Das ES – Sigmund Freud und die Entdeckung des Unbewussten

Sigmund Freud - das ES, die Entdeckung des Unbewussten / Die Ungeheur des "ES"

Im 20. Jahrhundert wurde das Unbewusste durch Freud quasi wiederentdeckt. Eigentlich nahm man an, dass das, was der Mensch denkt, auch das sein müsse, was es gibt, und die Welt des Menschen sei durch das bewusste Denken vollständig beschrieben. Das ES – die unheimliche Vorstellung einer Welt jenseits der Welt war geboren.

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das ES steuert den Menschen

Freud entdeckte, dass der Mensch neben den Gedanken, die er bewusst denkt, auch Gedanken hat, die nicht in seinem Bewusstsein auftauchen, ihn aber dennoch bestimmen und handeln lassen. Das war sehr spektakulär, denn die Menschen dachten bis dahin (was sie wohl heute immer noch denken), das Bewusstsein sei alles, was ist. Sie wüssten also mit einiger Vollständigkeit, was die Welt ist. Und sie wüssten noch viel mehr und besser, was sie selbst sind.

Die Methode, mit der Freud diese Gedanken aufdeckte, war die Psychoanalyse. Also Gespräche über die Gedanken des Patienten, mehr oder weniger in der Form, dass der Patient über seine Erfahrungen und Träume spricht, und der Psychoanalytiker hört zu und analysiert.

Sigmund FreudFreuds Vorstellung vom Unbewussten war dabei (weiterhin), dass das Bewusstsein das Unbewusste dominiert und kontrolliert. So gesehen war Freuds Vorstellung lediglich eine Variante der schon vorher anzutreffenden Annahme, der Mensch überblicke und kontrolliere mit seinem Bewusstein eine äußerliche Realität.

Das Unterbewusstsein als der triebhafte Troll

Er sah das Bewusstsein, dieses gesellschaftlich akzeptierte, vornehme Gentleman-Bewusstsein, das den Menschen erst ausmacht, und ihn gegenüber der Tierwelt hervorhebt (von der Tierwelt nahm man als gesichert an, dort gäbe es kein Bewusstsein), als den Gegenspieler des Unterbewusstseins. Die Annahme war, dass sich die vielfältigen tierischen Begierden und Triebe des Menschen in das Unterbewusstein zurückgezogen hätten,  und nur im Ausnahmefall in das Bewusstein zu bringen wären – zum Beispiel eben durch Psychoanalyse.

Das Unterbewusstsein führe aber ein denkendes Eigenleben, und äußere sich auch im Handeln des Menschen – zum Glück bekomme der Mensch in der Regel davon gar nicht so viel mit.

Zu akzeptieren, dass das Denken des Menschen auch Anteile hat, von denen der Mensch nichts weiß, bedeutet allerdings auch, dass der Mensch sich von der Illusion trennen müsse, er könnte im Bewusstsein alle ihn bestimmenden Einflüsse nennen – eine Kontradiktion zum allgemeinen Denken, und zum Denken Freuds. Denn auch Freud glaubte ja an die Erkennbarkeit des Unbewussten (eben durch Psychoanalyse). Immerhin aber sagte er, dass sich der Mensch von der ihn überheblich machenden Vorstellung trennen müsse, „Herr im eigenen Haus“ zu sein.

Dass Freud mit dem Unterbewusstsein tierische Triebe verband, bezeugt die Tatsache, dass er in erster Linie alle möglichen sexuellen (Ab-)Artigkeiten im Unterbewusstsein suchte und fand. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war das ein sehr weites Feld, da man von dem, was sich „schickt“, eine überaus strikte Vorstellung hatte.

Das ES in der Popkultur

Populäre Verarbeitungen der Sichtweise „das Unbewusste als das schreckliche Tier in uns“ trifft man im gesellschaftlichen Denken dieser Zeit an.

Beispielsweise im Film „Spellbound“ („Ich kämpfe um dich“) von 1945, in dem der von Gregory Peck gespielte Held seine vermeintlichen Untaten in das Unterbewusstsein verbannt hat. In den nicht erkennbaren und nicht benennbaren Bereich – das ES. Erst durch geschicktes Assoziieren gelingt es hervorzubringen, was der Held eigentlich die ganze Zeit schon „wusste“, jedoch nicht benennen konnte. Der surrealistische Maler Salvador Dali gestaltete für diesen Film eindrucksvolle Kulissen insbesondere der „Traumsequenz“.

In einem anderen Film, einem Science-Fiction-Film namens „Alarm im Weltall“ von 1956 geht es um einen Wissenschaftler namens Morbius, der in den Besitz einer außerirdischen Technologie kommt – diese kann Gedanken materialisieren. An dem Gerät einschlafend, werden die Ungeheuer seines Unterbewusstseins lebendig. Es sind im Film die Ungeheuer des ES. Diese Ungeheuer, durch Morbius erst geschaffen, bringen Mord und Verderben über ihn selbst und seine Familie. Also im Grunde eine Metapher für die Bösartigkeit und Allmacht des Unbewussten, wenn es „von der Leine“ gelassen wird.

Das Es – der Star

Star beider Filme ist das ES – die dem Menschen unheimlich anmutende Vorstellung, er sei von etwas anderem regiert, als den Inhalten des Bewusstseins. Denn man fragt sich ja dann: „Was ist eigentlich meine Realität? Was ist mein freier Wille?“

 

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Das ES – Sigmund Freud und die Entdeckung des Unbewussten was last modified: Juni 5th, 2016 by Henrik Geyer