Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres

Die Radikalisierung des Kuscheltieres Affe - ein radikalisiertes Tier [SPID 4328]

In der heutigen Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über vereitelte Anschläge, Gewalt in der Gesellschaft und eine zunehmende Radikalisierung berichtet wird. Dass dieses Phänomen nicht nur in der Zeitung stattfindet, sondern durchaus bis in die Familien und das Private hineinstrahlt, bekommen viele Menschen noch nicht mit. Dennoch ist auch das eine gesellschaftliche Realität, die lohnt, näher untersucht zu werden. Denn wenn sich eine solche Realität dem Einzelnen offenbart, dann greift oft Hilflosigkeit um sich, Verzweiflung und Wut. Es ist ein Stück psychologische Hilfestellung für die Betroffenen, die Geschichte einer solchen Radikalisierung zu untersuchen und aufzuschreiben.

Wir haben das getan und ein Fallbeispiel recherchiert. Wir wurden auf einen Fall aufmerksam, in dem sich ein Kuscheltier radikalisierte. Das klingt ungewöhnlich, da Kuscheltiere gemeinhin wenig zu Gewalt neigen. Doch gerade das Außergewöhnliche dieses Falles interessierte uns, und wir versuchten einen Termin bei den Angehörigen zu bekommen. Nach einigem Telefonieren gelang uns das; uns wurde die Sensibilität der Situation, dieses Eindringens in eine verletzte Familie, schnell bewusst. Teils war es nicht leicht, über die noch recht frischen Verwundungen der Seele mit unseren Gesprächspartnern zu reden. Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.

Ich als verantwortlicher Redakteur, sowie ein befreundeter Bildreporter, fanden uns an einem Freitagnachmittag an dem Zuhause der Familie M. ein.

 


Bilder aus glücklicheren Tagen: Affe pflegt sein Beet, Affe prüft die Temperatur des Badewassers, Affe ist beliebt und ist gern mit anderen zusammen


Die Tür des kleinen Familienhauses wurde unserem kleinen Team von einem Herrn in Hausjacke geöffnet. Mit leiser Stimme bat er uns einzutreten. Es war früher Nachmittag, und er bot uns Tee und Kekse an. Wir nahmen im Wohnzimmer Platz; nach einiger Zeit kamen noch 2 Kinder der Familie und deren Mutter dazu und setzten sich ebenfalls. Wir hatten darum gebeten, dass uns der Gang der Ereignisse nach Möglichkeit aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird.

Herr M., der Familienvater, hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er begann mit brüchiger Stimme zu sprechen, nachdem ich ihn gebeten hatte, einfach anzufangen.

Herr M.: „Der Affe kam zu uns, ich glaube meine Frau brachte ihn damals mit in die Ehe. Er hatte irgendwie ausländische Wurzeln, wir haben uns nie so richtig darum gekümmert, welche.

Ich weiß noch, wie er uns von Anfang ans Herz wuchs. Wenn ein Kind zu Bett gebracht wurde, dann holte ich oftmals den Affen, und spielte mit ihm rum, und das Kind, und auch ich selbst, wir mussten lachen. Affe hatte einfach so ein lustiges Gesicht, man musste schon lachen, wenn man ihn nur ansah. Wir haben ihn eigentlich immer nur Affe genannt. Einen anderen Namen hatten wir nie. Vielleicht war es das, was …“

Herr M. stockte.


Affe beim Kirschen-Essen mit den anderen Kuscheltieren


 

 

Jennifer, eines der beiden im Haushalt lebenden Mädchen, fuhr fort.

„Es war eine schöne Zeit mit Affe. Das haben wir glaube ich alle so empfunden.“ (die anderen im Raum nicken). „Wir haben viel unternommen, auch die Kuscheltiere untereinander. Affe hatte beispielsweise ein eigenes Beet, hat den anderen geholfen wo er nur konnte. Er war bei den anderen beliebt, weil er immer einen lustigen Scherz machte.“

Die Mutter von Jennifer, Frau M., wirft ein:

„Er war aber auch immer schon ein wenig eigensinnig. Wenn er einmal einen Entschluss gefasst hatte, war er kaum mehr davon abzubringen. Beispielsweise erinnere ich mich noch, dass er sich einmal überlegt hatte aus einem der oberen Fenster mit einem Fallschirm abzuspringen. Nicht wahr, Wolfgang?“

Herr M. fährt lachend fort: „Ja, so war es. Er gab nicht eher Ruhe, bis er aus Bindfäden und Taschentüchern einen Fallschirm gebastelt hatte, den er sich an seinen Achseln festband. Es gab im Vorfeld einige Gespräche, wir baten ihn, das zu lassen. Aber er kam immer wieder darauf zurück, sagte, das sei der kürzeste Weg, das müsse doch einmal versucht werden, und so. Er sagte auch, wir seien wohl sehr einfallslos, vielleicht würden wir gar nicht wollen, dass er Erfolg hat … und so weiter.

Wir haben einige Zeit nicht auf ihn geachtet, jedenfalls ist er dann irgendwann einfach gesprungen, und das Beste daran ist: Er hat sich gar nichts dabei getan!“

Herr M. schüttelt lachend den Kopf.

Die andere Tochter, Mirinda, sagt: „Er hatte lange Zeit nach dem Sprung aus dem Fenster irgendetwas am Fuß …“

Herr M. schüttelt weiter den Kopf, lächelnd. „Nur ’ne Klette.“

Reporter (ich): Wie kam es dann zu dieser Radikalisierung? Wann merkten Sie zuerst etwas davon, und wie fing es an?“

Herr M., offensichtlich bemüht sich zu erinnern, sagt: „Das kann man gar nicht genau sagen, irgendwie war es ein schleichender Prozess. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er sich plötzlich für seine Herkunft interessierte. Die war indisch, wie sich herausstellte. Nicht wahr, Marion?“

Frau M. nickt. „Irgendwas mit Indien, irgendwas mit Dschungel.“

Wieder Herr M.: „Vielleicht hatte seine Radikalisierung etwas damit zu tun, dass wir für die Kinder einmal von der Stadtmission günstig Spielzeug bekamen; in dem Paket, das wir erst später öffneten, war auch ein Panzer. Ich sah ein paar Tage später, wie Affe damit spielte.“

Frau M. fügt hinzu: „Ich glaube eher, dass es damit begann, dass Affe viel im Internet surfte. Was er sich ansah war eigentlich nie ganz klar. Wahrscheinlich hat er sich dort die Informationen geholt, die er suchte.“

Herr M., gequält: „Ja, aber warum suchte er die? Warum suchte er gerade solche Informationen? Über Waffen, Gewalt … Und warum dort, er hätte doch auch mit uns über alles reden können!“

Frau M. nickt, sieht uns nur an. Wir sehen, wie betroffen beide sind; wie sehr die Erinnerung an eine Zeit, als man vielleicht noch etwas hätte machen können, an ihnen nagt. Tränen stehen beiden in den Augen.

Reporter: „Als Sie es dann bemerkten, wie war das?“

Herr M.: „Ich merkte, dass irgendwas nicht stimmte, als er immer weniger mit uns sprach. Wenn wir am Küchentisch beim Essen saßen, dann saß er abseits in einer Ecke, und sah uns so komisch an. Weil er immer ein lustiges Gesicht hatte, merkten wir erst nichts. Aber er war irgendwie angewidert von unseren Gewohnheiten, das merkten wir, wenn wir mit ihm sprachen. Er mochte nicht was wir taten, er mochte unser Essen nicht …“

Frau M.: “ … Er hat schon vorher wenig gegessen …“

Herr M.: “ …  Er mochte auch nicht, was wir im Fernsehen ansahen. Wie sich herausstellte, mochte er unsere ganze westliche Lebensart nicht.“

Reporter: „Was taten Sie?“

Herr M.: „Wir haben immer versucht, mit ihm zu sprechen. Aber er war unzugänglich, es gab einfach keine Kommunikation. Jedenfalls keine, aus der er einmal etwas mitgenommen hätte. Für ihn gab es nur noch seine eigene, immer enger werdende Welt der Vorschriften und Belehrungen. Monomanie.“

Jennifer: „Er hat die anderen Kuscheltiere immer belehrt, sie sollen sich etwas anziehen und sich Bärte wachsen lassen.“

