Die Welt als Sichtweise – die Welt als Phantasie

Die Welt ist eine Sichtweise, die sich nach dem Sehenden richtet. Das haben viele kluge Köpfe gesagt, ich habe nur wenige Sekunden gebraucht, um ein passendes Zitat aufzutreiben; jenes von Thackeray. Natürlich wird es dem Materialisten scheinen, als sei das wahr, dann aber auch wieder nicht … Aber das ist eine andere Geschichte.


Auch der große Philosoph Schopenhauer kam zu dem Schluss, die Welt sei eine Vorstellung (sein Hauptwerk: „Die Welt als Wille und Vorstellung“). Er versuchte das in seinen Schriften zu beweisen, darzulegen. In wissenschaftlicher Weise zitierte er, lateinisierte er, bewies er – und war, auf Grund seines enzyklopädischen Wissens auch dazu in der Lage! Doch, eine allzu große Wirkung erzielte er damit nicht, wie er selbst einmal feststellte. Er schrieb, er habe von seiner ganzen Philosophie nicht mehr gehabt, als dass sie ihm vieles erspart habe. Er meinte wohl (in seiner etwas hochtrabenden Art), dass ihm seine Philosophie die Zeit und Mühe erspart habe, sich mit nichtssagenden Leuten abzugeben, sowie deren nichtssagenden Äußerungen. Diese Zeit habe er für sich selbst gewonnen, der besten Gesellschaft, die er kannte.

Dass er der Welt nichts beweisen konnte lag wohl zum Allerersten daran, dass er nichts vorzuweisen hatte, das jenen, die ihn beurteilten sollten, sichtbar war. Was ihm sichtbar war, war jenen unsichtbar. Und so fiel sein Urteil über jene, die ihn umgaben, bitter aus. Umgekehrt machte man sich oft über ihn lustig, empfand ihn als Un-Persönlichkeit, die nur im Abseitig-Geistigen, jenseits des „prallen Lebens“, ihre Existenz hatte. Kurz gesagt: Man verstand ihn nicht.

So wie er versuchten sich viele daran, wissenschaftlich nachzuweisen, was doch in einem Außen nur dann sichtbar wäre, wenn es auch der Glaube der Vielen wäre. Die materialistische Weltanschauung ist ebenfalls ein Glaube. Ein Glaube, der erst einmal durchbrochen sein will, um sich einem anderen Glauben zuwenden zu können. Denn die materialistische Weltanschauung hält sich ihrem Wesen nach nur selbst für möglich, beweist sich selbst, stabilisiert sich selbst. Es ist ein Monotheismus. Der materialistische Glaube hat seine (scheinbaren) Vorteile und Unabdingbarkeiten für die Gläubigen, die nur allzu gern an das Feste, an die Materie, die ihnen ein anderes Wort für Gott ist, glauben möchten.

Die materialistische Wissenschaft möchte stets Psychologie und Glauben abtrennen von dem, was sie selbst formuliert – denn es gehöre nicht zusammen. Glaube und Wissenschaft seien zweierlei. Das sieht Spirealismus natürlich anders. Glaube, Psychologie und Wissenschaft gehören zusammen. Wir haben nur ein Organ der Wahrnehmung für alle Formen des kausalen Schließens, des Beweisens, des Imaginierens – das Bewusstsein. Der Spirealismus fragt: Welche ontologischen Entitäten könnte man untersuchen, würde man beispielsweise den Glauben an das Atom verlieren?

Auch ich mühte mich, die Ergebnisse meiner Überlegungen und meines Glaubens für andere sichtbar zu machen. In der Art eines Konvertiten vom Materialismus hatte ich den Anspruch, das müsse doch beweisbar sein. Doch, was heißt das, wenn man sagt, die Welt ist eine Vorstellung?

Es bedeutet, dass die Welt abhängig ist von der Sichtweise des Individuums. Das Individuum .. das kann auch eine Gruppe von Personen sein – siehe Supersubjektivität). Aber, wenn man nun eine andere Sichtweise hat, die weit von der Sichtweise der Vielen abweicht … ? Was wohl kann man dann den Vielen beweisen? Ich bin da ein bisschen pessimistisch geworden. Im Grunde ist es den Gläubigen des Materialismus schon unverständlich, wenn man nach dem Unterschied zwischen dem Objekt der Anschauung, und der Anschauung selbst fragt – diesen Unterschied soll es dem Materialismus zufolge ja geben. Der Materialist glaubt ja, er habe die einzig mögliche, beste Vorstellung vom ihm vor Augen stehenden Objekt, gleichwohl gäbe es eine Differenz zwischen Denken und Objekt … (man denke an Kants Frage nach dem Ding „an sich“).


