Macbeth Interpretation – die Frage nach dem Schicksal

Macbeth trifft drei Hexen [SPID 4664]

Die Tragödie Macbeth von William Shakespeare ist ein äußerst komplexes und zugleich spannendes (Bühnen-)Stück, mit vielen weltanschaulichen Aspekten.

Für mich ist die Frage nach dem Schicksal und der Ursächlichkeit des menschlichen Handelns das zentrale Thema bei Macbeth.

In Macbeth wird die Frage nach der Zwangsläufigkeit von Vergangenheit und Zukunft gestellt – und mit der Betrachtung des menschlichen Individuums, bzw. von dessen Willen, verwoben. Die Tragödie Macbeth lenkt die Gedanken auf die Frage: Ist das Ich (bin ich), ein zwangsläufiges Produkt meiner Vergangenheit? Und wird nun, ebenso zwangsläufig, aus diesem SEIN, auf einer vielleicht unbeeinflussbaren „Schiene“, (meine) Zukunft?

Macbeth – zur Handlung

Macbeth, ein junger und aufstrebender schottischer Adliger, von einer siegreich geführten Schlacht kommend, begegnet drei Hexen. Sie prophezeien ihm, dass er bald König sein werde.

Macbeth reitet sinnend davon. Das kommt für ihn überraschend, er schwankt zwischen Freude und Furcht, zwischen Glauben und Unglauben. Wie viel ist die Prophezeiung von Hexen wert? Und … es kann nur einen König geben – was wird aus dem jetzigen König, der der Freund Macbeths ist?

Letztlich setzt sich der Gedanke bei Macbeth fest: Er kann König sein. Seine Frau (Lady Macbeth), als sie von der Prophezeiung erfährt, bestärkt und ermutigt ihn. Macbeth soll das tun, was nötig ist um König zu werden – und Lady Macbeth wird seine Königin. Der Weisheit letzter Schluss ist, den jetzigen König zu ermorden – das sei der einzige Weg, damit das Schicksal seinen Lauf nehmen kann, glauben beide.

Und das Schicksal nimmt tatsächlich seinen Lauf – es wendet sich. Zwar erfüllen sich die Prophezeiungen der Hexen nach und nach, Macbeth wird König, nachdem er den Herrscher, seinen Freund, ermordete. Doch aus einem beliebten, in der Schlacht erfolgreichen und bewunderten jungen Macbeth, wird ein allseits gefürchteter Feind der Gesellschaft; ein Mann, den seine Dämonen verfolgen und der des Nachts aus dem Schlaf auffährt, denn die Schreckensbilder seiner ermordeten Freunde, die, wenn sie dem alten König treu waren, nun seine Feinde sind, lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Hofschranzen, die er um sich versammelt, sind verachtenswerte Kreaturen, die niemandem treu sind – wären sie es, könnten sie nicht am Hof des Verräters dienen. Macbeths Psyche wird zunehmend zerfahren, er fühlt sich verfolgt. Seine bösen Geister lassen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen und bringen ihn an den Rand des Wahnsinns. Macbeths Welt – das sind nun Verrat, Mord und Hass.

Doch auch über das persönliche Schicksal Macbeths hinaus reicht die Prophezeiung der drei Hexen, welche sich als eine schlimme Zukunftsvision entpuppt – einem Fluch viel ähnlicher denn einem Segen, wie Macbeth zuerst dachte. Der Verrat und der Unfriede im Inneren hat Unfrieden im gesellschaftlichen Außen zur Folge. Die Armee Englands rückt nach Schottland vor, um den geschwächten König zu entthronen. Die Armeen treffen aufeinander … und auch das Schicksal der Länder nimmt seinen Lauf.

Die weltanschauliche Fragen

Die Prophezeiung der Hexen stimmt also, wie die Tragödie uns zeigt. Die Worte der Hexen werden zur Realität. Aus Worten wird Sein – und Nomen est Omen. War DER GRUND für die Prophezeiung der Hexen nun die Vision einer festen Zukunft? Oder war die Prophezeiung DER GRUND für die Realisierung der Zukunft … in dieser spezifischen Form?

Ist die Zukunft fest oder verschwommen? Man könnte auch sagen, dass es bei Macbeth letztlich um die Frage nach Kausalität ganz allgemein geht. Was wäre geschehen, wenn Macbeth den Hexen nicht begegnet wäre?

  1. Das Wesen einer Prophezeiung ist es ja eigentlich, mit einer gewissen Zwangsläufigkeit einzutreten – eintreten zu müssen. Ist Macbeth nun Werkzeug des Schicksals und glaubt nur, nach seinem eigenen Willen zu handeln? Was ist Wille? Kommt die Zukunft durch unabänderliche Umstände zu Stande, die sich dem Menschen auf trügerische Art als dessen freier Wille im Jetzt darstellen? Oder hat der Einzelne tatsächlich die Macht, sein Schicksal zu bestimmen?
  2. Welche Rolle haben die Verkünder des Schicksals, die Hexen, für das Schicksal? ERZEUGEN die Worte der Hexen eine Chance auf Realisierung? Was ist Wahrscheinlichkeit? Wird eine Wahrscheinlichkeit erzeugt, indem man Worte sagt? Zitat Einstein: „Erst die Theorie bestimmt, welche Beobachtung sich machen lässt.“
  3. Und noch weitergehende Fragen lassen sich formulieren: Wenn nun das Gespräch Macbeths mit den Hexen stattgefunden hätte, ohne dass der Zuschauer des Stücks davon Kenntnis erhalten hätte – wie hätte sich die Handlung dann für ihn, für den Zuschauer, dargestellt? Anders gesagt: Ein Phänomen, für das man den Grund nicht kennt, nennt man Zufall. So wäre also Macbeths Schicksal Zufall – aus der Sicht des Zuschauers, vorausgesetzt, dieser würde das Gespräch mit den Hexen nicht kennen. Hat er aber Kenntnis von dem Gespräch, dann glaubt er im Besitz eines Grundes zu sein. Und nun die große Frage: Ist, was Macbeth widerfährt, Zufall … denn, ob der Zuschauer vom Zusammentreffen Macbeths Kenntnis hat oder nicht, dürfte doch in der Sache gar keine Rolle spielen! Oder etwa doch? Ist Zufall vielleicht nur eine Sichtweise und es „gibt“ den Zufall eigentlich gar nicht?

 

Die Tragödie Macbeth wirft diese Fragen auf intelligente und höchst spannende Art und Weise auf, beantwortet sie aber nicht. Im Grunde ist die Geschichte von Verrat und Mord am Königshof ein Krimi, der sich in ungezählten Varianten in der Geschichte zutrug, und der sich, auf weniger spektakuläre Weise, täglich in unser aller Leben abspielt. Wir können uns selbst genauso gut fragen: Was ist der Grund für die Dinge, die wir tun? Was ist unser Schicksal? Wie hängt unser Schicksal mit den Gedanken zusammen, die wir jetzt, in diesem Augenblick, denken? Können  wir unser Schicksal durch Gedanken ändern? Wie?

 
Siehe auch: Artikel Spirealismus

Lesen Sie auch: Artikel Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott

Macbeth Interpretation – die Frage nach dem Schicksal was last modified: Februar 7th, 2017 by Henrik Geyer

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön!

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 3 [SPID 4550]

Einer der spirituellsten Filme, gleichzeitig ein sehr unterhaltsamer Familienfilm, ist „Ist das Leben nicht schön?“, ein amerikanischer Spielfilm von 1946, mit James Stewart und Donna Reed in den Hauptrollen.