Herr M. bitter lächelnd: „Ja, dabei hatte er selbst nur ganz wenig Fluseln. Dann verschwand plötzlich mein altes E-Book. Weil ich es nicht mehr benutzte, merkte ich es erst gar nicht. Dann tauchte es bei Affe auf. Ich war überrascht, dass er plötzlich las, fand das eigentlich gut…  Ich schaltete es an, und sah, dass er alle Bücher gelöscht hatte, bis auf eins …“

Frau M.: “ … Er interessierte sich plötzlich für Religion und Politik.  Die Überwindung des westlichen Irrtums, wie er damals oft sagte. Er gebrauchte das Wort ‚Ausrotten‘, glaube ich.“

Herr M.: „Mit ihm war plötzlich kein Auskommen mehr. Immer hatte er an anderen etwas zu kritisieren. Tagelang hörte man, wenn er im Kinderzimmer allein war, so ein ununterbrochenes Gemurmel. Er sprach wohl mit sich selbst. Wir wollten ihn nicht stören, aus Respekt. Auch die anderen Kuscheltiere haben nichts mehr mit ihm gemacht, weil es ihnen wohl einfach zu anstrengend war, was er alles wollte. Der Spaß war weg. “

Jennifer: „Und sein Beet hat er gar nicht mehr gepflegt.“

Frau M. nickt. „Eines Tages war er weg, einfach abgehauen. Er hat uns nur diesen Abschiedsbrief hinterlassen.“

Frau M. zieht aus verschiedenen Papieren, die vor ihr auf dem Tisch liegen, ein Blatt hervor. Sie steht auf und bringt mir das Blatt. Ich sehe es mir an, aber da steht gar nichts, außer dem Wort „Abschiedsbrief“ in ausgeschnittenen Zeitungslettern.

Affes Abschiedsbrief
Affes Abschiedsbrief

Frau M. erklärt: „Er konnte nie sehr gut schreiben, wissen Sie. Wahrscheinlich hat es ihn ganz viel Mühe gekostet den Abschiedsbrief so fertig zu machen, wie Sie ihn hier sehen. Wir haben es ihm aber immer hoch angerechnet, dass er uns etwas hinterlassen wollte. Vielleicht wusste er nicht, dass man in einen Abschiedsbrief auch noch einen Text hineinschreibt. Jedenfalls waren wir ihm wohl nicht ganz egal.“

Herr M.: „Das letzte, was wir von ihm sahen, ist dieses Bild im Internet. Wir sind nicht sicher, ob es unser Affe ist, der auf dem Bild zu sehen ist, oder ein anderer. Doch ich fürchte, er ist es. Keine Ahnung wo er ist, auf dem Bild. Keine Ahnung, woher er das Gewehr hat. Wahrscheinlich von seinen neuen Freunden. Ich möchte nicht daran denken, was er damit anstellt. Vielleicht zwingt man ihn auch.“

(Wir legen das Bild diesem Bericht bei. Es zeigt Affe mit einem modernen Kriegsgewehr in der Hand, und mit martialischem Aussehen, in einer dschungelartigen Umgebung.)

Ich stehe auf, um Frau M. Affes Abschiedsbrief zurückzureichen. Ich sehe plötzlich, dass hinter einer Schrankecke, und meinem Blick bisher verborgen, ein Stuhl steht, und auf dem Stuhl sitzt … Affe!

Ich erstarre; meine Verblüffung fällt Familie M. nach kurzer Zeit auf.

Frau M. erklärt: „Nein, das ist nicht Affe. Diesen Affen haben wir von Kleinanzeigen. Wissen Sie, nachdem Affe weg war, verging doch nie der Schmerz, immer haben wir uns der schönen Zeiten mit ihm erinnert. Und dann sahen wir die Anzeige und dachten uns: Das machen wir mal. Den nehmen wir. Auch die Kinder haben sich immer gern an Affe erinnert.“

Jennifer nickt.

Reporter: „Haben Sie denn keine Angst, wieder enttäuscht zu werden?“

Herr M.: „Nein. Keineswegs. Unsere Erfahrungen sind durchweg positiv. Der neue Affe hat das Beet übernommen, er spielt mit den anderen. Wir lieben ihn und er ist uns eine große Bereicherung. Abends beim Zubettgehen müssen wir immer über ihn lachen. Er bastelt auch gern.“

Jennifer: „Neulich hat er etwas aus Schnüren und Taschentüchern gebastelt.“

Ich nicke. Mir fällt nur noch eine Frage ein. „Wie nennen Sie ihn denn?“

Herr M.: „Auch Affe. Da sind wir uns treu geblieben. Lässt sich auch besser merken.“

Ich sehe, dass die Emotionen in der Familie durch den neuen Affen ein wenig geheilt sind. Das weitere wird, so hoffe ich, die Zeit bringen. Innerlich wünsche ich diesen sympathischen Leuten von Herzen Glück.

Mit dem Rohmaterial für die Reportage sind wir fertig. Wir verabschieden uns.

Beim Hinausgehen sehe ich noch einmal zu dem neuen Affen. Wie eingefroren sitzt er in der Ecke auf seinem Stuhl, durch den Schrank ein wenig verdeckt. Seine langen Arme hängen locker herunter, regungslos. So als sei er ganz unbeteiligt. Seine Augen starren mir ins Gesicht. Seinen Mund umspielt ein Lächeln wie immer, doch plötzlich bekomme ich ein Gefühl, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sein Lächeln wird plötzlich grausam, seine schwarzen Augen bekommen einen brutalen Glanz. Sein Gesichtsausdruck wirkt verachtend, herabwürdigend. Ich weiß plötzlich: man kann den Dingen nicht hinter die Stirn schauen.

Schnell verabschieden wir uns von der netten Familie, wünschen ihnen, dass sie ihr Trauma überwinden.

Ich musste noch lange an diese Begegnung denken. Ich weiß manchmal nicht, ob die professionelle Einstellung, die ich in meinem Beruf habe, verhindern kann, dass ich die schwierigen Themen meines Arbeitstages mit nach Hause trage. Als mich neulich meine Tochter ansprach, sie wolle einen Plüschtieraffen zum Kuscheln haben, lenkte ich ihr Interesse auf einen Spielzeugkinderwagen. In dem Moment war mir nicht klar, warum ich das tat, aber hinterher wurde mir bewusst: Es musste etwas mit Familie M. und mit ihrem Plüschtier zu tun haben, dem Affen namens Affe.

Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres was last modified: November 25th, 2016 by Henrik Geyer

The German Dream: du kannst alles erreichen

Neulich aßen ich und meine Männer in einem dieser aus dem Boden schießenden Fast-Food-Restaurants. Hier gab es nicht Döner oder Bratwurst oder Pizza, sondern leckere Salat-Wraps. Das Essen war für ein eher frugales Mahl teuer, aber stylisch. Doch, so what, es gab auch noch einen zusätzlichen Benefit!

Wie zufällig entdeckte ich auf einer Serviette einen Aufdruck. „Take  a photo of your dean&david meal!“ Man soll also ein Foto seines Essens machen, und es dann posten, und zwar auf Facebook oder Instagram, gemeinsam mit den Hashtags #salatmachtsexy und #dean_and_david. Es gibt dann ein bounty. Also, keinen Schokoriegel, sondern eine Belohnung. Welcher Art die Belohnung sein wird, ist auf der Serviette nicht beschrieben. Es könnte alles sein.

Nun hatten wir unseren Imbiss schon zu uns genommen, als ich die Gewinnausschreibung entdeckte. Ich ärgerte mich natürlich fürchterlich, das kann man sich ja vorstellen. Ich war gerade dabei in meinem verständlichen Zorn die eine oder andere Kopfnuss zu verteilen, da beobachtete ich, dass einer meiner Leute noch an seinem Essen kaute. Ich forderte ihn auf, sein Essen nicht hinunter zu schlucken, sondern es mir zuerst zu zeigen, so dass ich es noch fotografieren konnte. So ein Foto eines dean&david-meals kann schließlich einiges wert sein. Das Foto, das entstand, ist regelkonform glaube ich, denn es steht ja nicht in den Teilnahmebedingungen, IN WELCHER FORM das Essen angerichtet sein muss, wenn es fotografiert wird.

Ich sage mir immer: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und mehr noch: Nur der Himmel ist die Grenze! Kein Ziel, zu entfernt; kein Traum, groß genug. Oder, wie der aus Funk und Fernsehen bekannte Menderez (Gewinner diverser Fernsehpreise) immer sagt: „Hey, man, come on! Never give up!“ Das nenne ich den German Dream: man kann alles erreichen!

