Der Zufall als Element kreativer Programme

Ich hatte in den Artikeln Über die Intelligenz einer Harke und Was hat Intelligenz mit Kreativität zu tun? mein Konzept zum Thema Intelligenz erörtert. Ich hatte den zwingenden Zusammenhang zwischen Intelligenz und Kreativität erörtert.

Intelligenz meinte ich als Eigenschaft eines beliebigen Wesens oder Dinges. Das mündet für mich in die Frage: Was verstehen wir überhaupt unter Intelligenz? Inwiefern ist die Natur intelligent? Wie würde man Intelligenz erkennen, angenommen man stünde einem Alien gegenüber? Was ist künstliche Intelligenz?

Ich nannte Intelligenz eine „sinnvolle Kommunikation„, Sinn nannte ich: „Bezug auf einen Bedeutungsraum„.

Ich kam zu dem Schluss, dass Intelligenz überall ist. Alles ist Geist. Die Natur ist in sich intelligent. Wir selbst sind, wenn man so will, die Gedanken in einer Schöpfung. Können wir Menschen, so gesehen, hervorgehoben intelligent sein? Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht intelligenter als die Schöpfung. Absurderweise sehen wir es genau umgekehrt. Und genau darin sehe ich unsere besondere Dummheit. Selig sind die geistig Armen, denn, wenn sie überhaupt wenige Ideen haben, dann kommen sie zumindest auf diese absurde Idee auch nicht.

Die Unterscheidung, die wir gewohnt sind zu machen: Hier sei Intelligenz, dort nicht, nenne ich eine Nuance. Durch uns kommt diese Nuance ins Entstehen. Die Natur selbst kennt keine Unterscheidung von intelligent/nicht intelligent. In der Natur ist alles neu. Und alles hat einen Bezug zueinander. Es ist ein Kosmos – Kosmos im Griechischen verstanden als eine Ordnung. Alles ist, so gesehen, intelligent. In allem ist Geist.

Die Möglichkeit, dass wir etwas zu sehen bekommen, das nicht im oben genannten Sinn intelligent ist, nenne ich null. Denn alles was wir sehen können, hat einen Bezug zu einem Bedeutungsraum – unserem. Es gewinnt also Sinn, indem es gesehen wird. Alles, was wir sehen, ist auch neu. Ist kreativ. Weil jeder Gedanke in uns einzigartig ist.


Ich hatte Intelligenz mit Kreativität in Verbindung gebracht. Warum? Weil Kreativität („das Erschaffende“), Neues entstehen lässt. Und insbesondere Intelligenz benötigen wir ja, damit sie im Ergebnis Neues und Sinnvolles hervorbringen kann. Prüfen wir das an der Umkehrung: Zum Nachplappern von Bekanntem benötigen wir keine Intelligenz – so verstehen wir Intelligenz nicht. Ein intelligenter Mensch wäre jemand, der uns verblüffend Neues (Kreativität) erzählt (Kommunikation). Etwas, das Sinn (Bezug zu unserem Bedeutungsraum) hat. Unser Bedeutungsraum: Die Welt.


Einschub: Was ist „neu“? Sagte ich nicht, alles sei „neu“?

Alles ist neu, weil jeder Gedanke einzigartig ist, das ist die spirealistische Sichtweise.

Der Materialismus macht aus Nuancen das Absolute. Das Objekthafte. DAS Neue. Man könnte „neu“ (als Nuance eines Überganges) auch so beschreiben: unähnlich dem Bedeutungsraum. Wenn jemand eine ganz neue Idee hat, so erscheint sie dem bekannten Bedeutungsraum erst einmal wenig zugehörig, sondern ungewohnt. Dieser Prozess währt kurz, dann ist das Ungewohnte gewohnt. Das ehemals Neue ist in den Bedeutungsraum integriert, es ist nun nicht mehr neu. Und der Bedeutungsraum hat sich auch verändert.

Bedeutungsraum“ ist übrigens nicht statisch gemeint, sondern ein sich mit jedem Gedanken ändernder „Raum“ von Bezügen (ich erinnere daran: alles ist Geist). Insofern ist der Bedeutungsraum ganz vergleichbar mit dem Weltraum, dessen Größe und Art ja ebenfalls schwankt, je nachdem, wie wir ihn verstehen.

Beispiel: Wenn wir Sterne in 15 Milliarden Lichtjahren Entfernung entdecken, wo wir vorher nur 14 Milliarden Lichtjahre weit sehen konnten, dann hat das Universum für uns eine Ausdehnung von 30 Milliarden Lichtjahren im Durchmesser, anders als vorher, mit 28 Milliarden. Der Materialist wird sagen: Aber nein, wir beobachten etwas, das statisch ist, nur unsere Auffassung von dieser Sache (dem Weltraum) ändert sich. Das ist eben der Unterschied der Weltanschauungen – der Materialist glaubt, er beobachte eine Welt außerhalb der Gedanken … der Spirealist glaubt das nicht.

Ist Programmieren eine mechanistische Tätigkeit?

