Gibt es den menschengemachten Klimawandel?

Die Frage, ob es einen menschengemachten Klimawandel gibt, hängt mit Antworten eng zusammen, die sich, sobald man die Frage beantwortet, in geradezu unabdingbarer Weise aufdrängen – das geht etwa so: WENN es einen menschengemachten Klimawandel gibt, dann sind die Menschen auch verpflichtet, selbigen abzuwenden.

Ob die Menschen eine solche Verpflichtung haben, oder ob sie es überhaupt können – diese Fragen sind offenbar keiner Antwort wert, sondern scheinen bereits beantwortet, sobald man erkannt hat: Der Mensch ist für den Klimawandel verantwortlich – also muss er ihn auch abwenden!

Also wird über eine Frage gesprochen, aber im Grunde schwingen viele Fragen unerwähnt mit, die wie schon beantwortet erscheinen. Diese Fragen bedürften jedoch der Beantwortung, um der Komplexität des Gesamtzusammenhanges gerecht zu werden, und um zukunftsfähige Antworten zu erhalten.

Ich will diese Fragen anreißen, und versuchen, Antworten aus der Sicht des Spirealismus zu geben.

Gibt es einen menschengemachten Klimawandel?

Diese Frage müsste man umformen zu: Gibt es einen Klimawandel, den es nicht gäbe, wenn es keine Menschen gäbe?

Denn, wenn es auch einen Klimawandel geben mag, den es ohne den Menschen nicht gäbe, so ist damit nicht gesagt, dass der Mensch diesen „macht“, in der Art eines bewussten und beabsichtigten Prozesses.

Aus der Sicht des Spirealismus ist der Mensch Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter. Er greift somit immer ein, er ist Teil des Schöpfungsprozesses, und niemals beobachtet er nur. Um es auf eine praktische Ebene zu bringen: Der Mensch verändert die Oberfläche der Erde. Dort wo früher ausgedehnte Wälder waren, erstrecken sich heute bestenfalls „Kulturlandschaften“, also mehr oder weniger intensiv genutzte Flächen. Oder aber immer riesiger werdende Städte. Wer den Unterschied zwischen Wald- und Stadtklima spüren kann, dem wird es nicht schwer fallen als selbstverständlich zu sehen, dass es einen Klimawandel gibt, der durch den Menschen beeinflusst ist.

Heißt „menschengemacht“ notwendigerweise „durch den Menschen änderbar“?

Nein. Der Mensch, als Element der Schöpfung, hat die Schöpfung nicht „im Griff“. Er ist sozusagen Teil einer Theatertruppe, eher als Statist – er hat die Inszenierung aber nicht unter Kontrolle. Ebenso verhält es sich in vielen Belangen, in denen sich der Mensch einerseits als Akteur sieht, andererseits aber nicht in der Lage ist, wirkungsvoll in das Rad der Geschichte einzugreifen. Denken wir an die Wirtschaft, und die immer wiederkehrenden Krisen, mit ihren Nöten, mit ihrer Gier, mit ihren unkontrollierbaren Folgen. Denken wir an Kriege, an Unruhen und Revolten. Wäre der Mensch in der Position, in der er glaubt zu sein, und könnte er mit seiner selbst postulierten Vernunft wenigstens seine eigenen Geschicke frei bestimmen, dann sollten Wirtschaftskrisen, Not und Krieg, der Vergangenheit angehören. Wir wissen alle, dass das nicht so ist. Und um wie viel mehr trifft das auf das Klima zu!

Was sind die Gründe für die Unfähigkeit des Menschen, sein Schicksal zu ändern?

Den Grund sehe ich erst einmal in mangelnder Selbsterkenntnis, die zu falschen Fragestellungen führt (siehe oben), und mithin zu untauglichen Antworten.

Ganz ähnlich wie ein Suchtkranker ergeht sich der Mensch in bequemen Betrachtungen, die den Kern des Problems kaum streifen. Könnte er ehrlicher zu sich selbst sein, hätte er sein Schicksal zumindest besser in der Hand, als er es jetzt hat.

Ganz ähnlich einem Suchtkranken erschließt sich die Sucht des Menschen diesem selbst nicht. Seine Gier und seine Unersättlichkeit sind sein eigentliches Problem – seine allumfassende Sucht immer materiell wachsen zu wollen. Letztlich resultiert ein Gutteil der Probleme des Menschen, ob nun persönlich oder gesellschaftlich, aus dieser Sucht. Was er für sich selbst als selbstverständlich nimmt, sieht er außerhalb seiner selbst nicht so gern, und bekämpft es. Der Wille wachsen zu wollen ist bei anderen Gier, bei sich selbst Gewinn. Im Körper ist es Krebs, bei sich selbst sieht der Mensch immerwährendes Wachstum als positives Aufstreben.

Eine weitere Antwort auf die Frage nach der Unfähigkeit „des Menschen“, sein Schicksal wirkungsvoll zu gestalten, ist der Hinweis auf die eigentliche Unmöglichkeit der Ausgangsformulierung. „Der Mensch“ ist eben niemals „eins“, auch wenn die Formulierung „der Mensch“ dies suggeriert. Sondern er ist, als Individuum, ein Element der Schöpfung, und dann wieder als Gesamtkraft ein Element der Schöpfung. Die widerstreitenden Interessen der Menschheits-Individuen ergeben die Wirkrichtung der Gesamtkraft, ebenso, wie viele einzelne Vektoren einen in eine bestimmte Richtung gehenden Gesamtvektor hervorbringen.

Die geradezu sozialistische Antwort auf die nicht zu übersehende Vielheit der Wirkkräfte lautet: „Alle müssen am selben Strang ziehen! Alle Menschen werden Brüder! Dann würden wir jedes Hindernis überwinden!!“ Der Preis dafür ist selbstverständlich die Gleichschaltung, das heißt, die Annahme, es gäbe auf jede Frage genau eine Antwort – und diese müssten die Menschen, auf Linie gebracht, übernehmen. Damit einher geht aber selbstverständlich die Aufgabe der Intelligenz der menschlichen Gesellschaft, die nun einmal die Vielzahl der Meinungen, und ihr konstruktives Miteinander-Streiten, zur Grundvoraussetzung hat. Und das ist das letztlich zerstörerische Potential des Sozialismus – das Verlassen des intelligenten, oft auch schmerzhaften und kämpferischen Weges, hin zu einer „Endlösung“, die vermeintlich „allen gerecht wird“.

Die konservative Herangehensweise ist die zurückhaltende Beobachtung der unabwendbaren Tatsache der Vielheit, und die Gewissheit, dass „die Menschheit“ niemals eins sein kann, ebenso wenig wie sich das Schwarz und das Weiß des Yin und Yang (als das antike Bild für die Urkräfte und das Entstehungsprinzip der Welt) zu einem Grau vermischen lassen. Die Antwort des Konservativen, dem die „revolutionäre Selbstgewissheit“ des Sozialisten (man könnte auch sagen dessen zerstörerische Überheblichkeit) fehlt, ist: Das Prinzip muss stets das Bewahren des Guten sein, und das vorsichtige Ändern einzelner Missstände. Der Konservative wertschätzt das Prinzip der Schöpfung; es liegt im Kampf und in der Einheit von Gegensätzen (Hegel) – am besten drückt sich das für die menschliche Gesellschaft in ihrer demokratischen Verfasstheit aus; hier werden die Widersprüche nicht unterdrückt, sondern ausgedrückt, und zwar in einem gesellschaftlich geregelten und anerkannten Rahmen: Dem Parlament. Das Parlament, als „Redehaus“, ist aber zum Reden da, nicht zum Feststellen der Unmöglichkeit des Redens, schon gar nicht zum Sabotieren von Reden, etc.. (all das scheint, wo nun wieder alle „fortschrittlichen Kräfte“ an einem Strang ziehen“ sollen, vergessen … )

Überwindung der Sucht des „Mehr!“

Die weiter oben angesprochene Sucht des Menschen liegt bereits in seiner Selbstgewissheit, dass Wachstum immer gut ist. (Wenn IN DIESEM Zusammenhang von „dem Menschen“ gesprochen wird, dann mit einem gewissen Recht, ist doch der Drang materiell zu wachsen den allermeisten Menschen eigen, somit auch den Nationen eigen)

Das Selbstverständnis, die Aufgabe des Menschen sei es, materiell zu wachsen (anders ausgedrückt: einen großen Fußabdruck zu hinterlassen, die Welt zu revolutionieren, sich die Welt untertan zu machen, Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu ändern.“) – das ist eine Frage der Weltanschauung. Hier wäre der Spirealismus eine Alternative.

Zurück zur Wachstums-Sucht der Menschen und ihrer ewigen Gewissheit, dass es gut sei, so viel Platz wie möglich einzunehmen, so viel wie möglich zu konsumieren, so viel wie möglich zu haben, so viele wie möglich zu sein: Einstein formulierte einmal, in eben diesem hier behandelten Zusammenhang (es ging um die Frage der Überbevölkerung)

Ein Maximum ist kein Optimum

Wenn nun „der Mensch“ so klug wäre, wie ihm selbst dünkt, dann müsste er das irgendwann einmal begreifen. Sind wir dieser Erkenntnis nahe? Ich glaube nein.

Hat der Mensch eine Verantwortung für das Klima der Welt?

Ja. Das Gefühl, Verantwortung zu haben (selbsterklärend handelt es sich um eine Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Schöpfung), ist zutiefst konstruktiv und wichtig.

Wie gesagt: der Mensch selbst ist auch Schöpfung, er steht nicht „außerhalb“ der Schöpfung. Der Mensch bleibt ein Element der Schöpfung, und wenn er noch so sehr glaubt, sich über die Schöpfung erhoben zu haben, und nun lediglich in der Beobachterrolle, oder gar der Gestalter „seiner“ Schöpfung, zu sein.

Die (andere) Schöpfung zu lieben lässt sich somit kaum trennen von der so notwendigen Selbstliebe; die Bewahrung der Schöpfung lässt sich kaum trennen von der so ersehnten Selbstbewahrung.

Worin liegt die eigentliche Chance, die Unbewohnbarkeit der Welt abzuwenden?

Ehrlicherweise liegt die Chance der Menschheit in der Erkenntnis ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Aus europäischer Sicht wäre das gewissermaßen eine Relativierung der (heute übertriebenen) Aufklärung (gemeint ist die geistige Reformbewegung Anfang des 19. Jhds), und ihres Menschenbildes, das vom alles erkennen könnenden, alles steuern könnenden, Menschen ausgeht.

Es wäre mithin ein Zurückfinden zur Anerkenntnis der Begrenztheit der Erkenntnis und des Machbaren, zu Selbstgenügsamkeit, Bescheidenheit, Strebsamkeit, Mäßigkeit. „Alles fließt“ – also ist nichts völlig eindeutig. „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – alles derzeitige Wissen steht unter dem Vorbehalt eines neuen Wissens, das morgen kommen wird. Daher ist das (mögliche) Wissen unendlich, und das, was ich weiß, nimmt sich dem gegenüber wie ein Nichts aus.

Selbstgewissheit, Protzerei, bei gleichzeitig immer niedriger werdender gesellschaftlicher Intelligenz („Fuck ju Jöhte“) – das sind sozusagen die negativen Symptome des Patienten, und zugleich die Krankheit selbst.

Man muss realistischerweise feststellen: Der Süchtige, „der Mensch“ also, kann sich nicht von heute auf morgen aus seiner Sucht befreien (gemeint die Sucht des Wachstums, die Sucht des „Mehr!“), zumal er ja gar nicht das Gefühl hat, von seiner Sucht lassen zu müssen. Er sieht die Sucht insgeheim als positiv – somit kann er das Problem nicht einmal sehen. Wie will er es dann angehen? Anders gesagt: Wo, in welchem wichtigen Gremium, wird heute das Problem der Überbevölkerung angesprochen?

Der Mensch muss sich vielmehr ehrlich selbst betrachten. Anspruchslosigkeit, Selbstzufriedenheit, Verkennen der Tatsache, dass der Mensch IMMER in einer Art Kampf steht, dem er sich mit Fleiß und Selbstanspruch stellen muss, das sind die Feinde der Menschheit, die Feinde der Selbsterkenntnis, die Feinde der heutigen Gesellschaft. Glaubt man doch heute, man habe so viel erreicht, man sei so reich, dass es sich nun nicht mehr lohne zu kämpfen, nunmehr ginge es um Verteilen. So als gäbe es das schlichte Rezept des Sozialismus zum ersten Mal auf der Welt, und als sei es eine neue prima Idee. Und so, als habe diese Idee nicht schon viele Male Hunger und Leid und Krieg mit sich gebracht. Das sind Ignoranz und Dummheit, und man kann so etwas nur einer geschichtsvergessenen, verwahrlosten Generation erzählen.

