Albert Camus, das Absurde und Gott. Ist Gott absurd?

In Albert Camus‘ Werk kommt dem Absurden eine besondere Bedeutung zu. Die Welt IST absurd! Als Existenzialist verneint Camus zugleich die Existenz Gottes. In diesem Artikel geht es um die Frage, was das Absurde und Gott miteinander zu tun haben, und inwiefern sich beides nicht ausschließt, sondern genau dasselbe ist.

zu Albert Camus

Camus verneint, dass es einen begreifbaren Sinn des Lebens geben kann, denn die Welt, so wie er sie versteht, ist zufällig, irrational, entzieht sich der logischen Durchdringung – kurz, sie ist absurd. Das ist, im Kern, seine Philosophie des Absurden. Gleichzeitig war Albert Camus Existenzialist, d.h., das Begreifen des Menschen seiner selbst und an sich selbst ist die einzige und wahre Form des Verständnisses des Seins – insofern schließt Existenzialismus den Glauben an einen Gott aus, der den Menschen erschafft und lenkt. Dem Existenzialisten geht es um die Selbstbestimmung des Menschen, die zu erfahren und zu gestalten dessen Aufgabe ist. Worauf es dem Materialisten ankommt, was ihm im Zentrum aller Fragen steht, ist das konkrete Sein des Menschen als Individuum.

Für Camus sind Gott und das Chaos, bzw. das Absurde, zweierlei. Für mich ist es ganz ähnlich, eigentlich gleich. Das Chaos, das Absurde, sind für mich synonym mit: unbegreiflich. Und im Umkehrschluss: Gott als nachvollziehbar sehen zu wollen, unserer menschlichen Logik folgend, finde ich … unbegreiflich. Was wäre dann wohl göttlich an Gott?

die spirealistische Sicht

Im Spirealismus geht und ging es mir immer um das Wahrnehmen der Existenz Gottes. Gemeint ist Gott nicht als der gute und liebe Onkel, der, personifiziert verstanden, uns den Hammer reicht, wenn wir gerade auf der Leiter stehen, mit Nägeln im Mund, und um Unterstützung bitten. Oder der, in der Art eines Buchhalters, die Welt plant, durchrechnet und steuert. Sondern Gott als das Höhere. Höher bedeutet – uns übergeordnet, so dass diese Existenz uns unbegreiflich ist. Sie ist aus Menschensicht nicht logisch durchdringbar, vielmehr ist es ihre Logik, eine uns fremde Logik, die den Menschen erschafft.  Der Spirealismus sieht die Existenz als die Existenz von Gedanken im ewigen Jetzt – insofern sind die Gedanken des Menschen denen Gottes untergeordnet, und können nicht dessen Gedanken durchdringen.

Im Materialismus und durchaus auch in den vielfältigsten idealistischen Weltanschauungen werden die Gedanken stets als etwas von der Wirklichkeit Verschiedenes gesehen, so dass es scheint, als wäre es doch möglich, dieses äußerliche Wirken Gottes durch kluges Denken irgendwie zu erfassen.

Der Spirealismus hingegen sieht die dem Menschen eigenen Gedanken als nicht verschieden von den Gedanken Gottes – wenn sie den Gedanken Gottes untergeordnet sind dann deshalb, weil sie stets nur ein kleiner Teil von etwas sehr Großem sind. Die Gedanken sind die Elemente, die dem formlosen Alles (Gott) Form geben. Wenn man sich also nur als einen kleinen Teil der Schöpfung ansieht, ein Teil, aus dem es sozusagen Schöpfung sprudelt, und nicht etwa als Beobachter der Schöpfung, dann wird völlig klar, dass sich Gott, und damit die Urgründe des Seins, nicht erforschen lassen, und zwar aus systemischen Gründen (die sich nicht durchbrechen lassen). Etwa aus demselben Grund, wie ein Puzzle-Teil nicht das gesamte Bild des Puzzles sehen kann.

Parallele zu Albert Camus

Und hier nun ergeben sich die Parallelen zum Denken Albert Camus‘, im Grunde variiert lediglich die Formulierung … Wenn Albert Camus das Absurde beschreibt, und dafür Beispiele nennt, so ist das durchaus nachvollziehbar; es ist die Erfahrung, die im Christentum etwa so beschrieben wird: „Gottes Wege sind unergründlich.“, was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Mensch sich bemühen kann wie er will, das gesamte Bild kann er nicht sehen. Der Mensch denkt, Gott lenkt – dem Menschen erscheinen die Wirkbeziehungen dessen, in das er geworfen ist, chaotisch, zufällig und irrational, und nicht, wie er es am liebsten hätte, durch ihn, den Menschen, im Ganzen zu ordnen. Ordnen kann der Mensch scheinbar nur seine kleinen, privaten Dinge, dennoch bleibt er einer Macht untergeordnet, die er nicht versteht, und oft genug, weil sie durch ihn hindurch wirkt, nicht einmal sieht („Der Mensch kann tun was er will, er kann aber nicht wollen was er will„).

Der Mensch glaubt ein außerhalb seines Selbst liegendes Bild wahrzunehmen, er glaubt es drehen und betrachten zu können, aber stattdessen ist er selbst eines jener Elemente, die das Bild hervorbringen (er ist das Puzzleteil im Puzzle), so dass er schon aus diesem Grund das Gesamtbild niemals sehen kann. Im Moment des Betrachtens entsteht etwas … es ist nicht schon da und nicht fertig, um sich in aller Ruhe betrachten zu lassen. Sondern, im Moment des Gedankens entsteht ein Bild, und wird im Moment eines weiteren betrachtenden Gedankens zu einem anderen Bild. Der Gedanke des Jetzt relativiert den vorhergehenden Gedanken, macht ihn ein Stück weit falsch.

Was immer der Mensch denkt das Gott sei, das ist er gerade nicht.

Meister Eckhart

Man könnte das Absurde, von dem Camus spricht, in sehr vielen Lebenserfahrungen finden, so dass sich der scheinbare Sonderweg Camus‘ als eine weitere Variante von etwas Wohlbekanntem entpuppt. Beispielsweise Kafkas Absurditäten, aufgeschrieben in „Das Schloss“ oder „Der Prozess“. Hierfür hat sich das Wort kafkaesk verbreitet, aber es handelt sich nicht im Grunde um nichts anderes als die Erfahrung der Camusschen Absurdität: Um die Beschreibung des Menschen als geworfen in eine Welt, die sich ihm nicht logisch erschließen kann. Und nicht umsonst nennt Max Brodt, der Verleger und Freund Kafkas, das Schloss im gleichnamigen Roman ein Sinnbild für das Wirken Gottes, denn das Schloss ist jene merkwürdige und rätselhafte Institution, der sich der Held des Stücks erfolglos zu nähern versucht – er schafft es nie. Noch nicht einmal die Barrieren, die ihn hindern in das Schloss zu gelangen, werden ihm ersichtlich.

Nein, das Absurde ist wahrhaftig keine seltene Erfahrung. Im Gegenteil, im Grunde dreht sich alles Wirken in Kunst und Kultur stets um diesen nie erfahrbaren Teil der Realität, der uns als „absurd“ „überaus bekannt ist – es ist das nie Greifbare, nie Be-Greifbare, man könnte auch sagen das Zufällige, das der Motor für alles ist; es ist das dem Menschen Interessanteste. Interessant ist ihm nicht das Berechenbare, nicht das scheinbar so „völlig Verstandene“. Eben deshalb erscheint so vielen unsere heutige Welt der Wissenschaften, der Pläne und der Rätsellosigkeit so uninteressant: Sie haben nur nie gelernt das Rätsel zu sehen.

Gott … absurd?

Nun wird man vielleicht sagen: Gott mag vieles sein, aber „absurd“ ist er nicht.

Nun, hier sollte man sich nicht an dem Wort absurd stoßen, denn das Absurde ist für Camus eine ganz alltägliche, normale Erfahrung. Das Absurde ist nichts anderes als das Irrationale, das nicht Erfassbare.

Die Erfahrung des Absurden ist nicht widersinnig, sondern im Grunde sehr normal, mit sehr viel Sinn verbunden, wenn man nur ein Auge dafür hat. Folgerichtig plädiert Camus dafür, diese Absurdität zu leben … wie? Indem man sie zuallererst einmal wahrnimmt.

Denn absurderweise (das ist das eigentlich Merkwürdige!) versteht sich der Mensch, ausgestattet mit der materialistischen Weltsicht, als der Lenker seiner selbst, als Bezwinger von Raum und Zeit, als singuläres kosmisches Ereignis, als Zentrum der Bewusstheit, als im Zentrum jeder Logik und jedes Wissens stehend.

Kann man aber wahrnehmen, dass das ganze Gegenteil der Fall ist, wird man nie wieder in die Höhle der Unwissenheit zurückfinden. Die sogenannte Absurdität, von der Camus spricht, wird zu einer Normalität – einer ständigen Gotteserfahrung im Alltag. Und die Erfahrung Gottes kann man mit vielerlei Worten benennen. Man kann sie absurd nennen, oder verwirrend, oder als die Erfahrung einer gigantischen Kraft jenseits unserer Vorstellungen. Man wird aber nie sagen können, man habe sie völlig verstanden und damit unterworfen. Sondern das Ziel kann nur sein, das Göttliche in der Form zu sehen, zu verstehen und zu akzeptieren, dass es allgegenwärtig und irrational ist – sich unserem Denken entzieht.

Die Erfahrung Gottes ist im Prinzip die Erfahrung eines Wunders, und das in einer Welt, deren normale Sichtweise es ist, dass es keine Wunder gibt und geben kann. Aus dieser, uns allgegenwärtigen, Sichtweise, erscheint es so, als sei das Leben vollständig verstanden, die Welt und der Mensch darin wie ein völlig erforschlicher Gegenstand, so dass die Welt aus heutiger Sicht geradezu schon langweilig wirkt und man sich fragt, wann schon einen Countdown zu hören vermeint, an dessen Ende die Lösung der letzten Rätsel steht. Doch langweilig, erschlossen, enträtselt, ist die Welt nicht; was uns fehlt dies zu erkennen ist lediglich der richtige Blick.