Das Weitere überlasse ich nun dean&david. Was wird mein Gewinn sein? Werden sie mir einen vernünftigen, nicht zu kleinen Betrag auf mein Konto überweisen? Oder tendieren sie zu Sachwerten, und eines Tages steht ein glänzender Sportwagen vor meiner Tür? Werden sie mich und meine Leute nach Hollywood entführen, in das Chinese Theatre, um uns dort eine schlanke goldene Statuette, vielleicht in der Form eines Spargels, zu überreichen? Oder wird es eine kulinarische Rundreise durch alle dean&david Restaurants geben? Wird sich nun unser Leben grundlegend ändern, und wir werden vielleicht zu Stars der Glamour-Medienwelt? Werden wir dann überhaupt noch unerkannt über die Strasse gehen können? Wer kann all das wissen?

Ich glaube einfach an den German Dream. Und ich bin dankbar, dass wir, ich und meine Männer, von dean&david diese Chance erhalten.

 

The German Dream: du kannst alles erreichen was last modified: November 14th, 2016 by Henrik Geyer

Rübezahl. Die GANZE Wahrheit.

Ich und meine Männer bei Rübezahl

Nachdem es dem Gebirgsgeist Rübezahl in den vergangenen Jahrhunderten gelang, sich mit Frechheiten, Drohungen und Einschüchterungen einerseits, aber auch mit einigen wenigen Liebenswürdigkeiten und reichen Geschenken an den unbedarften Gebirgsbewohner andererseits, einen unvergleichlichen Ruf aufzubauen, einen Ruf wie Donnerhall, wurde es, wie ich glaube, Zeit, dass einmal ein wenig Realismus in diese Angelegenheit gebracht wird.

Aus journalistischer Neugier und dem Willen, die ganze Wahrheit über das Phänomen Rübezahl in Erfahrung zu bringen, und diese dann der überraschten Leserschaft zu präsentieren, fuhr ich jüngst in das Riesengebirgs-Territorium, um mir vor Ort, und unter Einsatz meines eigenen Lebens und Wohlergehens, die nötigen Fakten und Tatsachen zugänglich zu machen, die dort verfügbar sind. Andere, befreundete oder bezahlte Kollegen, mochte ich nicht schicken, denn für mich gilt nach wie vor der Grundsatz, dass das, was ich mir nicht selbst zumuten möchte, ich auch nicht anderen aufbürde.

So fuhr ich denn höchstselbst dorthin und kam im Oktober des Jahres 2016 in Spindlermühle, in Tschechien, an. Man könnte auch sagen vor ein paar Tagen. Auf meine Reise begleitete mich eine kleine Crew kurzgewachsener, aber ebenso ausdauernder wie verlässlicher, ebenso erfahrener wie verwegener, Männer.

Spindlermühle liegt an den Hängen des Riesengebirges, eines eindrucksvollen Kettengebirges, das sich entlang der polnisch-tschechischen Grenze zieht. Es ist Teil des Sudetengebirges, welches das Erzgebirge mit dem Gebirge der Karpaten verbindet. Die höchste Erhebung des Riesengebirges ist die Schneekoppe, mit etwas mehr als 1600 m. Der Ort Spindlermühle (der tschechische Name ist Spindleruv Myln) liegt in einer Höhe von etwa 715 m und ist nicht nur für unheimliche Rübezahlerscheinungen bekannt, sondern es gibt auch Menschen, die trotz der das Blut gefrieren lassenden Gefahren, dort Urlaub machen.

Schon bald nach unserer Ankunft ging ich mit meiner Crew die Ersteigung der nahegelegenen Schneekoppe an. Der Aufstieg gestaltete sich naturgemäß schwierig, denn aus irgendeinem Grund (der vermutliche Grund ist wohl das gehässige Gemüt des schon erwähnten Berggeistes) sind die Wege zum Gipfel teils recht steil und steinig, so dass man ziemlich ins Schwitzen gerät – und es gab mehr als ein gefährliches Vorkommnis. Es gab auch Situationen, in denen die Männer, teils aus offensichtlicher Erschöpfung, teils unter Vorbringen rational klingender Überlegungen, mir die Rückkehr ins Tal und das Aufsuchen einer sicheren Gastwirtschaft nahelegten. Hier konnte nur ein eiserner Wille die Gesellschaft zwingen, das einmal gewählte Ziel mit Nachhaltigkeit zu verfolgen. Indem ich mich selbst in die Bresche warf, hier stütze, dort zog, und wohl auch das eine oder andere Mal deutlichere Worte gebrauchte, gelang es mir, unsere kleine Schaar bis in die Höhe der Schneegrenze, und darüber hinaus, zu führen.

Während unten im Tal Temperaturen von angenehmen 10 Grad herrschten, wurde es, je mehr man sich dem Gipfel näherte, kälter und auch nebliger. Schnell wurde mir bewusst, dass hier keine „normalen Wetterphänomene“ im Spiel sein konnten, sondern es musste sich, zumindest auch, um das Wirken des omnipräsenten Bergfürsten handeln. Dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz, erreichten wir den Gipfel. Dort jedoch gelang mir auf Grund des starken Nebels nichts anderes, als ein recht dürftiges fotografisches Bild der herrschenden Gipfel-Verhältnisse anzufertigen, das mir außerdem auch noch bei der Entwicklung aus den Händen glitt und im Säurebad eine hässliche Verfärbung annahm. Dennoch lege ich dieses authentische Dokument unserer Mühen diesem Bericht bei.

Die Temperatur lag nun deutlich unter Null, und ein eisiger Wind schnitt in die Gesichter der Männer, fuhr unter die dürftige Bekleidung und kühlte die durch den Aufstieg geschwächten Körper mehr und mehr aus. Ich sah, wie sich meine Leute zunehmend langsamer bewegten, mit den erfrorenen Unterkiefern kaum noch ihre widerständlichen Meinungen äußern konnten, und sich mehr und mehr holzpuppenartig bewegten. Ich glaube, jedes vernünftige Verantwortungsbewusstsein konnte hier nichts anders tun, als den unverzüglichen Rückzug anzuordnen. Das war es denn wohl auch, was uns rettete, und uns nach unendlichen Mühen des Abstiegs, dann letztendlich sicher ins Tal brachte.

Rübezahl hatte ich bis dahin noch nicht getroffen. Doch etwas Anderes sollte eintreten, etwas völlig Unerwartetes, das mich dann doch auf seine Spur führte.

An einem der Tage meines Rechercheaufenthaltes hatte ich Geschäfte in der Stadt Spindlermühle, namentlich beabsichtigte ich den Wirt eines dort gelegenen Gasthauses zu seinen Erfahrungen mit dem Berggeiste zu befragen. Dies erfolgt übrigens meist, auch dies ein wichtiger journalistischer Trick, unter Zuhilfenahme von geistigen Getränken, in Tschechien bietet sich das dort überaus kühl und bekömmlich ausgeschenkte Bier an. Das löst die Zunge, so dass es sich ein wenig leichter über Geister und andere Unheimlichkeiten sprechen lässt.  Das Besondere dieser in der seriösen Berichterstattung verbreiteten Technik ist, dass nicht der Befragte, sondern der Frager das die Arbeit ermöglichende Mittel zu sich nimmt.

Meiner journalistischen Erfahrung und den angewandten Kniffen zum Trotz, waren diese Interrogationen übrigens schwierig. Oft genug, gerade wenn es um den Dämon des Riesengebirges gehen sollte, stellte sich der Gastwirt den offenbar unangenehmen Fragen nur für Sekundenbruchteile, und redete sich ansonsten schnell damit heraus noch dies oder jenes in der Bedienung zu tun zu haben. Oder er flüchtete sich in seine tschechische Muttersprache, gab vor, nicht zu verstehen, gebrauchte mir gegenüber irgendwelche kräftigen Worte die ich nicht verstand, man kennt das. Einmal sogar sah ich ihn aus den Augenwinkeln, wie er im Dunkel des Tresens stehend, nahe dem Eingang zum Küchentrakt und offenbar im Gespräch mit dem Koch, mit dem Zeigefinger an die Stirn tippte und dann lachend auf mich deutete. Als seriöser Berichterstatter ist man niemals vor Verleumdungen gefeit, da wird mir mancher Kollege beipflichten. Dennoch dachte ich nicht daran in meinen Bemühungen, auch und gerade mit diesem Schankwirte, nachzulassen.