Ist das Leben nicht schön? dreht sich um das Leben, um Verzweiflung, um Zweifel überhaupt (Verzweiflung=Zweifel). Und es geht um die Wieder-Erlangung von Glauben, was gleichzusetzen ist mit irdischem Glück. Es geht um den Glauben an die Liebe, an Selbstwirksamkeit, an das Gute.

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 4 [SPID 4551]
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön!  George versagt sich den Traum seines Lebens – eine Reise rund um die Welt, um die heimatliche Firma seiner Eltern vor dem Ruin zu retten. Hier ist George gerade dabei, einen Koffer für seine Reise zu kaufen – eine Reise, die er nie antritt.
George Bailey (Stewart) ist ein guter Mensch, er opfert seine Träume für die Dinge, die zu tun er für seine Pflicht hält. So denkt George Bailey eben: in Kategorien von Pflichterfüllung und Sorge um andere. Daher geht er nicht auf Weltreise, wie er eigentlich wollte und wie es sein Traum war, sondern bleibt zu Hause und hilft, die ständig notleidende karitativ geführte Sparkasse im Familienbesitz zu retten.

Seine tiefsitzende Güte ist ihm Karrierebremse, soviel bekommt George selbst schon mit! Während Freunde und Verwandte ihre Träume in aller Welt realisieren, ist George zu Hause, in seiner kleinen Stadt; ist eingebunden und angebunden.

Doch die Kräfte des Bösen wollen die kleine Sparkasse vereinnahmen, George aus dem Weg räumen. In seiner dunkelsten Stunde verzweifelt George so, dass er sich das Leben nehmen, und im weihnachtlichen Schneegestöber von einer Brücke springen will. Alles erscheint ihm sinnlos: die Arbeit von Jahren scheint zerstört, sein Glaube an das Gute erscheint in diesem Licht wie Dummheit und Schwäche.

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 2 [SPID 4549]
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! George ist verzweifelt – er will in diesem Moment, im weihnachtlichen Schneegestöber, von einer Brücke springen.
Doch da tritt ein Engel in Georges Leben – er errettet ihn vor der Verzweiflung durch einen magischen Trick: Er zeigt ihm, wie die Welt aussähe ohne George Bailey. Er zeigt ihm, wie die kleinen guten Taten von George ihre Wirkung entfalteten, wie sie wieder Früchte trugen, um an ganz anderer Stelle erneut zu Liebe zu werden. An Stellen weit außerhalb von Georges erdgebundenem Blick – er hätte das nie erkannt, wenn sein guter Engel es ihm nicht gezeigt hätte. Es waren gute Taten, die weiter getragen wurden … und anderswo wieder Güte hervorbrachten.

Das zu sehen gibt George seinen Lebensmut zurück, macht ihn froh und stark. George kann wieder an die Liebe und an das Gute glauben. Er kann wieder leben, kann wieder kämpfen.

Ganz konkrete Früchte brachte sein Wirken für ihn aber auch: er hat viele Freunde – viel mehr als er dachte! Und die sind mehr als bereit, ihm in seiner Not beizustehen.

Happy End, was sonst! Ein wunderbarer Film für Weihnachten.

Ein fröhliches Weihnachtsfest und wunderschöne Feiertage für alle, die auf diesem Blog vorbeischauen! Ihr Henrik Geyer

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 1 [SPID 4548]
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! George kann sich wieder freuen – er findet selbst Anerkennung und findet in sich Dankbarkeit, für die Dinge, wie sie sind.
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! was last modified: Dezember 24th, 2016 by Henrik Geyer

Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen

Johann Wolfgang von Goethe, Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen [SPID 4406]

Zunächst wird man Goethe nicht als „Mindscrewer“ sehen, denn seine ausgefeilte und harmonische Lyrik ist weltbekannt. Goethe ist vielleicht das beste Beispiel für einen Menschen, der bewusst versuchte, den Sinn für die Rätselhaftigkeit mit der Notwendigkeit zu vereinen, auf Erden Harmonie zu erreichen. Harmonie und Luxus waren Goethe wichtig; Luxus waren für ihn nicht nur die materiellen Dinge, sondern auch die Segnungen des Geistes – er empfand es als Luxus, sich ganz den schönen Künsten hingeben zu können.

Er wusste, dass die irdische Harmonie darin besteht, das Paradoxe des Höheren zu akzeptieren und nicht daran zu rühren. Die irrationale Seite der Welt war ihm gleichwohl bekannt. (Zitat Franz Kafka: Im Kampf zwischen dir und der Welt, stelle dich immer auf die Seite der Welt.)

Von Goethe stammt zum Beispiel der Satz:

Man kann nicht sagen, daß das Unendliche Teile habe. Alle beschränkte Existenzen sind im Unendlichen, sind aber keine Teile des Unendlichen, sie nehmen vielmehr teil an der Unendlichkeit.

Das Unendliche (Universum) ist nicht die Summe seiner Teile und darum auch kein Ganzes. Sondern es ist ein Prozess, der aus und durch den Menschen entsteht – ich hatte diesen Gedanken einmal in diesem Beitrag formuliert:
Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus

Goethe und das Übersinnliche – das Spirituelle

Die Faszination seiner Lyrik und seiner Prosatexte stammt natürlich auch aus der Kenntnis des Übersinnlichen, und der vollkommenen Fähigkeit, sie mit den Worten der deutschen Sprache zu verbinden.

Denken wir beispielsweise an den Text des „Zauberlehrlings“. Der Zauberlehrling ist ein junger Mann, der die wirkungsvollen Formeln seines Zauberbuches anwendend, Verhängnis erschafft … lediglich durch die Übertreibung des Zaubers … der Lehrling hat den Zauber eben nicht richtig unter „Kontrolle“. Es wäre ihm nichts weiter anzuraten, als nur Vorsicht und Zurückhaltung bei Kräften, die er zwar anweisen kann, deren Wirkprinzip er im Eigentlichen aber nicht versteht, und niemals verstehen kann. Denn es handelt sich ja um Zaubersprüche!

Goethe meinte, dass der Mensch durch sein Wirken den Eindruck erhält, er verstehe und durchdringe das Universum. Doch das ist nicht so, und die Mittel, die der Mensch in die Hände bekommt, sind, so unverstanden sie bleiben müssen, ebenso ein Mittel seiner Vernichtung wie seines Fortkommens. Der Mensch versteht nicht, dass bereits sein Wille das göttliche Werkzeug ist, das sowohl das Gute wie das Böse in die Welt bringt, ebenso Krieg wie Frieden, ebenso Freude wie Schmerz. Die größte Liebe bringt den größten Hass hervor – die Extreme sind es, die der Mensch sucht, und, notwendigerweise zu beiden Seiten seines Weges, auch findet. Indem er die Liebe sucht, bringt er den Hass hervor.

Dem Menschen wäre anzuraten, äußerste Zurückhaltung zu üben, solange er das kosmische Prinzip nicht versteht. Und, würde er es verstehen, wäre Zurückhaltung ohnehin seine Natur. Denn Gleichgewicht, nicht Übertreibung, ist der Weg der Existenz.