Muss man etwas beweisen? Auf materialistische Art kann man jedenfalls nichts Nichtmaterialistisches beweisen. Getreu einer Hauptaussage des Spirealismus („Die Welt ist semantischer Natur“) sehe ich meine Aufgabe eher darin, Worte zu finden, die das Spirealistische in der besten Weise ausdrücken. Das ist gar nicht einfach – die materialistische Welt steckt bereits in unseren Worten. Die Welt (als Vorstellung) ist eben semantischer Natur. Worte sind verdichtete Vorstellungen. Die Aufgabe ist, nicht-materialistische Vorstellungen mit materialistischen Worten zu formulieren! Wenn das denn überhaupt möglich ist, so ist es schwer. Doch es hilft, wenn man sich zumindest der Problematik und des Ziels bewusst ist.

Weil ich eben den Spirealismus in der wirksamsten Form darlegen und nachweisen möchte, sind mir Worte des Glaubens, des Okkulten, des Symbolismus, nicht fern (siehe auch Ouspenskys „Der Symbolismus des Tarot“. Sie gehören dazu, denn die Welt als Vorstellung ist naturgemäß auch eine Welt der Phantasie. Ich kenne keine Worte, die es schöner ausdrücken, als jene Ouspensky’s. Es geht ihm um jene allgegenwärtige Phantasie … sie ist eine Naturkraft.

 

Die Natur träumt, improvisiert, erschafft Welten. Lerne, deine Vorstellungskraft mit ihrer Vorstellungskraft zu vereinen, und dir wird nichts jemals mehr unmöglich sein. Wende dich ab von der äußerlichen Welt und suche in dir. Dann wirst du das Licht finden.

P. D. Ouspensky
esoterischer Schriftsteller, Schüler von Georges I. Gurdjieff
* 4. März 1878 in Moskau; † 2. Oktober 1947 in Lyne Place, Surrey

 

 

 

Die Welt als Sichtweise – die Welt als Phantasie was last modified: Januar 25th, 2018 by Henrik Geyer

Nachweis des Spirealismus

Der Spirealismus trifft einige sehr fundamentale Aussagen, die er in ihrer Tragweite im Folgenden weiter untersucht. Doch wie steht es mit der Beweisbarkeit dieser Aussagen, sagen wir ruhig Thesen?

Noch einmal kurz zu den Aussagen: Die grundlegende Aussage des Spirealismus ist, dass es keine Objektivität gibt. Diese Aussage könnte „nur“ so verstanden werden, dass man sagt: Es gibt keine endgültig feststehenden Wahrheiten – damit wäre das materialistische Weltbild noch unbeschädigt. Aber mehr noch ist es die Überzeugung des Spirealismus, dass es auch die „reale Außenwelt“ der materialistischen Sichtweise nicht gibt. Schließlich ist demzufolge der Existenzbegriff des Spirealismus ein anderer, als der des Materialismus. Existenz ist im Spirealismus die Relation der Begriffe zueinander (Stichwort „semantische Natur der Dinge“), ohne dass sich für den einzelnen Begriff oder das einzelne Ding irgendeine Existenzberechtigung oder Existenznotwendigkeit formulieren ließe, als eben jene Relation. Und das führt wieder auf die Aussage zurück, dass es die Welt jenseits unseres Denkens, die Welt materialistischer Anschauung, nicht gibt, denn die Relation kommt unter anderem durch uns Menschen zum Ausdruck und „in die Welt“ – als Gedanke.

Alles ist relativ – auch der Spirealismus?

Es hat einige Zeit gebraucht bis ich mir darüber klar wurde, dass aus dem oben genannten Grund auch der Spirealismus nicht für sich proklamieren kann, objektiv zu sein. Denn, jede Aussage die objektiv genannt wird, muss unter dem Aspekt der Objektivität falsch sein. Doch – man sucht so sehr das „Objektive“ – als etwas, das dann alle (Menschen) so sehen müssen … weil es einfach „da ist“. Aber … eben das ist ja wiederum eine Vorstellung des Materialismus – dass die Dinge einfach „da sind“.