Die Süchte des Menschen werden weiterhin ihre Wirkkraft entfalten. Was könnte sie stoppen? Das Klima wird also nicht „gerettet“ werden durch Selbstbeschränkung. Gerade die größten Klimaapostel leben es in ihrer Hybris ja vor, was Klima-Retten für sie bedeutet … schöne Reden halten, Selbstbereicherung, die Kosten anderen aufbürden.

Was die Sucht des „Mehr!“ gewissermaßen Positives in die Welt bringt, das ist der technologische Fortschritt – auch ihn könnte man als eine Art Selbsterkenntnis sehen, getrieben von der Suche, das „Mehr!“ immer effektiver zu erreichen. Technologie – das ist die zunehmende Kompetenz des Menschen, mit Problemen umzugehen.

Die eigentliche Chance des Menschen, die irgendwann drohende Unbewohnbarkeit der Erde abzuwenden, liegt schlicht in Selbsterkenntnis, d.h. dem Fortschreiten der Technologie, aber auch dem Fortschreiten der Philosophie! Denn, was ist das Fortschreiten der Technologie ohne das immer richtiger, immer realistischer werdende, Selbstbild des Menschen? Was ist die Atomkraft ohne das Bewusstsein, sie richtig anzuwenden?

Fazit: Die Ehrlichkeit des Machbaren

Als Fazit möchte ich folgendes sagen: Der Mensch ändert das Klima, mit derselben „Absicht“, wie wachsende Bäume schließlich einen Wald bilden. Würde „der Mensch“ wie eine einzige Person denken, dann müsste er sagen, dass Mäßigkeit (im Sinne von Zurückhaltung) in seinen Ansprüchen, in seiner Besiedlung der Welt, in seinem Konsum, die Antwort auf den Klimawandel ist, ohne aber die Gewissheit zu haben, diesen nun „zurückdrehen“ zu können. Denn, ebenso wie es unmöglich ist, das Wetter für ein paar Tage sicher vorherzusagen, ist es unmöglich, die Wirkungen und Zusammenhänge des Klimas sicher zu beschreiben.

Es gilt: Klugheit vor Simplifizierung; es gibt für den Menschen letztlich keinen anderen Weg als den der technologischen Überwindung der ihn in der Gesamt-Existenz bedrohenden Entwicklungen, und der philosophischen Weiterentwicklung seines Selbstbildes.

Kann „der Mensch“ also das Klima vielleicht gar nicht ändern?

Vielleicht kann er es … ein bisschen. Doch dafür bräuchte es zumindest Ehrlichkeit und Intelligenz. Nicht aber Gesinnungskontrolle, die Niveaulosigkeit verschleiern soll. Die gedankliche Eingleisigkeit des Süchtigen ist völlig ungeeignet für dessen Genesung. Die Diskussion, so wie sie geführt wird, ist vereinfacht und entkernt um die wichtigsten Fragen. Eigentlich ist sie Instrument zur Erlangung politischer Macht, dient aber nicht wirklich dem Klima oder dem Naturschutz. Habeck (Grüne): „Ich bin für Naturschutz und Energiewende verantwortlich und kann deshalb klar sagen, dass die Energiewende nicht am Naturschutz scheitern wird.“ (hier) Wie absurd. Natürlich, man kann sehen, wie, um das Lieblingsspielzeug der selbsternannten Weltretter zu installieren (ihre kathedralenhohen Windräder beispielsweise), das vernichtet wird, was sie vorgeben schützen zu wollen.

Und: Die Konservativen sollten sich das Thema des Umweltschutzes nicht aus der Hand nehmen lassen, ist doch das Bewahren der Schöpfung eigentlich ein zutiefst konservatives Thema! Statt dessen aber betätigen sich die Konservativen viel zu häufig in der Rolle der „Klimaleugner“ (schon das Wort deutet auf die behauptete Unbestreitbarkeit eines dümmlichen Postulats). Eine Rolle, die sich die Konservativen vom politischen Gegner aufoktroyieren lassen, indem sie selbst (!) die Frage „Gibt es einen menschengemachten Klimawandel?“ mit der Prämisse „Der Mensch muss den Klimawandel zurückdrehen!“ in einen Topf werfen.

Gibt es den menschengemachten Klimawandel? was last modified: Juni 7th, 2019 by Henrik Geyer

Herz der Finsternis – mein Review

Neulich las ich „Herz der Finsternis“ – ein sehr bekanntes Buch von Joseph Conrad. Ich wollte es schon immer einmal lesen; es ist ja bekannt, fast schon legendär, vielleicht auch durch den Film „Apocalypse Now“, der sich des Stoffs annimmt und in einen (Anti-)Kriegsfilm verwandelt. Der Film „Apocalypse Now“ ist mir zwar ikonenhaft in Erinnerung geblieben, mit seinen angreifenden Hubschraubern zu den Klängen des Walkürenrittes, dem gegen den Dschungel kämpfenden kleinen Militärboot, den bombastischen Feuersbrünsten etc.. Aber ich habe mich auch immer gefragt, was uns der Film eigentlich sagen will, mit seinem vom Marlon Brando gespielten Colonel Kurtz, der im Dschungel eine Art Königreich von eigenen Gnaden errichtet und nun fernab und quasi unabhängig von der Militäradministration, lebt. Er philosophiert am Ende des Films wirr-langweilig. Ist er verrückt geworden?

Insofern war ich gespannt auf das Büchlein (Büchlein: Viel mehr als ein schmales Bändchen ist es eigentlich nicht, ich war nach zwei Abenden des Lesens „durch“). Es hat auch einen mich sehr ansprechenden Titel – das Herz der Finsternis interessiert mich, denn die Finsternis ist mysteriös und spannend, als der Herkunftsort jeder Phantasie …

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Ich halte das Buch für eine philosophische Betrachtung in Form einer Erzählung. Es geht ihr im Wesentlichen um die Frage, was den Menschen ausmacht, und ob nicht die menschliche Kultur mit all ihren „Errungenschaften“, als recht dünner und brüchiger Firnis über einem unveränderlichen Wesenskern des Menschen aufgetragen ist. Dieser Wesenskern findet sich im Gentleman englischer Prägung ebenso gut, wie im Eingeborenen Afrikas. DAS ist das eigentliche Herz der Finsternis: Alles ist möglich, der Mensch ist nicht als höheres Wesen an irgendwelche kategorischen Imperative gebunden, seine hochentwickelte Gesellschaft beruht letztlich auf den selben Prinzipien von Gier, Macht und Gleichgültigkeit, die auch überall dort zu finden sind, wo diese Gesellschaft nicht ist – beispielsweise im Dschungel Afrikas.

Es war des Öfteren zu lesen, in „Herz der Finsternis“ gehe es um eine Kritik am Kolonialsystem, und der daraus folgenden Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung Afrikas. Aber das, finde ich, trifft es einfach nicht, denn die Schwarzen werden im Buch nicht als irgendwie besser dargestellt (der edle Wilde), sondern eigentlich eher als ein Abbild der Weißen, nur eben natürlicher handelnd, sich ihrer selbst weniger bewusst und damit unverfälschter seiend; sie sind sozusagen das die Finsternis im Herzen des Gentleman; ihre Urgesellschaft ist der unveränderte Wesenskern der modernen Gesellschaft.

Die Dunkelheit – wenn man so will, ist auch: Das Unbewusste. Es ist überall. Die Dunkelheit ist in uns und begleitet uns! Das Buch geht gleich los mit einer sehr phantasievollen Vision. Die Rahmenhandlung ist ja, dass vier Personen auf einem Themseschiff von London aus in Richtung Themsemündung fahren, um das offene Meer zu erreichen, und von dort aus noch weitere Fernziele. Während sie also Richtung Atlantik unterwegs sind, spricht einer davon, wie es wohl für die römischen Eroberer Englands vor 2000 Jahren gewesen sein muss, in die Region des heutigen London vorzustoßen. Und, bevor noch das Buch seine Bilder entfaltet, erahnt man, dass die Reise der Legionen auf der Themse in Richtung des wilden Kerns des für sie unentdeckten Britanniens, eine ebensolche Reise in die Finsternis gewesen sein muss, wie jene Reise ins Herz Afrikas, von der im Buch dann später die Rede ist.

Das Herz der Finsternis, es ist auch London, diese glitzernde und glänzende Stadt. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden hier Römerschädel eingeschlagen, in der überaus einleuchtenden Überzeugung, hier komme der böse Feind, und nicht etwa der Vorbote einer Hochkultur! So ist es offenbar einfach die eigene Überzeugung, die die Wahrheit so wahr macht – Wir sind im Recht! DAS hat sich am Herzen der Finsternis auch nicht geändert! Das heutige London basiert auf demselben Prinzip – nur die äußerlichen Merkmale sind scheinbar verschieden. Aber die Geschichte schreibt der Sieger und die Wahrheit ist immer seine Wahrheit, und zwar ohne(!) dass man diese Wahrheit kritisieren könnte, als eine falsche Wahrheit. Anders gesagt ist es einfach das Wesen der Wahrheit, subjektiv zu sein.

Und so, wie die römischen Legionen in das Herz der Finsternis (das heutige London ) reisten, das sich durch sie in eine andere Art von Finsternis verwandelte, so reist der Erzähler (Mr. Marlow) dann in sein Herz der Finsternis, den Dschungel des Kongo. Alles wiederholt sich. Die Reise des Mr. Marlow ist natürlich eine äußerliche, eine geographische, aber sie ist auf den zweiten Blick auch eine psychologische, in die unentdeckten innereren Welten seines eigenen Ich.

Die Erde wirkte unirdisch. Wir mögen es gewohnt sein, die hingestreckte Gestalt eines besiegten Untiers zu betrachten – hier aber sah man einem Ding ins Auge, das ungeheuerlich und frei war. Es war unirdisch, und die Menschen waren … Nein, sie waren nicht unmenschlich. Und seht ihr, das war das Schlimmste dabei – dieser Verdacht, daß sie eben nicht unmenschlich waren. Es überkam einen ganz langsam. Sie heulten und sprangen und drehten sich und schnitten furchtbare Gesichter; was einen aber peinigte, war der Gedanke an ihre Menschlichkeit, gleich der eigenen, der Gedanke, daß man mit diesem wilden und verzweifelten Aufruhr entfernt verwandt war. Fürchterlich. Ja, es war fürchterlich genug; wenn man sich aber Manns genug fühlte, dann gestand man sich ein, daß in einem selbst der Schimmer einer Antwort auf den furchtbaren Freimut des Getöses lebte; eine dunkle Ahnung, daß ein Sinn sich dahinter berge, der einem selbst, so himmelfern man der Nacht der ersten Zeiten auch war, verständlich sein könnte. Und warum nicht; Der Menschengeist ist zu allem fähig, weil er alles umfaßt, die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft. Was war schließlich das vor uns; Freude, Angst, Kummer, Ergebenheit, Tapferkeit, Wut – wer kann es sagen; – Aber Wahrheit, Wahrheit, des Zeitgewandes entkleidet.

Mr. Kurtz

Was nun den Mr. Kurtz angeht, das Ziel der Reise des Erzählers der Rahmenhandlung: Er ist Agent im Auftrag einer englischen Handelsgesellschaft, der jene Güter beschaffen soll, die die Daheimgebliebenen reich machen. Er hat sich im Dschungel des Kongo ein eigenes wildes Königreich erschaffen (eben ganz wie der Colonel Kurtz des Films „Apocalypse Now“). Sein Mittel zum Zweck: Er scheint die Ureinwohner einfach so zu nehmen, wie sie sind! Er ist derjenige, der die Fesseln der Zivilisation abstreifen kann, sich der Phrasen entledigt, und nun, mit den Mitteln der Moderne, also ihren Waffen und Technologien, aber auch dem Verständnis der Schwarzen entsprechend, selbstherrlich regiert. Den Staketenzaun vor seinem Dschungelanwesen schmücken abgeschlagene Köpfe der Eingeborenen – eine Tatsache, die ihm unter der einheimischen Bevölkerung viel Ehre einbringt. Er ist derjenige, der den Glauben an die Zivilisation über Bord geworfen hat. Tat er es, um im Dschungel zu überleben, was ihm recht erfolgreich gelingt? Oder ist er ein Philosoph, der ganz neue Erkenntnisse gewann, die er nun der Welt mitzuteilen hat? Kurtz spricht ja davon, er wolle seine „Ideen“ der Welt mitteilen – im Buch steht nicht, welche genau das sind. Und man ahnt schon, dass die Ideen des Mr. Kurtz der englischen Snobgesellschaft so gar nicht ins Konzept passen werden, wenn auch eben diese Snobgesellschaft im Kongo auf gar nichts anderes aus ist, als die Ausbeutung des Elfenbeins, also die Stoßzähne von Elefanten (würde das nicht jeder „Wilde“ genau so machen?). Oder ist Mr. Kurtz ob der „unmenschlichen“ Verhältnisse im Herzen der Finsternis (die ja eben gar nicht unmenschlich sind), einfach verrückt geworden?