Auf dem Weg zu eben diesem Gastwirte jedoch erschien mir der Unheimliche höchstselbst. Ich traf ihn, an einer Brücke über den Fluss Elbe stehend, die dort übrigens ganz in der Nähe entspringt und in Spindlermühle ein noch überschaubares Gebirgsflüsschen ist. Er war erkennbar an seiner unvergleichlichen Körperhöhe, seinem magischen Wanderstab mit dem Antlitz eines Fuchses am Knauf, seinem aus uralter Zeit überlieferten wallenden Bart, seinem einem anderen Zeitalter entstammen zu scheinenden Aufzug, und anderen Insignien des Geisthaften. Dies war Rübezahl, keine Frage!

Um der journalistischen Pflicht der Dokumentation nachzukommen kam es mir sofort in den Sinn, mich mit ihm fotografieren zu lassen. Aus diesem Grund bot ich dem überraschten Geist einen Barbetrag, der ihn davon überzeugen sollte, ein solches Foto mit mir aufnehmen zu lassen. Ich hatte gehört, der Berggeist horte tief im Inneren des Gebirges Schätze aus Gold und anderen wertvollen Erzen – demnach konnte er monetären Überlegungen nicht ganz abhold sein.

Meine Bitte jedoch wurde mir, zu meiner tiefen Erschütterung, ohne weiteres abgeschlagen, offensichtlich war der gewählte Betrag i.H.v. 50 Euro-Cent dem ohnehin reichen Berggeist nicht hoch genug. So schlich ich denn von hinnen, und sah mich von weiten nach ihm um, wie er mit durchdringenden Blicken meinen Weg verfolgte, wie ich fürchtete, mit mir nicht eben wohlgesonnenem Gemüt. In den folgenden Tagen näherte ich mich ihm immer wieder, da die Gespräche mit dem schon erwähnten Gastwirt langwieriger waren, als zuerst gedacht, und ich mit meinen Männern immer wieder die Elbbrücke zu passieren hatte. Es war uns – mir und auch meinen Männern, die sonst wagemutig und geradezu draufgängerisch veranlagt sind – unangenehm, in die Nähe des mächtigen Berggeistes zu kommen, nachdem diese erste, eher unerfreuliche Begegnung, stattgefunden hatte. Schließlich vermieden wir es sogar ganz, die genannte Elbbrücke zu nutzen, sondern machten lieber einen langen, beschwerlichen Umweg.

Doch wollte mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass es doch, statt mit Einheimischen nur über den Berggeist zu sprechen, für den Leser nützlicher wäre, seine wahre Existenz direkt dokumentiert und bewiesen zu erhalten! Und so machte ich denn einen zweiten, nicht minder tollkühnen Vorstoß. Diesmal wappnete ich mich mit einem höheren, wie ich hoffte angemessener erscheinendem, Geldbetrag.

Kritiker werden bemerken, und es gab solche Stimmen bereits, dass der vorgesehene Betrag i.H.v. 2 Euro verschwenderisch hoch war, dass solche Summen das Schlechte in den Menschen zum Vorschein bringen, dass solche Bestechungen das Handwerk des Journalisten diskreditieren, etc.. Doch man möge bitte bedenken: Rübezahl ist kein Mensch, sondern Geist. Und außerdem: Er ist bereits reich! Welche Wirkung ein zu geringes Geldangebot hat, davon hatte ich mich ja schon überzeugen können. Die Wirkung ist alles andere als produktiv, kann ich nur sagen. Und ich mag auch nicht das Wort Bestechung in diesem Zusammenhang, die Geldgabe sehe ich eher als eine Unterstützung und Spende an eine insgesamt sozial und ökologisch wirkende, positive Kraft. Schließlich noch mag man bedenken, dass auch im Journalistengewerbe letztendlich der Erfolg zählt – wäre es der trauten Leserschaft vielleicht lieber, ohne das zeitlose Dokument eines endlich einmal vor das Kameraobjektiv gebrachten Berggeistes aus diesem sachlichen Bericht zu scheiden?

Ich näherte mich jedenfalls dem Rübezahl, wieder sah er mich mit schneidendem Blick an. Mit unsicherer Stimme trug ich mein Anliegen vor. Wie überglücklich war ich, als ich bemerkte, dass der wankelmütige Bergfürst mir diesmal wohlgesonnener war! Ich und meine kleine Schaar wagemutiger Männer bekamen das lang ersehnte Dokument – ich stelle es an den Anfang dieses Berichtes. Das Maß meines Glückes quoll geradezu über, als der Unheimliche schließlich sogar seinen Zaubermantel über unsere kleine Schaar ausbreitete, wohl um damit anzudeuten, dass wir nunmehr unter seinem Schutz stünden. Leider existiert davon kein Bild, doch dies Symbol der mächtigen Zuneigung des „Herrn Johannes“ ist meiner Erinnerung so wertvoll, als hätte ich tausend Urkunden.

Rübezahl - die ganze Wahrheit - ein magischer Schein des Bergfürsten [SPID 4261]
Rübezahl – die ganze Wahrheit – ein magischer Schein des Bergfürsten
Schließlich vertraute mir der Herr der Berge, wie er sich gern anreden lässt, sogar noch einen kleinen magischen Schein an, unter dessen Zuhilfenahme ich Vergünstigungen verschiedenster Art erhalten würde. Je nach Art der Bestellung in einer bestimmten Schänke im Orte Spindlermühle, würde ich einen Geldbetrag erhalten, oder besser gesagt, einen gewissen Betrag noch nicht einmal ausgeben müssen! Sozusagen sparen. Ich verwahrte den mir anvertrauten kleinen Schatz in meiner Geldbörse, mit der festen Absicht, ihn nicht anzurühren, wenn nicht schiere Not entweder meiner selbst, oder meiner Männer, dies unumgänglich machte.

Doch der Tag sollte kommen, wie sich schon allzu bald erweisen würde. An jenem Tag, von dem ich zu berichten habe, waren meine Leute und ich lange in dem sogenannten Wellness-Bereich der Lokalität verblieben, in der wir Unterkunft und Verpflegung gefunden hatten. „Wellness“, das bedeutet übersetzt aus dem Tschechischen, die Hingabe an eine körperliche Ertüchtigung, die teils in atemberaubenden Hitzeräumen, teils in Kältebädern erfolgt. Letztere sind oft so eisig, dass ganze Körperteile binnen kurzem auf ein kaum mehr erkennbares Maß zusammenschnurren. Meine Leute und ich hatten uns für diesen Tag nichts weiter vorgenommen, als jene Kasteiung des Körperlichen – gedacht ebenso als Buße wie als geistige Reinigung, ein zweifellos hohes Gut. Die ständig wiederholten Strapazen forderten ihren Tribut, und nagender Hunger und Durst bei meinen Leuten ließ mich überlegen, wo ich deren Kräfte restaurieren konnte. Natürlich wäre die Küche der Lokalität, in der wir nächtigten, in Frage gekommen, doch die Erfahrung lehrte mich, meinen Männern verschiedenste Reize angedeihen zu lassen, um deren Wachheit und geistige Klarheit, derer ich auf meinen Expeditionen so dringend bedurfte, zu erhalten, oder nach Möglichkeit noch zu steigern. Und die einzige in Frage kommende Restauration, die in Reichweite war (andere wären vielleicht bis zu 20 m weiter entfernt gewesen – in unserem damaligen Hungerzustand also unerreichbar), schien mir das Lokal des Rübezahl zu sein.

Rübezahl - die ganze Wahrheit - Rübezahls Zauberschänke [SPID 4266]
Rübezahl – die ganze Wahrheit – Rübezahls Zauberschänke
Dorthin lenkte sich also unser Schritt, und wir betraten schließlich einen gastlichen Raum, der von den erlesensten Speisen nur so duftete. Ein sogenannter Televisor bereitete dem Ankömmling einen klingenden Empfang mit den schönsten Weisen der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, aus einem sogenannten Musikkanal. Einige meiner Leute wollten an dieser Lokalität eine gewisse Schmuddeligkeit bemerken, man könne nicht aus dem Fenster sehen … ich jedoch zähmte solches vorlaute Geschwätz mit dem Hinweis auf die weitreichende Macht des Herrn der Berge, und dessen magischen Schein, den ich immer noch am Herzen trug.