Albert Camus, ebenso wie Kafka, ebenso wie so viele Denker, Philosophen und Künstler, können uns zu diesem besonderen Blick, der uns das Höhere erkennen lässt, und als die uns übergeordnete Kraft wahrhaft verstehen lässt, verhelfen.

„Wenn du schon nicht erkennen kannst, dass es ein Wunder ist zu leben … wie kannst du dann nach etwas Tieferem fragen?“

Albert Camus, das Absurde und Gott. Ist Gott absurd? was last modified: Juni 23rd, 2017 by Henrik Geyer

Alles ist Eins – bedeutet das, die Welt ist ohne Grenzen … grenzenlos?

In der spirituellen, esoterischen, religiösen Szene wird heutzutage oft „Alles ist eins“ zitiert – oft wird dieser Satz so verstanden, dass man sagt, der Mensch, insbesondere der spirituelle Mensch, habe auf einen Zustand hinzuarbeiten, hinzudenken, in dem er sich verbindet … mit allem. Dieser Satz wird häufig von Menschen gebraucht, die Alles ist eins völlig falsch verstehen und die sich durch die falsche Anwendung dieses sehr tiefsinnigen Gedankens einen spirituellen Heiligenschein überstülpen möchten.

Daher hier eine Anmerkung zum spirituellen Verständnis von alles ist eins.

Man versteht dieses Alles ist eins falsch, wenn man meint, es hieße, dass eigentlich alles dasselbe sei, oder dass es nicht wichtig sei, dass die Dinge verschieden aussehen, verschieden wirken, da sie doch im Grunde gleich seien. Man versteht es falsch, wenn man meint, es sei angeraten alle Grenzen einzureißen, denn, da alles eins sei, werden diese Grenzen in Wahrheit nicht benötigt.

Es wäre dies die äußerste Verballhornung, ein völliges Ad-Absurdum-Führen dieses Satzes, dessen Verständnis so einfach nun auch wieder nicht ist.

Nein.

Alles ist eins ist eine Weisheit, die sich auf eine metaphysische Ebene bezieht, also eine Ebene, die hinter den (trügerischen) Erscheinungen dieser Welt liegt. Alles ist eins bedeutet, dass alles auf ein Prinzip zurückgeht, nennen wir es das göttliche Prinzip.

Ein Prinzip also hinter den verschiedenen Erscheinungen der Welt. Schon an dieser Stelle sei angemerkt, dass das Entstehen der Unterschiedlichkeit aus einem einzigen Prinzip heraus nicht so verstanden werden sollte, als sei die Unterschiedlichkeit irgendwie überflüssig. Alles andere als das – sie macht ja unsere Welt erst aus!

Dieses eine Prinzip von dem ich spreche ist das geistige Prinzip – alles ist Geist. Wenn man dieses Prinzip versteht, versteht man auch, was die Dinge in ihrer Unterschiedlichkeit gemeinsam haben, wie sie einander brauchen um existieren zu können. Wie ein Ding, um ein Ding sein zu können, Grenzen braucht, und wie es (daher!) die anderen Dinge braucht, damit es Grenzen finden kann. Und (nur) in diesem Sinn hat sogar die größte Unterschiedlichkeit auch den Aspekt der Einheit! Ganz so, wie es Anaximander ausdrückte:

Die Grenzen eines Dinges sind die Grenzen eines anderen

Man versteht dann, dass das Gute das Böse bedingt, und umgekehrt. Dass ein Mensch nur existieren kann, in einer Unterschiedlichkeit von etwas anderem. Man versteht dann auch Grenzziehungen, sei es im Privaten (denken wir an einen privaten Rückzug; denken wir an einen Eremiten), oder auch im Gesellschaftlichen (beispielsweise Landesgrenzen) als Ausdruck dieses Prinzips.

Nun wäre es völlig verfehlt, wenn man alles ist eins so verstünde, als müssten wir Menschen diesem göttlichen Prinzip hier, in dieser Welt, zum Durchbruch verhelfen. Das wäre dumm, und durchaus gefährlich, denn hier würde etwas sträflich missverstanden. Nein, wir Menschen brauchen dem Prinzip nicht zum Durchbruch zu verhelfen, denn das Prinzip ist intakt – das war es immer und wird es immer sein. Wir Menschen können nicht Gott spielen und wir müssen nicht der Unterschiedlichkeit in ihrer Begrenztheit den Kampf ansagen. Wir müssen nicht Yin und Yang erfinden (das Prinzip des Yin und Yang ist das hier besprochene Prinzip in einer Variation), und müssen auch nicht Yin und Yang durchsetzen, denn das Prinzip ist bereits in uns – wir selbst sind sein Ausdruck.

Wir sollten das Prinzip verstehen, aber dann bitte richtig verstehen. Verständnis ist der Schlüssel zu verständigem Handeln, dem Vermeiden von Falschem. Verständnis ist aber nicht der Schlüssel zur Auflösung der Dinge der Welt … in Allem.

Hier, in dieser Welt, ist die Unterschiedlichkeit die Quelle der Dinge, der Grund für die Dinge. Und das dem zugrunde liegende Prinzip heißt: alles ist eins – es bedeutet: alles entstammt dem unbegrenzten Raum der Möglichkeiten, dem wahrhaftigen „All“ (das Alles), dem Nirvana, welches nur einen kleinen Makel hat: es existiert nicht im menschlichen Sinn. Das menschliche Sein hingegen kommt zu Stande in der Unterschiedlichkeit der Dinge. Denken wir ganz direkt an uns: ein Mensch muss sich von einem anderen unterscheiden, wie könnte er sonst sein?

Hier bei uns sind 1 + 1 =  2. Wäre alles eins, im plattesten Sinn, gäbe es nicht einmal die Eins, denn was wäre dieses Eine, wenn es sich nicht von etwas anderem unterschiede? Dann könnte keine Gleichung entstehen 1 + 1 …

Die Zahlen sind Ausdruck der Unterscheidbarkeit der Dinge, sind Ausdruck unserer Welt. Die erste eigentliche Zahl ist die Zwei – sie symbolisiert das Enstehen des ersten Unterschiedes zwischen einem Ding …. und etwas anderem.

 

Alles ist Eins – bedeutet das, die Welt ist ohne Grenzen … grenzenlos? was last modified: Mai 15th, 2017 by Henrik Geyer

Kann „bodenloser“ Relativismus eine plausible Position sein?

Spirealismus - Was ist Relativismus? [SPID 4667]

Auf diesem Blog erläutere ich häufig die Grundgedanken meiner Philosophie, des Spirealismus. Der Spirealismus läuft darauf hinaus, den hermetischen Grundgedanken „Alles ist Geist“ weiter zu verfolgen, ihn zu formulieren und in seinen uns zugänglichen Aspekten zu beleuchten. Man könnte diesen Ansatz auch so formulieren: „Der Gedanke ist der Inbegriff der Existenz.“ Man findet diesen Ansatz in ganz verschiedenen Philosophien, in ganz verschiedenen Bühnenstücken, Büchern, Sichtweisen, Filmen, Worten, man findet ihn in der Geschichte. Man denke an Die Welt als Wille und Vorstellung von Schopenhauer, oder an das, was man Subjektivismus nennt. Oder an das, was man Konstruktivismus nennt.

All das ist im Grunde gar nicht sehr verschieden, sondern geht stets von der Überlegung aus, dass es nichts geben kann, das nicht gedacht wird. Und es läuft auf die, ganz auf dieser Argumentationslinie liegende, Beobachtung hinaus, dass es nichts gibt, das in einer endgültigen Weise wahrnehmbar ist. Alles hat unendliche Aspekte, alles entwickelt sich, der Gedanke des Jetzt ist der  Abglanz eines anderen Gedankens der Erinnerung, aber nie genau derselbe.

All das verbindet sich, wohldurchdacht, schließlich zu dem Extrakt: „die Welt“ gibt es nicht. Sondern es gibt, als die Urform der Existenz, viele Bilder einer Welt. In ihrer Verbindung, aber auch ihrer Verschiedenheit, entsteht das, was wir in der materialistischen Weltsicht „die Welt“ nennen, so als wäre es „in Wirklichkeit“ nur eine Welt, die, unabhängig von uns selbst, existierte. Doch ist nichts, was wir beobachten können, unabhängig von uns. Nichts können wir sagen oder sonstwie ausdrücken, was nicht den Charakter des Schöpferischen hätte. Wir selbst sind, indem wir da sind, Teil der Schöpfung und auf diese Weise schöpferisch. Nichts können wir begreifen, was eine exakte Spiegelung von etwas anderem wäre. Weil alles relativ ist. Und weil der Mensch selbst relatives Teil einer Relation ist – er ist Element der Schöpfung, nicht Beobachter der Schöpfung. Das ist Spirealismus.

Ist Relativismus möglich?

Nun findet man in der Kritik des Relativismus zunächst stets folgende Aussage: Es sei einfach nicht möglich. Denn man habe ja eine feste Außenwelt vor sich, diese könne man sehen. 

Ich möchte an dieser Stelle in nur wenigen Worten auf diese Aussage eingehen.

Erstens: Die bloße Behauptung, etwas könne nicht sein, weil es nicht vorstellbar sei, ist kaum sinnvoll zu widerlegen. Gerade der Spirealismus behauptet nicht, der individuelle Mensch könne sich alles vorstellen! Vielmehr ist dies eine durch nichts zu belegende grundsätzliche Sichtweise und Behauptung, die aus der materialistischen Weltsicht resultiert – sie geht davon aus, der Mensch beobachte eine von ihm unabhängige Außenwelt … also alle dasselbe; und, der Geist sei frei, alles zu beobachten / wahrzunehmen. Lediglich die Möglichkeiten der Materie seien begrenzt.