Man kann Goethes Mahnung sehr direkt in unsere heutige Zeit übersetzen. Des Menschen Gier, seine Sucht, immer mehr haben zu wollen, ist das, was er als gut und selbstverständlich erachtet. Es ist seine selbstverständliche „Suche nach Glück“ – sie kulminiert in unserer Zeit in einer grenzenlosen Naturzerstörung. Das Keine-Grenze-kennen-und-akzeptieren-Wollen, das unendliche Mehr! in der Zahl der Menschen (Überbevölkerung), aber auch der für selbstverständlich gehaltene Wunsch jedes Einzelnen, sich ein möglichst großes „Stück vom Kuchen“ abzuschneiden – das ist die Übertreibung nach der Art des Zauberlehrlings. Der Mensch zerstört die Quelle, aus der er schöpft. Solches tuend, plappert er vor sich hin, was für ein großes Genie er doch sei. Und, natürlich, dass er alles im Griff habe!

Um die Existenz des Göttlichen zu wissen bedeutet nicht, das Göttliche zu verstehen.

Goethe hat immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er das Göttliche für gegeben hält, und dass er unter dem Göttlichen eine Macht versteht, die rational unbegreiflich ist. Auch hier wieder ist des Menschen Pflicht die Zurückhaltung – das Göttliche verstehen zu wollen und für sich zu vereinnahmen, ist das Wesen desjenigen, der am allerwenigsten göttlich ist. Es ist das Wesen des Pharisäers, das Wesen auch jener Heilsbringer, die Wasser predigen um selbst umso ungestörter Wein trinken zu können. Und gleichzeitig, das wusste auch Goethe, ist eben dieses Vereinnahmen eine sehr selbstverständliche und alltägliche Erscheinung.

Aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens von Johann Peter Eckerman

Dennoch halte ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und die so göttlicher Art, wie nur je auf Erden das Göttliche erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: durchaus! – Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit. – Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind und alle Pflanzen und Tiere mit uns. Fragt man mich aber, ob ich geneigt sei, mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli zu bücken, so sage ich: verschont mich und bleibt mir mit euren Absurditäten vom Leibe! Den Geist dämpfet nicht! sagt der Apostel. Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe reichdotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der untern Massen. Sie hat ihnen auch die Bibel lange genug vorenthalten, so lange als irgend möglich. Was sollte auch ein armes christliches Gemeindeglied von der fürstlichen Pracht eines reichdotierten Bischofes denken, wenn es dagegen in den Evangelien die Armut und Dürftigkeit Christi sieht, der mit seinen Jüngern in Demut zu Fuße ging, während der fürstliche Bischof in einer von sechs Pferden gezogenen Karosse einherbrauset!

 

Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen

Philip K. Dick - die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen [SPID 4408]

Wenn es um den Sinn für das Paradoxe geht (auch manchmal provokativ-drastisch Mindfuck genannt), dann ist Philip K. Dick unbedingt zu nennen. Er ist einer der Menschen, die geradezu ihr ganzes Leben dem Ergrübeln des Wesens der Realität widmeten.

Die rote und die blaue Pille – Tore zu verschiedenen Universen

In dem Film „Matrix“ wird der Held Neo mit der Tatsache konfrontiert, dass, welche Art von Welt er bewohnt, eine Frage der Medikation ist. Je nach Art der Pille, die er schluckt (ihm wird eine rote und eine blaue Pille zur Auswahl gestellt), wird sich seine Realität formen. Und: es wird eine jeweils ununterscheidbare Realität sein …. ununterscheidbar von einer anderen, richtigen, wirklichen Realität.

Anders gesagt: Realität ist Realität, es gibt nur eben verschiedene Realitäten. Nicht die Realität ist Eins – wir Menschen sind eins, und die Realitäten in uns sind Viele …

Die blaue Pille wird ihn in eine Welt des Komforts gleiten lassen, die rote Pille hingenen wird ihm die ganzen Möglichkeiten offenbaren, die die Realität anzunehmen in der Lage ist. Das wird ungemütlich, aber auch interessant! Mit Hilfe der roten Pille wird er sehen, wie tief „das Kaninchenloch“ ist, das von der oberflächlichen Welt in die dahinterliegenden Universen führt. Das „Kaninchenloch“ (rabbit hole) ist übrigens wiederum ein Zitat aus „Alice in Wonderland“, der Geschichte eines Mädchens, das, einem Kaninchen in dessen Bau folgend, in eine unterirdische, abenteuerlich-märchenhafte Traumwelt gerät.

Philip K. Dick hat nicht das Script zum Film Matrix geschrieben, aber der Film ist wie eine Aneinanderreihung von Sujets des berühmten Autors.

Philip K. Dick

Philip K. Dick war ein amerikanischer Autor, der sich um die Science Fiction Literatur sehr verdient gemacht hat. Seine Bücher führten mehrfach zu großartigen Filmen, beispielsweise dem Film Blade Runner, oder dem Film Minority Report.

Philip K. Dick war drogenabhängig, was manchen seiner Kritiker dazu verführt, den Wert des Schaffens Dicks gering zu nennen. Doch Dick war ein Visionär; die Frage „Was ist die Realität?“ war sozusagen das Thema seines Lebens. Und, wie sehr viele große Schriftsteller, die letztlich abhängig von Drogen waren, meist Alkohol, war auch er ein Manipulator des Geistes – und konnte daher aus erster Hand davon berichten, dass das, was gemeinhin „die Realität“ genannt wird, gar nicht Eins ist, sondern Vieles.

Man könnte auch sagen, dass er seine Drogensucht in einer konstruktiven und produktiven Weise verarbeitete. Ich glaube, dass die Visionen Dicks in mancher Hinsicht unverstanden und unterbewertet sind – wer diesen Blog kennt, wird das sicher verstehen. Denn hier geht es ja häufig, im Rahmen des Spirealismus, um die Realität. Was Dick oft als Frage formuliert, ist mir Grundüberzeugung, und ich glaube, dass, wenn die Menschen erst wirklich begreifen, dass „die Realität“ nicht Eins ist, sich wichtige und revolutionäre Ableitungen daraus ergeben werden, und zwar auch ganz wissenschaftlicher Art. Dick hat einige davon visionär in seinen Büchern vorweggenommen.

Philip K. Dick war schwer tablettenabhängig, er benutzte Drogen jeweils, um arbeiten zu können, um schlafen zu können, um wach zu werden, etc.. Folgerichtig tauchte in seinen Büchern häufiger das Motiv auf, dass jemand eine Tablette schluckt, und daraufhin in einer andere Realität gerät, die ihr Real-Sein dadurch kenntlich macht, dass sie bis ins letzte Detail und in die letzte Konsequenz folgerichtig ist, nur eben auf eine fremd erscheinende Art.

Ubik

Ein für Dick typisches und sehr gut lesbares Buch ist Ubik.

Achtung Spoiler Ubik ist ein Mittel (Droge), das man einnimmt, um ganz bestimmte Realitäten zu erzeugen, andere zu verdrängen. Als hintersinniger Effekt des Buches wird dem Leser erst am Ende klar, dass das Mittel Ubik nicht in der wirklichen Welt eingenommen wird, sondern in der Welt, bzw. der Realität, von der der Leser bis dahin annahm, es sei die nicht-wirkliche. Und es fragt sich natürlich .. in welche Realität führt Ubik eigentlich? Die erste oder die zweite? Oder eine Welt der unendlichen Variabilität?

Blade Runner

Der Text, der dem Film Blade Runner zu Grunde liegt, trägt eigentlich nicht den Titel Blade Runner, sondern: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Wie der Titel im Grunde schon verrät, geht es wieder um die Frage des Bewusstseins. Philip K. Dick setzt voraus, dass eine künstliche Intelligenz auch Willen und Wünsche haben muss; wovon träumt sie wohl? Was ist ihr eine notwendige Anschaffung (vielleicht ein künstliches/elektrisches Schaf?), was ist ihr ein Must-See, u.s.w.?

