Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen

Johann Wolfgang von Goethe, Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen [SPID 4406]

Zunächst wird man Goethe nicht als „Mindscrewer“ sehen, denn seine ausgefeilte und harmonische Lyrik ist weltbekannt. Goethe ist vielleicht das beste Beispiel für einen Menschen, der bewusst versuchte, den Sinn für die Rätselhaftigkeit mit der Notwendigkeit zu vereinen, auf Erden Harmonie zu erreichen. Harmonie und Luxus waren Goethe wichtig; Luxus waren für ihn nicht nur die materiellen Dinge, sondern auch die Segnungen des Geistes – er empfand es als Luxus, sich ganz den schönen Künsten hingeben zu können.

Er wusste, dass die irdische Harmonie darin besteht, das Paradoxe des Höheren zu akzeptieren und nicht daran zu rühren. Die irrationale Seite der Welt war ihm gleichwohl bekannt. (Zitat Franz Kafka: Im Kampf zwischen dir und der Welt, stelle dich immer auf die Seite der Welt.)

Von Goethe stammt zum Beispiel der Satz:

Man kann nicht sagen, daß das Unendliche Teile habe. Alle beschränkte Existenzen sind im Unendlichen, sind aber keine Teile des Unendlichen, sie nehmen vielmehr teil an der Unendlichkeit.

Das Unendliche (Universum) ist nicht die Summe seiner Teile und darum auch kein Ganzes. Sondern es ist ein Prozess, der aus und durch den Menschen entsteht – ich hatte diesen Gedanken einmal in diesem Beitrag formuliert:
Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus

Goethe und das Übersinnliche – das Spirituelle

Die Faszination seiner Lyrik und seiner Prosatexte stammt natürlich auch aus der Kenntnis des Übersinnlichen, und der vollkommenen Fähigkeit, sie mit den Worten der deutschen Sprache zu verbinden.

Denken wir beispielsweise an den Text des „Zauberlehrlings“. Der Zauberlehrling ist ein junger Mann, der die wirkungsvollen Formeln seines Zauberbuches anwendend, Verhängnis erschafft … lediglich durch die Übertreibung des Zaubers … der Lehrling hat den Zauber eben nicht richtig unter „Kontrolle“. Es wäre ihm nichts weiter anzuraten, als nur Vorsicht und Zurückhaltung bei Kräften, die er zwar anweisen kann, deren Wirkprinzip er im Eigentlichen aber nicht versteht, und niemals verstehen kann. Denn es handelt sich ja um Zaubersprüche!

Goethe meinte, dass der Mensch durch sein Wirken den Eindruck erhält, er verstehe und durchdringe das Universum. Doch das ist nicht so, und die Mittel, die der Mensch in die Hände bekommt, sind, so unverstanden sie bleiben müssen, ebenso ein Mittel seiner Vernichtung wie seines Fortkommens. Der Mensch versteht nicht, dass bereits sein Wille das göttliche Werkzeug ist, das sowohl das Gute wie das Böse in die Welt bringt, ebenso Krieg wie Frieden, ebenso Freude wie Schmerz. Die größte Liebe bringt den größten Hass hervor – die Extreme sind es, die der Mensch sucht, und, notwendigerweise zu beiden Seiten seines Weges, auch findet. Indem er die Liebe sucht, bringt er den Hass hervor.

Dem Menschen wäre anzuraten, äußerste Zurückhaltung zu üben, solange er das kosmische Prinzip nicht versteht. Und, würde er es verstehen, wäre Zurückhaltung ohnehin seine Natur. Denn Gleichgewicht, nicht Übertreibung, ist der Weg der Existenz.

Man kann Goethes Mahnung sehr direkt in unsere heutige Zeit übersetzen. Des Menschen Gier, seine Sucht, immer mehr haben zu wollen, ist das, was er als gut und selbstverständlich erachtet. Es ist seine selbstverständliche „Suche nach Glück“ – sie kulminiert in unserer Zeit in einer grenzenlosen Naturzerstörung. Das Keine-Grenze-kennen-und-akzeptieren-Wollen, das unendliche Mehr! in der Zahl der Menschen (Überbevölkerung), aber auch der für selbstverständlich gehaltene Wunsch jedes Einzelnen, sich ein möglichst großes „Stück vom Kuchen“ abzuschneiden – das ist die Übertreibung nach der Art des Zauberlehrlings. Der Mensch zerstört die Quelle, aus der er schöpft. Solches tuend, plappert er vor sich hin, was für ein großes Genie er doch sei. Und, natürlich, dass er alles im Griff habe!

Um die Existenz des Göttlichen zu wissen bedeutet nicht, das Göttliche zu verstehen.

Goethe hat immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er das Göttliche für gegeben hält, und dass er unter dem Göttlichen eine Macht versteht, die rational unbegreiflich ist. Auch hier wieder ist des Menschen Pflicht die Zurückhaltung – das Göttliche verstehen zu wollen und für sich zu vereinnahmen, ist das Wesen desjenigen, der am allerwenigsten göttlich ist. Es ist das Wesen des Pharisäers, das Wesen auch jener Heilsbringer, die Wasser predigen um selbst umso ungestörter Wein trinken zu können. Und gleichzeitig, das wusste auch Goethe, ist eben dieses Vereinnahmen eine sehr selbstverständliche und alltägliche Erscheinung.

Aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens von Johann Peter Eckerman

Dennoch halte ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und die so göttlicher Art, wie nur je auf Erden das Göttliche erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: durchaus! – Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit. – Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind und alle Pflanzen und Tiere mit uns. Fragt man mich aber, ob ich geneigt sei, mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli zu bücken, so sage ich: verschont mich und bleibt mir mit euren Absurditäten vom Leibe! Den Geist dämpfet nicht! sagt der Apostel. Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe reichdotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der untern Massen. Sie hat ihnen auch die Bibel lange genug vorenthalten, so lange als irgend möglich. Was sollte auch ein armes christliches Gemeindeglied von der fürstlichen Pracht eines reichdotierten Bischofes denken, wenn es dagegen in den Evangelien die Armut und Dürftigkeit Christi sieht, der mit seinen Jüngern in Demut zu Fuße ging, während der fürstliche Bischof in einer von sechs Pferden gezogenen Karosse einherbrauset!

 

Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen

Philip K. Dick - die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen [SPID 4408]

Wenn es um den Sinn für das Paradoxe geht (auch manchmal provokativ-drastisch Mindfuck genannt), dann ist Philip K. Dick unbedingt zu nennen. Er ist einer der Menschen, die geradezu ihr ganzes Leben dem Ergrübeln des Wesens der Realität widmeten.

Die rote und die blaue Pille – Tore zu verschiedenen Universen

In dem Film „Matrix“ wird der Held Neo mit der Tatsache konfrontiert, dass, welche Art von Welt er bewohnt, eine Frage der Medikation ist. Je nach Art der Pille, die er schluckt (ihm wird eine rote und eine blaue Pille zur Auswahl gestellt), wird sich seine Realität formen. Und: es wird eine jeweils ununterscheidbare Realität sein …. ununterscheidbar von einer anderen, richtigen, wirklichen Realität.

Anders gesagt: Realität ist Realität, es gibt nur eben verschiedene Realitäten. Nicht die Realität ist Eins – wir Menschen sind eins, und die Realitäten in uns sind Viele …

Die blaue Pille wird ihn in eine Welt des Komforts gleiten lassen, die rote Pille hingenen wird ihm die ganzen Möglichkeiten offenbaren, die die Realität anzunehmen in der Lage ist. Das wird ungemütlich, aber auch interessant! Mit Hilfe der roten Pille wird er sehen, wie tief „das Kaninchenloch“ ist, das von der oberflächlichen Welt in die dahinterliegenden Universen führt. Das „Kaninchenloch“ (rabbit hole) ist übrigens wiederum ein Zitat aus „Alice in Wonderland“, der Geschichte eines Mädchens, das, einem Kaninchen in dessen Bau folgend, in eine unterirdische, abenteuerlich-märchenhafte Traumwelt gerät.

Philip K. Dick hat nicht das Script zum Film Matrix geschrieben, aber der Film ist wie eine Aneinanderreihung von Sujets des berühmten Autors.