Dreimal „ja“, würde ich sagen. Die Verrücktheit liegt ganz im Auge des Betrachters – zweifellos ist Kurtz, wenn er auch der englischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten hätte, vom äußerlichen Glauben abgerückt, und somit verrückt – aus der Sicht dieser Gesellschaft nicht erkennbar. Aber natürlich auf sehr funktionale Art – sein kleines Königreich funktioniert und prosperiert, und zwar auf die in England gewünschte Weise. Er ist verrückt, weil die Gesellschaft Englands an etwas anderes glaubt, als er, der den Dingen im Herzen der Finsternis auf den Grund ging. In England glaubt man, ganz anders zu sein, kultiviert natürlich – er jedoch weiß es besser.

Um Glauben geht es nun einmal, denn wie gesagt, die Wahrheit ist relativ; die Finsternis ist überall, man muss sie nur sehen können. Die Wahrheit ist das, woran man glaubt. Das allein ist ein sehr unheimlicher, finsterer Gedanke.

Grundsätze? Grundsätze genügen nicht. Die sind äußerlich angehängt wie Kleider – bunte Fetzen, die beim ersten Zupacken davonfliegen. Nein – man braucht einen ehrlichen Glauben.

Die Finsternis, das ist im Buch eine oft wiederholte Paraphrase für das Unentdeckte, das Unheimliche, das aber wohlgemerkt, eigentlich nicht in tausenden Kilometern Entfernung „lauert“, nicht nur im Herzen Afrikas. Sondern, sie ist hier, in uns, bei uns, mit uns. Eine Verbindung zur Finsternis entsteht sofort, wo die Ideen des Mr. Kurtz in den Köpfen der Menschen bewegt werden, beispielsweise wird es bei einem Gespräch des Erzählers mit der Verlobten des Mr. Kurtz finster im Zimmer, als die Rede auf den inzwischen verblichenen Kurtz kommt.

Die Finsternis ist dem Autor durchaus unheimlich, das merkt man, und auch die Metapher des Finsteren hat ja etwas Bedrückendes. Es ist fürchterlich, wenn der Mensch entdeckt, dass er dem Tierischen kaum entrückt ist, wo er doch bisher glaubte, von der Natur völlig verschieden zu sein! Die Finsternis – das sind die im Dunkeln lauernden Dämonen, die, wenn wir es recht bedenken, uns zu steuern scheinen, und die immer wieder das aus uns hervorrufen, was wir doch als „zivilisierte Menschen“ an uns partout nicht sehen wollen, und was wir strikt verleugnen!

Die Finsternis ist, so könnte man sagen, das durchaus in diese Zeit fallende Unbewusste Freuds. Diese unheimliche Entität, die uns einerseits begleitet, uns aber dennoch nicht bekannt ist – hier ist ein irrationales Paradoxon (schon wieder unheimlich): Das Unbewusste, von dem wir wissen, ist ja schon nicht mehr unbewusst!

Und die Finsternis ist überall! Sie zu sehen ist eher eine Frage der Phantasie, eine Frage der Erkenntnis auch. Das Buch endet, als die Reisenden der Rahmenhandlung die Themsemündung erreichen.

Die Mündung war von einer schwarzen Wolkenbank umlagert, und die ruhige Wasserstraße, die zu den letzten Enden der Welt führte, strömte düster, unter bedecktem Himmel dahin, wie in das Herz einer ungeheueren Finsternis.

Herz der Finsternis – mein Review was last modified: Februar 10th, 2019 by Henrik Geyer

Was hat die Ausdehnung des Universums mit Zufriedenheit zu tun?

Zunächst zum Wortverständnis: Was ist ein Universum? Das Universum ist universell alles, was man kennt. Ein anderes Wort dafür ist „das All“. Das All ist ebenfalls universell „alles“.

In einer etwas erweiterten Bedeutung kann man auch sagen: Das Universum ist alles, was es geben könnte. Und über das, „was es geben könnte“, also das Mögliche, kann man sich sehr streiten; Der Spirealismus würde keine Quantifizierung für sinnvoll halten – das, was es geben kann ist in jeder Hinsicht unendlich. Und damit nicht erkennbar. Dem Spirealismus ist das Wahrnehmen gleichzeitig ein „Erschaffen“, wodurch die Quelle der Dinge unerschöpflich ist.

Der Materialismus würde aber enge Grenzen ziehen – und hält damit das nicht Bekannte für irgendwie eingrenzbar. Ich verwende bewusst das ungenaue „irgendwie“, denn es ist eine Idee, die in den materialistischen Köpfen spukt, ohne dass das näher erklärt werden kann.

Das Mögliche ist dem Materialismus eingrenzbar, weil die Dinge seiner Systematik zufolge ja erst einmal „da sein“ (existieren) müssen, bevor man sie wahrnehmen kann. In einem begrenzten Raum können nur begrenzt viele Dinge vorhanden sein, so die Logik. Und insofern ist das Universum dem Materialismus völlig in Ordnung, solange es begrenzt ist. Es ist ihm aber suspekt wenn es unendlich ist, denn, wie viele Dinge könnten in einem unbegrenzten Universum existieren? Unendlich viele, nicht wahr? Dann wäre ja das Mögliche …. unendlich! Und das wiederum bedeutete, dass unsere für so universell gehaltenen Naturgesetze nur eine sehr begrenzte Geltung hätten: für uns! So will, oder besser kann, der Materialismus nicht denken.

Nein, der Materialismus hält nur für möglich, was mit unserer Auffassung von den Naturgesetzen konform geht. Weiterhin ist ihm nur das Beobachtbare „möglich“; d.h., als Schema für das Mögliche sieht er grundsätzlich das bereits Wahrgenommene an. Und hat dabei keinerlei Gewissensbisse, das so zu sehen, und übergeht jede tiefergehende Frage geflissentlich!

Jedenfalls erscheint dem Materialismus das, was es geben kann, das Mögliche, als sehr eingrenzbar.

Doch kommen wir zurück zur ersten Aussage: Das Universum ist universell alles, was man kennt. Mit dieser Aussage ausgerüstet, kann man folgende Aussagen treffen:

  1. Das, was jemand kennt, ist von Person zu Person unterschiedlich. Also reden wir eigentlich von vielen Universen.
  2. Das, was jemand kennt, ist sehr viel irdisches Wissen, und sehr wenig außerirdisches Wissen. Daher ist das „All“ vor allem ein irdisches All, und nicht, wie der Begriff gemeinhin umgekehrt gebraucht wird, ein außerirdisches All.

Genau so versteht der Spirealismus den Begriff des Universums: Ein Universum ist letztlich ein individuelles Ich-Universum, in denen alle Dinge vorkommen, die ein Subjekt in seiner Welt wahrnimmt. Ein Universum ist somit die Gesamtheit der Erfahrungs- und Wahrnehmungswelt eines Individuums, eines Subjektes.

Ein Subjekt im spirealistischen Sinn kann übrigens ebenso ein einzelner Mensch sein, wie ein Volk, wie auch eine „Menschheit“. Bleiben wir aber, der Einfachheit halber, beim einzelnen Menschen.

Das Universum als Modell unseres Denkens

Es ist ein verblüffender Gedanke, das Universum (gemeint ist jenes scheinbar äußerliche) nicht als den ultimativen Gegenstand der Forschung zu betrachten, sondern als ein Modell, das uns selbst die Funktionalität unseres Denkens aufzeigen kann. Aus spirealistischer Sicht liegt dieser Gedanke nahe, denn der Spirealismus hat als fundamentalen Grundsatz, dass es nichts Objektives gibt, mit anderen Worten: Es gibt nichts, das sich unabhängig vom Beobachter beobachten ließe. Dieser Grundsatz kommt auch immer in dem Satz zum Ausdruck, der Mensch sei nicht Beobachter der Schöpfung, sondern deren Element.

Wenn wir also das Universum ansehen, in seiner Unendlichkeit (?), dann kann und sollte man sich fragen, was uns dessen Eigenschaften über unser Denken verraten.

Wie immer werde ich nicht müde zu betonen, dass man dieselben Überlegungen auch in Bezug auf jeden Alltagsgegenstand anstellen könnte, und so, wie in Punkt 2 angedeutet, versteht man das Universum besser, wenn man davon ausgeht, dass es hier, direkt vor uns, und in uns, ist, und nicht in schwer fassbaren kosmischen Weiten. Die Eigenschaften des Universums lassen sich doch am besten ermessen, wenn wir die Kaffeetasse betrachten, die vor uns auf dem Tisch steht. Jedoch erscheint wohl manchem das Universum vielleicht einer neuen grundsätzlichen Überlegung wert, während ein Alltagsgegenstand dem materialistischen Denken nichts Neues zu bieten scheint.

Man sollte sich aber vor Augen führen, dass die Art und Weise Dinge zu erkennen immer die ist, von den ganz einfachen, alltäglichen Dingen, auf das Nächstkomplizierte zu schließen. Am Ende ergeben sich sehr lange Logikketten, die aber niemals ohne die primitivste Grundannahmen auskommen. Während die von uns zuletzt erschaffene Kausalität noch recht schwach zu sein scheint, werden die allerersten Grundannahmen zu geradezu unverrückbaren Ecksteinen – und sie erscheinen wie ein niemals bestreitbares Grundgesetz. Beispielsweise hält es die Chemie für gegeben, dass ein Atom, gesehen als Körper, einen Kern haben mussn, so wie eine Kirsche einen Kern hat.

Im Zusammenhang mit dem galaktischen Universum machen wir es uns nicht klar, dass all unser Schließen über Sterne, die Milliarden Lichtjahre weit entfernt sind, von der Erfahrung von Kaffetassen, Kirschkernen etc.. ausgeht. Jedoch, sich dies bewusst zu machen, ist umso mehr nötig, je mehr man sich darauf einlässt, das Universum als eine Frage des Bewusstseins zu sehen, getreu der spirealistischen Grundüberzeugung, dass die Welt (das Universum) ja niemals etwas anderes sein kann, als das, was man darin sieht – wir haben hier wieder die grundsätzliche Rückkopplung: was haben die äußerlichen Dinge mit uns selbst zu tun?

Also angenommen, wir würden verschiedene Universen definieren, aus dem, was verschiedene Leute an Objekten im Kopf haben (kennen). Dann wären wir im Prinzip wieder bei den Grund-Eigenschaften des Universums, so, wie wir es im Außen sehen, nämlich als die galaktischen Weiten.

Hierzu will ich einige fundamentale Aussagen treffen.

  1. Die Ausdehnung des Universums hängt von der Menge der darin enthaltenen Objekte ab
  2. ein Objekt gewinnt an Schärfe / Facettenreichtum, je mehr Objekte das Universum enthält
  3. Ein Universum erscheint gegenüber einem anderen nicht unvollständig, wenn es im Vergleich zum anderen weniger Objekte enthält
  4. Universen unterscheiden sich nicht nur durch die Zahl der darin sichtbaren Objekte, sondern auch durch deren Beschaffenheit. Die Objekte unterscheiden sich immer durch die perspektivisch wahrgenommenen Objektbeziehungen.

Hier einige Erläuterungen zu den Punkten

Zu 1.: Die Ausdehnung des galaktischen Universums wird im Wesentlichen durch immer größere Teleskope bestimmt (gemessen), die den „Rand“ des Universums in immer weitere Entfernung rücken. Wenn man ein Objekt, also einen Stern, in 30 Milliarden Lichtjahren Entfernung wahrnehmen kann, so muss das Universum eine Ausdehnung von 60 Milliarden Lichtjahren haben – 30 Milliarden Lichtjahre in jede Richtung. Daher dehnt sich unser wahrgenommenes Universum mit der Leistungsfähigkeit der Teleskope. Den Raum hingegen kann man nicht beobachten. Raum macht überhaupt erst Sinn, wenn Objekte darin sind.

