Definition der Zeit

In diesem Artikel geht es um das Wesen der Zeit. Gibt es eine gültige Definition der Zeit?
Wie wir die Zeit verstehen – wie könnte man das formulieren?
Vielleicht so:
Die Zeit ist ein Äquivalent für die Veränderung der Dinge. Man könnte auch sagen: Zeit ist ein Gradmesser der Veränderung der Welt.
Die Zeit scheint einen ehernen Rhythmus zu besitzen. Sie erscheint und unveränderlich. Wir nennen sie auch eine Dimension, weil sie, ebenso wie Raum, eine Bühne für die Welt zu bereiten scheint.

Zeitstrahl, Zeit und Kausalität

Die Zeit, repräsentiert durch den Zeitstrahl

In einem anderen Kapitel hatten wir anhand des Zeitstrahles besprochen, was unsere Vorstellungen von der Zeit sind.
Thema: Beitrag Zeitstrahl

Wir hatten gesagt, es träfe folgendes zu:

  • Die Zeit ist in der Vergangenheit begrenzt (sie hat einen Anfang)
  • sie ist aber in die Zukunft hinein unbegrenzt
  • sie ist jederzeit eindeutig, und zwar repräsentiert durch Punkte auf dem Strahl. Dies kommt auch in unseren Worten zum Ausdruck, wir reden von „der Vergangenheit“ (in der Einzahl), oder der Gegenwart, oder der Zukunft

Diese Vorstellung formuliert Schiller so:

Dreifach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, ewig still steht die Vergangenheit.
Friedrich von Schiller

Es ergaben sich aber sofort einige Fragen oder auch Widersprüche. Zum Beispiel fragte es sich, warum die Zeit in die Zukunft hinaus unbegrenzt sei, im Gegensatz zur Vergangenheit („ewig still steht die Vergangenheit“), die angeblich so fest und greifbar ist. Genau betrachtet ist auch die Vergangenheit nicht fest, sie unterliegt offensichtlich unserem fluktuierenden Begreifen.  In beiden Fällen, für Vergangenheit und Zukunft, gibt es keine Erfahrung zu Beginn oder Ende; auch nicht zur Begrenzbarkeit.

Außerdem ist die Vorstellung von eindeutigen Punkten sehr schnell verflogen, wenn man sich vergegenwärtigt, das auch die Vergangenheit über eine unendliche Punktzahl verfügt, die sich infinitesimal auf dem Zeitstrahl eintragen ließen.

Letztendlich ist uns die Zeit ein Rätsel – richtig fassen lässt sie sich nicht. Wir gehen mit ihr um, sie ist uns Denkvoraussetzung. Wir haben gut funktionierende Uhren, jedoch können wir die Zeit nicht von etwas anderem ableiten oder herleiten, oder begründen.

Kann eine Definition der Zeit gelingen?

Relativität der Zeit

Einstein, der sich dem Problem der Zeit widmete, sagte Zeit sei „das, was man von der Uhr abliest.“ Was ein wenig lapidar klingt, ist ein pragmatischer Ansatz, bei dem die Uhr als ein äußeres Merkmal, das alle Beobachter gleich sehen sollten, als ein Werkzeug zur Bestimmung von Zeit-„Punkten“ herangezogen wird.

Damit ist das Wesen der Zeit aber noch nicht im eigentlichen Sinne geklärt. Allerdings kam Einstein, der in seine Betrachtungen die Uhren sehr phantasievoll mit einbezog, zu neuen und revolutionären Sichtweisen bezüglich der Zeit.

Ähnliches Thema: Artikel Was ist Phantasie? Ist Phantasieren nötig – oder nur Spinnerei?

Einstein hatte sich vorgestellt, welche Zeit wohl an einer Uhr abzulesen sei, wenn man mit einer hohen Geschwindigkeit (Lichtgeschwindigkeit) flöge, und dabei diese (an einem Ort feststehende) Uhr im Auge behielte. Die Überlegung dabei war, dass die unbewegliche Uhr nur mit dem Auge abzulesen sei – das Auge wiederum würde durch Photonen (Lichtteilchen), die mit Lichtgeschwindigkeit fliegen, vom Zeigerstand der unbeweglichen Uhr Kenntnis erhalten. Was also zeigt eine Uhr, wenn man sich mit Lichtgeschwindigkeit von ihr fortbewegt?

