Was hat die Ausdehnung des Universums mit Zufriedenheit zu tun?

Zunächst zum Wortverständnis: Was ist ein Universum? Das Universum ist universell alles, was man kennt. Ein anderes Wort dafür ist „das All“. Das All ist ebenfalls universell „alles“.

In einer etwas erweiterten Bedeutung kann man auch sagen: Das Universum ist alles, was es geben könnte. Und über das, „was es geben könnte“, also das Mögliche, kann man sich sehr streiten; Der Spirealismus würde keine Quantifizierung für sinnvoll halten – das, was es geben kann ist in jeder Hinsicht unendlich. Und damit nicht erkennbar. Dem Spirealismus ist das Wahrnehmen gleichzeitig ein „Erschaffen“, wodurch die Quelle der Dinge unerschöpflich ist.

Der Materialismus würde aber enge Grenzen ziehen – und hält damit das nicht Bekannte für irgendwie eingrenzbar. Ich verwende bewusst das ungenaue „irgendwie“, denn es ist eine Idee, die in den materialistischen Köpfen spukt, ohne dass das näher erklärt werden kann.

Das Mögliche ist dem Materialismus eingrenzbar, weil die Dinge seiner Systematik zufolge ja erst einmal „da sein“ (existieren) müssen, bevor man sie wahrnehmen kann. In einem begrenzten Raum können nur begrenzt viele Dinge vorhanden sein, so die Logik. Und insofern ist das Universum dem Materialismus völlig in Ordnung, solange es begrenzt ist. Es ist ihm aber suspekt wenn es unendlich ist, denn, wie viele Dinge könnten in einem unbegrenzten Universum existieren? Unendlich viele, nicht wahr? Dann wäre ja das Mögliche …. unendlich! Und das wiederum bedeutete, dass unsere für so universell gehaltenen Naturgesetze nur eine sehr begrenzte Geltung hätten: für uns! So will, oder besser kann, der Materialismus nicht denken.

Nein, der Materialismus hält nur für möglich, was mit unserer Auffassung von den Naturgesetzen konform geht. Weiterhin ist ihm nur das Beobachtbare „möglich“; d.h., als Schema für das Mögliche sieht er grundsätzlich das bereits Wahrgenommene an. Und hat dabei keinerlei Gewissensbisse, das so zu sehen, und übergeht jede tiefergehende Frage geflissentlich!

Jedenfalls erscheint dem Materialismus das, was es geben kann, das Mögliche, als sehr eingrenzbar.

Doch kommen wir zurück zur ersten Aussage: Das Universum ist universell alles, was man kennt. Mit dieser Aussage ausgerüstet, kann man folgende Aussagen treffen:

  1. Das, was jemand kennt, ist von Person zu Person unterschiedlich. Also reden wir eigentlich von vielen Universen.
  2. Das, was jemand kennt, ist sehr viel irdisches Wissen, und sehr wenig außerirdisches Wissen. Daher ist das „All“ vor allem ein irdisches All, und nicht, wie der Begriff gemeinhin umgekehrt gebraucht wird, ein außerirdisches All.

Genau so versteht der Spirealismus den Begriff des Universums: Ein Universum ist letztlich ein individuelles Ich-Universum, in denen alle Dinge vorkommen, die ein Subjekt in seiner Welt wahrnimmt. Ein Universum ist somit die Gesamtheit der Erfahrungs- und Wahrnehmungswelt eines Individuums, eines Subjektes.

Ein Subjekt im spirealistischen Sinn kann übrigens ebenso ein einzelner Mensch sein, wie ein Volk, wie auch eine „Menschheit“. Bleiben wir aber, der Einfachheit halber, beim einzelnen Menschen.

Das Universum als Modell unseres Denkens

Es ist ein verblüffender Gedanke, das Universum (gemeint ist jenes scheinbar äußerliche) nicht als den ultimativen Gegenstand der Forschung zu betrachten, sondern als ein Modell, das uns selbst die Funktionalität unseres Denkens aufzeigen kann. Aus spirealistischer Sicht liegt dieser Gedanke nahe, denn der Spirealismus hat als fundamentalen Grundsatz, dass es nichts Objektives gibt, mit anderen Worten: Es gibt nichts, das sich unabhängig vom Beobachter beobachten ließe. Dieser Grundsatz kommt auch immer in dem Satz zum Ausdruck, der Mensch sei nicht Beobachter der Schöpfung, sondern deren Element.

Wenn wir also das Universum ansehen, in seiner Unendlichkeit (?), dann kann und sollte man sich fragen, was uns dessen Eigenschaften über unser Denken verraten.

Wie immer werde ich nicht müde zu betonen, dass man dieselben Überlegungen auch in Bezug auf jeden Alltagsgegenstand anstellen könnte, und so, wie in Punkt 2 angedeutet, versteht man das Universum besser, wenn man davon ausgeht, dass es hier, direkt vor uns, und in uns, ist, und nicht in schwer fassbaren kosmischen Weiten. Die Eigenschaften des Universums lassen sich doch am besten ermessen, wenn wir die Kaffeetasse betrachten, die vor uns auf dem Tisch steht. Jedoch erscheint wohl manchem das Universum vielleicht einer neuen grundsätzlichen Überlegung wert, während ein Alltagsgegenstand dem materialistischen Denken nichts Neues zu bieten scheint.

Man sollte sich aber vor Augen führen, dass die Art und Weise Dinge zu erkennen immer die ist, von den ganz einfachen, alltäglichen Dingen, auf das Nächstkomplizierte zu schließen. Am Ende ergeben sich sehr lange Logikketten, die aber niemals ohne die primitivste Grundannahmen auskommen. Während die von uns zuletzt erschaffene Kausalität noch recht schwach zu sein scheint, werden die allerersten Grundannahmen zu geradezu unverrückbaren Ecksteinen – und sie erscheinen wie ein niemals bestreitbares Grundgesetz. Beispielsweise hält es die Chemie für gegeben, dass ein Atom, gesehen als Körper, einen Kern haben mussn, so wie eine Kirsche einen Kern hat.

Im Zusammenhang mit dem galaktischen Universum machen wir es uns nicht klar, dass all unser Schließen über Sterne, die Milliarden Lichtjahre weit entfernt sind, von der Erfahrung von Kaffetassen, Kirschkernen etc.. ausgeht. Jedoch, sich dies bewusst zu machen, ist umso mehr nötig, je mehr man sich darauf einlässt, das Universum als eine Frage des Bewusstseins zu sehen, getreu der spirealistischen Grundüberzeugung, dass die Welt (das Universum) ja niemals etwas anderes sein kann, als das, was man darin sieht – wir haben hier wieder die grundsätzliche Rückkopplung: was haben die äußerlichen Dinge mit uns selbst zu tun?

Also angenommen, wir würden verschiedene Universen definieren, aus dem, was verschiedene Leute an Objekten im Kopf haben (kennen). Dann wären wir im Prinzip wieder bei den Grund-Eigenschaften des Universums, so, wie wir es im Außen sehen, nämlich als die galaktischen Weiten.

Hierzu will ich einige fundamentale Aussagen treffen.

  1. Die Ausdehnung des Universums hängt von der Menge der darin enthaltenen Objekte ab
  2. ein Objekt gewinnt an Schärfe / Facettenreichtum, je mehr Objekte das Universum enthält
  3. Ein Universum erscheint gegenüber einem anderen nicht unvollständig, wenn es im Vergleich zum anderen weniger Objekte enthält
  4. Universen unterscheiden sich nicht nur durch die Zahl der darin sichtbaren Objekte, sondern auch durch deren Beschaffenheit. Die Objekte unterscheiden sich immer durch die perspektivisch wahrgenommenen Objektbeziehungen.

Hier einige Erläuterungen zu den Punkten

Zu 1.: Die Ausdehnung des galaktischen Universums wird im Wesentlichen durch immer größere Teleskope bestimmt (gemessen), die den „Rand“ des Universums in immer weitere Entfernung rücken. Wenn man ein Objekt, also einen Stern, in 30 Milliarden Lichtjahren Entfernung wahrnehmen kann, so muss das Universum eine Ausdehnung von 60 Milliarden Lichtjahren haben – 30 Milliarden Lichtjahre in jede Richtung. Daher dehnt sich unser wahrgenommenes Universum mit der Leistungsfähigkeit der Teleskope. Den Raum hingegen kann man nicht beobachten. Raum macht überhaupt erst Sinn, wenn Objekte darin sind.

Zu 2.: Man stelle sich vor, man hätte einen Raum, der nur ein einziges Objekt enthielte. In einem solchen Raum wären Positionsangaben und das Messen einer Länge nicht möglich. Das zeigt, dass die Definition von Eigenschaften eine Relation zwischen verschiedenen Objekten ist. Stellen wir uns das Ganze als Farbe vor. Was machte es für einen Sinn davon zu sprechen, ein Objekt sei rot, wenn man nicht andere Objekte kennte, die über diese Farbe Rot verfügen?

Und, ganz allgemein gesagt, jenseits des Abstrakten: Unser Beurteilen des Universums gewinnt offenbar an „Tiefenschärfe“ und Facettenreichtum, je genauer wir das Universum betrachten. Wir nennen es unseren wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, in der Annahme, dass die Aussagen, die wir treffen, unabhängig von unserer Beobachtung, irgendwie „vorhanden“ seien. Lassen wir das so stehen, obwohl es, aus spirealistischer Sicht, ein sehr offensichtlicher Irrtum ist.