Philip K. Dick

Philip K. Dick war ein amerikanischer Autor, der sich um die Science Fiction Literatur sehr verdient gemacht hat. Seine Bücher führten mehrfach zu großartigen Filmen, beispielsweise dem Film Blade Runner, oder dem Film Minority Report.

Philip K. Dick war drogenabhängig, was manchen seiner Kritiker dazu verführt, den Wert des Schaffens Dicks gering zu nennen. Doch Dick war ein Visionär; die Frage „Was ist die Realität?“ war sozusagen das Thema seines Lebens. Und, wie sehr viele große Schriftsteller, die letztlich abhängig von Drogen waren, meist Alkohol, war auch er ein Manipulator des Geistes – und konnte daher aus erster Hand davon berichten, dass das, was gemeinhin „die Realität“ genannt wird, gar nicht Eins ist, sondern Vieles.

Man könnte auch sagen, dass er seine Drogensucht in einer konstruktiven und produktiven Weise verarbeitete. Ich glaube, dass die Visionen Dicks in mancher Hinsicht unverstanden und unterbewertet sind – wer diesen Blog kennt, wird das sicher verstehen. Denn hier geht es ja häufig, im Rahmen des Spirealismus, um die Realität. Was Dick oft als Frage formuliert, ist mir Grundüberzeugung, und ich glaube, dass, wenn die Menschen erst wirklich begreifen, dass „die Realität“ nicht Eins ist, sich wichtige und revolutionäre Ableitungen daraus ergeben werden, und zwar auch ganz wissenschaftlicher Art. Dick hat einige davon visionär in seinen Büchern vorweggenommen.

Philip K. Dick war schwer tablettenabhängig, er benutzte Drogen jeweils, um arbeiten zu können, um schlafen zu können, um wach zu werden, etc.. Folgerichtig tauchte in seinen Büchern häufiger das Motiv auf, dass jemand eine Tablette schluckt, und daraufhin in einer andere Realität gerät, die ihr Real-Sein dadurch kenntlich macht, dass sie bis ins letzte Detail und in die letzte Konsequenz folgerichtig ist, nur eben auf eine fremd erscheinende Art.

Ubik

Ein für Dick typisches und sehr gut lesbares Buch ist Ubik.

Achtung Spoiler Ubik ist ein Mittel (Droge), das man einnimmt, um ganz bestimmte Realitäten zu erzeugen, andere zu verdrängen. Als hintersinniger Effekt des Buches wird dem Leser erst am Ende klar, dass das Mittel Ubik nicht in der wirklichen Welt eingenommen wird, sondern in der Welt, bzw. der Realität, von der der Leser bis dahin annahm, es sei die nicht-wirkliche. Und es fragt sich natürlich .. in welche Realität führt Ubik eigentlich? Die erste oder die zweite? Oder eine Welt der unendlichen Variabilität?

Blade Runner

Der Text, der dem Film Blade Runner zu Grunde liegt, trägt eigentlich nicht den Titel Blade Runner, sondern: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Wie der Titel im Grunde schon verrät, geht es wieder um die Frage des Bewusstseins. Philip K. Dick setzt voraus, dass eine künstliche Intelligenz auch Willen und Wünsche haben muss; wovon träumt sie wohl? Was ist ihr eine notwendige Anschaffung (vielleicht ein künstliches/elektrisches Schaf?), was ist ihr ein Must-See, u.s.w.?

Interessant wird es in Blade Runner, wenn es um die tiefsinnige Frage geht, woran genau man künstliche Intelligenz erkennt, wenn man sie vor sich hat? Die Fabel, künstliche Intelligenz müsse weniger intelligent sein als der Mensch, entpuppt sich in diesen Tagen als falsch. (Man denke an Google, dem geradezu jede Frage gestellt werden kann, und diese Frage wird von Google in einer Weise beantwortet, wie das kein einzelner Mensch je könnte. Was Google fehlt, um als Mensch wahrgenommen zu werden, ist eine Art menschliche Stimme, doch, hat Google diese, wird Google zunehmend ununterscheidbar von einer „richtigen“ Intelligenz. Kommt jetzt noch ein Element hinzu, das man von jedem Menschen kennt: das Nicht-Vorhersagbare, man könnte auch sagen: der Zufall, dann wird eine solche vernetzte Maschinenintelligenz zu einem erfindungsreichen Partner, ununterscheidbar von einem „sehr klugen Typen“.)

Interessant ist in Blade Runner natürlich auch die Frage (die Philip K. Dick vielleicht als einer der ersten formulierte), welche moralische Einstellung der Mensch gegenüber künstlicher Intelligenz eigentlich einnehmen wird. Darf man sie einfach vernichten, in der Art eines Blade Runners, d.h., eines auf das Stilllegen von Maschinenmenschen spezialisierten Detectives .. eigentlich müsste man sagen: Killers?

Thema Blade Runner: Verloren wie Tränen im Regen

Eye in the sky – das Auge des Schöpfers

Eye in the Sky ist ebenfalls ein interessantes Buch von Philip K. Dick. Eine Gruppe von Personen wird durch einen Unfall in einer technischen Anlage in eine geistige Welt einer anderen Person hineinkatapultiert, eine Welt, in der religiöse Werte eine sehr direkte Macht bekommen. Gott existiert, und zuweilen erscheint sein Auge tatsächlich am Himmel. Gehaltsabrechnungen gibt es nicht, man muss um Geld beten, das dann wie Manna vom Himmel fällt. Autos fahren durch Gottes Kraft, man steuert sie durch Gebete.

Dieser Text erinnerte mich an die spirealistische Aussage, dass Wissenschaft und Religion im Grunde nicht verschieden sind. Beide begründen sich aus einem Funktionieren in der „wirklichen“ Welt – man kann nicht sagen, dass Religion nur Aberglaube sei, im Gegensatz zur objektiven Wahrheit der Wissenschaft, und zwar wenn man zweierlei (oder auch nur eins davon) irgendwann verstanden hat, bzw. am eigenen Leib erlebte:

Erstens gibt es keine objektive Wahrheit, es gibt nichts Objektives

Zweitens ist Religion wirksam, und zwar in dem Sinne, dass das, was man glaubt, auch die subjektive Realität ist. Umgekehrt kann man nichts anderes von der Wissenschaft sagen – auch der Glaube vieler Menschen (=Wissen) ist subjektiv, oder besser gesagt supersubjektiv; entscheidendes Kriterium der Wissenschaft ist, dass sie funktioniert.

 

Das Motiv in Eye in the Sky, dass die Menschen in der Vorstellung eines Dritten dessen subjektive Welt bewohnen, ist letztlich das spirealistische Konzept der Ich-Universen. Das Andere, z.B. andere Personen, Dinge etc., sind nie etwas anderes, als das, was der Einzelne subjektiv darüber denkt. So gibt es keine zwei völlig gleichen Ich-Universen, und die einzelne Sichtweise auf die Dinge und die Kausalität der Welt, unterscheidet sich stets.

Philip K. Dick formulierte das einmal so:

Zitat Dick: Die Science Fiction ermöglicht es dem Schreibenden, etwas, das eigentlich ein innerliches Problem ist, in eine äußere Umwelt zu projizieren; er tut das in Form einer Gesellschaft oder eines Planeten, und hier hausen jetzt praktisch alle, die vorher in dem einen Kopf gesteckt haben. Ich mache niemandem einen Vorwurf, wenn ihm dies nicht zusagt, denn der Kopf von so manch einem von uns ist nicht unbedingt der Ort, wo man sich gerne aufhält. Aber andererseits: Was für ein nützliches Werkzeug ist das doch für uns – um zu begreifen, dass wir nicht alle in derselben Weise das Universum sehen, ja gewissermaßen nicht einmal dasselbe Universum.

 

 

 

 

 

 

 

 

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott

Das Schloss von Franz Kafka. [SPID 4403]

Franz Kafka ist ein Schriftsteller, der für seine surrealen Texte berühmt wurde. Sein wohl bekanntestes Buch ist „Das Schloss“. Zur Handlung: Landvermesser K. kommt in ein Dörfchen unterhalb eines Schlosses, er hat einen umfangreichen Vermessungsauftrag in der Tasche.