Nein, vielmehr sieht man (z.B. in der oben genannten Argumentation!), dass der einzelne Mensch nur das wahrnehmen kann, was die Tiefe seines Geistes, was seine Phantasie, auch zulässt.

In der materialistischen Weltsicht versteht man eine Wahrnehmung als etwas ganz Objektives … dies eben ist es gerade, was der Spirealismus bestreitet. Was also jemand nicht im Geiste beobachten kann – beispielsweise, weil das spirituelle Rüstzeug fehlt, oder nenne man es das weltanschauliche Rüstzeug, oder man sagt, dass es die eigene seelische Entfremdung unmöglich macht – das existiert für denjenigen auch nicht. Wie sollte man mit jemandem sinnvoll über etwas sprechen, das er nicht wahrnehmen kann und dessen Existenz sich ihm nicht zeigt?

Zweitens liegt es in der Systematik des Spirealismus (aber natürlich nicht des Materialismus!), dass es dieselbe Welt, dasselbe Universum (Ich-Universum) nicht zweimal gibt. Somit hält es der Spirealismus, und wohl auch jeder Relativismus, für ausgeschlossen, dass sich eine spezifische Welt aus jeder anderen Weltsicht betrachten ließe. Jede Welt ist von jeder anderen verschieden, und je verschiedener die Welten der Vorstellungen sind, desto unbegreiflicher erscheinen sie untereinander. Denn, das ist es ja gerade, was die Welten anders macht: der Unterschied. Im Gegenteil, die Weltsicht des einen Menschen schließt die Weltsicht eines anderen geradezu aus, kann sie nicht „inkludieren“. Materialistisch-praktisch ließe sich formulieren, dass nicht wirklich ein Mensch die Position eines anderen einnehmen kann, auch wenn es eine ganz gängige Vorstellung ist, sich „an die Stelle eines anderen zu versetzen“, etc.. Ebenso wenig gibt es wirklich zwei „selbe“ Dinge – dasselbe ist immer nur eins. Es gibt in der Mehrzahl nur Gleiches. Und, was die Mehrzahl hervorbringt, ist die Unterschiedlichkeit. Der Mensch, als Element der Schöpfung, unterliegt dieser Unterschiedlichkeit, kann sie nur partiell überwinden, durch Ähnlichkeit.

Aus der materialistischen Weltsicht heraus kann die relativistische unmöglich beobachtet werden, denn der Materialismus glaubt ja, als Grundvoraussetzung(!), man würde stets über dieselbe Welt sprechen – nur die Worte seien verschieden. Wie kann also aus materialistischer Sicht ein Relativismus wahrnehmbar und begreifbar werden? Um das noch einmal an einem anderen Beispiel bildhaft zu machen: Aus der Sichtweise eines Atheismus kann nicht über die innerlichen Phänomene religiösen Glaubens gesprochen werden – wie Jesus es ausdrückte: „Gottes Reich ist inwendig, im Außen ist es nicht sichtbar!“ Das „Außen“ ist z.B. auch der Beobachter, der die inwendige Sichtweise, von der die Rede ist, nicht einmal annäherungsweise hat.

 

Ich nannte es einmal einen Lernprozess, dass einem die Unendlichkeit in den Dingen sichtbar wird, und der Spirealismus, oder auch ein Relativismus, begreifbar wird. Es ist ein Lernprozess – wie man auch die Wissenschaft der Biologie erlernen kann. Ohne das Lernen von Biologie ist die Unterhaltung mit einem Biologen wenig sinnvoll. Doch umgekehrt besteht keine Notwendigkeit dafür, Biologe zu sein, um am Leben zu sein und ein bestimmtes Weltbild zu haben. Man muss in diesem Fall aber feststellen, dass das, worüber der Biologe spricht, für den Nichtbiologen erst einmal nicht existiert. Die Welten der Verständnisses und der möglichen Wahrnehmungen treffen sich nicht.

Ist Relativismus sinnvoll?

Ich wollte aber insbesondere eine Frage besprechen: Kann ein solcher „bodenloser“ Relativismus sinnvoll sein?

Ich möchte diese Frage in zwei Aspekte teilen.

Erstens: Was ist sinnvoll? Wie sinnvoll muss Philosophie sein?

Die Aufgabe der Philosophie ist es, möglichst fundamentale Wahrheiten über den Kosmos zu formulieren. Die Aufgabe der Philosophie ist es, Weltsichten hervorzubringen und zu begründen.

Die Aufgabe der Philosophie ist es somit, Wahrheiten allgemeinster Art zu formulieren. In einer relativistischen Weltsicht ist auch „die Wahrheit“ nichts Festes, nur eine Relation, und eine wahre Aussage kann nur wahrer (zutreffender) sein, als eine andere. So verstanden ist es die Forderung an den Relativismus, die kosmischen Erscheinungen treffender zu beschreiben, als es der Materialismus kann.

Aber: Die Aufgabe der Philosophie ist es nicht, jemandem, der ein bestimmtes Weltbild hat, sinnvoll zu erscheinen – sinnvoll im Sinne von folgerichtig oder nützlich. Denn das, was jemand für folgerichtig und nützlich hält, geht von dessen weltanschaulichen Prämissen aus. Die weltanschaulichen Prämissen wiederum werden von den Philosophen geformt – es wäre unzweckmäßig, sich in diesen Zirkelschluss zu begeben – kein brauchbares Resultat könnte dem entspringen.

 

Zweitens: Formen wir doch selbst eine Definition für die Sinnhaftigkeit von Philosophie, und prüfen den Sinn von Relativismus anhand dieser Definition! Was also wäre sinnvoll? Was wäre nützlich für das Verständnis der Menschen, in einem sehr fundamentalen Aspekt?

Wenn man sich die Welt als eine Entwicklung von etwas vorstellt (im Spirealismus wäre das die Entwicklung einer Idee), dann ist es sinnvoll, diese Entwicklung voranzubringen, die Idee auf ein neues Level zu heben, auf diese Weise weitere Entdeckungen zu ermöglichen, und die Möglichkeiten zu erweitern. Es wäre sinnvoll, die Universen des Denkens zu erweitern.

Das Gegebene ist heute der Materialismus, und, was uns veranlassen soll über den Materialismus mit seinen festen Objekten des Außen, mit seiner Materie, hinaus zu denken, das ist die Erfahrung im Alltäglichen, dass etwas an diesem Materialismus nicht stimmen kann. Der Relativismus entwickelt den Materialismus weiter, denn er bestreitet nicht dessen Möglichkeiten, schließt seine Festigkeiten mit ein.

Der Sinn des Relativismus ist gerade, dass er uns zeigen kann, dass die materialistische Vorstellung unseres Begreifens, falsch ist. Diese Vorstellung drückt sich zuallererst in dem Glauben aus, dass das, was es geben kann, das Reale, stets im Außen sichtbar sein müsse. Und eben dieser Glaube führt auf den Widerspruch zwischen Relativismus und Materialismus zurück – wieso kann ein Materialist keinen Relativismus wahrnehmen?

Natürlich lässt sich die Wahr-Nehmung des Relativismus nicht von jedem machen, sprich: nicht jeder kann es für wahr halten. Jedoch, das Kriterium der Wahrheit war noch nie, dass sie mit jeder geistigen Konstitution sichtbar sein müsse. Man denke beispielsweise an Einstein und seine hoch abstrakte Überlegung des Rittes auf einem Lichtteilchen, die ihn zu den Folgerungen der Relativitätstheorie führte. Wer kann dem geistig folgen – wer will es?

Und auch die Wahrnehmungen des Relativismus wird sich nicht mit jedem Denken machen lassen, insbesondere, wenn man sich von den Denkvoraussetzungen des Materialismus nicht lösen kann. Ich vergleiche das mit einem wissenschaftlichen Versuchsaufbau, in den einige Vorbereitung und einiger Grips einfließen muss, bevor er zu Stande kommen kann. In manche Versuche fließen Jahre an Vorbereitung, der Geist tausender Menschen, Unsummen an Geld. Nun anzunehmen, ein unvorbereiteter Geist könne jede Wahrnehmung machen, ist absurd. Wozu wohl widmen Mönche aller Konfessionen viele Jahre der Formung des Geistigen, wenn es so einfach wäre, das zu tun? Wozu wohl drücken Studenten einer Wissenschaft viele Jahre die Bänke der Hörsäle? Es gehört zu den Absurditäten der materialistischen Weltsicht, dass jeder Hans und Franz von sich meint, es könne nur das geben, was er auch wahrnehmen kann, man müsse es ihm zeigen können. Meint, er wisse über sein Denken bestens Bescheid und jenseits seiner Gedanken gäbe es kaum andere, sinnvolle.

Natürlich ist Relativismus, ist Spirealismus, denkbar und wahrnehmbar! Und viele kluge und beachtenswerte Menschen in der Geschichte und im Heute, dachten und denken so. Was man unternehmen muss, um Spirealismus zu denken, bzw. wahrzunehmen, das ist eine Schärfung der Sinne, ein Aufheben der Selbstentfremdung, ein Neudenken. Ein Überdenken des Verhältnisses der fundamentalsten Worte zueinander. Das ist zwar alles andere als einfach, das sei zugegeben, insbesondere, wenn man den Materialismus mit der Muttermilch aufgesogen hat. Doch es ist allemal machbar, sinnvoll und plausibel.

bodenloser Relativismus

Wenn die Kritiker des Relativismus, wenn Materialisten, von einem bodenlosen Relativismus sprechen, so ist dieser Ausdruck bildreich und zeigt recht gut das Problem. Während der Materialismus alle Erkenntnis an festen, außerhalb des Erkennenden liegenden, Fakten oder Objekten (Objektivität), festmachen möchte, spricht der Relativismus von Relationen, als der Basis der Existenz. Nichts Festes existiert, und kann daher auch nicht beobachtet werden. Dem Materialisten klingt dies wie: Man könne keine Aussagen treffen, weil Endgültiges in keiner Form existiert. Es klingt ihm wie Beliebigkeit, wie Wirrnis.

