Die Kreativität des Zufalls

Ich hatte im Artikel Der Zufall als Element kreativer Programme über die Rolle gesprochen, die der Zufall im kreativen Prozess spielt, und auch beim Zustandekommen von Intelligenz. Intelligenz hier verstanden als etwas sehr Allgemeines, sozusagen als das Denken.

 

Als einfaches Beispiel für ein kreatives Programm führte ich eines an, das unter anderem das unten stehende Bild erzeugt hat. Eine Schlüsseltechnik innerhalb dieses Programms sind Zufallszahlen.

 

Eine Zufallszahl ist kreativ

Letztlich ist die entscheidende Komponente, die eine nicht vorhersagbare Variante des o.g. Bildes hervorbringt, eine Zufallszahl. Ist eine Zufallszahl kreativ? Ist eine Zufallszahl intelligent?

So sehen wir das natürlich nicht. Warum eigentlich nicht?

Weil der Materialismus einige Paradigmen hat, die dieser Sichtweise fundamental entgegenstehen. Beispielsweise die Vorstellung, die Wirklichkeit gäbe es nur einmal, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: die Wirklichkeit ergäbe sich aus einer Notwendigkeit der Materie. Anders formuliert: Da die Objekte in eindeutig-bestimmter Weise außerhalb des menschlichen Geistes existierten, so die Logik des Materialismus, und da ein Objekt das andere in eindeutig-bestimmter Weise aufbaut und begründet, wie etwa ein Motor aus eindeutig-bestimmten Bauteilen besteht ohne die er nicht laufen würde, oder wie etwa ein Gegenstand aus einer bestimmten Anzahl von Atomen besteht, ohne die er nicht so sein könne wie er eben sei, so determiniere sich die Wirklichkeit aus einer bestimmten Notwendigkeit heraus.

Der Spirealismus hat diese Sichtweise natürlich nicht. Weder gibt es die Objekte jenseits des menschlichen Geistes sozusagen „extra“, noch existiert nur eine Wirklichkeit, noch kommt eine Wirklichkeit mit einer bestimmten Notwendigkeit zu Stande. Oder: Weil es nicht nur eine Wirklichkeit gibt, entfällt der Gedanke an eine Notwendigkeit „der“ Wirklichkeit.

Wille und Zufall

Das Letztgenannte hat natürlich wiederum Auswirkungen auf unsere Vorstellung von uns selbst. Wenn eine Zufallszahl in etwa so kreativ wäre wie ein Künstler, der verblüffende Zeugnisse seines kreativen Wollens erschafft – hieße das nicht, dass Kreativität, dass Wille …. vergleichbar und ähnlich dem Zufall sind? Dem Zufall, den man zwar überall im Außen am Werk sieht, nur nicht beim Menschen?

Und, nur einmal angenommen Wille wäre im Kern Zufall – was wird dann aus unserer Vorstellung von der Notwendigkeit kausaler Zusammenhänge? Denn nur mit Hilfe unseres Wissens um die Kausalitäten in der Natur (von denen wie wir glauben eine endliche Anzahl existiert), ganz ähnlich dem Willen bei uns selbst, schaffen wir es doch, die Natur zu erkennen und zu beschreiben … und zwar willentlich.

Innerhalb des Materialismus ist Wille als Zufall undenkbar.

Innerhalb des Spirealismus nicht, denn der sagt ja, der Mensch sei Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Was der Mensch im Außen sieht, kommt also auch in ihm und durch ihn zum Tragen, der er ein ganz normales Element ist. Die grundsätzliche Trennung zwischen Mensch und der ihn umgebenden Natur existiert nicht jenseits seiner Phantasie. Was er als seinen „völlig unabhängigen“ Willen bezeichnet, ist der Zufall einer anderen Sichtweise.