Das Traumhafte dieses ganzen Vorgangs wird uns bewusst, denn im Buch wird nicht gesagt, was der Auftrag genau beinhaltet, worum es geht, woher der Vermesser kommt, wie das Dorf heißt, u.v.m.. Auch der Name des Landvermessers wird nicht näher genannt, somit ist er austauschbar – im Roman ist er nur K. (Kafka?). Doch es wird immer merkwürdiger: K. gelingt es einfach nicht, Zugang zum Schloss zu erhalten. Es gelingt ihm nicht, mit seinem Auftraggeber, dem Schlossherrn, zu sprechen.

Alles was er im Laufe des Romans erreicht, ist, sich innerhalb der Dorfbevölkerung einen gewissen, kärglichen Lebensplatz zu erobern. Zu diesem Zweck muss er heucheln, sich anbiedern, manchmal auch unter Aufbietung allen Mutes Kontra geben. Er sucht seine Sexualpartner unter dem Aspekt aus, wie diese ihm weiterhelfen können, innerhalb der Dorfgesellschaft aus Tagelöhnern und Bauern ein gewisses,  jämmerliches Standing zu erreichen. Sein Endziel bleibt, anerkannter Teil des Schlosses zu werden, indem sein Vermessungsauftrag durchgeführt und bezahlt wird und er sich auf normale Weise mit seinen Auftraggebern (dem Schlossherrn, der Bürokratie des Schlosses) unterhalten kann.

Das Schloss, bzw. die Bürokratie des Schlosses, sind für K. Gott

Max Brod, Freund und Verleger Kafkas, nannte das Schloss des Romans eine Metapher für Gott. Ich denke, er hatte damit Recht. Es ist eine Metapher für Gott, wie auch für Gott als die Personifikation der Welt.

Im Buch klingt das z.B. so: Der Dorflehrer erklärt K., was alles der Schlossherr in seinem Dorf zu sehen wünsche (was damit also automatisch auch K.s Pflicht sei!). K. fragt den Dorflehrer, ob dieser den Schlossherrn überhaupt persönlich kenne, (er möchte so viel wie möglich über das Schloss und den Schlossherrn in Erfahrung bringen). Der Lehrer erwidert: Nein. Wie sollte ich ihn kennen? Und er fügt auf französisch hinzu, so dass die ihn umgebenden Kinder nicht verstehen können: Seien Sie still! Nehmen Sie Rücksicht auf die Kinder! … so als habe der Vermesser K. in unflätiger Weise Gottes Namen im Munde geführt!

Was man gleichzeitig schließen darf: Gottes Wille verwirklicht sich durch das Wirken ganz kleiner Geister, wie z.B., durch den Dorflehrer!

All das ist dem Leser einerseits rätselhaft und surreal-alptraumhaft, denn es steht im Buch ja nicht am Seitenrand, dass es sich bei der Bürokratie des Schlosses, oder dem Dorflehrer, um eine höhere Macht handelt. Doch, der Leser erkennt sich und die eigenen Mühen wieder. Der Mensch, in die Welt kommend, möchte Gott nahe sein. Möchte genau passen, möchte erfolgreich sein. Doch er kann es nicht, über sein endliches Sein hinaus; über sein kleines irdisches Wirken hinaus.

Der K. des Buches sieht notgedrungen, dass seine Annäherung an die Dorfbevölkerung, sein Finden seines Platzes hier, all das bereits ist, was er an Nähe zum Schloss (zu Gott) haben kann. Denn das Dorf ist das Vehikel des Schlosses, hier ist bereits die größtmögliche Einheit. Die Welt ist irrational … der Mensch selbst bringt in die Welt, wonach er strebt und woran er gleichzeitig verzweifelt: das Streben und die Widerstände, die Liebe und den Hass, den Frieden und den Krieg, in einem ewigen Kreislauf. Im Spirealismus formuliere ich das so: Man ist Element der Schöpfung, wo man doch glaubt, ihr Beobachter zu sein. Dieses Missverständnis erschafft das Paradoxe.

Noch mehr erinnert der Inhalt des Romans an das Leben und das Lebensgefühl des Schriftstellers Kafka, der, dem Unerklärlichen Ausdruck geben wollend, es erklären wollend, nichts anderes erreichen kann, als unerklärlich und rätselhaft zu bleiben. Doch das tut er auf so gekonnte und unterhaltende Art, dass sein Roman sehr gut lesbar ist, insbesondere für Menschen mit Sinn für das Surreale. Das Buch wie auch Kafka, wurden zu einer Ikone des Paradoxen, einer Ikone der Gott- und Sinnsuche.

 

 

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Lebenslügen: leben wie eine Katze auf einem heißen Blechdach … es aushalten

Lebenslügen - leben wie eine Katze auf einem heißen Blechdach …. Es aushalten

Im Film „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ geht es um Lebenslügen.

Der Film entstand im Jahr 1958 nach einem erfolgreichen Theaterstück von Tennessee Williams.

Der Plot

Es geht um eine reiche Südstaatenfamilie, um Erbschaftsstreitigkeiten, um Enttäuschungen, um den schönen Schein, und vor allem um Lebenslügen.

Das Oberhaupt der Familie, „Big Daddy“, feiert im Kreis seiner Familie seinen 65. Geburtstag. Er ist durch eine schwere Krankheit todgeweiht, doch niemand hat den Mut, es ihm zu sagen.

Er wird nicht müde zu sagen, dass er sein Reich, die Farm, eben alles, ganz allein aufgebaut hat, mit seinen eigenen Händen. Big Daddy nimmt an, dass es das ist, wofür man ihn liebt. Derweil entfaltet sich ein munteres Ränkespiel um das bald fällig werdende Erbe, denn alle anderen wissen über seine Erkrankung Bescheid. Big Daddy ist in diesem Ränkespiel Statist und weiß es nicht einmal.

Auch sein Sohn Gooper lebt mit einer Lüge. Er hat alles getan, so wie sein Daddy es ihm gesagt hat: Er wurde Anwalt, zog nach Memphis, heiratete, bekam viele Kinder. Er hat das Leben seines Daddy gelebt und glaubt nun, dies verschaffe ihm die Liebe seines Vaters. Doch der liebt seinen anderen Sohn mehr, Brick.

Brick (gespielt von Paul Newman) wiederum ist insgeheim homosexuell (das kommt im Film nicht zur Sprache – wohl aber im Theaterstück), doch er verbirgt das seit seiner Jugend. Mit seinem Vater konnte er darüber nie sprechen, alles was der verstand, und alles was ihn alleinig interessierte, das waren Leistung und Erfolg. Brick ist sich der Lügen zum Teil bewusst und sie sind ihm unerträglich. Sein Leiden kompensiert er mit dem Konsum von reichlich Alkohol.

Bricks junge Frau Maggie „die Katze“ (gespielt von Elizabeth Taylor), kommt aus ärmlichen Verhältnissen und hat gelernt mit allen Härten umzugehen. Sie durchschaut die Lebenslügen und Intrigen dieser Familie voll und ganz, spielt mit. Sie ist gewohnt und fähig, das Unerträgliche zu ertragen, sie ist zäh wie eine Katze auf einem heißen Blechdach. Ihr „Trick“ ist, einfach solange wie möglich darauf zu bleiben.

Lebenslügen – Höhepunkt in einem Keller voller Ramsch

In einem eskalierenden Streit erklärt Brick Big Daddy, dass dieser nur noch kurze Zeit zu leben hat. In einem stimmungsvollen Höhepunkt entlädt sich nun Wahrheit um Wahrheit, ebenso wie die Blitze des zur selben Zeit stattfindenden Gewitters. Dass die Wahrheit über das nahe Ende Big Daddys ausgesprochen wurde, löst alles. Auch andere Wahrheiten können nun gesagt werden.

In einem Keller voll mit luxuriösem Ramsch, der angeschafft wurde, weil er so wertvoll schien, aber seine vollständige Nutzlosigkeit dadurch preisgibt, dass er aufgestapelt nur die Sicht versperrt, so wie die Lebenslügen dieser Familie die Sicht auf die Wahrheit versperren, sprechen sich Brick und Big Daddy aus.