Die Antwort ist: einen stillstehenden Zeiger. Was wiederum („Zeit ist das, was man von der Uhr abliest“) bedeutet: stillstehende Zeit … oder nicht?

Nicht! Einstein ging davon aus, dass für den mit Lichtgeschwindigkeit fliegenden Beobachter die eigene Zeit ganz normal weiter liefe, während sie nur in Relation zur beobachteten Uhr quasi still stünde. Sowohl für die feststehende Uhr wie auch für den Reisenden verändert sich der individuelle Fortgang der Zeit nicht (warum sollte sich beispielsweise der Fortgang der Zeit für die stillstehende Uhr ändern, nur weil sie von einem sich schnell bewegenden Reisenden beobachtet wird?). Nur in der Relation von schnell fliegendem Beobachter und unbeweglicher Uhr lässt sich eine Verschiebung bemerken. Und aus der Sicht der feststehenden Uhr kann man sagen, dass für diese die Zeit normal weiter läuft, während die Zeit des Reisenden stillsteht.

Dem Wesen der Zeit kam Einstein auf diesem Wege wesentlich näher, indem er zu dem damals rätselhaften Schluss kam: Zeit ist relativ! Und auch heute ist diese Tatsache im Eigentlichen unverstanden, da man annimmt, dass die Relativität der Zeit sich nur wahrnehmen lässt, wenn man sich mit hoher Geschwindigkeit (nahe Lichtgeschwindigkeit) bewegt. Ich selbst bin bzgl. dieser Wahrnehmung anderer Meinung, aber ich will das etwas weiter unten besprechen.

Zeit hängt also von der Geschwindigkeit eines Beobachters ab, wodurch sich die Verbindung Raum und Zeit ergibt (Raum als das Medium der Bewegung). Schließlich stellte man fest, dass Zeit und Masse in Verbindung stehen – erstens durch die Beschleunigung (Massenbeschleunigung), und zweitens bzw. umgekehrt über die Krümmung des Raumes durch Massen.

Die Mühelosigkeit, mit der sich Zeit in Verbindung bringen lässt mit (scheinbar) ganz anderen Grundelementen unserer Vorstellung, wie Raum und Masse, zeigt jedenfalls, wie flexibel unsere Vorstellungen von der Welt sind, und wie alles mit allem in Verbindung gebracht werden kann, und in Verbindung steht.

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andere Sichtweisen

Spirealismus

Auf diesem Blog schreibe ich vieles zur Philosophie des Spirealismus. Spirealismus geht davon aus, dass jedes Bewusstsein sein eigenes und einzigartiges Universum (ein Ich-Universum) erzeugt (oder man sollte besser sagen: IST), und dass es das eine Universum, von dem wir immer sprechen („das Universum“), gar nicht gibt. Und zwar deshalb, weil es keine zwei Menschen geben könnte, die in völliger Gleichartigkeit über „das eine“ Universum sprechen.

Wenn dieses eine Universum also niemand „hat“, und niemand kennt, warum sollte es dann das eine Universum überhaupt geben?

Hume formulierte, es sei eine unumgängliche Notwendigkeit, an eine existente Außenwelt zu glauben. In der spirealistischen Sichtweise stellt sich das genau umgekehrt dar: Es ist keine Notwendigkeit vorhanden, weil uns niemand dazu zwingt. Vielmehr ist es ist eine mögliche Weltanschauung, an eine Welt, an ein Universum zu glauben. Um das tun zu können, braucht es die vorgestellte Trennung von Materie und Geist: hier das Universum, dort der Geist, der das Universum beobachtet.

Man könnte sagen, es ist es ein Glaube, der in unseren Gedanken an eine Welt zum Ausdruck kommt.

Und man könnte metaphorisch formulieren: Wenn Materialismus ein Glaube ist, dann ist die Sprache, mit ihrem materialistischen Wortverständnis, unser Gebet.

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Wenn Materialismus ein Glaube ist, dann ist die Sprache die wir sprechen, mit ihrem materialistischen Wortverständnis, unser Gebet.

