Macbeth Interpretation – die Frage nach dem Schicksal

Macbeth trifft drei Hexen [SPID 4664]

Die Tragödie Macbeth von William Shakespeare ist ein äußerst komplexes und zugleich spannendes (Bühnen-)Stück, mit vielen weltanschaulichen Aspekten.

Für mich ist die Frage nach dem Schicksal und der Ursächlichkeit des menschlichen Handelns das zentrale Thema bei Macbeth.

In Macbeth wird die Frage nach der Zwangsläufigkeit von Vergangenheit und Zukunft gestellt – und mit der Betrachtung des menschlichen Individuums, bzw. von dessen Willen, verwoben. Die Tragödie Macbeth lenkt die Gedanken auf die Frage: Ist das Ich (bin ich), ein zwangsläufiges Produkt meiner Vergangenheit? Und wird nun, ebenso zwangsläufig, aus diesem SEIN, auf einer vielleicht unbeeinflussbaren „Schiene“, (meine) Zukunft?

Macbeth – zur Handlung

Macbeth, ein junger und aufstrebender schottischer Adliger, von einer siegreich geführten Schlacht kommend, begegnet drei Hexen. Sie prophezeien ihm, dass er bald König sein werde.

Macbeth reitet sinnend davon. Das kommt für ihn überraschend, er schwankt zwischen Freude und Furcht, zwischen Glauben und Unglauben. Wie viel ist die Prophezeiung von Hexen wert? Und … es kann nur einen König geben – was wird aus dem jetzigen König, der der Freund Macbeths ist?

Letztlich setzt sich der Gedanke bei Macbeth fest: Er kann König sein. Seine Frau (Lady Macbeth), als sie von der Prophezeiung erfährt, bestärkt und ermutigt ihn. Macbeth soll das tun, was nötig ist um König zu werden – und Lady Macbeth wird seine Königin. Der Weisheit letzter Schluss ist, den jetzigen König zu ermorden – das sei der einzige Weg, damit das Schicksal seinen Lauf nehmen kann, glauben beide.

Und das Schicksal nimmt tatsächlich seinen Lauf – es wendet sich. Zwar erfüllen sich die Prophezeiungen der Hexen nach und nach, Macbeth wird König, nachdem er den Herrscher, seinen Freund, ermordete. Doch aus einem beliebten, in der Schlacht erfolgreichen und bewunderten jungen Macbeth, wird ein allseits gefürchteter Feind der Gesellschaft; ein Mann, den seine Dämonen verfolgen und der des Nachts aus dem Schlaf auffährt, denn die Schreckensbilder seiner ermordeten Freunde, die, wenn sie dem alten König treu waren, nun seine Feinde sind, lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Hofschranzen, die er um sich versammelt, sind verachtenswerte Kreaturen, die niemandem treu sind – wären sie es, könnten sie nicht am Hof des Verräters dienen. Macbeths Psyche wird zunehmend zerfahren, er fühlt sich verfolgt. Seine bösen Geister lassen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen und bringen ihn an den Rand des Wahnsinns. Macbeths Welt – das sind nun Verrat, Mord und Hass.

Doch auch über das persönliche Schicksal Macbeths hinaus reicht die Prophezeiung der drei Hexen, welche sich als eine schlimme Zukunftsvision entpuppt – einem Fluch viel ähnlicher denn einem Segen, wie Macbeth zuerst dachte. Der Verrat und der Unfriede im Inneren hat Unfrieden im gesellschaftlichen Außen zur Folge. Die Armee Englands rückt nach Schottland vor, um den geschwächten König zu entthronen. Die Armeen treffen aufeinander … und auch das Schicksal der Länder nimmt seinen Lauf.

Die weltanschauliche Fragen

Die Prophezeiung der Hexen stimmt also, wie die Tragödie uns zeigt. Die Worte der Hexen werden zur Realität. Aus Worten wird Sein – und Nomen est Omen. War DER GRUND für die Prophezeiung der Hexen nun die Vision einer festen Zukunft? Oder war die Prophezeiung DER GRUND für die Realisierung der Zukunft … in dieser spezifischen Form?

Ist die Zukunft fest oder verschwommen? Man könnte auch sagen, dass es bei Macbeth letztlich um die Frage nach Kausalität ganz allgemein geht. Was wäre geschehen, wenn Macbeth den Hexen nicht begegnet wäre?

  1. Das Wesen einer Prophezeiung ist es ja eigentlich, mit einer gewissen Zwangsläufigkeit einzutreten – eintreten zu müssen. Ist Macbeth nun Werkzeug des Schicksals und glaubt nur, nach seinem eigenen Willen zu handeln? Was ist Wille? Kommt die Zukunft durch unabänderliche Umstände zu Stande, die sich dem Menschen auf trügerische Art als dessen freier Wille im Jetzt darstellen? Oder hat der Einzelne tatsächlich die Macht, sein Schicksal zu bestimmen?
  2. Welche Rolle haben die Verkünder des Schicksals, die Hexen, für das Schicksal? ERZEUGEN die Worte der Hexen eine Chance auf Realisierung? Was ist Wahrscheinlichkeit? Wird eine Wahrscheinlichkeit erzeugt, indem man Worte sagt? Zitat Einstein: „Erst die Theorie bestimmt, welche Beobachtung sich machen lässt.“
  3. Und noch weitergehende Fragen lassen sich formulieren: Wenn nun das Gespräch Macbeths mit den Hexen stattgefunden hätte, ohne dass der Zuschauer des Stücks davon Kenntnis erhalten hätte – wie hätte sich die Handlung dann für ihn, für den Zuschauer, dargestellt? Anders gesagt: Ein Phänomen, für das man den Grund nicht kennt, nennt man Zufall. So wäre also Macbeths Schicksal Zufall – aus der Sicht des Zuschauers, vorausgesetzt, dieser würde das Gespräch mit den Hexen nicht kennen. Hat er aber Kenntnis von dem Gespräch, dann glaubt er im Besitz eines Grundes zu sein. Und nun die große Frage: Ist, was Macbeth widerfährt, Zufall … denn, ob der Zuschauer vom Zusammentreffen Macbeths Kenntnis hat oder nicht, dürfte doch in der Sache gar keine Rolle spielen! Oder etwa doch? Ist Zufall vielleicht nur eine Sichtweise und es „gibt“ den Zufall eigentlich gar nicht?

 

Die Tragödie Macbeth wirft diese Fragen auf intelligente und höchst spannende Art und Weise auf, beantwortet sie aber nicht. Im Grunde ist die Geschichte von Verrat und Mord am Königshof ein Krimi, der sich in ungezählten Varianten in der Geschichte zutrug, und der sich, auf weniger spektakuläre Weise, täglich in unser aller Leben abspielt. Wir können uns selbst genauso gut fragen: Was ist der Grund für die Dinge, die wir tun? Was ist unser Schicksal? Wie hängt unser Schicksal mit den Gedanken zusammen, die wir jetzt, in diesem Augenblick, denken? Können  wir unser Schicksal durch Gedanken ändern? Wie?

 
Siehe auch: Artikel Spirealismus

Lesen Sie auch: Artikel Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott

Macbeth Interpretation – die Frage nach dem Schicksal was last modified: Februar 7th, 2017 by Henrik Geyer

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön!

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 3 [SPID 4550]

Einer der spirituellsten Filme, gleichzeitig ein sehr unterhaltsamer Familienfilm, ist „Ist das Leben nicht schön?“, ein amerikanischer Spielfilm von 1946, mit James Stewart und Donna Reed in den Hauptrollen.

Ist das Leben nicht schön? dreht sich um das Leben, um Verzweiflung, um Zweifel überhaupt (Verzweiflung=Zweifel). Und es geht um die Wieder-Erlangung von Glauben, was gleichzusetzen ist mit irdischem Glück. Es geht um den Glauben an die Liebe, an Selbstwirksamkeit, an das Gute.

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 4 [SPID 4551]
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön!  George versagt sich den Traum seines Lebens – eine Reise rund um die Welt, um die heimatliche Firma seiner Eltern vor dem Ruin zu retten. Hier ist George gerade dabei, einen Koffer für seine Reise zu kaufen – eine Reise, die er nie antritt.
George Bailey (Stewart) ist ein guter Mensch, er opfert seine Träume für die Dinge, die zu tun er für seine Pflicht hält. So denkt George Bailey eben: in Kategorien von Pflichterfüllung und Sorge um andere. Daher geht er nicht auf Weltreise, wie er eigentlich wollte und wie es sein Traum war, sondern bleibt zu Hause und hilft, die ständig notleidende karitativ geführte Sparkasse im Familienbesitz zu retten.