Und in der Tat ist es eine Folgerung des Relativismus / im Speziellen des Spirealismus, dass, je wahrer eine Aussage sein soll, je unspezifischer muss sie sein. Am Ende der Skala für alle Wahrheit, das Unspezifischste, das Allgemeinste, das in einem allgemeinsten Sinn Wahre – das ist eine nicht getroffene Aussage, das ist unser Nichtsein … zugleich die Quelle allen Seins. Das Nichtsein ist der unendliche Bereich des Möglichen, des jedoch nicht Realisierten. Es ist das Nichts, das im Spirealismus nicht die Abwesenheit von Etwas ist, sondern im ganz richtigen Sinn Nichts: nicht da, nicht denkbar, nicht erfassbar.

Insofern ist der Relativismus tatsächlich bodenlos – denn es gibt keine Ebene, auf der man sich für immer und ewig ausruhen könnte, keine letzte Wahrheit, und wie all die ungreifbaren und dennoch allgegenwärtigen materialistischen Vorstellungen heißen mögen.

Kann etwas Bodenloses Sinn haben?

Dennoch, auch wenn er bodenlos ist, hat Relativismus viel Sinn. Denn es lassen sich feste Aussagen treffen: Dass alles relativ ist, und man genau dies auch im Alltäglichsten feststellen kann, ist eine solche Aussage. Es ist eine ganz feste, und im vollumfänglichsten Sinn wahre Aussage. Eine Aussage, die nicht durch die Frage nach einem Sinn negiert werden kann.

Wenn dies also eine Wahrheit ist, dann kann man, von dieser Wahrheit ausgehend, zu vielen ganz neuen, faszinierenden, Ergebnissen gelangen, durchaus in einem wissenschaftlichen Sinn – dann nicht mehr innerhalb einer materialistischen Wissenschaft, sondern einer spirealistischen oder relativistischen Wissenschaft.

Relativismus auf die Füße gestellt

Und überhaupt sagt Relativismus, sagt Spirealismus, ja nicht, dass sich aus relativistischer Sichtweise keine Aussagen machen ließen. Natürlich lassen sich Aussagen machen. Der Spirealismus sieht nur eben den Menschen als Schöpfer von etwas Konkretem an – der Mensch liest nicht die Schöpfung von einem Außen ab. Er selbst ist Element der Schöpfung, und seine „Sicht der Dinge“ ist einzigartig und schöpferisch. Man sieht sofort, das diese Formulierung anders und besser klingt, als die defätistisch-unerfreuliche Auskunft, man könne keine gültigen Aussagen treffen. Doch, man kann Aussagen treffen; diese stimmen auch und sind gültig, und zwar für denjenigen, der sie macht. Es ist geradezu die Funktion des Menschen, innerhalb des kosmischen Kontinuums, dass in ihm konkrete Welten entstehen; dass in ihm aus der Beliebigkeit Festes entsteht.

Sinn des Relativismus – im Bereich der Wissenschaft

Zu welchen Ergebnissen die spirealistische Wissenschaft kommen kann, kann von der Position des Jetzt, kann von einem Einzelnen (mir), nicht gesagt werden, ebenso wenig, wie aus der Perspektive der griechischen Antike ermessbar ist, zu welchen Höhen (und Tiefen) es die materialistische Sichtweise einmal bringen würde. Ich würde aber erwarten, dass der Spirealismus, oder eine andere Form relativistischer Weltsicht, fundamentale und großartige Entdeckungen und Entwicklungen möglich machen würden, jenseits dessen, was im Moment möglich erscheint. Meine Erwartung ginge in die Richtung, dass Intuition, dass Phantasie und Zufall, dass Suggestion und Telepathie, zu festen Größen der wissenschaftlichen Weiterentwicklung werden.

Die Wissenschaft der Psychologie könnte mit anderen Wissenschaften verschmelzen, und würde neue und ungeahnte Möglichkeiten hervorbringen.

Sinn des Relativismus – im Bereich des Persönlichen, der Gesundheit, der Selbstfindung

Es gibt aber auch einen Bereich relativistischen Denkens, der, auch in der heutigen Zeit, aus gutem Grund gegangen wird, weil es ein nützlicher und heilender Weg ist. Und das ist der Weg der Spiritualität, der Esoterik, des religiösen Glaubens, etc..

Die Qualität dieser Denkrichtungen möchte ich im Einzelnen nicht beurteilen, ich denke, es hängt sehr davon ab, welche konkrete Person sich einer dieser Denkrichtungen zuneigt. Man muss auch beachten, dass viele Vertreter ganz populärer spiritueller Sichtweisen eine Art materialistische Spiritualität propagieren, die, weil sie sich ganz dem materialistischen Gedankengut widmet, gar nicht mehr im eigentlichen Sinn spirituell genannt werden kann.

Denken wir an spirituelle Praktiken, die den Namen verdienen: das Gemeinsame solcher Denkrichtungen ist stets, sie dem Menschen sagen: „Was du glaubst ist deine Welt! Dies wissend, kannst du deinen Glauben formen. Und du gelangst in eine andere Welt.“ Wer also sagt, dass sich die individuelle Welt wirkungsvoll durch Arbeit am Glauben manipulieren ließe, der verfolgt einen relativistischen Gedanken – denn es ist zutiefst relativistisch, besser spirealistisch, die Welt(en) als durch das Geistige entstehend, als eine Funktion des Geistigen, anzusehen.

 

Und wenn nun jemand fragt, was bei Materialisten häufig der Fall ist, welchen Nutzen es hat spirituell zu sein, welchen Sinn ein Klosterleben hat, oder, was es konkret bringt, an Gott zu glauben, dann würde ich sagen, der Sinn und der Nutzen, den jeder erst begreift, wenn er sich diesen Wegen hingibt, ist: geistige Gesundung, Kraft finden, zu sich selbst finden. Der große Nutzen liegt im Begreifen der Relativität – bei manch eingefleischtem Materialisten führt das z.B. dazu, dass er nicht mehr die Überwindung seiner materialistischen Probleme erhofft, sondern dass diese für ihn überwunden sind, indem sie sich ihm nicht mehr als Problem darstellen.

Sinn des Relativismus – Überwindung der materialistischen Paradoxien

Die materialistischen Paradoxien, unsere Vorstellung einer endgültigen Wahrheit, einer Fortentwicklung des Universums auf einen Endpunkt hin, unsere materialistische Vorstellung von Unendlichkeit könnte überwunden werden und in eine weitaus treffendere, und sicher auch nutzbringendere, Vorstellung überführt werden.

Sinn des Relativismus – für die Gesellschaft

So wie man das menschliche Individuum als existent in einer Relation begreifen würde, könnte man den Staat als existent in seinen Relationen ansehen – und käme zu einer weitaus dynamischeren, psychologischen Sichtweise auf den Staat. Der Nutzen läge hier z.B. in einer Revolution der Wirtschaftswissenschaften, oder auch der Diplomatie – letztlich eine Frage von Krieg und Frieden.

 

Resüme

Dieser kurze Text soll eher ein Plädoyer sein, die gedanklichen Schlüsse relativistischer Sichtweisen für möglich zu halten, zu verstehen, dass sie Sinn haben, auch wenn der Nutzen nicht unmittelbar begreifbar ist, vor allem aus einer materialistischen Sichtweise heraus.

Der aus der materialistischen Sichtweise begreifbare Sinn beginnt jedenfalls mit der Feststellung, dass alles relativ ist, und dass in dieser Aussage Wahrheit liegt.

 

Kann „bodenloser“ Relativismus eine plausible Position sein? was last modified: Februar 9th, 2017 by Henrik Geyer

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens, des verlorenen Wissens

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens [SPID 4496]

In diesem Artikel geht es darum aufzuzeigen, warum manche Menschen darauf kommen, die Welt sei voller Rätsel,während es dem Materialisten doch eher so scheint, als habe die Welt keinen geheimnisvollen Aspekt – denn die Dinge der Welt erscheinen so vollständig beschrieben, so rund in ihrem Sein, so erfasst. Er glaubt, alles wäre im Grunde schon entdeckt, und das Unentdeckte sei etwas, das er benennen könnte.

Ein schönes Beispiel hierfür ist Gurdjeff (bei der Nennung dieses Namens fällt so manchem sofort Ouspensky ein, der Schüler Gurdjeffs, der sich explizit auf die Suche nach dem Rätselhaften machte, und ein Buch gleichen Namens schrieb: In Search of the Miraculous).

 

Der Auffassung, die Welt sei entdeckt und in ihrer Offensichtlichkeit geradezu langweilig, waren Gurdjieff und Ouspensky jedenfalls nicht. Aus Gurdjieffs Leben berichtet dieser selbst, sein Vater sei eine Art Dorfbarde (in Georgien) gewesen, ein uralter Berufsstand mit hohem Ansehen. Um die Dorfbevölkerung mit Liedern zu unterhalten und zu unterrichten, kannte er viele uralte Weisen.

One day, Gurdjieff read in a magazine that archaeologists had discovered ancient tablets of the Epic in Babylonia, and he speaks of experiencing ’such an inner excitement that it was as if my future destiny depended on all this.‘ He was impressed that the verses of the epic, as printed in the magazine, were almost identical to those his father had recited; yet they had been passed on by word of mouth for thousands of years. What matters here is the unstated implication: that in that case, other kinds of ancient knowledge may have also survived in the same way.