 

Man kann jedenfalls auch einen anderen Glauben gewinnen, ein anderes Verständnis – den Spirealismus beispielsweise. In ihm gibt es, aus völlig logischen Gründen, die Notwendigkeit nicht, von der Hume sprach.

Im Spirealismus gibt es, weil es schon die Eindeutigkeit der einen Welt, mit ihrer einen Auffassung nicht gibt, auch keine eindeutigen Punkte auf dem Zeitstrahl. Denn das würde ja bedeuten, das sich irgendetwas völlig gleichartig wahrnehmen ließe – was der Spirealismus negiert. Daher gibt es auch keine Eindeutigkeit des Jetzt – verbunden mit der Annahme, es gäbe eine grundsätzliche (naturgegebene) Gleichzeitigkeit von Ereignissen.

Dies mag rätselhaft erscheinen, andererseits ist es gleichermaßen völlig unverstanden, dass es eine völlige Gleichartigkeit des Denkens, und sei es auch nur im einfachsten Gedanken, nicht geben kann. Ich formulierte das öfters so: Würden zwei Personen völlig gleich denken, und sei es auch nur für einen Augenblick, so wäre es für diesen Augenblick dieselbe Person. Das Eine kann nicht das Andere sein, sonst wäre es dasselbe. Und das gilt bereits für den einfachsten Gedanken.

Insofern komme ich auf das zurück, was ich bereits weiter oben sagte: Man nimmt an, dass die Relativität der Zeit sich nur wahrnehmen lässt, wenn man sich mit hoher Geschwindigkeit (nahe Lichtgeschwindigkeit) bewegt.

Ich meine aber, dass die Frage der Wahrnehmung noch eine andere ist: Es ist eine weltanschauliche Frage.

Wenn man die Dinge so versteht, wie ich es versuche mit dem Spirealismus darzulegen, dann ist nach meiner Auffassung eine andere Wahrnehmung von ALLEM damit verbunden, auch von der Zeit. Ich weiß einfach: Alles ist relativ. Relativ zu was? Zu meiner Auffassung von den Dingen, die ich wiederum von meinen Wahrnehmungen nicht trennen kann. Diese Grundauffassung macht aus der Beobachtung der Welt eine abenteuerliche Vieldeutigkeit – die die Welt(en) reicher macht und besser beobachtbar. Während man doch gemeinhin von einer Eindimensionalität des Wahrnehmbaren ausgeht – alles sei letztlich nur auf eine einzige Art wahrnehmbar (objektiv); dies müsse man einfach voraussetzen (Hume).

Ein inspirierender Text von Ouspensky, zum Thema Zeit

Hier ein inspirierender Text von Ouspensky. Er ist der visionären Besprechung der Tarotkarte  „Mäßigkeit“ entnommen.

Übersetzung aus: A NEW MODEL of the UNIVERSE, von P.D.Ouspensky

Der Name des Engels ist Zeit. …

Der eine Kelch in den Händen des Engels ist die Vergangenheit, der andere ist die Zukunft. Der Regenbogenstrom zwischen den Kelchen ist die Gegenwart. Du siehst, dass er in beide Richtungen fließt.

Dies ist Zeit in ihrem unverständlichsten Aspekt. Die Menschen meinen, dass alles stets nur in eine Richtung fließt. Sie sehen nicht, dass sich alles ständig trifft und dass die Zeit eine Vielzahl sich drehender Kreise ist. Verstehe dieses Mysterium, und lerne die gegensätzlichen Strömungen im Regenbogenstrom der Gegenwart zu unterscheiden.

http://spireo.de: Der Name des Engels ist Zeit Author: Henrik Geyer Der Name des Engels ist Zeit Der eine Kelch in den Händen des Engels ist die Vergangenheit, der andere ist die Zukunft. Der Regenbogenstrom zwischen den Kelchen ist die Gegenwart. Du siehst, dass er in beide Richtungen fließt

gibt es eine endgültige Definition der Zeit?

Was also ist die Definition der Zeit? Im Artikel zum Zeitstrahl hatten wir bereits gesehen, dass unsere Wahrnehmung der Zeit und unsere Auffassung von Kausalität miteinander verbunden sind. Ebenso verbunden sind sie mit dem Begriff Materie und Raum (diesen Zusammenhang hatte wie gesagt Einstein hergestellt).