Seine tiefsitzende Güte ist ihm Karrierebremse, soviel bekommt George selbst schon mit! Während Freunde und Verwandte ihre Träume in aller Welt realisieren, ist George zu Hause, in seiner kleinen Stadt; ist eingebunden und angebunden.

Doch die Kräfte des Bösen wollen die kleine Sparkasse vereinnahmen, George aus dem Weg räumen. In seiner dunkelsten Stunde verzweifelt George so, dass er sich das Leben nehmen, und im weihnachtlichen Schneegestöber von einer Brücke springen will. Alles erscheint ihm sinnlos: die Arbeit von Jahren scheint zerstört, sein Glaube an das Gute erscheint in diesem Licht wie Dummheit und Schwäche.

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 2 [SPID 4549]
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! George ist verzweifelt – er will in diesem Moment, im weihnachtlichen Schneegestöber, von einer Brücke springen.
Doch da tritt ein Engel in Georges Leben – er errettet ihn vor der Verzweiflung durch einen magischen Trick: Er zeigt ihm, wie die Welt aussähe ohne George Bailey. Er zeigt ihm, wie die kleinen guten Taten von George ihre Wirkung entfalteten, wie sie wieder Früchte trugen, um an ganz anderer Stelle erneut zu Liebe zu werden. An Stellen weit außerhalb von Georges erdgebundenem Blick – er hätte das nie erkannt, wenn sein guter Engel es ihm nicht gezeigt hätte. Es waren gute Taten, die weiter getragen wurden … und anderswo wieder Güte hervorbrachten.

Das zu sehen gibt George seinen Lebensmut zurück, macht ihn froh und stark. George kann wieder an die Liebe und an das Gute glauben. Er kann wieder leben, kann wieder kämpfen.

Ganz konkrete Früchte brachte sein Wirken für ihn aber auch: er hat viele Freunde – viel mehr als er dachte! Und die sind mehr als bereit, ihm in seiner Not beizustehen.

Happy End, was sonst! Ein wunderbarer Film für Weihnachten.

Ein fröhliches Weihnachtsfest und wunderschöne Feiertage für alle, die auf diesem Blog vorbeischauen! Ihr Henrik Geyer

Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! - 1 [SPID 4548]
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! George kann sich wieder freuen – er findet selbst Anerkennung und findet in sich Dankbarkeit, für die Dinge, wie sie sind.
Ist das Leben nicht schön? Das Leben ist schön! was last modified: Dezember 24th, 2016 by Henrik Geyer

Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen

Johann Wolfgang von Goethe, Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen [SPID 4406]

Zunächst wird man Goethe nicht als „Mindscrewer“ sehen, denn seine ausgefeilte und harmonische Lyrik ist weltbekannt. Goethe ist vielleicht das beste Beispiel für einen Menschen, der bewusst versuchte, den Sinn für die Rätselhaftigkeit mit der Notwendigkeit zu vereinen, auf Erden Harmonie zu erreichen. Harmonie und Luxus waren Goethe wichtig; Luxus waren für ihn nicht nur die materiellen Dinge, sondern auch die Segnungen des Geistes – er empfand es als Luxus, sich ganz den schönen Künsten hingeben zu können.

Er wusste, dass die irdische Harmonie darin besteht, das Paradoxe des Höheren zu akzeptieren und nicht daran zu rühren. Die irrationale Seite der Welt war ihm gleichwohl bekannt. (Zitat Franz Kafka: Im Kampf zwischen dir und der Welt, stelle dich immer auf die Seite der Welt.)

Von Goethe stammt zum Beispiel der Satz:

Man kann nicht sagen, daß das Unendliche Teile habe. Alle beschränkte Existenzen sind im Unendlichen, sind aber keine Teile des Unendlichen, sie nehmen vielmehr teil an der Unendlichkeit.

Das Unendliche (Universum) ist nicht die Summe seiner Teile und darum auch kein Ganzes. Sondern es ist ein Prozess, der aus und durch den Menschen entsteht – ich hatte diesen Gedanken einmal in diesem Beitrag formuliert:
Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus

Goethe und das Übersinnliche – das Spirituelle

Die Faszination seiner Lyrik und seiner Prosatexte stammt natürlich auch aus der Kenntnis des Übersinnlichen, und der vollkommenen Fähigkeit, sie mit den Worten der deutschen Sprache zu verbinden.

Denken wir beispielsweise an den Text des „Zauberlehrlings“. Der Zauberlehrling ist ein junger Mann, der die wirkungsvollen Formeln seines Zauberbuches anwendend, Verhängnis erschafft … lediglich durch die Übertreibung des Zaubers … der Lehrling hat den Zauber eben nicht richtig unter „Kontrolle“. Es wäre ihm nichts weiter anzuraten, als nur Vorsicht und Zurückhaltung bei Kräften, die er zwar anweisen kann, deren Wirkprinzip er im Eigentlichen aber nicht versteht, und niemals verstehen kann. Denn es handelt sich ja um Zaubersprüche!

Goethe meinte, dass der Mensch durch sein Wirken den Eindruck erhält, er verstehe und durchdringe das Universum. Doch das ist nicht so, und die Mittel, die der Mensch in die Hände bekommt, sind, so unverstanden sie bleiben müssen, ebenso ein Mittel seiner Vernichtung wie seines Fortkommens. Der Mensch versteht nicht, dass bereits sein Wille das göttliche Werkzeug ist, das sowohl das Gute wie das Böse in die Welt bringt, ebenso Krieg wie Frieden, ebenso Freude wie Schmerz. Die größte Liebe bringt den größten Hass hervor – die Extreme sind es, die der Mensch sucht, und, notwendigerweise zu beiden Seiten seines Weges, auch findet. Indem er die Liebe sucht, bringt er den Hass hervor.

Dem Menschen wäre anzuraten, äußerste Zurückhaltung zu üben, solange er das kosmische Prinzip nicht versteht. Und, würde er es verstehen, wäre Zurückhaltung ohnehin seine Natur. Denn Gleichgewicht, nicht Übertreibung, ist der Weg der Existenz.

Man kann Goethes Mahnung sehr direkt in unsere heutige Zeit übersetzen. Des Menschen Gier, seine Sucht, immer mehr haben zu wollen, ist das, was er als gut und selbstverständlich erachtet. Es ist seine selbstverständliche „Suche nach Glück“ – sie kulminiert in unserer Zeit in einer grenzenlosen Naturzerstörung. Das Keine-Grenze-kennen-und-akzeptieren-Wollen, das unendliche Mehr! in der Zahl der Menschen (Überbevölkerung), aber auch der für selbstverständlich gehaltene Wunsch jedes Einzelnen, sich ein möglichst großes „Stück vom Kuchen“ abzuschneiden – das ist die Übertreibung nach der Art des Zauberlehrlings. Der Mensch zerstört die Quelle, aus der er schöpft. Solches tuend, plappert er vor sich hin, was für ein großes Genie er doch sei. Und, natürlich, dass er alles im Griff habe!

Um die Existenz des Göttlichen zu wissen bedeutet nicht, das Göttliche zu verstehen.

Goethe hat immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er das Göttliche für gegeben hält, und dass er unter dem Göttlichen eine Macht versteht, die rational unbegreiflich ist. Auch hier wieder ist des Menschen Pflicht die Zurückhaltung – das Göttliche verstehen zu wollen und für sich zu vereinnahmen, ist das Wesen desjenigen, der am allerwenigsten göttlich ist. Es ist das Wesen des Pharisäers, das Wesen auch jener Heilsbringer, die Wasser predigen um selbst umso ungestörter Wein trinken zu können. Und gleichzeitig, das wusste auch Goethe, ist eben dieses Vereinnahmen eine sehr selbstverständliche und alltägliche Erscheinung.

Aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens von Johann Peter Eckerman

Dennoch halte ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und die so göttlicher Art, wie nur je auf Erden das Göttliche erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: durchaus! – Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit. – Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind und alle Pflanzen und Tiere mit uns. Fragt man mich aber, ob ich geneigt sei, mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli zu bücken, so sage ich: verschont mich und bleibt mir mit euren Absurditäten vom Leibe! Den Geist dämpfet nicht! sagt der Apostel. Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe reichdotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der untern Massen. Sie hat ihnen auch die Bibel lange genug vorenthalten, so lange als irgend möglich. Was sollte auch ein armes christliches Gemeindeglied von der fürstlichen Pracht eines reichdotierten Bischofes denken, wenn es dagegen in den Evangelien die Armut und Dürftigkeit Christi sieht, der mit seinen Jüngern in Demut zu Fuße ging, während der fürstliche Bischof in einer von sechs Pferden gezogenen Karosse einherbrauset!

