Warten auf den Tod – jeden Tag dem Tod ein Stück näher

Warten auf den Tod - Sterben im Leben [SPID 4011]

In jedem Moment nähern wir uns dem Tod unmerklich. Wir warten auf den Tod – in gewissem Sinne. Der Tod, vorgestellt als ein bestimmter Zeitpunkt in der Zukunft, lässt unsere Lebens-Tage in der Vorstellung zusammenschnurren, zu einer sehr endlichen Größe. Doch das wollen wir nicht, lieber ist uns die Ungewissheit – die Ungewissheit lässt unsere Lebenstage wie potentiell unendlich erscheinen.

Doch ist eigentlich nichts gewisser als der Tod.

Warten auf den Tod – ein deprimierender Gedanke?

Ist es deprimierend, über den Tod nachzudenken? Dass er vielleicht nah ist? Ich glaube nicht. Über den Tod nachzudenken kann uns so viele Fragen zum Leben beantworten. Zum Beispiel,

  • dass wir Dinge und Menschen, die uns auf unseren Lebensweg begegnen, wertschätzen sollen
  • dass wir in uns forschen sollen, was unsere Bestimmung ist, und was wir tun wollen
  • dass wir das Leben nutzen um glücklich zu sein, und nicht glauben, das Leben sei dazu gemacht irgendeine unerfreuliche Pflicht zu erfüllen
  • dass wir jeden Tag begrüßen, und versuchen, dieses kostbare Geschenk durch Freude und Dankbarkeit zu würdigen
  • dass wir versuchen, Unfrieden und Kampf aus unserem Leben zu verbannen, und dass wir darin durchaus selbstsüchtig sein dürfen. Indem wir das tun, helfen wir „der Welt“ durchaus ein wenig, denn die Kämpfe, die wir nicht kämpfen, sind einfach Kämpfe die in der Welt nicht stattfinden. Sie fehlen nicht.

Neulich hörte ich in einem Film den nachdenkenswerten Satz: „In 40 Jahren wächst der Weizen auf meinem Grab genauso schön, wie auf deinem.“ Der das sagte wollte damit begründen, warum einen bestimmten Kampf, den andere für nötig hielten, selbst nicht mitkämpfen wollte. Er meinte damit: Eine besondere Belohnung für Pflichterfüllung hat der liebe Gott scheinbar nicht vorgesehen, denn am Ende liegen der Sünder und der Gerechte in ihren Gräbern ungestört nebeneinander. Und was da wächst ist Weizen und nicht etwa Grabblumen. Mit dem Tod einher geht das Vergessen. Vergessen die Kämpfe, vergessen der Hass, vergessen die Dinge und die Menschen.

Daher: sterben müssen alle, auf das Leben kommt es an. Ohne Leben keine Bewertung von gut und böse, richtig und falsch. In diesem Lichte gesehen verblasst das Streben nach Gerechtigkeit, verblasst unser Wille, verblasst der Gedanke an Unbedingtheit, verblasst unsere Sucht zu polarisieren.

Das Leben ist eben der Urgrund für alles. All unsere Hoffnungen, all unsere Verzweiflung, brauchen eine Voraussetzung: Leben. Denken. Und was wir im Leben suchen ist Glück – nicht mehr und nicht weniger.

im Leben sterben – die Endlichkeit des Lebens akzeptieren

Es ist ein spektakulär anmutender Leitsatz so manchen Gurus, man solle bereits im Leben sterben. Gemeint ist damit, sich der Belanglosigkeit des Todes bewusst zu werden, seiner Allgegenwart. Wenn wir schlafen, sind wir ein bisschen tot. Wenn wir bewusstlos sind, sind wir ein bisschen tot. Wenn wir wie Automaten Dinge tun, sind wir quasi unbewusst, sind wir ein bisschen tot. Weitergedacht: Leben ist Achtsamkeit, Bewusstheit.