Ich weiß noch, wie jemand, der mein Buch „Alles ist Geist“ zur Probe gelesen hatte, und darin die Aussage fand, auch der Spirealismus sei nicht objektiv, mich fragte, wozu ich das Buch überhaupt schriebe. Ein nicht-objektives Buch sei irrelevant. Ich war damals ein wenig verunsichert, dachte an das Verständnis der Leser und ihr mögliches Desinteresse an einem Buch, das einerseits versucht Dinge zu erklären, andererseits von sich selbst sagt, nicht objektiv zu sein. Ich strich den schuldigen Satz aus „Alles ist Geist“.

Bemerkenswert erscheint mir der Vorgang heute in zweierlei Hinsicht. Erstens können Menschen das Buch „Alles ist Geist“ lesen und dessen fundamentale Aussage einfach nicht begreifen. (Ganz genau so übrigens wie es des Öfteren vorkam dass ich auf Philosophen traf, die alles Mögliche über Kant und dessen Suche nach dem Ding „an sich“ wussten, denen jedoch die Frage selbst, ihrem Ursprung und ihrer Tragweite nach, völlig nichtssagend war). Für mich ist eben das das Erscheinen von Denkgrenzen.

Und zweitens zeigt es mir (was ich eigentlich von Herzen weiß), wie schwierig das Begreifen und völlige Erfassen der Aussage „Alles ist Geist“ in ihrem grundlegenden Sinn ist – und zwar auch für mich! Die Denkgrenzen sind also nicht irgendwo anders, und wirken nicht auf unbeschreibliche Weise, sondern sie sind (natürlich) auch in mir, und ich kann sie in ihrer Wirkungsweise beobachten. Ich selbst hatte der Logik des Anderen folgend, den Satz aus meinem Buch gestrichen, war der Unlogik und der Unklarheit gefolgt. Der Mensch ist eben Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter. Die Gesetze der Schöpfung wirken durch uns … Ich beobachte nichts von den Gedanken Getrenntes und kann die Begrenztheit, die Schwere der Gedanken, auch in mir spüren. Heute weiß ich noch besser als vor einigen Jahren, wie schwierig und langwierig es ist, dass der spirealistische Gedanke einsinkt. Er muss gelernt werden, es muss zu einem festen Glauben werden, so wie der Materialismus ein fester Glaube ist. Erst dann kann man „Alles ist Geist“ mühelos denken und wahrhaft verstehen.

Heute erscheint mir die Aussage, der Spirealismus könne nicht objektiv sein, als das Natürlichste von der Welt. Die Sucht, objektiv sein zu wollen, und damit, jedem Denken gerecht werden zu wollen, ist gewichen. Nichts ist objektiv. Ich habe keine Angst mehr davor, das zu formulieren, etwa weil ich fürchte, ein Buch würde keine Leser finden, oder ich würde auf Unverständnis treffen. Denn ich denke inzwischen, dass die Mehrzahl der Menschen ohnehin nicht die mindeste Neigung verspürt, die Grundbegriffe des (eigenen) Seins zu hinterfragen, und eine Philosophie wie den Spirealismus einer geistigen Würdigung zu unterziehen, zumal das, wie ich ja zugebe, äußerst schwierig ist. Und die Neigung der Menschen ist doch eher, auch im Geistigen, das Allereinfachste zu tun (ich spreche durchaus auch von mir und von eigener Erfahrung) und sich nicht auf irgendwelche Mühen einzulassen, für die es im materialistischen Sinn keine Rechtfertigung zu geben scheint. Es ist eben keineswegs so, dass Denken leicht sei. Verständnis für den Spirealismus zu wecken ist in etwa so, als würde man versuchen Schüler für den Zen-Buddhismus zu finden, die bereit sind Jahre hinter Klostermauern zu verbringen. Sofort taucht im Kandidaten die Frage auf, was eine solche Aktion denn wohl bringe, wie man die Lehre des Zen-Buddhismus in einem Satz zusammenfassen könne damit man sie unmittelbar verstehen könne, was (konkret!) an Geld dabei herausspränge, etc.. Fast zwecklos also. Wenn man etwas verkaufen will, dann sollte das (wenn es ein Buch ist) einfach der Denkwelt Vieler entsprechen – das heißt, es kann nur sehr begrenzt grundlegend Neues enthalten. Und .. objektiv kann und muss es nicht sein.

