Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr

Bob Dylan, unangepasstes Musikgenie [SPID 4400]

Bob Dylan ist ein Musiker, der, zumindest für mich, immer den Anklang eines Nonkonformisten hat. Ich denke dabei an seine ungewöhnliche Stimme, die gerade in höheren Jahren immer rauer wird, so dass man sich erst einmal einhören muss, bevor man diese ungewöhnlichen Klänge ertragen kann.

In seiner Biographie gibt es etliche Brüche. Beispielsweise hat er, als er Anfang der Siebziger mit dem Spielen der E-Gitarre anfing, den Bruch zu seinen Hippie-Fans in Kauf genommen. Ihn, der sich nie an der Spitze der Flower-Power-Bewegung sah (jedenfalls nicht willentlich), traf es ins Mark, dass er von seinen „Fans“ plötzlich Judas genannt wurde.

Er hat sich, und das sehe ich als seine besondere Qualität, nicht davon abbringen lassen, zu leben. Er hat die Überzeugungen angenommen und abgelegt, die er für richtig hielt. Stets hielt er einen gewissen Abstand zu seinen Fans, wohl wahrnehmend, dass deren Bild von ihm nichts mit dem zu tun hat, was er sich selbst ist. Er ist nicht von seiner störrischen, nonkonformistischen Art abgegangen – das sah man zuletzt, als man ihm den Nobelpreis für Literatur verlieh, und er es offen ließ, ob er zur Verleihung kommen würde. Er ist ein Zyniker im besten Sinne, dem die Werte der anderen weniger wichtig sind, als die eigenen. Er hat sich in seiner Karriere als Musiker nicht davon abbringen lassen, die Musik zu machen, die Texte zu schreiben, die er für richtig hält. Und DAS ist gut so!

Herausgekommen ist dabei ein riesiges, wunderbares Werk. Auch einige weniger gelungene Titel sind dabei, doch bei etwa 1500 Songs gibt es ganz viel Erstaunliches, Geniales, Visionäres ….

 

Die Wahrnehmung des Paradoxen, die merkwürdige Weltsicht des Künstlers und des spirituellen Menschen Bob Dylan, kommt für mich besonders direkt in seinem Song Ballad of a thin man zum Ausdruck.

Auszug:

You’ve been with the professors
And they’ve all liked your looks
With great lawyers you have
Discussed lepers and crooks
You’ve been through all of
F. Scott Fitzgerald’s books
You’re very well read
It’s well known

But something is happening here
But you don’t know what it is
Do you, Mister Jones?

In dieser Ballade um einen „dünnen Mann“ geht es um Mr. Jones, der sich, allen Annäherungsversuchen an das „Rationale“ zum Trotz, in einer Traumwelt befindet.

Du bist oft bei Professoren,
und sie mögen dein Aussehen.
Mit großen Rechtsanwälten
hast du über Abartige und Gauner gesprochen.
Du hast alle Bücher
von F.Scott Fitzgerald gelesen.
Du bist überhaupt sehr belesen,
das weiß man.
Doch etwas geschieht hier,
und du weißt nicht, was es ist,
nicht wahr, Mr. Jones?

Mr Jones macht zwar nach weltlichen Maßstäben alles richtig, aber er hat keine Verbindung zur Unendlichkeit. Oberflächlich ist sein Wesen und Wollen. Professoren mögen sein Aussehen, was ihm offenbar wichtig ist. Mit jedem kann er sich über dessen Themen unterhalten, z.B. weiß er sich sogar mit Anwälten über jene anderen, jene Aussätzigen, zu verständigen, offenbar ist er ein Meister des Small Talk; er hält Small Talk für wichtige Kommunikation. Sich von den Unangepassten und Abartigen zu unterscheiden ist dem blasierten Jones ganz wichtig …

Er liest auch viel, natürlich! Doch, was versteht er eigentlich?

Seine rationale Sichtweise verhilft Mr. Jones nicht zur Erlösung, denn trotz allen Bemühungen der weltlich anerkannten Art findet er keine Verbindung zu Gott. Er ist ein Rechthaber und ein Ahnungsloser, während er von sich das genaue Gegenteil annimmt. Er tut doch schon so viel!

In diesem Sinn macht sich Mr. Jones in der richtigen Welt, die voller Rätsel und Metaphern ist, „dünne“, denn er beherrscht lediglich die Klaviatur des direktionalen Denkens. Die Welt des Irrationalen bleibt ihm rätselhaft, sagt ihm nichts, er nimmt sie nicht wahr, und sie kann ihm daher nichts geben. Mr. Jones ist „a thin man“, ein dünner Mann, der das Leben nur eindimensional wahrzunehmen versteht.

Bedenkend, was wir über den Nonkonformisten Bob Dylan formulierten, kann man sagen, dass Mr. Jones der Gegenentwurf zu Dylan ist.

 

Bob Dylan – The Ballad of a Thin Man from Vasco Cavalcante on Vimeo.

 

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Menschliche Macht und Ohnmacht – Was kann ich für Dich tun?

Göttliche Verbindung, Erschaffung Adams [SPID 3993]

In diesem Artikel geht es um den Bob Dylan – Song What can I do for You? Es geht in diesem religiös geprägten Song um die Ohnmacht des Menschen, die gerade in seiner Illusion eigener göttlicher Allmacht liegt.

Menschliche Macht und Ohnmacht  – What can I do for You?

Der Titel What can I do for You? ist einer der schönsten Songs des großen Musikers und Lyrikers Bob Dylan. 

Der Song entstammt dem Album Saved (Errettet), das eines von 3 Alben aus Dylans „religiöser Phase“ ist. Zu dieser Phase werden auch die Alben Slow train coming und Shot of love gerechnet.

Die „religiöse Phase“ in Dylans Leben kennzeichnet eine Zeit um 1980, in der er sich der christlichen Religion zu wandte. Nach dieser Phase blieb Dylan spirituell, jedoch drückte er in seinen Songs weniger explizit religiöse Überzeugungen aus. Er unterschied fortan zwischen Spiritualität, die er grundsätzlich in sich findet, und der menschengemachten, regulierten Religiosität der Denkvorschriften.