Wie leicht gleitet man vom Leben in den Tod – man ist sich darüber meist nicht klar. Denn man lebt ja! … bis jetzt. Das erinnert mich an einen Witz: Ein Mann fällt aus dem zehnten Stockwerk eines Hochhauses. Bei jedem Stockwerk, an dem er vorbeistürzt, sagt er sich: Bis jetzt ging es jedenfalls gut!

Der Tod ist notwendig und unabdingbar für das Leben. So wir in unseren Leben alles aus Gegensätzen besteht, ist der Gegensatz zu Leben: Tod.

Anstatt den Tod zu fürchten und ihn zu verdrängen, macht es viel Sinn, sich mit ihm auseinanderzusetzen, in gedanklich vorwegzunehmen und ihn zu akzeptieren. Das zu tun bedeutet nicht, das Leben nicht zu schätzen, im Gegenteil. Mit der Akzeptanz des Todes wächst die Wertschätzung für das Leben. Im nächsten Augenblick kann es vorbei sein. Wir wissen nicht, wissen nie, wann es „so weit“ ist. Der Gesündeste kann im nächsten Moment die Schwelle überschreiten. Ein Unfall, ein Schlaganfall …

Ohne Tod keine Wertschätzung dessen was ist. Was sollte man auch besonders wertschätzen an etwas, das es ohnehin immer gibt? Aber – was wiederum wäre ein Leben ohne Wertschätzung? Es wäre ein Leben ohne Freude.

Ohne Wertschätzung und Freude an den Dingen wiederum keine Trauer, kein Abschiedsschmerz. Denn alles endet. Alles geht kaputt, alle Beziehungen enden, alle Lebewesen sterben. Alles vergeht, alles wird zu Staub, und ersteht neu, aus Staub. Die Trauer des Abschieds ist unabdingbar, gerade wenn man das Leben liebt. Aber die Notwendigkeit und die Einsicht, dass der Tod der andere Aspekt des Lebens ist, mildern diesen Schmerz.

Wie könnte man zu traurig über etwas werden, das doch die Voraussetzung für all das ist, was man liebt?

Jeden Tag dem Tod ein Stück näher

Jüngst starb ein bekannter Mann in hohem Alter, und es wurde bekannt, dass es dessen Philosophie war zu sagen: „Jeden Tag geht man ein Stück weiter auf den Tod zu.“ Er sah somit den Tod als etwas Unabdingbares – den Todeszeitpunkt als bereits schicksalhaft festgelegt. Somit muss ihm das Leben kurz und kostbar gewesen sein.

Und tatsächlich – was man wusste: Er liebte das Leben und genoss es, wie es kam. Doch er vergeudete auch nichts, war nicht über-ambitioniert, und liebte die Dinge wie sie waren. Er liebte seine Familie, die er wertschätzte, in guten wie in schlechten Zeiten. Er war seinen Freunden ein guter Freund. In seinen Filmen siegte die Gerechtigkeit, Kinder liebten diese Filme, es waren keine zynischen Actionblockbuster. Er aß stets mit großer Freude seine Spaghetti, für die er eine besondere Soße zu kochen wusste. Das war es, was das Leben an Gutem für ihn bereithielt, und er wusste, dass er reich beschenkt war. Er nahm die guten Gaben einfach an, war dankbar. Als sich das Ende ankündigte, wusste er, dass er alles so gemacht hatte, wie zu tun es ihm möglich gewesen war. Die Begrenztheit des Lebens, die Notwendigkeit der Begrenztheit in allen Dingen und auch des Lebens selbst, nahm er an, wusste von ihr, und litt wohl nicht zu sehr daran.

Der Mann hieß Bud Spencer, er war Teil des humorvollen Filmduos Bud Spencer / Terence Hill und eigentlich nicht dafür bekannt, besonders tiefgründig oder philosophisch zu sein. Und doch war er es. Gerade in der Einfachheit ist oft das Tiefgründige zu finden, so wie im Stillen oft das Eindringliche ist.

 

 

Warten auf den Tod – jeden Tag dem Tod ein Stück näher was last modified: September 30th, 2016 by Henrik Geyer