Warum noch kann Wille und Zufall in der materialistischen Sichtweise keinen Zusammenhang haben? Weil unsere Vorstellung von Kausalität und Zeit die Vorstellung von Wille ebenfalls stützen. Die Vorstellung von Wille ist, dass man zuerst etwas will, und es dann im Folgenden umsetzt. Etwas wird zuerst gedacht, und dann materialisiert es sich, als Ausdruck von Willen. So sind auch unsere Vorstellungen von Kausalität und Zeit mit dem Begriff Willen verknüpft. Das „Zuerst“ und das „Dann Folgt“ lässt uns an einen eindeutigen Zeitstrahl denken.

Ist der Begriff Zufall nicht im selben Maße mit Kausalität und Zeit verknüpft? Etwas passiert zufällig und dann … Nein. Zufall kann nicht auf rationale Weise eine Ursache genannt werden. Wenn Zufälliges Unvorhersagbares hervorruft, so ist die Verbindung zwischen beidem offensichtlich willkürlich – ganz anders als die materialistische Vorstellung von Kausalität. Zufall kennt kein Vorher und Nachher. Nur weil der Zufall eingebettet zu sein scheint in eine überwiegend kausal bestimmte Welt, scheint er notwendigerweise Teil der Kausalkette(n) zu sein. Sinnbild hierfür kann ein Würfel sein. Seine Form lässt nur 6 Möglichkeiten zu, welche Zahl geworfen wird. Die Form ist der rationale Anteil, die kausale Vorbestimmung. Der Zufall, das Nicht-Vorhersagbare, ist damit eingeschränkt auf 6 Möglichkeiten, und erscheint nun wieder vorhersagbar.

In der spirealistischen Vorstellungswelt gibt es weder Kausalität noch Zeit unabhängig vom (menschlichen) Geist. Warum nicht? Allein schon deshalb, weil der Spirealismus die Objekte nicht als unabhängig von Geist sieht. Und, bei Kausalität handelt es sich ja um Bezüge zwischen Objekten. Kausalität wiederum, mit seinem zuerst war … (Grund), dann ergab sich (Folge), spannt Zeit auf.

Kurz gesagt: Objekte, Kausalität und Zeit existieren für den Spirealismus innerhalb des Geistigen, also eines vollständig relationalen Bezugssystems, das nichts Objektives hat. Somit hat der Spirealismus eine andere Vorstellung von Existenz als der Materialismus, der ja davon ausgeht, der Mensch beobachte eine Realität außerhalb seiner selbst, und all dies, also die Objekte, die Kausalität und die Zeit, hätten nichts mit dem menschlichen Geist zu tun, sondern existierten unabhängig davon.


Zusatz: Was hat eine Sichtweise mit der Wirklichkeit zu tun? Schon hier spricht der Spirealismus eine dem Materialismus unverständliche Sprache, denn die Wirklichkeit einerseits, und eine Sichtweise andererseits, sind in der Denkweise des Materialismus strikt zu trennen.

Doch dem Spirealismus, wenn er davon ausgeht dass nicht nur EINE Wirklichkeit existiert, kann „die“ Wirklichkeit nichts anderes sein als eine Sichtweise. „Die Realität“ ist so gesehen eine Möglichkeit unter einer nicht benennbaren Anzahl an Möglichkeiten. Und den Gedanken an eine Wirklichkeit kann man im semantischen Zusammenhang des Materialismus auch eine Phantasie nennen.

Jedoch versteht der Spirealismus das Wort Phantasie nicht im materialistischen Sinn, als eine UN-Wirklichkeit, denn für ihn gibt es den direkten Gegensatz zwischen „der“ Wirklichkeit und etwas, das man über die Wirklichkeit denkt, nicht. Wie dem Spirealismus grundsätzlich der Gedanke an ein Objekt, und das Objekt selbst, untrennbar verbunden sind (Spirealismus = der Gedanke an eine Realität ist eine Realität).

 

Die Kreativität des Zufalls was last modified: April 24th, 2018 by Henrik Geyer