 

Goethe: Dichterfürst und Mindscrewer, Meister des Spirituellen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen

Philip K. Dick - die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen [SPID 4408]

Wenn es um den Sinn für das Paradoxe geht (auch manchmal provokativ-drastisch Mindfuck genannt), dann ist Philip K. Dick unbedingt zu nennen. Er ist einer der Menschen, die geradezu ihr ganzes Leben dem Ergrübeln des Wesens der Realität widmeten.

Die rote und die blaue Pille – Tore zu verschiedenen Universen

In dem Film „Matrix“ wird der Held Neo mit der Tatsache konfrontiert, dass, welche Art von Welt er bewohnt, eine Frage der Medikation ist. Je nach Art der Pille, die er schluckt (ihm wird eine rote und eine blaue Pille zur Auswahl gestellt), wird sich seine Realität formen. Und: es wird eine jeweils ununterscheidbare Realität sein …. ununterscheidbar von einer anderen, richtigen, wirklichen Realität.

Anders gesagt: Realität ist Realität, es gibt nur eben verschiedene Realitäten. Nicht die Realität ist Eins – wir Menschen sind eins, und die Realitäten in uns sind Viele …

Die blaue Pille wird ihn in eine Welt des Komforts gleiten lassen, die rote Pille hingenen wird ihm die ganzen Möglichkeiten offenbaren, die die Realität anzunehmen in der Lage ist. Das wird ungemütlich, aber auch interessant! Mit Hilfe der roten Pille wird er sehen, wie tief „das Kaninchenloch“ ist, das von der oberflächlichen Welt in die dahinterliegenden Universen führt. Das „Kaninchenloch“ (rabbit hole) ist übrigens wiederum ein Zitat aus „Alice in Wonderland“, der Geschichte eines Mädchens, das, einem Kaninchen in dessen Bau folgend, in eine unterirdische, abenteuerlich-märchenhafte Traumwelt gerät.

Philip K. Dick hat nicht das Script zum Film Matrix geschrieben, aber der Film ist wie eine Aneinanderreihung von Sujets des berühmten Autors.

Philip K. Dick

Philip K. Dick war ein amerikanischer Autor, der sich um die Science Fiction Literatur sehr verdient gemacht hat. Seine Bücher führten mehrfach zu großartigen Filmen, beispielsweise dem Film Blade Runner, oder dem Film Minority Report.

Philip K. Dick war drogenabhängig, was manchen seiner Kritiker dazu verführt, den Wert des Schaffens Dicks gering zu nennen. Doch Dick war ein Visionär; die Frage „Was ist die Realität?“ war sozusagen das Thema seines Lebens. Und, wie sehr viele große Schriftsteller, die letztlich abhängig von Drogen waren, meist Alkohol, war auch er ein Manipulator des Geistes – und konnte daher aus erster Hand davon berichten, dass das, was gemeinhin „die Realität“ genannt wird, gar nicht Eins ist, sondern Vieles.

Man könnte auch sagen, dass er seine Drogensucht in einer konstruktiven und produktiven Weise verarbeitete. Ich glaube, dass die Visionen Dicks in mancher Hinsicht unverstanden und unterbewertet sind – wer diesen Blog kennt, wird das sicher verstehen. Denn hier geht es ja häufig, im Rahmen des Spirealismus, um die Realität. Was Dick oft als Frage formuliert, ist mir Grundüberzeugung, und ich glaube, dass, wenn die Menschen erst wirklich begreifen, dass „die Realität“ nicht Eins ist, sich wichtige und revolutionäre Ableitungen daraus ergeben werden, und zwar auch ganz wissenschaftlicher Art. Dick hat einige davon visionär in seinen Büchern vorweggenommen.

Philip K. Dick war schwer tablettenabhängig, er benutzte Drogen jeweils, um arbeiten zu können, um schlafen zu können, um wach zu werden, etc.. Folgerichtig tauchte in seinen Büchern häufiger das Motiv auf, dass jemand eine Tablette schluckt, und daraufhin in einer andere Realität gerät, die ihr Real-Sein dadurch kenntlich macht, dass sie bis ins letzte Detail und in die letzte Konsequenz folgerichtig ist, nur eben auf eine fremd erscheinende Art.

Ubik

Ein für Dick typisches und sehr gut lesbares Buch ist Ubik.

Achtung Spoiler Ubik ist ein Mittel (Droge), das man einnimmt, um ganz bestimmte Realitäten zu erzeugen, andere zu verdrängen. Als hintersinniger Effekt des Buches wird dem Leser erst am Ende klar, dass das Mittel Ubik nicht in der wirklichen Welt eingenommen wird, sondern in der Welt, bzw. der Realität, von der der Leser bis dahin annahm, es sei die nicht-wirkliche. Und es fragt sich natürlich .. in welche Realität führt Ubik eigentlich? Die erste oder die zweite? Oder eine Welt der unendlichen Variabilität?

Blade Runner

Der Text, der dem Film Blade Runner zu Grunde liegt, trägt eigentlich nicht den Titel Blade Runner, sondern: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Wie der Titel im Grunde schon verrät, geht es wieder um die Frage des Bewusstseins. Philip K. Dick setzt voraus, dass eine künstliche Intelligenz auch Willen und Wünsche haben muss; wovon träumt sie wohl? Was ist ihr eine notwendige Anschaffung (vielleicht ein künstliches/elektrisches Schaf?), was ist ihr ein Must-See, u.s.w.?

Interessant wird es in Blade Runner, wenn es um die tiefsinnige Frage geht, woran genau man künstliche Intelligenz erkennt, wenn man sie vor sich hat? Die Fabel, künstliche Intelligenz müsse weniger intelligent sein als der Mensch, entpuppt sich in diesen Tagen als falsch. (Man denke an Google, dem geradezu jede Frage gestellt werden kann, und diese Frage wird von Google in einer Weise beantwortet, wie das kein einzelner Mensch je könnte. Was Google fehlt, um als Mensch wahrgenommen zu werden, ist eine Art menschliche Stimme, doch, hat Google diese, wird Google zunehmend ununterscheidbar von einer „richtigen“ Intelligenz. Kommt jetzt noch ein Element hinzu, das man von jedem Menschen kennt: das Nicht-Vorhersagbare, man könnte auch sagen: der Zufall, dann wird eine solche vernetzte Maschinenintelligenz zu einem erfindungsreichen Partner, ununterscheidbar von einem „sehr klugen Typen“.)

Interessant ist in Blade Runner natürlich auch die Frage (die Philip K. Dick vielleicht als einer der ersten formulierte), welche moralische Einstellung der Mensch gegenüber künstlicher Intelligenz eigentlich einnehmen wird. Darf man sie einfach vernichten, in der Art eines Blade Runners, d.h., eines auf das Stilllegen von Maschinenmenschen spezialisierten Detectives .. eigentlich müsste man sagen: Killers?

Thema Blade Runner: Verloren wie Tränen im Regen

Eye in the sky – das Auge des Schöpfers

Eye in the Sky ist ebenfalls ein interessantes Buch von Philip K. Dick. Eine Gruppe von Personen wird durch einen Unfall in einer technischen Anlage in eine geistige Welt einer anderen Person hineinkatapultiert, eine Welt, in der religiöse Werte eine sehr direkte Macht bekommen. Gott existiert, und zuweilen erscheint sein Auge tatsächlich am Himmel. Gehaltsabrechnungen gibt es nicht, man muss um Geld beten, das dann wie Manna vom Himmel fällt. Autos fahren durch Gottes Kraft, man steuert sie durch Gebete.

Dieser Text erinnerte mich an die spirealistische Aussage, dass Wissenschaft und Religion im Grunde nicht verschieden sind. Beide begründen sich aus einem Funktionieren in der „wirklichen“ Welt – man kann nicht sagen, dass Religion nur Aberglaube sei, im Gegensatz zur objektiven Wahrheit der Wissenschaft, und zwar wenn man zweierlei (oder auch nur eins davon) irgendwann verstanden hat, bzw. am eigenen Leib erlebte:

Erstens gibt es keine objektive Wahrheit, es gibt nichts Objektives

Zweitens ist Religion wirksam, und zwar in dem Sinne, dass das, was man glaubt, auch die subjektive Realität ist. Umgekehrt kann man nichts anderes von der Wissenschaft sagen – auch der Glaube vieler Menschen (=Wissen) ist subjektiv, oder besser gesagt supersubjektiv; entscheidendes Kriterium der Wissenschaft ist, dass sie funktioniert.