Die Lyrics

Dylan ist ein Suchender. Der Song What can I do for You? drückt das Ende einer Suche aus – Dylantypisch in wunderschönen Worten. In der Nähe zum Höheren findet er alle Antworten derer er bedarf. Antworten auf alle Fragen auch, die man überhaupt stellen kann.

Du hast mir alles gegeben.
Was kann ich für Dich tun?
Du hast mir Augen gegeben, zu sehen.
Was kann ich für Dich tun?
Hast mich aus Fesseln erlöst und mich innerlich erneuert.
Du stilltest einen Hunger der immer verleugnet wurde.
Du öffnetest eine Tür, die niemand schließen kann, und öffnetest sie so weit.

Das Ende der Suche ist für Dylan eine Unterordnung. Er ist zwar im Besitz aller Antworten, aber dennoch nicht Herr der Welt: Was kann ich für Dich tun?

Das Göttliche, mit dem er sich verbündet, und das ihn mächtiger macht, als er je sein konnte, erfordert seine Unterordnung. Warum? Weil aus dieser Verbindung erst begriffen werden kann, dass die Illusion der Macht die Quelle des Leidens ist.

Im Song kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass die Anerkenntnis des Höheren selbst Antwort ist auf alle Fragen. Die Täuschung, der der Mensch stets unterliegt, und die ihn leiden lässt, ist die Illusion der Selbstmächtigkeit. Er, der Mensch, sich als Krone der Schöpfung verstehend, verzweifelt an den Dingen, die doch aus ihm kommen, die er aber nicht beherrscht. Sondern die ihn beherrschen. Man denke an frühere Dylan Songs wie Blowin‘ in the wind: „Wie viele Tote braucht es damit man versteht, dass es zu viele sind?“

Ich finde diese Passage besonders schön:

Sobald ein Mensch geboren wird, beginnen die Funken zu fliegen.
Er wird schlau in seinen eigenen Augen, und er ist dazu gemacht, diese Lüge zu glauben
Wer würde ihn erretten, von dem Tod, den er sterben wird?
Nun, Du hast all das getan und niemand kann vorgeben mehr zu tun.
Was kann ich für Dich tun?

Und: Dylan bekennt sich zu der Verbindung. Indem er sagt:

Mich stört es nicht, wie schwer die Straße ist. Zeig mir, wo sie beginnt.

 

Einen ähnlichen Ansatz zur Frage menschlicher Selbstüberschätzung, menschlicher Macht und Ohnmacht, fand ich in einem Ausspruch Goethes (aufgeschrieben von seinem Freund Eckermann). Zitat:

Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen.« Goethe schwieg. Ich aber bewahrte seine großen und guten Worte in meinem Herzen.

 

Der Song What can I do for You? ist aus meiner Sicht der schönste des Albums Saved. Er lässt uns zu einer herrlichen, spirituell-eindringlichen Musik, zu Fragen eigener Macht und Ohnmacht nachdenken. 

Es lohnt sich, ihn sich auch einzeln downzuloaden.

 

 

 

 

Menschliche Macht und Ohnmacht – Was kann ich für Dich tun? was last modified: September 28th, 2016 by Henrik Geyer

Ist Blues nun traurig oder fröhlich?

Blues Interpreten - Diverse [SPID 3974]

Ich mag Blues-Musik und fragte mich, was denn eigentlich so besonders ist an dieser Musikrichtung. Blues ist doch recht einfach, fast spröde … und ist Blues nicht auch sehr traurig?

Blues ist nachdenklich

Blues hat jedenfalls einiges, das man als tiefsinnig oder spirituell charakterisieren kann. Blues hat Soul und Gospel inspiriert, kommt letztlich aus denselben Quellen, und hat oft umgekehrt viele Elemente von diesen – Gospel-Blues etc.. Es sind beispielsweise übersinnlich klingende Backgroundchöre, Bläsersätze, oder der stampfende und eingängige Sound von Gospel. Die lebensnahen Themen des Blues regen zu tiefem Nachdenken an.

Wurzeln im Leben

Vielleicht könnte man Blues als eine der natürlichsten Musikrichtungen sehen – von einfachen Menschen gemacht und fortentwickelt. Im Ursprung kommt er aus dem Süden der USA. Es ist die abendliche Unterhaltung der Menschen dort, wenn man so will ein Lebensgefühl. Blues könnte in seiner ursprünglichsten Form eine Erzählung über das Alltägliche sein, die von einfachen Gitarrenriffs begleitet wird, und ohne spektakuläre Wendungen vor sich hinplätschert. Ohne Strophen und Refrain, ohne Bridge.

Das wandelt sich natürlich, beim komplizierter und anspruchsvoller werdenden Blues, in den alle möglichen Stile einfließen man denke an Muddy Mississippi Waters, Eric Clapton, Stevie Ray Vaughan …. u.v.m., die eine Progression verkörpern.

Was das Wesen des Blues ausmacht, finde ich in diesem Titel eines jungen Musikers namens Justin Johnson gut wiedergegeben. Er handhabt seine Shackup Bluesguitar so virtuos, als würden 3 Personen spielen, statt einer.

 

Ist Blues-Musik traurige Musik?

Blues ist synonym geworden mit einer nachdenklichen Traurigkeit – aber ist Blues-Musik nun wirklich traurig?

Ich denke nicht. Blues-Musik ist so universell wie das Leben, und gerade die einfachen Momente haben immer beides, das Element der Traurigkeit, wie auch des Humors. Vielleicht auch manchmal des unfreiwilligen Humors.

Blues ist geerdet, ist im Jetzt. Die Themen des Blues sind so simpel wie sinnfällig. Zum Beispiel Lüg mich nicht an!, eine Fahrt auf einem Alabama Highway oder die eigene Freundin. Blues findet das Poetische im Einfachen.

