Lass es geschehen

Gerade las ich zufällig ein schönes Zitat, über das es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Leben ist Veränderung. Dieser Veränderung zu widerstehen, wirkt dem Lebensfluß mehr entgegen, als sich ihr zu ergeben. Die Essenz des Lebens ist dessen Verlauf: Die Ereignisse, Bedingungen und Erfahrungen, die uns formen und zeitweise auch aus der Bahn werfen.

Samuel Taylor Coleridge
englischer Dichter und Philosoph
geb. 21. Oktober 1772 in Ottery St Mary, Devon; gest. 25. Juli 1834 in Highgate, London

 

 

Wie oft überlegen wir (stimmt es oder nicht?), wie wir die Spuren des Alters verwischen können, um wieder jung auszusehen. Oder, wenn wir vielleicht 25 oder 30 Jahre alt sind, dann überlegen wir, wie wir verhindern können, dass wir die Freiheiten der Jugend eintauschen gegen das Gebundensein des Erwachsenenlebens. Oder, wenn wir sehr jung sind, dann überlegen wir, wie wir möglichst schnell erwachsen sein können. Und schließlich, wenn wir sehr alt sind, dann möchten wir dem Tod von der Schippe springen und können oft dessen Folgerichtigkeit nicht sehen.

Aber letztlich hat jedes Alter seine Notwendigkeiten, die, wenn man sie akzeptiert, schöne und einzigartige Lebenserfahrungen mit sich bringen. Diese Erfahrungen und Erlebnisse sind so mannigfaltig und so wechselhaft, als würde man durch einen Frühlingswald gehen, und voller Faszination und Ehrfurcht das endlose Wechselspiel von Licht und Schatten betrachten, dass durch Sonnenstrahlen entsteht, die durch grüne Blätter fallen.

Diese Erfahrungen machen zu dürfen, das ist Leben. Ihrer wird teilhaftig, wer sich dem hingibt. Wer das verleugnen will, wer es nicht wahrhaben will, wer damit beschäftigt ist etwas zu verhindern, was kann er beobachten?

Wer sich aber in die Position eines Schauenden begibt, und aufhört in Kategorien von Absolutheit und Objekthaftigkeit zu denken, also zu glauben, die Dinge seien statisch und man könne sie erhalten, der wird einer tieferen Weisheit gewahr. Alles fließt, und wir sind, als Teilchen, Teil eines Flusses.

Das obige Zitat ist schön, denn es drückt eine Lebenshaltung aus, die der Sichtweise des „Alles Fließt“, folgt. Es sagt: Lass die Dinge geschehen! Anders als du glaubst, bist du nicht Herr dessen, was geschieht. Beobachte, und entdecke diese Weisheit! Entdecke die natürliche Kraft, die uns durch das Leben führt, ganz willenlos. Sie ist uns unsichtbar und widersetzlich, wenn wir dagegen kämpfen, aber sie führt uns gütig, wenn wir sie in den Dingen des Lebens erkennen können.

Lass es geschehen was last modified: März 9th, 2018 by Henrik Geyer

Werde deiner Endlichkeit bewusst

Wozu sich der eigenen Endlichkeit bewusst werden? Wozu sich des eigenen Todes bewusst werden? Ist das nicht recht deprimierend? Sollte man daher überhaupt über Endlichkeit und Tod nachdenken?

Ja, man sollte. Um den Augenblick wertschätzen zu können.

Deprimierend kann das nur sein, wenn du es nicht akzeptieren kannst. Und du kannst es nicht akzeptieren, wenn du das kosmische Wesen nicht verstehst.

Das Wesen des Kosmos ist der Wandel. Du bist ein Teil der Welt, so wie alles. Du bist kein abseits stehender Beobachter.

Denk dir, dass alles was du liebst, alles was dir nahe ist und dich umgibt, bald nicht mehr da sein wird. Dann erhältst du eine Vorstellung von der eigenen Endlichkeit. Eine Vorstellung davon, dass du teilnimmst am immerwährenden Wandel. Dass du keine Sonderstellung einnimmst – als singuläre Konstante innerhalb eines sich stets im Wandel befindlichen Kosmos.

Sich der Endlichkeit von allem bewusst zu werden, des stetigen Wandels, ist eine gute Übung der Bewusstwerdung.

