Leben wir in einem postfaktischen Zeitalter?

In einer Pressekonferenz zum Abschneiden der CDU bei der Berliner Landtagswahl vor einigen Tagen sagte die Kanzlerin, man lebe heute in einer postfaktischen Welt (postfaktisch= nach-faktisch). Daher wolle sie ihren Kritikern nicht mit Fakten antworten, sondern mit Gefühl.

Leben wir tatsächlich in einem postfaktischen Zeitalter des Populismus?

Postfaktisch, das bedeutet, es käme heute nicht mehr auf die Fakten an, wie früher. Früher, damit ist vielleicht jene Zeit gemeint, als die Zustimmung zur Regierungspolitik noch größer war.

Heute, so sieht es Frau Merkel offenbar, ist sie von Leuten (sog. Wählern draußen im Land) umgeben, die die Fakten nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Frau Merkel sagte, sie könne die Fakten geradezu herunterrattern, wenn sie denn nur wollte. Doch das habe in einem postfaktischen Zeitalter ja keinen Sinn …

Frau Merkel verkennt, dass sie es bei ihrer Gegnerschaft nicht mit dummen Ignoranten zu tun hat, die die Fakten einfach nicht kennen wollen. Vielmehr sehen die Gegner der Kanzlerin die Faktenlage ganz anders, als sie es tut.

Es ist die Aufgabe der Kanzlerin, die Geschicke des Volkes das sie wählte nach besten Kräften zu gestalten. Nicht im Besserwissermodus, sondern indem sie die vorhandenen gesellschaftlichen Strömungen in der eigenen Person widerspiegelt und vereint. Und das lässt sich eben schlecht machen, wenn man sich im postfaktischen Zeitalter wähnt. Man ist dann ja zwangsläufig auf quasi verlorenem Posten, wenn man einerseits überzeugt ist, nur innerhalb strenger Fakten zu denken, und sich andererseits von Leuten umgeben sieht, die die Fakten ignorieren. Es scheint dann so, als sei es völlig zwecklos sich um die Fakten zu streiten, die man ja nur selbst richtig zu kennen meint …

Demokratie ist nicht das Problem, sondern die Lösung

Es ist ein völlig normaler Vorgang, dass die „Faktenlage“ von verschiedenen Perspektiven ganz verschieden aussieht, daher die verschiedenen Parteien. Die Faktenlage selbst wird im eigentlichen Sinne nicht geändert oder vereinfacht, wenn sich Leute auf etwas einigen. Daher, auch dies eine Gesetzmäßigkeit der Demokratie, verschmelzen die Parteien nicht in einer endgültigen groß-glücklichen Koalition. Der Streit um die Fakten bleibt.

Es ist ebenfalls (leider) völlig normal, dass es dem Volks-Repräsentanten nach x Regierungsjahren kaum noch so recht einleuchtet, (nur) Repräsentant des Volkes zu sein, viel wahrscheinlicher erscheint es ihm, ganz aus eigenem Vermögen zu handeln und das auch zu dürfen. Aber doch! – so ist die Demokratie konstruiert – geht es immer wieder um den Willen des vermeintlich dummen Volkes. Schlumperfix!

Und dann zeigt sich: Das Problem der Demokratie ist nicht die Meinungsverschiedenheit über die Fakten, denn die ist unabdingbar und geradezu der Grund für die Existenz der Demokratie. Das Problem der Demokratie ist eher die Polarisierung – wenn diese übermächtig wird, dann erscheint es der einen oder anderen Gruppe so, als sei die Demokratie selbst das Problem, weil sie es ermöglicht, dass jene Andersdenkenden, jene Feinde, jene Unwissenden, überhaupt Stimme haben. Jene „Demokraten“ sind das Problem der Demokratie, die im Namen der Demokratie handelnd, die Demokratie am liebsten ausschalten wollen. Und zwar dort, wo sie es (im Sinne der Demokratie!) für angebracht halten.

Die Demokratie ist der Ausdruck des Streites über Fakten. Und die Demokratie, in der man in aller Unbequemlichkeit um die Fakten streiten muss, ist die Lösung, nicht das Problem.

Immer im Zeitalter des Faktischen

Schon immer befand sich die Welt im Zeitalter des „Faktischen“. Oder auch, wenn man so will, im Zeitalter des „Verschwommen-Faktischen“ einem Zeitalter also, in dem man sich um die Fakten stets streiten muss. Auch heute ist das so.

Demokratie ist nicht das Vehikel des Bundeskanzlers oder einer selbsternannten Moral-Elite. Sondern der Bundeskanzler ist Ausdruck der verschiedenen Strömungen innerhalb des Volkes. Das wählende Volk ist ihm das entscheidende Faktum. Oder sollte es zumindest sein.

Wenn Frau Merkel das Bedürfnis hat ihre Politik zu erklären, so möge sie das tun. Man wartet direkt darauf. Das nennt man im allgemeinen den politischen Diskurs, und der ist nicht unwillkommen. Politischer Diskurs ist es aber nicht, zu meinen, die Welt befände sich im postfaktischen Zeitalter, man selbst hingegen nicht. Das ist nur überheblich.

Leben wir in einem postfaktischen Zeitalter? was last modified: September 28th, 2016 by Henrik Geyer