 

Das Motiv in Eye in the Sky, dass die Menschen in der Vorstellung eines Dritten dessen subjektive Welt bewohnen, ist letztlich das spirealistische Konzept der Ich-Universen. Das Andere, z.B. andere Personen, Dinge etc., sind nie etwas anderes, als das, was der Einzelne subjektiv darüber denkt. So gibt es keine zwei völlig gleichen Ich-Universen, und die einzelne Sichtweise auf die Dinge und die Kausalität der Welt, unterscheidet sich stets.

Philip K. Dick formulierte das einmal so:

Zitat Dick: Die Science Fiction ermöglicht es dem Schreibenden, etwas, das eigentlich ein innerliches Problem ist, in eine äußere Umwelt zu projizieren; er tut das in Form einer Gesellschaft oder eines Planeten, und hier hausen jetzt praktisch alle, die vorher in dem einen Kopf gesteckt haben. Ich mache niemandem einen Vorwurf, wenn ihm dies nicht zusagt, denn der Kopf von so manch einem von uns ist nicht unbedingt der Ort, wo man sich gerne aufhält. Aber andererseits: Was für ein nützliches Werkzeug ist das doch für uns – um zu begreifen, dass wir nicht alle in derselben Weise das Universum sehen, ja gewissermaßen nicht einmal dasselbe Universum.

 

 

 

 

 

 

 

 

Philip K. Dick – die rote und die blaue Pille, Tore zu verschiedenen Universen was last modified: Dezember 6th, 2016 by Henrik Geyer

Ein Buch schreiben – Wie? Kunst oder Handwerk?

Was benötigt man, um ein Buch zu schreiben? Ist Buch schreiben Kunst oder Handwerk?

Buch schreiben – das Interesse

Wer ein Buch schreiben möchte, der sollte vor allem eins haben: das unstillbare Interesse an einem bestimmten Thema, das zum Ausdruck gebracht werden soll.

Das Interesse am Thema ist aus vielen Gründen entscheidend, z.B. weil wir Begeisterung benötigen, um die Härten des Schreibens zu überwinden, um teils langwierige Recherchen anzustellen, konzentriert bei der Sache zu bleiben. etc.

Das Interesse, besser Begeisterung, ist ein guter Indikator für die inhaltliche Kompetenz in einem Thema, das man hat oder sich aneignen kann – schließlich beschäftigt uns das am meisten, worüber wir schon viel wissen, wir kennen die vielen Facetten und Querverbindungen des Themas.

Und schließlich können wir uns nur für Dinge und Themen begeistern, die uns nicht schon selbst trivial erscheinen – daher ist Interesse ein guter Indikator, dass das gesteckte Ziel anspruchsvoll ist und das Potential hat, auch den Leser in den Bann ziehen zu können.

Kunst

Ist nun das Buch Schreiben eine Kunst? Schreiben kann schließlich jeder, und Wörter aneinander reihen, bis schließlich ein Buch gefüllt ist, das ist eher eine Geduldsprobe …

Kunst als Handwerk

Versteht man Kunst als das Beherrschen eines Handwerkes, muss man sagen: Ja! Kunst ist wichtig. Sie ist das Mittel sich auszudrücken. Die Beherrschung des Wortes ist für den Schriftsteller das A und O.

Was mich hier aber vorsichtig sein lässt, ist folgende Überlegung:

Das Beherrschen der Schreibkunst ist letztlich eine Frage der Übung. Man muss einfach lange und ambitioniert schreiben, dann lernt man die Kunst des Ausdrucks, insofern macht es keinen Sinn, einem Schreibanfänger zu sagen, er müsse aber auch ja das Schreibhandwerk beherrschen. Zumal es im Beherrschen dieser Kunst kein definiertes Ende gibt, man lernt wohl immer dazu.

Zweitens kann auch ein sehr schlichter Schreibstil manchmal Stilmittel sein, geeignet, eine gewisse Geradlinigkeit zu wahren. Authentizität, die der Leser letztlich immer sucht.

Kunst als das Vermögen, quer zu denken

Buch schreiben ist auch deshalb eine Kunst, weil es das verquere Hirn des Künstlers braucht, einer Sache, und scheint sie dem Normalmenschen auch noch so trivial, die mystische Seite, das Symbolhafte, abzugewinnen. Man gewinnt den Leser, indem man das Geheimnisvolle durchblicken lässt – der Mensch ist nun einmal neugierig. Ohne Tiefe, ohne möglichen Hintersinn eine Abfolge von Ereignissen wiederzugeben, lässt das Werk flach und uninteressant erscheinen.

Es ist die magische Eigenschaft der Künste, dort am allermeisten zu den Menschen zu sprechen, wo sie der Phantasie des Betrachters Raum für Eigenes lassen, wodurch dieser den Eindruck hat, der Autor verstünde den inneren Seelenzustand desjenigen am allerbesten.

 

Ich will aber auch nicht verhehlen, dass es einen großen Markt für sehr Triviales gibt … Bücher, die sich „einfach so weglesen“ lassen, und die man nach dem Lesen wegwirft.

 

Ein Buch schreiben – Wie? Kunst oder Handwerk? was last modified: Dezember 1st, 2016 by Henrik Geyer

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr

Bob Dylan, unangepasstes Musikgenie [SPID 4400]

Bob Dylan ist ein Musiker, der, zumindest für mich, immer den Anklang eines Nonkonformisten hat. Ich denke dabei an seine ungewöhnliche Stimme, die gerade in höheren Jahren immer rauer wird, so dass man sich erst einmal einhören muss, bevor man diese ungewöhnlichen Klänge ertragen kann.

In seiner Biographie gibt es etliche Brüche. Beispielsweise hat er, als er Anfang der Siebziger mit dem Spielen der E-Gitarre anfing, den Bruch zu seinen Hippie-Fans in Kauf genommen. Ihn, der sich nie an der Spitze der Flower-Power-Bewegung sah (jedenfalls nicht willentlich), traf es ins Mark, dass er von seinen „Fans“ plötzlich Judas genannt wurde.

Er hat sich, und das sehe ich als seine besondere Qualität, nicht davon abbringen lassen, zu leben. Er hat die Überzeugungen angenommen und abgelegt, die er für richtig hielt. Stets hielt er einen gewissen Abstand zu seinen Fans, wohl wahrnehmend, dass deren Bild von ihm nichts mit dem zu tun hat, was er sich selbst ist. Er ist nicht von seiner störrischen, nonkonformistischen Art abgegangen – das sah man zuletzt, als man ihm den Nobelpreis für Literatur verlieh, und er es offen ließ, ob er zur Verleihung kommen würde. Er ist ein Zyniker im besten Sinne, dem die Werte der anderen weniger wichtig sind, als die eigenen. Er hat sich in seiner Karriere als Musiker nicht davon abbringen lassen, die Musik zu machen, die Texte zu schreiben, die er für richtig hält. Und DAS ist gut so!

Herausgekommen ist dabei ein riesiges, wunderbares Werk. Auch einige weniger gelungene Titel sind dabei, doch bei etwa 1500 Songs gibt es ganz viel Erstaunliches, Geniales, Visionäres ….

 

Die Wahrnehmung des Paradoxen, die merkwürdige Weltsicht des Künstlers und des spirituellen Menschen Bob Dylan, kommt für mich besonders direkt in seinem Song Ballad of a thin man zum Ausdruck.

Auszug:

You’ve been with the professors
And they’ve all liked your looks
With great lawyers you have
Discussed lepers and crooks
You’ve been through all of
F. Scott Fitzgerald’s books
You’re very well read
It’s well known

But something is happening here
But you don’t know what it is
Do you, Mister Jones?

In dieser Ballade um einen „dünnen Mann“ geht es um Mr. Jones, der sich, allen Annäherungsversuchen an das „Rationale“ zum Trotz, in einer Traumwelt befindet.

Du bist oft bei Professoren,
und sie mögen dein Aussehen.
Mit großen Rechtsanwälten
hast du über Abartige und Gauner gesprochen.
Du hast alle Bücher
von F.Scott Fitzgerald gelesen.
Du bist überhaupt sehr belesen,
das weiß man.
Doch etwas geschieht hier,
und du weißt nicht, was es ist,
nicht wahr, Mr. Jones?