Die Katze auf dem heißen Blechdach als DVD

Big Daddy beklagt, sein Vater habe ihm nicht mehr hinterlassen als einen Koffer und einen alten Hut aus dessen Soldatenzeit. Doch durch Brick erst versteht Big Daddy, dass da etwas anderes war, zwischen ihm und seinem Vater. Big Daddy konnte seinen Vater lieben, viel mehr, als es Brick bei Big Daddy möglich gewesen war. Die Gewöhnung an die allgegenwärtigen Lebenslügen hatte die Liebe zwischen Vater und Sohn erstickt.

Wie die Natur nach dem reinigen Gewitter, das über den Mississippi hin abzieht, sind die Menschen nach dieser Entladung von Wahrheiten, die so lange verborgen gehalten worden waren, befreit und geläutert.

 

Die Katze auf dem heißen Blechdach als Buch

Ein wunderbarer Film (und Buch), der uns gemahnt, in unserem Leben aufzuräumen, Lebenslügen zu meiden, wertzuschätzen, ehrlich zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterlesen: Beitrag Letzte Wahrheit – gibt es sie?

Lesen Sie auch: Artikel Was ist Wahrheit? Wahrheit als Weltanschauung.

Ähnliches Thema: Artikel Pläne machen, gute Vorsätze fassen – und umsetzen

Lebenslügen: leben wie eine Katze auf einem heißen Blechdach … es aushalten was last modified: Juni 1st, 2016 by Henrik Geyer

Die Metapher – wozu ist es gut, in Metaphern zu denken?

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Alles hat mit allem zu tun. Metaphern beschreiben diesen Aspekt der Realität

Die Metapher – bildhafter Ausdruck. Wozu ist die Metapher gut? Wie äußert sie sich, und warum sagt man nicht einfach, was man wirklich sagen will?

Metapher als Umschreibung

Dies ist beispielsweise eine Metapher:

Die Menschheit ist ein Fluss des Lichtes, der aus der Endlichkeit zur Unendlichkeit fließt. (Khalil Gibran)

Der eigentlich betrachtete Gegenstand der Betrachtung, die Menschheit, wird im Verständnis des Lesers auf das Bild eines Flusses gelenkt.

Wozu? Um den Leser verwirren?

Der Grund ist, dass die Menschheit diesen Aspekt des Fließenden hat. Er ist im geläufigen Verständnis des Wortes Menschheit nicht enthalten, wodurch der Lesende spürt, hier etwas Neues und auch Wahres zu erfahren.

Einen Gegenstand unter einem anderen Aspekt als dem geläufigen zu sehen, bringt uns also sehr viel Erkenntnis und Verständnis.

Alles ist eine Metapher

Einmal mehr bleibt darauf hinzuweisen (auf diesem mindestens zur Hälfte philosophischen Blog), dass es Objektivität nicht gibt. Demzufolge existieren alle Begriffe in Eindeutigkeit nur in unserer individuellen Vorstellung.

Statt dessen ist jeder Begriff ist mit jedem anderen kombinierbar; und jeder Begriff geht erst aus einer Kombination anderer Begriffe hervor.

Metapher und Kausalität – alles ist mit allem verbunden

Es ist das Wesen des alles hervorbringenden Denkens, dass es das Einzelne nicht geben kann. Alles sehen wir aus etwas anderem hervorgehen. Alles steht in Verbindung mit allem anderen.

Das ist zugleich das Wesen unseres kausalen Verständnisses jedes Dinges: Es hinge ab von etwas anderem.

Ebenso bildet jeder Begriff, neben einen anderen gestellt, eine zumeist kreative und interessante Verbindung.

So ziemlich jede Kombination von Begriffen trägt auch eine Art von Wahrheit in sich.

  • Die Menschheit könnte man auch als eine Blume bezeichnen, die wächst, eine Reife erlebt, vielleicht auch endet.
  • Man könnte die Menschheit auch in eine metaphorische Verbindung mit einer Uhr bringen, weil  ihre äußerlichen Zeichen den Stand ihrer Entwicklung angeben.

etc..

Symbolhaftes Denken und Metapher

Materialismus – Welt der Eindeutigkeit

Dass alles in Verbindung mit jedem anderen Ding steht ist andererseits nicht das Wesen der materialistischen Weltanschauung, mit ihrer Eindeutigkeit, ihrer Objektivität. Aus ihrer Sicht erscheint metaphorisches Denken wie eine trickreich-amüsante Geschicklichkeit ohne größeren Nutzen.

Metaphern ersinnen

Doch die Quelle für Metaphern ist symbolhaftes Denken. Das In-Verbindung-Bringen von Dingen, die für den „realistisch und geradlinig Denkenden“ nicht zusammengehören. Symbolhaftes Denken bedeutet, es für normal zu halten, dass gedankliche Verbindungen prinzipiell in allem bestehen können – oder jederzeit hergestellt werden können.

Metaphorisches Denken geht aus einem Gefühl hervor, nämlich dem, dass die sogenannte Realität nicht eindeutig ist. In den unendlichen begrifflichen Verbindungen liegen Welten jenseits des normal Sichtbaren.

Siehe auch: Symbolismus – was ist das? Symbolhaftes Denken

der Nutzen der Metapher

Der Nutzen der Metapher erscheint damit hinreichend beschrieben. Die Metapher beschreibt die Realität genauer, als es das „eindeutige, realistische und geradlinige Denken“ vermag. Die Metapher macht einen Aspekt der Realität deutlich, den man ohne weitere Beschreibung, im Wort selbst, nicht finden kann..

Die Metapher beleuchtet anders, manchmal neu.

Die Metapher eröffnet Welten der Phantasie und der Assoziation. Die Metapher ist ein Türöffner zu neuen und ungewöhnlichen Verständnis-Welten.

 

Lesen Sie auch: Symbolismus des Ouspensky
Lesen Sie auch: Materialismus – was ist das?

Die Metapher – wozu ist es gut, in Metaphern zu denken? was last modified: April 6th, 2016 by Henrik Geyer

Apokalypse – Offenbarung. Der ewige Kreislauf der unschuldigen Sünde

Apokalypse - Offenbarung. Der ewige Kreislauf der Unschuld. Unschuld, Totale Zerstörung, Verwüstung, Demolierung, Apokalypse, Rot, Schönheit, Unbekümmertheit, Arglosigkeit, surreal, brennende Stadt, Zerstörung

Was ist die Apokalypse? Gibt es eine Notwendigkeit für sie? Worin besteht die Notwendigkeit, wodurch lässt sie sich abwenden?

Biblische Offenbarung – das Ende der Welt .. Gott übernimmt wieder

Apokalypse ist ein biblisches Wort – es ist das Buch der Offenbarung, das das Ende der Welt beschreibt, das jüngste Gericht. Aufgrund menschlicher Verfehlungen wird das Ende der Welt eingeleitet, es ist eine Abrechnung Gottes mit den Fehlern der Menschheit – eine fürchterliche Bestrafung und wohl nur manchmal eine Belohnung.

Die Welt kehrt in ihren himmlischen Urzustand zurück, ohne Menschen, aber auch ohne Sünde.

Endzeit-Visionen – die modernisierte Form der Apokalypse

Es gibt viele Endzeitphantasien, oft sind sie inspiriert von der biblischen Apokalypse. Diese Endzeit-Phantasien hängen entweder mit Krankheiten (Pandemien) oder Weltkriegen zusammen, man denke an „I am Legend“ (Buch von Richard Matheson), „The Book Eli“ (Film), „Mad Max“ (Film) und viele, viele mehr.

„Die Zeitmaschine“ von H.G.Wells ist eine sehr gut geschriebene, spannende und äußerst hellsichtige Variante. In „Die Zeitmaschine“ dringt ein Zeitreisender in die Epoche nach einer atomaren Kriegskatastrophe vor. Die Rest-Menschheit hat sich in die Eloi und die Morlocks geteilt.

