Was ist nur aus der Presse geworden

Ich weiß noch, vor vielen Jahren war Der Spiegel eine Institution des Journalismus. Ich weiß noch, dass ich damals einen seitenlangen Artikel las, der sich um einen Landespolitiker drehte, der heute völlig vergessen ist. Und das war interessant! Heute werden solche ins Detail gehenden Berichte nicht mehr gebracht, vielleicht wird es nicht mehr von den Lesern gewollt … wer weiß das.

Heute liest man im Unter-Blättchen des Spiegel namens Bento, das extra für die Jugend erschaffen wurde, einen Artikel wie „Was hält Donald Trump von Pornos?“ und im Spiegel selbst steht noch einmal zur Sicherheit Trump plant schon den nächsten Angriff. Tendenz der Artikel? Ja. Auf jeden Fall tendenziös, in welcher Richtung ist vorstellbar.  

So als müsse insbesondere Der Spiegel für das richtige Denken der Deutschen sorgen – diese sollen ja nichts Gutes von Trump hören, sondern immer nur Schlechtes. Wozu die Mühe? Wählen wir Trump bzw. Clinton oder die Amerikaner? Müssten nicht wir Deutschen, wenn Trump wider Erwarten gewählt würde, in jedem Fall mit ihm als Präsidenten auskommen?

Selbst wenn man eine ganz schlechte Meinung zum Beispiel von Trump hat, wofür sicherlich einiges spricht, ist es für den Leser interessanter zu wissen was die Amerikaner dennoch an ihm gut finden, als ständig diese Meinungsmache übergestülpt zu bekommen. Schließlich ist er einer von zwei verbliebenen Präsidentschaftskandidaten, und es könnte irgendetwas geben, das nicht abscheulich an ihm ist. Davon im Spiegel zu lesen ist aber unwahrscheinlich. Die dauerhafte Indoktrination hat, zumindest bei mir, eine direkt gegenteilige Wirkung. Was daraus folgt ist innerliche Abwehr.

Warum auch, fragt man sich solches lesend, sollte die Politik blütenreiner sein als die Presse, die vorgibt „die Wahrheit“ über eben diese Politik zu verbreiten? Anders gesagt: wenn die Presse das Mundwerk ist, warum sollte das Gehirn etwas Klügeres denken als das, was dann ohnehin nur aus dem Mund kommen kann? Das wäre ja direkt unzweckmäßig. Ist die zielgruppengerechte Meinungsmache nicht genau das, was Politiker vom Schlage eines Trump erst „auszeichnet“ und was der Spiegel bei ihm als Populismus bezeichnen würde? Und bei sich selbst?

Der Spiegel ist sicherlich nicht „die Presse“, aber immerhin ein wichtiges Organ. Ich habe den Spiegel von früher anders in Erinnerung. Sachlicher und weniger parteiisch.

Was ist nur aus der Presse geworden was last modified: September 29th, 2016 by Henrik Geyer