Eines Tages entdeckte Gurdjieff in einem Magazin, dass Archäologen eine uralte Tafel mit Heldensagen in Babylon entdeckt hatten, und er (Gurdjieff) spricht von einer unvergleichlichen Freude …
Er war beeindruckt, dass die Verse der Sage, wie sie im Magazin abgedruckt waren, fast identisch waren mit jenen, die sein Vater immer rezitiert hatte (der Vater hatte den uralten Beruf des Sängers ausgeübt, und war mit alten Liedern und Texten vertraut). Sie waren also mündlich weitergegeben worden, in tausenden Jahren. Was hier wichtig ist, ist das Verständnis, dass ähnlich diesem Fall, uraltes Wissen die Zeiten überdauert haben kann.

G.I. Gurdjieff: The War Against Sleep and The Strange Life of P.D. Ouspensky von Colin Wilson

Wir verfügen, so lehrte es dieses Vorkommnis Gurdjieff, über uraltes Wissen, haben aber keinen Bezug mehr zu  seinen Ursprüngen. Uns sieht die Welt ganz modern aus, doch wir bauen in jedem Detail auf einem uralten Wissen, auf uralten Bildern in unseren Köpfen auf. Wir bemerken das nicht, denn uns fehlen die Bezüge, die Querverbindungen.

Das zu verstehen hat mindestens zwei Aspekte.

Erstens denken wir an Jungs kollektives Unterbewusstsein. Im kollektiven Unterbewusstsein werden Dinge erhalten und gewusst, deren Ursprung wir nicht kennen. Etwas wird gewusst, das man nicht erlernen muss. Denken wir jetzt an die Erkenntnis Gurdjieff, dass Wissen, das verloren scheint, sich erhält, in alltäglichen Dingen und Worten, jedoch anders aussieht, und uns in nichts an das erinnert, was es den Menschen einmal war … Und umgekehrt? Haben wir denn ein Gefühl dafür, aus welchen Sinn-Atomen sich jedes Faktum, das wir wissen, zusammensetzt? Ich glaube nein. Wenn wir uns das aber vorstellen, dann bekommen wir ein Gefühl für das Geheimnis, das in allem ist, das aber auch erkannt und geahnt werden kann … Die Dinge bleiben unerkannt, weil uns die Bezüge fehlen. Was ist ein Geheimnis anderes als etwas, das man nicht weiß? Und was wiederum weiß man über Dinge, die man nicht kennt? Was kann uns besser ein Gefühl für diese ungeahnten Geheimnisse geben, als zu verstehen, dass das, was wir nicht wissen, unbegrenzt und ungeahnt ist?

Ähnliches Thema: Gibt es das Nichts? Wie kann man sich das Nichts vorstellen?

Zweitens: Einmal mehr zeigt sich die Eigenart des objekthaften Denkens – des Glaubens, etwas, eine Sache etwa, eine logische Schlussfolgerung, sei vollständig beschrieben, indem man sie benennt. Doch in Wirklichkeit abstrahiert man von tausenderlei Querverbindungen, die in die Unendlichkeit reichen – man kappt die Information, man abstrahiert, und dem menschlichen Geist erscheint trotzdem, oder vielleicht eben deshalb das Objekt seiner Anschauung wie völlig rund und vollständig beschrieben. Ebenso nehmen wir die Informationen des Jetzt so wahr, als wären sie im Jetzt vollständig beschrieben. Dass sie das nicht sind, erfahren wir dann ab und zu zufällig – und merken: Wir wären ganz ohne diese Information ausgekommen, und hätten immer angenommen, wir wären vollständig informiert und „weise“ – ein Gefühl, das den Materialisten immer umgibt, nicht jedoch den Suchenden.
Weiterlesen: Beitrag Was ist paradox am Wort „das Alles“ / „alles“ / „das All“?

Um ein kleines Beispiel dafür zu geben, wie allgegenwärtig und keineswegs selten die Geheimnisse sind, will ich etwas schildern, was mich neulich wunderte.

Ich las ein englisches Buch, in dem das Wort „hag“ vorkam. Ich ahnte, dass das Wort „Hexe“ bedeutet, denn mein Vater hatte mir einmal gesagt, das Wort Hexe leite sich von dem Wort Hag-Sesse ab. Hagsesse ist eine Person (Frau), die in einem Hag (Wald) ansässig ist. Hag ist Wald, so wie wir das Wort oft in Ortsnamen finden, wie z.B. Steinhagen, Friedrichshagen, Petershagen, etc..

Die Idee einer Hagsesse wiederum, die in der Vorstellung von Dorfbewohnern unheimlich ist, verleiht dem Wort Hexe eine ganz neue, tiefere Bedeutung. So wie ein Eremit, der die Kommunikation mit der Gesellschaft kappt, wird die Hagsesse den Dörflern unheimlich, genauso vermutlich, wie umgekehrt, und das Wesen und der innere Sinn des Wortes Hexe erscheint umso klarer und verständlicher. Eine Hagsesse ist jemand, der einen unkommunikativen Lebensstil pflegt, dadurch zu einer unheimlichen Person mit merkwürdigen Gebräuchen und unbekannten, und dadurch umso unheimlicheren, Ressourcen wird.

Hier noch, was das englische Wörterbuch zur Herkunft des Wortes hag sagt:

The term appears in Middle English, and was a shortening of hægtesse, an Old English term for witch, similarly the Dutch heks and German Hexe are also shortenings, of the Middle Dutch haghetisse and Old High German hagzusa respectively.

Was damit gesagt sein soll: Die Geheimnisse umgeben uns. Wir müssen sie nur sehen. Sie zu sehen ist nicht etwa unnütz, sondern eine Bewusstseinserweiterung. So, wie uns der Begriff Hagsesse einen anderen Zugang zum Wort Hexe gewährt, als es das Wort Hexe allein kann. Wir erweitern unser Bewusstsein durch diese Art von Wissen, durch die Querverbindungen, ganz ähnlich einem Raumschiff, das unbekannte Weiten des Universums durchstreift, und dadurch auf Ungesehenes, Unerhörtes, Wunderbares stößt. So erweitern wir auch unser uns unendliches Ich-Universum, durch die Entdeckungen im Geistigen.

 

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens, des verlorenen Wissens was last modified: Dezember 19th, 2016 by Henrik Geyer

Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen

Johann Wolfgang von Goethe, Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen [SPID 4406]

Zunächst wird man Goethe nicht als „Mindscrewer“ sehen, denn seine ausgefeilte und harmonische Lyrik ist weltbekannt. Goethe ist vielleicht das beste Beispiel für einen Menschen, der bewusst versuchte, den Sinn für die Rätselhaftigkeit mit der Notwendigkeit zu vereinen, auf Erden Harmonie zu erreichen. Harmonie und Luxus waren Goethe wichtig; Luxus waren für ihn nicht nur die materiellen Dinge, sondern auch die Segnungen des Geistes – er empfand es als Luxus, sich ganz den schönen Künsten hingeben zu können.

Er wusste, dass die irdische Harmonie darin besteht, das Paradoxe des Höheren zu akzeptieren und nicht daran zu rühren. Die irrationale Seite der Welt war ihm gleichwohl bekannt. (Zitat Franz Kafka: Im Kampf zwischen dir und der Welt, stelle dich immer auf die Seite der Welt.)

Von Goethe stammt zum Beispiel der Satz:

Man kann nicht sagen, daß das Unendliche Teile habe. Alle beschränkte Existenzen sind im Unendlichen, sind aber keine Teile des Unendlichen, sie nehmen vielmehr teil an der Unendlichkeit.

Das Unendliche (Universum) ist nicht die Summe seiner Teile und darum auch kein Ganzes. Sondern es ist ein Prozess, der aus und durch den Menschen entsteht – ich hatte diesen Gedanken einmal in diesem Beitrag formuliert:
Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus

Goethe und das Übersinnliche – das Spirituelle

Die Faszination seiner Lyrik und seiner Prosatexte stammt natürlich auch aus der Kenntnis des Übersinnlichen, und der vollkommenen Fähigkeit, sie mit den Worten der deutschen Sprache zu verbinden.

Denken wir beispielsweise an den Text des „Zauberlehrlings“. Der Zauberlehrling ist ein junger Mann, der die wirkungsvollen Formeln seines Zauberbuches anwendend, Verhängnis erschafft … lediglich durch die Übertreibung des Zaubers … der Lehrling hat den Zauber eben nicht richtig unter „Kontrolle“. Es wäre ihm nichts weiter anzuraten, als nur Vorsicht und Zurückhaltung bei Kräften, die er zwar anweisen kann, deren Wirkprinzip er im Eigentlichen aber nicht versteht, und niemals verstehen kann. Denn es handelt sich ja um Zaubersprüche!

Goethe meinte, dass der Mensch durch sein Wirken den Eindruck erhält, er verstehe und durchdringe das Universum. Doch das ist nicht so, und die Mittel, die der Mensch in die Hände bekommt, sind, so unverstanden sie bleiben müssen, ebenso ein Mittel seiner Vernichtung wie seines Fortkommens. Der Mensch versteht nicht, dass bereits sein Wille das göttliche Werkzeug ist, das sowohl das Gute wie das Böse in die Welt bringt, ebenso Krieg wie Frieden, ebenso Freude wie Schmerz. Die größte Liebe bringt den größten Hass hervor – die Extreme sind es, die der Mensch sucht, und, notwendigerweise zu beiden Seiten seines Weges, auch findet. Indem er die Liebe sucht, bringt er den Hass hervor.

Dem Menschen wäre anzuraten, äußerste Zurückhaltung zu üben, solange er das kosmische Prinzip nicht versteht. Und, würde er es verstehen, wäre Zurückhaltung ohnehin seine Natur. Denn Gleichgewicht, nicht Übertreibung, ist der Weg der Existenz.