Blues ist einfach, eingängig, der Rhythmus des Lebens. Er hat die kleinen Kicks bzw. Licks, die das Leben schön machen, macht aber auch aus Traurigkeit keinen Hehl. Traurigkeit gehört zum Leben. Der größte denkbare Gegensatz zu Blues-Musik sind vielleicht die „lustigen Musikanten der Volksmusik“, die das Potential haben so manchen eher traurig zu stimmen.

In „I’ll play the Blues for you“ gibt Albert King ein Gespräch mit einem Mädchen wieder, das Mädchen ist traurig, hat den Blues. Er macht dem Mädchen Mut, erklärt einfache Dinge. Albert King spielt ihr den Blues, und dieser Blues ist nicht traurig.

 

 

Blues ist bitter – sweet

Townes van Zandt, ein Country & Blues-Interpret der Siebziger, wurde einmal gefragt, warum die meisten seiner Songs so traurig seien. Und er sagte, die seien gar nicht so traurig, nur hoffnungslos. Sie drehen sich um total hoffnungslose Situationen, aber so sei eben das Leben. Vom Erkennen des Traurigen komme das Fröhliche, und man könne, das Traurige erkennend, sich dem Fröhlichen zuwenden. „Wissen Sie“, sagte er, „Blues ist fröhliche Musik.“

Ich finde, das ist schön ausgedrückt. Hoffnungslosigkeit hält man normalerweise für sehr negativ. Es mag als eine merkwürdige Sichtweise erscheinen, aber Hoffnung hat auch einen negativen, polaren Aspekt – anders gesagt: wo viel Licht ist, muss notwendigerweise Schatten sein. Hoffnung bedeutet ja auch: die Gegenwart für nicht gut halten, auf das Bessere der Zukunft zu hoffen. Man möchte aus dem Jetzt weg.

Ähnliches Thema: Artikel Ohne Hoffnung und ohne Furcht

Blues ist im Jetzt

Blues ist geerdet und kennt den Moment als den höchsten Sinn. Fröhlichkeit, auch Traurigkeit, Genuss eben, liegen nur im Augenblick des Lebens, man findet sie nicht in einem abstrakten Sinn – das ist Blues.

Blues ist bitter-sweet: süß-sauer.

Im Blues wiederholt sich alles, es ist ein langer, manchmal sehr lang ausgespielter Rhythmus. Das, die Variationen, sind der Genuss. So wie das Leben ein Rhythmus ist – der Rhythmus, der in einem selbst ist. Die endlosen Variationen des Lebens werden von erfindungsreichen Gitarren-Improvisationen repräsentiert, die für Blues-Musik typisch sind. Unter Bluesmusikern finden sich, das muss man sagen, die besten und kreativsten Gitarrenvirtuosen.

Ist Blues nun traurig oder fröhlich? was last modified: September 26th, 2016 by Henrik Geyer

Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen

Frühstück bei Tiffanys mit Audrey Hepburn als Holly [SPID 3972]

Den Film Frühstück bei Tiffany’s kennen bestimmt viele, und viele werden ihn in’s Herz geschlossen haben, so wie ich.

Es ist eigentlich kein „spiritueller“ Film, sondern, wie man so schön sagt, eine „leichte Filmkomödie“. Aber für mich ist „spirituell“, was eine besondere, tiefere Bedeutung in den Gedanken gewinnt. Und dieser Film, den ich oft sah, und dessen Melodie ich oft hörte, hat das: eine tiefere Bedeutung.

 

Holly Golightly ist ein Callgirl, eine Prostituierte, im New York der 50er Jahre. Im Film ist Holly, gespielt von der bezaubernden Audrey Hepburn, allerdings so blütenweiß und so rein, dass man diesen Aspekt der Geschichte von Truman Capote eigentlich gar nicht bemerkt. Holly scheint lediglich etwas leichtsinnig zu sein, der Name Golightly hat auch den Anklang von Leichtlebigkeit, von Nichts-wichtig-Nehmen.

Holly ist fest entschlossen, ihr Glück durch Heirat eines reichen Mannes zu machen. Liebe, meint sie, spiele dabei keine Rolle. Sie lernt einen jungen Schriftsteller namens Paul kennen, der sich in sie verliebt, und sie verliebt sich in ihn, will es sich aber nicht eingestehen.

Paul sieht nicht gern, womit Holly ihr Geld verdient. Doch die macht ihm schnell klar, dass er gar nicht so verschieden von ihr ist – im Grunde führt er das Leben eines Gigolo. Denn er lebt von Gnaden einer reichen Frau: wohnt in ihrer Wohnung, nimmt ihr Geld. Als Schriftsteller jedenfalls verdient er (noch) nichts.

Glücks-Sucher

Die beiden, Holly und Paul, sind zwei Glücks-Sucher, jeder auf seinem eigenen, abenteuerlichen Weg.

Holly glaubt, sich nicht festlegen zu dürfen. Sie könnte alles sein, was zu sein man von ihr erwartet. Sie will im Gegenzug nur eins: reich sein.

Konsequenterweise lebt sie ein Leben auf Abruf, nichts lässt sie sich ans Herz wachsen. Der Kater, der bei ihr „nur wohnt“, und mit dem sie, wie sie sagt, ansonsten nichts zu tun hat, ist eine Metapher für ihr freies Denken. Sie hat dem Kater noch nicht einmal einen Namen gegeben, und nennt ihn nur … Kater.

Auch den Schriftsteller Paul will sie nicht in ihr Herz lassen, denn der hat ja nichts.

Moon River von Henry Mancini

Eine geniale Facette des Filmes ist die Filmmusik von Henri Mancini.  Henri Mancini war ein großer Film-Komponist, er erschuf z.B. auch das Thema des Films „Der rosarote Panther“.

Der Song „Moon River“, so befand Henry Mancini einmal, ist von Audrey Hepburn auf die bestmögliche und gelungenste Weise vorgetragen worden, obwohl es sicher tausend Interpretationen dieses Liedes gibt. „Moon River“ ist traurig-schön. Die Verse drücken den Aspekt des Suchens und der Sehnsucht aus. Sie spielen mit den Wortbildern des amerikanischen Selbstverständnisses.