Zu 2.: Man stelle sich vor, man hätte einen Raum, der nur ein einziges Objekt enthielte. In einem solchen Raum wären Positionsangaben und das Messen einer Länge nicht möglich. Das zeigt, dass die Definition von Eigenschaften eine Relation zwischen verschiedenen Objekten ist. Stellen wir uns das Ganze als Farbe vor. Was machte es für einen Sinn davon zu sprechen, ein Objekt sei rot, wenn man nicht andere Objekte kennte, die über diese Farbe Rot verfügen?

Und, ganz allgemein gesagt, jenseits des Abstrakten: Unser Beurteilen des Universums gewinnt offenbar an „Tiefenschärfe“ und Facettenreichtum, je genauer wir das Universum betrachten. Wir nennen es unseren wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, in der Annahme, dass die Aussagen, die wir treffen, unabhängig von unserer Beobachtung, irgendwie „vorhanden“ seien. Lassen wir das so stehen, obwohl es, aus spirealistischer Sicht, ein sehr offensichtlicher Irrtum ist.

Zu 3.: Nehmen wir einen Menschen, der sehr wenig kennt, und einen, der sehr viel kennt. Nehmen wir beispielsweise einen sehr jungen Menschen, und einen sehr alten Menschen. Hat der sehr junge Mensch den Eindruck, seine Auffassung des Alls sei irgendwie unvollständig? Keineswegs! Jeder kann bei sich selbst sehen, dass zu keinem Zeitpunkt des Lebens das, was man kennt, als „zu wenig“ erscheint, gegenüber dem, was es zu kennen gälte. Warum? Zunächst einmal, weil sich die Differenz nicht herstellen lässt. Das, was ich nicht kenne – wie soll ich es quantifizieren? Wie soll ich den Unterschied ermitteln zwischen dem, was ich kenne, und dem, was ich nicht kenne? Ganz ähnlich ergeht es uns beim galaktischen Weltall. Wer soll wissen, welche Objekte es jenseits des Ereignishorizonts gibt? Das wäre geradezu gleichbedeutend mit einem Blick in die Zukunft!

Hinzu kommen noch einige Besonderheiten des materialistischen Weltbildes. Der Materialismus fragt sich, was Unendlichkeit ist, und ob das All unendlich sei. Er stellt fest: Je tiefer man in das All hineinsieht, desto mehr erkennt man. Der Grundannahme des Materialismus, der eine objektive Welt voraussetzt, entspräche es aber, von einem „letztendlichen“ Weltall auszugehen, so, wie ihm ja jedes Ding einen Anfang und ein Ende zu  haben scheint. Doch, die Erkenntnis von etwas Letztendlichem entzieht sich dem Materialismus stets, wodurch ihm das Weltall recht paradox zu sein scheint.

Im Spirealismus wäre das anders. Der Spirealismus geht nicht davon aus, dass man Unendlichkeit beobachten könne – ihm ist Unendlichkeit gleichbedeutend mit der kreativen Unerschöpflichkeit des Geistes, und Geist ist ja überall!

Der Materialist wird also immer annehmen, dass das, was er nicht kennt, irgendwie überschaubar wäre, könnte er es nur sehen. Meist meint er sogar, er würde das allermeiste kennen, und das, was er nicht kennt, sei eher wenig … und außerdem weniger wichtig. Als das Wichtige hingegen erscheint ihm stets das, was er kennt.

Zu 4.: Es darf als unbestreitbar gelten, dass ein bestimmter Blick in das Universum eine bestimmte Wahrnehmung bedingt. Etwa führt die Radioastronomie (jene, die Signale aus dem Weltraum mit Hilfe riesiger „Satellitenschüsseln“ auffängt und zu Bildern von Sternen verarbeitet) zu anderen Sichtweisen auf das galaktische Universum, als die Himmels-Beobachtung mit Teleskopen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Wahrnehmung. Unsere Erfahrungen, unser Wissen, ist gewissermaßen das Werkzeug der Beobachtung, also das Fernrohr; und dieses ist vom Ergebnis der Beobachtung nie und nimmer zu trennen. „Unsere Annahmen bedingen, was wir beobachten können.“ (Einstein).

Also können wir sagen (und verwenden hier die Semantik materialistischer Vorstellungen, der zufolge zwei Objekte dann identisch sind, wenn sie in allen Eigenschaften völlig übereinstimmen), dass die Universen verschiedener Menschen nicht nur in der Zahl der darin enthaltenen Objekte verschieden sind, sondern auch in deren Beschaffenheit – daher handel es sich eigentlich um (im materialistischen Sinn) ganz verschiedene Universen!

Zufriedenheit und das innere „All“

Um den Zusammenhang des einzelnen Menschen, bzw. dessen Denkens, mit dem All zu erörtern, bedurfte es dieser Vorrede. Versteht man das Weltall als etwas von Menschen völlig Verschiedenes, wird dieser gesamte Text wenig Sinn machen.

Ich will nun etwas als gegeben deklarieren: Gemeinhin ist man der Auffassung, dass Zufriedenheit und Glück davon abhängen, wie man die Fülle der Welt wahrnimmt.

Meist führt diese Weltauffassung / Glücksauffassung zu einer hektischen Reisetätigkeit, damit man ja nichts verpasse.

Zur Klarstellung: Auch ich empfinde es als großes Glück, die Welt in all ihren verschiedenen Facetten wahrnehmen zu können und schillern zu sehen. Allerdings möchte ich hier die Einschränkung machen, dass es, bedenkt man das oben Genannte, sehr auf das Universum der Auffassungen ankommen, mit Hilfe dessen man neue Erfahrungen macht.

Hierzu ein Beispiel: Beobachtet man das All mit einem Erfahrungshorizont, der dem unserer Vorfahren gleichkommt, die mit unbewaffnetem Auge das Firmament wahrnahmen, werden die Auffassungen von den Dingen des Alls insgesamt wenig plastisch und sehr eindimensional erscheinen. Um in dem Bild zu bleiben: Wie eine Bühne, über die die Götter mit ihren Wagen fahren …

Noch anders gesagt: Was nützt die schönste Reise, wenn man von der Geschichte eines Landes und den vielfältigen kulturellen Querverbindungen keine Ahnung hat? Dann wird das Taj Mahal zu einem ganz schönen, weißen Gebäude. Hübsch! Der Tower of London wird zu einer eher kleinen Festung neben der Tower Bridge, u.s.w..

Der eigentliche Spaß am Leben, die Freude, ist aber ja, wie gesagt, dieses Schillernde; das Erkennen! Es sind die unendlichen Weiten der Gedanken, auch der Tagträume, des Mystischen, der Ahnungen, der Erinnerungen und Phantasien!

Insofern ist es aus spirealistischer Sicht das Ziel, durch Strebsamkeit, Lernen und Phantasien, das eigene Universum recht umfangreich und vielgestaltig zu machen. Nicht nur als Vielreiser an vielen Orten zu sein, sondern vielleicht sogar an wenigen Orten zu sein, jedoch diese Orte mit Erinnerungen, Gedankenverbindungen, Träumen, anzureichern und so zu etwas besonders Wertvollem zu machen. Und dabei immer wieder die Erfahrung zu machen: Man kann ebenso in die Weiten des galaktischen Universums hinauszoomen, wie man in den Mikrokosmos der Dinge hineinzoomen kann – Kenntnisreichtum macht es möglich. Die Erfahrung dieser Unendlichkeiten ist jeweils überwältigend, und, die Wurzeln jedes Dinges liegen in ja der Unendlichkeit!

Was hat die Ausdehnung des Universums mit Zufriedenheit zu tun? was last modified: Februar 1st, 2019 by Henrik Geyer

Frohe Weihnachten 2018!

Frohe Weihnachten 2018, euch allen!

Manchmal denke ich mit Wehmut an die Zeiten, als man sich noch über kleinere Dinge freute! Als Weihnachten noch ein einfaches Fest mit halb so vielen Geschenken und Chinaplastik war. Damals war ein Weihnachtsgeschenk doppelt so schön wie heute, denn alles ist ja relativ … Damals, als man die Weihnachtsutensilien fein säuberlich von Jahr zu Jahr aufhob und sogar vererbte, und nicht den ganzen Plunder wegschmiss und für jedes Weihnachten neu beschaffte. All diese „Traditionen“ leben in vielen von uns weiter – für uns selbst ist das wichtig. Und natürlich auch für die Kinder, die vorgelebt bekommen müssen, dass es gut ist, Werte wie Zusammenhalt und Fleiß und Phantasie nach vorn zu stellen, dass Liebe etwas sehr Konkretes ist – nicht etwa etwas Abstraktes, das mit dem Wort „alle“ oder „alles“ zusammenpassen könnte. Für die Kinder, die so etwas nicht etwa nur gesagt bekommen sollen(!), bei dissonanter Begleitung durch eine Orgie des Materiellen, durch Wegwerfen und Achtlosigkeit, was ja eigentlich eine Absage an all die vorgenannten Werte ist. Sondern, die das spüren müssen, um es glauben zu können. 

Die dunkle, stille Zeit … wie viel herrliche Vorstellungskraft und Zu-sich-Kommen in diesen längsten Tagen des Jahres liegt! Dunkelheit und Stille sind mir Synonyme für Phantasie, denn die Dunkelheit lässt das Denken frei sein von äußerlichen Eindrücken. Statt nun mit dem Bilden von Gestalt aufzuhören, als sei Denken an das Widerspiegeln äußerlicher Dinge gebunden, macht es einfach weiter, und bringt die wunderlichsten Formen hervor. Man muss nur wieder lernen, daran zu glauben, so wie in Kindertagen. Wozu? Weil ansonsten das Leben recht arm ist, und man nur das sehen kann, was in unser aller kollektivem Bewusstsein ist.

Frohe Weihnachten 2018, euch allen!

 

Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

(Erich Kästner)

 

Frohe Weihnachten 2018! was last modified: Dezember 24th, 2018 by Henrik Geyer

Sinn und Sinnlosigkeit

Sinn gibt es nicht außerhalb des Denkens

Goethe-Zitat:

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.

Johann Wolfgang von Goethe
der wohl größte deutsche Dichter
geb. 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Johann Wolfgang Goethe; gest. 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Das klingt wie nichtssagend, wie ein in sich geschlossener Kreis, wie eine Tautologie, bei der sich die Schlussfolgerung bereits in der Ausgangsfrage findet. Und doch ist es die tiefste findbare Wahrheit.

Außerhalb des Kreises, außerhalb der Tautologie, ist kein Sinn, den wir kennen können. Sinn ist der Bezug auf den Bedeutungsraum den wir kennen. Es ist der Bezug auf uns selbst.

Das erinnert an die sich in den Schwanz beißende Schlange, den Ouroboros, ein uraltes Symbol für die Welt. Die Schlange frisst, um zu sein. Was frisst sie? Sich selbst. Anders gesagt: Um zu sein muss sie sich selbst Nahrung sein. Der Sinn des Seins kommt aus dem Sein. Existenz aus der Existenz. Mehr Grund, mehr Vernunft, mehr Sinn für das Sein kann und muss es nicht geben, als eben das Sein!

Unbefriedigende Rätselhaftigkeit

Warum erscheint uns diese Weisheit als unbefriedigende Rätselhaftigkeit?

Das erscheint uns so, weil es in der materialistischen Sichtweise die Eigenschaft von Rätseln ist, dass sie gelöst werden. Denn alles, so glauben wir, habe einen Grund. Und dass es Gründe geben könnte, die dem Menschen nicht ermittelbar sind, können wir uns nicht vorstellen. Das ist ähnlich der Unendlichkeit des Weltalls – wie kann es ein Ding geben, zum Beispiel das Weltall, das zwar einen definierten Inhalt hat, aber keine Grenzen? Jedes Ding definiert sich in seiner Gesamtheit doch durch eine Grenze! Und ganz ähnlich ist uns ein Rätsel, das in sich Beginn und Ende trägt, dessen Antwort die Frage wiederholt, ein Rätsel also, das offensichtlich nicht lösbar ist, unbefriedigend. Wenn der Sinn des Lebens das Leben selbst ist, und wenn hier Ursache und Folge unauflösbar miteinander verwoben sind, erscheint uns dies nicht wie eine gültige Antwort auf eine Frage. Und dennoch ist es so.

Wir glauben eben an das Prinzip des eindeutigen Grundes, der außerhalb von uns liegen soll – so, wie wir auch an die Existenz von Objekten außerhalb von Geist glauben. Das glauben wir so sehr, dass sich der Materialismus, dessen Grundannahme eben dies ist, sich schmeichelt, die Welt erkannt zu haben, und zwar so gründlich, dass sie ihm bereits als geradezu langweilig erscheint.