Zu 3.: Nehmen wir einen Menschen, der sehr wenig kennt, und einen, der sehr viel kennt. Nehmen wir beispielsweise einen sehr jungen Menschen, und einen sehr alten Menschen. Hat der sehr junge Mensch den Eindruck, seine Auffassung des Alls sei irgendwie unvollständig? Keineswegs! Jeder kann bei sich selbst sehen, dass zu keinem Zeitpunkt des Lebens das, was man kennt, als „zu wenig“ erscheint, gegenüber dem, was es zu kennen gälte. Warum? Zunächst einmal, weil sich die Differenz nicht herstellen lässt. Das, was ich nicht kenne – wie soll ich es quantifizieren? Wie soll ich den Unterschied ermitteln zwischen dem, was ich kenne, und dem, was ich nicht kenne? Ganz ähnlich ergeht es uns beim galaktischen Weltall. Wer soll wissen, welche Objekte es jenseits des Ereignishorizonts gibt? Das wäre geradezu gleichbedeutend mit einem Blick in die Zukunft!

Hinzu kommen noch einige Besonderheiten des materialistischen Weltbildes. Der Materialismus fragt sich, was Unendlichkeit ist, und ob das All unendlich sei. Er stellt fest: Je tiefer man in das All hineinsieht, desto mehr erkennt man. Der Grundannahme des Materialismus, der eine objektive Welt voraussetzt, entspräche es aber, von einem „letztendlichen“ Weltall auszugehen, so, wie ihm ja jedes Ding einen Anfang und ein Ende zu  haben scheint. Doch, die Erkenntnis von etwas Letztendlichem entzieht sich dem Materialismus stets, wodurch ihm das Weltall recht paradox zu sein scheint.

Im Spirealismus wäre das anders. Der Spirealismus geht nicht davon aus, dass man Unendlichkeit beobachten könne – ihm ist Unendlichkeit gleichbedeutend mit der kreativen Unerschöpflichkeit des Geistes, und Geist ist ja überall!

Der Materialist wird also immer annehmen, dass das, was er nicht kennt, irgendwie überschaubar wäre, könnte er es nur sehen. Meist meint er sogar, er würde das allermeiste kennen, und das, was er nicht kennt, sei eher wenig … und außerdem weniger wichtig. Als das Wichtige hingegen erscheint ihm stets das, was er kennt.

Zu 4.: Es darf als unbestreitbar gelten, dass ein bestimmter Blick in das Universum eine bestimmte Wahrnehmung bedingt. Etwa führt die Radioastronomie (jene, die Signale aus dem Weltraum mit Hilfe riesiger „Satellitenschüsseln“ auffängt und zu Bildern von Sternen verarbeitet) zu anderen Sichtweisen auf das galaktische Universum, als die Himmels-Beobachtung mit Teleskopen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Wahrnehmung. Unsere Erfahrungen, unser Wissen, ist gewissermaßen das Werkzeug der Beobachtung, also das Fernrohr; und dieses ist vom Ergebnis der Beobachtung nie und nimmer zu trennen. „Unsere Annahmen bedingen, was wir beobachten können.“ (Einstein).

Also können wir sagen (und verwenden hier die Semantik materialistischer Vorstellungen, der zufolge zwei Objekte dann identisch sind, wenn sie in allen Eigenschaften völlig übereinstimmen), dass die Universen verschiedener Menschen nicht nur in der Zahl der darin enthaltenen Objekte verschieden sind, sondern auch in deren Beschaffenheit – daher handel es sich eigentlich um (im materialistischen Sinn) ganz verschiedene Universen!

Zufriedenheit und das innere „All“

Um den Zusammenhang des einzelnen Menschen, bzw. dessen Denkens, mit dem All zu erörtern, bedurfte es dieser Vorrede. Versteht man das Weltall als etwas von Menschen völlig Verschiedenes, wird dieser gesamte Text wenig Sinn machen.

Ich will nun etwas als gegeben deklarieren: Gemeinhin ist man der Auffassung, dass Zufriedenheit und Glück davon abhängen, wie man die Fülle der Welt wahrnimmt.

Meist führt diese Weltauffassung / Glücksauffassung zu einer hektischen Reisetätigkeit, damit man ja nichts verpasse.

Zur Klarstellung: Auch ich empfinde es als großes Glück, die Welt in all ihren verschiedenen Facetten wahrnehmen zu können und schillern zu sehen. Allerdings möchte ich hier die Einschränkung machen, dass es, bedenkt man das oben Genannte, sehr auf das Universum der Auffassungen ankommen, mit Hilfe dessen man neue Erfahrungen macht.

Hierzu ein Beispiel: Beobachtet man das All mit einem Erfahrungshorizont, der dem unserer Vorfahren gleichkommt, die mit unbewaffnetem Auge das Firmament wahrnahmen, werden die Auffassungen von den Dingen des Alls insgesamt wenig plastisch und sehr eindimensional erscheinen. Um in dem Bild zu bleiben: Wie eine Bühne, über die die Götter mit ihren Wagen fahren …

Noch anders gesagt: Was nützt die schönste Reise, wenn man von der Geschichte eines Landes und den vielfältigen kulturellen Querverbindungen keine Ahnung hat? Dann wird das Taj Mahal zu einem ganz schönen, weißen Gebäude. Hübsch! Der Tower of London wird zu einer eher kleinen Festung neben der Tower Bridge, u.s.w..

Der eigentliche Spaß am Leben, die Freude, ist aber ja, wie gesagt, dieses Schillernde; das Erkennen! Es sind die unendlichen Weiten der Gedanken, auch der Tagträume, des Mystischen, der Ahnungen, der Erinnerungen und Phantasien!

Insofern ist es aus spirealistischer Sicht das Ziel, durch Strebsamkeit, Lernen und Phantasien, das eigene Universum recht umfangreich und vielgestaltig zu machen. Nicht nur als Vielreiser an vielen Orten zu sein, sondern vielleicht sogar an wenigen Orten zu sein, jedoch diese Orte mit Erinnerungen, Gedankenverbindungen, Träumen, anzureichern und so zu etwas besonders Wertvollem zu machen. Und dabei immer wieder die Erfahrung zu machen: Man kann ebenso in die Weiten des galaktischen Universums hinauszoomen, wie man in den Mikrokosmos der Dinge hineinzoomen kann – Kenntnisreichtum macht es möglich. Die Erfahrung dieser Unendlichkeiten ist jeweils überwältigend, und, die Wurzeln jedes Dinges liegen in ja der Unendlichkeit!

Was hat die Ausdehnung des Universums mit Zufriedenheit zu tun? was last modified: Februar 1st, 2019 by Henrik Geyer

Lebenskrise als Chance

Lebenskrisen geben uns Gelegenheit über die wichtigen Themen des Lebens nachzudenken.

Warum können wir das normalerweise nicht?

Weil wir abgelenkt sind von den tausenderlei Geschehnissen des Tages, den Anforderungen, den „ganz wichtigen“ Dingen.

Oft sind wir erst in der Lage über uns selbst nachzudenken, wenn etwas Schlimmes geschieht. Dann werden wir zu Recht ganz kleinlaut. Die „Wichtigkeiten“ der Welt treten in den Hintergrund, werden unwichtig und klein. Wir lecken die Wunden. Das Ego löst sich auf, wird biegsam und schmiegsam – quasi formbar. Das Ego ist jene Instanz, die uns sagt, etwas ganz Bestimmtes zu sein; das Ego ist das Ich. Ich BIN … Plötzlich ist man sich über vieles nicht mehr so ganz im Klaren .. was vorher ganz sicher schien.

Der Verlust des Ego geht oft einher mit einem Verlust an Gewicht. Die Körperlichkeit verliert, man könnte es als einen Prozess der teilweisen Auflösung sehen und als eine schöne Illustration dafür, dass Körper auch Geist ist. Der mit der Depression (Depression lateinisch für Niedergang, Zurückgehen) verbundene Niedergang des Ego drückt sich in einem Niedergang des Körperlichen aus.

Und nun erst, weil die Lage gar keinen anderen Schluss mehr zulässt, kann man sich eingestehen, dass man selbst an all dem Übel, das einem zustieß, Schuld (mit-)trägt. Nur jetzt, in dieser schweren Zeit, kann man akzeptieren, selbst der Bösewicht zu sein.

Das könnte man eigentlich dauerhaft so sehen, aber die wenigsten tun es. Daher ist eine solche Not-Lage eine große Chance. Sie bietet die Möglichkeit wachsender Einsicht.

Es ist eine einmalige Gelegenheit, etwas unschätzbar Wichtiges zu verstehen, etwas, das man sonst wohl nie lernen würde. Was man jetzt verstehen kann, ist, wie sehr unser Außen ein Spiegelbild des Innen ist. Und wie sehr die Teufel des vermeintlichen Außen in einem selbst wohnen. Und umgekehrt hat man die Chance zu begreifen, dass der Himmel ebenfalls in einem selbst wohnt, sofern man ihn dort sehen kann. „Gottes Reich ist inwendig. Man wird nicht mit dem Finger weisen können, es sei da oder dort … [im Außen]“


Kontemplation ist jetzt wichtig. Nachdenken. In sich gehen. Nicht viele Worte, sondern Schweigsamkeit. Keine Schuldzuweisungen. Nichts hat NUR eine Seite. Nichts ist einzeln. Auch das Ego ist das Resultat aus Beziehungen. Wenn es klein wird hat es die Chance sich neu zu definieren. Man drückt das oft so aus: Man will sich selbst finden. Oder: Man will sich neu er-finden.

Das ist wichtig. Es geht darum, was man tun wird. Was einem am allerwichtigsten ist. Wer man ist, oder besser: als was man sich sieht.

Und es geht jetzt wieder darum, wer man sein wird. Wer man sein will, wenn man es sich aussuchen könnte. Es ist dann wieder ein bisschen, als sei man ein kleines Kind. Alles ist offen(er). Man kann sich die Zukunft neu aussuchen, vorausgesetzt, man findet jetzt das richtige Verständnis für die Situation.

Man überlegt, wie man mit der Situation umgeht. Folgende Punkte halte ich für besonders bedenkenswert. Jeder einzelne Punkt ist eine Philosophie für sich und sollte in das Denken einsinken. Es reicht eigentlich nicht aus, die Punkte zu lesen und sie gut zu finden, sondern sie müssen begriffen und gelebt werden.