Was ist Zeit im Endgültigen? Was ist die letzte Wahrheit?

Nach der Auffassung des Spirealismus ist Zeit ein Trenner zwischen den Objekten des Denkens – denn alles ist Geist. Zeit trennt und verbindet die Objekte, setzt sie in einen relativen Bezug zueinander. Ganz ähnlich einer Farbe, ganz ähnlich einem kausalen Zusammenhang (bzw. diesen ermöglichend oder bedingend), ganz ähnlich auch einer Objekt-Form oder einem räumlichen Bezug. Zeit ist eine Vorstellung, die sich zwar immer auch ganz anders denken lässt, aber die Trennung zwischen den Objekten muss bleiben – ich nannte das „objekthaftes“ Denken. Was wäre ein Bewusstsein, das nicht zwischen Objekten unterscheiden kann?

Übrigens bedeutet „Vorstellung“ oder „Alles ist Geist“ für den Spirealismus nicht, wir Menschen würden uns Begriffe wie „Zeit“ willenhaft „ausdenken“. Sondern der Spirealismus sieht die Welten, und auch die menschlichen Welten, aus einem Kontinuum aus Geist entstehen.

Für den Spirealismus entsteht alles aus Geist – und Geist kann als Ergebnis jede Form hervorbringen. Nur für uns Menschen kann es nur eine Form sein – eine Form wiederum, die wir dann für die notwendige und unumgängliche Form halten. Letztendlich läuft die Frage nach der Zeit auf die Frage nach dem Wesen der Dinge hinaus, der Dinge also, die wir in unserem Bewusstsein wahrnehmen. Was ist es, was das Eine vom Anderen unterscheidet? Was macht das Eine gleich dem Anderen? Wo berühren sich die Kreise, von denen Ouspensky spricht? Vielleicht sind sie in Form von Uhren vorstellbar – das, was alle gleich in ihrem Außen sehen?

Und – es ist ja ein dem „Menschen unverständlicher Aspekt“ – kann man dennoch die sich in verschiedene Richtungen drehenden Kreise wahrnehmen? Ich denke ja – man kann doch zunächst dieses Unverständnis selbst, von dem Ouspensky spricht, erst einmal wahrnehmen. Man kann die Wahrheit seiner Vision spüren, wenn man begreift, dass die Zeit immer nur das sein kann, was das Ich über sie denkt. Wenn man spürt, dass die Zeit erst dann zu etwas Gemeinsamem wird, wenn man sich äußerlicher Mittel bedient, wie (unter anderem) der Uhr.  Ansonsten bliebe die Zeit weitgehend individuell, und die sich drehenden Kreise hätten keine Berührungspunkte.

„Zeit ist das, was man von der Uhr abliest“ … Was man irgendwo (ab-)liest, das muss begriffen werden, damit es Sinn ergibt. Der Sinn dessen, was man lesen kann, wird aber immer verschieden sein, je nachdem, welches Verständnis man dem Gelesenen entgegenbringt. Aus sich selbst heraus hat kein Text, nichts was man  (ab-)lesen kann, irgendeinen Sinn. Womit (wie bereits oben) gesagt ist, dass das, was wir wahrnehmen, abhängt von der der Weltanschauung, mit der wir wahrnehmen.

Nach meiner Auffassung können wir bezüglich der Frage nach der Zeit nicht weiter fortschreiten, als dass wir sagen, dass es logische Bezüge geben muss, die die Objekte des Denkens miteinander verbinden (Gleichartigkeit), aber auch trennen. Dass wir (neue) Verbindungen innerhalb unserer Begriffe finden, dass wir Raum mit Zeit und Materie und noch vielem anderen verbinden können, und damit neue Denkwelten des Verständnisses finden, damit werden wir nie ein Ende finden. Denn die Zeit ist gar nichts Feststehendes, das man nur so und nicht anders begreifen könne. Im Gegenteil: die Art und Weise unseres Verständnisses für die Zeit – das ist die Zeit.

Lesen Sie auch: Was bedeutet subjektiv? Ist ein wissenschaftlicher Versuch objektiv?

Siehe auch: Beitrag Zeit Rätsel: Was ist Zeit?

Definition der Zeit was last modified: April 26th, 2016 by Henrik Geyer