Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens, des verlorenen Wissens

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens [SPID 4496]

In diesem Artikel geht es darum aufzuzeigen, warum manche Menschen darauf kommen, die Welt sei voller Rätsel,während es dem Materialisten doch eher so scheint, als habe die Welt keinen geheimnisvollen Aspekt – denn die Dinge der Welt erscheinen so vollständig beschrieben, so rund in ihrem Sein, so erfasst. Er glaubt, alles wäre im Grunde schon entdeckt, und das Unentdeckte sei etwas, das er benennen könnte.

Ein schönes Beispiel hierfür ist Gurdjeff (bei der Nennung dieses Namens fällt so manchem sofort Ouspensky ein, der Schüler Gurdjeffs, der sich explizit auf die Suche nach dem Rätselhaften machte, und ein Buch gleichen Namens schrieb: In Search of the Miraculous).

 

Der Auffassung, die Welt sei entdeckt und in ihrer Offensichtlichkeit geradezu langweilig, waren Gurdjieff und Ouspensky jedenfalls nicht. Aus Gurdjieffs Leben berichtet dieser selbst, sein Vater sei eine Art Dorfbarde (in Georgien) gewesen, ein uralter Berufsstand mit hohem Ansehen. Um die Dorfbevölkerung mit Liedern zu unterhalten und zu unterrichten, kannte er viele uralte Weisen.

One day, Gurdjieff read in a magazine that archaeologists had discovered ancient tablets of the Epic in Babylonia, and he speaks of experiencing ’such an inner excitement that it was as if my future destiny depended on all this.‘ He was impressed that the verses of the epic, as printed in the magazine, were almost identical to those his father had recited; yet they had been passed on by word of mouth for thousands of years. What matters here is the unstated implication: that in that case, other kinds of ancient knowledge may have also survived in the same way.

Eines Tages entdeckte Gurdjieff in einem Magazin, dass Archäologen eine uralte Tafel mit Heldensagen in Babylon entdeckt hatten, und er (Gurdjieff) spricht von einer unvergleichlichen Freude …
Er war beeindruckt, dass die Verse der Sage, wie sie im Magazin abgedruckt waren, fast identisch waren mit jenen, die sein Vater immer rezitiert hatte (der Vater hatte den uralten Beruf des Sängers ausgeübt, und war mit alten Liedern und Texten vertraut). Sie waren also mündlich weitergegeben worden, in tausenden Jahren. Was hier wichtig ist, ist das Verständnis, dass ähnlich diesem Fall, uraltes Wissen die Zeiten überdauert haben kann.

G.I. Gurdjieff: The War Against Sleep and The Strange Life of P.D. Ouspensky von Colin Wilson

Wir verfügen, so lehrte es dieses Vorkommnis Gurdjieff, über uraltes Wissen, haben aber keinen Bezug mehr zu  seinen Ursprüngen. Uns sieht die Welt ganz modern aus, doch wir bauen in jedem Detail auf einem uralten Wissen, auf uralten Bildern in unseren Köpfen auf. Wir bemerken das nicht, denn uns fehlen die Bezüge, die Querverbindungen.

Das zu verstehen hat mindestens zwei Aspekte.

Erstens denken wir an Jungs kollektives Unterbewusstsein. Im kollektiven Unterbewusstsein werden Dinge erhalten und gewusst, deren Ursprung wir nicht kennen. Etwas wird gewusst, das man nicht erlernen muss. Denken wir jetzt an die Erkenntnis Gurdjieff, dass Wissen, das verloren scheint, sich erhält, in alltäglichen Dingen und Worten, jedoch anders aussieht, und uns in nichts an das erinnert, was es den Menschen einmal war … Und umgekehrt? Haben wir denn ein Gefühl dafür, aus welchen Sinn-Atomen sich jedes Faktum, das wir wissen, zusammensetzt? Ich glaube nein. Wenn wir uns das aber vorstellen, dann bekommen wir ein Gefühl für das Geheimnis, das in allem ist, das aber auch erkannt und geahnt werden kann … Die Dinge bleiben unerkannt, weil uns die Bezüge fehlen. Was ist ein Geheimnis anderes als etwas, das man nicht weiß? Und was wiederum weiß man über Dinge, die man nicht kennt? Was kann uns besser ein Gefühl für diese ungeahnten Geheimnisse geben, als zu verstehen, dass das, was wir nicht wissen, unbegrenzt und ungeahnt ist?