Für den Spirealismus gilt das nicht, und die oben angeführte Rätselhaftigkeit versteht er als seine Grundaussage, und verweist immer wieder auf die Aussage, dass alle Rätsel ja aus uns selbst kommen. Wir selbst sind Quell und Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Wir sind nicht die Beobachter und Ergründer von Sinn, sondern Sinn Wie können wir „die Rätsel“ lösen, wenn wir selbst sie generieren? Unser Denken steckt in unseren Worten. Wenn wir von „den Rätseln“ sprechen, so klingt das wie eine abzählbare Gesamtheit. Doch wie können die Rätsel eine abzählbare Gesamtheit sein, wenn wir selbst sie hervorbringen. So lange wir da sind, müssen demnach immer neue Rätsel entstehen.

Das gleiche gilt für Sinn. Solange wir da sind, wird immer neuer Sinn generiert, immer anderer Sinn. Ganz wie das Spiel der Farben und Dinge in einem Kaleidoskop. Die Frage wie viele Male kann ein Kaleidoskop Muster erzeugen kann wird zu der Frage, wie oft ein Mensch daran zu schütteln vermag.

Während der Materialismus glaubt Rätsel seien zu nichts gut, als nur dazu, gelöst zu werden, sieht der Spirealismus sehr wohl Nutzen im Wahrnehmen der Rätselhaftigkeit. Warum? Um der Selbstentfremdung des Menschen zu begegnen. Damit sich der Mensch seiner Quelle nähern kann. Um spirituelle Macht in sich selbst zu finden. Um die Existenz Gottes wahrzunehmen – Gott als die Rätselhaftigkeit, das Irrationale. Gott als die Unendlichkeit des Nichts. Gott als unbeschreiblich und jenseits der menschlichen Vorstellung. Wer Gott wahrnehmen kann, wird umso weniger dazu neigen sich selbst zu überhöhen. Der Mensch wird im Materialismus zwar sein eigener Gott, ist aber eben dadurch umso weniger Herr seiner selbst.

Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens.

Carl Gustav Jung
Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker
* 26. Juli 1875 in Kesswil; † 6. Juni 1961 in Küsnacht

Und … Selbstfindung ist für den Spirealismus nicht lediglich etwas, das nur den einzelnen Menschen angeht, denn auch die Gesellschaft lässt sich als ein Organismus verstehen.


Kurioserweise fiel mir noch folgendes Zitat in die Hände; es tauchte auf, als ich nach dem Goethe-Zitat suchte:

Der Sinn des Lebens ist mehr als das Leben selbst.

Stefan Zweig
österreichischer Schriftsteller
geb. 28. November 1881 in Wien; gest. 23. Februar[1] 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien

Mir gefällt das Goethe-Zitat besser. Wenn da mehr Sinn wäre, als das Leben, dann wäre zu klären, was das sein soll, dieses „Mehr“. Können wir das? Natürlich nicht.

Wenn wir ein Mehr definierten, wäre es wieder Produkt unseres Selbst. Es war nicht „vorher da“, denn ohne Leben kann es keinen auf das Leben bezogenen Sinn geben. Was über das Leben zu sagen ist, ist eben nicht sagbar ohne das Leben.

Der Satz Zweigs ist für mich ein typisches Produkt der Vermischung materialistischer Weltanschauung (die Dinge existieren außerhalb des Denkens) mit spirituellem Denken.

 

 

Sinn und Sinnlosigkeit was last modified: Mai 22nd, 2018 by Henrik Geyer

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst

Es ist eine Kuriosität, dass die Menschen sich als Individuen sehen, ohne die vielfältigen Verbindungen zu bemerken, die in ihnen sind.

Was genau meine ich? Woran können wir das sehen?

Nun, an uns, zum Beispiel.

Hilfe, ich höre Stimmen!

In uns sind Stimmen – viele Menschen hören sie gar nicht. Die sogenannte „innere Stimme“ ist ihnen fremd. Daher gibt es Trainer, die den Menschen erklären, dass sie innere Stimmen haben und lernen können, auf sie zu hören.

Ich erinnere mich, dass es auch mir einmal fremd war, von einer „inneren Stimme“ zu sprechen, und die Vorstellung Stimmen im Kopf zu haben, erschreckte mich und erschien mir bedrohlich wie eine Erkrankung. Ich lernte erst, diese Dinge als normal anzusehen und die innere Stimme als etwas ganz Alltägliches und Hilfreiches wahrzunehmen. Als etwas, das einfach da ist – es ist niemandes Verdienst … Es ist aber auch eine bedauernswerte Selbstentfremdung, wenn man diese innere Stimme nicht hören kann. Es lohnt sich, auf sie zu achten.

Ich weiß noch, wie kurios es mir schließlich vorkam zu erfahren, dass viele Psychologen mit dieser inneren Stimme wenig anzufangen wissen, sie nicht kennen. Sie wollen also Patienten davon heilen (böse) Stimmen zu hören, und haben nicht die mindeste Vorstellung davon, wie das ist, so eine innere Stimme. (Ich war, wie ich in Alles ist Geist schrieb, eine Zeit lang recht involviert mit Psychiatrie und Psychologen, denn mein Sohn hatte eine psychische Erkrankung)

Schweigen über das Selbst

Da übrigens die Menschen über ihre innersten Vorstellungen kaum reden, ist es fast ein geheimes Wissen, wie selbstentfremdet die Menschen heutzutage sind. Sie beurteilen sich und andere demgemäß, was sie sich in einer Art unehrlichem Smalltalk gegenseitig über „vernünftiges Denken“ erzählen. Auch Allernächsten wird nur ganz selten das Innerste offenbart; meist jedoch wollen die Menschen als irgendetwas erscheinen.

Insofern ist das Unwissen über die Mächte des Inneren sehr groß, obwohl doch der Mensch stets meint, sich in sich selbst sehr gut auszukennen. So entsteht das Bild des unheimlichen „Es“, eines Gedanken-Ungeheuers, das im Keller des Ich einer geheimnisvollen Denk-Tätigkeit nachgeht, und sich erfrecht Gedanken zu denken, die einerseits ganz tierisch und grob sind, uns andererseits nicht gerade unbekannt. Wir haben einige Mühe, sie in unser Selbstbild, das vom oben genannten unehrlichen Smalltalk geprägt ist, zu integrieren.

Statt offen zu sein für das, was sie in sich finden, haben die Menschen ein eher heiliges Bild von sich selbst, das sie nach Außen transportieren wollen. Andere sollen ja nicht (über sie) denken, dass …

Der Smalltalk erleichtert die illusorische Integrität des Selbstbildes; man führt tagein tagaus seltsam seichte Konversationen, um nur ja nicht das zu berühren, das man doch mit Fug und Recht eigentlich als das Wichtigste sehen könnte – die Art und Weise wie man Dinge sieht; und wie man schließlich und endlich sich selbst und andere wahrnimmt …

Nur einmal angenommen, die Menschen würden mit dem Smalltalk aufhören und anfangen offene Gespräche zu führen, so würden sie sich ihres Scheins entblößen; sie stünden sie da wie der Kaiser ohne Kleider. Man könnte das Lächerlichste sehen. Die geheimen Gedanken, die Dummheiten, die oft unanständige innere Stimme …

Man stelle sich das vor … auch bei den Mächtigen, den Regierenden, die, entkleidet ihres Pompes, nur als das erscheinen könnten was in ihnen ist. Dann ginge es um kluge Gedanken, so aber geht es um Floskeln.

Es wäre es eine große Erleichterung, zu erfahren, wie alltäglich all die inneren Welten sind, wie normal. Was im Außen geschieht käme uns weit weniger unvorhersehbar vor, gäbe es eine Kultur der Ehrlichkeit. Andererseits hätten Moral-Scharlatane, wie sie heutzutage Konjunktur haben, geringe Chancen.

Aber, eine solche Offenheit ist natürlich reine Theorie.

Ich glaube jedoch, dass hierin die Chance der Menschheit liegt, sich weiterzuentwickeln. Sie fände, was sie angeblich so lange sucht: die Möglichkeit eins zu werden, bis zu einem gewissen Grad. Denn die Chance der Menschheit auf Frieden muss in Selbsterkenntnis liegen … worin sonst? Schließlich liegt alles (beeinflussbare) Ungemach des Menschen seiner Quelle nach in ihm selbst.

Wahre Selbsterkenntnis aber ist dem Wesen nach nicht angenehm. Selbsterkenntnis ent – täuscht – d.h.: Ihr Wesen ist, Täuschungen über das Selbst aufzuheben. Die dafür nötige Offenheit erzeugt unangenehm-angreifbare Nacktheit. Die Täuschung des geliebten heiligen Selbstbildes wird zerstört. Wer glaubt, so etwas sei ein Fest, der irrt. Jedoch befreit es.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Indem wir etwas beim Namen nennen, verliert es an Macht

Indem wir etwas beim Namen nennen,
verliert es an Macht über uns.

Hermann Bahr
österreichischer Schriftsteller und Kritiker
geb. 19. Juli 1863 in Linz; gest. 15. Januar 1934 in München, lebte 71 Jahre.

Wessen Stimme ist das?

Merkwürdig genug ist so eine innere Stimme ja, denkt man sich den Menschen als Eines. Mit wem spricht man da? Mit sich selbst, natürlich, aber zu welchem Zweck? Welche zwei Meinungen will man da einholen, wenn es doch nur einer ist, der spricht? Wie kann Eins zu Zwei werden?

Die Antwort ist: Es ist von Anfang an nicht Einer. Das ist nur, wie wir uns sehen – im Großen als voneinander völlig getrennte Individuen, und das Individuum wiederum als einen Geist, der getrennt von einem vielgliedrigen Körper ist.

Allein schon die vorausgesetze Trennung von Geist und Körper ist ein kaum nachvollziehbarer Kunstgriff der materialistischen Weltsicht – sie muss wohl sein, wenn man einmal Geist und Materie als voneinander strikt getrennt definiert. Heben wir diese Trennung einmal gedanklich auf, denken wir also spirealistisch, dann haben wir den ganzheitlichen Menschen vor uns. Ein Körper, der Geist ist, und dessen ganzes Sein in diesem Körper zum Ausdruck kommt. Der Körper als Bild des geistigen Seins. Sehen wir also unseren Körper an, so besteht er aus vielen Teilen, die jeder für sich auch Bedürfnisse haben, die sich wohl fühlen können, oder auch nicht; Teile, die leben wollen, es aber nicht einzeln können. Sie benötigen die Verbindung dazu, den Staat … dessen Bild der Körper ist.

Das ist der Mensch – das ist das Ganze; es besteht aus Vielem. In uns ist Vieles. Wir können es nicht im Einzelnen benennen (oder können wir es doch benennen? Neulich sagte mein kleiner Sohn, als ich ihn fragte, ob er noch Hunger habe, sein Bauch sage ihm „nein“ …), aber, das ist der Ursprung der „inneren Stimme“. Es sind eigentlich Stimmen (Mehrzahl).

Gehorchen uns (dem Ganzen) diese Stimmen? Oder ist es umgekehrt  – gehorcht das Ganze den Stimmen? Das ist wohl eine Frage der Sichtweise. Üblich ist, dass sich das Ich als Eins sieht und es den Widerstreit der Vielstimmigkeit als Ausdruck des eigenen freien Willens interpretiert. Schließlich entstammt der Vielstimmigkeit dann jeweils ein Entschluss … ein einziger. Und das Ich sieht sich als eins.

Doch es lässt sich auch anders denken: Das Ich als Sprachrohr der Vielheit, d.h. der vielen Einzelinteressen.

So gesehen macht auch Nietzsches „Es denkt“ mehr Sinn: nämlich als innere Stimme (Denken), die ohne eine Absicht, die das Ich vereinnahmend als „meine Absicht“ bezeichnen könnte, spricht.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Es denkt

Es denkt.

Friedrich Nietzsche
deutscher klassischer Philologe und Philosoph
geb. 15. Oktober 1844 in Röcken; gest. 25. August 1900 in Weimar, lebte 56 Jahre.

 

Zusatz

Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht lediglich als deren Beobachter. Alles Grundsätzliche des Außen findet er in sich. Daher auch kann man die vielfältigen Verbindungen, die der Mensch gewohnt ist im Äußerlichen zu sehen oder herzustellen, auch in sich selbst finden.