Der Mondfluss ist jener geheimnisvolle Schicksalsstrom, den zu bereisen gleichsam das Abenteuer des Lebens ist. Hinter jeder Flussbiegung kann das Glück warten („waiting round the bend“) – man muss sich nur auf das Abenteuer einlassen. Ähnlich  Huckleberry Finn (my Huckleberry friend), der tausend Kilometer auf einem Floß den Mississippi hinunter fährt, um Freiheit und Glück für sich und seinen Freund Jim zu finden. Huckleberry und Jim sind zusammengeschmiedet, durch ihre Sehnsucht und ihre Suche, und ganz ähnlich sind auch Holly und Paul Schicksalsgenossen. Sie sind Herumtreiber, die sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu sehen … und es gibt so viel Welt zu sehen! Wozu sich festlegen? Reisen bedeutet, Dinge und Orte zu verlassen; besser man reist mit leichtem Gepäck.

Two drifters off to see the world
There’s such a lot of world to see
We’re after the same rainbow’s end
Waitin‘ round the bend
My Huckleberry friend

Eines Tages wird Holly erreichen, was sie sich vorgenommen hat, wird den Fluss in Reichtum und Glück befahren (crossing you in style, some day), da ist sich Holly sicher. Sie und Paul haben die gleichen hochfliegenden Pläne, beide wollen zum Ende des Regenbogens gelangen. Eine schöne Metapher für Glück – das Ende des Regenbogens ist ein verführerisch scheinender Ort, jedoch kann man ihn nicht erreichen … jedenfalls nicht, indem man ihm nachjagt.

Glück ist nicht Suchen

Zum Ende des Films findet Holly was sie sucht: einen reichen Mann zum Heiraten. Alles scheint perfekt, und doch ist sie unglücklich. Der reiche „Knilch“ bedeutet ihr nichts, und sie bedeutet ihm ebenso wenig. Dennoch ist sie entschlossen, ihr Vorhaben umzusetzen. Zum Zeichen ihrer Entschlossenheit überlässt sie „Kater“ seinem Schicksal – auch er soll sich umorientieren, so ist eben das Leben! Im strömenden Regen, zwischen Mülltonnen und alten Kisten soll er sich von Ratten ernähren.

Paul, der das sieht, lässt es nicht zu, und erklärt Holly, dass Glück Ankommen ist. Wertschätzen der Dinge und Menschen, aber nicht unstete Suche. Glück kann man daher in sehr einfachen Dingen finden. Wo man wertschätzt, und wo man wertgeschätzt wird, da ist man auch glücklich. Glück muss man nicht in der Welt suchen, sondern in sich.

Holly sieht das ein, und sucht Kater. Sie findet ihn völlig durchnässt zwischen Müll, nimmt ihn an sich. Im strömenden Regen bahnt sich das Happy End an – man darf vermuten, dass Holly ihren reichen „Knilch“ nicht heiratet, sondern Paul, und dass „Kater“ endlich einen richtigen Namen bekommt.

Weiterlesen: Verloren wie Tränen im Regen.

 

Weiterlesen: Schätzen, was man hat. Wertschätzen.

Ähnliches Thema: Artikel Schätzen, was man hat. Wertschätzen und dankbar sein, wer – man ist und wie man ist

Ähnliches Thema: Glücklich sein – wie geht das? Völlig idiotisch glücklich sein!

Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen was last modified: September 19th, 2016 by Henrik Geyer

Faszination Lyrik – was macht Lyrik so magisch?

Faszination Lyrik, Stairway to heaven

Die Faszination an der Lyrik – wie entsteht sie?

Besprochen wird das anhand eines magischen Songs – „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin – ein Song, den man sicherlich immer wieder gern hört und uns in diesem Moment inspirieren kann.

unklare Lyrik

Ich habe das Beispiel „Stairway to heaven“ gewählt, weil man über die Lyrik dieses Songs durchaus geteilter Meinung sein kann.

Da ist die Dame, die glaubt sie könne sich den Zugang zu himmlischen Gefilden (die Treppe in den Himmel) einfach erkaufen, da ist der lockende Pfeifer (am Tor zur Dämmerung?), da ist das Geheimnis, das sich im Gebüsch verbirgt, Rauch steigt zwischen den Bäumen auf und schließlich liegt die Treppe in den Himmel im flüsternden Wind (verborgen) … weißt du? Was ergibt das alles zusammen? Der weniger Spirituelle wird vielleicht sagen: „Nichts! Man könnte hier zwar sonstwas für einen tiefgründigen Sinn vermuten, aber eigentlich ist doch da Leere.“

Aber da ist ja noch die wunderschöne Musik, zu der eine spirituell-mystische Lyrik gut passt. Diese Lyrik erscheint zwar zusammengewürfelt aus Versatzstücken spiritueller Klischees – und genauso so wurde der Song auch geschrieben, wie es heißt: an einem Abend, von zwei pragmatischen jungen Leuten die einen Song für ihr  Album fertigbekommen wollten, und inspiriert waren von verschiedenen spirituellen Quellen. In der Aussage ist diese Lyrik so wenig eindeutig, dass man eigentlich gar nicht sagen kann, worum es geht. Aber die Verse sind mystisch und spirituell genug, um die Musik vieldeutig und attraktiv erscheinen zu lassen. Und darauf kommt es an.

Die Phantasie des Zuhörers erschafft die Faszination

Denn die Bedeutung entsteht erst im Zuhörer, im individuellen (und damit immer unterschiedlichen) Verstehen. Wer nun die Faszination der Verse in den Worten sucht, wird schwerlich fündig. Denn sie liegt mindestens ebenso im Zuhörer, in dessen Begreifen, in seinen Erfahrungen, etc..