Die Morlocks sind unterirdisch lebende, kannibalistische Ungeheuer. Sie ernähren sich von den überirdisch lebenden Eloi, die sie regelmäßig zusammentreiben und planvoll auf die Schlachtbank führen. Die Welt der Eloi ist himmlische Unwissenheit – sie vertreten das Prinzip der Schönheit, der Harmonie des Gartens Eden. In ihrer Unwissenheit sind sie wie Schafe, aber auch völlig ohne Sünde. Hingegen sind die Morlocks im Grunde der heute lebenden Menschheit sehr ähnlich. Denn sie sind wissend, berechnend, ausnutzend, produktiv, und sind dem Leser des Buches, obwohl sie so schrecklich und fremd wirken, irgendwie auch ein alptraumhaftes Spiegelbild.

H.G. Wells fragt nun: ist es das Los des Menschen, strebend, brutal, listig, vorwärts drängend zu sein, und damit schicksalhaft auch das Böse als unabdingbare Notwendigkeit in die Welt zu bringen?

Jack London – Der scharlachrote Tod

Die 1915 erschienenen Novelle „Der scharlachrote Tod“ von Jack London ist eine weitere, erstaunliche Variante einer Endzeit-Phantasie. Erstaunlich, weil Jack London eigentlich nicht für spirituelle Texte bekannt ist, dennoch ist gerade dieses Werk durchdrungen von spiritueller Weisheit und es ist wunderbar hellsichtig.

„Der scharlachrote Tod“ handelt von Überlebenden einer weltweiten Vernichtung der Menschheit durch eine gleichnamige Krankheit.

Der letzte Zeitzeuge der eigentlichen Katastrophe erzählt 60 Jahre danach, Kindern von den Tagen der Pandemie. Und er kommt auch darauf zu sprechen, wie es nun aus seiner Sicht weitergehen wird. Er hat Bücher in ein Versteck gebracht, um dem geistigen Neustart der Menschheit, den er voraussieht, zu befördern. Gegenwärtig sind die wenigen Überlebenden in einen Zustand des Analphabetentums, der Wildheit, des Aberglaubens, zurückgefallen – und er hält es für nötig, das geistige Erbe zu bewahren.

Doch dann, den Kindern berichtend, und ihre Reaktionen hörend, zweifelt er …

 

Erneuerung durch Feuer und durch Blut

Zitat (Übersetzung)

„Das Schießpulver wird wiederkommen. Nichts kann es aufhalten – es ist immer und immer wieder dieselbe Geschichte. Der Mensch steigt auf, und der Mensch kämpft.  Schießpulver wird den Menschen ermöglichen, Millionen anderer Menschen zu töten, und nur auf diese Weise, durch Feuer und durch Blut, wird sich eine neue Zivilisation in einer weit entfernten Zukunft entwickeln.

Und zu welchem Preis? Genau wie die alte Zivilisation verging, so wird es der neuen geschehen. Es kann fünfzigtausend Jahre dauern, dass sie sich entwickelt, aber auch sie wird vergehen. Alles vergeht. Es bleiben nur die kosmischen Kräfte und die Materie, die, immer fließend, immer agierend, die zeitlosen Typen hervorbringt – den Priester, den Soldaten und den König. Aus dem Mund von Kindern kommt die Weisheit aller Zeitalter. Manche werden kämpfen, andere werden herrschen, andere werden beten; und der Rest wird schuften und leiden, während ihre geschundenen Körper benutzt werden; wieder, und dann wieder, ohne Ende, die erstaunliche Schönheit und die überragenden Wunder der Zivilisation hervorbringend.

Es wäre ebenso gut, ich würde die Bücher, die ich in der Höhle sammelte, zerstören. Ob sie nun bleiben oder verschwinden, all ihre alten Wahrheiten werden entdeckt werden; all ihre alten Lügen werden neu gelebt und weitergegeben. Was wäre der Nutzen (sie zu bewahren)….“

die spirealistische Sicht

Aus spirealistischer Sicht hängt, was vorgedacht wird, mit einer sich entwickelnden Realität zusammen. Der Mensch ahnt hier völlig zu Recht. Denn er hat sich von seinen Quellen getrennt, und wähnt sich nun eigenständig. Die Welt SO sehend, entfremdet er sich von ihr, zerstört seine Quellen, lebt nicht in Einklang, sondern in ewigem Kampf. Dem Kampf, von dem Jack London spricht, und der sich immer wiederholen wird, solange sich der Mensch als getrennt von den Dingen sieht.

Bild „Apokalypse“

Es ist diese Unschuld, die ich in obigem Bild, das ich „Apokalypse“ nannte, darstellen wollte. Der Mensch sündigt und ist dabei völlig unschuldig. Wie ist das möglich? Kampf und Atombomben für selbstverständlich haltend, und sie sogar dem menschlichen Genie zurechnend, erschafft sich der Mensch seine fürchterliche Realität. Seine schrecklichsten Alpträume werden wahr. Und der Mensch beteuert, er wüsste nicht, woher all das kommt (!)… er ist in seiner Ahnungslosigkeit vollkommen ehrlich.

 

Die Sichtweise des Kampfes zu durchbrechen ist die Chance des Menschen – doch dieses Durchbrechen müsste mit einer ganz anderen Weltsicht einhergehen, als sie der Mensch derzeit hat.

Es wäre nicht die Welt der Unwissenheit der Eloi aus „Die Zeitmaschine“ – denn es gibt kein Zurück aus dem Wissen um Waffen. Es müsste eine Welt des Einklanges, und dennoch des Wissens, sein. Es müsste eine Welt sein, in der niemand die Notwendigkeit der Bombe sieht. Die technische Möglichkeit der Bomben-Konstruktion wohl habend, müsste jeder, oder anders formuliert, müsste „der Mensch“, eine solche Realisierung für völlig absurd halten. Das währe gleichbedeutend mit: Es technisch nicht ermöglichen. Es nicht planen, nicht entwickeln, nicht verbreiten, einfach weil man keinen Nutzen darin sieht.

Ist so etwas vorstellbar?

 

 

Apokalypse – Offenbarung. Der ewige Kreislauf der unschuldigen Sünde was last modified: Juni 5th, 2016 by Henrik Geyer

Martin Eden – die negative Seite der Erkenntnis

Henrik Geyer Martin Eden - die negative Seite der Erkenntnis. Martin Eden - Roman von Jack London. In Jack Londons Roman "Martin Eden" will ein einfacher Mann Schriftsteller werden. Sein Werdegang ist ein Weg der Erkenntnis, der ihn verzweifeln lässt..

Jack Londons Roman „Martin Eden“ beschreibt den Werdegang eines jungen Matrosen, der Schriftsteller werden möchte.

Gekonnt wie fast immer beschreibt London diesen Werde-Gang als einen Erkenntnisprozess, getrieben von dem unstillbaren Hunger des jungen Mannes, alles zu lernen was nötig ist, jede Bürde und jede Mühe auf sich zu nehmen, um schließlich als Schriftsteller erfolgreich zu werden.

Der Roman hat autobiografische Züge – es ist durchaus Londons eigene Geschichte.

Martin Eden und die Phase der Unschuld

Am Anfang ist Martin Eden fasziniert von der Welt der Intellektualität, der Worte, der Wahrheit wie er glaubt. Er muss viel lernen, damit aus dem unbeholfenen Slang des Seemanns Sätze werden, die gelesen werden.

Dann ist da der Zwang, ein Einkommen zu haben, der  ihn immer wieder vom Schreiben abbringt, hin zu einer Beschäftigung, die zwar Geld, aber keine geistige Erneuerung bringt.

Für sein Schreiben setzt Martin Eden alles ein und alles aufs Spiel – auch sein Liebesglück mit der Frau seines Herzens. Die fordert von ihm, endlich eine Stellung anzunehmen. Doch Eden ist starrköpfig. Eine Stellung anzunehmen würde die Aufgabe seines Planes, Schriftsteller zu werden, bedeuten. Er allein glaubt an sich – und scheinbar niemand sonst.

Martin Eden – „ausgeschrieben“ & Erfolg bahnt sich an

Er schreibt und schreibt. Seine Manuskripte kommen aus den Redaktionen der Magazine zurück. Man will sie nicht.

Seine Manuskripte werden von Freunden und Verwandten gelesen. Man findet ganz gut, was er schreibt. Man findet es manchmal aber auch verstörend, ungehörig, zu direkt. Eden schreibt zu „straight“ für viele seiner Angehörigen und Bekannten – etwa so, wie es die Art und Weise von Jack London selbst war.