Man kann Goethes Mahnung sehr direkt in unsere heutige Zeit übersetzen. Des Menschen Gier, seine Sucht, immer mehr haben zu wollen, ist das, was er als gut und selbstverständlich erachtet. Es ist seine selbstverständliche „Suche nach Glück“ – sie kulminiert in unserer Zeit in einer grenzenlosen Naturzerstörung. Das Keine-Grenze-kennen-und-akzeptieren-Wollen, das unendliche Mehr! in der Zahl der Menschen (Überbevölkerung), aber auch der für selbstverständlich gehaltene Wunsch jedes Einzelnen, sich ein möglichst großes „Stück vom Kuchen“ abzuschneiden – das ist die Übertreibung nach der Art des Zauberlehrlings. Der Mensch zerstört die Quelle, aus der er schöpft. Solches tuend, plappert er vor sich hin, was für ein großes Genie er doch sei. Und, natürlich, dass er alles im Griff habe!

Um die Existenz des Göttlichen zu wissen bedeutet nicht, das Göttliche zu verstehen.

Goethe hat immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er das Göttliche für gegeben hält, und dass er unter dem Göttlichen eine Macht versteht, die rational unbegreiflich ist. Auch hier wieder ist des Menschen Pflicht die Zurückhaltung – das Göttliche verstehen zu wollen und für sich zu vereinnahmen, ist das Wesen desjenigen, der am allerwenigsten göttlich ist. Es ist das Wesen des Pharisäers, das Wesen auch jener Heilsbringer, die Wasser predigen um selbst umso ungestörter Wein trinken zu können. Und gleichzeitig, das wusste auch Goethe, ist eben dieses Vereinnahmen eine sehr selbstverständliche und alltägliche Erscheinung.

Aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens von Johann Peter Eckerman

Dennoch halte ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und die so göttlicher Art, wie nur je auf Erden das Göttliche erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: durchaus! – Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit. – Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind und alle Pflanzen und Tiere mit uns. Fragt man mich aber, ob ich geneigt sei, mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli zu bücken, so sage ich: verschont mich und bleibt mir mit euren Absurditäten vom Leibe! Den Geist dämpfet nicht! sagt der Apostel. Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe reichdotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der untern Massen. Sie hat ihnen auch die Bibel lange genug vorenthalten, so lange als irgend möglich. Was sollte auch ein armes christliches Gemeindeglied von der fürstlichen Pracht eines reichdotierten Bischofes denken, wenn es dagegen in den Evangelien die Armut und Dürftigkeit Christi sieht, der mit seinen Jüngern in Demut zu Fuße ging, während der fürstliche Bischof in einer von sechs Pferden gezogenen Karosse einherbrauset!

 

Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen

Philip K. Dick - die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen [SPID 4408]

Wenn es um den Sinn für das Paradoxe geht (auch manchmal provokativ-drastisch Mindfuck genannt), dann ist Philip K. Dick unbedingt zu nennen. Er ist einer der Menschen, die geradezu ihr ganzes Leben dem Ergrübeln des Wesens der Realität widmeten.

Die rote und die blaue Pille – Tore zu verschiedenen Universen

In dem Film „Matrix“ wird der Held Neo mit der Tatsache konfrontiert, dass, welche Art von Welt er bewohnt, eine Frage der Medikation ist. Je nach Art der Pille, die er schluckt (ihm wird eine rote und eine blaue Pille zur Auswahl gestellt), wird sich seine Realität formen. Und: es wird eine jeweils ununterscheidbare Realität sein …. ununterscheidbar von einer anderen, richtigen, wirklichen Realität.

Anders gesagt: Realität ist Realität, es gibt nur eben verschiedene Realitäten. Nicht die Realität ist Eins – wir Menschen sind eins, und die Realitäten in uns sind Viele …

Die blaue Pille wird ihn in eine Welt des Komforts gleiten lassen, die rote Pille hingenen wird ihm die ganzen Möglichkeiten offenbaren, die die Realität anzunehmen in der Lage ist. Das wird ungemütlich, aber auch interessant! Mit Hilfe der roten Pille wird er sehen, wie tief „das Kaninchenloch“ ist, das von der oberflächlichen Welt in die dahinterliegenden Universen führt. Das „Kaninchenloch“ (rabbit hole) ist übrigens wiederum ein Zitat aus „Alice in Wonderland“, der Geschichte eines Mädchens, das, einem Kaninchen in dessen Bau folgend, in eine unterirdische, abenteuerlich-märchenhafte Traumwelt gerät.

Philip K. Dick hat nicht das Script zum Film Matrix geschrieben, aber der Film ist wie eine Aneinanderreihung von Sujets des berühmten Autors.

Philip K. Dick

Philip K. Dick war ein amerikanischer Autor, der sich um die Science Fiction Literatur sehr verdient gemacht hat. Seine Bücher führten mehrfach zu großartigen Filmen, beispielsweise dem Film Blade Runner, oder dem Film Minority Report.

Philip K. Dick war drogenabhängig, was manchen seiner Kritiker dazu verführt, den Wert des Schaffens Dicks gering zu nennen. Doch Dick war ein Visionär; die Frage „Was ist die Realität?“ war sozusagen das Thema seines Lebens. Und, wie sehr viele große Schriftsteller, die letztlich abhängig von Drogen waren, meist Alkohol, war auch er ein Manipulator des Geistes – und konnte daher aus erster Hand davon berichten, dass das, was gemeinhin „die Realität“ genannt wird, gar nicht Eins ist, sondern Vieles.

Man könnte auch sagen, dass er seine Drogensucht in einer konstruktiven und produktiven Weise verarbeitete. Ich glaube, dass die Visionen Dicks in mancher Hinsicht unverstanden und unterbewertet sind – wer diesen Blog kennt, wird das sicher verstehen. Denn hier geht es ja häufig, im Rahmen des Spirealismus, um die Realität. Was Dick oft als Frage formuliert, ist mir Grundüberzeugung, und ich glaube, dass, wenn die Menschen erst wirklich begreifen, dass „die Realität“ nicht Eins ist, sich wichtige und revolutionäre Ableitungen daraus ergeben werden, und zwar auch ganz wissenschaftlicher Art. Dick hat einige davon visionär in seinen Büchern vorweggenommen.

Philip K. Dick war schwer tablettenabhängig, er benutzte Drogen jeweils, um arbeiten zu können, um schlafen zu können, um wach zu werden, etc.. Folgerichtig tauchte in seinen Büchern häufiger das Motiv auf, dass jemand eine Tablette schluckt, und daraufhin in einer andere Realität gerät, die ihr Real-Sein dadurch kenntlich macht, dass sie bis ins letzte Detail und in die letzte Konsequenz folgerichtig ist, nur eben auf eine fremd erscheinende Art.

Ubik

Ein für Dick typisches und sehr gut lesbares Buch ist Ubik.

Achtung Spoiler Ubik ist ein Mittel (Droge), das man einnimmt, um ganz bestimmte Realitäten zu erzeugen, andere zu verdrängen. Als hintersinniger Effekt des Buches wird dem Leser erst am Ende klar, dass das Mittel Ubik nicht in der wirklichen Welt eingenommen wird, sondern in der Welt, bzw. der Realität, von der der Leser bis dahin annahm, es sei die nicht-wirkliche. Und es fragt sich natürlich .. in welche Realität führt Ubik eigentlich? Die erste oder die zweite? Oder eine Welt der unendlichen Variabilität?

Blade Runner

Der Text, der dem Film Blade Runner zu Grunde liegt, trägt eigentlich nicht den Titel Blade Runner, sondern: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Wie der Titel im Grunde schon verrät, geht es wieder um die Frage des Bewusstseins. Philip K. Dick setzt voraus, dass eine künstliche Intelligenz auch Willen und Wünsche haben muss; wovon träumt sie wohl? Was ist ihr eine notwendige Anschaffung (vielleicht ein künstliches/elektrisches Schaf?), was ist ihr ein Must-See, u.s.w.?

Interessant wird es in Blade Runner, wenn es um die tiefsinnige Frage geht, woran genau man künstliche Intelligenz erkennt, wenn man sie vor sich hat? Die Fabel, künstliche Intelligenz müsse weniger intelligent sein als der Mensch, entpuppt sich in diesen Tagen als falsch. (Man denke an Google, dem geradezu jede Frage gestellt werden kann, und diese Frage wird von Google in einer Weise beantwortet, wie das kein einzelner Mensch je könnte. Was Google fehlt, um als Mensch wahrgenommen zu werden, ist eine Art menschliche Stimme, doch, hat Google diese, wird Google zunehmend ununterscheidbar von einer „richtigen“ Intelligenz. Kommt jetzt noch ein Element hinzu, das man von jedem Menschen kennt: das Nicht-Vorhersagbare, man könnte auch sagen: der Zufall, dann wird eine solche vernetzte Maschinenintelligenz zu einem erfindungsreichen Partner, ununterscheidbar von einem „sehr klugen Typen“.)

Interessant ist in Blade Runner natürlich auch die Frage (die Philip K. Dick vielleicht als einer der ersten formulierte), welche moralische Einstellung der Mensch gegenüber künstlicher Intelligenz eigentlich einnehmen wird. Darf man sie einfach vernichten, in der Art eines Blade Runners, d.h., eines auf das Stilllegen von Maschinenmenschen spezialisierten Detectives .. eigentlich müsste man sagen: Killers?

Thema Blade Runner: Verloren wie Tränen im Regen

Eye in the sky – das Auge des Schöpfers

Eye in the Sky ist ebenfalls ein interessantes Buch von Philip K. Dick. Eine Gruppe von Personen wird durch einen Unfall in einer technischen Anlage in eine geistige Welt einer anderen Person hineinkatapultiert, eine Welt, in der religiöse Werte eine sehr direkte Macht bekommen. Gott existiert, und zuweilen erscheint sein Auge tatsächlich am Himmel. Gehaltsabrechnungen gibt es nicht, man muss um Geld beten, das dann wie Manna vom Himmel fällt. Autos fahren durch Gottes Kraft, man steuert sie durch Gebete.