Und das ist die eigentliche Faszination der Lyrik als einem Beispiel für unser Wahrnehmen (auf eben dieselbe Weise könnte man das Sehen untersuchen und käme zu ganz Ähnlichen Ergebnissen). Da, wo nichts ist, erschafft das Denken – aus sich heraus, geheimnisvoll.

Die Lyrik fasziniert ganz besonders dort, wo sie unbestimmt und geheimnisvoll ist, wo sie nur wenige dürre Versatzstücke bereit hält, die geeignet sind, die Phantasie anzuregen. Die Worte geben eine Denkrichtung vor, die Leere aber wird aufgefüllt mit den Phantasien des Zuhörers, ja, diese Leere ist geradezu nötig, um Raum zu lassen, für diese Phantasien.

Oder würde eine alles erklärende Lyrik denn nicht platt und mechanisch erscheinen und somit alle Faszination einbüßen?

Faszination Lyrik – was macht Lyrik so magisch? was last modified: Mai 24th, 2016 by Henrik Geyer

Magischer Moment – was fern war, ist plötzlich da … und ganz anders

Little Wing

In diesem Artikel geht es um einen einfachen Gedanken den ich hatte, als ich das Lied „Alabama Highway“ hörte – gesungen von Steve Young. Ich dachte an diese magischen Momente, die man manchmal im Leben hat: Wenn sich durch etwas, das man selbst nicht versteht, Türen öffnen, das Schwere leicht wird, das Unerreichbare plötzlich da ist.

Es geht in dem Lied um eine schier endlose Fahrt auf einer Landstraße in Alabama – der Fahrende kommt von einer harten und auszehrenden Arbeit auf den Baumwollfeldern. Während er durch die Nacht fährt, erscheint ihm der Highway wie ein magischer Weg, der ihn schließlich zu den Sternen führt.

Alabama Highway, nimm mich durch das Mondlicht in den Tag
verwandle dich; führe mich zu den Sternen, und lass mich gewähren.
Ich will frei sein, Alabama Highway.

Alabama Highway, Take Me On Neath the Moonlight Toward The Day
Turn Supernatural, Take Me to the Stars, And Let Me Play
I Wanna Be Free, Alabama Highway

 

Mich erinnerte das an eine lange Wegstrecke, vielleicht ein Ziel, das man erreichen möchte, und für das man sehr lange arbeitet. Vielleicht viele Jahre. Der Weg, die Jahre, kommen einem zu lang vor, sie zermürben …

Doch man bleibt vielleicht einfach bei der Sache, geht den Weg weiter – und plötzlich verwandelt sich der Weg … in einem übernatürlich erscheinenden Akt. Es geht leichter, geht aufwärts, der Weg führt plötzlich geradewegs zu den Sternen, weiter und immer weiter. Plötzlich ist man dort, wohin man nie zu reisen beabsichtigt hatte; und auch das Ziel hat sich verwandelt – in etwas, das man nie für möglich hielt. All das geschieht wie übernatürlich – eine Verzauberung – nicht nachvollziehbar, irrational
… ein magischer Moment.

Die Magischer Moment: das Verwandeln von Quantitätsänderung in neue Qualität

In der Philosophie kennt man das als das Umschlagen einer Änderung der Quantität in eine neue Qualität.

Lesen Sie auch: Beitrag Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall

In dem uns endlos immer weiterführenden Schöpfungsprozess, dessen Teil wir Menschen sind, können wir alles immer erklären … und doch ist dieses Umschlagen, dieses Sich-Verwandeln, was es ist: ein magischer Moment, der letztlich unerklärlich bleibt.

 

Siehe auch: Artikel Was ist Wahrheit? Wahrheit als Weltanschauung.

Weiterlesen: Beitrag Freude wieder finden – Freude bereiten

Magischer Moment – was fern war, ist plötzlich da … und ganz anders was last modified: Mai 19th, 2016 by Henrik Geyer

Macht euch bereit für die göttliche Kraft

Thema göttliche Kraft: Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Dem Menschen einen Glauben schenken heißt, seine Kraft zu verzehnfachen.Gustave Le Bon

„People get ready“ von Curtis Mayfield ist ein Klassiker der spirituellen Musik. Seine Musik ist genial, der Songtext einfach und eingängig, mit einer starken Botschaft: „Kopple dich an, an die göttliche Kraft!“
Eine wunderschöne Interpretation dieses Titels ist von Joss Stone:

Am Ende des Beitrages der Text: Link

Der Titel ist vom Rolling Stone Magazine auf Liste der einhundert besten Titel aller Zeiten gesetzt worden, und zwar als die Nr. 24.

göttliche Kraft – als ein Eisenbahn-Zug von Küste zu Küste

Im Lied wird der Glauben als ein Zug interpretiert, in dem jeder einfach mitfahren kann (you need no ticket). Es ist dieses ewig junge „Geheimnis“ des Glaubens, dass er die Seele für ganz andere Wahrheiten öffnet, als wir sie in unserer normalen Welt der Abstimmung zu sehen vermögen. Diesem Geheimnis verleiht der Song in der eindringlichen Weise eines guten Spirituals Ausdruck.

Dem Menschen einen Glauben schenken heißt, seine Kraft zu verzehnfachen.
Gustave Le Bon

Göttliche Kraft steht aber nur jenem zur Verfügung, der bereit ist, sich in das göttliche System einzufügen. In dem Zug kann nur reisen, wer dem Herrn dienen will, aber nicht jener, der einfach nur alles tut, um sich selbst Vorteile zu ergattern.

Es gibt keinen Platz
für den hoffnungslosen Sünder
der hart zu den Menschen ist
um für sich selbst zu sorgen
Habt Mitleid mit jenen
deren Chancen geringer sind
denn es gibt kein Verstecken
vor dem Thron des Königs

Now there ain’t no room
For the hopeless sinner
Who抯 hard on mankind
Just to save his own
Have pity on those
Whose chances are thinner
Cause there’s no hiding place
From the King on his Throne

Dieses Dem-Herrn-Dienen als notwendiger Bestandteil und Prüfung des Glaubens ist übrigens auch die wichtige Aussage des berühmten Bob Dylan Songs What can I do for you?