Mr Jones macht zwar nach weltlichen Maßstäben alles richtig, aber er hat keine Verbindung zur Unendlichkeit. Oberflächlich ist sein Wesen und Wollen. Professoren mögen sein Aussehen, was ihm offenbar wichtig ist. Mit jedem kann er sich über dessen Themen unterhalten, z.B. weiß er sich sogar mit Anwälten über jene anderen, jene Aussätzigen, zu verständigen, offenbar ist er ein Meister des Small Talk; er hält Small Talk für wichtige Kommunikation. Sich von den Unangepassten und Abartigen zu unterscheiden ist dem blasierten Jones ganz wichtig …

Er liest auch viel, natürlich! Doch, was versteht er eigentlich?

Seine rationale Sichtweise verhilft Mr. Jones nicht zur Erlösung, denn trotz allen Bemühungen der weltlich anerkannten Art findet er keine Verbindung zu Gott. Er ist ein Rechthaber und ein Ahnungsloser, während er von sich das genaue Gegenteil annimmt. Er tut doch schon so viel!

In diesem Sinn macht sich Mr. Jones in der richtigen Welt, die voller Rätsel und Metaphern ist, „dünne“, denn er beherrscht lediglich die Klaviatur des direktionalen Denkens. Die Welt des Irrationalen bleibt ihm rätselhaft, sagt ihm nichts, er nimmt sie nicht wahr, und sie kann ihm daher nichts geben. Mr. Jones ist „a thin man“, ein dünner Mann, der das Leben nur eindimensional wahrzunehmen versteht.

Bedenkend, was wir über den Nonkonformisten Bob Dylan formulierten, kann man sagen, dass Mr. Jones der Gegenentwurf zu Dylan ist.

 

Bob Dylan – The Ballad of a Thin Man from Vasco Cavalcante on Vimeo.

 

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott

Das Schloss von Franz Kafka. [SPID 4403]

Franz Kafka ist ein Schriftsteller, der für seine surrealen Texte berühmt wurde. Sein wohl bekanntestes Buch ist „Das Schloss“. Zur Handlung: Landvermesser K. kommt in ein Dörfchen unterhalb eines Schlosses, er hat einen umfangreichen Vermessungsauftrag in der Tasche.

Das Traumhafte dieses ganzen Vorgangs wird uns bewusst, denn im Buch wird nicht gesagt, was der Auftrag genau beinhaltet, worum es geht, woher der Vermesser kommt, wie das Dorf heißt, u.v.m.. Auch der Name des Landvermessers wird nicht näher genannt, somit ist er austauschbar – im Roman ist er nur K. (Kafka?). Doch es wird immer merkwürdiger: K. gelingt es einfach nicht, Zugang zum Schloss zu erhalten. Es gelingt ihm nicht, mit seinem Auftraggeber, dem Schlossherrn, zu sprechen.

Alles was er im Laufe des Romans erreicht, ist, sich innerhalb der Dorfbevölkerung einen gewissen, kärglichen Lebensplatz zu erobern. Zu diesem Zweck muss er heucheln, sich anbiedern, manchmal auch unter Aufbietung allen Mutes Kontra geben. Er sucht seine Sexualpartner unter dem Aspekt aus, wie diese ihm weiterhelfen können, innerhalb der Dorfgesellschaft aus Tagelöhnern und Bauern ein gewisses,  jämmerliches Standing zu erreichen. Sein Endziel bleibt, anerkannter Teil des Schlosses zu werden, indem sein Vermessungsauftrag durchgeführt und bezahlt wird und er sich auf normale Weise mit seinen Auftraggebern (dem Schlossherrn, der Bürokratie des Schlosses) unterhalten kann.

Das Schloss, bzw. die Bürokratie des Schlosses, sind für K. Gott

Max Brod, Freund und Verleger Kafkas, nannte das Schloss des Romans eine Metapher für Gott. Ich denke, er hatte damit Recht. Es ist eine Metapher für Gott, wie auch für Gott als die Personifikation der Welt.

Im Buch klingt das z.B. so: Der Dorflehrer erklärt K., was alles der Schlossherr in seinem Dorf zu sehen wünsche (was damit also automatisch auch K.s Pflicht sei!). K. fragt den Dorflehrer, ob dieser den Schlossherrn überhaupt persönlich kenne, (er möchte so viel wie möglich über das Schloss und den Schlossherrn in Erfahrung bringen). Der Lehrer erwidert: Nein. Wie sollte ich ihn kennen? Und er fügt auf französisch hinzu, so dass die ihn umgebenden Kinder nicht verstehen können: Seien Sie still! Nehmen Sie Rücksicht auf die Kinder! … so als habe der Vermesser K. in unflätiger Weise Gottes Namen im Munde geführt!

Was man gleichzeitig schließen darf: Gottes Wille verwirklicht sich durch das Wirken ganz kleiner Geister, wie z.B., durch den Dorflehrer!

All das ist dem Leser einerseits rätselhaft und surreal-alptraumhaft, denn es steht im Buch ja nicht am Seitenrand, dass es sich bei der Bürokratie des Schlosses, oder dem Dorflehrer, um eine höhere Macht handelt. Doch, der Leser erkennt sich und die eigenen Mühen wieder. Der Mensch, in die Welt kommend, möchte Gott nahe sein. Möchte genau passen, möchte erfolgreich sein. Doch er kann es nicht, über sein endliches Sein hinaus; über sein kleines irdisches Wirken hinaus.

Der K. des Buches sieht notgedrungen, dass seine Annäherung an die Dorfbevölkerung, sein Finden seines Platzes hier, all das bereits ist, was er an Nähe zum Schloss (zu Gott) haben kann. Denn das Dorf ist das Vehikel des Schlosses, hier ist bereits die größtmögliche Einheit. Die Welt ist irrational … der Mensch selbst bringt in die Welt, wonach er strebt und woran er gleichzeitig verzweifelt: das Streben und die Widerstände, die Liebe und den Hass, den Frieden und den Krieg, in einem ewigen Kreislauf. Im Spirealismus formuliere ich das so: Man ist Element der Schöpfung, wo man doch glaubt, ihr Beobachter zu sein. Dieses Missverständnis erschafft das Paradoxe.

Noch mehr erinnert der Inhalt des Romans an das Leben und das Lebensgefühl des Schriftstellers Kafka, der, dem Unerklärlichen Ausdruck geben wollend, es erklären wollend, nichts anderes erreichen kann, als unerklärlich und rätselhaft zu bleiben. Doch das tut er auf so gekonnte und unterhaltende Art, dass sein Roman sehr gut lesbar ist, insbesondere für Menschen mit Sinn für das Surreale. Das Buch wie auch Kafka, wurden zu einer Ikone des Paradoxen, einer Ikone der Gott- und Sinnsuche.

 

 

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres

Die Radikalisierung des Kuscheltieres Affe - ein radikalisiertes Tier [SPID 4328]

In der heutigen Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über vereitelte Anschläge, Gewalt in der Gesellschaft und eine zunehmende Radikalisierung berichtet wird. Dass dieses Phänomen nicht nur in der Zeitung stattfindet, sondern durchaus bis in die Familien und das Private hineinstrahlt, bekommen viele Menschen noch nicht mit. Dennoch ist auch das eine gesellschaftliche Realität, die lohnt, näher untersucht zu werden. Denn wenn sich eine solche Realität dem Einzelnen offenbart, dann greift oft Hilflosigkeit um sich, Verzweiflung und Wut. Es ist ein Stück psychologische Hilfestellung für die Betroffenen, die Geschichte einer solchen Radikalisierung zu untersuchen und aufzuschreiben.

Wir haben das getan und ein Fallbeispiel recherchiert. Wir wurden auf einen Fall aufmerksam, in dem sich ein Kuscheltier radikalisierte. Das klingt ungewöhnlich, da Kuscheltiere gemeinhin wenig zu Gewalt neigen. Doch gerade das Außergewöhnliche dieses Falles interessierte uns, und wir versuchten einen Termin bei den Angehörigen zu bekommen. Nach einigem Telefonieren gelang uns das; uns wurde die Sensibilität der Situation, dieses Eindringens in eine verletzte Familie, schnell bewusst. Teils war es nicht leicht, über die noch recht frischen Verwundungen der Seele mit unseren Gesprächspartnern zu reden. Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.