  1. Endlichkeit. Alles ist für den Menschen sehr endlich, zum Beispiel die Zeit, also die Jahre, die man noch hat. Egal ob man jung oder alt ist. Und damit sind die Dinge endlich, die man tun kann. Die Zeit, die einem verbleibt, und deren Maß man nicht abschätzen kann, ist sehr wertvoll – man sollte nicht damit herumschludern. Dieser Gedanke sollte einem ein Gefühl dafür geben, wie entscheidend es ist, sich auf die allerwichtigsten Werte konzentrieren und JETZT das Leben zu leben, das man für richtig hält.
  2. Endlichkeit akzeptieren. Trotzdem geht es nicht darum,  das Leben „maximal auszunutzen“. Der Wert der Dinge ist ohnehin eine Sichtweise. Nichts was man tut weil man es „tun muss“ gewinnt dadurch an Wert. Was man schnell und ohne Liebe tut, ist verschwendet. Was man ohne Überzeugung tut, ist verschwendet. Aus der Sichtweise der Endlichkeit (Punkt 1) folgt, dass der Mensch nur einfache, kleine Dinge, tun kann. Er ist endlich im Unendlichen! Doch diese kleinen Dinge können für ihn den allergrößten Wert haben. Es geht also darum, Verständnis zu gewinnen. Es muss mit Bedacht ausgewählt werden, was man selbst für wichtig hält.
  3. Karma: Was wir tun, was wir denken, hat Wirkungen. Wirkungen, die wir nicht im Zusammenhang mit ihren Ursachen sehen können. Der Gedanke des Karma ist der Gedanke des Wissens um ein Nichtwissen: ALLES hat seine Wirkungen, und ALLES hat auch einen Grund. Die Begrenztheit des Menschen kommt darin zum Ausdruck, dass er nur wenige Wirkungen ihren Ursachen zuordnen kann, und nur wenige Ursachen ihren Wirkungen. Der Gedanke des Karma lässt uns verstehen, wie wichtig unsere innere Einstellung für andere Leben ist, im Sinne eines nie endenden Kontinuums. Das wir die Dinge gekapselt sehen, als in sich abgeschlossen, uns selbst beginnend und endend in Geburt und Tod, ist nur eine Sichtweise; tatsächlich ist alles mit allem verbunden. Beispielsweise werden wir unseren Kindern kein Gefühl für Verantwortung hinterlassen können, wenn wir selbst keins haben. Das ist Ursache und Wirkung. Wir können kein Gefühl der Liebe an unsere Kinder weitergeben, wenn Liebe für uns Nebensache ist, oder wenn wir Liebe für manipulierbar und als Mittel zum Zweck ansehen. Und so weiter. Auch wenn wir glauben, die Kinder lebten später „ihr eigenes Leben“, ist, was in ihnen bleibt, die Erinnerung an unser gelebtes Leben, das in ihnen mit dem unserem verwoben ist. Wer die Sichtweise des Karma verinnerlicht, der wird es für wichtiger halten, fundamentale Werte im eigenen Leben zu verwirklichen, als flüchtige Werte, als materielle Werte, als wechselnde Werte des Momentes.
  4. Entscheidungen. Klar werden. Die Sichtweise der Endlichkeit hat auch eine weitere klare Folge: Man muss sich entscheiden. Man kann nicht alles haben. Man muss auch nicht alles haben, um ein erfülltes und gutes Leben zu leben. Man kann die schon erwähnte Endlichkeit akzeptieren, darf für sie sogar dankbar sein. Dieser Gedanke sollte dazu dienen, dass wir uns für einige Akzente unseres Lebens entscheiden, die wir gern verwirklicht sehen möchten. Es geht eher um entscheidende Prinzipien, als um einen genauen Weg. Beispielsweise geht es sehr häufig um „Ehrlichkeit“ im Gegensatz zu Lebenslügen. Wer diesen Akzent setzen will, der muss in sich Ehrlichkeit verwirklichen. Der muss eine ENTSCHEIDUNG treffen. Man kann nicht ehrlich sein, wenn man es gleichzeitig für möglich hält unehrlich zu sein. Und es geht auch nicht darum, Ehrlichkeit im Außen zu suchen, etwa, um andere Menschen zu bewerten und sie ihrer Unehrlichkeit wegen zu verurteilen.
  5. Das Ego verstehen. Überhaupt ist die Besinnung auf das Selbst, die oft erst in Krisenzeiten eintritt, sehr wichtig. Im Arbeitsprozess, in der Peergroup, werden die Anforderungen, die Meinungen, schnell verinnerlicht. Man weiß nicht mehr zu unterscheiden zwischen dem, was anderen wichtig ist, und dem, was einem selbst wichtig ist. Wenn man beginnt das Ego als etwas Eigenständiges zu sehen, dann beginnt man andererseits auch, die Verwobenheit des Ego mit den anderen Egos zu  begreifen. Und man beginnt das Wechselspiel, den Prozess zu sehen, der zwischen all diesen kosmischen Punkten stattfindet. Der Prozess ist das Interessante, nicht die statische Auffassung: Derjenige IST so und so, Jener dort IST so und so …
  6. Vergebung. Meist haben unsere schwersten Lebenskrisen etwas mit anderen Menschen zu tun, denken wir an Ehekrisen, an geschäftliche Krisen, an Freundschafts- und Vertrauenskrisen, u.v.m.. Wer das Ego versteht, der versteht auch, dass derselbe Kampf der Gefühle, der Unsicherheiten, des Das-Gute-tun-wollen-und-Böses-Hervorrufen, überall im Gange ist. In uns und außerhalb von uns. In diesem Gedanken liegt Verständnis für andere Egos. Darin liegt Vergebung. Vergebung bedeutet Verständnis für die psychischen Nöte des Anderen. Vergebung muss nicht heißen, dass man auf sein (juristisches) Recht verzichtet. Das kann es heißen. Vergebung muss nicht heißen, dass man keinen Zorn mehr spürt. Das kann es heißen. Vergebung muss nicht heißen, dass es keine Konsequenzen gibt. Das kann es heißen. Vergebung kann dazu führen, dass man bestimmte Rechtsmittel nicht einlegt, dass man sich in Frieden trennen kann, dass man sich nicht zermürbt in Zweifeln und in Gedanken an eigene Lächerlichkeit. Vergebung kann heißen, dass man Schlaf und Ruhe findet, und damit die Kraft neu anzufangen. Vergebung ist im Grunde ein tiefes Verständnis für das Wesen des Kosmos – als eine Wechselwirkung. Nichts was ich im Außen sehe ist mir wirklich fremd, denn es ist auch in mir! Vergebung ist der Form nach Vergebung für andere, ist aber ebenso ein Sich-selbst-Vergeben. Anderen Ruhe geben bedeutet, selbst Ruhe finden. Anderen Schuld zu verzeihen bedeutet eigene Schuld überhaupt sehen zu können. Anderen Schuld zu verzeihen bedeutet, sich weniger auf das eigene Leid konzentrieren zu müssen.
  7. Sich auf sich selbst konzentrieren. Wir vergessen oft, dass unser Schicksal zuallererst von uns selbst abhängt. Der wichtigste Hebel für unser Glück und für unser Wertschätzen sind wir selbst. Niemanden können wir in derselben Weise, mit der gleichen Leichtigkeit, formen, so wie uns selbst. In diesem Gedanken liegt ein tiefer Frieden, denn wir müssen auf niemanden warten, dass dieser uns unser Glück ins Haus trägt. Sondern, wir können und müssen bei uns selbst anfangen. Das vermindert unsere Unzufriedenheit über das Handeln anderer. Das Handeln anderer sollten wir als ein Geschenk sehen, auf das man hoffen darf, das man aber nicht mit Sicherheit hervorrufen kann. Sich auf sich selbst zu konzentrieren vermindert unser manipulatives Verhalten anderen gegenüber, was wiederum von diesen intuitiv wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Was wir geben kommt auf diese Weise zu uns zurück. So bekommen wir auch den besten Hebel für unser Glück in die Hand: Indem wir verstehen dass der entscheidende Faktor für Glück bei uns selbst liegt, erkennen wir, durch Tun, die Formbarkeit des Selbst. Übrigens lernt man auf diese Weise, indem man das Selbst begreift und formt, dass das keineswegs leicht ist. Das Ego zu formen ist in etwa so schwer, wie es schwer für einen Bodybuilder ist, 30 kg Muskelmasse aufzubauen. Hier wie dort handelt es sich um einen Prozess, der nicht damit erledigt ist, dass man sagt: „Jetzt habe ich etwas verstanden.“ Es hat eher etwas mit täglichem Tun und Denken, bzw. Training zu tun. Man benötigt Entschlossenheit, um die bisherigen Lebensgewohnheiten und Sichtweisen fundamental umzustellen. In Lebenskrisen gibt es die Chance auf eine solche Entschlossenheit.
  8. Gottvertrauen. Bei aller Selbstsicherheit, dass man sein Schicksal „in die eigenen Hände nehmen“ könne, darf man niemals vergessen, dass die Zukunft in ihrem Wesen ungewiss ist. Ist denn nicht die aktuelle Lebenskrise der beste Beweis, dass man eben nicht Herr des Schicksals ist? Gerade eben noch glaubte man alles „im Griff“ zu haben! Das macht kleinlaut, völlig zu Recht. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Man darf voller Schicksalsergebenheit auf Gott vertrauen. Krisenzeiten bieten immer auch die Chance zu verstehen, wie wichtig das Loslassen ist. Loslassen als das Gegenstück des Zwangsdenkens, wir hätten unser Leben „in der Hand“ und müssten es gottgleich steuern. Das gelingt nicht, überfordert nur. Alles kann passieren. Auch wenn man sich noch so bemüht kann es doch nie gelingen, dass man das eigene Schicksal vollständig in die Hand bekommt. Unser Schicksal ist verwoben mit so vielen anderen Schicksalen, die ganz ähnlich ungewiss sind. Akzeptanz … Loslassen … Auf Gott, das Höhere, vertrauen!
  9. Die Formbarkeit des Ego erhalten. Gottvertrauen hat auch den Aspekt von: Das Ego nicht zu groß werden lassen. Denn wer das Höhere als eine Seinsbedingung begreift, wer Gott am Werk sieht, überall dort, wo er auch hinschaut, dem kann das eigene Ego nicht zu einem Gott werden. Zu einem scheinbar allmächtigen Gott-Ego, das da sagt: ICH verstehe alles, ICH habe alles im Griff. Und wer die Formbarkeit des Selbst als einen Prozess versteht (man denke an den erwähnten Bodybuilder), der wird auch verstehen, wie wichtig es ist, die Formbarkeit des Ego zu erhalten. Denn das Ego hat die Tendenz wieder stark und übermächtig zu werden, in Selbstgefälligkeit zu verknöchern und später spektakulär und schmerzhaft zu zerbrechen. Man sollte versuchen das Ego jung und biegsam zu halten. Im Lebens-Prozess gibt es immer wieder Gelegenheiten für wichtige Entscheidungen, die wir dann gut meistern können, wenn unser Ego nicht zu übermächtig geworden ist. Wenn wir uns selbst noch ändern können.
  10. Jetzt. Weil alles im Leben endet, weil alle Dinge kaputtgehen, alle Menschen sterben, alle Gedanken vergessen werden, sollte man lernen das Jetzt und den Moment wertzuschätzen und anzunehmen. Das Jetzt ist das eigentliche Sein. Man darf Danke sagen für das Jetzt. Ziele, die man für eine ferne Zukunft hat, verleiten uns oft dazu das Jetzt nicht wertzuschätzen. Verleiten uns, das Jetzt als einen flüchtigen Moment des Übergangs in eine besseren Zeit zu verstehen. Als einen unglücklichen Moment sogar, um den es nicht schade ist, da er ja dem höheren Zweck dient, einer besseren Zukunft geopfert zu werden. So hofft denn mancher, dass das Jetzt bald vorübergehen möge. Doch es bleibt. Das Jetzt ist immer. Auf diese schlichte Weise vergeben sich viele das Glück und die Erfüllung, die der Moment für sie bereithalten könnte – in der Hoffnung auf ein Glück und eine Erfüllung der Zukunft. Doch welche Zukunft des Glücks will man aufbauen aus einer Gewohnheit des Unglücklichseins heraus?
  11. Abgrenzung und Verbindung. Weil das Ego das Resultat aus Beziehungen ist, darf man nie vergessen, dass Abgrenzung ebenso wichtig ist, wie die Verbindung. Selbsternannte Esoteriker reden oft davon, man müsse sich mit allem verbinden. Alles sei „in Wirklichkeit“ eins. Aber Abgrenzung, das Lösen von Verbindungen, ist ebenso wichtig. Das geht schon aus dem ersten Punkt, der menschlichen Endlichkeit, hervor. Wir müssen uns beispielsweise keinen Problemen stellen, die wir nicht haben, die wir nicht einmal kennen. Es ist der alte spirituelle Weg des Eremiten. Man kann das Ego wie einen SÜCHtigen begreifen, dessen SUCHE nach immer Demselben (dieselben Denkgewohnheiten, dieselben Informationsquellen, dieselbe Peergroup) das Schicksal gestaltet. So, wie es einem Alkoholsüchtigen geraten ist Kneipen zu meiden (selbst wenn er vorgibt dort nur Brause trinken zu wollen und Zeitung zu lesen), ist es für das Ego auch wichtig bestimmte Verbindungen zu meiden und neue aufzubauen. Je nachdem, was man im Leben verwirklicht sehen möchte. Je radikaler das gelingt, desto umfassender kann eine Veränderung sein.
  12. Wertschätzung. Das bedeutet: als wertvoll einschätzen, was gut ist am eigenen Leben. Das heißt, die Menschen wert zu schätzen, die einem gut tun; die Dinge wertzuschätzen, die einem das Leben erleichtern; die kleinen Dinge wertzuschätzen die völlig oder fast kostenlos sind, wie die Luft, das Wasser, auch die Nahrung. Das bedeutet sparsam und nicht zu anspruchsvoll zu sein. Mit Wertschätzung kann das einfachste Leben ein glückliches Leben sein. Wertschätzung bildet einen guten Lebenskompass. Wertschätzung ist eine Übung, ein Lebensweg. Es ist die Übung, jeden Tag „Danke“ zu sagen. Ausgerüstet mit dem Kompass der Wertschätzung lassen sich die wichtigen Lebensentscheidungen gut treffen. Dann kann man gut unterscheiden zwischen dem, was man wirklich braucht, was einem wichtig ist. Und dem, was eigentlich ganz überflüssig und wertlos ist – selbst wenn die ganze Welt anderer Ansicht ist. Oft genug leben wir die Werte anderer und vergessen darüber, das eigene Leben, und die eigenen Dinge darin, wertzuschätzen.