Für die Philosophie jedoch kommt es mir abseits von Verkaufsüberlegungen eher darauf an, die zu machenden Aussagen möglichst klar und eindeutig zu formulieren, und sie durchaus populär zu schreiben – denn ich sehe keinen Sinn darin, eine Philosophie  akademisch zu formulieren, und sie am Ende verwirrend oder unverständlich zu machen. Der Spirealismus untersucht die Grundbegriffe des Denkens, nicht aber die x-te Ableitung aus der Namenswelt des Materialismus. Daher muss er sich keiner akademischen Sprache bedienen, das wäre kontraproduktiv.

Das soll meiner eigenen Klarheit dienen, denn nicht zuletzt habe ich mit der Formulierung des Spirealismus Klarheit im eigenen Denken gesucht. Aber natürlich soll das auch der Klarheit der Leser dienen. Dass aber der Spirealismus, wenn er Objektivität nicht sucht, sondern vielmehr Objektivität im ersten Schritt negiert, vielen unverständlich bleiben muss, ist nicht zu ändern. Es gibt hier einen Zielkonflikt zwischen Klarheit und (vermeintlicher) Verständlichkeit aus materialistischer Sicht – ich entscheide mich für Klarheit.

Der Spirealismus ist eine mögliche Vorstellung

Der Spirealismus als Vorstellung eines Kosmos relativer Vorstellungen ist wahrer als der Materialismus, in dem Sinn, wie der Spirealismus Wahrheit nur verstehen kann: wiederum als Relation von Vorstellungen. Seine Aussage ist: Es hat Sinn den Spirealismus zu formulieren, da er der Funktionalität unserer Vorstellungswelten näher ist, als der Materialismus.

Nun müsste man auf die Frage antworten: Die Funktionalität welcher Vorstellungswelten ist gemeint? Der Spirealismus sagt ja selbst, dass sich die Gedanken in den Individuen nur ähneln, nie aber wirklich gleich sein können. Hierzu die Erklärung: Der Spirealismus benötigt als Ressource eine gedankliche Achtsamkeit (Achtsamkeit dem Denken gegenüber). Wenn man so will eine Geistigkeit, eine Spiritualität. Gemeint ist aber nicht die Spiritualität üblicher Vermarktungsstrategien (die ohnehin mit Materialismus mehr zu tun hat, als mit Spiritualität). Dies allein ist schon eine hohe Hürde, denn nach meiner Auffassung ist diese Fähigkeit alles andere als verbreitet.

Jedenfalls wird, wer sein eigenes Denken achtsam beobachtet, zu der Überzeugung gelangen, dass die Dinge nichts anderes sind, als die (eigenen) Gedanken daran. Und zu beobachten ist, dass sich die Dinge mit den Gedanken wandeln – von Augenblick zu Augenblick. Die Gedanken an die Dinge wandeln sich im Verlauf, und ebenso müssen sich die Gedanken an Dinge von Individuum zu Individuum unterscheiden.

Dies ist die Achtsamkeit, die ich mindestens für erforderlich halte. Erst mit ihr ausgestattet kann sich die Frage nach den Dingen „an sich“ als sinnvoll erweisen. Es ist die Frage: Was sind die Dinge jenseits des Denkens?

Dass sich, auf diese Weise, die Aussagen des Materialismus als nur in einem Spezialfall als sinnvoll erweisen, sozusagen als das Fortschreiten des Denkens in ein spezielles Denkuniversum hinein, das gleichsam von unendlich vielen anderen möglichen Denkuniversen wie abgeschnitten ist – diese Aussage muss der Spirealismus einfach treffen, ohne hierfür eine Erklärung im materialistischen Sinn abgeben zu können. Der Sinn einer solchen Aussage liegt schlicht darin, dass dies die Realität der Denkwelten, sofern man sie wie gesagt überhaupt beobachten kann, am allerbesten beschreibt.

In einem materialistischen Sinn muss diese Aussage keinen Sinn machen, besser gesagt: kann sie keinen Sinn machen, da die Aussage dem Materialismus zutiefst widerspricht. Und die geliebte Frage nach der Objektivität (insgeheim: nach der Relevanz) all dessen muss unter den Tisch fallen.