Ich als verantwortlicher Redakteur, sowie ein befreundeter Bildreporter, fanden uns an einem Freitagnachmittag an dem Zuhause der Familie M. ein.

 


Bilder aus glücklicheren Tagen: Affe pflegt sein Beet, Affe prüft die Temperatur des Badewassers, Affe ist beliebt und ist gern mit anderen zusammen


Die Tür des kleinen Familienhauses wurde unserem kleinen Team von einem Herrn in Hausjacke geöffnet. Mit leiser Stimme bat er uns einzutreten. Es war früher Nachmittag, und er bot uns Tee und Kekse an. Wir nahmen im Wohnzimmer Platz; nach einiger Zeit kamen noch 2 Kinder der Familie und deren Mutter dazu und setzten sich ebenfalls. Wir hatten darum gebeten, dass uns der Gang der Ereignisse nach Möglichkeit aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird.

Herr M., der Familienvater, hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er begann mit brüchiger Stimme zu sprechen, nachdem ich ihn gebeten hatte, einfach anzufangen.

Herr M.: „Der Affe kam zu uns, ich glaube meine Frau brachte ihn damals mit in die Ehe. Er hatte irgendwie ausländische Wurzeln, wir haben uns nie so richtig darum gekümmert, welche.

Ich weiß noch, wie er uns von Anfang ans Herz wuchs. Wenn ein Kind zu Bett gebracht wurde, dann holte ich oftmals den Affen, und spielte mit ihm rum, und das Kind, und auch ich selbst, wir mussten lachen. Affe hatte einfach so ein lustiges Gesicht, man musste schon lachen, wenn man ihn nur ansah. Wir haben ihn eigentlich immer nur Affe genannt. Einen anderen Namen hatten wir nie. Vielleicht war es das, was …“

Herr M. stockte.


Affe beim Kirschen-Essen mit den anderen Kuscheltieren


 

 

Jennifer, eines der beiden im Haushalt lebenden Mädchen, fuhr fort.

„Es war eine schöne Zeit mit Affe. Das haben wir glaube ich alle so empfunden.“ (die anderen im Raum nicken). „Wir haben viel unternommen, auch die Kuscheltiere untereinander. Affe hatte beispielsweise ein eigenes Beet, hat den anderen geholfen wo er nur konnte. Er war bei den anderen beliebt, weil er immer einen lustigen Scherz machte.“

Die Mutter von Jennifer, Frau M., wirft ein:

„Er war aber auch immer schon ein wenig eigensinnig. Wenn er einmal einen Entschluss gefasst hatte, war er kaum mehr davon abzubringen. Beispielsweise erinnere ich mich noch, dass er sich einmal überlegt hatte aus einem der oberen Fenster mit einem Fallschirm abzuspringen. Nicht wahr, Wolfgang?“

Herr M. fährt lachend fort: „Ja, so war es. Er gab nicht eher Ruhe, bis er aus Bindfäden und Taschentüchern einen Fallschirm gebastelt hatte, den er sich an seinen Achseln festband. Es gab im Vorfeld einige Gespräche, wir baten ihn, das zu lassen. Aber er kam immer wieder darauf zurück, sagte, das sei der kürzeste Weg, das müsse doch einmal versucht werden, und so. Er sagte auch, wir seien wohl sehr einfallslos, vielleicht würden wir gar nicht wollen, dass er Erfolg hat … und so weiter.

Wir haben einige Zeit nicht auf ihn geachtet, jedenfalls ist er dann irgendwann einfach gesprungen, und das Beste daran ist: Er hat sich gar nichts dabei getan!“

Herr M. schüttelt lachend den Kopf.

Die andere Tochter, Mirinda, sagt: „Er hatte lange Zeit nach dem Sprung aus dem Fenster irgendetwas am Fuß …“

Herr M. schüttelt weiter den Kopf, lächelnd. „Nur ’ne Klette.“

Reporter (ich): Wie kam es dann zu dieser Radikalisierung? Wann merkten Sie zuerst etwas davon, und wie fing es an?“

Herr M., offensichtlich bemüht sich zu erinnern, sagt: „Das kann man gar nicht genau sagen, irgendwie war es ein schleichender Prozess. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er sich plötzlich für seine Herkunft interessierte. Die war indisch, wie sich herausstellte. Nicht wahr, Marion?“

Frau M. nickt. „Irgendwas mit Indien, irgendwas mit Dschungel.“

Wieder Herr M.: „Vielleicht hatte seine Radikalisierung etwas damit zu tun, dass wir für die Kinder einmal von der Stadtmission günstig Spielzeug bekamen; in dem Paket, das wir erst später öffneten, war auch ein Panzer. Ich sah ein paar Tage später, wie Affe damit spielte.“

Frau M. fügt hinzu: „Ich glaube eher, dass es damit begann, dass Affe viel im Internet surfte. Was er sich ansah war eigentlich nie ganz klar. Wahrscheinlich hat er sich dort die Informationen geholt, die er suchte.“

Herr M., gequält: „Ja, aber warum suchte er die? Warum suchte er gerade solche Informationen? Über Waffen, Gewalt … Und warum dort, er hätte doch auch mit uns über alles reden können!“

Frau M. nickt, sieht uns nur an. Wir sehen, wie betroffen beide sind; wie sehr die Erinnerung an eine Zeit, als man vielleicht noch etwas hätte machen können, an ihnen nagt. Tränen stehen beiden in den Augen.

Reporter: „Als Sie es dann bemerkten, wie war das?“

Herr M.: „Ich merkte, dass irgendwas nicht stimmte, als er immer weniger mit uns sprach. Wenn wir am Küchentisch beim Essen saßen, dann saß er abseits in einer Ecke, und sah uns so komisch an. Weil er immer ein lustiges Gesicht hatte, merkten wir erst nichts. Aber er war irgendwie angewidert von unseren Gewohnheiten, das merkten wir, wenn wir mit ihm sprachen. Er mochte nicht was wir taten, er mochte unser Essen nicht …“

Frau M.: “ … Er hat schon vorher wenig gegessen …“

Herr M.: “ …  Er mochte auch nicht, was wir im Fernsehen ansahen. Wie sich herausstellte, mochte er unsere ganze westliche Lebensart nicht.“

Reporter: „Was taten Sie?“

Herr M.: „Wir haben immer versucht, mit ihm zu sprechen. Aber er war unzugänglich, es gab einfach keine Kommunikation. Jedenfalls keine, aus der er einmal etwas mitgenommen hätte. Für ihn gab es nur noch seine eigene, immer enger werdende Welt der Vorschriften und Belehrungen. Monomanie.“

Jennifer: „Er hat die anderen Kuscheltiere immer belehrt, sie sollen sich etwas anziehen und sich Bärte wachsen lassen.“

Herr M. bitter lächelnd: „Ja, dabei hatte er selbst nur ganz wenig Fluseln. Dann verschwand plötzlich mein altes E-Book. Weil ich es nicht mehr benutzte, merkte ich es erst gar nicht. Dann tauchte es bei Affe auf. Ich war überrascht, dass er plötzlich las, fand das eigentlich gut…  Ich schaltete es an, und sah, dass er alle Bücher gelöscht hatte, bis auf eins …“

Frau M.: “ … Er interessierte sich plötzlich für Religion und Politik.  Die Überwindung des westlichen Irrtums, wie er damals oft sagte. Er gebrauchte das Wort ‚Ausrotten‘, glaube ich.“

Herr M.: „Mit ihm war plötzlich kein Auskommen mehr. Immer hatte er an anderen etwas zu kritisieren. Tagelang hörte man, wenn er im Kinderzimmer allein war, so ein ununterbrochenes Gemurmel. Er sprach wohl mit sich selbst. Wir wollten ihn nicht stören, aus Respekt. Auch die anderen Kuscheltiere haben nichts mehr mit ihm gemacht, weil es ihnen wohl einfach zu anstrengend war, was er alles wollte. Der Spaß war weg. “

Jennifer: „Und sein Beet hat er gar nicht mehr gepflegt.“

Frau M. nickt. „Eines Tages war er weg, einfach abgehauen. Er hat uns nur diesen Abschiedsbrief hinterlassen.“

Frau M. zieht aus verschiedenen Papieren, die vor ihr auf dem Tisch liegen, ein Blatt hervor. Sie steht auf und bringt mir das Blatt. Ich sehe es mir an, aber da steht gar nichts, außer dem Wort „Abschiedsbrief“ in ausgeschnittenen Zeitungslettern.