Dieser Text erinnerte mich an die spirealistische Aussage, dass Wissenschaft und Religion im Grunde nicht verschieden sind. Beide begründen sich aus einem Funktionieren in der „wirklichen“ Welt – man kann nicht sagen, dass Religion nur Aberglaube sei, im Gegensatz zur objektiven Wahrheit der Wissenschaft, und zwar wenn man zweierlei (oder auch nur eins davon) irgendwann verstanden hat, bzw. am eigenen Leib erlebte:

Erstens gibt es keine objektive Wahrheit, es gibt nichts Objektives

Zweitens ist Religion wirksam, und zwar in dem Sinne, dass das, was man glaubt, auch die subjektive Realität ist. Umgekehrt kann man nichts anderes von der Wissenschaft sagen – auch der Glaube vieler Menschen (=Wissen) ist subjektiv, oder besser gesagt supersubjektiv; entscheidendes Kriterium der Wissenschaft ist, dass sie funktioniert.

 

Das Motiv in Eye in the Sky, dass die Menschen in der Vorstellung eines Dritten dessen subjektive Welt bewohnen, ist letztlich das spirealistische Konzept der Ich-Universen. Das Andere, z.B. andere Personen, Dinge etc., sind nie etwas anderes, als das, was der Einzelne subjektiv darüber denkt. So gibt es keine zwei völlig gleichen Ich-Universen, und die einzelne Sichtweise auf die Dinge und die Kausalität der Welt, unterscheidet sich stets.

Philip K. Dick formulierte das einmal so:

Zitat Dick: Die Science Fiction ermöglicht es dem Schreibenden, etwas, das eigentlich ein innerliches Problem ist, in eine äußere Umwelt zu projizieren; er tut das in Form einer Gesellschaft oder eines Planeten, und hier hausen jetzt praktisch alle, die vorher in dem einen Kopf gesteckt haben. Ich mache niemandem einen Vorwurf, wenn ihm dies nicht zusagt, denn der Kopf von so manch einem von uns ist nicht unbedingt der Ort, wo man sich gerne aufhält. Aber andererseits: Was für ein nützliches Werkzeug ist das doch für uns – um zu begreifen, dass wir nicht alle in derselben Weise das Universum sehen, ja gewissermaßen nicht einmal dasselbe Universum.

 

 

 

 

 

 

 

 

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr

Bob Dylan, unangepasstes Musikgenie [SPID 4400]

Bob Dylan ist ein Musiker, der, zumindest für mich, immer den Anklang eines Nonkonformisten hat. Ich denke dabei an seine ungewöhnliche Stimme, die gerade in höheren Jahren immer rauer wird, so dass man sich erst einmal einhören muss, bevor man diese ungewöhnlichen Klänge ertragen kann.

In seiner Biographie gibt es etliche Brüche. Beispielsweise hat er, als er Anfang der Siebziger mit dem Spielen der E-Gitarre anfing, den Bruch zu seinen Hippie-Fans in Kauf genommen. Ihn, der sich nie an der Spitze der Flower-Power-Bewegung sah (jedenfalls nicht willentlich), traf es ins Mark, dass er von seinen „Fans“ plötzlich Judas genannt wurde.

Er hat sich, und das sehe ich als seine besondere Qualität, nicht davon abbringen lassen, zu leben. Er hat die Überzeugungen angenommen und abgelegt, die er für richtig hielt. Stets hielt er einen gewissen Abstand zu seinen Fans, wohl wahrnehmend, dass deren Bild von ihm nichts mit dem zu tun hat, was er sich selbst ist. Er ist nicht von seiner störrischen, nonkonformistischen Art abgegangen – das sah man zuletzt, als man ihm den Nobelpreis für Literatur verlieh, und er es offen ließ, ob er zur Verleihung kommen würde. Er ist ein Zyniker im besten Sinne, dem die Werte der anderen weniger wichtig sind, als die eigenen. Er hat sich in seiner Karriere als Musiker nicht davon abbringen lassen, die Musik zu machen, die Texte zu schreiben, die er für richtig hält. Und DAS ist gut so!

Herausgekommen ist dabei ein riesiges, wunderbares Werk. Auch einige weniger gelungene Titel sind dabei, doch bei etwa 1500 Songs gibt es ganz viel Erstaunliches, Geniales, Visionäres ….

 

Die Wahrnehmung des Paradoxen, die merkwürdige Weltsicht des Künstlers und des spirituellen Menschen Bob Dylan, kommt für mich besonders direkt in seinem Song Ballad of a thin man zum Ausdruck.

Auszug:

You’ve been with the professors
And they’ve all liked your looks
With great lawyers you have
Discussed lepers and crooks
You’ve been through all of
F. Scott Fitzgerald’s books
You’re very well read
It’s well known

But something is happening here
But you don’t know what it is
Do you, Mister Jones?

In dieser Ballade um einen „dünnen Mann“ geht es um Mr. Jones, der sich, allen Annäherungsversuchen an das „Rationale“ zum Trotz, in einer Traumwelt befindet.

Du bist oft bei Professoren,
und sie mögen dein Aussehen.
Mit großen Rechtsanwälten
hast du über Abartige und Gauner gesprochen.
Du hast alle Bücher
von F.Scott Fitzgerald gelesen.
Du bist überhaupt sehr belesen,
das weiß man.
Doch etwas geschieht hier,
und du weißt nicht, was es ist,
nicht wahr, Mr. Jones?

Mr Jones macht zwar nach weltlichen Maßstäben alles richtig, aber er hat keine Verbindung zur Unendlichkeit. Oberflächlich ist sein Wesen und Wollen. Professoren mögen sein Aussehen, was ihm offenbar wichtig ist. Mit jedem kann er sich über dessen Themen unterhalten, z.B. weiß er sich sogar mit Anwälten über jene anderen, jene Aussätzigen, zu verständigen, offenbar ist er ein Meister des Small Talk; er hält Small Talk für wichtige Kommunikation. Sich von den Unangepassten und Abartigen zu unterscheiden ist dem blasierten Jones ganz wichtig …

Er liest auch viel, natürlich! Doch, was versteht er eigentlich?

Seine rationale Sichtweise verhilft Mr. Jones nicht zur Erlösung, denn trotz allen Bemühungen der weltlich anerkannten Art findet er keine Verbindung zu Gott. Er ist ein Rechthaber und ein Ahnungsloser, während er von sich das genaue Gegenteil annimmt. Er tut doch schon so viel!

In diesem Sinn macht sich Mr. Jones in der richtigen Welt, die voller Rätsel und Metaphern ist, „dünne“, denn er beherrscht lediglich die Klaviatur des direktionalen Denkens. Die Welt des Irrationalen bleibt ihm rätselhaft, sagt ihm nichts, er nimmt sie nicht wahr, und sie kann ihm daher nichts geben. Mr. Jones ist „a thin man“, ein dünner Mann, der das Leben nur eindimensional wahrzunehmen versteht.

Bedenkend, was wir über den Nonkonformisten Bob Dylan formulierten, kann man sagen, dass Mr. Jones der Gegenentwurf zu Dylan ist.

 

Bob Dylan – The Ballad of a Thin Man from Vasco Cavalcante on Vimeo.

 

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott

Das Schloss von Franz Kafka. [SPID 4403]

Franz Kafka ist ein Schriftsteller, der für seine surrealen Texte berühmt wurde. Sein wohl bekanntestes Buch ist „Das Schloss“. Zur Handlung: Landvermesser K. kommt in ein Dörfchen unterhalb eines Schlosses, er hat einen umfangreichen Vermessungsauftrag in der Tasche.

Das Traumhafte dieses ganzen Vorgangs wird uns bewusst, denn im Buch wird nicht gesagt, was der Auftrag genau beinhaltet, worum es geht, woher der Vermesser kommt, wie das Dorf heißt, u.v.m.. Auch der Name des Landvermessers wird nicht näher genannt, somit ist er austauschbar – im Roman ist er nur K. (Kafka?). Doch es wird immer merkwürdiger: K. gelingt es einfach nicht, Zugang zum Schloss zu erhalten. Es gelingt ihm nicht, mit seinem Auftraggeber, dem Schlossherrn, zu sprechen.

Alles was er im Laufe des Romans erreicht, ist, sich innerhalb der Dorfbevölkerung einen gewissen, kärglichen Lebensplatz zu erobern. Zu diesem Zweck muss er heucheln, sich anbiedern, manchmal auch unter Aufbietung allen Mutes Kontra geben. Er sucht seine Sexualpartner unter dem Aspekt aus, wie diese ihm weiterhelfen können, innerhalb der Dorfgesellschaft aus Tagelöhnern und Bauern ein gewisses,  jämmerliches Standing zu erreichen. Sein Endziel bleibt, anerkannter Teil des Schlosses zu werden, indem sein Vermessungsauftrag durchgeführt und bezahlt wird und er sich auf normale Weise mit seinen Auftraggebern (dem Schlossherrn, der Bürokratie des Schlosses) unterhalten kann.

Das Schloss, bzw. die Bürokratie des Schlosses, sind für K. Gott

Max Brod, Freund und Verleger Kafkas, nannte das Schloss des Romans eine Metapher für Gott. Ich denke, er hatte damit Recht. Es ist eine Metapher für Gott, wie auch für Gott als die Personifikation der Welt.

Im Buch klingt das z.B. so: Der Dorflehrer erklärt K., was alles der Schlossherr in seinem Dorf zu sehen wünsche (was damit also automatisch auch K.s Pflicht sei!). K. fragt den Dorflehrer, ob dieser den Schlossherrn überhaupt persönlich kenne, (er möchte so viel wie möglich über das Schloss und den Schlossherrn in Erfahrung bringen). Der Lehrer erwidert: Nein. Wie sollte ich ihn kennen? Und er fügt auf französisch hinzu, so dass die ihn umgebenden Kinder nicht verstehen können: Seien Sie still! Nehmen Sie Rücksicht auf die Kinder! … so als habe der Vermesser K. in unflätiger Weise Gottes Namen im Munde geführt!