Sich aber als getrennt von der Schöpfung zu sehen, als Geist innerhalb toter Materie, DAS ist die täuschende Welt der zehntausend Namen.

Als Grundsatz des Spirealismus erwähnte ich auch des Öfteren, das Eine könne nicht das Andere sein. Das ist, bezogen auf den Menschen, das Prinzip der Individualität. Das Eine könne aber auch nicht ohne das Andere sein – das ist das (uns rätselhafte) Prinzip der allgegenwärtigen Verbindung, die mindestens ebenso Wirklichkeit in unserem Sein hat, wie das Erstgenannte. In uns selbst spüren wir das. In uns sind Viele.

Aus Vielem wird immer wieder Eins – das ist, wieder bezogen auf das menschliche Subjekt, Supersubjektivität. Betrachtet sich das Eine (das Subjekt) genauer, stellt es fest, aus Vielem zu bestehen – das ist Subsubjektivität.

Subsubjektivität ist einfach ein Wort für die spirealistische Gewissheit, dass im Einzelnen, aus dem jedes Ganze (auch der Mensch) besteht, jeweils ein subjektiver Wille herrscht. Subsubjektivität ist ebensowenig „objektiv“ zu umreißen wie Supersubjektivität.

 

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst was last modified: Januar 22nd, 2018 by Henrik Geyer

Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz

Kontingenz ist ein philosophischer Begriff, der die Nicht-Notwendigkeit des Vorhandenen charakterisiert, und andererseits die Möglichkeit von Allem. Kontingenz (griech., „etwas, was möglich ist“). Wie kommen Philosophen auf so etwas – und was bewirkt es? Ist denn das Sein nicht begrenzt auf das, was wir vor uns sehen?


Kontingenz ist ein Gegenbegriff zu jenem Denken, das die Möglichkeiten der Natur als eng begrenzt sieht, als einschränkbar auf das, was das (menschliche) Denken wahrnehmen kann.

Kontingenz ist der Gegenbegriff zu Alternativlosigkeit – jenem Denken in angeblichen Unabdingbarkeiten, in Notwendigkeiten etc..

Kontingenz ist eine schwer fassbare, aber deshalb nicht weniger zutreffende Weltauffassung. Es handelt sich dabei nicht um etwas ganz Abstraktes, sondern wir begegnen dem Unterschied der Begriffs-Welten in vielen Themen der Gegenwart. Im ganz Alltäglichen ist der Unterschied zwischen jenen, die auf Grund ihrer Weltsicht alles für möglich halten, und jenen, die in der Natur enge Grenzen des Möglichen vermuten, sehr sichtbar und geht in die einfachsten Begriffe ein.

Die Vertreter der Alternativlosigkeit können es sich beispielsweise schon nicht so recht vorstellen, dass es eine vernünftige Vernunft jenseits der eigenen geben kann. Man denke an das Wort „postfaktisch“: die „Fakten“ sind im eigenen Besitz; jene aber, die eine Gegenposition zur eigenen Position einnehmen, werden als „jenseits von Fakten“ imaginiert.

Oder, dass sich ein (gesellschaftlicher) Zustand leicht wandeln kann, zum Beispiel von Reichtum zu Armut, von Frieden zu Krieg, von Freiheit zu Unterdrückung. Sie glauben im Sein stets eine sichere Bank zu haben, gleich einem unwandelbaren Objekt. Das Sein betrachten sie als starr und statisch – und sich selbst als im Besitz des besten Begriffes davon.

Während also das Denken in Unbedingtheiten stets im Objekthaften verharrt, der Mensch sei so und so, die Gesellschaft sei so und so (und nicht anders denkbar), ist Kontingenz verbunden mit der Vorstellung einer Welt, die im Flusse ist; durch den menschlichen Geist letztlich als Objekt unfassbar, denn sie ist in jedem Moment des Begreifens ein wenig anders. Und – wenn sie kaum fassbar ist, so ist damit auch eine Vorstellung eines Unwissens über ihre Möglichkeiten verbunden.

Spruchbild, Bildspruch: Es ist unmöglich zweimal in denselben Fluss zu springen

Dazu im Gegensatz meint der Vertreter des Objekthaften stets, die Objekte seiner Anschauungen seien nicht anders auffassbar, als in der eigenen Perspektive. Auch auf die Zukunft projeziert er seine Überzeugungen – die Zukunft könne sich nur zwischen den Zuständen A und B abspielen, meint er.

Aus dem Wissen um das prinzipielle Wesen der Zukunft leitet der statisch Denkende beispielsweise ab, der Mensch würde sich vom Niederen zum Höheren entwickeln. Seine Zukunft, das könne nicht anders sein, sei die einer weltumspannenden Einigkeit, eines End-Glücks ohne Widersprüche. Dass der Mensch die Widersprüche, und damit Streit und Krieg, selbst generiert, wie ein ewig drehender Dynamo, will dem Vertreter der Unbedingtheiten nicht so recht einleuchten. Er sieht den Menschen als getrennt von der Welt, als geniehaften Beobachter. Die Welt, so meint er, würde vom Menschen lediglich klug analysiert und gestaltet, und betreut wie ein alter Opi.

Und, noch eins: Weil selbstverständlich keine Sekunde zu verlieren ist, die Welt ihrem glücklichen Schicksal zuzuführen, findet man im Lager der Verabsolutierer viele Revolutionäre, Heilsbringer und Weltverbesserer. Sie sehen sich als Katalysatoren des Weltglücks – einer ihrer Auffassung nach unvermeidlichen Entwicklung, wodurch sie sich auf Seiten einer natürlichen Gesetzmäßigkeit wähnen. Die Menschheit, so meinen sie, werde ihnen Dank wissen, ist erst der glückliche Endzustand erreicht.

Doch sind sie es meist selbst, die die Welt verheeren mit ihren vielversprechenden Ideen. Diese Ideen wirken verschieden, sind es aber im Wesen gar nicht. Es geht immer um die Erlösung des Menschen durch ein großes Glück in Einigkeit … ein festes und dauerhaftes Glück sozusagen – so statisch wie das Denken jener, die an es glauben.

Denken wir an den Dreißigjährigen Krieg, der um den rechten Glauben (Katholizismus an Stelle des aufkommenden Reformgedankens) geführt wurde. Und damit um die „richtige“ Erlösung. Denken wir überhaupt an sogenannte „Glaubenskriege“ (geht es denn nicht immer um Glauben?). Denken wir an die große chinesische Hungersnot, die ausbrach, weil die chinesische kommunistische Regierung die Landwirtschaft ihrem Glauben gemäß umbauen wollte; sie kostete viele Millionen das Leben. Denken wir an die Gulags Stalins – das waren Säuberungen im Namen des großen sozialistischen Gedankens, der alle Menschen als potentielle Brüder sieht. Wer wohl konnte gegen dieses Große Glück sein? Derjenige musste in den Gulag! Denken wir an den Zweiten Weltkrieg, den Hitler sich zu führen traute, denn er wollte die Deutschen ihrem dauerhaften Glück und ihrer Erlösung zuzuführen – wieder liegt die Erlösung in der uneingeschränkten Gültigkeit der Ideologie, respektive ihrer Weltherrschaft. Denken wir an die Roten Khmer, die einmal mehr die Welt mit der altbekannten Erlösungsideologie beglückten, welche natürlich wieder,  für den Moment, die „harte Hand“ nötig machte.


Der Spirealismus ist eine Philosophie, die den Menschen als endlich im Unendlichen sieht. Das Endliche seiner Gedanken, das ist das menschliche Sein. Die Unendlichkeit dessen, was nicht in seinen Gedanken ist, die Unendlichkeit des Möglichen also, ist ihm das Nichts, oder auch die „Nichtexistenz“.

Doch, was weiß er über das Nichts? Nichts. Nur innerhalb seiner paradoxen materialistischen Weltanschauung will es ihm scheinen, als verfüge er über die  Möglichkeit, das Nichts einzugrenzen, in dem er es verdinglicht, zu dem Nichts.

Aus der Sichtweise des Spirealismus folgt Kontingenz – die Möglichkeit von allem, die Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden, als völlig normale und logische Konsequenz. Statisches Denken ist ihm fremd.

Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz was last modified: Januar 24th, 2018 by Henrik Geyer

Du bist nicht eins mit der Welt

Du bist nicht eins mit der Welt – und musst es auch nicht sein.

Die Welt – das sind Viele und Vieles. Vieles, das sich unterscheidet, so wie du dich unterscheidest von allem anderen. Das ist das kosmische Grundgesetz: Das Eine kann nicht das Andere sein. Das Eine kann nicht ohne das Andere sein.

Das Eine kann nicht das Andere sein bedeutet, dass es nicht zwei gäbe, wenn alles gleich wäre.

Und, das Eine kann auch nicht ohne das Andere sein, aus demselben Grund: sonst könnte es nicht zwei Dinge geben. Das Eine definiert das Andere. Ohne Zwei keine Eins, ohne Eins keine Zwei.

Übereinstimmung zu suchen ist eine Sache. Aber, Grenzen zu definieren ist die andere Sache – beides gehört zusammen. Die eine Seite des Prinzips ist nicht besser oder schlechter als die andere.

Viele Menschen suchen die Einheit. Sie wollen unbedingt passen, sie wollen übereinstimmen, sie wollen Gleichheit und Einheit mit der Welt. Es gibt für diese Einheit viele schöne Worte und Namen. Worte, die zu Ideologien wurden, und zum Unglück für Viele. Denn sie hörten auf, an sich zu denken und daran, dass sie immer noch ganz eigene Gedanken haben. Dass sie ganz eigene Gedanken haben dürfen, und ganz eigene Gedanken haben müssen.

Viele Menschen leiden sehr darunter, dass sie einfach nicht zu dem passen können, was sie für die eine und einzige Realität halten. Und dass, aus ihrer Sicht, umgekehrt, vieles Äußerliche einfach nicht passen will, nicht dazugehören will. Dass sich das Viele der Einheit(lichkeit) entzieht, die ihnen doch als das einzig Vernünftige erscheint. Warum ist das so? Wieder: weil es nicht anders kann – das Viele muss verschieden sein! Wo oder was wäre sonst die Welt?

Wenn du das kosmische Prinzip verstehst, dann ist der (schöne?) Traum von der Einheit der Welt dahin. Dafür aber verspürst du etwas Besseres und viel Stärkeres: Ein Verständnis für die kosmische Ordnung. Wenn du die Einheit in Gott suchst – das ist sie; sie liegt in deiner Individualität. Wenn du die Verbindung zum Unendlichen suchst – das ist sie; sie liegt in deiner Endlichkeit.

Das ist die Einheit die du wirklich suchst, sie liegt in diesem Verständnis.

Du bist nicht eins mit der Welt was last modified: Januar 27th, 2018 by Henrik Geyer

Schrödingers Katze und ein Knacken im Wald

Öfters formulierte ich, dass die Welt, ob nun im Kleinsten oder Größten, stets den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Insofern, fest an diesen Grundsatz glaubend, wunderte es mich zuerst, warum in der Quantenphysik so andere Zustände herrschen sollten, als in der Normalwelt, so dass die Quantenphysiker sich beispielsweise darüber wundern, dass sich anstelle fester Objekte im Bereich des infinitesimal Kleinsten lediglich Wahrscheinlichkeiten finden lassen.

Später begriff ich, dass in der Quantenphysik gar keine anderen Zustände herrschen, sondern dass unser Begreifen der „normalen Realität“, also, wenn man so will der „Makrowelt“, auf wundersame Weise „schräg“ ist. Beispielsweise wenn wir selbstverständlich voraussetzen, wir beobachteten feste Objekte in einem Außen, die in Zeit und Raum schweben und riefen von diesen Objekten Informationen ab. Den Unterschied zwischen der Wahrnehmung dieser Objekte, und den Objekten selbst, können wir aber beim besten Willen nicht ziehen – wie auch, die Wahrnehmung, letztlich der Gedanke, ist es schließlich, der uns überhaupt Kunde gibt von der Existenz eines Objektes.

Wir haben, in der allgegenwärtigen materialistischen Weltanschauung, ein flaches Bild des Kosmos der Wahrnehmung. Wir sehen nicht die Wunder des Geistes, der in Wirklichkeit kreativ ist, auch im Hervorbringen von Dingen. Wir glauben, wir hingen ab von einer festen Welt des Außen, und wir sehen nicht, dass unsere Untersuchungen der festen Außenwelt diese erst erschaffen.