Denk dir …

Also denk dir: Deine Lieblingstasse, aus der du jeden Morgen deinen Kaffee trinkst, wird bald zerbrechen. Deine Uhr wird stehenbleiben. Die Kleidung die du liebst, und die an dir so gut aussieht, wird bald schon überlebt und unförmig wirken, und bald darauf zu Staub zerfallen. Dein Haus wird den zukünftigen Menschen weit weniger wohnlich erscheinen als dir, sie werden es abbrechen. Dein geliebtes Auto, für das du so manches opfertest, wird bald verschrottet werden. Deine Freunde werden sterben, deine Verwandten ebenfalls, und alle Menschen, die dir die Allerliebsten sind. Auch die Personen, die du hasst und die du bekämpfst, werden bald tot sein.

All das wird in einer Zeitspanne geschehen, die so kurz ist, dass sie gegenüber der Ewigkeit des Kosmos wie ein Zwinkern der Augen wirkt. Man sagt auch Blick der Augen dazu, oder Augen-Blick. Aber nicht nur der Ewigkeit des Kosmos gegenüber wird dein Leben wie Jota wirken. Auch schon für die Generation nach dir wirkt dein Leben wie verkürzt. Prüfe dich: Dir selbst erscheint deine eigene Vergangenheit wie sehr kurz – ist es nicht so? Und je älter du wirst, umso kürzer erscheint dir das ganze Leben, von dem du zuerst glaubtest, es würde fast ewig währen.

Auch du wirst bald tot sein. Mit den Personen deiner Zeit, mit deinen Freunden und mit deinen Feinden, wirst du Seite an Seite ruhen. Und die Orte und Dinge, die du liebst, werden vergessen sein, zusammen mit dir.

Die Erinnerung an dich wird in Dingen, in anderen Menschen, in deinen Kindern, eine Zeit lang weiter getragen werden. Die Erinnerung an dich, an deinen Namen, wird sich mehr und mehr vermischen mit anderen Erinnerungen, so dass schließlich niemand mehr an deinen Namen denken wird. Weil andere Namen in den Vordergrund treten; so, wie dein Name sich auflöst, entstehen sie. Es ist eine Welt der Namen.

Du bist, auch wenn du tot bist, immer noch in dieser Welt, als die Dinge und die Menschen, die du berührt hast. Aber du transformierst dich, und dein Ich – ein Name – löst sich auf, verdünnt sich mehr und mehr. In dieser Welt sehen wir das als ein Ende, jedoch ist es eigentlich eine Wandlung.

Ähnlich erinnert man sich bald nicht mehr an den Baumeister eines Hauses, selbst wenn das Haus noch lange steht. Der Baumeister ist im Haus verewigt, als seine Gedanken, seine Baukunst, sein Geschmack. Aber das Haus wird neu assoziiert, neu gedacht werden. Es wird assoziiert werden mit den Menschen, die im Augenblick darin leben, mit ihren Gedanken, ihren Künsten, ihrem Geschmack.

 

So wandelt sich alles – von Staub zu Dingen und wieder zurück. Und natürlich wirst auch du dich verwandeln. Und wirst wieder entstehen, in anderer Form.

Wirst du dich selbst, in dieser anderen Form wiedererkennen?

Kannst du dich in diesem Moment wiedererkennen, als eine andere Form, die bereits vergangen ist?

Sieh, wie sich alles wandelt. Und lerne den Augenblick zu schätzen. Lerne zu schätzen, dass du mit den Dingen, und mit den Menschen, die dich im Augenblick umgeben, auf dieser Welt sein darfst. Lerne den Gedanken zu schätzen, als das bewusste Sein, das dich sagen lässt: „Ich bin!“. Lerne zu schätzen, dass du diesen Augenblick erleben kannst. Lerne deine Endlichkeit zu schätzen, denn nur sie lässt dich sagen „Ich bin hier“. Denn, wo wärst du, wenn dieses Hier nicht ein abgegrenzter Ort wäre? Was wäre ein Ich, wäre es nicht endlich? Was wäre dein Sein, wäre es nicht etwas Begrenztes?

Sage „Danke für diesen Augenblick“. Im nächsten Moment ist er vergangen. Jedes Leben ist so ein Augenblick.

 

 

Werde deiner Endlichkeit bewusst was last modified: Januar 18th, 2018 by Henrik Geyer