Wir bestellten uns, was Küche und Keller zu bieten hatten, und es war ein Hochgenuss, diese herrlichen Speisen zu kosten, die in Tschechien oft mit Knödeln deftig, und ebenso oft mit Knödeln süß, serviert werden.  Die Genüsse schienen direkt den unterirdischen Zaubergärten des Rübezahl zu entstammen, so wohl war uns, so reichhaltig der Gaumenkitzel der verschiedensten Gerichte und Spezereien.

Schließlich jedoch, erreichten wir den Zustand einer gewissen Sättigung: wir konnten einfach nicht mehr.

Der heraneilenden Fee die uns bediente, ein kräftiges und wohlgerundetes Himmelskind mit einem langen blonden Zopf aus dichtem und starkem Haar, übergab ich, als sie mir die Rechnung darreichte, den mystischen Schein des Herrn der Berge. Ich tat dies wortlos und war voller Spannung, welche Magie dies nun wohl hervorbringen möge. Die bezaubernde Nymphe jedoch sagte mir, dass ich den Schein gleich bei Eintritt in das Lokal hätte vorzeigen müssen, nun jedoch schien er seine Zauberkraft gänzlich verloren zu haben. Unter Aufbietung der finanziellen Mittel aller Beteiligten bezahlten wir die Rechnung i.H.v. umgerechnet 25 Euro dennoch.

Unter meinen Leuten wurde Murren hörbar, was dies denn solle, und ob der „Bergschrat“ denn etwa seine „Zettel“ selbst drucke. Auf meine Frage hin, zu welchem Zweck wohl der Herr der Berge solches tun solle, wurde mir frech entgegnet „um anzugeben“. Einer der Männer meinte gar, es sei das wahre Wesen des Berggeistes, das ergaunerte Geld in Stretchlimousinen mit leichten Mädchen zu verjubeln – ich unterband wie man sich vorstellen kann solchen Aberwitz, in dem ich die eine oder andere Kopfnuss verteilte. Mir lag weiterhin an einem guten Einvernehmen mit dem Bergfürsten.

Bis zu unserer Abreise jedoch wollten die Zweifel am Herrn der Berge nun nicht mehr verstummen. Zumal man im Folgenden wahrzunehmen meinte, dass dieser sich auch mit anderen Passanten der vorgenannten Elbbrücke ins Benehmen setzte, sich von diesen leichthin fotografieren ließ, und gar, ebenso wie mir!, denen einen magischen Zettel einfach in die Hand drückte. Das wurde mir zugetragen – was daran wahr ist, kann ich nicht sagen. Einerseits erscheint es mir ganz unwahrscheinlich, auf der anderen Seite sah ich mit eigenen Augen, als wir alle am letzten Tage im Auto saßen um die Rückreise ins heimatliche Deutschland anzutreten, wie der Berggeist seinen magischen Mantel über eine fremde Familie breitete, die er offensichtlich gerade erst kennengelernt hatte. Ich traute meinen Augen kaum und vergaß in all der Verwirrung sogar, ein Fotodokument aus dem offenen Wagenfenster heraus anzufertigen.

Doch man möge mir vertrauen – dies ist die ganze Wahrheit.

Rübezahl - die ganze Wahrheit - Krokonosch ist der tschechische Name [SPID 4257]
Rübezahl – die ganze Wahrheit – Krokonosch ist der tschechische Name

 

Rübezahl. Die GANZE Wahrheit. was last modified: November 15th, 2016 by Henrik Geyer

Gender-Bending im Alltag

männlich / weiblich / Gender-Bending [SPID 4069]

Gender-Bending, das ist Ausdehnen der Geschlechtsgrenzen über das normale (bekannte) Maß. Gender-Bending bedeutet zum Beispiel in der Modewelt, dass Männlein und Weiblein ihre Klamotten tauschen, bzw. dass das, was bisher für Frauen kreiert wurde, nun für Männer gemacht wird, in ein wenig abgewandelter Form natürlich. Und natürlich auch umgekehrt, Männerklamotten für Frauen (was ja bisher schon nicht ungewöhnlich war, man denke an den Siegeszug der Jeans-Hose). Gender-Bending bedeutet irgendwie ein weiteres Stretching des Genderwahnsinns.

Genderdenken bedeutet beim Fahrenlernen beispielsweise, man solle ja nicht denken, „der Fahrer“ sei unbedingt männlich, sondern jeder soll wissen, der Fahrer, der kann jedes Geschlecht haben(!) – daher muss nun in der STVO stehen: „Der Fahrer oder die Fahrerin“, oder „der/die Fahrer-in“, oder so ähnlich. Vielleicht muss die STVO in naher Zukunft noch ergänzt werden mit: “ … oder das selbstfahrende Auto (Neutrum).“

Und jetzt, mit dem Gender-Bending, soll man sich nicht nur denken dass jedes Geschlecht alles tun kann, sondern jetzt kann sich jedes Geschlecht auch in jedes andere Geschlecht wandeln.

Mir fällt in diesem Zusammenhang der Name Kris Jenner ein, ein Verwandter (Vater?) von Kim Kardashian. Mir fällt der Name Jenner vielleicht auch deshalb ein, weil Jenner und Gender so einen Gleichklang haben. Herr Jenner jedenfalls hatte sich vor einigen Jahren entschlossen, sich zur Frau umgestalten zu lassen, weshalb man eigentlich nun von Frau Jenner, Mutter von Frau Kardashian, sprechen muss. Ich weiß es wirklich nicht genau, glaube nur, dass er (sie) den Namen Kris einfach beibehalten hat, denn der passt ja zu beiden Geschlechtern. Jüngst las ich nun, dass sich Frau Jenner wieder zurückwünscht in das männliche Fach. Übelzunehmen ist es ihr nicht, denn erst wenn man beide Seiten kennt, hat man sicherlich auch Einsicht in die entscheidenden Unterschiede, und kann überhaupt mitreden.

Jedenfalls macht Kris Jenner deutlich, worauf Gender-Bending schließlich hinauslaufen kann, insbesondere, wenn sich die chirurgischen Möglichkeiten weiter so rasant entwickeln und irgendwann mit ähnlicher Selbstverständlichkeit in Anspruch genommen werden, wie heute Brustvergrößerungen. Dann heißt es irgendwann nicht mehr nur „Silikonbeutel rein, Silikonbeutel raus“, sondern auch Switching zwischen den Geschlechtern … und zwar immer wieder hin und her. Ein beunruhigender Gedanke.

Doch auch in unserer Familie ist Gender-Bending zu beobachten. Innerhalb der Familie hatte sich vor einiger Zeit eine Gruppierung gebildet, die durch gemeinsames Rufen von „Frauenpower!!“ ihrem Zusammenhalt äußerlich Stimme verlieh. Teil dessen waren zunächst meine Frau und meine Tochter. Als diese Bewegung immer mehr Momentum bekam, fing ich an, als Gegengewicht das maskulistische „Männerpower!“ zu rufen, und zu versuchen, dass mein großer Sohn in die entgegengestreckte Hand zum Zeichen der Verbundenheit einschlägt. Das gelang auch zunehmend besser, schließlich war sogar der Zweijährige mit von der Partie und rief fröhlich „Mennapauaaa“. Das war schon recht ernst zu nehmen, und man sah zunehmend sorgenvolle und zerfurchte Gesichter auf der Gegenseite. Hier entwickelte sich also etwas in die richtige Richtung. Weniger erfreulich war hingegen, dass insbesondere der Zweijährige ebenso einfach dazu zu bewegen war, bei den Frauen mitzumachen; dann hieß es eben „Frauenpauaaaa!“. Ihm war es scheinbar völlig egal!

Als ich neulich mit beiden Frauen zusammen am Tisch saß und es zur Erörterung gegensätzlicher Themen kam, ergriff ich plötzlich einem Impuls folgend die Seite der Frauen und rief „Frauenpower!“ und hielt meiner überraschten Frau die Hand zum High Five hin. Verblüfft schlug sie ein, während meine Tochter sie noch mahnte: „Das kann man doch nicht …“

Doch, man kann. Mann kann. Das ist eben die Macht des Gender-Bending. Es hält immer mehr Einzug in den Alltag. Wer Gender-Bending beherrscht, hat Power. Nicht Frauen-Power, nicht Männer-Power, sondern Gender-Bending-Power. Wer klug ist, bendet.