Man kann eine Lebenskrise als eine Gelegenheit sehen, das eigene Leben neu zu verstehen und neu aufzubauen. Eine Lebenskrise ist, so gesehen, wertvoll. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass man eine Lebenskrise nicht genießen kann. Und man sucht Lebenskrisen auch nicht, sondern will sie vermeiden. Man denke an schwere Krankheiten, an Scheitern, an Abschiede, an Unfälle, an Vertrauensbrüche und vieles mehr. Vielleicht tröstet es ein wenig in der schwierigen Situation, wenn man die oben genannten Punkte bedenkt, selbst wenn man sie zuerst nicht wirklich versteht.

Lebenskrisen sind Phasen, von denen man sagt „so etwas möchte ich nie wieder erleben.“ Man hat gute Chancen, dasselbe nicht noch einmal zu erleben, und dieselben Fehler nicht noch einmal zu begehen,  wenn man aus einer Lebenskrise lernt. Wenn man eine Lebenskrise, schließlich und endlich, als Chance begreift.

Lebenskrise als Chance was last modified: April 19th, 2018 by Henrik Geyer

Lass es geschehen

Gerade las ich zufällig ein schönes Zitat, über das es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Leben ist Veränderung. Dieser Veränderung zu widerstehen, wirkt dem Lebensfluß mehr entgegen, als sich ihr zu ergeben. Die Essenz des Lebens ist dessen Verlauf: Die Ereignisse, Bedingungen und Erfahrungen, die uns formen und zeitweise auch aus der Bahn werfen.

Samuel Taylor Coleridge
englischer Dichter und Philosoph
geb. 21. Oktober 1772 in Ottery St Mary, Devon; gest. 25. Juli 1834 in Highgate, London

 

 

Wie oft überlegen wir (stimmt es oder nicht?), wie wir die Spuren des Alters verwischen können, um wieder jung auszusehen. Oder, wenn wir vielleicht 25 oder 30 Jahre alt sind, dann überlegen wir, wie wir verhindern können, dass wir die Freiheiten der Jugend eintauschen gegen das Gebundensein des Erwachsenenlebens. Oder, wenn wir sehr jung sind, dann überlegen wir, wie wir möglichst schnell erwachsen sein können. Und schließlich, wenn wir sehr alt sind, dann möchten wir dem Tod von der Schippe springen und können oft dessen Folgerichtigkeit nicht sehen.

Aber letztlich hat jedes Alter seine Notwendigkeiten, die, wenn man sie akzeptiert, schöne und einzigartige Lebenserfahrungen mit sich bringen. Diese Erfahrungen und Erlebnisse sind so mannigfaltig und so wechselhaft, als würde man durch einen Frühlingswald gehen, und voller Faszination und Ehrfurcht das endlose Wechselspiel von Licht und Schatten betrachten, dass durch Sonnenstrahlen entsteht, die durch grüne Blätter fallen.

Diese Erfahrungen machen zu dürfen, das ist Leben. Ihrer wird teilhaftig, wer sich dem hingibt. Wer das verleugnen will, wer es nicht wahrhaben will, wer damit beschäftigt ist etwas zu verhindern, was kann er beobachten?

Wer sich aber in die Position eines Schauenden begibt, und aufhört in Kategorien von Absolutheit und Objekthaftigkeit zu denken, also zu glauben, die Dinge seien statisch und man könne sie erhalten, der wird einer tieferen Weisheit gewahr. Alles fließt, und wir sind, als Teilchen, Teil eines Flusses.

Das obige Zitat ist schön, denn es drückt eine Lebenshaltung aus, die der Sichtweise des „Alles Fließt“, folgt. Es sagt: Lass die Dinge geschehen! Anders als du glaubst, bist du nicht Herr dessen, was geschieht. Beobachte, und entdecke diese Weisheit! Entdecke die natürliche Kraft, die uns durch das Leben führt, ganz willenlos. Sie ist uns unsichtbar und widersetzlich, wenn wir dagegen kämpfen, aber sie führt uns gütig, wenn wir sie in den Dingen des Lebens erkennen können.

Lass es geschehen was last modified: März 9th, 2018 by Henrik Geyer

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst

Es ist eine Kuriosität, dass die Menschen sich als Individuen sehen, ohne die vielfältigen Verbindungen zu bemerken, die in ihnen sind.

Was genau meine ich? Woran können wir das sehen?

Nun, an uns, zum Beispiel.

Hilfe, ich höre Stimmen!

In uns sind Stimmen – viele Menschen hören sie gar nicht. Die sogenannte „innere Stimme“ ist ihnen fremd. Daher gibt es Trainer, die den Menschen erklären, dass sie innere Stimmen haben und lernen können, auf sie zu hören.