Um das sehen zu können benötigt man andere Denkvoraussetzungen. Wir sind mit der materialistischen Weltanschauung in tausenderlei Widersprüchen gefangen, nicht nur in der Quantenphysik. Wie gesagt, das ist eigentlich auch im Alltag sichtbar, und viele meiner Beiträge drehen sich darum.

Schrödingers Katze

Ein Beispiel hierfür soll in diesem Artikel gegeben werden. Es geht mir darum darzustellen, dass ein Gedankenversuch wie „Schrödingers Katze“ eigentlich eine Normalität auch in der Makrowelt hat. Während man gemeinhin zu begründen sucht, man könne die Verhältnisse der hochkomplizierten atomphysikalischen Betrachtungen nicht nicht in die Makrowelt übertragen … frage ich umgekehrt. Warum denn, so die Frage, soll sich kein grundlegendes Schema finden lassen, das hier wie dort Gültigkeit hat, und uns ggf. mehr und Fundamentaleres klar machen kann über unser Weltverstehen, als die Beobachtung des Zeigers an einem Geigerzähler?

Der Gedankenversuch wie „Schrödingers Katze“ dreht sich um den Zustand einer Katze (lebt sie, ist sie tot?), die sich in einer Box befindet. Ihr Zustand hängt ab von dem Zustand eines kleinsten Teilchens, das, als eine Art Relais, eine Kettenreaktion auslöst (Giftgas wird freigesetzt), die zum Tod der Katze führen muss, wenn der Schalter, wenn das Relais, „betätigt“ wird. OB es zur Kettenreaktion kommt oder nicht, hängt wie gesagt von einem Atomteilchen ab, das beim Zerfall eines Atoms als radioaktive Strahlung abgegeben wird. Der Aufenthaltsort des Teilchens wird bestimmt durch einen Geigerzähler, der das Teilchen misst oder nicht misst. Teilchen vor Ort, in der Messapparatur bedeutet also: Giftgas wird freigesetzt, und das bedeutet den Tod der armen Katze.

Das Wundersame dieses Vorganges ist, und das wollte Schrödinger zeigen, dass man in der Quantenphysik voraussetzt, dass sich kleinste Teilchen in einer Art Wahrscheinlichkeitsraum „aufhalten“, der lediglich die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Zustandes (Ortes) enthält, nicht aber gleichzusetzen ist, mit einem „richtigen“, bestimmten Zustand.

Nebenbemerkung: Der Begriff Wahrscheinlichkeitsraum dehnt den Begriff Existenz, denn man würde normalerweise sagen, dass ein Objekt, dass sich an keinem bestimmten Ort befindet, auch nicht „da“ ist. Oder umgekehrt: Es ist unsere sichere Vorstellung, dass ein „richtiges“ Objekt auch an einem Ort sein müsse. Es muss durch Raum und Zeit definiert sein.

Ein bestimmter Zustand hingegen wird in der Sichtweise der Quantenphysik erst hergestellt durch die Beobachtung des Teilchens – beispielsweise, indem der Mensch irgendwann auf den Geigerzähler schaut und feststellt, ob ein Teilchen gemessen wurde oder nicht. Und dass er nun sieht, ob die Katze tot ist, oder lebt.

Und die Schrödingersche Frage ist natürlich: War die Katze nun, ebenso wie das Teilchen, Teil eines Wahrscheinlichkeitsraumes?

Die Verhältnisse der Mikrowelt werden übersetzt in die Makrowelt, und der „Übersetzer“ ist der Geigerzähler. So wird ein Paradox offenbar, ein Paradox der materialistischen Denkwelt. Dass sich ETWAS (die Katze) in einem Wahrscheinlichkeitsraum befindet, bis ein Mensch seinen Geist darauf wendet, das wird im Materialismus als unmöglich angesehen, dem Materie und Geist getrennt sind.

Die Katze kann entweder leben oder sie kann tot sein, meinen wir, nicht beides in einem Wahrscheinlichkeitsraum. Sie kann sich nicht in einem Schwebezustand befinden.

Kosmos unserer Wahrnehmung

Nun sagte ich ja, dass die Quantenwelt im Grunde nicht anders sei, als die „normale“ Welt. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Normalwelt nur anders denken.

Die Quintessenz des Schrödinger Experimentes ist die Vorstellung, dass etwas in die Existenz kommen könnte, durch den Gedanken daran – was der Materialist sofort als Unsinn bezeichnet. Denn Gedanken, so meint er, hätten ja keine direkte Verbindung zur Materie, dem Inbegriff von Existenz. Lieber wird das verschwurbelt mit einem Wahrscheinlichkeitsraum.  Der Wahrscheinlichkeitsraum erlaubt es zu denken, dass das Objekt in irgendeiner Form bereits existierte und nun nur weiterexistiert, und dass man seine Eigenschaft nur bestimmen müsse. Diese würden sich, merkwürdigerweise, nur als ein beginnender Anschein von Wahrheit, als eine Wahrscheinlichkeit, ausdrücken, und nicht, wie es sich für ein richtiges „Ding“ gehört, als Ding mit festen Eigenschaften. Möglicherweise, sagt man sich, ist da „nur“ eine verbogene Wahrnehmung im Spiel.

Jedoch ist dieses In-die-Existenz-Kommen das, was das Schrödinger-Gedankenexperiment ausdrückt – mindestens kommt eine Information in die Existenz, die vorher nicht „da“ war. Und nun ist da wieder die alte philosophische Frage: was ist der Unterschied zwischen einem Objekt und dem Gedanken daran, zwischen einer Information „von“ einem Objekt und dem Objekt selbst? Die Frage ist nicht beantwortbar. Aber es bleiben mindestens zwei Denkmöglichkeiten offen, eine davon ist die verschwurbelte, die andere die spirealistische: Es gibt keinen Unterschied. Ein Objekt ist der Gedanke an ein Objekt. Und Informationen, können in die Existenz kommen, durch einen Gedanken. Informationen? Auch Dinge? Ja, auch Dinge. Denn, wie gesagt, Dinge und Informationen „von“ Dingen – wo ist der Unterschied?

Wie kann Geist Dinge erschaffen?

Wie kann man Dinge erschaffen, nur mit Geist? Kann ich dafür ein Beispiel nennen? Nun, ich denke, ja! Im Grunde könnte ich endlos Beispiele aufzählen, denn es ist ganz alltäglich, es ist nur eine Frage der Sichtweise ob wir das sehen können. Eine Frage der Philosophie. Denken wir einmal nicht: „Wie kann es sein, dass Beobachtung, das Bewusstsein, in die materielle Welt eingreift, und dass Bewusstsein Dinge erschafft?“ Sondern sehen wir das umgekehrt. Sehen wir es als selbstverständliches Prinzip! Natürlich kann Bewusstsein Dinge erschaffen! Tun wir es denn nicht ständig? Haben wir denn nicht das Atom erschaffen? Gäbe es das Atom, ohne Menschen? Wer sagt, alles müsse einen festen Kern haben, wenn nicht der Mensch? Wer teilt die Welt ein in Stoff (Materie) und Gedanken an Stoff (Geist)? Wer wieder unterteilt den Stoff in einhundertundXXX Elemente, macht daraus eine Tabelle und sieht die Tabelle als „die Realität“ an? Wir sind das. Und … was wiederum wäre das Teilchen eines Atoms, von dem im Schrödinger-Gedankenexperiment die Rede ist, wenn es das Atom nicht gäbe? Hängt also demzufolge denn nicht das gemessene Atomteilchen, und auch Leben und Tod der Katze, von einer Denkvoraussetzung der Antike ab (das Atom)?

Oder, sehen wir einen Entscheidungsprozess unter diesem Aspekt. Wir haben eine Unendlichkeit von Handlungsmöglichkeiten vor uns, die sich mindestens im Infinitesimalen unterscheiden. Unser flinker Geist macht daraus ein Rennen zwischen wenigen Möglichkeiten. Schon hier hat sich etwas materialisiert. Doch weiter: Unsere Entscheidung zwischen Alternative A und Alternative B ist, wenn man so will, der Wahrscheinlichkeitsraum. Keine der Alternativen kommt mit einer Notwendigkeit zu Stande. Man könnte sagen: zufällig. Wie im Schrödinger-Versuch: Erst die Beobachtung lässt die Realität gerinnen. Wir selbst sind darin der Würfel, wir selbst sind das unvorhersehbare Element, das Atomteilchen des Schrödinger-Versuchs. Unbesehen der Tatsache, dass wir natürlich immer gute Gründe anführen, warum wir dies so entschieden haben, und jenes anders – mit dem Unterton: das hätte ja vernünftigerweise nicht anders sein können. Aber, sehen wir es einmal so: Unsere Gründe sind Teil der Kreation. Denn letztlich ist uns im Vorhinein ja nicht bekannt, was wir tun werden. Oder etwa doch? Nein, weil uns ja auch nicht bekannt ist, was aus unseren Handlungen folgt. Daher die Ungewissheit, daher die Notwendigkeit einer Entscheidung. Da ist eine Zufälligkeit. Oder etwa nicht? Erst die Beobachtung macht daraus das Feste.

Und nun: Eine Entscheidung erfolgt, etwas materialisiert sich. Wie im Schrödinger-Versuch: Wir beobachten (an uns) etwas. Die Würfel sind gefallen, der Zeiger des Geigerzählers hat ausgeschlagen. Aus Geist wurde Materie. Und kurioserweise wird das, was doch eigentlich eben noch in einem Schwebezustand der Ungewissheit war, nun als „fest und nicht anders denkbar“ angesehen, so als ginge die Gegenwart in einem festen Bezugssystem aus der Vergangenheit hervor. So, als hinge der Geist ab von einer festen (materiellen) Wirklichkeit, die er nur „ganz objektiv“ betrachten könne, „vernünftigerweise“ auf nur eine einzige Art. Dabei kommt diese Realität doch, wie wir gesehen haben, selbst aus Geist, und ist keineswegs mit irgendetwas Festem verknüpft! Sie kommt aus dem Zufall (denn eine Wahrscheinlichkeit ist ja auch Zufall) – und sie bleibt darin. Die Realität wabert und verflüssigt sich. In uns, im Geist, wird sie für einen Moment fest.

Man muss das sehen können. Statt dessen sehen wir die Welt als verschieden von uns, als getrennt; sehen sie als fest und ausgestattet mit einer Notwendigkeit der Existenz. Wir selbst seien unbestechliche Beobachter, meinen wir, die durch Klugheit und Brillianz die Welt auf die einzig mögliche Art betrachteten. Alles andere sei dumm. Anders als wir, meinen wir, könne man die Welt nicht sehen, und wir bemerken nicht einmal, dass „wir“ gar keinen einheitlichen Blick haben, sondern dass in jedem Einzelnen von uns, „die Welt“ etwas anderes ist.

Man beobachte, wie sich diese kuriose Sichtweise der Festigkeit im Alltag ausdrückt, wie sie von vielen Menschen ausgesprochen wird. Wir kennen das schöne Wort von einer „Alternativlosigkeit“.

Noch ein weiteres Gedankenspiel: Nachdem nun also die Entscheidung des vorigen Beispiels gefallen ist, betrachten wir „die Realität“ wie fest. Aber das ist sie nicht. Wir können den „Wahrscheinlichkeitsraum“ in Bezug auf die vermeintlich feste Realität jederzeit öffnen. Man denke sich unser Streiten um das, was denn eigentlich die Realität sei, unter diesem Aspekt. Der eine sieht „die Realität“ so, der andere sieht „die Realität“ anders. Man diskutiert, man streitet, meist, weil man zu irgendeiner Entscheidung kommen will, z.B. in der Politik. Was ist nun „die Realität“? Ist sie das, was der eine Mensch sagt, oder das, was der andere Mensch sagt? Ist sie das, was nicht gesagt wird – ist sie das, was ein Hund denkt? Ist das, was vielleicht als Streitkonsens erreicht wird, „die“ Realität? Kann man sehen, welche Zufälligkeit darin liegt, dass sich schließlich eine ganz bestimmte Sichtweise der Realität herauskristallisiert? Eine Sichtweise IN UNS? Welche Phantasie darin liegt, welche Zufälligkeit, welche Nicht-Notwendigkeit, welche Unbestimmtheit? Kann man sehen, wie die Realität immer und immer wieder erst gerinnen muss, durch den Gedanken an sie? Kann man sehen, wie wir selbst das vollbringen, nicht durch eine kluge Geistesleistung, sondern einfach, indem wir schauen? Kann man sehen wie sich die Realität, quasi „hinter unserem Rücken“, wieder auflöst, verschwimmt, und in einen Wahrscheinlichkeitsraum eintritt?