Interessant wird es in Blade Runner, wenn es um die tiefsinnige Frage geht, woran genau man künstliche Intelligenz erkennt, wenn man sie vor sich hat? Die Fabel, künstliche Intelligenz müsse weniger intelligent sein als der Mensch, entpuppt sich in diesen Tagen als falsch. (Man denke an Google, dem geradezu jede Frage gestellt werden kann, und diese Frage wird von Google in einer Weise beantwortet, wie das kein einzelner Mensch je könnte. Was Google fehlt, um als Mensch wahrgenommen zu werden, ist eine Art menschliche Stimme, doch, hat Google diese, wird Google zunehmend ununterscheidbar von einer „richtigen“ Intelligenz. Kommt jetzt noch ein Element hinzu, das man von jedem Menschen kennt: das Nicht-Vorhersagbare, man könnte auch sagen: der Zufall, dann wird eine solche vernetzte Maschinenintelligenz zu einem erfindungsreichen Partner, ununterscheidbar von einem „sehr klugen Typen“.)

Interessant ist in Blade Runner natürlich auch die Frage (die Philip K. Dick vielleicht als einer der ersten formulierte), welche moralische Einstellung der Mensch gegenüber künstlicher Intelligenz eigentlich einnehmen wird. Darf man sie einfach vernichten, in der Art eines Blade Runners, d.h., eines auf das Stilllegen von Maschinenmenschen spezialisierten Detectives .. eigentlich müsste man sagen: Killers?

Thema Blade Runner: Verloren wie Tränen im Regen

Eye in the sky – das Auge des Schöpfers

Eye in the Sky ist ebenfalls ein interessantes Buch von Philip K. Dick. Eine Gruppe von Personen wird durch einen Unfall in einer technischen Anlage in eine geistige Welt einer anderen Person hineinkatapultiert, eine Welt, in der religiöse Werte eine sehr direkte Macht bekommen. Gott existiert, und zuweilen erscheint sein Auge tatsächlich am Himmel. Gehaltsabrechnungen gibt es nicht, man muss um Geld beten, das dann wie Manna vom Himmel fällt. Autos fahren durch Gottes Kraft, man steuert sie durch Gebete.

Dieser Text erinnerte mich an die spirealistische Aussage, dass Wissenschaft und Religion im Grunde nicht verschieden sind. Beide begründen sich aus einem Funktionieren in der „wirklichen“ Welt – man kann nicht sagen, dass Religion nur Aberglaube sei, im Gegensatz zur objektiven Wahrheit der Wissenschaft, und zwar wenn man zweierlei (oder auch nur eins davon) irgendwann verstanden hat, bzw. am eigenen Leib erlebte:

Erstens gibt es keine objektive Wahrheit, es gibt nichts Objektives

Zweitens ist Religion wirksam, und zwar in dem Sinne, dass das, was man glaubt, auch die subjektive Realität ist. Umgekehrt kann man nichts anderes von der Wissenschaft sagen – auch der Glaube vieler Menschen (=Wissen) ist subjektiv, oder besser gesagt supersubjektiv; entscheidendes Kriterium der Wissenschaft ist, dass sie funktioniert.

 

Das Motiv in Eye in the Sky, dass die Menschen in der Vorstellung eines Dritten dessen subjektive Welt bewohnen, ist letztlich das spirealistische Konzept der Ich-Universen. Das Andere, z.B. andere Personen, Dinge etc., sind nie etwas anderes, als das, was der Einzelne subjektiv darüber denkt. So gibt es keine zwei völlig gleichen Ich-Universen, und die einzelne Sichtweise auf die Dinge und die Kausalität der Welt, unterscheidet sich stets.

Philip K. Dick formulierte das einmal so:

Zitat Dick: Die Science Fiction ermöglicht es dem Schreibenden, etwas, das eigentlich ein innerliches Problem ist, in eine äußere Umwelt zu projizieren; er tut das in Form einer Gesellschaft oder eines Planeten, und hier hausen jetzt praktisch alle, die vorher in dem einen Kopf gesteckt haben. Ich mache niemandem einen Vorwurf, wenn ihm dies nicht zusagt, denn der Kopf von so manch einem von uns ist nicht unbedingt der Ort, wo man sich gerne aufhält. Aber andererseits: Was für ein nützliches Werkzeug ist das doch für uns – um zu begreifen, dass wir nicht alle in derselben Weise das Universum sehen, ja gewissermaßen nicht einmal dasselbe Universum.

 

 

 

 

 

 

 

 

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr

Bob Dylan, unangepasstes Musikgenie [SPID 4400]

Bob Dylan ist ein Musiker, der, zumindest für mich, immer den Anklang eines Nonkonformisten hat. Ich denke dabei an seine ungewöhnliche Stimme, die gerade in höheren Jahren immer rauer wird, so dass man sich erst einmal einhören muss, bevor man diese ungewöhnlichen Klänge ertragen kann.

In seiner Biographie gibt es etliche Brüche. Beispielsweise hat er, als er Anfang der Siebziger mit dem Spielen der E-Gitarre anfing, den Bruch zu seinen Hippie-Fans in Kauf genommen. Ihn, der sich nie an der Spitze der Flower-Power-Bewegung sah (jedenfalls nicht willentlich), traf es ins Mark, dass er von seinen „Fans“ plötzlich Judas genannt wurde.

Er hat sich, und das sehe ich als seine besondere Qualität, nicht davon abbringen lassen, zu leben. Er hat die Überzeugungen angenommen und abgelegt, die er für richtig hielt. Stets hielt er einen gewissen Abstand zu seinen Fans, wohl wahrnehmend, dass deren Bild von ihm nichts mit dem zu tun hat, was er sich selbst ist. Er ist nicht von seiner störrischen, nonkonformistischen Art abgegangen – das sah man zuletzt, als man ihm den Nobelpreis für Literatur verlieh, und er es offen ließ, ob er zur Verleihung kommen würde. Er ist ein Zyniker im besten Sinne, dem die Werte der anderen weniger wichtig sind, als die eigenen. Er hat sich in seiner Karriere als Musiker nicht davon abbringen lassen, die Musik zu machen, die Texte zu schreiben, die er für richtig hält. Und DAS ist gut so!

Herausgekommen ist dabei ein riesiges, wunderbares Werk. Auch einige weniger gelungene Titel sind dabei, doch bei etwa 1500 Songs gibt es ganz viel Erstaunliches, Geniales, Visionäres ….

 

Die Wahrnehmung des Paradoxen, die merkwürdige Weltsicht des Künstlers und des spirituellen Menschen Bob Dylan, kommt für mich besonders direkt in seinem Song Ballad of a thin man zum Ausdruck.

Auszug:

You’ve been with the professors
And they’ve all liked your looks
With great lawyers you have
Discussed lepers and crooks
You’ve been through all of
F. Scott Fitzgerald’s books
You’re very well read
It’s well known

But something is happening here
But you don’t know what it is
Do you, Mister Jones?

In dieser Ballade um einen „dünnen Mann“ geht es um Mr. Jones, der sich, allen Annäherungsversuchen an das „Rationale“ zum Trotz, in einer Traumwelt befindet.

Du bist oft bei Professoren,
und sie mögen dein Aussehen.
Mit großen Rechtsanwälten
hast du über Abartige und Gauner gesprochen.
Du hast alle Bücher
von F.Scott Fitzgerald gelesen.
Du bist überhaupt sehr belesen,
das weiß man.
Doch etwas geschieht hier,
und du weißt nicht, was es ist,
nicht wahr, Mr. Jones?

