Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky

Tarot: der Mond. Symbolismus der Tarotkarte "Der Mond"

Tarot: Der Mond

Tarot: Der Mond – diese Karte steht für das Geheimnisvolle.

Was Tarot so besonders wertvoll macht, ist sein Symbolismus. Der Ausdruck der Karten ist verschlüsselt in Sinnbildern. Diese Sinnbilder haben eine starke suggestive Wirkung – sie sind aber keineswegs „klar“. Was eine Tarotkarte bedeutet, ist abhängig von Demjenigen, der sie sieht.

Was ist Symbolismus?

Symbolismus ist für mich sehr wichtig. Symbole sind Zeichen, die für etwas (anderes) stehen. Symbole sind im Ursprung Zeichnungen. Aber man bedenke: Auch Worte sind Symbole. Chinesische Schriftzeichen sind zum Beispiel im Ursprung Zeichnungen, die zu Schrift wurden. Das ist auch heute noch an den chinesischen Schriftzeichen gut zu erkennen.

Kalligraphie ist Schrift, die zu einer Zeichnung bzw. Malerei wird. So sind schließlich Worte auch Symbole. Sie stehen für etwas. Doch sehen wir genauer hin, stehen sie immer für Vieles, das in seiner Vielfalt letztlich nicht begrenzbar ist. Symbolismus ist also die Frage nach den Bedeutungen in den Zeichen und Dingen. Symbolismus ist zugleich die Anerkenntnis der Tatsache, dass sich vielfältige Bedeutungen in allem finden lassen, was der Geist zu erfassen vermag.

Die Vorstellung, dass ETWAS für ETWAS ANDERES steht, das sich selbst nicht anders definieren lässt, ist eine materialistische Vorstellung. Dem Materialismus zufolge sind die Dinge in Eindeutigkeit in Materie definiert – so dass der Geist sie nur spiegelt. Der Materialismus setzt daher voraus, das Vorgestellte und das Reale seien strikt auseinander zu halten. Daher gäbe es stets nur EINEN „richtigen“ Namen für jede Sache, ebenso wie EINE „richtige“ Beschreibung. Symbole seien daher etwas anderes als jeder normale Begriff.

Doch – können wir denn tatsächlich so gut unterscheiden, zwischen dem, was die Dinge „wirklich“ sind, und dem, was sie letztlich nur durch unseren Blick auf sie sind? Und die vielfältigen (anderen) Bedeutungen, die so jederzeit entstehen können? Nach meiner Auffassung nicht. Daher ist ALLES auch ein Symbol. ALLES steht auch für etwas anderes. NICHTS kann man nur auf eine Art sehen. ALLES hat unendliche Aspekte. ALLES ist auch symbolhaft. Zitat Goethe: Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft.

Es kann zu einer Denkgewohnheit werden, die Bedeutungen hinter den Namen zu erfragen, die Dinge, hinter den Symbolen. Das gilt für jede Sache. Der Denk-Reichtum vieler Welten erwächst daraus. Ganz im taoistischen Sinn: Die Welt ist eine Welt aus zehntausend Namen. Welche Namen finde ich noch? Welche Welten finde ich noch? Was bedeutet irgendein Wort oder eine Sache… für mich?

Eines der bekannteren Bücher Ouspenskys heißt „Symbolismus des Tarot“. Das Kartenspiel Tarot hat starke Symbole. Symbole, die das kollektive Unterbewusstsein ansprechen. Das bedeutet – jeder kann der suggestiven Kraft dieser Symbole nachspüren, und wird sicher fündig werden.
Hier meine Übersetzung der Ouspensky-Interpretation der Karte Tarot: Der Mond. Und hier auch meine bildliche Umsetzung.

Ouspensky: Der Symbolismus des Tarot: Der Mond

Eine öde Ebene erstreckte sich vor mir. Der Vollmond schaute auf mich, in überlegender Zögerlichkeit. In ihrem schwankenden Licht lebten die Schatten ihr eigenes, merkwürdiges Leben.

Am Horizont sah ich blaue Berge. Durch sie hindurch, fern am Horizont, wand sich ein Pfad, der zunächst zwischen zwei grauen Türmen hindurch verlief. Auf beiden Seiten des Pfades saßen ein Wolf und ein Hund, die den Mond anheulten. Ich erinnerte mich, dass Hunde an Diebe und Geister glauben. Ein großer schwarzer Krebs kroch aus einem Bach in den Sand. Schwerer, kalter Tau senkte sich herab.

Furcht befiel mich. Ich spürte die Gegenwart einer unheimlichen Welt, einer Welt von feindlichen Seelen, eine Welt von Leichen, die Gräbern entsteigen. Eine Welt von irrlichternden Geistern. In diesem fahlen Mondlicht konnte ich die Gegenwart von Geisterscheinungen spüren. Manche beobachteten mich aus der Ferne, noch von jenseits der Türme. Und ich wusste, es würde gefährlich sein, zurückzuschauen.

Ouspensky: The Symbolism of the Tarot – The Moon

A desolate plain stretched before me. A full moon looked down as if in contemplative hesitation. Under her wavering light the shadows lived their own peculiar life.

On the horizon I saw blue hills, and over them wound a path which stretched between two grey towers far away into the distance. On either side the path a wolf and dog sat and howled at the moon. I remembered that dogs believe in thieves and ghosts. A large black crab crawled out of the rivulet into the sands. A heavy, cold dew was falling.

Dread fell upon me. I sensed the presence of a mysterious world, a world of hostile spirits, of corpses rising from graves, of wailing ghosts. In this pale moonlight I seemed to feel the presence of apparitions; someone watched me from behind the towers,—and I knew it was dangerous to look back.

Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky was last modified: Dezember 2nd, 2015 by Henrik Geyer