 

Spirealistisch gesehen ist der Mensch Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter. Das bedeutet: er erschafft, während er glaubt etwas Äußerliches, von seinem Geist Unabhängiges, zu beobachten. Denn in der Beobachtung trifft Geist auf Geist – alles ist Geist.

Existenz und Wahrnehmung

Dass Existenz durch Gedanken entsteht hält man jedenfalls in der materialistischen Weltanschauung für unmöglich. Doch das ist es nicht. Der Spirealismus setzt dies im Gegenteil voraus (SpiRealismus – der Gedanke an eine Realität ist die Realität selbst), und ich denke, dass die Wahrheit dieser Aussage im Grunde durch jeden beobachtbar ist.

Zurück zu Schrödingers Katze. Wir sind, was dieses Experiment angeht, in keinem anderen Kosmos, sondern immer noch im Kosmos unserer Wahrnehmung. Und nun, dasselbe Experiment, seines wissenschaftlichen Mantels ein wenig entkleidet (denn eigentlich muss das Schicksal der Katze ja nicht von einem Atomteilchen abhängen, ein Würfel beispielsweise täte es auch). Das Schicksal der Katze in einem normalen, makroskopischen Kontext: Nehmen wir an, die Katze befände sich im Wald, und wir wüssten nicht, ob sie noch lebt, oder von einem anderen Tier gerissen wurde. Sie befindet sich für uns in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod – einem Schwebezustand der Wahrscheinlichkeit könnte man in Anlehnung an die Quantenphysik sagen. Ein Wahrscheinlichkeitsraum. Die Wahrscheinlichkeit des Überlebens der Katze könnten wir vielleicht beziffern (ganz ähnlich dem Ort des Teilchens), aber nicht den aktuellen Zustand. Dieser offenbart sich uns erst, wenn wir die Katze sehen, entweder wie sie durch den Wald läuft, oder aber ihr ausgefressenes Fell. Ganz ähnlich dem Experiment. Die Realität wird scharf gestellt, wodurch? Durch die Beobachtung. Durch die Wahrnehmung.

Im Fall der Waldkatze, sprechen wir von einer Wahrscheinlichkeit, und denken uns nichts weiter. Dies sei ganz anders als in der Quantenwelt. Weil wir annehmen, dass die Katze in einem bestimmten Zustand sei. Und, weil wir glauben, wir hätten problemlosen Zugriff auf eine bereits bestehende Information, nämlich die, ob die Katze lebt oder nicht, braucht es nur noch ein Hinsehen, um die Information von dem vorhandenen Objekt abzurufen. Weil … die Kette der von uns selbst erschaffenen Weils ist endlos.

Ein Knacken im Wald: der Gedanke an Etwas

Inwiefern unterscheidet sich die Im-Wald-laufende-Katze von Schrödingers Katze? Gar nicht. Wir kennen den Zustand der Katze nicht, bis wir hinschauen. Sozusagen materialisiert sich da etwas. Etwas wird erschaffen.

Vielmehr ist, wie wir beide Ereignisse interpretieren, eine Frage der Weltanschauung.

Ich übersetze das in das alte philosophische Paradox von einem Knacken im Wald, ein Paradox der materialistischen Sichtweise. Es ist sehr sinnfällig und sehr einfach. Das Paradox geht so: Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Paradox besteht in dem konkreten Bezug auf ein bestimmtes Ereignis, nämlich ein „Knacken im Wald“. Indem ich es formuliere, erhält es eine Wahrscheinlichkeit. Na klar! Es knackt eben ab und an im Wald. Wir hören es direkt ein bisschen, wie es da knackt. Und das Ereignis erhält eine gewisse Existenz. Wir sehen hier, wie etwas in die Existenz kommt, nur durch den Gedanken daran. Was wäre zum Beispiel, hätte ich überhaupt nicht an ein Knacken gedacht? Das es knackt hat doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit! Aber – was ist eine Wahrscheinlichkeit, die niemand formuliert? Ist sie da oder nicht da? 

Was weiß ich also von einem ganz bestimmten Knacken? Eigentlich gar nichts. So herum gedacht wäre dieses Knacken geradezu unmöglich. Ein bestimmtes Knacken (welches meine ich überhaupt?) hat sicherlich nicht stattgefunden (eine gegen Null gehende Wahrscheinlichkeit).

Die Transformation der Beispiele

Die Fragestellung von Das Knacken im Wald: Was ist ein mögliches Knack-Ereignis im Wald, das niemand mitbekommt, niemand beobachtet, niemand denkt? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Knacken im Wald, übersetzt in die Katze im Wald: Was ist ein mögliches Todes-Ereignis im Leben einer Wald-Katze, das niemand mitbekommt (niemand denkt)? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Knacken im Wald, übersetzt in Schrödingers Katze: Was ist ein mögliches Todes-Ereignis im Leben der Katze in der Box, das niemand beobachtet (niemand denkt)? Ist es da, oder ist es nicht da? ODER: Was ist ein mögliches Ereignis in der Existenz eines Atomteilchens, das niemand mitbekommt, niemand von einem Geigerzähler abliest, niemand denkt? Ist es da, oder ist es nicht da?

Ziel dieses Hin-und-Her-Transformierens ist, dem Leser die Gleichartigkeit der Grundfrage in den scheinbar immer verschiedenen äußerlichen Formen der Fragestellung bewusst zu machen. „Was ist ein mögliches Ereignis in der Existenz eines ***, das niemand mitbekommt (niemand denkt)?“ – Diese Frage beinhaltet und bedeutet: Achtet auf die erschaffende Wahrnehmung!

Ich könnte es auch umgekehrt formulieren, und sagen: „Was ist ein Objekt der Gedanken? Könnt ihr sehen, dass es notwendigerweise Existenz hat?“ In der spirealistischen Weltanschauung ist diese Formulierung völlig zutreffend und logisch – den Materialisten kann man so nicht überzeugen, denn sein fester Glaube ist es ja, dass zwischen dem Gedanken an ein Objekt und dem Objekt selbst, ein Unterschied ist. Nur in der Umkehrung wird das Paradox deutlich, also in der Frage: Welche Existenz kann ein Ding haben, das nicht gedacht wird?

Damit möchte ich deutlich machen, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Wahrnehmung von kleinsten Teilchen gibt, die sich von der „normalen“ Wahrnehmung völlig unterscheiden würde. Sondern in beiden Fällen, in Makrowelt wie Mikrowelt, gerinnt die Realität durch Gedanken. Es entsteht Existenz. Und das kann man eben auch in beiden „Welten“, in Makro- wie Mikrowelt, sehen.

Existenz ist an Geist gebunden

Man könnte es auch so sagen: Was ist der Unterschied zwischen einer Information, die in einem Augenblick „entsteht“, und einer, die schon „existiert“ und uns erst „zur Kenntnis gelangt“, d.h., wahr genommen wird, d.h. gedacht wird? Antwort: Es gibt keinen wahrnehmbaren Unterschied. Wie könnte man den Unterschied definieren? Die Wahrnehmung ist das Werkzeug des Begreifens. Der Gedanke ist die eigentliche Wahrnehmung.

Das, was wir wahrnehmen ist das, was wir denken. Und das, was wir nicht denken, ist, so unbegreiflich es uns scheint, nicht ausdrückbar. Es ist nicht „da“. Es ist nicht existent. Existenz ist an Geist gebunden.

Resüme

Warum ist, was wir nicht wissen, in der spirealistischen Weltsicht nicht „da“, nicht „existent“? Antwort: Weil der materialistische Existenzbegriff paradox ist, und offensichtlich falsch. Dem materialistischen Existenzbegriff zufolge müsste z.B. all das eine Wahrscheinlichkeit der Existenz haben, was wir uns denken. Und in einem unendlichen Raum (dem Universum) müsste es auch existieren. Das beißt sich (ist paradox) mit unserer Vorstellung einer klar umrissenen Existenz, die von Denken unabhängig sei.

Nein, umgekehrt! Wie könnte sich etwas, das nicht gedacht wird, je als existent erweisen?Vielmehr ist, und das ist viel schlüssiger, die Existenz direkt an Information geknüpft – in der Menschenwelt: an Gedanken.

Jemand wird sagen: „Das geht nicht. Dann wäre ja Materie …  und Gedanken wären … „. Ja, genau. Die Dinge des spirealistischen Kosmos sind anders als die des materialistischen Kosmos. Gedanken wären etwas anderes, das Menschenbild ist anders. Das Umdenken muss umfassend sein, denn in der materialistischen Weltanschauung baut das Eine auf dem Anderen auf, doch alles basiert auf der Annahme, wir würden eine äußerliche Welt beobachten – für den Materialismus die Existenz.

Für den Spirealismus ist die Existenz der Gedanke, und es verbinden sich mithin ganz andere Vorstellungen wichtiger Begriffe wie „Denken“, „Bewusstsein“, „Raum“, „Zeit“, „Wille“ u.v.m. damit. Und, innerhalb des spirealistischen Weltbildes hat man auch ganz andere Wahrnehmungen. Etwa so, wie man eine Schrift erst lesen kann, wenn man die Buchstaben auswendig kann. Äußerlich betrachtet wirken Buchstaben sicherlich wie ein ungeordnetes Durcheinander.

Kann erst die Kernphysik verstehen?

Und noch etwas – etwas, das zum Thema Schrödinger-Gedankenexperiment passt. Kernphysiker sind häufig auch Philosophen, die das Wesen des Seins hinterfragen. Warum? Natürlich erstens, weil das oft sehr kluge Leute sind. Zweitens, denke ich, weil man in der Kernphysik viel Phantasie braucht – man kann die Objekte der Anschauung nicht eigentlich anschauen und macht sich so seine Gedanken über ihr Wesen. Man denke an Einsteins imaginären Ritt auf einem Photon, das ihn zur Relativitätstheorie brachte. Und drittens weil sie sehen, dass sich dort, wo man seit der Antike feste Kerne vermutete, keine finden lassen. Der Atomphysiker und Philosoph Heisenberg war z.B. am Ende seines Lebens der Überzeugung, der Mensch müsse Teil eines großen und umfassenden Geistes sein. Oder vielleicht kennt man den Satz „Materie ist geronnener Geist“, Prof. Dr. Hans-Peter Dürr soll das gesagt haben.

Aber, braucht man nun die Kernphysik, um das zu verstehen? Aus meiner Sicht nicht. Dieser Artikel dreht sich eben darum, die Phänomene des Geistes unter einem anderen Gesichtspunkt zu sehen. Auch dafür braucht es viel Phantasie, und man muss sich Gedanken um das „Wesen der Dinge“ machen, ganz so wie Kernphysiker. Aber man kann die Dinge in ihrer ganz normalen, makroskopischen Welt ansehen, und kommt letztlich auf genau dieselben Fragen.

Zum Beispiel verstehe ich die Kantsche (Immanuel Kant, deutscher Philosoph (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804 in Königsberg)) Frage nach dem Ding „an sich“ so. Die Frage lautet im Prinzip: Wie lässt sich der Unterschied zwischen einem Ding und dem Gedanken an ein Ding genau fassen? Wie ist das Ding, das wirkliche Ding, das Ding „an sich“, .. nun ja … wie ist es wirklich?

Das ist nach meiner Auffassung die entscheidende Fragestellung. Wenn man diese Frage nicht versteht, erübrigt sich eigentlich alles Weitere.

Aber wenn man sie versteht, kommt man wie Kant sicherlich zu einem: Das lässt sich nicht sagen.

Und wenn man zu diesem Schluss kommt, es ließe sich nicht sagen, dann ist der Umkehrschluss der, dass unsere Welt von Phantasien abhängt. Nun wieder die Frage: Inwiefern und wie sehr unterscheidet sich die Phantasie von den wirklichen Dingen? Noch einmal: Das kann man nicht sagen.

Und nun kommen wir zum eigentlichen Thema: Was sind denn dann die wirklichen Dinge anderes als Phantasie? Wieder: Das kann man nicht sagen. Aber, müssen sie denn etwas anderes sein? „Gibt es“ denn die wirklichen Dinge? Man könnte hier wieder antworten:  „Das kann man nicht sagen“. Aber im Grunde muss man doch genauer überlegen: Es gibt keine Notwendigkeit für eine von Geist gesonderte Existenz von „Dingen“. Das ist selbst eine Vorstellung. Eine Phantasie. Die Welt ist eine Vorstellung. Dies ist die spirealistische Sichtweise.

 

Schrödingers Katze und ein Knacken im Wald was last modified: Dezember 11th, 2017 by Henrik Geyer