Sobald der Mensch geboren ist, beginnen die Funken zu fliegen.
Er hält sich für so klug, und er ist dazu gemacht, dieser Lüge zu glauben.
Wer würde ihn retten, vor dem Tod den er bestimmt ist zu sterben?
Du hast es getan, und es gibt nichts, das jemand vorgeben könnte, mehr zu tun.
Was kann ich für Dich tun?

Soon as a man is born, you know the sparks begin to fly
He gets wise in his own eyes and he’s made to believe a lie
Who would deliver him from the death he’s bound to die?
Well, You’ve done it all and there’s no more anyone can pretend to do
What can I do for You?

 

Thema die Klugheit des Menschen: Artikel merkwürdig! Merkwürdigkeiten des Alltags

Der Glaube ist innere Wahrheit

Glaube ist eben nicht das, was der Materialist gemeinhin vermutet: Nicht-Wissen, gewertet wie Dummheit. Sondern Glaube ist innere Wahrheit – festes Wissen. Dieses Wissen beweist sich in den Menschen und durch sie, es „materialisiert“ sich in dem, was sie tun.

Daher ist der Glaube an Gott, an eine höhere Kraft, an die Schöpfung, verbunden, mit einer anderen Sichtweise auf die Welt, die die Realität verändert. Das kann nicht „gefaked“ werden – ebenso wenig, wie man sich selbst belügen kann.

Die göttliche Kraft steht nur jenem zur Verfügung, der den Glauben als innere Wahrheit erleben kann, nicht jenem, der in einer Art theoretischem Außenblick darauf sieht. Oder, wie es in der Bibel heißt: „Gottes Reich ist inwendig“ – es ist nicht im Äußerlichen zu sehen.

Songtext

Siehe auch: Beitrag Stille üben – meditieren. Wozu ist es gut, still zu sein?

Siehe auch: Angst vor der Angst – ist man mutlos, ein Verlierer und Defätist, wenn man Angst hat?

Ähnliches Thema: Dort bin ich nicht

Macht euch bereit für die göttliche Kraft was last modified: Mai 17th, 2016 by Henrik Geyer

Das Ende vom Lied – ein Anfang?

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort Thema: das Ende - Ich glaube, dass wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehen, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist. Schopenhauer

In diesem Beitrag geht es um den Klassiker Knocking On Heavens Door von Bob Dylan – ein Song, der sicherlich viele Menschen erreicht und inspiriert hat.

Der Titel stammt aus dem Film Patt Garrett & Billy The Kid, von Regisseur Sam Packinpah, aus dem Jahr 1973. Bob Dylan schrieb den gesamten Musik-Score für diesen Film, weitere bekannte Titel entstammen diesem Score. Der Titel Knocking On Heavens Door wurde viele Male gecovert – bekannte gute Coverversionen sind z.B. von Eric Clapton, Guns n‘ Roses, u.v.a..

Filmszene aus Patt Garrett & Billy The Kid, mit dem Titel Knockin on heavens door:

Im Film geht es um die Freundschaft zwischen zwei gegensätzlichen Typen: Billy the Kid, und Patt Garrett. Beide sind Revolverhelden, doch Patt Garrett verbündet sich mit den Mächtigen im Land, nimmt den Job eines Sheriffs an. Er erhält den Auftrag, Billy the Kid dingfest zu machen, der in den historisch verbürgten Lincoln County War verwickelt ist.

Und so entfaltet sich der blutige Reigen, in dem die Figuren wie willenlose Geschöpfe des Schicksals agieren. Sich dieser Zwangsläufigkeit bewusst, scheint es weder Billy noch Patt besonders zu überraschen, dass sie sich schließlich in einem tödlichen Rendezvous zusammenfinden.

Der Songtext von Knockin on heavens door lässt sich aus dem Filmkontext verstehen. Im Film wird ein alter Sheriff tödlich verwundet, als er in den blutigen Konflikt einbezogen ist. Seine Frau ist bei ihm, und erlebt das Ende ihres Mannes. „Mama, take this badge off o‘ me. I can’t use it anymore“ – das sind die Worte, die der Mann wohl an seine Frau richtet: „Mama, nimm das Abzeichen (der Sheriff-Stern) weg, ich brauche es nicht mehr.“

Ist das Ende ein neuer und besserer Anfang?

Der Song und auch der Film haben sicher Generationen dazu gebracht, mindestens einen Moment über Leben und Tod nachzudenken. Gerade der Film, äußerlich ein recht blutiger Western, doch in seinem Wesen ein nachdenklich machendes Meisterwerk, beschäftigt sich mit vielen elementaren menschlichen Themen, wie Freundschaft, Verrat, der nicht enden wollenden Spirale der Gewalt.

Wenn man bedenkt, wie die im Leben unversöhnlichsten Feinde in ihren Gräbern zuweilen friedlich nebeneinander ruhen, dann fragt man sich, was die Menschen davon abhält, dieses friedliche Miteinander nicht bereits im Leben zu ermöglichen.

Ist es möglich? Der Film scheint „nein“ zu sagen. Die Zwangsläufigkeit der Gewalt, die im Film mit der Präzision eines Uhrwerkes abläuft, ergibt sich aus dem Selbstverständnis der Figuren, ihrer Unbeugsamkeit, ihrer Pflichterfüllung, ihrer Gier. Das Ende – es kann in diesem Fall nicht „gut“ sein.

 

Und wenn das Leben zu Ende ist – was kommt danach? Wird mit dem „Klopfen an das Himmelstor“ eine Tür aufgestoßen in ein ganz neues Leben? Ist das Ende nur ein Anfang? In diesem anderen Dasein braucht es sicherlich keine Abzeichen, keine Gewehre. Was muss dieses Jenseits auszeichnen, dass es im Gegensatz zum Leben auf Erden ein friedlicher Platz sein kann?

