Nazis der Liebe

gerade in jüngster Zeit spitzt sich die politische Diskussion in Deutschland auf eine bisher nicht gekannte Art und Weise zu.

Blockwarte wider falsches Denken

Was zumindest mir dabei auffällt: Obwohl sich die deutsche Gesellschaft doch gemeinhin als „freiheitlich“ versteht, ist es keineswegs erlaubt, jeden Gedanken zu denken. Als Wächter der Demokratie, quasi Sittenwächter für das Denkbare, Entscheider zwischen Gut und Böse, stilisieren sich Jene, die sich im Besitz einer nicht zu negierenden Wahrheit glauben. Manche reden wenn es gerade passt wie Jesus oder Karl Marx, und glauben, sich so als die besseren Menschen legitimiert zu haben.

Die „Wahrheit“, die so verbreitet werden soll, beruht der Prämisse alle Menschen seien immer gleich, alle Menschen seien immer positiv. Grenzenlosigkeit in Liebe und Hilfsbereitschaft seien unabdingbar und sowieso möglich. Und sie selbst würden das in genau dieser Weise stets praktizieren – das soll man so ganz nebenbei auch noch glauben. (Selbsterkorene) Gegner sind von dieser „heiligen Liebe“ natürlich sofort ausgenommen, im Gegenteil: hier herrscht größtmögliche Feindschaft.

Im Namen der Liebe kann alles geschehen

Man soll  glauben, hier sei eine besondere Spezies am Werk: positiv denkende Menschenfreunde, die mit (gerechter!) Blockwartmentalität alles ausmerzen, was weniger menschenfreundlich ist. Nazis der Liebe sozusagen, selbstgerecht und diktatorisch, aber eben im Dienst des Guten. Dass Liebe als Totschlagargument für alle Arten von Zwangsdenken herhalten muss, ist nicht neu, nicht umsonst hat man dafür die sehr geläufigen Worte Scheinheiligkeit oder Heuchelei. Man denke zum Beispiel an die Rhetorik der Regierenden in der DDR, wo die Worte Frieden und Völkerfreundschaft in jedem Satz vorkamen, aber der größtmögliche Hass gegen den anderen deutschen Staat geschürt wurde. Oder man denke an religiös begründete Kriege oder Zwangsmaßnahmen jeder Art – die natürlich immer im Namen Gottes stattfinden.

Dass im Namen der Liebe und des Guten alles geschehen kann, und auch schon alles geschah, hat seinen guten Grund. Schließlich sind Worte der beste Weg, Deutungshoheit und Macht über die Gedanken der Massen zu erlangen. Was eignete sich besser um zu überzeugen, als positiv besetzte Worte?

Man muss unwillkürlich an das Ministerium für Liebe aus dem visionären Orwellschen Zukunftsroman „1984“ denken; das Ministerium ist im Roman natürlich nicht wirklich für Liebe zuständig, sondern für Gedankenkontrolle. Das Ministerium quält und schindet, zur Sicherung der liebevollen Herrschaft des Großen Bruders (Big Brother).

Das Prinzip der Demokratie ist Vielfalt, nicht Einheitsfront

Natürlich widerspricht eine Einheitsfront der Selbstgerechten, das gewünschte Ausmerzen des Widerspruchs, dem Gedanken der Demokratie, denn Demokratie ist Vielfalt, ist Widerstreit. Demokratie ist nicht bequem. Dass Demokratie nun einmal kein Prinzip der Einseitigkeit ist, und dass eine „Einheitsfront“ die Demokratie zum Verschwinden brächte, das stört diese „Denker“ kein bisschen.

Dass ein solcher Ton von den politischen Parteien ausgeht, deren Aufgabe es ist, zu polarisieren, das ist man schon gewohnt – wenn es auch sicherlich nicht „ok“ ist. Weniger verständlich ist, eine solche Mentalität in der Presse vorzufinden. Die Demokratie ist, wohlverstanden, die beste Chance auf Frieden und Ausgleich – und Demokratie ist nun aber gerade nicht die Herrschaft eines moralisch oder sonstwie überlegenen Denkens.

Dumm jedenfalls, dass es Menschen gibt, die den (Selbst-)Gerechten Widerstand entbieten. Für diese ist das verblüffend: wie ist das möglich? Alles wurde doch schon auf die klügste Art und Weise bedacht … auf die eigene eben? Wer kann so dreist sein, anders zu denken? Wer wagt es, Jesus zu widersprechen?

So gedacht scheint es völlig logisch zu sein, dass der ganze liebende Hass jene überschütten darf, die nicht so heilig tun, wie man selbst. Jesu Wort von dem Splitter, den man im Auge des Nächsten findet, während man den Balken im eigenen Auge nicht sieht, ist ihnen der blanke Hohn, sollte man dieses Zitat auf sie anwenden. Denn Jesus kann natürlich nur andere gemeint haben!

Die menschliche Beschränktheit nicht wahrnehmen

Sie selbst , diese selbstgerechten Pharisäer, repräsentieren die menschliche Beschränktheit am besten. Sie selbst sind die Stifter von Unfrieden, eben weil sie sich überheben, weil sie glauben moralischer zu sein. Und sie fragen sich, woher die Polarisierung in der Gesellschaft wohl kommen mag. Die Antwort finden sie natürlich sofort: Die Schuld liegt im anderen.

Sie bezeichnen sich als liebend-friedfertig, führen Nächstenliebe im Mund, ihre tatsächlich Nächsten aber greifen sie unversöhnlich an. Sie, die sie doch oft mehr als andere diskreditieren, herabwürdigen, Dysphemismen gebrauchen, behaupten, frei von Hass zu sein. Wie lächerlich.

Räsonierendes Rechthaben, sich überheben im Namen des Guten, das ist es nicht, was der Gesellschaft fehlt; solches Maßregeln fehlt auch nicht in der Europäischen Gemeinschaft z.B gegenüber einem Land wie Polen. Dergleichen ist nicht neu und nicht heilig, sondern eigentlich die älteste und unerfreulichste Geschichte der Welt.

 

passend hierzu: aktuelle Antwort der CSU auf Polemik.

Nazis der Liebe was last modified: September 21st, 2016 by Henrik Geyer