Mr Jones macht zwar nach weltlichen Maßstäben alles richtig, aber er hat keine Verbindung zur Unendlichkeit. Oberflächlich ist sein Wesen und Wollen. Professoren mögen sein Aussehen, was ihm offenbar wichtig ist. Mit jedem kann er sich über dessen Themen unterhalten, z.B. weiß er sich sogar mit Anwälten über jene anderen, jene Aussätzigen, zu verständigen, offenbar ist er ein Meister des Small Talk; er hält Small Talk für wichtige Kommunikation. Sich von den Unangepassten und Abartigen zu unterscheiden ist dem blasierten Jones ganz wichtig …

Er liest auch viel, natürlich! Doch, was versteht er eigentlich?

Seine rationale Sichtweise verhilft Mr. Jones nicht zur Erlösung, denn trotz allen Bemühungen der weltlich anerkannten Art findet er keine Verbindung zu Gott. Er ist ein Rechthaber und ein Ahnungsloser, während er von sich das genaue Gegenteil annimmt. Er tut doch schon so viel!

In diesem Sinn macht sich Mr. Jones in der richtigen Welt, die voller Rätsel und Metaphern ist, „dünne“, denn er beherrscht lediglich die Klaviatur des direktionalen Denkens. Die Welt des Irrationalen bleibt ihm rätselhaft, sagt ihm nichts, er nimmt sie nicht wahr, und sie kann ihm daher nichts geben. Mr. Jones ist „a thin man“, ein dünner Mann, der das Leben nur eindimensional wahrzunehmen versteht.

Bedenkend, was wir über den Nonkonformisten Bob Dylan formulierten, kann man sagen, dass Mr. Jones der Gegenentwurf zu Dylan ist.

 

Bob Dylan – The Ballad of a Thin Man from Vasco Cavalcante on Vimeo.

 

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott

Das Schloss von Franz Kafka. [SPID 4403]

Franz Kafka ist ein Schriftsteller, der für seine surrealen Texte berühmt wurde. Sein wohl bekanntestes Buch ist „Das Schloss“. Zur Handlung: Landvermesser K. kommt in ein Dörfchen unterhalb eines Schlosses, er hat einen umfangreichen Vermessungsauftrag in der Tasche.

Das Traumhafte dieses ganzen Vorgangs wird uns bewusst, denn im Buch wird nicht gesagt, was der Auftrag genau beinhaltet, worum es geht, woher der Vermesser kommt, wie das Dorf heißt, u.v.m.. Auch der Name des Landvermessers wird nicht näher genannt, somit ist er austauschbar – im Roman ist er nur K. (Kafka?). Doch es wird immer merkwürdiger: K. gelingt es einfach nicht, Zugang zum Schloss zu erhalten. Es gelingt ihm nicht, mit seinem Auftraggeber, dem Schlossherrn, zu sprechen.

Alles was er im Laufe des Romans erreicht, ist, sich innerhalb der Dorfbevölkerung einen gewissen, kärglichen Lebensplatz zu erobern. Zu diesem Zweck muss er heucheln, sich anbiedern, manchmal auch unter Aufbietung allen Mutes Kontra geben. Er sucht seine Sexualpartner unter dem Aspekt aus, wie diese ihm weiterhelfen können, innerhalb der Dorfgesellschaft aus Tagelöhnern und Bauern ein gewisses,  jämmerliches Standing zu erreichen. Sein Endziel bleibt, anerkannter Teil des Schlosses zu werden, indem sein Vermessungsauftrag durchgeführt und bezahlt wird und er sich auf normale Weise mit seinen Auftraggebern (dem Schlossherrn, der Bürokratie des Schlosses) unterhalten kann.

Das Schloss, bzw. die Bürokratie des Schlosses, sind für K. Gott

Max Brod, Freund und Verleger Kafkas, nannte das Schloss des Romans eine Metapher für Gott. Ich denke, er hatte damit Recht. Es ist eine Metapher für Gott, wie auch für Gott als die Personifikation der Welt.

Im Buch klingt das z.B. so: Der Dorflehrer erklärt K., was alles der Schlossherr in seinem Dorf zu sehen wünsche (was damit also automatisch auch K.s Pflicht sei!). K. fragt den Dorflehrer, ob dieser den Schlossherrn überhaupt persönlich kenne, (er möchte so viel wie möglich über das Schloss und den Schlossherrn in Erfahrung bringen). Der Lehrer erwidert: Nein. Wie sollte ich ihn kennen? Und er fügt auf französisch hinzu, so dass die ihn umgebenden Kinder nicht verstehen können: Seien Sie still! Nehmen Sie Rücksicht auf die Kinder! … so als habe der Vermesser K. in unflätiger Weise Gottes Namen im Munde geführt!

Was man gleichzeitig schließen darf: Gottes Wille verwirklicht sich durch das Wirken ganz kleiner Geister, wie z.B., durch den Dorflehrer!

All das ist dem Leser einerseits rätselhaft und surreal-alptraumhaft, denn es steht im Buch ja nicht am Seitenrand, dass es sich bei der Bürokratie des Schlosses, oder dem Dorflehrer, um eine höhere Macht handelt. Doch, der Leser erkennt sich und die eigenen Mühen wieder. Der Mensch, in die Welt kommend, möchte Gott nahe sein. Möchte genau passen, möchte erfolgreich sein. Doch er kann es nicht, über sein endliches Sein hinaus; über sein kleines irdisches Wirken hinaus.

Der K. des Buches sieht notgedrungen, dass seine Annäherung an die Dorfbevölkerung, sein Finden seines Platzes hier, all das bereits ist, was er an Nähe zum Schloss (zu Gott) haben kann. Denn das Dorf ist das Vehikel des Schlosses, hier ist bereits die größtmögliche Einheit. Die Welt ist irrational … der Mensch selbst bringt in die Welt, wonach er strebt und woran er gleichzeitig verzweifelt: das Streben und die Widerstände, die Liebe und den Hass, den Frieden und den Krieg, in einem ewigen Kreislauf. Im Spirealismus formuliere ich das so: Man ist Element der Schöpfung, wo man doch glaubt, ihr Beobachter zu sein. Dieses Missverständnis erschafft das Paradoxe.

Noch mehr erinnert der Inhalt des Romans an das Leben und das Lebensgefühl des Schriftstellers Kafka, der, dem Unerklärlichen Ausdruck geben wollend, es erklären wollend, nichts anderes erreichen kann, als unerklärlich und rätselhaft zu bleiben. Doch das tut er auf so gekonnte und unterhaltende Art, dass sein Roman sehr gut lesbar ist, insbesondere für Menschen mit Sinn für das Surreale. Das Buch wie auch Kafka, wurden zu einer Ikone des Paradoxen, einer Ikone der Gott- und Sinnsuche.

 

 

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Menschliche Macht und Ohnmacht – Was kann ich für Dich tun?

Göttliche Verbindung, Erschaffung Adams [SPID 3993]

In diesem Artikel geht es um den Bob Dylan – Song What can I do for You? Es geht in diesem religiös geprägten Song um die Ohnmacht des Menschen, die gerade in seiner Illusion eigener göttlicher Allmacht liegt.

Menschliche Macht und Ohnmacht  – What can I do for You?

Der Titel What can I do for You? ist einer der schönsten Songs des großen Musikers und Lyrikers Bob Dylan. 

Der Song entstammt dem Album Saved (Errettet), das eines von 3 Alben aus Dylans „religiöser Phase“ ist. Zu dieser Phase werden auch die Alben Slow train coming und Shot of love gerechnet.