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Zweitens: Einmal mehr zeigt sich die Eigenart des objekthaften Denkens – des Glaubens, etwas, eine Sache etwa, eine logische Schlussfolgerung, sei vollständig beschrieben, indem man sie benennt. Doch in Wirklichkeit abstrahiert man von tausenderlei Querverbindungen, die in die Unendlichkeit reichen – man kappt die Information, man abstrahiert, und dem menschlichen Geist erscheint trotzdem, oder vielleicht eben deshalb das Objekt seiner Anschauung wie völlig rund und vollständig beschrieben. Ebenso nehmen wir die Informationen des Jetzt so wahr, als wären sie im Jetzt vollständig beschrieben. Dass sie das nicht sind, erfahren wir dann ab und zu zufällig – und merken: Wir wären ganz ohne diese Information ausgekommen, und hätten immer angenommen, wir wären vollständig informiert und „weise“ – ein Gefühl, das den Materialisten immer umgibt, nicht jedoch den Suchenden.
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Um ein kleines Beispiel dafür zu geben, wie allgegenwärtig und keineswegs selten die Geheimnisse sind, will ich etwas schildern, was mich neulich wunderte.

Ich las ein englisches Buch, in dem das Wort „hag“ vorkam. Ich ahnte, dass das Wort „Hexe“ bedeutet, denn mein Vater hatte mir einmal gesagt, das Wort Hexe leite sich von dem Wort Hag-Sesse ab. Hagsesse ist eine Person (Frau), die in einem Hag (Wald) ansässig ist. Hag ist Wald, so wie wir das Wort oft in Ortsnamen finden, wie z.B. Steinhagen, Friedrichshagen, Petershagen, etc..

Die Idee einer Hagsesse wiederum, die in der Vorstellung von Dorfbewohnern unheimlich ist, verleiht dem Wort Hexe eine ganz neue, tiefere Bedeutung. So wie ein Eremit, der die Kommunikation mit der Gesellschaft kappt, wird die Hagsesse den Dörflern unheimlich, genauso vermutlich, wie umgekehrt, und das Wesen und der innere Sinn des Wortes Hexe erscheint umso klarer und verständlicher. Eine Hagsesse ist jemand, der einen unkommunikativen Lebensstil pflegt, dadurch zu einer unheimlichen Person mit merkwürdigen Gebräuchen und unbekannten, und dadurch umso unheimlicheren, Ressourcen wird.

Hier noch, was das englische Wörterbuch zur Herkunft des Wortes hag sagt:

The term appears in Middle English, and was a shortening of hægtesse, an Old English term for witch, similarly the Dutch heks and German Hexe are also shortenings, of the Middle Dutch haghetisse and Old High German hagzusa respectively.

Was damit gesagt sein soll: Die Geheimnisse umgeben uns. Wir müssen sie nur sehen. Sie zu sehen ist nicht etwa unnütz, sondern eine Bewusstseinserweiterung. So, wie uns der Begriff Hagsesse einen anderen Zugang zum Wort Hexe gewährt, als es das Wort Hexe allein kann. Wir erweitern unser Bewusstsein durch diese Art von Wissen, durch die Querverbindungen, ganz ähnlich einem Raumschiff, das unbekannte Weiten des Universums durchstreift, und dadurch auf Ungesehenes, Unerhörtes, Wunderbares stößt. So erweitern wir auch unser uns unendliches Ich-Universum, durch die Entdeckungen im Geistigen.

 

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens, des verlorenen Wissens was last modified: Dezember 19th, 2016 by Henrik Geyer