Ich erinnere mich, dass es auch mir einmal fremd war, von einer „inneren Stimme“ zu sprechen, und die Vorstellung Stimmen im Kopf zu haben, erschreckte mich und erschien mir bedrohlich wie eine Erkrankung. Ich lernte erst, diese Dinge als normal anzusehen und die innere Stimme als etwas ganz Alltägliches und Hilfreiches wahrzunehmen. Als etwas, das einfach da ist – es ist niemandes Verdienst … Es ist aber auch eine bedauernswerte Selbstentfremdung, wenn man diese innere Stimme nicht hören kann. Es lohnt sich, auf sie zu achten.

Ich weiß noch, wie kurios es mir schließlich vorkam zu erfahren, dass viele Psychologen mit dieser inneren Stimme wenig anzufangen wissen, sie nicht kennen. Sie wollen also Patienten davon heilen (böse) Stimmen zu hören, und haben nicht die mindeste Vorstellung davon, wie das ist, so eine innere Stimme. (Ich war, wie ich in Alles ist Geist schrieb, eine Zeit lang recht involviert mit Psychiatrie und Psychologen, denn mein Sohn hatte eine psychische Erkrankung)

Schweigen über das Selbst

Da übrigens die Menschen über ihre innersten Vorstellungen kaum reden, ist es fast ein geheimes Wissen, wie selbstentfremdet die Menschen heutzutage sind. Sie beurteilen sich und andere demgemäß, was sie sich in einer Art unehrlichem Smalltalk gegenseitig über „vernünftiges Denken“ erzählen. Auch Allernächsten wird nur ganz selten das Innerste offenbart; meist jedoch wollen die Menschen als irgendetwas erscheinen.

Insofern ist das Unwissen über die Mächte des Inneren sehr groß, obwohl doch der Mensch stets meint, sich in sich selbst sehr gut auszukennen. So entsteht das Bild des unheimlichen „Es“, eines Gedanken-Ungeheuers, das im Keller des Ich einer geheimnisvollen Denk-Tätigkeit nachgeht, und sich erfrecht Gedanken zu denken, die einerseits ganz tierisch und grob sind, uns andererseits nicht gerade unbekannt. Wir haben einige Mühe, sie in unser Selbstbild, das vom oben genannten unehrlichen Smalltalk geprägt ist, zu integrieren.

Statt offen zu sein für das, was sie in sich finden, haben die Menschen ein eher heiliges Bild von sich selbst, das sie nach Außen transportieren wollen. Andere sollen ja nicht (über sie) denken, dass …

Der Smalltalk erleichtert die illusorische Integrität des Selbstbildes; man führt tagein tagaus seltsam seichte Konversationen, um nur ja nicht das zu berühren, das man doch mit Fug und Recht eigentlich als das Wichtigste sehen könnte – die Art und Weise wie man Dinge sieht; und wie man schließlich und endlich sich selbst und andere wahrnimmt …

Nur einmal angenommen, die Menschen würden mit dem Smalltalk aufhören und anfangen offene Gespräche zu führen, so würden sie sich ihres Scheins entblößen; sie stünden sie da wie der Kaiser ohne Kleider. Man könnte das Lächerlichste sehen. Die geheimen Gedanken, die Dummheiten, die oft unanständige innere Stimme …

Man stelle sich das vor … auch bei den Mächtigen, den Regierenden, die, entkleidet ihres Pompes, nur als das erscheinen könnten was in ihnen ist. Dann ginge es um kluge Gedanken, so aber geht es um Floskeln.

Es wäre es eine große Erleichterung, zu erfahren, wie alltäglich all die inneren Welten sind, wie normal. Was im Außen geschieht käme uns weit weniger unvorhersehbar vor, gäbe es eine Kultur der Ehrlichkeit. Andererseits hätten Moral-Scharlatane, wie sie heutzutage Konjunktur haben, geringe Chancen.

Aber, eine solche Offenheit ist natürlich reine Theorie.

Ich glaube jedoch, dass hierin die Chance der Menschheit liegt, sich weiterzuentwickeln. Sie fände, was sie angeblich so lange sucht: die Möglichkeit eins zu werden, bis zu einem gewissen Grad. Denn die Chance der Menschheit auf Frieden muss in Selbsterkenntnis liegen … worin sonst? Schließlich liegt alles (beeinflussbare) Ungemach des Menschen seiner Quelle nach in ihm selbst.

Wahre Selbsterkenntnis aber ist dem Wesen nach nicht angenehm. Selbsterkenntnis ent – täuscht – d.h.: Ihr Wesen ist, Täuschungen über das Selbst aufzuheben. Die dafür nötige Offenheit erzeugt unangenehm-angreifbare Nacktheit. Die Täuschung des geliebten heiligen Selbstbildes wird zerstört. Wer glaubt, so etwas sei ein Fest, der irrt. Jedoch befreit es.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Indem wir etwas beim Namen nennen, verliert es an Macht

Indem wir etwas beim Namen nennen,
verliert es an Macht über uns.

Hermann Bahr
österreichischer Schriftsteller und Kritiker
geb. 19. Juli 1863 in Linz; gest. 15. Januar 1934 in München, lebte 71 Jahre.

Wessen Stimme ist das?

Merkwürdig genug ist so eine innere Stimme ja, denkt man sich den Menschen als Eines. Mit wem spricht man da? Mit sich selbst, natürlich, aber zu welchem Zweck? Welche zwei Meinungen will man da einholen, wenn es doch nur einer ist, der spricht? Wie kann Eins zu Zwei werden?

Die Antwort ist: Es ist von Anfang an nicht Einer. Das ist nur, wie wir uns sehen – im Großen als voneinander völlig getrennte Individuen, und das Individuum wiederum als einen Geist, der getrennt von einem vielgliedrigen Körper ist.

Allein schon die vorausgesetze Trennung von Geist und Körper ist ein kaum nachvollziehbarer Kunstgriff der materialistischen Weltsicht – sie muss wohl sein, wenn man einmal Geist und Materie als voneinander strikt getrennt definiert. Heben wir diese Trennung einmal gedanklich auf, denken wir also spirealistisch, dann haben wir den ganzheitlichen Menschen vor uns. Ein Körper, der Geist ist, und dessen ganzes Sein in diesem Körper zum Ausdruck kommt. Der Körper als Bild des geistigen Seins. Sehen wir also unseren Körper an, so besteht er aus vielen Teilen, die jeder für sich auch Bedürfnisse haben, die sich wohl fühlen können, oder auch nicht; Teile, die leben wollen, es aber nicht einzeln können. Sie benötigen die Verbindung dazu, den Staat … dessen Bild der Körper ist.

Das ist der Mensch – das ist das Ganze; es besteht aus Vielem. In uns ist Vieles. Wir können es nicht im Einzelnen benennen (oder können wir es doch benennen? Neulich sagte mein kleiner Sohn, als ich ihn fragte, ob er noch Hunger habe, sein Bauch sage ihm „nein“ …), aber, das ist der Ursprung der „inneren Stimme“. Es sind eigentlich Stimmen (Mehrzahl).

Gehorchen uns (dem Ganzen) diese Stimmen? Oder ist es umgekehrt  – gehorcht das Ganze den Stimmen? Das ist wohl eine Frage der Sichtweise. Üblich ist, dass sich das Ich als Eins sieht und es den Widerstreit der Vielstimmigkeit als Ausdruck des eigenen freien Willens interpretiert. Schließlich entstammt der Vielstimmigkeit dann jeweils ein Entschluss … ein einziger. Und das Ich sieht sich als eins.

Doch es lässt sich auch anders denken: Das Ich als Sprachrohr der Vielheit, d.h. der vielen Einzelinteressen.

So gesehen macht auch Nietzsches „Es denkt“ mehr Sinn: nämlich als innere Stimme (Denken), die ohne eine Absicht, die das Ich vereinnahmend als „meine Absicht“ bezeichnen könnte, spricht.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Es denkt

Es denkt.

Friedrich Nietzsche
deutscher klassischer Philologe und Philosoph
geb. 15. Oktober 1844 in Röcken; gest. 25. August 1900 in Weimar, lebte 56 Jahre.

 

Zusatz

Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht lediglich als deren Beobachter. Alles Grundsätzliche des Außen findet er in sich. Daher auch kann man die vielfältigen Verbindungen, die der Mensch gewohnt ist im Äußerlichen zu sehen oder herzustellen, auch in sich selbst finden.

Sich aber als getrennt von der Schöpfung zu sehen, als Geist innerhalb toter Materie, DAS ist die täuschende Welt der zehntausend Namen.

Als Grundsatz des Spirealismus erwähnte ich auch des Öfteren, das Eine könne nicht das Andere sein. Das ist, bezogen auf den Menschen, das Prinzip der Individualität. Das Eine könne aber auch nicht ohne das Andere sein – das ist das (uns rätselhafte) Prinzip der allgegenwärtigen Verbindung, die mindestens ebenso Wirklichkeit in unserem Sein hat, wie das Erstgenannte. In uns selbst spüren wir das. In uns sind Viele.

Aus Vielem wird immer wieder Eins – das ist, wieder bezogen auf das menschliche Subjekt, Supersubjektivität. Betrachtet sich das Eine (das Subjekt) genauer, stellt es fest, aus Vielem zu bestehen – das ist Subsubjektivität.

Subsubjektivität ist einfach ein Wort für die spirealistische Gewissheit, dass im Einzelnen, aus dem jedes Ganze (auch der Mensch) besteht, jeweils ein subjektiver Wille herrscht. Subsubjektivität ist ebensowenig „objektiv“ zu umreißen wie Supersubjektivität.

 

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst was last modified: Januar 22nd, 2018 by Henrik Geyer

Wissen um die eigene Begrenztheit ist auch ein Wissen. Und es ist nicht dumm.

Wissen um die eigene Begrenztheit ist auch ein Wissen, und es ist nicht dumm.

Warum?