Die „religiöse Phase“ in Dylans Leben kennzeichnet eine Zeit um 1980, in der er sich der christlichen Religion zu wandte. Nach dieser Phase blieb Dylan spirituell, jedoch drückte er in seinen Songs weniger explizit religiöse Überzeugungen aus. Er unterschied fortan zwischen Spiritualität, die er grundsätzlich in sich findet, und der menschengemachten, regulierten Religiosität der Denkvorschriften.

Die Lyrics

Dylan ist ein Suchender. Der Song What can I do for You? drückt das Ende einer Suche aus – Dylantypisch in wunderschönen Worten. In der Nähe zum Höheren findet er alle Antworten derer er bedarf. Antworten auf alle Fragen auch, die man überhaupt stellen kann.

Du hast mir alles gegeben.
Was kann ich für Dich tun?
Du hast mir Augen gegeben, zu sehen.
Was kann ich für Dich tun?
Hast mich aus Fesseln erlöst und mich innerlich erneuert.
Du stilltest einen Hunger der immer verleugnet wurde.
Du öffnetest eine Tür, die niemand schließen kann, und öffnetest sie so weit.

Das Ende der Suche ist für Dylan eine Unterordnung. Er ist zwar im Besitz aller Antworten, aber dennoch nicht Herr der Welt: Was kann ich für Dich tun?

Das Göttliche, mit dem er sich verbündet, und das ihn mächtiger macht, als er je sein konnte, erfordert seine Unterordnung. Warum? Weil aus dieser Verbindung erst begriffen werden kann, dass die Illusion der Macht die Quelle des Leidens ist.

Im Song kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass die Anerkenntnis des Höheren selbst Antwort ist auf alle Fragen. Die Täuschung, der der Mensch stets unterliegt, und die ihn leiden lässt, ist die Illusion der Selbstmächtigkeit. Er, der Mensch, sich als Krone der Schöpfung verstehend, verzweifelt an den Dingen, die doch aus ihm kommen, die er aber nicht beherrscht. Sondern die ihn beherrschen. Man denke an frühere Dylan Songs wie Blowin‘ in the wind: „Wie viele Tote braucht es damit man versteht, dass es zu viele sind?“

Ich finde diese Passage besonders schön:

Sobald ein Mensch geboren wird, beginnen die Funken zu fliegen.
Er wird schlau in seinen eigenen Augen, und er ist dazu gemacht, diese Lüge zu glauben
Wer würde ihn erretten, von dem Tod, den er sterben wird?
Nun, Du hast all das getan und niemand kann vorgeben mehr zu tun.
Was kann ich für Dich tun?

Und: Dylan bekennt sich zu der Verbindung. Indem er sagt:

Mich stört es nicht, wie schwer die Straße ist. Zeig mir, wo sie beginnt.

 

Einen ähnlichen Ansatz zur Frage menschlicher Selbstüberschätzung, menschlicher Macht und Ohnmacht, fand ich in einem Ausspruch Goethes (aufgeschrieben von seinem Freund Eckermann). Zitat:

Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen.« Goethe schwieg. Ich aber bewahrte seine großen und guten Worte in meinem Herzen.

 

Der Song What can I do for You? ist aus meiner Sicht der schönste des Albums Saved. Er lässt uns zu einer herrlichen, spirituell-eindringlichen Musik, zu Fragen eigener Macht und Ohnmacht nachdenken. 

Es lohnt sich, ihn sich auch einzeln downzuloaden.

 

 

 

 

Menschliche Macht und Ohnmacht – Was kann ich für Dich tun? was last modified: September 28th, 2016 by Henrik Geyer

Gut ist böse, böse ist gut

Gut ist böse, böse ist gut - Dr. Manhattan sieht mehr [SPID 3992]

in diesem Artikel bespreche ich die philosophisch- spirituellen Aspekte des Films Watchmen und die Frage: gut und böse – was ist das?

Watchmen ist vordergründig ein Film um eine Gruppe Superhelden, die Watchmen. Der Film spielt in einer parallelen Realität, im Jahr 1985. Der Name Watchmen (Wachmänner) ist Programm, die Watchmen haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Böse zu bekämpfen, und wo es geht, es auszumerzen. Und – man möge es glauben – sie sind wirklich nicht böse, sondern gut!

Gut ist böse, böse ist gut - völlig fremde Welten im Welten-Raum [SPID 3991]
Gut ist böse, böse ist gut – völlig fremde Welten im Welten-Raum

Watchmen ist kein „Kinospaß“

Ich habe den Film vor Jahren im Kino gesehen, er kam mir damals verworren, zynisch, gewalttätig und überlang vor. Er hatte aber eine faszinierende Bildsprache, wie ich damals fand. Entgegen zeitweiliger Impulse das Kino zu verlassen, blieben wir bis zum Ende.

Nun habe ich den Film noch einmal gesehen, habe auf Wikipedia die Geschichte der Watchmen gelesen, die ich vorher nicht kannte. Das hat mir manche Logiklücke geschlossen, und ich konnte die spirituell-philosophische Tiefe von Watchmen würdigen. Und die hat mich zutiefst beeindruckt, daher schreibe ich diesen Artikel.

Dennoch sei noch einmal gesagt: Watchmen ist kein Kinospaß, kein Actionkracher, kein Buddyfilm und auch eigentlich kein „richtiger“ Superheldenfilm, denn die Superhelden sind doch allzu menschlich. Watchmen ist oft explizit gewalttätig, enthält Sexszenen und ist oft, wie mancher es empfinden wird, zynisch.

Doch Watchmen ist ein bildgewaltiges Epos um Gut und Böse, und könnte (Erwachsene!) kaum mehr faszinieren. Seine Länge von über 2 Stunden ist eigentlich wohlbemessen. Der Film ist eine lange Meditation über Gewalt, den Kampf der Gegensätze in der Welt, und wie es dem Menschen möglich ist, sich daraus zu lösen.

Gut ist böse, böse ist gut - Liebe in Zeiten des Atomkrieges [SPID 3990]
Gut ist böse, böse ist gut – Liebe in Zeiten des Atomkrieges

3D Superhelden

Die Superhelden in Watchmen werden uns dreidimensional gezeigt – sie wollen wahrhaftig nur das Gute, doch erscheinen sie im Film teilweise alles andere als gut, oft alles andere als menschlich. Sie haben, um dem Recht Geltung zu verschaffen, ganz andere Mittel zur Verfügung als der Normalmensch, doch unterliegen sie den Zweifeln und den Schwingungen des menschlichen Gemütes. Und ihre Methoden reichen je nach charakterlicher Disposition von Splatterbrutalität (Rohrschach) zu philosophischer Gleichgültigkeit (Dr. Manhattan).

Und das Faszinierende ist: wir sehen den Superhelden-Charakteren dabei zu, wie sie sich entwickeln. Sie stellen sich Fragen, beantworten sie, kommen weiter…

Gut ist böse, böse ist gut - Kriegsverbrechen in Vietnam [SPID 3988]
Gut ist böse, böse ist gut – Kriegsverbrechen in Vietnam

Die Ambivalenz von gut und böse

Die Filmrealität von Watchmen spielt in einer Zeit des Vietnamkrieges, einer Zeit der nuklearen Konfrontation der Supermächte, in der die nukleare Apokalypse wie zwangsläufig, wie nur noch eine Minute entfernt, erscheint.

Die Superhelden werden von der Regierung im Vietnam-Krieg eingesetzt, wo sie ihre Pflicht tun, und die Kapitulation Nordvietnams herbeiführen. Doch sie machen sich auch die Hände schmutzig, werden Schuldige an Kriegsverbrechen – ganz ungewollt. So wie die Soldaten dieses Krieges … jedes Krieges.