Gender-Bending im Alltag was last modified: Oktober 3rd, 2016 by Henrik Geyer

Der Südpol des Menschen ist sein eigentliches Zentrum

Außerirdische erreichen die Erde - [SPID 3979]

Die Interstellare Allumfassende Union (IAU), ein erlesener Verbund der 2.345.982.478 wichtigsten Welten des Universums, hatte Wind davon bekommen, dass in einem unbedeutenden Seitenarm einer unbedeutenden Galaxie eine Zivilisation existierte, die für die Aufnahme in eben dieses wichtige Gremium in Frage kam. Man munkelte, dass auf einem entfernten Planeten namens „Erde“ eine Spezies vorherrscht, die Intelligenz und Tatkraft in sich vereint.

Natürlich, wie das in diesen Fällen immer ist, wurde eine Delegation in einem schnellen Raumschiff entsandt. Nach dem Durchmessen von 424.784 Lichtjahren, einer erschreckenden und schockierenden Strecke quer durch die schwarzen Weiten des Alls, fand sich dieses Raumschiff im Erdorbit ein.

Die Außerirdischen suchten Kontakt. Aber mit wem und wie? Gewöhnlich wird zunächst eine Analyse erstellt. Wer ist der wichtigste Mensch, geeignet als Vertreter der Menschheit? Was sind die Themen der Menschen, was bewegt sie? Was sind also die Dinge, die man am besten den Menschen gegenüber anspricht, welche lässt man weg? Je nach Ergebnis dieser Analyse würde es den Außerirdischen möglich sein, sich mit Hilfe einer ausgefeilten Technologie in einer den Menschen verständlichen Sprache auszudrücken – und die Themen der Menschheit zu adressieren. Auf Grund ihrer formwandlerischen Fähigkeiten würden sie außerdem eine dem Menschen angenehme Gestalt wählen. All dies ist wichtig, um bei der entscheidenden ersten Begegnung mit einer fremden Spezies ja keine Fehler zu machen!

Um nun also die dringendsten Informationen über die Menschheit zu erlangen, schlug einer der außerirdischen Wissenschaftler vor, die menschliche Kommunikation abzuhören und zu entschlüsseln. Was würde sich für dieses Vorhaben wohl besser eignen als das Internet? Das Internet ist der größte offene Daten- und Wissensspeicher der Erde, in ihm kommt außerdem das menschliche Wesen sehr schön zum Ausdruck.

So loggten sich die Außerirdischen mit einem Fake-Account namens „John Smith“ bei Facebook und Twitter ein, sie waren neugierig, wer hier die meiste und lebendigste Gefolgschaft hat … wie die Menschen das nennen: „Follower“.

Es stellte sich heraus, dass die beliebtesten Menschen der Erde eine Gruppe recht eigenwilliger Personen waren, die sich selbst gern in allen möglichen Situationen fotografierten. Wie eine spezielle Research-Gruppe der IAU später in detaillierter Kleinarbeit feststellte, handelte es sich dabei um sogenannte „Selfies“, also Fotos die man von sich selbst macht. Erstaunt sahen sich die außerirdischen Wissenschaftler an. Was für eine grandiose Idee, was für eine hohe Kultur!

Das wichtigste Organ der Menschheit, so legten es die tiefer gehenden Analysen immer wieder nahe, ist sozusagen der Südpol des Menschen, seine Rückseite – dies ist auf den sogenannten Selfies immer wieder das zentrale Thema, und wird auch von den Followern goutiert. Diese Rückseite erscheint, wenn man sie einer genauen fotoanalytischen Vermessung unterzieht und mit einem geringerwertigen Menschen-Exemplar vergleicht, bei den wirklich wichtigen Menschen irgendwie vergrößert.

Natürlich fiel es den außerirdischen Wissenschaftlern auf Grund dieses Materials leicht, die notwendigen Schlüsse über das menschliche Wesen, sein Organ der Aufmerksamkeit und Intelligenz, sozusagen sein Zentrum und sein eigentliches Kapital, zu ziehen.

Das war der Grund, warum die die verwunderte Menschheit später eine „Bande dickärschiger Paviane“ (das waren die Worte des amerikanischen Außenministers) als Gesandte der Interstellaren Allumfassenden Union bei begrüßte. An anderer Stelle war gar die Rede von „Flittchen“. Das war kein Wunder, denn die Delegation der IAU kam, als sie auf die Weltpresse traf, gerade Arm in Arm mit Kim Kardashian aus einem schicken Restaurant. Die Außerirdischen hatten sich in äußerlicher Form und in der Weise ihrer Kommunikation angepasst…

Der Kontakt jedenfalls führte nicht zum Beitritt der Menschheit in das stolze Gremium der Interstellaren Allumfassenden Union. Die Menschheit selbst stand den Außerirdischen mit großer Reserviertheit gegenüber – dergleichen wollte man nun doch nicht!

Und das, obwohl die IAU die denkbar fundierteste Analyse des menschlichen Wesens zur Grundlage ihrer Annäherung gemacht hatte. Man hatte sich jedenfalls Mühe gegeben.

 

Der Südpol des Menschen ist sein eigentliches Zentrum was last modified: September 24th, 2016 by Henrik Geyer

Shitstorm Doktor. Wie wichtig ist die Meinung anderer?

Spruchbild Thema Shitstorm: Was gilt noch die Stimme von hundert Millionen Menschen? So viel wie etwa ein historisches Faktum, das man in hundert Geschichtsschreibern findet, dann aber nachweist, daß sie alle einer den andern ausgeschrieben haben, wodurch zuletzt alles auf die Aussage eines Einzigen zurückläuft. Arthur Schopenhauer

Die Meinung anderer macht uns zu schaffen. Wir fühlen Unbehaglichkeit, Schuld, Minderwertigkeit, wenn uns negative Meinungen erreichen. Man denke an Zeitungskritik, einen Shitstorm, Mobbing, etc.. Durch das allgegenwärtige Internet geht es nun viel schneller, dass sich Meinungen verbreiten.

Was passiert bei einem Shitstorm?

Grundsätzlich fühlen wir uns durch eine gleichlautende Meinung anderer bestärkt, selbst im Recht zu sein. So geht es jedem.

So geht es vor allem jedem Internet-User, der gewohnt ist, Meinungen in den sozialen Medien zu hinterlassen. denn hier ist die Bandbreite dessen, was man tun muss, um eine gleiche Meinung zu haben, auf ein Minimum reduziert. Man liked oder disliked einfach. So kann man zu jedem Stuss sehr schnell eine Meinung signalisieren – selbst wenn man sich gar nichts dabei denkt.

Jede Meinung zählt

Jede Meinung zählt für uns, wir können uns dem Sog der Meinungen nicht entziehen. Egal, ob die Meinung, die wir vertreten, berechtigt oder unberechtigt ist, wahr oder falsch, ethisch oder unethisch – je mehr Leute derselben Meinung sind, desto klarer wird für uns: Hier spricht Wahrheit! Und wir werden selbst dazu angeregt, dieser Wahrheit durch noch mehr Postings zum Durchbruch zu verhelfen. Eine Welle baut sich auf. Im positiven Fall eine Welle des Triumphs, nennen wir sie „Flowerstorm“. Im negativen Fall ein Shitstorm.

Aber was bedeutet das, wenn ganz viele sich in einer Sache ganz einig sind, so dass man von dieser Meinung geradezu erdrückt wird? Eigentlich nichts.

Der berühmte Philosoph Arthur Schopenhauer beschrieb das einmal so:

Denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben: was bleibt da anderes übrig, als daß sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen? – Da es so zugeht, was gilt noch die Stimme von hundert Millionen Menschen? – So viel wie etwa ein historisches Faktum, das man in hundert Geschichtsschreibern findet, dann aber nachweist, daß sie alle einer den andern ausgeschrieben haben, wodurch zuletzt alles auf die Aussage eines Einzigen zurückläuft.

die Stimme von hundert Millionen Menschen ist uns zwar ungeheuer wichtig, und doch bedeutet sie nichts

Aber so funktioniert der Mensch nun einmal. Die Meinung anderer ist ihm wichtig. Die kollektiven Denkinhalte sind im Grunde die Denkinhalte des Einzelnen. Der Mensch ist kein genialer Einzeldenker, sondern seine Wahrheiten sind die Wahrheiten eines kollektiven Bewusstseins.

Wir können uns dem nicht entziehen. Nur ein wenig, durch Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen.