Affes Abschiedsbrief
Affes Abschiedsbrief

Frau M. erklärt: „Er konnte nie sehr gut schreiben, wissen Sie. Wahrscheinlich hat es ihn ganz viel Mühe gekostet den Abschiedsbrief so fertig zu machen, wie Sie ihn hier sehen. Wir haben es ihm aber immer hoch angerechnet, dass er uns etwas hinterlassen wollte. Vielleicht wusste er nicht, dass man in einen Abschiedsbrief auch noch einen Text hineinschreibt. Jedenfalls waren wir ihm wohl nicht ganz egal.“

Herr M.: „Das letzte, was wir von ihm sahen, ist dieses Bild im Internet. Wir sind nicht sicher, ob es unser Affe ist, der auf dem Bild zu sehen ist, oder ein anderer. Doch ich fürchte, er ist es. Keine Ahnung wo er ist, auf dem Bild. Keine Ahnung, woher er das Gewehr hat. Wahrscheinlich von seinen neuen Freunden. Ich möchte nicht daran denken, was er damit anstellt. Vielleicht zwingt man ihn auch.“

(Wir legen das Bild diesem Bericht bei. Es zeigt Affe mit einem modernen Kriegsgewehr in der Hand, und mit martialischem Aussehen, in einer dschungelartigen Umgebung.)

Ich stehe auf, um Frau M. Affes Abschiedsbrief zurückzureichen. Ich sehe plötzlich, dass hinter einer Schrankecke, und meinem Blick bisher verborgen, ein Stuhl steht, und auf dem Stuhl sitzt … Affe!

Ich erstarre; meine Verblüffung fällt Familie M. nach kurzer Zeit auf.

Frau M. erklärt: „Nein, das ist nicht Affe. Diesen Affen haben wir von Kleinanzeigen. Wissen Sie, nachdem Affe weg war, verging doch nie der Schmerz, immer haben wir uns der schönen Zeiten mit ihm erinnert. Und dann sahen wir die Anzeige und dachten uns: Das machen wir mal. Den nehmen wir. Auch die Kinder haben sich immer gern an Affe erinnert.“

Jennifer nickt.

Reporter: „Haben Sie denn keine Angst, wieder enttäuscht zu werden?“

Herr M.: „Nein. Keineswegs. Unsere Erfahrungen sind durchweg positiv. Der neue Affe hat das Beet übernommen, er spielt mit den anderen. Wir lieben ihn und er ist uns eine große Bereicherung. Abends beim Zubettgehen müssen wir immer über ihn lachen. Er bastelt auch gern.“

Jennifer: „Neulich hat er etwas aus Schnüren und Taschentüchern gebastelt.“

Ich nicke. Mir fällt nur noch eine Frage ein. „Wie nennen Sie ihn denn?“

Herr M.: „Auch Affe. Da sind wir uns treu geblieben. Lässt sich auch besser merken.“

Ich sehe, dass die Emotionen in der Familie durch den neuen Affen ein wenig geheilt sind. Das weitere wird, so hoffe ich, die Zeit bringen. Innerlich wünsche ich diesen sympathischen Leuten von Herzen Glück.

Mit dem Rohmaterial für die Reportage sind wir fertig. Wir verabschieden uns.

Beim Hinausgehen sehe ich noch einmal zu dem neuen Affen. Wie eingefroren sitzt er in der Ecke auf seinem Stuhl, durch den Schrank ein wenig verdeckt. Seine langen Arme hängen locker herunter, regungslos. So als sei er ganz unbeteiligt. Seine Augen starren mir ins Gesicht. Seinen Mund umspielt ein Lächeln wie immer, doch plötzlich bekomme ich ein Gefühl, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sein Lächeln wird plötzlich grausam, seine schwarzen Augen bekommen einen brutalen Glanz. Sein Gesichtsausdruck wirkt verachtend, herabwürdigend. Ich weiß plötzlich: man kann den Dingen nicht hinter die Stirn schauen.

Schnell verabschieden wir uns von der netten Familie, wünschen ihnen, dass sie ihr Trauma überwinden.

Ich musste noch lange an diese Begegnung denken. Ich weiß manchmal nicht, ob die professionelle Einstellung, die ich in meinem Beruf habe, verhindern kann, dass ich die schwierigen Themen meines Arbeitstages mit nach Hause trage. Als mich neulich meine Tochter ansprach, sie wolle einen Plüschtieraffen zum Kuscheln haben, lenkte ich ihr Interesse auf einen Spielzeugkinderwagen. In dem Moment war mir nicht klar, warum ich das tat, aber hinterher wurde mir bewusst: Es musste etwas mit Familie M. und mit ihrem Plüschtier zu tun haben, dem Affen namens Affe.

Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres was last modified: November 25th, 2016 by Henrik Geyer

The German Dream: du kannst alles erreichen

Neulich aßen ich und meine Männer in einem dieser aus dem Boden schießenden Fast-Food-Restaurants. Hier gab es nicht Döner oder Bratwurst oder Pizza, sondern leckere Salat-Wraps. Das Essen war für ein eher frugales Mahl teuer, aber stylisch. Doch, so what, es gab auch noch einen zusätzlichen Benefit!

Wie zufällig entdeckte ich auf einer Serviette einen Aufdruck. „Take  a photo of your dean&david meal!“ Man soll also ein Foto seines Essens machen, und es dann posten, und zwar auf Facebook oder Instagram, gemeinsam mit den Hashtags #salatmachtsexy und #dean_and_david. Es gibt dann ein bounty. Also, keinen Schokoriegel, sondern eine Belohnung. Welcher Art die Belohnung sein wird, ist auf der Serviette nicht beschrieben. Es könnte alles sein.

Nun hatten wir unseren Imbiss schon zu uns genommen, als ich die Gewinnausschreibung entdeckte. Ich ärgerte mich natürlich fürchterlich, das kann man sich ja vorstellen. Ich war gerade dabei in meinem verständlichen Zorn die eine oder andere Kopfnuss zu verteilen, da beobachtete ich, dass einer meiner Leute noch an seinem Essen kaute. Ich forderte ihn auf, sein Essen nicht hinunter zu schlucken, sondern es mir zuerst zu zeigen, so dass ich es noch fotografieren konnte. So ein Foto eines dean&david-meals kann schließlich einiges wert sein. Das Foto, das entstand, ist regelkonform glaube ich, denn es steht ja nicht in den Teilnahmebedingungen, IN WELCHER FORM das Essen angerichtet sein muss, wenn es fotografiert wird.

Ich sage mir immer: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und mehr noch: Nur der Himmel ist die Grenze! Kein Ziel, zu entfernt; kein Traum, groß genug. Oder, wie der aus Funk und Fernsehen bekannte Menderez (Gewinner diverser Fernsehpreise) immer sagt: „Hey, man, come on! Never give up!“ Das nenne ich den German Dream: man kann alles erreichen!

Das Weitere überlasse ich nun dean&david. Was wird mein Gewinn sein? Werden sie mir einen vernünftigen, nicht zu kleinen Betrag auf mein Konto überweisen? Oder tendieren sie zu Sachwerten, und eines Tages steht ein glänzender Sportwagen vor meiner Tür? Werden sie mich und meine Leute nach Hollywood entführen, in das Chinese Theatre, um uns dort eine schlanke goldene Statuette, vielleicht in der Form eines Spargels, zu überreichen? Oder wird es eine kulinarische Rundreise durch alle dean&david Restaurants geben? Wird sich nun unser Leben grundlegend ändern, und wir werden vielleicht zu Stars der Glamour-Medienwelt? Werden wir dann überhaupt noch unerkannt über die Strasse gehen können? Wer kann all das wissen?

Ich glaube einfach an den German Dream. Und ich bin dankbar, dass wir, ich und meine Männer, von dean&david diese Chance erhalten.

 

The German Dream: du kannst alles erreichen was last modified: November 14th, 2016 by Henrik Geyer

Rübezahl. Die GANZE Wahrheit.

Ich und meine Männer bei Rübezahl

Nachdem es dem Gebirgsgeist Rübezahl in den vergangenen Jahrhunderten gelang, sich mit Frechheiten, Drohungen und Einschüchterungen einerseits, aber auch mit einigen wenigen Liebenswürdigkeiten und reichen Geschenken an den unbedarften Gebirgsbewohner andererseits, einen unvergleichlichen Ruf aufzubauen, einen Ruf wie Donnerhall, wurde es, wie ich glaube, Zeit, dass einmal ein wenig Realismus in diese Angelegenheit gebracht wird.