Heutzutage hört man vieles über die Allmacht des Menschen, seine Unbegrenztheit, seinen scharfen Verstand. Der Mensch ist sich sein eigener Gott geworden, und er kann nichts Intelligenteres finden als sich selbst. Aus dem esoterischen Bereich (der sich heutzutage oft auf das Allereinfachste verlegt und das Gegenteil einer „Geheimwissenschaft“ ist) kommt die Nachricht, der Mensch sei unendlich. Solche Worte lassen sich leicht sagen. Sie klingen dem Materialisten angenehm; man hört diese Worte häufig und man sagt sie sicherlich gern.

Jedoch waren die klügsten Köpfe stets überzeugt, von einer höheren Macht umgeben und durchdrungen zu sein. Höher als sie selbst. Größer als das menschliche Denken. Wie kamen sie wohl darauf?

Einstein bekannte sich zu Gott – in seiner Sichtweise war es eine namenlose Kraft, auch identifizierbar mit der Natur, mit dem Universum.

Newton, der Physiker der die Gravitationstheorie erschuf und der erstaunten Wissenschaftsgemeinde Formeln zur Berechnung von Planetenbahnen präsentierte, so wie man sie heute noch in Raumschiffen anwendet, wollte zunächst mit seinem Wissen gar nicht an die Öffentlichkeit. Denn er wusste, dass, alles was er präsentieren würde, nur ein Aspekt der Wahrheit sein würde. Das Wesen des Kosmos hingegen, das auch er so gern ergründet hätte, blieb ein Rätsel. Ein Rätsel, dem zumindest er voller Ehrfurcht gegenüberstand.

Und war es nicht Sokrates, der sagte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“?

Spruchbild, Bildspruch: Ich weiß daß ich nichts weiß Um diesen Unterschied

Die Allermeisten die wir heute „groß“ nennen, hatten die feste Vorstellung, dass es eine höhere, eine rätselhafte, eine namenlose Macht geben müsse, jenseits ihrer Begriffe. Dass die Welt rätselhaft ist, und sie diesem Rätsel gegenüberstehen wie Winzlinge.

Hingegen glauben ausgerechnet die Kleingeister stets an die Allmacht des eigenen Geistes. Denn, so räsonieren sie, was soll es wohl „bringen“, den eigenen Geist, das eigene Wesen, als begrenzt anzusehen? Und im Umkehrschluss: Einen Gott zu imaginieren, der über ihr Schicksal waltet?

Hier die Antwort: Der Gott ihrer Vorstellungen ist so klein wie sie selbst. Es ist ein Gott nach ihrem Ebenbilde. Und so fragen sie sich natürlich: Warum soll ein Gott, der so einer sein muss wie ich, über mich bestimmen? Tja, so gesehen, haben sie natürlich Recht.

Aber … das ist das absurdeste Verständnis Gottes!

Spruchbild, Bildspruch: Alles was man von Gott aussagen kann das ist Gott nicht

Und – was soll es „bringen“, die eigene Begrenztheit zu erkennen? Nun, ganz einfach: Es bringt uns der Wahrheit ein Stückchen näher. Es ist wahrer als die unerträgliche Selbstschmeichelei. Erst durch Erkenntnis der eigenen Beschränktheit wird der Weg frei zu Gott, zum Höheren, wie auch immer man es bezeichnet, worin auch immer man es sieht.

Das Wissen um die eigene Beschränktheit bedeutet nicht zu sagen: „Ich bin dumm.“ Sondern, das zu wissen ist erstens auch ein Wissen, das es erst einmal zu erlangen gilt – offenbar ist das gar nicht so einfach. Es ist zweitens ein wesentlich intelligenteres Wissen, als das Wissen um die eigene Unbegrenztheit, das man auch eine hochmütige Blasiertheit nennen könnte.

An das Höhere zu glauben, es zu sehen, das ist Wahrheit. Es tut gut, und es macht gesund. Weil es uns in ein natürliches Verhältnis zu dem uns umgebenden Geist bringt. In der richtigen Proportion.

 

Wissen um die eigene Begrenztheit ist auch ein Wissen. Und es ist nicht dumm. was last modified: Januar 21st, 2018 by Henrik Geyer

Lerne zu schweigen, wenn du nichts Rechtes zu sagen weißt

Unsere Welt ist, was wir darüber denken. Daher ist jeder Gedanke an die Welt .. die Welt selbst.

Es ist eine alte Weisheit, sich in seinen Gedanken zu zügeln. Was man denkt, wird zum eigenen Schicksal. Denn, so wie man denkt, so wird man handeln. Man kann es auch so sehen: Was man denkt, das ist bereits das Schicksal. Denn, so wie man denkt, gibt man die Welt wieder, so, wie man sie erlebt. So, wie sie sich schicksalhaft für das Ich geformt hat.

Mehr noch als unsere Gedanken ist, was wir reden, unser Schicksal. Denn der Gedanke ist schnell im Vergleich zum Wort. Was wir reden, haben wir in vielen schnellen Gedanken geformt.

Und, bedenke: Was du redest, das wird auch gehört. Mindestens von dir selbst. Du kennst das, dass dich jemand zu etwas überredete. Dass du von etwas überzeugt wurdest, durch die starke Kraft von Worten. Doch wer wäre überzeugender, als du, dir selbst gegenüber? Daher: Achte auf deine Worte, ob sie sich im Geist bilden, oder ob sie dir über die Lippen kommen; ob du nun allein bist, oder in Gesellschaft.

Bevor wir uns noch unseren Gedanken zuwenden können, und versuchen können, durch sie unsere Welt zu formen, müssen wir auf unser Reden Acht geben. Der erste Schritt ist, dass wir schweigen, wenn uns nichts Rechtes einfällt. Wenn wir nicht zielführend reden können, sondern nur so daher. Wenn wir defätistisch reden – welchen Sinn soll das haben? Wenn wir nur reden, um auch einmal etwas zu sagen, oder um klug zu erscheinen. Wenn wir werten, urteilen, schlecht reden – so zum Smalltalk, oder, weil wir Klatsch lieben.

Mehr nützt es dir, die Dinge offen zu lassen. Nicht werten, so lange die Dinge oder Menschen keine Bewertung benötigen. Dann werden dort, wo du durch Reden Verschlossenheit erzeugen würdest, viele Möglichkeiten bleiben. Möglichkeiten, die Chancen sein können. Möglichkeiten … Dinge, die noch nicht ausgeformt sind und die der Bewertung, des Fest-Werdens, harren. Dann vielleicht in einem von dir gewünschten Sinn.

Lerne zu schweigen, wenn du nichts Rechtes zu sagen weißt was last modified: Januar 19th, 2018 by Henrik Geyer

das Nichts – Raum der unbegrenzten Möglichkeiten

Stell dir vor …

Stell dir vor, deine Gedanken hingen nicht ab von einem materiellen Außen, das du beobachten und bedenken musst, um richtig denken zu können. Verbinde das mit Übungen der Stille und Kontemplation, und beobachte deine Gedanken, wenn sie allein gelassen werden. Wenn du dich bemühst, nicht zu denken. Schließe die Augen.

Du wirst bemerken, dass deine Gedanken aus sich heraus Vorstellungen erzeugen. Ganz ohne Objekte, die die Augen sehen, werden Objekte des Denkens erzeugt. Der neue Gedanke, zusammen mit dem noch neueren, bringt den allerneuesten hervor. Die Gedanken nehmen, setzt man diese Übung fort, die phantastischsten Formen an.

Das ist die Welt der Imagination und Phantasie. Losgelassen kann sie dir alles mögliche zeigen. Welten über Welten. Wie ein Kaleidoskop erzeugt das Denken neue Ideen, Assoziationen, Vorstellungen.

Manche davon denkst du immer wieder, sie fließen in deine Realität ein. Es sind deine (guten) Ideen, deine Lösungen, deine Pläne. Deine Hoffnungen und deine Furcht.

Spruchbild, Bildspruch: Es denkt


Es denkt. Ganz willenlos. Woher kommt das?

Es kommt aus dem Raum des Unendlich-Möglichen. In dir wird das Mögliche fest. Als Element der Schöpfung vertrittst du es. Du trägst deine individuelle Wahrheit in dir und bringst sie ein in das, was man gemeinhin Welt nennt.

Den Raum des Unendlich-Möglichen kann man auch als das Nichts bezeichnen – warum? Weil kein Mensch dort hinein Zutritt hat. Als Existenz erschließt sich dieser Raum nicht. Es gibt eine unsichtbare Grenze. Warum ist sie unsichtbar? Weil man gemeinhin glaubt, in Gedanken alles fassen zu können. Die Gedanken wabern hinaus, doch, überschreiten sie die Grenze zum Nichtgedachten? Nein, wie könnten sie.

Der Mensch ist begrenzt auf die Gedanken, die er in sich findet. Wie viele Gedanken jedoch sind möglich, vor allem, wenn man die Augen schließt? Unendlich viele? Es ist nicht möglich, die Unendlichkeit zu denken, sie ist uns das Un-Konkrete, das Un-Feste. Das Feste, gedacht als die Festigkeit der Materie hingegen, ist die Existenz im materialistischen Sinn.

Das Nicht-Feste, die unendlichen Welten der Phantasie, das Nichts aus dem alles werden könnte – das ist die Nichtexistenz des Nichts.

 

 

das Nichts – Raum der unbegrenzten Möglichkeiten was last modified: Januar 19th, 2018 by Henrik Geyer

Werde deiner Endlichkeit bewusst

Wozu sich der eigenen Endlichkeit bewusst werden? Wozu sich des eigenen Todes bewusst werden? Ist das nicht recht deprimierend? Sollte man daher überhaupt über Endlichkeit und Tod nachdenken?

Ja, man sollte. Um den Augenblick wertschätzen zu können.

Deprimierend kann das nur sein, wenn du es nicht akzeptieren kannst. Und du kannst es nicht akzeptieren, wenn du das kosmische Wesen nicht verstehst.

Das Wesen des Kosmos ist der Wandel. Du bist ein Teil der Welt, so wie alles. Du bist kein abseits stehender Beobachter.