Ich glaube, dass wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehen, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.
Arthur Schopenhauer

 

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Das Ende vom Lied – ein Anfang? was last modified: Mai 15th, 2016 by Henrik Geyer

Die Magie der Sprache

Magie der Sprache - Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt des Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte. Hugo von Hofmannsthal

In diesem Beitrag geht es um die Magie der Sprache, oder die Magie der Worte. Als Beispiel für magische Worte dient uns ein magischer Country-Song, nämlich Pancho and Lefty, von Townes Van Zandt. Die Magie der Worte ist hier sehr greifbar – man kann der Frage nachspüren: Wie entsteht diese Magie? Worin drückt sie sich aus? Und was bewirken die Worte konkret … in diesem speziellen Song?

Der Song Pancho and Lefty ist ein Beispiel für viele ganz wunderbar geschriebene Lieder. Der Autor des Songs, Townes Van Zandt, mit seinem Leben voller Brüche und Leiden, ist nur ein Beispiel für viele talentierte Songwriter und Künstler, die sich auf die Magie der Worte, oder überhaupt, des Ausdrucks, verstehen.

Der vollständige Songtext befindet sich am Ende dieses Artikels.

 

Willi Nelson und Merle Haggard haben in ihrer Interpretation diesen Song sehr bekannt gemacht, weitaus populärer, als er durch Van Zandt je hätte werden können:

Link: Interpretation des Songs Pancho and Lefty durch Townes Van Zandt. 

Atem, derb wie Kerosin

Der Song interessiert einfach. Der Sound frisst sich in die Träume wie ein nach Westen rumpelnder Güterzug, in dessen Frachtwagen sich ein Tramp ins Stroh legt, um am nächsten Morgen 500 Meilen entfernt aufzuwachen.
Der Text ist von der ersten Zeile an spannend, seine Metaphern lassen einen nicht los.

Livin on the road my friend, is gonna keep you free and clean
Now you wear your skin like iron
Your breath as hard as kerosene

Auf der Straße zu Leben, Freund, macht dich frei und sauber.
Jetzt trägst du deine Haut wie Eisen,
und dein Atem ist derb wie Kerosin.

 Wie schrieb Van Zandt den Song?

Van Zandt sagte selbst, dass er kaum die Autorschaft für „Pancho and Lefty“ in Anspruch nehmen könne, denn die Inspiration dafür floss in einem Moment „durch ihn hindurch“ – und er könne beim besten Willen nicht sagen, was genau ihn dazu „veranlasst“ habe, den Song zu schreiben. Er selbst habe „schließlich und endlich“, später, auch verstanden, worum es in dem Song überhaupt geht.

Es ist die Magie der Sprache Van Zandts, die uns den Song auf eine wunderbar lyrische Art und Weise erschließt. Jeder kann darin etwas anderes sehen. Und auch Van Zandt war die Deutung des Textes zunächst rätselhaft – so merkwürdig das klingen mag.

Wie man den Songtext „offiziell“ auffasst habe ich an das Ende dieses Artikels gestellt, damit jeder die Möglichkeit hat, sich das Lied ganz selbst zu erschließen. Deutung von „Pancho and Lefty“

Worin liegt die Magie der Sprache?

In diesem Song findet sich so vieles. Die Magie der Sprache, so findet man hier, liegt im Weglassen. Im Fesseln durch kraftvolle Metaphern, die die Phantasie des Zuhörers in den Bann ziehen – und dann dieses Nicht-Sagen. Es sind die Löcher in der Logik, die das Denken ausfüllt mit Sinn – und zwar dem Sinn, den der Zuhörer dem Text zu geben vermag. Dass das ganz individuell geschieht, erzeugt im Zuhörer den Eindruck, dieser Song entspreche genau seiner eigenen Erfahrung.

Wenn man einige interessante Aspekte aufzählt (natürlich nur wie ich sie sehe) , so erhält man den Eindruck, es handele bei diesen wenigen Zeilen um eine Interpretation des Shakespeare-Dramas Macbeth.

Verrat

Da ist dieser interessante Aspekt de Verrates … der Versuchung etwas Verwerfliches zu tun, um dadurch einen Vorteil zu erlangen. Sollte man? Kann man? Heiligt der Zweck die Mittel? Verrat ist ganz alltäglich…

Freundschaft

Freundschaft und Verrat hängen eng zusammen. Wer wird den Verrat stärker spüren als der verratene Freund? Wer lässt sich besser verraten als ein Freund, dessen Geheimnisse man teilt? Die Geheimnisse auszuplaudern ist ganz leicht …

Schuld

Was passiert einem dann, wenn man verrät? Was passiert dem Verratenen? Äußerlich mag nichts geschehen, das irgendwie „besonders“ wäre. Im Song:

All the Federales say, they could’ve had him any day
They only let him slip away out of kindness I suppose

Alle Polizisten sagten, sie hätten ihn jeden Tag kriegen können,
Sie ließen ihn (bis dahin) nur entkommen … aus Freundlichkeit, nehm ich an.

Übrigens hat Van Zandt diese Textzeile auch noch anders interpretiert. Er variierte sie zu:

All the Federales say, they could’ve had him any day
They only let him hang around, out of kindness I suppose

Was ebenso „herumhängen lassen“ (in Ruhe lassen) wie „aufhängen“ bedeuten kann. So dass für Van Zandt klar war, dass die „Federales“ Pancho aufhängten – und ihre „Freundlichkeit“ ist ohnehin ein Zynismus.

 

Wenn also lediglich das äußerlich scheinbar Unausweichliche eintrat – war Leftys Tod denn nicht die natürliche Folge seines Banditentums? – was passiert dann eigentlich … in einem? Was geschieht mit Lefty?

Schicksal

Pancho needs your prayers it’s true, but save a few for Lefty too
He only did what he had to do, and now he’s growing old

Pancho braucht eure Gebete, ganz klar. Aber hebt auch noch ein paar für Lefty auf.
Er tat nur, was er tun musste, und nun wird er alt.

Wenn auch scheinbar Pancho zu bedauern ist – wer ist wirklich bedauernswerter, Pancho oder Lefty? Lefty tat doch auch nur, was er tun musste! Wodurch wurde er gezwungen?