Wie schon des Öfteren formuliere ich auch an dieser Stelle, um das Enden der materialistischen Kausalkette in einem irrationalen Nichts zu zeigen: Die göttliche Erschaffung der Welt in sieben Tagen unterscheidet sich nicht grundlegend von der Annahme, die Welt sei vor 14 Milliarden Jahren in einem lautlosen Knall ins Entstehen gekommen.

Bilden wir eine Mischform: Gott erschuf die Erde in einem lautlosen Knall, der vor 14 Milliarden Jahren stattfand. Dieser Vorgang dauerte nicht sieben Tage, sondern eine Milliardstel Sekunde. Auch das klingt plausibel.

Beides sind Begriffe für einen unbegreiflichen Vorgang. Und wenn ich unbegreiflich sage, dann meine ich, dass es in einem objektiven Sinn hierfür kein Begreifen geben kann – man könnte auch von Irrationalität sprechen. In einem subjektiven Sinn hingegen ist sehr wohl eine Aussage zu treffen, und das ist es auch, was wir tun, wenn wir von der göttlichen Erschaffung der Welt reden, oder aber vom Urknall. Es ist jeweils ein Griff in die Trickkiste der Unendlichkeit, innerhalb derer alles Sein und Werden haben kann.

Nicht-objektiv ist nicht irrelevant

Dass etwas Nicht-Objektives gleichzeitig sehr relevant sein kann, erschließt sich wiederum erst aus der spirealistischen Sicht. Denn für den Spirealismus ist es völlig natürlich zu denken, dass die subjektiven Welten die allerhöchste Relevanz besitzen. Objektivität gibt es schließlich nicht.

Überprüfbar ist das sofort:

Welche Realität hat die größte Relevanz für das Individuum? Die eigene. Ist das „die“ (eine) Realität? Nein.

Welche Realität hat die größte Relevanz für eine Gruppe von Individuen? Die der Gruppe. Ist das „die“ (eine) Realität? Nein.

Welche Realität hat die größte Relevanz für die Menschheit? Die der Menschheit. Ist das „die“ (eine) Realität? Wieder: Nein.

 

Subjektiv ist nicht irrelevant. Sondern subjektiv – das ist das uns Bekannte. Was könnte höhere Relevanz haben als das uns Bekannte, während das uns Unbekannte ungedacht und unbenannt bleiben muss?

Nichts ist objektiv bedeutet: alles ist subjektiv. Subjektivität wird nicht durch mehrfach ähnliche Gedanken zu Objektivität, sondern zu Supersubjektivität.

der Nachweis

Wie also könnte der Nachweis des Spirealismus aussehen?

Zunächst: Was wäre nachzuweisen? Es wäre nachzuweisen, dass unsere Gedanken von den Dingen die Dinge selbst sind. Dass es also keine „existierende“ Außenwelt gibt, die von den Gedanken getrennt wäre, sondern dass die Gedanken, ohne (von uns) bestimmbaren Grund, die Dinge erzeugen. Und … der Begriff „die Gedanken“ … das wäre wohlgemerkt nicht materialistisch zu verstehen, als Gedanken die ausgehen von Köpfen. Sondern das wären Gedanken kosmisch-unbestimmten Ursprungs; wertneutral: Informationen, die die materielle Welt erzeugen.

Wenn ich am Anfang sagte, dass der objektive Nachweis nicht gelingen kann, weil es keine Objektivität gibt, will ich es hier wiederholen. Wie sollte der Nachweis einer fehlenden materiellen Außenwelt gelingen, wenn die Vorstellung einer Welt stets die Welt selbst ist? Anders gesagt: Was auch immer wir uns vorstellen – innerhalb der Eckpfeiler unserer Vorstellungen müssen wir „richtig“ und „falsch“ definieren – darüber hinaus können wir nicht. „Richtig“ und „falsch“ wiederum haben in einem Kosmos unbegrenzter Möglichkeiten keine Notwendigkeit, und stehen in keiner Weise singulär für sich. Sondern „richtig“ und „falsch“ sind wiederum Möglichkeiten innerhalb eines semantisch definierten Begriffsraumes.

der Beweis des Nicht-Existenten

Den spirealistischen Kosmos der unbegrenzten Möglichkeiten kann man nicht nachweisen, weil er sich in seiner unendlichen Form nicht zeigen oder nachweisen lässt. Wir selbst sind begrenzt. Und der Kosmos der unendlichen Möglichkeiten ist unbegrenzt und somit undefiniert, man könnte auch sagen, dass er für uns, die wir endlich sind, nicht existiert. Existenz hingegen ist für uns das Definierte, und zwar definiert in unseren Vorstellungen.