Ich möchte ein wenig über das Programmieren sprechen. Denn uns fasziniert künstliche Intelligenz. Was ist das, was kann sie? Künstliche Intelligenz erwarten wir aus Computern (Rechnern). Rechner werden programmiert. Wie kann man ein Ding, das nur etwas ausrechnet, so programmieren, dass es intelligent wird?

Ich denke, dass der Prozess des Programmierens selbst geeignet ist, uns näher zu bringen, was das ist, Intelligenz. Oder auch Denken.

Ich hatte in dem Artikel Über die Intelligenz einer Harke gesagt, dass mich das Falschverstehen von Programmieren in einem Youtube-Video ärgerte. Es ging in diesem Video um künstliche Intelligenz.

Das Verständnis dieses kümmerlichen Videos war in etwa dieses: Programmieren, das wisse ja jeder, sei im Prinzip vorhersehbar. Der kluge Programmierer gibt den Programmablauf „in den Computer ein“, so dass dieser dann auf vorhersagbare Weise sein Programm „abspult“. Der Programmierer ist schließlich so klug, auf magische Weise ein Programm hervorzubringen, das ganz und gar denken kann. Und zwar selbst.

Man fragt sich natürlich sofort, wie denn, wenn alles nur ein-gegeben wird, hinterher mehr drin sein kann, als zuvor. Mehr als das, was man ein-gab?

Könnte ein Programm, das so mechanistisch programmiert wird, irgendetwas anderes enthalten, als einen Gedanken des Programmierers? So entsteht doch keine künstliche Intelligenz!

Nein, bereits die mechanistische Vorstellung von Programmieren ist falsch.

Hier muss glaube ich einiges erklärt werden.

Programmieren ist kreativ

Wenn man etwas programmiert, dann hat man eine Idee, einen Nutzen zu erzeugen. Mit Hilfe der Werkzeuge, die man im Prozess immer besser zu gebrauchen lernt, so wie man ein Handwerk erlernt, erzeugt man etwas. Es ist aber nicht vorhersehbar, wie genau das Programm schließlich funktioniert. Gerade wenn es komplex ist.

Sondern man testet, testet und testet. Man versteht das Programm, das man geschrieben hat, besser, wenn man sieht was es macht. Man hat einen Zielkorridor im Kopf, was ungefähr man erreichen will. Und, was man erreicht, ist oft besser als das, was man zu erhalten gedachte. Der Zufall ist willkommen. Was da entsteht überrascht manchmal – im Chaos erkennt man Muster. Willkommene Muster, die man behält. So wie ein Maler, dem der Pinsel abrutscht, und der sagt: „Das sieht aber hübsch aus!“.

Jedenfalls ist allein die mechanistische Vorstellung falsch, etwas liefe nach Plan ab, und das Ergebnis wäre im Detail vorgedacht. Das ist es nicht, denn Programmieren ist ein kreativer Prozess.

Ich empfinde Programmieren so spannend und so kreativ, als schriebe man ein Buch. Spannend ist es, das Werkzeug kennen zulernen, also die Programmier-Sprache. So wie man als Autor die Schrift-Sprache mit der Zeit immer besser versteht und besser zu gebrauchen lernt. Spannend ist auch, was man für riesige Möglichkeiten mit dem Programmieren in die Hand erhält, ganz ähnlich dem Romanautor, der die unendlichen, in ihm selbst liegenden Welten kennenlernt. Und fasziniert ist.

Programmieren hat gegenüber dem literarischen Schreiben den Vor- oder Nachteil, dass man sehr genau sein muss, sehr strukturiert nachdenken muss. Ob ein Programm funktioniert oder nicht, hängt oft an einem Satzzeichen, wie einem Komma. So gesehen ist man eingeschränkt. Ein Text hingegen „funktioniert“ auch, wenn man ein Komma vergisst.

Andererseits aber ist diese Genauigkeit auch sehr willkommen; auch das literarische Schreiben profitiert von Genauigkeit, denn es verwirrt den Leser, wenn man Tatsachenangaben durcheinanderbringt …


Generell aber will ich betonen: Programmieren ist ein kreativer Vorgang.

Da ist das Unvorhersehbare, also der Zufall. Und, da ist Sinn! Da ist der Bezug auf den Bedeutungsraum, der um interessante Aspekte erweitert wird.

Welten entstehen … aus Welten!

Wie erschafft man ein kreatives Programm?

Der Begriff Kreation meint „Schöpfung„. Der Programmierer erschafft ein Programm.

Doch wie kann man ein Programm erschaffen, das seinerseits kreativ ist und etwas Neues erschafft?

Im Grunde genauso! Wieder mit den Elementen „Zufall“ und „Sinn“ (Bezug auf einen Bedeutungsraum). Um ein kreatives Programm zu erschaffen, bedient man sich Zufallszahlen. Zufallszahlen können die Programm-Objekte auf unvorhersagbare Weise variieren.

(In den verschiedenen Computerprogrammen gibt es stets einen „Random“-Befehl, also einen Befehl, der eine Zufallszahl erzeugt. Man hat die Möglichkeit, die Bandbreite der Zufallszahl selbst festzulegen. Beispielsweise: floor(random(0,3)) erzeugt bei jedem Aufruf eine ganzzahlige zufällige Zahl, die null, eins oder zwei sein kann.)