Und sie fragen sich insgeheim: Kann wirklich gut sein, was niemand liest? Den Vertrauten seines Umfeldes bleibt das das Wichtigste. Alle müssen gut finden, was er schreibt, denn nur das, was alle gut finden, das kann dann auch gut sein. Daher ist ihr wichtigster Maßstab das Äußerliche, der Ruhm, das Geld in der Kasse, und nichts anderes.

 

Irgendwann ist Martin Eden „ausgeschrieben“. Er ist fertig, in ihm ist nichts mehr.

Zitat:

„I have done— Put by the lute.

Song and singing soon are over

As the airy shades that hover

In among the purple clover.

I have done— Put by the lute.

Once I sang as early thrushes

Sing among the dewy bushes;

Now I’m mute.

I am like a weary linnet,

For my throat has no song in it;

I have had my singing minute.

I have done. Put by the lute.“

 

Jetzt kann Martin Eden seine Manuskripte nur noch vermarkten.

Die Erkenntnis

In diesem Augenblick kommt der Erfolg. Ein Buch, das er verkaufen kann, wird von den Lesern angenommen. Plötzlich kommt er in die Magazine. Was er über Jahre schrieb, ist plötzlich begehrt. Er kann alle Manuskripte verkaufen – zu seinen eigenen Bedingungen verkaufen.

Von einem Tag auf den anderen ist Martin Eden beliebt, erhält Zustimmung, ist wohlhabend, wird bei seinen Feinden eingeladen, ist jetzt ihr Freund. Er erkennt, dass man in ihm, dem Schriftsteller, zuallererst den Erfolg sieht, nicht das, was in ihm ist. Denn der erfolglose Eden ist mit dem erfolgreichen Eden völlig identisch – lediglich in den Augen seines Umfeldes hat er sich komplett gewandelt.

Eden erkennt, dass er in den Augen der Menge etwas ganz anderes ist, als der wirkliche Eden. Etwas Erfolgreiches, aber auch etwas sehr Triviales und Durchsschnittliches. Das lässt ihn verzweifeln. Denn diese Erkenntnis löst seine Ideale auf, derenthalben er das Schreiben überhaupt angefangen hatte.

Auch sein Ideal von der Liebe ist zerstört. Seine Geliebte hat sich kurz vor seinem Erfolg von ihm getrennt. Jetzt, da er erfolgreich ist, möchte sie zu ihm zurück. Auch sie sieht nichts anderes in ihm, als das Äußerliche …

Der Roman endet in einer Tragödie – Martin Eden nimmt sich das Leben.

Es führt kein Weg zurück

Ich hatte an anderer Stelle über Erkenntnis geschrieben, über Platos Höhlengleichnis, und die darin zum Ausdruck kommende Tatsache, dass der Weg der Erkenntnis unumkehrbar ist. Der Roman „Martin Eden“ illustriert sehr schön diese Unumkehrbarkeit, und er macht auch deutlich, aus welchem Grund  sich mancher, der Erkenntnis erlangt, wünscht, die alte heile Welt möge sich wieder herstellen lassen.

 

 

Martin Eden – die negative Seite der Erkenntnis was last modified: Januar 10th, 2016 by Henrik Geyer

Hoffnung – Frei von Hoffnung und von Furcht.

Ohne Hoffnung und ohne Furcht. Swinburne - Garden of Proserpine

Swinburne Gedicht – Was ist Hoffung?

Ich las vor Jahren einmal Zeilen eines Gedichtes, die mich seitdem nicht mehr loslassen. Das Gedicht ist von Charles Swinburne und heißt „The Garden of Proserpine“. Es geht darin auch um den Zusammenhang von Hoffnung und Furcht.

Die Zeilen der Strophe lauten wie folgt:

From too much love of living,
         From hope and fear set free,
We thank with brief thanksgiving
         Whatever gods may be
That no life lives for ever;
That dead men rise up never;
That even the weariest river
         Winds somewhere safe to sea.
Von zu viel Liebe zum Leben,
und befreit von Hoffnung und von Furcht,
Danken wir in kurzem Gebet,
den Göttern, wer immer sie sein mögen,
Dass kein Leben ewig lebt;
Dass kein Toter aufersteht;
Dass sogar der trägste Fluss
irgendwo ins Meer findet.
Die Strophe lässt einen darüber nachdenken, was Hoffnung und Furcht sind. Kann es sinnvoll sein zu sagen, man möchte frei sein von Hoffnung? Von Furcht selbstverständlich! Aber von Hoffnung?
In dem Gedicht heißt es, dass man, von zu viel Hoffnung und Furcht befreit, doch froh sein könne, dass die Welt für uns so endlich ist, wie wir sie sehen. Dann muss man auch keine Angst haben, dass alles endet, denn nur so beginnt alles erst.
Man spürt dann, wie sehr Furcht und Hoffnung zusammengehören. Die Furcht erwächst erst aus der Angst, eine Hoffnung könne sich nicht erfüllen. Ohne Hoffnung keine Furcht. Und die Hoffnung wiederum kommt aus einer Furcht, dass eine schlimme Vision wahr werden kann. Man hofft: Möge die Vision doch nicht wahr werden!

Frei von Hoffnung und von Furcht

Man möchte von Furcht frei sein. Aber auch von zu viel Hoffnung. Beides bedingt einander. Hoffnung – als ein Klammern an, und Herbeiwünschen von Umständen, die man doch nicht beeinflussen kann. Könnte man es, könnte man also den natürlichen Lauf der Dinge beeinflussen, würde man wohl die Welt aus den Angeln heben – und die schlimmsten Alpträume würden wahr. Ausgestattet mit dem menschlichen Hoffen, würde man vielleicht die Toten auferstehen lassen. Dass man den Lauf der Dinge, den ewigen Kreislauf von Ende und Neubeginn, nicht beeinflussen kann, ist gut.
Noch so viel Wünschen und Hoffen ändert nichts an der Tatsache, dass sogar der trägste Fluss irgendwo ins Meer mündet. Alles richtig bedacht, darf man glücklich sein, dass das so ist.
Dieses Glück erwächst, so verblüffend das ist, aus der Befreiung von zu viel Liebe zum Leben, und von zu viel Hoffnung, und somit auch von Furcht.

The Garden of Proserpine

Here, where the world is quiet;
Here, where all trouble seems
Dead winds‘ and spent waves‘ riot
In doubtful dreams of dreams;
I watch the green field growing
For reaping folk and sowing,
For harvest-time and mowing,
A sleepy world of streams.

I am tired of tears and laughter,
And men that laugh and weep;
Of what may come hereafter
For men that sow to reap:
I am weary of days and hours,
Blown buds of barren flowers,
Desires and dreams and powers
And everything but sleep.

Here life has death for neighbour,
And far from eye or ear
Wan waves and wet winds labour,
Weak ships and spirits steer;
They drive adrift, and whither
They wot not who make thither;
But no such winds blow hither,
And no such things grow here.

No growth of moor or coppice,
No heather-flower or vine,
But bloomless buds of poppies,
Green grapes of Proserpine,
Pale beds of blowing rushes
Where no leaf blooms or blushes
Save this whereout she crushes
For dead men deadly wine.

Pale, without name or number,
In fruitless fields of corn,
They bow themselves and slumber
All night till light is born;
And like a soul belated,
In hell and heaven unmated,
By cloud and mist abated
Comes out of darkness morn.

Though one were strong as seven,
He too with death shall dwell,
Nor wake with wings in heaven,
Nor weep for pains in hell;
Though one were fair as roses,
His beauty clouds and closes;
And well though love reposes,
In the end it is not well.

Pale, beyond porch and portal,
Crowned with calm leaves, she stands
Who gathers all things mortal
With cold immortal hands;
Her languid lips are sweeter
Than love’s who fears to greet her
To men that mix and meet her
From many times and lands.

She waits for each and other,
She waits for all men born;
Forgets the earth her mother,
The life of fruits and corn;
And spring and seed and swallow
Take wing for her and follow
Where summer song rings hollow
And flowers are put to scorn.