Im materialistischen Sinn „zeigen“ lässt sich nur, was in unseren Vorstellungen ist; somit ist das Unbegrenzte nicht zeigbar, da unsere Vorstellungen per se begrenzt sind. Und der eigentlich wissenschaftliche Nachweis wäre etwas, das in unseren Vorstellungen ist, und sich in ähnlicher Form in Vielem findet. Man könnte auch sagen: die gemeinsamen Phantasien vieler Menschen sind die Realität der Gruppe.

Wie soll also der „realistische“ Beweis für etwas aussehen, das außerhalb der Realität (der Gruppe) ist? Es ist die Vorstellung des Materialismus, wie ein Beweis auszusehen habe, die einen Beweis des jenseits des Materialismus Liegenden verhindert. Der Materialismus beweist sich selbst in einer Endlosschleife – eine letztlich nichtssagende Tautologie. Der Materialist muss einen Beweis, der ihn fordert die Grenzen des materialistischen Denkens zu überschreiten, als unwirksam ansehen.

Ich formulierte übrigens „sich in Vielem findet“, und nicht in Vielen (Menschen), weil ja die Vorstellung des Spirealismus von einem Information erzeugenden Kosmos der eines Kontinuums aus Geist ist, der quasi stufenlos von uns fremden Gedanken zu menschlichen Gedanken übergeht. Das Urteil des Menschen über das Universum bleibt eine Möglichkeit, aber nur die Möglichkeit seiner Vorstellungen. Insofern wäre es falsch, die Vorstellungen der Menschen in irgendeiner Form objektivieren zu wollen, indem man sie ablöst von Vorstellungen des uns umgebenden geistigen Universums – man käme damit auf das materialistische Weltbild zurück, demzufolge die Vorstellungen vieler Menschen objektiv sind, die Vorstellungen des Einzelnen hingegen nicht. Die Vorstellungen vieler Menschen nennt der Spirealismus „supersubjektiv“ – sie bleiben eine subjektive Vorstellung.

 

Ich unterscheide, auch das sei noch hinzugesetzt, zwischen Universum und KosmosUniversum nenne ich den Begriffsraum unserer Vorstellungen, und gehe davon aus, dass es viele Universen gibt oder geben kann. Kosmos nenne ich die Notwendigkeit, dass es eine Ordnung der Begriffe aus sich selbst heraus geben muss – als Synonym für Bewusstsein.

Eine Ordnung der Begriffe aus sich selbst heraus … die es geben muss? Warum muss? Kann es nicht eine Ordnung von Begriffen, oder auch Dingen, jenseits von Bewusstsein geben, so wie es sich der Materialismus vorstellt? Die halb scherzhafte Antwort lautet: Nicht dass ich wüsste! Womit gesagt sein soll: Das Wissen, somit das Bewusstsein, ist die Voraussetzung für jede Frage die wir stellen, und jede Antwort die wir finden können.

Wenn man so will ist ein Kosmos die Voraussetzung des Entstehens von Universen. Vielleicht ist das auch der Sinn, in dem der Begriff Kosmos im antiken Griechenland gebraucht wurde, denn Kosmos heißt ja „Ordnung“.

Die materielle Außenwelt versus die Welt der zehntausend Namen

David Hume (1711-1776)  formulierte, dass sich eine materielle Außenwelt nicht durch rationale Begründungen nachweisen lasse. Dennoch könne der Mensch nicht umhin, an die Existenz der Außenwelt zu glauben.

Seine Formulierung legt nahe, dass es sich beim materialistischen Weltbild um einen Glauben handelt – was exakt die Formulierung der spirealistischen Sichtweise ist. Und man kann sagen, dass, wenn es sich also um einen Glauben handelt, es andererseits auch keinen besonderen Grund gibt, diesen Glauben auf Biegen oder Brechen beizubehalten. Sondern man könnte sich, insbesondere als Gläubiger des materialistischen Weltbildes, vorstellen, das Weltbild zu wechseln, anders gesagt: sich einen anderen Glauben „zuzulegen“. Einfach etwas anderes glauben! Denn das Denken (Glauben) geht ja vom menschlichen Kopf aus … und … sind denn die Gedanken nicht frei?