Denk dir, dass alles was du liebst, alles was dir nahe ist und dich umgibt, bald nicht mehr da sein wird. Dann erhältst du eine Vorstellung von der eigenen Endlichkeit. Eine Vorstellung davon, dass du teilnimmst am immerwährenden Wandel. Dass du keine Sonderstellung einnimmst – als singuläre Konstante innerhalb eines sich stets im Wandel befindlichen Kosmos.

Sich der Endlichkeit von allem bewusst zu werden, des stetigen Wandels, ist eine gute Übung der Bewusstwerdung.

Denk dir …

Also denk dir: Deine Lieblingstasse, aus der du jeden Morgen deinen Kaffee trinkst, wird bald zerbrechen. Deine Uhr wird stehenbleiben. Die Kleidung die du liebst, und die an dir so gut aussieht, wird bald schon überlebt und unförmig wirken, und bald darauf zu Staub zerfallen. Dein Haus wird den zukünftigen Menschen weit weniger wohnlich erscheinen als dir, sie werden es abbrechen. Dein geliebtes Auto, für das du so manches opfertest, wird bald verschrottet werden. Deine Freunde werden sterben, deine Verwandten ebenfalls, und alle Menschen, die dir die Allerliebsten sind. Auch die Personen, die du hasst und die du bekämpfst, werden bald tot sein.

All das wird in einer Zeitspanne geschehen, die so kurz ist, dass sie gegenüber der Ewigkeit des Kosmos wie ein Zwinkern der Augen wirkt. Man sagt auch Blick der Augen dazu, oder Augen-Blick. Aber nicht nur der Ewigkeit des Kosmos gegenüber wird dein Leben wie Jota wirken. Auch schon für die Generation nach dir wirkt dein Leben wie verkürzt. Prüfe dich: Dir selbst erscheint deine eigene Vergangenheit wie sehr kurz – ist es nicht so? Und je älter du wirst, umso kürzer erscheint dir das ganze Leben, von dem du zuerst glaubtest, es würde fast ewig währen.

Auch du wirst bald tot sein. Mit den Personen deiner Zeit, mit deinen Freunden und mit deinen Feinden, wirst du Seite an Seite ruhen. Und die Orte und Dinge, die du liebst, werden vergessen sein, zusammen mit dir.

Die Erinnerung an dich wird in Dingen, in anderen Menschen, in deinen Kindern, eine Zeit lang weiter getragen werden. Die Erinnerung an dich, an deinen Namen, wird sich mehr und mehr vermischen mit anderen Erinnerungen, so dass schließlich niemand mehr an deinen Namen denken wird. Weil andere Namen in den Vordergrund treten; so, wie dein Name sich auflöst, entstehen sie. Es ist eine Welt der Namen.

Du bist, auch wenn du tot bist, immer noch in dieser Welt, als die Dinge und die Menschen, die du berührt hast. Aber du transformierst dich, und dein Ich – ein Name – löst sich auf, verdünnt sich mehr und mehr. In dieser Welt sehen wir das als ein Ende, jedoch ist es eigentlich eine Wandlung.

Ähnlich erinnert man sich bald nicht mehr an den Baumeister eines Hauses, selbst wenn das Haus noch lange steht. Der Baumeister ist im Haus verewigt, als seine Gedanken, seine Baukunst, sein Geschmack. Aber das Haus wird neu assoziiert, neu gedacht werden. Es wird assoziiert werden mit den Menschen, die im Augenblick darin leben, mit ihren Gedanken, ihren Künsten, ihrem Geschmack.

 

So wandelt sich alles – von Staub zu Dingen und wieder zurück. Und natürlich wirst auch du dich verwandeln. Und wirst wieder entstehen, in anderer Form.

Wirst du dich selbst, in dieser anderen Form wiedererkennen?

Kannst du dich in diesem Moment wiedererkennen, als eine andere Form, die bereits vergangen ist?

Sieh, wie sich alles wandelt. Und lerne den Augenblick zu schätzen. Lerne zu schätzen, dass du mit den Dingen, und mit den Menschen, die dich im Augenblick umgeben, auf dieser Welt sein darfst. Lerne den Gedanken zu schätzen, als das bewusste Sein, das dich sagen lässt: „Ich bin!“. Lerne zu schätzen, dass du diesen Augenblick erleben kannst. Lerne deine Endlichkeit zu schätzen, denn nur sie lässt dich sagen „Ich bin hier“. Denn, wo wärst du, wenn dieses Hier nicht ein abgegrenzter Ort wäre? Was wäre ein Ich, wäre es nicht endlich? Was wäre dein Sein, wäre es nicht etwas Begrenztes?

Sage „Danke für diesen Augenblick“. Im nächsten Moment ist er vergangen. Jedes Leben ist so ein Augenblick.

 

 

Werde deiner Endlichkeit bewusst was last modified: Januar 18th, 2018 by Henrik Geyer

Lass andere anders sein

Bleib bei dir selbst. Und lass andere anders sein.

Bedenke, dass Andere anders sein müssen. Das ist die Definition unserer Welt – sie muss Vieles enthalten. Sie kann nie Eins werden.

Dass man andere beeindrucken möchte, dass man andere von den eigenen Konzepten überzeugen möchte, dass man andere anziehen möchte, das ist so natürlich, wie eine Masse eine andere anzieht. Durch die Massenanziehung entsteht die Erdenschwere, auch Gravitation genannt. Ebenso entsteht aus der Sucht, überzeugen und beeindrucken zu wollen, eine Schwere des Lebens.

Im Persönlichen ist es oft besser, zu schweigen und zuzuhören. Denn in anderen ist genau dieselbe Suche nach Zustimmung wie in dir. Schweigst du, wird der Eindruck von Einfühlsamkeit und Zuhören entstehen. Zuhören ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Weil sie so selten ist, ist sie ist sehr gesucht; der Bedarf ist nahezu unerschöpflich.

Und, sofern der Eindruck von Einfühlsamkeit täuscht, weil dein Zuhören zuerst lediglich auf der eben beschriebenen Technik beruht: Dein Einfühlungsvermögen wird wachsen, mit der Zeit, und zwar durch die Technik.

Bedenke, dass du schweben kannst – du kannst dich der Gravitation entziehen, wenn du verstehst,  dass die Suche nach der Gemeinsamkeit in allen Menschen ist, als ihr Grundgesetz. Und dass sie trotzdem niemals völlig zusammenkommen können. Daher ist es ein ganz zweckloser und aussichtsloser Kampf, eine Sucht sogar, andere stets von den eigenen Überzeugungen unterrichten zu wollen, andere bereden zu wollen, sie über-reden zu wollen.

Lass andere anders sein was last modified: Januar 17th, 2018 by Henrik Geyer

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen.

Ich hatte im vorigen Beitrag mit dem Titel Was ist „verrückt“? gesagt, dass man gegenüber „Verrückten“ („verrückt“ im Sinne von: Von der Realität abge-rückt) eine Haltung einnehmen kann, die hilft. Und ich hatte auch gesagt, dass dieselbe Haltung im ganz normalen Alltag weiterhilft.

Ich will ein wenig illustrieren, wie ich das meine.

Mit meinem Sohn, der eine psychische Erkrankung hat, habe ich manches Mal sogenannte „Mindfuck-Filme“ gesehen. Das war sein Wunsch, er interessierte sich sehr dafür. Mindfuck-Filme (diesen Begriff hat er mir erklärt), das sind Filme, die die Realität aus einer ganz bestimmten, als normal empfundenen, Perspektive schildern, und diese dann, meist gegen Ende des Films, umdrehen. Zum Beispiel wird ein Verbrechen aus der Perspektive eines Detektives geschildert; minutiös wird dargestellt, wie der Detektiv dem Verbrecher immer auf der Spur ist, ihn stets nur knapp verpassend .. und am Ende stellt sich heraus, dass Verbrecher und Detektiv ein- und dieselbe Person sind!

Natürlich lässt das den Zuschauer zutiefst verblüfft zurück. Beispiele für solche Plots gibt es viele – zum Beispiel den Film „Shutter Island“, wie überhaupt viele Filme heutzutage, ich erinnere mich so etwas von Patricia Highsmith gelesen zu haben, oder vielleicht „Die Verwandlung“ von Kafka, oder die Geschichte von Jeckyll und Hyde von R.L.Stevenson, oder auch „Ubik“ von Philip K. Dick. Oder „Die Maske“ von Stanislaw Lem. Plots dieser Art sind jedenfalls keine Seltenheit, und nach meiner Auffassung machen sich die jeweiligen Autoren eine Tatsache zu Nutze, die zwar jeder beobachten kann, aber doch ganz unverstanden ist, und daher jedesmal aufs Neue verblüfft. Nämlich, dass „die Realität“ in jedem Individuum verschieden ist, und es überhaupt nicht klar ist, was denn nun „die Realität“ (in der Einzahl) sein soll.

Nun interessierte sich wie gesagt mein Sohn ausgerechnet für solche Filme, und wir haben uns den einen oder anderen angesehen. Hinterher war mein Sohn oft wie demoralisiert, einmal flossen Tränen, und wir haben einige recht tiefschürfende Gespräche geführt, weitergehende Gespräche, als sonst je möglich waren. Daher betrachte ich im Nachhinein die Auseinandersetzung mit diesem Thema als überaus hilfreich für ihn.

Meinem Sohn machte, wie sich herausstellte, die Vorstellung Angst, selbst so zu sein, wie der Protagonist in einem dieser Filme. Also jemand, der unter „Bewusstseinsspaltung“ leidet, und nicht weiß, welcher Realität er angehört. Angenommen man erlebt etwas (genau in diesem Moment), und weiß nun nicht: Ist das ein „krankhafter“ Traum, oder ist das die Wirklichkeit?