There go the loves that wither,
The old loves with wearier wings;
And all dead years draw thither,
And all disastrous things;
Dead dreams of days forsaken,
Blind buds that snows have shaken,
Wild leaves that winds have taken,
Red strays of ruined springs.

We are not sure of sorrow,
And joy was never sure;
To-day will die to-morrow;
Time stoops to no man’s lure;
And love, grown faint and fretful,
With lips but half regretful
Sighs, and with eyes forgetful
Weeps that no loves endure.

From too much love of living,
From hope and fear set free,
We thank with brief thanksgiving
Whatever gods may be
That no life lives for ever;
That dead men rise up never;
That even the weariest river
Winds somewhere safe to sea.

Then star nor sun shall waken,
Nor any change of light:
Nor sound of waters shaken,
Nor any sound or sight:
Nor wintry leaves nor vernal,
Nor days nor things diurnal;
Only the sleep eternal
In an eternal night.

 

A. Swinburne

Hoffnung – Frei von Hoffnung und von Furcht. was last modified: Dezember 2nd, 2015 by Henrik Geyer

Sind wir vorbestimmt oder frei?

Haben wir eine eigene Vernunft, oder sind wir abhängig von Vorbestimmtheit? Wenn man die Gegenwart als reine Folge einer Kausalkette der Ereignisse der Vergangenheit ansieht, dann mag man auf diesen Gedanken kommen. Wo setzt nun eigentlich das Freie im Handeln ein?

Immanuel Kant formulierte diesen Gedanken so:

Um das regulative Prinzip der Vernunft durch ein Beispiel aus dem empirischen Gebrauche desselben zu erläutern, nicht um es zu bestätigen (denn dergleichen Beweise sind zu transzendentalen Behauptungen untauglich), so nehme man eine willkürliche Handlung, z. E. eine boshafte Lüge, durch die ein Mensch eine gewisse Verwirrung in die Gesellschaft gebracht hat, und die man zuerst ihren Bewegursachen nach, woraus sie entstanden, untersucht, und darauf beurteilt, wie sie samt ihren Folgen ihm zugerechnet werden könne. In der ersten Absicht geht man seinen empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben durch, die man in der schlechten Erziehung, übler Gesellschaft, zum Teil auch in der Bösartigkeit eines für Beschämung unempfindlichen Naturells, aufsucht, zum Teil auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit schiebt; wobei man denn die veranlassenden Gelegenheitsursachen nicht aus der Acht läßt. In allem diesem verfährt man, wie überhaupt in Untersuchung der Reihe bestimmender Ursachen zu einer gegebenen Naturwirkung. Ob man nun gleich die Handlung dadurch bestimmt zu sein glaubt: so tadelt man nichtsdestoweniger den Täter, und zwar nicht wegen seines unglücklichen Naturells, nicht wegen der auf ihn einfließenden Umstände, ja sogar nicht wegen seines vorher geführten Lebenswandels, denn man setzt voraus, man könne es gänzlich beiseite setzen, wie dieser beschaffen gewesen, und die verflossene Reihe von Bedingungen als ungeschehen, diese Tat aber als gänzlich unbedingt in Ansehung des vorigen Zustandes ansehen, als ob der Täter damit eine Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe.

Dieser Tadel gründet sich auf ein Gesetz der Vernunft, wobei man diese als eine Ursache ansieht, welche das Verhalten des Menschen, unangesehen aller genannten empirischen Bedingungen, anders habe bestimmen können und sollen. Und zwar sieht man die Kausalität der Vernunft nicht etwa bloß wie Konkurrenz, sondern an sich selbst als vollständig an, wenngleich die sinnlichen Triebfedern gar nicht dafür, sondern wohl gar dawider wären; die Handlung wird seinem intelligiblen Charakter beigemessen, er hat jetzt, in dem Augenblicke, da er lügt, gänzlich Schuld; mithin war die Vernunft, unerachtet aller empirischen Bedingungen der Tat, völlig frei, und ihrer Unterlassung ist diese gänzlich beizumessen.

Quelle: Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1790 (Jahr)

 

 

Sind wir vorbestimmt oder frei? was last modified: März 29th, 2014 by Henrik Geyer

Interview mit Autor Dr. phil. Christian Hardinghaus

Christian Hardinghaus

Herr Dr. Hardinghaus hat das Buch „Mindfuck Stories“ vorgestellt, ein Buch voller überraschender Wendungen, die uns auf psychologischer Ebene fragen lassen: „was ist unsere Realität?“ Hierzu einige Fragen an Dr. Hardinghaus: 

 

Mindfuck Stories
Mindfuck Stories

Können Sie zu Beginn des Interviews bitte noch einmal erklären, was ein Mindfuck ist?

Natürlich, es wäre schlecht, könnte ich es nicht. Der Begriff stammt aus dem Filmbereich und beschreibt eine völlig unerwartete Wendung in der Handlung einer Geschichte, die den Zuschauer verblüfft, fasziniert und noch lange nachdenken lässt. Zugegeben, der Begriff klingt vulgär, aber eine geeignete deutsche Übersetzung gibt es nicht und das Wort hat sich bereits etabliert. Sprachlich kann man es vom umgangssprachlichen Englischen „to fuck with somebody´s mind“ ableiten, was so viel bedeutet wie jemanden den Kopf verdrehen.

 Sie sind Medienwissenschaftler und Journalist. Wie kamen Sie dazu, auch Belletristik zu schreiben?

Ein Autor wird immer danach gefragt und fast jeder gibt an, dass das Schreiben schon immer seine Leidenschaft gewesen sei. Das klingt irgendwie abgedroschen. War es bei mir anders! Nein, genauso! Auf das Projekt Mindfuck Stories bin ich gekommen, nachdem ich in meiner Doktorarbeit Manipulationstechniken in Film und Internet untersucht habe. In meinen Stories geht es auch darum, den Leser zu manipulieren. Allerdings auf eine ungefährliche und unterhaltsame Weise.

Als was sehen Sie sich denn vorrangig, als Schriftsteller, Wissenschaftler oder Journalist?

Als alles in einer Person und Berufung. Wenn man Affinität und Übung im Schreiben hat, dann kann man alles schreiben, das ist meine Meinung. Ich könnte wohl auch eine Bedienungsanleitung für eine Waschmaschine verfassen, doch das wäre langweilig. Als Wissenschaftler liebe ich es, investigativ zu forschen, als Journalist schreibe ich zu psychologischen und historischen Themen.

Was ist das Resümee des Schriftstellerseins? In welcher Hinsicht lohnt es sich? Auch persönlich?

Ich habe als Autor schon eine Reihe Sachbücher veröffentlicht. Doch am meisten Freude bringt mir die erzählende, fiktionale Literatur. Das bedeutet für mich, die absolute Freiheit zu haben. In den Geschichten läuft alles zusammen: eigene Erlebnisse, von anderen gehörte Erlebnisse und die individuelle Fantasie. Alles kombiniert mit einer Menge Recherche. Sicher muss sich jeder Newcomer von der Illusion befreien, sofort einen Bestseller landen zu können. Das gelingt wirklich nur ganz Wenigen. Aber das ist auch mein Traum. Und da ich gerade erst angefangen habe und schon ein unglaublich positives Feedback bekommen habe, bleibe ich dran.

Haben Sie als Schriftsteller neue Erkenntnisse gewonnen? Welche?

Ich habe mich darin bestätigt gefühlt, dass ich Menschen mit meinen Worten unterhalten und faszinieren kann. Die Leser leben mit meinen Figuren, so wie ich es tue. Oft kommt es vor, dass Leser wissen wollen, wie die Geschichten der Charaktere weitergehen und sie entwickeln dabei selbst Fantasie. Schriftsteller und Leser, beides gehört symbiotisch zusammen. Daher ist mir die Kommunikation mit Lesern besonders wichtig geworden.

Sie greifen viele psychologische Themen auf. Beschreiben eindringlich Ängste, Zwänge und Trauer. Ihre Protagonisten sind schizophren oder hypochondrisch. Stecken Teile davon in Ihnen selbst?