Das Produkt eines Programms kann ein Text sein, ein Bild, eine Tabelle, etc etc.. Das Programm selbst kann ein Produkt sein, denken wir an ein Spiel. Durch Zufallszahlen kann man erreichen, dass das Produkt des Programms einzigartig und unvorhersagbar ist. Weder der Programmierer, noch der Kunde des Programmierers können vorhersagen, wie das End-Produkt aussieht. Der Programmierer kennt lediglich die Zielvorstellung, die er hatte.

Bei einem Spiel beispielsweise ist das Produkt letztlich die Interaktion des Spielers mit dem Programm. Ob hier Spaß kreiert wird oder nicht, das ist die Frage nach der Güte des Programms. Der Spaß kommt aber nicht nur aus dem Programm, sondern auch aus dem Spieler.

Ich will ein Beispiel geben, ein ganz einfaches. Beiliegendes Bild ist mit Hilfe von Zufallszahlen zu Stande gekommen. Es ist ein Gif-Bild. .gif ist ein Dateiformat, in dem verschiedene Digital-Bilder gespeichert sind, die nacheinander gezeigt werden. Dadurch entsteht der Eindruck von Bewegung. Die Bilder werden in einer Endlosschleife gezeigt, immer wieder von vorn.

Um dieses Bild zu erzeugen, wurde der Wechsel der Position jedes einzelnen Buchstabens errechnet, ausgehend von zufälligen Positionen. Und zwar aus Millionen von Möglichkeiten. Auch die Schriftart wurde zufällig ausgewählt. Die Hintergrundfarbe: Zufall.

Weil Zufallszahlen das Endergebnis ermöglichen, kennt der Programmierer das Ergebnis des Programmlaufes, also das Bild, nicht, bevor es entstanden ist. Es ist ihm neu. Es ist ein wenig paradox (so wie Kunst überhaupt). Man hat etwas erschaffen, aber man spürt, dass man es nicht selbst war. Da ist etwas anderes, etwas Unvorhersagbares, etwas Irrationales. Es ist der Zufall, angewandt auf einen Bedeutungsraum! Beim Menschen sagt man Kreativität dazu – es ist die Mischung aus Intuition und handwerklichem Geschick, aus Variation und Erfahrung, aus Zufall und Sinn.

Wir haben, um wieder auf den philosophischen Aspekt zu kommen, hier also beide Elemente der Intelligenz: Das Kreativ-Unvorhersagbare, das in diesem Fall durch eine Zufallszahl erzeugt wird. Und zweitens der Bezug auf einen gegebenen Bedeutungsraum. Der gegebene Bedeutungsraum ist, dass das Bild erkannt wird, und dass es für den Menschen Sinn macht. Der Bezug auf den Bedeutungsraum – das ist auch der dargestellte Text, der seinerseits Sinn enthält.


Hätte ein Mensch ein solches Bild „mit der Hand zu Stande gebracht“, wäre das Ergebnis auch nicht „kreativer“. Womit gesagt sein soll: Ist ein Mensch kreativ, dann kommt seine Kreativität durch einen ganz ähnlichen Vorgang, ein ähnliches Phänomen, zum Tragen: Durch den Zufall. Jeder, der kreativ ist, prüfe das an sich. Der kreative Prozess ist im Wesentlichen der, dass man x Versuche unternimmt, Ideen erzeugt, also zufällige Varianten. Und dann immer prüft: „Passt“ das? Das Letztgenannte wäre der wichtige Aspekt des Bezuges auf einen Bedeutungsraum, also Sinn, Geschmack, Mode, Spannung, Interesse.

Mir kommt es natürlich darauf an, etwas sehr Kompliziertes auf etwas sehr Einfaches zu reduzieren. Intelligenz, insbesondere wenn man sie in allem sieht, in der ganzen Natur, kann auch etwas sehr Einfaches sein, das ist meine Überzeugung. Und, gerade wenn etwas sehr einfach ist, dann sieht man sehr gut, wie sein Prinzip funktioniert.

Wem das aber zu simpel erscheint, der stelle sich hilfsweise ein Computer-Programm vor, das viel komplexer ist als das hier gezeigte. Man denke an ein Programm, bei dem viele Programmierer etwas für den Verbraucher völlig Verblüffendes herstellen, so klug und weise, dass die klügsten Köpfe der Menschheit nicht klüger sind. Auch dieses Programm hat im Wesentlichen wieder beide Elemente: Den Zufall und den Bezug auf Bekanntes.

Um dem gängigen Verständnis von Intelligenz vollkommen gerecht zu werden, braucht es noch etwas anderes. Intelligenz, Denken, sieht man eher als einen Prozess … Nicht als das statische Produkt eines Prozesses. Sagen wir, es fehlt das dynamische Element, namens Lernen.

Davon soll aber an anderer Stelle die Rede sein.

 

 

 

Der Zufall als Element kreativer Programme was last modified: März 19th, 2018 by Henrik Geyer