Der Shitstorm-Doktor rät zur Entkopplung

Und so ist der beste Rat, den man im Fall eines Shitstorms geben kann, ihn nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ein Shitstorm kann uns nicht unberührt lassen, wenn wir von ihm lesen, wenn wir argumentieren, wenn wir streiten. Was wir im Geiste zur Kenntnis nehmen, ist auch Teil unserer Welt.

Allerdings kann uns auch ein „Flowerstorm“, der zwangsläufig ein wohliges Glücksgefühl in uns entstehen ließe (egal wie idiotisch das Thema ist, um das es sich handelt), nicht beglücken, wenn wir an dem allgemeinen Anderen-die-Meinung-Sagen gar nicht erst teilnehmen.

Trotzdem ist wohl eine gesunde Zurückhaltung bei all diesen Stürmen das Beste.

Siehe auch Artikel zum Thema : Supersubjektivität

Siehe auch Artikel zum Thema : Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Shitstorm Doktor. Wie wichtig ist die Meinung anderer? was last modified: Februar 21st, 2016 by Henrik Geyer

Is mir egal! Der Philosoph und die „Alles ist Wurscht“-Mentalität

Der Philosoph und das "Is mir egal"-Prinzip

Ich kenne einige studierte Philosophen, die kurioserweise selbst die Philosophie als eine recht nutzlose Wissenschaft ansehen. Teilweise sind sie sehr gute Kenner tiefschürfender philosophischer Sachverhalte, so dass sie Auskunft geben können über Buddha, Tao, sogar Sanskrit, also die alte indische Sprache, in der die wichtigsten philosophischen Schriften verfasst sind.

Von dem ganzen „Rumphilosophieren“ halten sie nicht viel.

Wie es unter Philosophen so schön heißt: Eine nackte Frau ist stärker als die ganze Philosophie – was wohl in etwa so viel heißt, dass die Triebhaftigkeit noch immer über die Gedanken höherer Art gesiegt hat.

Einer präsentierte den Spruch Eine nackte Frau ist stärker als die ganze Philosophie mit der Erweiterung Eine nackte Frau ist stärker als die ganze Philosophie Kants, und meinte, das „Ding“ sei die nackte Frau, was jede weitere Frage nach einem „an sich“ überflüssig mache.

Ich wurde einmal gefragt, warum ich z.B. den Leuten „auf den Zeiger“ ginge, mit philosophischen Gespinsten. Reicht es nicht, wenn man etwas über Buddha oder Plato liest – muss man dann auch noch andere Menschen damit belästigen, die haben doch ganz andere Sorgen! Ich sagte, dass man diese Frage auch Plato hätte stellen können. Warum geht er mit Fragen nach „dem Nichts“ und ähnlichem Schwachsinn den Leuten eigentlich „auf den Zeiger“? Es ist wohl einfach, dass man an irgendetwas Interesse hat. Es ist die Liebe dazu. Mehr kann man dazu gar nicht sagen.

Komisch, dass Philosophen oft gar nicht so viel Liebe zur Philosophie haben.

Es liegt wohl daran, dass Philosophie als weithin nutzlos in der materialistischen Gesellschaft wahrgenommen wird – und die Philosophen sehen das letztlich ebenso, auch wenn ihnen die Philosophie ansonsten durchaus interessant ist.

Is mir egal! Der Philosoph und die „Alles ist Wurscht“ – Mentalität

Aber, viel mehr wundert mich eigentlich umgekehrt die Mentalität der Philosophen, zumindest derer, die ich kenne. (Das sind nur ein paar; da gibt es sicher andere Beispiele). Dass die von „der ganzen Philosophiererei“ nicht viel halten – das ist doch interessant! Ist, wenn man ganz viele Sichtweisen studiert hat, die höchste Weisheit vielleicht: „Alles is Wurscht?“. „Is mir egal“? Es scheint fast so. Erstaunlich.

Der dickste Bauer mit den dicksten Kartoffeln

Einmal zitierte ein Gesprächspartner einen denkwürdigen Ausspruch: „Der dickste Bauer hat die dicksten Kartoffeln“ – so, oder so ähnlich doof … Irgendeine dieser Binsenweisheiten, auf die immer alles hinauszulaufen scheint. DAS sei doch das Wichtige, sagte er. Wir mussten lachen.

Auf 2 % kommt es an

Hier noch ein dazu passender Witz:

Ein älterer Herr geht über die Straße. Plötzlich quietschen Reifen, und ein großer, teurer Wagen hält knapp vor dem Herrn. Ein Mann in mittleren Jahren steigt aus und sagt „Mensch, Professor Rüttli, watt machen Sie denn hier? Sind Sie nich mehr am Gymnasium?“

Der ältere Herr sagt: „Nein, ich bin im Ruhestand. Und Sie, Schmitz, Sie waren doch bei mir Schüler! Was machen Sie denn hier, mit diesem großen teuren Wagen?“

„Jeschäfte, Herr Professor.“

„Wie machen Sie denn das? Sie waren doch immer so schlecht in Mathematik, können Sie denn da in Ihren Geschäften richtig rechnen? Was für Geschäfte sind das denn?“

„Ick koofe alte Holzkisten am Hafen für n‘ Taler, und verkoofe sie für 3 Taler oben in der Stadt. Und ditt, wat dazwischen is, diese 2 %, ditt isset, wovon ick lebe! Et is schwierich, bei ne Jewinnspanne von nur 2 % zu leben. Aba et jeht irjendwie.“

Vielleicht kommt es wirklich einfach auf die 2 % Gewinnspanne an. Darauf, dass es irgendwie läuft, verstehen muss man es nicht. Dann ist vielleicht wirklich die allerhöchste Weisheit „Alles ist Wurscht“.

 

Is mir egal! Der Philosoph und die „Alles ist Wurscht“-Mentalität was last modified: Juni 7th, 2016 by Henrik Geyer

Monodenk – tue, was Du wirklich willst

Zwiedenk vs Monodenk

Monodenk – Tue, was Du wirklich willst!

eine nicht ganz ernst gemeinte Betrachtung zum Jahresbeginn

 

Vor dem Jahreswechsel hatten wir das Thema Zwiedenk – die natürlich Art des Menschen sich in alles zu finden, sich jeder widersprüchlichen Situation anzupassen, es sich mit Widersprüchen bequem zu machen: man denkt einfach in 2 Richtungen gleichzeitig. Man glaubt an alles und dann doch wieder an nichts.  Man will allen und allem gerecht werden und wird nur einem nicht gerecht: sich selbst. Das Wort Zwiedenk stammt übrigens aus dem Roman 1984 von George Orwell.

Jedes Jahr im Januar fassen wir Ziele, die es zu erreichen gilt – allzu oft ohne Hoffnung, sie auch wirklich zu erreichen. Wir sind eigentlich dennoch ganz zufrieden – dank Zwiedenk. Wir hatten es ja insgeheim nicht anders erwartet. Techniken, „das Letzte“ aus sich rauszuholen, die Träume zu leben (anstatt das Leben einfach nur so zu träumen wie Loser es tun), Power-Verwirklicher zu werden, gibt es ja eigentlich en gros.

Beispielsweise hilft es, die eigenen Träume richtig zu visualisieren, etwa so: in Autosalons herumscharwenzeln und mit dem teuersten Auto eine Probefahrt machen (so als könnte man es jederzeit kaufen). Damit überlistet man das eigene Unterbewusstsein. Das Unterbewusstsein denkt dann nämlich man wäre Krösus und handelt entsprechend Krösus-mäßig, und schwups – schon steht man wirklich im Autohaus und kauft Autos und so weiter. So dumm ist das Unterbewusstsein! Prima eigentlich.

Oder, andere Technik: man schreibt an Silvester die persönlichen Ziele in einen Brief an sich selbst und verwahrt das Ganze ein Jahr …. Bitte ohne Reinschauen zwischendurch! Dadurch, dass man das aufgeschrieben hat, denkt das Unterbewusstsein, es wäre etwas dran an der ganzen Sache – und schwups.. Außerdem hat man eine prima Erfolgskontrolle und kann sich im kommenden Jahr so richtig freuen.