Der faszinierende Comedian ist ein zynischer Realist – ihm macht es Spaß, gegen Verbrecher mit aller Härte vorzugehen. In Vietnam begeht er ein dem Zuschauer kaum erträgliches Verbrechen. Doch, wie der Film zum Ende hin zeigt, liegt auch im Comedian die Saat des Guten.

Dr. Manhattan hat von allen Superhelden eine übernatürliche Einsicht in Vergangenheit und Zukunft. Doch das führt nicht etwa dazu, dass er sich umso effektiver für das Gute einsetzt. Sondern, er scheint nicht mehr zu wissen, was das Gute ist. Das Gute erscheint ihm belanglos, sich aufhebend, gleich dem Bösen. Er löst sich von der Menschheit und ist nur durch den intensiven Appell seiner Ex-Geliebten dazu zu bewegen, eine letzte Anstrengung zu unternehmen, die Menschheit vor dem endgültigen Untergang zu bewahren. Und kommt dabei, im Gleichklang mit Superheld Ozymandias, dem „klügsten Menschen der Welt“, zu einer überraschenden, brutalen, aber wirkungsvollen Lösung.

Das Gute ist im Bösen. Das Böse ist im Guten

Ich möchte in diesem Artikel nicht den Film wiedergeben, auch nicht seine Pointen verraten.

Ich will nur so viel sagen: wer sich auf diesen Film einlässt, nicht wie man sich auf einen Superheldenfilm einlässt, sondern auf einen schwierigen, vielschichtigen Film, bekommt hier einiges geboten. Einiges auch, was mehr als schwer verdaulich scheint. Und was doch, wie ich glaube, in unserer Zeit mehr und mehr Realität gewinnt. Und was zum Teil mitten ins Herz trifft.

Der Film wirft einen Blick auf den Menschen, aber ohne sein verklärendes Selbstbild vom „gottähnlichen Menschen“. Es stellt die ganz ehrlich gemeinte Frage „Wie können wir der Selbstvernichtung entgehen?“ – und gelangt zu überraschenden Einsichten.

Taugt etwa unser Gut-Böse-Schema in Wirklichkeit gar nicht, um die wirklich wichtigen Fragen zu beantworten? Man bedenke: Sind wir denn nicht immer auf der Seite des Guten, was immer wir tun? Liegt daher denn nicht … im Guten das Böse?

Wie sagte Dr. Manhattan so treffend: „Ich kann alles ändern. Nur das menschliche Wesen, das kann ich nicht ändern.“ Was wir brauchen sind neue Antworten.

Gut ist böse, böse ist gut - ist der Holocaust die beste Prävention des Holocaustes? [SPID 3986]
Gut ist böse, böse ist gut – ist der Holocaust die beste Prävention des Holocaustes?
Gut ist böse, böse ist gut was last modified: September 26th, 2016 by Henrik Geyer

Ist Blues nun traurig oder fröhlich?

Blues Interpreten - Diverse [SPID 3974]

Ich mag Blues-Musik und fragte mich, was denn eigentlich so besonders ist an dieser Musikrichtung. Blues ist doch recht einfach, fast spröde … und ist Blues nicht auch sehr traurig?

Blues ist nachdenklich

Blues hat jedenfalls einiges, das man als tiefsinnig oder spirituell charakterisieren kann. Blues hat Soul und Gospel inspiriert, kommt letztlich aus denselben Quellen, und hat oft umgekehrt viele Elemente von diesen – Gospel-Blues etc.. Es sind beispielsweise übersinnlich klingende Backgroundchöre, Bläsersätze, oder der stampfende und eingängige Sound von Gospel. Die lebensnahen Themen des Blues regen zu tiefem Nachdenken an.

Wurzeln im Leben

Vielleicht könnte man Blues als eine der natürlichsten Musikrichtungen sehen – von einfachen Menschen gemacht und fortentwickelt. Im Ursprung kommt er aus dem Süden der USA. Es ist die abendliche Unterhaltung der Menschen dort, wenn man so will ein Lebensgefühl. Blues könnte in seiner ursprünglichsten Form eine Erzählung über das Alltägliche sein, die von einfachen Gitarrenriffs begleitet wird, und ohne spektakuläre Wendungen vor sich hinplätschert. Ohne Strophen und Refrain, ohne Bridge.

Das wandelt sich natürlich, beim komplizierter und anspruchsvoller werdenden Blues, in den alle möglichen Stile einfließen man denke an Muddy Mississippi Waters, Eric Clapton, Stevie Ray Vaughan …. u.v.m., die eine Progression verkörpern.

Was das Wesen des Blues ausmacht, finde ich in diesem Titel eines jungen Musikers namens Justin Johnson gut wiedergegeben. Er handhabt seine Shackup Bluesguitar so virtuos, als würden 3 Personen spielen, statt einer.

 

Ist Blues-Musik traurige Musik?

Blues ist synonym geworden mit einer nachdenklichen Traurigkeit – aber ist Blues-Musik nun wirklich traurig?

Ich denke nicht. Blues-Musik ist so universell wie das Leben, und gerade die einfachen Momente haben immer beides, das Element der Traurigkeit, wie auch des Humors. Vielleicht auch manchmal des unfreiwilligen Humors.

Blues ist geerdet, ist im Jetzt. Die Themen des Blues sind so simpel wie sinnfällig. Zum Beispiel Lüg mich nicht an!, eine Fahrt auf einem Alabama Highway oder die eigene Freundin. Blues findet das Poetische im Einfachen.

Blues ist einfach, eingängig, der Rhythmus des Lebens. Er hat die kleinen Kicks bzw. Licks, die das Leben schön machen, macht aber auch aus Traurigkeit keinen Hehl. Traurigkeit gehört zum Leben. Der größte denkbare Gegensatz zu Blues-Musik sind vielleicht die „lustigen Musikanten der Volksmusik“, die das Potential haben so manchen eher traurig zu stimmen.

In „I’ll play the Blues for you“ gibt Albert King ein Gespräch mit einem Mädchen wieder, das Mädchen ist traurig, hat den Blues. Er macht dem Mädchen Mut, erklärt einfache Dinge. Albert King spielt ihr den Blues, und dieser Blues ist nicht traurig.

 

 

Blues ist bitter – sweet

Townes van Zandt, ein Country & Blues-Interpret der Siebziger, wurde einmal gefragt, warum die meisten seiner Songs so traurig seien. Und er sagte, die seien gar nicht so traurig, nur hoffnungslos. Sie drehen sich um total hoffnungslose Situationen, aber so sei eben das Leben. Vom Erkennen des Traurigen komme das Fröhliche, und man könne, das Traurige erkennend, sich dem Fröhlichen zuwenden. „Wissen Sie“, sagte er, „Blues ist fröhliche Musik.“

Ich finde, das ist schön ausgedrückt. Hoffnungslosigkeit hält man normalerweise für sehr negativ. Es mag als eine merkwürdige Sichtweise erscheinen, aber Hoffnung hat auch einen negativen, polaren Aspekt – anders gesagt: wo viel Licht ist, muss notwendigerweise Schatten sein. Hoffnung bedeutet ja auch: die Gegenwart für nicht gut halten, auf das Bessere der Zukunft zu hoffen. Man möchte aus dem Jetzt weg.

