Der Antagonist im literarischen Werk

Kein Antagonist, keine Spannung [SPID 1216]

Was wäre der Gute ohne den Bösen?  Was wäre ein Engel ohne einen Teufel? Was wäre der strahlende Held eines Buches ohne Antagonisten?

Spannung bedeutet: Differenz

Bewegung kommt immer nur dort zu Stande, wo es einen Unterschied gibt. Man denke an einen Fluss, der nur dort fließt, wo ein Höhenunterschied ist. Das Gleiche gilt für Strom – auch hier kommt es auf einen Unterschied an: einen Spannungsunterschied. Mehr noch: es ist das fundamentalste Prinzip dieser Welt, dass Entwicklung jeder Art, Bewegung, durch Differenz entsteht – der Philosoph Hegel nennt es den Kampf (bei gleichzeitiger) Einheit der Gegensätze: die Dialektik. Aus einer These und einer Gegenthese (Antithese) entsteht die Synthese.

Übersetzt in die Sprache der Literatur oder eines anderen dramatischen Werkes bedeutet das: Neben dem Protagonisten braucht es den Antagonisten.

Protagonist und Antagonist

Was eint Protagonisten und Antagonisten?

Bei Hegel sehen wir die Dialektik vor allem auch als eine Einheit der Gegensätze.

Und so sind auch Protagonist und Antagonist verbunden: durch eine gemeinsame Leidenschaft, einen Drang, ein Interesse. Es kann eine (gemeinsame) Liebe sein, oft ist es eine beiden gemeinsame Gier. Ohne dieses Gemeinsame gibt es kein Handeln der Elemente, das in einem gemeinsamen Rahmen (dem Buch) spannend wäre und zu Entwicklung führte, sondern das wäre lediglich Gleichgültigkeit.

Was unterscheidet beide?

Was Protagonisten und Antagonisten unterscheidet ist natürlich das, WAS sie tun. Innerhalb des beide bindenden Rahmens versuchen Protagonist und Antagonist verschiedene Wege zu gehen, und geraten zwangsläufig in einen Konflikt. Beide handeln aus eigenen Überzeugungen heraus – und somit durchaus verständlich.

Zu den Überzeugungen der beiden Gegenspieler gehört die Art und Weise ihres Handelns, und welche Mittel sie einsetzen können, einzusetzen bereit sind. So wird beispielsweise in einem Western die Überzeugung, die Welt ließe sich mit Gewalt erobern, von einem martialischen Äußeren begleitet, von Waffen, etc.. Umgekehrt wird Friedfertigkeit durch Unbewaffnet-Sein dokumentiert. Ein solcher klassischer Konflikt findet sich beispielsweise in dem Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“.

Was der Protagonist tut ergibt sich meist als eine Folge der Handlungen des Antagonisten, und umgekehrt.

Was ist das Resultat des Kampfes?

Das Resultat des Kampfes ist die Synthese aus These und Antithese – die Synthese ist etwas Neues, etwas Drittes. Die Synthese ist nie der vollständige Sieg nur eines der Elemente.

Das ist es, was die Handlung eines Buches oder dramatischen Werkes so spannend macht und realitätsnah erscheinen lässt: Die Entwicklung der Figuren, die Entwicklung der Handlung, führt hin zu einer neuen Qualität, einer neuen Erkenntnis – und damit wiederum zu etwas Unvorhersehbarem aus der Sicht des Lesers.

Ist der Antagonist immer der Böse?

Nein. Der Held, der Protagonist eines Dramas, muss kein moralisch unbefleckter Mensch sein. Man denke an das Buch „Der talentierte Mr. Ripley“ (verfilmt als „Das Böse unter der Sonne“), in dem ein Mörder die zentrale Figur ist. Der Leser begleitet ihn, hofft mit ihm, dass sein Plan aufgehen möge … Seine Gegenspieler sind zwangsläufig „die Guten“.

Dank Antagonisten …

wird eine ausgedachte Handlung farbig und interessant. Der Antagonist eröffnet ganz neue Möglichkeiten, indem er selbst handelt. Er erzeugt die Spannung, die nur mit strahlendem Helden allein nicht vorhanden sein kann.

Das Gleiche gilt für das Leben überhaupt. Woher wissen wir, dass wir in einer Sache gut sind? Was erzeugt Glück und das Gefühl zu leben? Es ist das Erreichen von Zielen gegen Widerstände, das Obsiegen im Kampf, das Überwinden eines Antagonismus.

 

 

 

 

Der Antagonist im literarischen Werk was last modified: Juli 20th, 2016 by Henrik Geyer