Betroffenheitsrhetorik, die betroffen macht

ungefähr alle zwei Tage stolpert man über Artikel in den wichtigen Tageszeitungen, deren Anmutung etwa diese ist: Eine andere Meinung als unsere kann ja nicht sein. Wer also sind die Vollhonks, die gegen unsere Ideologie sind?

oder: Woher eigentlich kommen die Untermenschen, die dies und jenes denken?

Wie zum Beispiel diesen:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/abgehaengte-sind-der-neue-geist-der-gesellschaft-14546418.html

Der Tenor dieses Artikels ist, dass die erschreckenden und armselige Untermenschen – das sind wahlweise Populisten oder werden, in ihrer Eigenschaft als Pöbel, von Populisten verführt – „Abgehängte“ genannt werden. Sie sind in ihrer Existenz so armselig, dass die Privilegierten, so wie der Autor des Artikels, sich regelrecht selbst die Schuld geben, und dabei eine richtig schlimme Zeit haben!

Zuerst (früher) fragte man sich vielleicht erschreckt, ob solche, vielen Medien zugleich entströmenden Stimmen der „Nächstenliebe“, einen selbst meinen könnten. Irgendwann wird einem klar: Ja, die meinen dich, so wie jeden, der nicht ihre Big-Brother-Ideologie hat. Andere bezeichnen sie als unterprivilegiert – und sich selbst natürlich als privilegiert. Logisch.

Nach 1000 ähnlichen Artikeln der (Selbst-)Gerechtigkeitspresse kümmert das einen nicht mehr sonderlich, und man sagt sich, dass man so wie man denkt, nun einmal denkt. Wenn die Demokratie etwas wert ist, dann muss man auch sagen können, wie man denkt, ohne dass einem Hans & Franz über den Mund fahren. Die Methodik der gegenseitigen Kontrolle und des Artig-stille-Seins kenne ich noch aus DDR-Zeiten, damals habe ich mir geschworen, mich nicht mehr mundtot machen zu lassen. Nicht nur ich, halb Deutschland hat sich das geschworen – der Freiheit zuliebe!

Wenn es um das ewige Thema der Zuwanderung geht, dann kann ich jedenfalls für mich sagen: Ich liebe nicht jeden, und ich bin insbesondere kein Freund jener Denkrichtungen, bei denen sich Brautväter und Schwiegersöhne aus Anlass einer Hochzeit gegenseitig die Gurgel aufschneiden. Oder der Braut. Oder, bei denen ein Mann seiner Frau die Schlinge um den Hals legt und sie dann an der Anhängerkupplung durch die Stadt schleift … weil die irgendetwas Widerständliches gesagt hat! Auch kein Freund jener Denkrichtung, der zufolge man mit Beil, Sprengstoff oder Sturmgewehr, gegen andere vorgeht, so gerecht das auch sein mag. Ich mag das nicht, mag man das nun tausendmal „political incorrect“ nennen. Ich habe nicht das Gefühl, dass Deutschland jedermann herholen und erziehen müsse, der so denkt. Ich glaube eher, dass Deutschland sich vor so etwas schützen und verwahren muss, und zwar, so gut es geht. Da dieses Denken in Menschen auftritt, muss man sich also vor Menschen verwahren. Mag Frau Merkel sich krümmen, für alles Verständnis zu haben. Die schafft das vielleicht, ich nicht.

Ich bin auch kein Freund jener, die unter dem Mäntelchen der Nächstenliebe die Demokratie bekämpfen, indem sie in wohl gewählten Worten der Betroffenheit (die aber bei Lichte besehen beleidigend und diffamierend sind) ihre nächsten Landsleute der geistigen Unzucht bezichtigen. Solche „Werte“sind mir fremd. Die Methodik, die Freiheit verteidigen zu wollen, indem man massenhaft die Feinde der Freiheit ins Land einreisen lässt, ist mir unlogisch. Was so erschaffen wird ist lediglich eine Freiheit der Clans, der Gangster und religiösen Extremisten.

Betroffenheitsrhetorik, die betroffen macht was last modified: November 30th, 2016 by Henrik Geyer