Auf jeden Fall. Bei mir genauso wie bei allen anderen Menschen. Erst, wenn Symptome sehr ausgeprägt sind und das Leben einschränken, kann man von Erkrankungen sprechen. Ich glaube, dass es in einem Menschen eine Grundsensibilität gibt, die bei jedem unterschiedlich ausgeprägt ist. Als Schriftsteller muss man aber auf jeden Fall sehr sensibel sein. Genauso wie im realen Leben muss sich der Schriftsteller genau in die Gefühle seiner Figuren hineinversetzen können. Das ist vergleichbar mit der Kunst eines Schauspielers.

Braucht man nicht auch psychologisches Fachwissen, um über solche Dinge zu schreiben?

Möglicherweise geht das auch ohne. Da muss man aber auch vorsichtig sein, schließlich gibt es die Fachleser, und da möchte man auch nichts Falsches schreiben. Das Internet hält aber ja genug Wissen parat, um sich zu informieren. Ich selbst habe mich viel mit Psychologie beschäftigt, habe eine Weiterbildung in Allgemeiner Psychologie gemacht und auch mein Promotionsthema wurde sozialpsychologisch behandelt.

Ihre Mindfuck Stories erinnerten mich an Roald Dahl – sind Sie von Roald Dahl inspiriert?

Das ist schön, dass Sie das ansprechen. Die Zahl der Leser häuft sich, die meine Stories mit den Geschichten von Roald Dahl vergleichen. Und wissen Sie was? Ich habe noch keine einzige Geschichte von ihm gelesen, aber über ihn und werde das wohl nun nachholen müssen. Ich bin ein Fan von Edgar Allen Poe. Für mich der Star unter den Kurzgeschichtenschreibern und ein Mitbegründer der Schauerromantik. Literatur inspiriert mich. Was den Mindfuck betrifft, so bin ich aber doch sehr stark von Filmen beeinflusst. Mein großes Idol ist David Lynch. Sein Film Mulholland Drive ist ein Meisterwerk. Darüber habe ich ein Sachbuch geschrieben und den Film analysiert. Er steckt voller Mindfuck Effekte. Lynch gerät leider zunehmend in Kritik durch seine Leidenschaft zur Transzendentalen Meditation. Der Bewegung wird von einigen Wissenschaftlern sektenähnliche Strukturen vorgeworfen. Ich halte mich da mit meiner Meinung zurück. Für mich ist und bleibt er der größte Regisseur unserer Zeit.

Sie bauen in Ihren Geschichten Rätselbilder auf, die in den letzten Zeilen entschlüsselt werden. Ist Mindfuck ein sehr starkes Wort für Rätselbilder?

Nein, das Rätseln setzt erst nach dem Mindfuck ein. Die Leser fragen sich, wie sie so in die Irre geführt werden konnten, hinterfragen sich selbst und lesen die Geschichten noch mal. Kaum eine Story wird aber zum Schluss vollständig entschlüsselt. Beim Mindfuck ist es wichtig, dass dem Leser Platz für eigene Deutungen bleibt. Was nicht bedeutet, dass man am Ende ratlos da sitzt. Die Geschichten werden nur unterschiedlich verstanden. Es kommt vor, dass Leser etwas in den Mindfuck Stories finden, auf das ich selbst so nicht gekommen bin, wo ich aber sagen muss: tatsächlich, das könnte so auch passiert sein!

Wie wichtig ist Kreativität?

Kreativität ist mit die wichtigste Eigenschaft eines Schriftstellers, ebenso eines jeden Künstlers. Darauf bauen Geschichten auf und Kreativität ist ein sich stetig erweiternder Prozess. Doch allein Kreativität reicht nicht, um ein guter Schriftsteller zu sein. Man muss die Technik des Schreibens beherrschen, fit in der Rechtschreibung sein, strukturiert arbeiten können. Eine Anekdote zum Thema Kreativität: Ich habe Deutschlands Vorzeigeautor Sebastian Fitzek mal zu diesem Thema interviewt. Ich bewundere seine Art zu schreiben. Auch er hat Mindfucks in seinen Geschichten. Die Therapie ist das beste Beispiel. Ich glaube, er ist einfach auch wahnsinnig sensibel und hat auch deswegen ein Gespür für gute Geschichten. Auf jeden Fall hat er mich während des Interviews motiviert, es auch mal mit einem Buch zu versuchen. Das hab eich nun gemacht und es ihm letzte Woche zugeschickt. Ich bin gespannt, ob er es liest.

Glauben Sie an eine Aufgabe in dieser Welt?

Ich glaube, man hat viele Aufgaben in dieser Welt. Eigentlich bekommt man die ja jeden Tag. Ob es eine einzige Lebensaufgabe gibt? Ich glaube nicht, aber das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss, sollte und darf.

Wenn ja, wer verteilt die Aufgaben? Gibt es jemanden zentral oder macht das jeder selbst?

Die Welt steckt voller Herausforderungen. Ich glaube es gibt genug Möglichkeiten, sich daraus seine speziellen Aufgaben zu entnehmen. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es für uns nicht bewusst wahrnehmbare Kräfte gibt, die uns lenken, zumindest in gewisser Weise. Das ist aber eine schöne Vorstellung. Und Einigen scheint es ja auch zu gelingen, diese Kräfte für sich sichtbar zu machen. Das bedeutet für mich spirituelles Erleben. Und ich spüre da auch Vieles um mich herum, dass ich mir noch nicht erklären kann. Auch das ist natürlich unfassbar faszinierend.

 Glauben Sie an Gott? Oder verbietet die wissenschaftliche Sichtweise den Glauben an Gott?

Ja, ich glaube an Gott und spreche jeden Tag zu ihm. Das Beten vermittelt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Die Gespräche mit Gott sind ein Teil von mir und gleichzeitig auch Selbstgespräch. Ich gehe kaum in die Kirche, da ich meinen eigenen Draht zu Gott habe und mit ihm alleine sprechen möchte. Es ist schade, dass so viele Menschen den Glauben verlieren. Mir würde das wahnsinnig fehlen. Ich bin sicher, dass Glaube positive Energien freisetzt.

Und wie ist es mit dem Leben nach dem Tod?

Auch daran glaube ich fest, aber nicht daran, dass man auf dieser Erde ein neues Leben geschenkt bekommt. Ich glaube an die stetige Fortentwicklung der Seele, die mit dem Tod nicht abgeschlossen ist. Hätte es folglich aber ein Leben vor meinem jetzigen gegeben, müsste ich mich daran erinnern, und zwar nicht nur in Teilen, sondern ganz. Denn auch alle Erinnerungen und Erfahrungen sind Teil der Seele. Allgemein spielt das Thema Tod in meiner Familie eine bedeutende Rolle. Mein Vater ist Mediziner, hat eine der ersten Palliativstationen in Deutschland gegründet und koordiniert ein Netzwerk von Krankenhäusern, die diese Form, der umsorgenden, nicht mehr heilenden Praxis anbieten. Er hat tausende Patienten in den Tod begleitet. Ich war natürlich auf der Station und habe mit den sterbenden Menschen gesprochen. Da herrscht eine ganz ruhige, friedliche und würdevolle Atmosphäre. Die Patienten werden dort sehr spirituell, nehmen Farben, Formen und Symbole viel intensiver wahr und bereiten sich zusammen mit Ihren Angehörigen, Psychologen oder Seelsorgern auf den Tod vor. Der Tod spielt übrigens in den Mindfuck Stories eine ganz bedeutende und zentrale Rolle.

 

..im Gespräch mit Sat 1
..im Gespräch mit Sat 1

MINDFUCK STORIES lesen – das bedeutet, sich literarisch mal so richtig den Kopf verdrehen zu lassen. Die fünfzehn mysteriösen Kurzgeschichten in diesem Buch führen Sie geschickt in die Irre, indem sie immer wieder überraschende Haken schlagen. Christian Hardinghaus lädt Sie dazu ein, zusammen mit den Helden der Stories das gänzlich Unerwartete zu erleben. Jede Geschichte birgt ein neues Geheimnis, jede erzählt von einem anderen tragischen Schicksal. MINDFUCK STORIES – intelligent, bissig und voller Emotionen geschrieben!

(180 Seiten, ISBN 978-3-9816409-0-8) Print: 14,80 €, ebook: 6,80 €

 

Interview mit Autor Dr. phil. Christian Hardinghaus was last modified: April 28th, 2015 by Henrik Geyer