Doch an dieser Stelle sehen wir wieder sehr deutlich die Macht der Gedanken – sie sind keineswegs frei, und, sich einen anderen Glauben „zuzulegen“ ist keineswegs einfach. Ich komme insofern auf den weiter oben formulierten Satz über Klosterschüler des Zen-Buddhismus zurück – es ist eine Mühe, einen alten Glauben abzulegen und einen neuen zu gewinnen. Es hat auch etwas zu tun mit der ebenfalls bereits formulierten Tatsache, dass die gemeinsamen Phantasien vieler Menschen die Realität der Gruppe sind. Da die Realität der Gruppe quasi die sog. Realität selbst ist, der sich jeder Mensch geistig zuordnen will und muss, ist es alles andere als leicht, diese Realität zu verlassen. Das wahrscheinlichste Szenario, dass dies gelingen könnte, wäre, dass sich die Realität der Gruppe änderte (was ja ohnehin stets und ständig geschieht).

Ich hatte gesagt, dass sich der Spirealismus nicht beweisen lässt, indem man sagen kann, „Siehe, dort sind ist der Kosmos der unbegrenzten Möglichkeiten“. Jedoch, dass der Gedanke im oben genannten Sinne fest wird, indem er sich in ähnlicher Form in Vielem findet, indem die Realität der Gruppe „die Realität“ ist, das ist ein Beweis für den Spirealismus. Viele Beweise ähnlicher Art ließen sich finden und ich habe versucht sie auf diesem Blog zusammenzutragen.

Ausgangspunkt ist immer die Überlegung, dass Welten entstehen können, ohne dass das materialistische Weltmodell bemüht werden muss – was wiederum deutlich jenseits des materialistischen Weltbildes und seines Selbstbeweises liegt. Wenn man aber verstanden hat, dass das materialistische Weltbild keinen Imperativ darstellt, dann wird man bemerken, dass ein Weltmodell jenseits des materialistischen schlüssiger ist.

Was also sind weitere Beweise? Die Paradoxie unserer materialistischen Vorstellung vom Nichts beispielsweise, oder der Unendlichkeit. Oder unser ewiges Uns-selbst-für-den-Mittelpunkt-des-Universums-Halten, und zwar nicht nur in räumlicher Hinsicht, sondern auch in geistig-intellektueller Hinsicht. Beweise sind auch offensichtlich paradoxe Annahmen  zu Realität und Objektivität, wie z.B. hier formuliert.

Die erwähnten materialistisch-paradoxen Annahmen zu Nichts und Unendlichkeit finden sich wieder in paradoxen Annahmen zum äußerlichen Universum (gemeint ist jenes Universum „mit den Sternen darin“). Gemeint ist zum Beispiel die Frage nach den Grenzen des äußerlichen Universums. Ist das Überschreiten (nicht vorhandener) Grenzen möglich?

Wenn, wie der Spirealismus meint, die Natur der Dinge semantisch sei, und, ebenso wie die Sprache, je nach Stellung der Begriffe zueinander Sinn und Form verändert, dann ist das Untersuchen der Worte als ein Synonym für unsere Vorstellungen ein Beweis für den Spirealismus. Und zwar dann, wenn diese Untersuchung ergibt, dass die Worte, ihre Verwendung sowie ihre vorgestellten Einschränkungen oder Erweiterungen, unser Weltbild und unser Begreifen der Dinge, formen. Derlei Beispiele habe ich auf diesen Seiten einige niedergelegt, und im Prinzip läuft alle Beschäftigung mit Sprache darauf hinaus … Konkret kann ich, um beim genannten Beispiel des Universums zu bleiben, unsere Vorstellung von einem Weltall benennen, das doch Alles enthalten soll, und das sich gleichzeitig dem Verständnis unter diesem Aspekt, nämlich Alles zu sein, entzieht. Ist Alles unendlich? Alles, das finden wir, liegt außerhalb unserer Vorstellungen. Und Alles hat auch keine Grenzen – warum? Der Spirealismus sagt: Weil Bewusstsein Alles generiert. Der Materialismus hingegen sagt das nicht – und bleibt eben deshalb paradox und unverständlich. Er bleibt artig innerhalb des ewigen Selbstbeweis-Kreislaufes und kann, wie es scheint, sehr gut mit der eigenen Widersprüchlichkeit leben.

