermetische Prinzip). Das bedeutet, das sich der Geist, den wir so gern nur uns Menschen zurechnen, in allem wiederfindet, was uns umgibt.

Es ist nicht „unser“ Denken, was da gedacht wird, sondern es ist Denken, das vor dem Menschen da war, den Menschen selbst erst begründet, und den Menschen umgibt.

Ebenso wenig, wie das Gehirn des Menschen den Geist erschafft, erschafft die Sprache des Menschen die Kommunikation.

Die Sprache des Menschen bildet in ihrer Semantik das Wesen der Kommunikation ab – dieses Wesen ist die Verbindung, die Vernetzung. Und dies wiederum ist das Wesen aller Wissenschaft, aller Dinge, aller Natur. Insofern könnte man vom semantischen Wesen der Wissenschaft sprechen, der Mathematik etwa. Das Eine kommt nicht ohne das Andere aus. Die Definition der Zahlen erschafft die Möglichkeit der Differentialrechnung. Erst durch die komplexen Beziehungen entstehen die Welten der Wissenschaft, ohne an irgendeiner Stelle endgültig sein zu können.

Ähnlich wie der Philosoph Wittgenstein formulierte:

Die Arithmetik ist die Grammatik der Zahlen.
Ludwig Wittgenstein

könnte man das Gesagte über die „semantische Natur der Dinge“ in folgenden Gedanken fassen:

Die Welt ist die Semantik der Dinge

 

Hier noch ein weiterer Satz von Wittgenstein, der das Gesagte unterstreichen kann:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Ludwig Wittgenstein

 

 

Siehe auch: Beitrag Die Metapher – wozu ist es gut, in Metaphern zu denken?

Siehe auch: Beitrag Mengenlehre, Worte, Zahlen. Sind Zahlen objektiver als Worte?

 

Die semantische Natur der Dinge was last modified: April 11th, 2016 by Henrik Geyer