Was man gleichzeitig schließen darf: Gottes Wille verwirklicht sich durch das Wirken ganz kleiner Geister, wie z.B., durch den Dorflehrer!

All das ist dem Leser einerseits rätselhaft und surreal-alptraumhaft, denn es steht im Buch ja nicht am Seitenrand, dass es sich bei der Bürokratie des Schlosses, oder dem Dorflehrer, um eine höhere Macht handelt. Doch, der Leser erkennt sich und die eigenen Mühen wieder. Der Mensch, in die Welt kommend, möchte Gott nahe sein. Möchte genau passen, möchte erfolgreich sein. Doch er kann es nicht, über sein endliches Sein hinaus; über sein kleines irdisches Wirken hinaus.

Der K. des Buches sieht notgedrungen, dass seine Annäherung an die Dorfbevölkerung, sein Finden seines Platzes hier, all das bereits ist, was er an Nähe zum Schloss (zu Gott) haben kann. Denn das Dorf ist das Vehikel des Schlosses, hier ist bereits die größtmögliche Einheit. Die Welt ist irrational … der Mensch selbst bringt in die Welt, wonach er strebt und woran er gleichzeitig verzweifelt: das Streben und die Widerstände, die Liebe und den Hass, den Frieden und den Krieg, in einem ewigen Kreislauf. Im Spirealismus formuliere ich das so: Man ist Element der Schöpfung, wo man doch glaubt, ihr Beobachter zu sein. Dieses Missverständnis erschafft das Paradoxe.

Noch mehr erinnert der Inhalt des Romans an das Leben und das Lebensgefühl des Schriftstellers Kafka, der, dem Unerklärlichen Ausdruck geben wollend, es erklären wollend, nichts anderes erreichen kann, als unerklärlich und rätselhaft zu bleiben. Doch das tut er auf so gekonnte und unterhaltende Art, dass sein Roman sehr gut lesbar ist, insbesondere für Menschen mit Sinn für das Surreale. Das Buch wie auch Kafka, wurden zu einer Ikone des Paradoxen, einer Ikone der Gott- und Sinnsuche.

 

 

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Querdenker, Sonderlinge, Mindscrewer

Die besten Autoren, die bekanntesten Philosophen und Wissenschaftler, haben uns immer wieder die Denkknoten vor Augen geführt, die wir in unseren Köpfen mit uns herumtragen. Entweder taten sie das erklärend, belehrend, oder, indem sie Kunstformen erschufen, die das zum Ausdruck brachten.

Ich möchte in einer gesonderten Rubrik an diese Menschen erinnern, und Aspekte ihres Schaffens beleuchten, die aus meiner Sicht den Charakter des Paradoxen tragen, und dabei die tägliche Realität dieser Menschen waren. Indem sie versuchten, ihrer speziellen Realitätssicht Ausdruck zu verleihen, sprachen sie das innerliche Gefühl ganz vieler an, nämlich dass hinter unserer scheinbar so eindeutigen Welt etwas ganz anderes verborgen ist. Etwas, das gerade der gewohnte Blick des Menschen nicht zu sehen vermag, und gerade nicht der „völlig logische Verstand“.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst, seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, – die Gabe, die sie alle zu haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.
Gustav Meyrink

Schon im allerersten Schritt fallen mir dabei ganz viele Namen ein, wie Ouspensky und natürlich Gurdjeff, Plato, Philip K. Dick, Kafka, Goethe, Dali, C.G.Jung, Heraklit, Schopenhauer, Wittgenstein … um nur einige zu nennen. Oft kann man diese vertiefte Einsicht, diese Verbindung zur Unendlichkeit (Jung), bei Menschen sehen und benennen, die man vielleicht nicht „Sonderling“ nennen würde, teilweise habe ich das in Artikeln bereits getan, ich denke an Einstein und Sokrates.

Oft handelt es sich dabei nur um einen kleinen Teil der Arbeit dieser Menschen, denn um die Kommunikation zum letztendlich immer gesuchten Publikum aufrecht zu erhalten, braucht es eine Sprache und braucht es Aussagen, die dieses versteht. Doch teilweise wurde das dauerhafte Sehen des Paradoxen, das Beschreibenwollen des Unbeschreiblichen zu einem Kampf um die geistige Gesundheit, und um das Funktionieren in der materialistischen Welt.

Ich finde es spannend, diesen Aspekt, der gerade in den allergrößten Geistern der Geschichte immer wieder auftaucht, unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, dass hier letztendlich eine nicht aus der Welt zu redende Gemeinsamkeit vorliegt. Was ist die Gemeinsamkeit …. kann man das formulieren?

 

Querdenker, Sonderlinge, Mindscrewer was last modified: November 27th, 2016 by Henrik Geyer

Subjektiv – Supersubjektiv …. Sub-Subjektiv?

Was ist subjektiv? Subjektiv ist die Sichtweise des Einzelnen auf ein Objekt.

Was ist objektiv? Objektiv ist ein Wort, das dem Wort subjektiv gegenübersteht. Objektiv drückt aus, dass die Sichtweise des Einzelnen dadurch verifiziert wird (in seiner Wahrheit überprüft), dass Viele eine Beobachtung machen.

Was ist supersubjektiv? Supersubjektiv ist ein Wort, das durch den Spirealismus geprägt wird, es drückt aus, dass jede Beobachtung, auch wenn sie von vielen gemacht wird, subjektiv ist und bleibt. Anders gesagt: Auch wenn eine Beobachtung von vielen gemacht wird, bleibt es im kosmischen Maßstab „eine mögliche Sichtweise.“

Supersubjektiv ist die dem Individuum übergeordnete Sichtweise.

Subjekt-Objekt Beziehung nur für den Menschen voll gültig

Die Worte subjektiv und objektiv sind Worte, die sich auf die menschliche Sicht, seine Wahrnehmung beziehen. Die Worte subjektiv und objektiv werden nicht verwendet, wenn es um die Prozesse in der Natur geht … beispielsweise ist es der menschlichen Denkweise fremd, zu überlegen, ob etwas, was viele Hunde wahrnehmen, objektiver ist, als das, was nur ein Hund wahrnimmt. Es ist auch fremd zu fragen, ob etwas objektiver ist, was viele Atome wahrnehmen, als das, was nur ein Atom wahrnimmt.

Der Einfachheit halber geht der Mensch davon aus, dass der Einzige, der richtig wahrnehmen kann, er selbst ist.

Wenn es Supersubjektivität gibt, gibt es dann auch Sub-Subjektivität?

Wenn sich aus der Vielzahl der menschlichen Sichtweisen eine Gesamtsichtweise formt, die ich supersubjektive Sichtweise nenne, gibt es dann konsequenterweise auch eine Vielzahl von Sichtweisen, die den Menschen hervorbringen?

Ich sage dazu: Ja. In einem Kontinuum aus Geist ist es nicht sinnvoll, eine grundsätzliche Unterscheidung treffen zu wollen, zwischen dem, was den Menschen als Eins erscheinen lässt, und dem, was menschliche Individuen in Summe als Eins entstehen lassen.

Man könnte sich das Sub-Subjektive vorstellen als die Vielzahl der Gedanken, die den Menschen durchströmen, und die im Ergebnis eins werden – in einer Handlung.

Oder man könnte sich das vorstellen als die Vielzahl der Lebewesen, die den menschlichen Körper bewohnen – besser sollte man sagen: erst formen. Sie tun das keineswegs nur in einem harmonischen Miteinander, sondern es ist mindestens auch, ein Widerstreit, Chaos, Gegeneinander.

Man könnte sich das auch vorstellen als die Unendlichkeit von Atomen, die in ihrer Wechselwirkung den menschlichen Körper bilden. Wenn man die Atome wie Informationseinheiten sieht, die in einer Art Abstimmung ein Ganzes ergeben, so ergibt sich eine Analogie zu einem Staat, in dem viele Bürger, mit vielen Ausrichtungen, ein Ganzes ergeben – eben den Staat. Dieses Ganze ist nun in der Lage, in eine einzige Richtung zu wirken.

Kann man sich Supersubjektivität besser vorstellen als Sub-Subjektivität?

Ich weiß nicht, welchem meiner Leser das Wort Supersubjektivität überhaupt irgendetwas sagt. Ich weiß auch nicht, ob man meinen Gedanken folgen kann oder will, hinsichtlich des Begriffes Sub-Subjektivität.

Mir jedenfalls tauchte der Gedanke auf, dass das Sub-Subjektive deutlich schwieriger vorstellbar ist, als Supersubjektivität. Ich glaube der Grund liegt in der allumfassenden materialistischen Weltsicht. Als Beobachter des Äußerlichen glaubt der Materialist an das Nicht-Hinterfragbare seiner eigenen Identität.

Erst, wer sich von diesem materialistischen Glauben lösen kann, dem wird es sinnvoll, das eigene Ich wie zusammengesetzt aus einer Vielzahl miteinander streitenden, zu einem Einvernehmen gelangenden, Elemente zu sehen.

Im Materialismus nehmen wir ja sehr wohl wahr, als Personen Elemente eines (staatlichen) Ganzen zu sein. Ich behaupte, dass uns auch das ein wenig rätselhaft ist, denn es ist ja nie ganz klar, was der Staat eigentlich ist, welche Psyche er hat, welche Eigenschaften. Man kann das immer formulieren, aber es gibt immer viele miteinander streitende Formulierungen.

Man nimmt wohl wahr, dass man als Person die verschiedensten Einheiten mitformt, jeweils auf eine ganz eigene Weise – die Familie, die Stadt, den Staat, die Menschheit. Aber dass man selbst so ein zusammengesetztes Wesen ist, das ist doch weit weniger Denkgewohnheit.

Lediglich aus spirealistischer Sicht erscheint es als eine notwendige Konsequenz.

Subjektiv – Supersubjektiv …. Sub-Subjektiv? was last modified: November 21st, 2016 by Henrik Geyer