Die Magie der Sprache dieses Songs lässt diese Frage nach dem unausweichlichen Schicksal, nach Schuld und Sühne, wie völlig offen erscheinen – einfach ein Geben und Nehmen.

Karma

Man könnte das Thema des Songs auch Karma nennen. Nichts ist isoliert. Unsere Taten sammeln sich an, zu einem nicht aus der Welt zu schaffenden Reservoir von Gründen, die (an anderer Stelle) völlig folgerichtig zum Ausdruck kommen. Und umgekehrt sind wir selbst Ausdruck von Karma – handeln einer Logik folgend, die stärker ist als wir. … Lefty tat nur, was er tun musste.

ICH bin DU

Es war mein erster Eindruck, dass es sich bei Pancho und Lefty eigentlich um dieselbe Person handeln könnte, denn die Schicksale beider scheinen auf völlig folgerichtige Weise verbunden. Wer ist nun wer? Das Gras in das Pancho biss, war in Leftys Mund.

Das „offizielle“ Verständnis von Pancho and Lefty

Den eigentlich rätselhaften Songtext versteht man im Allgemeinen (offiziell) so, dass es sich um die Geschichte eines mexikanischen Banditen namens Pancho handelt, der von einem anderen (seinem Freund?) namens Lefty an die Polizei verraten wird, und stirbt.

Von nun an sind die beiden eng verbunden.

The dust that Pancho bit down south ended up in Lefty’s mouth

Das Gras, in das Pancho im Süden biss, war schließlich in Leftys Mund

Der Fluch von Panchos Tod schwebt für immer über Lefty, wohin der sich auch wendet. Während Pancho in Mexiko „tiefer gelegt“ (beerdigt) wird, zieht es Lefty möglichst weit weg, in den Norden.

Dort endet er, alt werdend, in einem billigen Hotel.

Van Zandt selbst sagte, er habe begriffen, dass es sich bei der Geschichte um die von Pancho Villa handeln könne. Pancho Villa war ein mexikanischer Revolutionär (oder Bandit), der schließlich ermordet wurde.

 

Es ist diese letztliche Unbestimmtheit, die die Magie der Sprache ausmacht. Nicht einmal der Autor kennt die endgültige Bedeutung dessen, was er schreibt. Seine Kunst besteht im vielsagenden Weglassen.

 

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Siehe auch: Die semantische Natur der Dinge

Songtext

 

 

Die Magie der Sprache was last modified: April 28th, 2016 by Henrik Geyer

Dort bin ich nicht

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die zur Wahrheit wandern, wandern allein. Christian Morgenstern

„I am not there“ ist der Titel eines Films über das Leben Bob Dylans. Bemerkenswert die Technik, 6 verschiedene Schauspieler den Musiker Bob Dylan spielen zu lassen, darunter einen schwarzen Jungen, eine Frau (Cate Blanchett), und andere.

Der Film verlangt der Phantasie des Zuschauers einiges ab. Es ist keine geradlinige Erzählung eines Lebens. Musik mischt sich mit Träumen, Episoden und einfach Erfundenem. In einer Episode spielt Richard Gere einen Bob Dylan, der sich in die Film-Figur Billy the Kid verwandelt hat („Pat Garrett jagd Billy the Kid“ ist ein Film, in dem Bob Dylan 1973 tatsächlich eine Nebenrolle hatte, und dem er den Song „Knocking on Heavens Door“ beisteuerte).

Von Bob Dylan stammt der Ausspruch, er könne am Morgen als eine Person aufstehen und am Abend als eine andere Person zu Bett gehen. Er ist ein Rastloser, der, ähnlich wie C.G. Jung schreibt, auf „der Suche nach seiner Beziehung zum Unendlichen“ zu sein scheint. Insofern kann er nicht zustimmen, etwas Bestimmtes sein zu sollen, sich festlegen zu lassen, was Viele gern möchten (die Medien, Fans…). Sie sehen ihn z.B. als einen Sprecher für eine Bewegung, als einen Propheten, halten ihn für einen Philosophen, oder eine Ikone der Sechziger. Seine Grundaussage scheint hingegen beständig zu sein: „Dort bin ich nicht“, „Das bin ich nicht“, „Es ist anders als es scheint“, „..das ist deine Interpretation“.

Bob Dylan jedenfalls legt sich selten fest. Die Aussagen seiner Songs erklärt er nicht – hat keine Erklärung. Stattdessen lässt er den Interpretationen seiner Zuhörer Raum. Er fordert auf, den Sinn selbst zu finden, selbst Sucher zu sein.

Sein Song „Ballad of a Thin Man“ (Teil des Film-Soundtracks von „I am not there“)  ist ein klassisches Beispiel für die gewollte Unschärfe und Interpretierbarkeit gerade der Dylan-Songs – das gilt aber natürlich auch für viele bekannte Kunst-Werke, wie Gemälde, Theater, Film etc..

Der im Titel genannte „dünne Mann“ ist ein Mr. Jones, der sehr gern seine Welt verstehen will. Jedoch hat er ständig absurd scheinende Begegnungen mit rätselhaften Menschen. Mr. Jones scheint ein konventioneller Mensch zu sein, der (natürlich!) festhalten möchte am Gerüst seiner Normalität „..er kam in den Raum, mit einem Bleistift in der Hand“. Mr. Jones ist in der Welt der Professoren zu Hause, tauscht sich mit gescheiten Anwälten aus, liest die richtigen Bücher. Er macht also alles „richtig“.

Dennoch lassen ihn die skurrilen Begegnungen, die er in der Realität hat, die mangelnden Antworten darauf, an der Gültigkeit des ihm Bekannten – des für ihn Normalen zweifeln.

Hat Bob Dylan Antworten? Seine Antwort ist: „So wie du denkst, ist es jedenfalls nicht. Es gibt noch etwas anderes.“

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Dort bin ich nicht was last modified: Mai 3rd, 2016 by Henrik Geyer