Das klappt ja auch alles, wahrscheinlich …  wenn da nicht die gute alte Gewohnheit wäre, Dünnbrettbohrer zu sein, so vor-sich-hin-träumender Couchpotato, Un-Realist, potentieller Powerranger mit Handicap (dicker Bauch). Selbst die Powermethoden bleiben ein Ziel. Man hat auf Autohäuser keine Lust – käme sich auch blöd vor, wenn die Angestellten 10 Autos rangieren müssten, nur damit man selbst im Rolls eine Vergnügungs-Runde drehen kann. Man öffnet Briefe von vor einem Jahr, adressiert an sich selbst,   … und was drin steht kommt einem irgendwie unwirklich vor, irgendwie uninteressant… Kruzitürken, was hat mich da bloß geritten!

Hier nun die Alternative: Mono-Denk

Die Technik des Mono-Denk hat viel zu tun mit Spiritualitäts-Techniken wie Klarheit des Denkens, Yoga, Rückführung auf das Wesentliche.

Diese Technik hat den Vorteil, dass sie eigentlich bequem ist. Zwiedenk ist ja auch ganz schön anstrengend! Monodenk dagegen ist dünn, schnell, wesentlich, fast schon zu einfach. Mondodenk ist schick, modern und in! Monodenk beruht auf einem völlig neuen und innovativen Konzept, erhältlich nur bei Spireo: man bescheidet sich mit dem, was man gerade hat. Dann wird um so deutlicher, daß das, was man noch wollen könnte, gar nicht so viel ist. Und noch deutlicher wird, daß das, was man wollen könnte, in gar nicht allzu weiter Ferne liegt. Denn Monodenk hat Platz geschaffen, damit man sich auf das Wichtigste konzentrieren kann: die Ziele die einem wirklich am Herzen liegen. Durch das sich-bescheiden kristallisiert sich heraus, was das ist, dieses Ziel, das einem wirklich am Herzen liegt.

Durch Monodenk ist das, was man sich als Ziel auserkoren hat, ein ernsthaftes und richtiges Ziel, für das man dann auch etwas tut.

Etwas für seine Ziele zu tun ist nebenbei gesagt das Allerwichtigste, dadurch erhält das ganze Vorhaben Dynamik und innere Glaubwürdigkeit. Durch Tun kommt vieles andere gleich mit in Gang, was man so von vorn herein gar nicht mit bedacht hat: wer Raucher ist, und sich beispielsweise überwinden kann regelmäßig Sport zu machen, erhält als kleines Giveaway eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Zigaretten. Das Unterbewusstsein denkt hier – in seiner etwas naiven Art: „es wäre doch dumm den ganzen Sport-Aufwand zu treiben – und dann die Lunge zu teeren.“ Recht hat es.

Aus der Sicht der Mitarbeiter des Autohauses ändert sich übrigens nichts: man ist nicht da und wird nicht vermisst. Nur, daß man dank Monodenk nicht glaubt, irgendetwas zu verpassen, irgendetwas unversucht zu lassen. Man ist nicht da, spart sich die Mühe, spart das Benzin, und fühlt sich – mit Monodenk – gut dabei.

Rangieren unnötig: Rolls Royce
rangieren unnötig: Rolls Royce

 

Fake-Briefe an sich selbst bleiben ungeschrieben – wie cool ist das denn! Durch die Technik des Monodenk entledigt man sich aller Tätigkeit, die einem nichts bedeutet. Und hat nun Zeit für das Wirkliche. Dank Monodenk kommen wir unseren Zielen wirklich näher – Zwiedenk dagegen ist nur scheinbar bequem.

Spireo – 1.1.14

Monodenk – tue, was Du wirklich willst was last modified: Oktober 16th, 2015 by Henrik Geyer

Was soll ich tun? Entscheide dich. Entscheidung vs Zwiedenk

Bild aus dem Film "1984", UK, 1984

Was soll ich tun?

Mancher weiß nicht, was er tun soll.. Was ist richtig? Innere Zerrissenheit. Keine Ideen. Einerseits sollte man… , aber man möchte auch nicht…  Was also soll ich tun? Zwiedenk.

Zwiedenk – Wer kennt es nicht, dieses suggestive Wort aus dem Roman 1984 („Big Brother is watching you!“ – aus dem Roman stammt auch der Begriff „Big Brother“, und gemeint ist das ganze Gegenteil eines liebevollen Bruders) von George Orwell. Zwiedenk (man versteht das Wort vielleicht auch ohne Erklärung) ist im Roman die „normale“ Geisteshaltung in der dort beschriebenen  Zukunfts-Diktatur.  Der Staat zwingt seinen Bürgern eine bestimmte Denkrichtung auf, die mit der Ideologie des Staates in Übereinstimmung stehen muss. Naturgemäß kommt es zum Zwiedenk, denn der Einzelne hat andere Interessen als der Staat; sogar meist solche, die denen der Diktatur direkt entgegengesetzt sind.

Solche entgegengesetzten Gedanken sind aber verboten. Um nicht den Mühlen der Justiz zum Opfer zu fallen, muss der Einzelne, wohl wissend, dass er eigentlich anders denkt, versuchen, sich die zweite, die staatlich vorgesehene Denkrichtung, anzueignen. Diese Denk-Technik heißt Zwiedenk.

Man meint, es würde ausreichen, staatskonform zu handeln und individuell zu denken wie man will, das ist aber nicht der Fall. Handeln und Denken sind, wenn auch nicht immer eins, sich doch sehr nahe. Daher muss sich – im Roman – der Einzelne bemühen, sein Denken richtig zu justieren, muss Zwiedenk üben und praktizieren. Die Konsequenz, das nicht zu tun, führt zur persönlichen Katastrophe, wie uns der Roman eindringlich vor Augen führt.

Die zentrale Figur, ein durchschnittlicher Mann namens Winston,  nimmt am Ende die Folgen seines ungesetzlichen Denkens, die Vernichtung, mit einer gewissen Schicksalsergebenheit hin, in dem Bewusstsein, dass ihm Zwiedenk einfach nicht möglich ist. Das gilt aber nicht für alle. Im großen, gesellschaftlichen Kontext des Romans, funktioniert Zwiedenk: alle praktizieren es – alle bemühen sich nach Kräften um Zwiedenk.

Man mag sagen: „tja, im Roman..“ Im wirklichen Leben funktioniert Zwiedenk ebenfalls. Man denke zuerst an die noch verbliebenen Diktaturen, hier kann man Zwiedenk in einer Art (von außen gesehen) skurrilen Realität beobachten. Wir Deutschen haben auch aus unserer Geschichte einige Erfahrung mit Diktaturen und dem darin normalen Zwiedenk, Zwiedenk gibt es – als die große Funktion des Lebens, sich allem anzupassen – natürlich auch heute, auch in der Demokratie, in anderer Form selbstverständlich. Hier ist es nicht der Staat, der die „richtige“ Denkrichtung vorgibt.

Aber auch im ganz normalen Leben ist es so, es braucht keine politische Diktatur, um unser Denken in tausend Stücke zerspringen zu lassen. Hier ein Rat, dort ein Wissen. Dort eine Mühe, die man scheut. Dort die zehntausend Nachrichten der Medien, die uns von dem abbringen können, was uns am unmittelbarsten angeht, weil wir es beeinflussen können.

Sicher, die Problematik des Zwiedenk könnte leicht überwunden werden, aber wie? Der Tatbestand des Zwiedenk bleibt doch irgendwie. Auch durch noch so viel Nachdenken geht er nicht weg. Das Ideal wäre… vielleicht Mono-Denk?

Monodenk – Ein Ziel, eine Idee, ein Entschluss. Monodenk, das Zusammenführen aller Gedanken zu einem, gelingt, wenn man über eine klare Wertehierarchie verfügt. Was ist mir wichtig, was nicht? Was mache ich mit den vielen Wahrheiten anderer. Gelten sie für mich? kann ich auch einmal enttäuschen – gelingt es mir, den eigenen Weg zu gehen?

Was wir brauchen, ist mehr Monodenk!

 

Das Bild oben ist aus dem englischen Film „1984“ aus dem Jahr 1984-

 

Noch mehr Spruchbilder

Wer jede Entscheidung
Wer jede Entscheidung zu schwer nimmt, kommt zu keiner.
Harold Macmillan

Wenn ihr das Bild bei euch einfügen möchtet, dann ist hier HTML-Code zum Kopieren und Einfügen in HTML (rot):
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Hier noch der Bildlink: 
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Was soll ich tun? Entscheide dich. Entscheidung vs Zwiedenk was last modified: Oktober 16th, 2015 by Henrik Geyer