In dieser Situation war es, wie ich es heute empfinde, sehr gut, ihm sagen zu können, dass niemand weiß, was „die Realität“ (in der Einzahl) ist, dass uns allen dies rätselhaft ist, dass Zweifel an der Realität, wie sie in diesen Filmen ja dargestellt werden, in uns allen ruhen. Und dass deshalb seine Zweifel und sein Grübeln letztlich nichts „krankes“ sind, sondern völlig normal.

Sehr leicht hingegen, und ebenso falsch, wäre es gewesen, wie aus der Pistole geschossen zu antworten: dass die Realität eindeutig sei, dass sie für jeden Normalen jederzeit erkennbar sei, dass die Realität mit ewigen Wahrheiten verbunden sei, dass die Realität dass sei, was jedermann mit den Augen sehen könne, etc..

Denn man muss einmal eines feststellen: Der „Verrückte“ leidet natürlich an bestimmten Denkgewohnheiten, und begibt sich im Ergebnis in eine Realität, die leicht erkennbar abweicht von dem, was andere „normal“ nennen und als „die Realität“ bezeichnen. Aber, er leidet natürlich sehr darunter, dass er scheinbar so abwegige Gedanken haben soll – ist er doch meist intelligent, und nicht dement, was bedeutet, dass auch er durchaus die Unterschiede zwischen den Welten sehen kann! Und er leidet mindestens zusätzlich an diesen Unterschieden (wenn nicht hauptsächlich), wenn man ihm diese Unterschiede deutlich macht und ihn, quasi schuldig, auf die andere Seite der Realität stellt – die nicht reale. Weil er natürlich, wie wir alle, nicht krank sein möchte, nicht verrückt sein möchte, sondern eine ganz normale Realität erleben möchte, so, wie er meint, dass es sich auch gehört! Es könnte sogar sein, dass Psychiatrien oder auch Krankensäle jeder Art (man denke allein an psychosomatische Krankheiten) vor allem von jenen bevölkert werden, die ursprünglich besonders treue und ergebene Anhänger der materialistischen Weltanschauung mit ihrer Enge und Strenge waren. Man könnte auch sagen: verbissene Kinnmuskelspanner, die auf Biegen und Brechen (Brechen der eigenen Gesundheit) „der Welt“ gerecht werden möchten.

Und, wenn man nun, zumindest in diesem einen Punkt, einmal Klarheit schaffen kann, dass man ehrlich und zutiefst überzeugend sagen kann, dass es „die Realität“ nicht gibt, dass wir alle unseren eigenen Realitäten anhängen und in einem permanenten Bäumchen-wechsle-dich-Spiel befangen sind, was die vermeintlich „eine“ Realität betrifft, so ist das etwas, was den psychisch Kranken entlastet. Diese Normalität einzugestehen, verbunden vielleicht mit der Vorstellung, höheren Mächten unterworfen zu sein, die wir nicht verstehen – das hat etwas Heilendes. Während die Vorstellung, man habe es mit jener einen und einzigen Realität zu tun, und man sei nur nicht in der Lage zu erkennen, welche das ist .. DAS hat etwas Beängstigendes und Krankmachendes! Unter dieser Schizophrenie (ich nenne das „normale Denken“ schizophren – die Spaltung des Denkens liegt darin, dass man meint, alles müsse ganz eindeutig sein, man stellt aber ständig fest, dass das nicht so ist) leiden nicht nur die sogenannten Verrückten, sondern sehr viele, ganz „normale“ Leute.

Man kann dasselbe auch an der manchmal ungenügenden Funktionsweise der Psychiatrie zeigen. Ich nehme Bezug auf den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, den vielleicht jeder kennt, und der eigentlich ein recht treffendes Bild liefert.

Die Verrückten in der Psychiatrie, in die der Sträfling Murphy gerät, werden betreut von ganz normalen, rechtschaffenden, wohlmeinenden Menschen, die allerdings den kleinen Makel haben, dass sie über keinerlei Vorstellung verfügen, was wohl im Kopf eines Psychiatriepatienten vor sich geht. Und die sich auch in keiner Weise dafür interessieren. Sie sind Gläubige der einen Realität, und, da die Patienten von dieser einen Realität sichtbar abweichen, sei, meinen sie, jede Mühe überflüssig, nach deren Realität zu fragen. Sie sind Gefangene einer merkwürdigen Eindimensionalität, die aus ihrer Sicht „die Realität“ ist. Und diese Realität nun, meinen sie, müsse jedermann erkennen, dazu seien sie da, das ist ihre Ausbildung – alles andere sei sinnlos und eben verrückt.

Man denke an den bemüht-sachlichen Ton der Oberschwester Ratched im Film, die sich zwar formal nach den Ansichten der Patienten erkundigt, aber sich erkennbar nicht dafür interessiert – sie ist ganz mit ihrer eigenen strengen Welt beschäftigt, die keine Kompromisse jenseits des – aus ihrer Sicht – Vernünftigen kennt. Sie macht aus dem, was man als die Komödie des Lebens bezeichnen könnte, eine Tragödie. Sie sieht alles ganz eng, möchte mit ihrer sachlichen, aber jede Freude tötenden Art, der einen Wirklichkeit gerecht werden, die, wenn sie darüber redet, eine traurige Farbe annimmt. Und sie ist auf diese Weise eigentlich ungeeignet, den Verrückten helfen zu können.

Ausgerechnet Murphy aber, der weiß Gott kein Waisenknabe ist, der das „volle Leben“ verkörpert, der sicher kein Genie ist und dessen Gedanken sich um Schnaps, Frauen und Freiheit drehen, dringt in die Welt der Patienten ein, weiß zu faszinieren, und heilt die Verrückten ein wenig. Er sieht „die Dinge“ nicht eng, und das sind sie ja auch nicht – wenn man bedenkt, dass jeder einen eigenen Blick auf die Dinge hat, dann weiten sie sich; müssen denn die Dinge nicht in der Vorstellung von jedermann Platz haben? Also müssen sie weit sein! Er ist politisch unkorrekt und gerade deshalb realistisch. Er trifft die Realität der Verrückten dort, wo sie ganz normal ist, nämlich bei Schnaps, Frauen und Freiheit (im Film).

Der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist in der Psychiatrie angesiedelt, aber man bezeichnet ihn nicht umsonst auch als eine Kritik an der Gesellschaft. Denn, was die Patienten in der Psychiatrie kränker macht, manchmal tötet (wie im Film), das hat auch außerhalb der Psychiatrie seinen Platz, und macht in der „ganz normalen“ Alltagswelt Leute krank.

Derselbe Anspruch wie der im Film bei der Stationsleitung gezeigte, nämlich der, dass man Dinge nur auf eine einzige Art und Weise sehen könne, brachte und bringt in der normalen Welt Leute in Gefängnisse, und manchmal zu Tode. Eben wie im Film.

So lacht doch!

Ich sagte, man müsse „die Dinge“ nicht so eng sehen, denn wenn die Dinge in der Vorstellungswelt jedes Individuums etwas anderes sind, dann sind sie auch weit. Man könnte es auch umgekehrt erklären: Wenn die Dinge in jedem Menschen etwas anderes sind, dann haben sie nur einen ganz kleinen „wirklichen“ Kern. Wie groß ist dieser Kern? Das ist nicht bestimmbar.

Der Spirealismus sagt: Es gibt keinen Kern. Denn, je nachdem, innerhalb welcher Gruppe man ein Objekt betrachtet, scheint der „reale Kern“ größer oder kleiner zu sein. Wenn man sich aber vorstellt, man würde mit beliebigen kosmischen Beobachtern in Kontakt treten können, muss sich der Kern auflösen. Denn das, was wir Menschen als das Wesen der Dinge ansehen, sind menschliche Vorstellungen vom Wesen der Dinge, die wir im anderen Beobachter nicht antreffen würden.

Dieses Verständnis der Welt, die Sichtweise des Spirealismus, sehe ich als heilend an. Denn sie fragt nicht, was die richtige Realität ist, sondern setzt als erste Prämisse voraus, dass es „die“ Realität (in der Einzahl) nicht gibt. Und Spirealismus ist, so gesehen, der Erlebniswelt von Psychiatriepatienten sehr viel näher, als der Materialismus, der jedermann aufzufordern scheint, man müsse die eine Realität doch einmal zur Kenntnis nehmen, man müsse die einzige Alternative sehen (was zu einer Sichtweise der Enge und Alternativlosigkeit führt), man müsse doch die Wahrheit erkennen, und so weiter. Spirealismus ist natürlich auch der Erlebniswelt ganz normaler Menschen viel näher als der Materialismus, sofern diese denn die sogenannte Realität einmal unter dem vorgenannten Aspekt zu sehen beginnen.

Die Welt (die Welten) sind ernst, aber auch lustig. Es hat etwas Komisches, wie wir uns gegenseitig die Realitäten erklären, und sie so zu einer werden lassen. Und das Erkennen der Nicht-Eindeutigkeit, und damit das Ablassen von dem Sich-Abarbeiten an den Dingen, die man ganz genau zu wissen glaubt, hat etwas Heilendes.

Sie möchten gern lachen – aber so tun Sie es doch. Die Welt ist durchaus nicht zu ernst dazu. Sie ist weder ernst noch lächerlich, sondern in jeder Sekunde anders, anders, anders.

Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen „auf den Grund“ zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst, verunendlichfacht: wen die ganze maßlose Fülle des Lebendigen nah und fern schließlich seines vermeinten Verantwortungsgefühls – als ob auf ihm just alle Pflicht und Schwere läge – lächeln macht -, er wird in seinem und in allem Leben einigermaßen gerecht werden können. Alles Vereinfachen tötet, (denn es führt zum Buchstaben, zur Ruhe, zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten; was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und restlos alles.

Christian Morgenstern
deutscher Dichter und Schriftsteller
geb. 6. Mai 1871 in München; gest. 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn

 

 

Was heißt „verrückt“?

 

 

 

 

 

 

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen. was last modified: Dezember 15th, 2017 by Henrik Geyer