Die vorgenannte Paradoxie lässt sich überleiten zu der prinzipiellen Frage nach Teil und Ganzem … lässt sich das Universum aufsummieren, als die Summe aller Masse / aller Dinge in ihm? Die ständige Annahme des Materialismus ist ja, dass das Ganze eine festgelegte Anzahl an Teilen in sich haben müsse (die wir, paradox genug, selbst definieren können), denken wir an den Begriff „Atom„, oder umgekehrt, dass eine Summe von Teilen ein Ganzes ergäbe, in einer Art fester, vom Bewusstsein abgekoppelter, mathematischer Formel. Ich hatte hier des Öfteren das Paradox von Englands Küste erwähnt, das uns das Gegenteil zeigt, und das ebenfalls ein Beweis für den Spirealismus ist.

In Gott würfelt nicht? hatte ich über die Annahme nachgedacht, dass Kausalität materialistisch gesehen außerhalb von Bewusstsein existiert – also objektiv sei, obwohl doch jede Kausalität die wir kennen nur auf den Begriffen basiert, die wir Menschen haben, die wiederum nicht objektiv sind. Und dass, zumindest aus spirealistischer Sicht verständlich und beobachtbar, Kausalität, als Quelle und gleichzeitig abhängige Funktion unserer Kenntnis dessen was „es gibt“, einem stetigen Wandel unterliegt. Und sich daher auch die Vergangenheit ständig wandelt.

Beweise sind auch durchaus die Erkenntnisse der materialistischen Naturwissenschaft, die beispielsweise nahelegen, dass kleine Teilchen sich unserem Bewusstsein entsprechend verhalten und formen, oder, dass es Farben nicht im eigentlichen Sinn im Außen gibt (Optik), sondern, dass sie sich im Geiste bilden. Ich erinnere mich beispielsweise an die Lektüre des Buches QED: Die seltsame Theorie des Lichts und der Materie, in der der Autor recht eindrucksvoll erklärt, wie Licht und Farben einerseits gut berechenbar und nutzbar sind, wie unlogisch jedoch letztlich die dazugehörigen Theorien sind (gemeint ist unsere Vorstellung von Augen, die Lichtteilchen aufnehmen, welche vorher wie Bälle von im Außen liegenden Objekten abgeprallt sind).

All die Theorien des Materialismus sind letztlich Stückwerk, und passen am Ende nicht zusammen. Warum ist das so? Der Spirealismus sagt: Weil ein Zusammenpassen für das, was wir am Ende „die Realität“ nennen, gar nicht nötig ist!

DAS ist der Grund, warum ich die Aussage Humes ablehne. Nein, man muss keineswegs an die Existenz einer materiellen Außenwelt glauben! Man kann offensichtlich an vieles glauben, im subjektiven wie im supersubjektiven Sinn – das tut der Wirklichkeit der Realität, und auch ihrer Funktionalität, überhaupt keinen Abbruch.

Ich denke, dass das, was der Autor von „Die seltsame Theorie des Lichts und der Materie“ darlegt, sich dem aufmerksamen Geist in letztlich jeder Gestalt, jedem Ding, zeigt. Oder besser: zeigen könnte. Ich komme insofern wieder auf diese notwendige Ressource des Verstehens zurück: Spiritualität. Wer nicht denken kann, dass der Gedanke selbst die Ursache aller Erscheinungen ist, oder wer schon die Frage nach der Ursächlichkeit nicht versteht und die Möglichkeit des Primats der Gedanken nicht in Erwägung ziehen kann, der wird auch den nächsten Schritt nicht tun können. Insofern möchte ich dem Humeschen Postulat, dass sich eine materielle Außenwelt zwar nicht durch rationale Begründungen nachweisen ließe, man dennoch nicht umhin komme an sie zu glauben, ein Demokrit-Zitat gegenüberstellen: „Kein Phänomen kann ein Kriterium sein, weil Phänomene nicht existieren.“

Ganz offensichtlich kann beides eine gültige und wirksame Realität sein. Die Demokritsche Realität und die Humesche. Die Welt der zehntausend Namen und die Welt des materiellen Außen.  Und, weil beides die Realität sein kann, ist die spirealistische Weltsicht wahrer als die materialistische, denn sie schließt die Selbstverständlichkeit vieler Realitäten ein.

Nachweis des Spirealismus was last modified: Januar 21st, 2018 by Henrik Geyer