Ähnliches Thema: Artikel Ohne Hoffnung und ohne Furcht

Blues ist im Jetzt

Blues ist geerdet und kennt den Moment als den höchsten Sinn. Fröhlichkeit, auch Traurigkeit, Genuss eben, liegen nur im Augenblick des Lebens, man findet sie nicht in einem abstrakten Sinn – das ist Blues.

Blues ist bitter-sweet: süß-sauer.

Im Blues wiederholt sich alles, es ist ein langer, manchmal sehr lang ausgespielter Rhythmus. Das, die Variationen, sind der Genuss. So wie das Leben ein Rhythmus ist – der Rhythmus, der in einem selbst ist. Die endlosen Variationen des Lebens werden von erfindungsreichen Gitarren-Improvisationen repräsentiert, die für Blues-Musik typisch sind. Unter Bluesmusikern finden sich, das muss man sagen, die besten und kreativsten Gitarrenvirtuosen.

Ist Blues nun traurig oder fröhlich? was last modified: September 26th, 2016 by Henrik Geyer

Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen

Frühstück bei Tiffanys mit Audrey Hepburn als Holly [SPID 3972]

Den Film Frühstück bei Tiffany’s kennen bestimmt viele, und viele werden ihn in’s Herz geschlossen haben, so wie ich.

Es ist eigentlich kein „spiritueller“ Film, sondern, wie man so schön sagt, eine „leichte Filmkomödie“. Aber für mich ist „spirituell“, was eine besondere, tiefere Bedeutung in den Gedanken gewinnt. Und dieser Film, den ich oft sah, und dessen Melodie ich oft hörte, hat das: eine tiefere Bedeutung.

 

Holly Golightly ist ein Callgirl, eine Prostituierte, im New York der 50er Jahre. Im Film ist Holly, gespielt von der bezaubernden Audrey Hepburn, allerdings so blütenweiß und so rein, dass man diesen Aspekt der Geschichte von Truman Capote eigentlich gar nicht bemerkt. Holly scheint lediglich etwas leichtsinnig zu sein, der Name Golightly hat auch den Anklang von Leichtlebigkeit, von Nichts-wichtig-Nehmen.

Holly ist fest entschlossen, ihr Glück durch Heirat eines reichen Mannes zu machen. Liebe, meint sie, spiele dabei keine Rolle. Sie lernt einen jungen Schriftsteller namens Paul kennen, der sich in sie verliebt, und sie verliebt sich in ihn, will es sich aber nicht eingestehen.

Paul sieht nicht gern, womit Holly ihr Geld verdient. Doch die macht ihm schnell klar, dass er gar nicht so verschieden von ihr ist – im Grunde führt er das Leben eines Gigolo. Denn er lebt von Gnaden einer reichen Frau: wohnt in ihrer Wohnung, nimmt ihr Geld. Als Schriftsteller jedenfalls verdient er (noch) nichts.

Glücks-Sucher

Die beiden, Holly und Paul, sind zwei Glücks-Sucher, jeder auf seinem eigenen, abenteuerlichen Weg.

Holly glaubt, sich nicht festlegen zu dürfen. Sie könnte alles sein, was zu sein man von ihr erwartet. Sie will im Gegenzug nur eins: reich sein.

Konsequenterweise lebt sie ein Leben auf Abruf, nichts lässt sie sich ans Herz wachsen. Der Kater, der bei ihr „nur wohnt“, und mit dem sie, wie sie sagt, ansonsten nichts zu tun hat, ist eine Metapher für ihr freies Denken. Sie hat dem Kater noch nicht einmal einen Namen gegeben, und nennt ihn nur … Kater.

Auch den Schriftsteller Paul will sie nicht in ihr Herz lassen, denn der hat ja nichts.

Moon River von Henry Mancini

Eine geniale Facette des Filmes ist die Filmmusik von Henri Mancini.  Henri Mancini war ein großer Film-Komponist, er erschuf z.B. auch das Thema des Films „Der rosarote Panther“.

Der Song „Moon River“, so befand Henry Mancini einmal, ist von Audrey Hepburn auf die bestmögliche und gelungenste Weise vorgetragen worden, obwohl es sicher tausend Interpretationen dieses Liedes gibt. „Moon River“ ist traurig-schön. Die Verse drücken den Aspekt des Suchens und der Sehnsucht aus. Sie spielen mit den Wortbildern des amerikanischen Selbstverständnisses.

Der Mondfluss ist jener geheimnisvolle Schicksalsstrom, den zu bereisen gleichsam das Abenteuer des Lebens ist. Hinter jeder Flussbiegung kann das Glück warten („waiting round the bend“) – man muss sich nur auf das Abenteuer einlassen. Ähnlich  Huckleberry Finn (my Huckleberry friend), der tausend Kilometer auf einem Floß den Mississippi hinunter fährt, um Freiheit und Glück für sich und seinen Freund Jim zu finden. Huckleberry und Jim sind zusammengeschmiedet, durch ihre Sehnsucht und ihre Suche, und ganz ähnlich sind auch Holly und Paul Schicksalsgenossen. Sie sind Herumtreiber, die sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu sehen … und es gibt so viel Welt zu sehen! Wozu sich festlegen? Reisen bedeutet, Dinge und Orte zu verlassen; besser man reist mit leichtem Gepäck.

Two drifters off to see the world
There’s such a lot of world to see
We’re after the same rainbow’s end
Waitin‘ round the bend
My Huckleberry friend

Eines Tages wird Holly erreichen, was sie sich vorgenommen hat, wird den Fluss in Reichtum und Glück befahren (crossing you in style, some day), da ist sich Holly sicher. Sie und Paul haben die gleichen hochfliegenden Pläne, beide wollen zum Ende des Regenbogens gelangen. Eine schöne Metapher für Glück – das Ende des Regenbogens ist ein verführerisch scheinender Ort, jedoch kann man ihn nicht erreichen … jedenfalls nicht, indem man ihm nachjagt.

Glück ist nicht Suchen

Zum Ende des Films findet Holly was sie sucht: einen reichen Mann zum Heiraten. Alles scheint perfekt, und doch ist sie unglücklich. Der reiche „Knilch“ bedeutet ihr nichts, und sie bedeutet ihm ebenso wenig. Dennoch ist sie entschlossen, ihr Vorhaben umzusetzen. Zum Zeichen ihrer Entschlossenheit überlässt sie „Kater“ seinem Schicksal – auch er soll sich umorientieren, so ist eben das Leben! Im strömenden Regen, zwischen Mülltonnen und alten Kisten soll er sich von Ratten ernähren.

Paul, der das sieht, lässt es nicht zu, und erklärt Holly, dass Glück Ankommen ist. Wertschätzen der Dinge und Menschen, aber nicht unstete Suche. Glück kann man daher in sehr einfachen Dingen finden. Wo man wertschätzt, und wo man wertgeschätzt wird, da ist man auch glücklich. Glück muss man nicht in der Welt suchen, sondern in sich.

Holly sieht das ein, und sucht Kater. Sie findet ihn völlig durchnässt zwischen Müll, nimmt ihn an sich. Im strömenden Regen bahnt sich das Happy End an – man darf vermuten, dass Holly ihren reichen „Knilch“ nicht heiratet, sondern Paul, und dass „Kater“ endlich einen richtigen Namen bekommt.

Weiterlesen: Verloren wie Tränen im Regen.

 

Weiterlesen: Schätzen, was man hat. Wertschätzen.

Ähnliches Thema: Artikel Schätzen, was man hat. Wertschätzen und dankbar sein, wer – man ist und wie man ist

Ähnliches Thema: Glücklich sein – wie geht das? Völlig idiotisch glücklich sein!

Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen was last modified: September 19th, 2016 by Henrik Geyer