Aus journalistischer Neugier und dem Willen, die ganze Wahrheit über das Phänomen Rübezahl in Erfahrung zu bringen, und diese dann der überraschten Leserschaft zu präsentieren, fuhr ich jüngst in das Riesengebirgs-Territorium, um mir vor Ort, und unter Einsatz meines eigenen Lebens und Wohlergehens, die nötigen Fakten und Tatsachen zugänglich zu machen, die dort verfügbar sind. Andere, befreundete oder bezahlte Kollegen, mochte ich nicht schicken, denn für mich gilt nach wie vor der Grundsatz, dass das, was ich mir nicht selbst zumuten möchte, ich auch nicht anderen aufbürde.

So fuhr ich denn höchstselbst dorthin und kam im Oktober des Jahres 2016 in Spindlermühle, in Tschechien, an. Man könnte auch sagen vor ein paar Tagen. Auf meine Reise begleitete mich eine kleine Crew kurzgewachsener, aber ebenso ausdauernder wie verlässlicher, ebenso erfahrener wie verwegener, Männer.

Spindlermühle liegt an den Hängen des Riesengebirges, eines eindrucksvollen Kettengebirges, das sich entlang der polnisch-tschechischen Grenze zieht. Es ist Teil des Sudetengebirges, welches das Erzgebirge mit dem Gebirge der Karpaten verbindet. Die höchste Erhebung des Riesengebirges ist die Schneekoppe, mit etwas mehr als 1600 m. Der Ort Spindlermühle (der tschechische Name ist Spindleruv Myln) liegt in einer Höhe von etwa 715 m und ist nicht nur für unheimliche Rübezahlerscheinungen bekannt, sondern es gibt auch Menschen, die trotz der das Blut gefrieren lassenden Gefahren, dort Urlaub machen.

Schon bald nach unserer Ankunft ging ich mit meiner Crew die Ersteigung der nahegelegenen Schneekoppe an. Der Aufstieg gestaltete sich naturgemäß schwierig, denn aus irgendeinem Grund (der vermutliche Grund ist wohl das gehässige Gemüt des schon erwähnten Berggeistes) sind die Wege zum Gipfel teils recht steil und steinig, so dass man ziemlich ins Schwitzen gerät – und es gab mehr als ein gefährliches Vorkommnis. Es gab auch Situationen, in denen die Männer, teils aus offensichtlicher Erschöpfung, teils unter Vorbringen rational klingender Überlegungen, mir die Rückkehr ins Tal und das Aufsuchen einer sicheren Gastwirtschaft nahelegten. Hier konnte nur ein eiserner Wille die Gesellschaft zwingen, das einmal gewählte Ziel mit Nachhaltigkeit zu verfolgen. Indem ich mich selbst in die Bresche warf, hier stütze, dort zog, und wohl auch das eine oder andere Mal deutlichere Worte gebrauchte, gelang es mir, unsere kleine Schaar bis in die Höhe der Schneegrenze, und darüber hinaus, zu führen.

Während unten im Tal Temperaturen von angenehmen 10 Grad herrschten, wurde es, je mehr man sich dem Gipfel näherte, kälter und auch nebliger. Schnell wurde mir bewusst, dass hier keine „normalen Wetterphänomene“ im Spiel sein konnten, sondern es musste sich, zumindest auch, um das Wirken des omnipräsenten Bergfürsten handeln. Dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz, erreichten wir den Gipfel. Dort jedoch gelang mir auf Grund des starken Nebels nichts anderes, als ein recht dürftiges fotografisches Bild der herrschenden Gipfel-Verhältnisse anzufertigen, das mir außerdem auch noch bei der Entwicklung aus den Händen glitt und im Säurebad eine hässliche Verfärbung annahm. Dennoch lege ich dieses authentische Dokument unserer Mühen diesem Bericht bei.

Die Temperatur lag nun deutlich unter Null, und ein eisiger Wind schnitt in die Gesichter der Männer, fuhr unter die dürftige Bekleidung und kühlte die durch den Aufstieg geschwächten Körper mehr und mehr aus. Ich sah, wie sich meine Leute zunehmend langsamer bewegten, mit den erfrorenen Unterkiefern kaum noch ihre widerständlichen Meinungen äußern konnten, und sich mehr und mehr holzpuppenartig bewegten. Ich glaube, jedes vernünftige Verantwortungsbewusstsein konnte hier nichts anders tun, als den unverzüglichen Rückzug anzuordnen. Das war es denn wohl auch, was uns rettete, und uns nach unendlichen Mühen des Abstiegs, dann letztendlich sicher ins Tal brachte.

Rübezahl hatte ich bis dahin noch nicht getroffen. Doch etwas Anderes sollte eintreten, etwas völlig Unerwartetes, das mich dann doch auf seine Spur führte.

An einem der Tage meines Rechercheaufenthaltes hatte ich Geschäfte in der Stadt Spindlermühle, namentlich beabsichtigte ich den Wirt eines dort gelegenen Gasthauses zu seinen Erfahrungen mit dem Berggeiste zu befragen. Dies erfolgt übrigens meist, auch dies ein wichtiger journalistischer Trick, unter Zuhilfenahme von geistigen Getränken, in Tschechien bietet sich das dort überaus kühl und bekömmlich ausgeschenkte Bier an. Das löst die Zunge, so dass es sich ein wenig leichter über Geister und andere Unheimlichkeiten sprechen lässt.  Das Besondere dieser in der seriösen Berichterstattung verbreiteten Technik ist, dass nicht der Befragte, sondern der Frager das die Arbeit ermöglichende Mittel zu sich nimmt.

Meiner journalistischen Erfahrung und den angewandten Kniffen zum Trotz, waren diese Interrogationen übrigens schwierig. Oft genug, gerade wenn es um den Dämon des Riesengebirges gehen sollte, stellte sich der Gastwirt den offenbar unangenehmen Fragen nur für Sekundenbruchteile, und redete sich ansonsten schnell damit heraus noch dies oder jenes in der Bedienung zu tun zu haben. Oder er flüchtete sich in seine tschechische Muttersprache, gab vor, nicht zu verstehen, gebrauchte mir gegenüber irgendwelche kräftigen Worte die ich nicht verstand, man kennt das. Einmal sogar sah ich ihn aus den Augenwinkeln, wie er im Dunkel des Tresens stehend, nahe dem Eingang zum Küchentrakt und offenbar im Gespräch mit dem Koch, mit dem Zeigefinger an die Stirn tippte und dann lachend auf mich deutete. Als seriöser Berichterstatter ist man niemals vor Verleumdungen gefeit, da wird mir mancher Kollege beipflichten. Dennoch dachte ich nicht daran in meinen Bemühungen, auch und gerade mit diesem Schankwirte, nachzulassen.

Auf dem Weg zu eben diesem Gastwirte jedoch erschien mir der Unheimliche höchstselbst. Ich traf ihn, an einer Brücke über den Fluss Elbe stehend, die dort übrigens ganz in der Nähe entspringt und in Spindlermühle ein noch überschaubares Gebirgsflüsschen ist. Er war erkennbar an seiner unvergleichlichen Körperhöhe, seinem magischen Wanderstab mit dem Antlitz eines Fuchses am Knauf, seinem aus uralter Zeit überlieferten wallenden Bart, seinem einem anderen Zeitalter entstammen zu scheinenden Aufzug, und anderen Insignien des Geisthaften. Dies war Rübezahl, keine Frage!

Um der journalistischen Pflicht der Dokumentation nachzukommen kam es mir sofort in den Sinn, mich mit ihm fotografieren zu lassen. Aus diesem Grund bot ich dem überraschten Geist einen Barbetrag, der ihn davon überzeugen sollte, ein solches Foto mit mir aufnehmen zu lassen. Ich hatte gehört, der Berggeist horte tief im Inneren des Gebirges Schätze aus Gold und anderen wertvollen Erzen – demnach konnte er monetären Überlegungen nicht ganz abhold sein.

Meine Bitte jedoch wurde mir, zu meiner tiefen Erschütterung, ohne weiteres abgeschlagen, offensichtlich war der gewählte Betrag i.H.v. 50 Euro-Cent dem ohnehin reichen Berggeist nicht hoch genug. So schlich ich denn von hinnen, und sah mich von weiten nach ihm um, wie er mit durchdringenden Blicken meinen Weg verfolgte, wie ich fürchtete, mit mir nicht eben wohlgesonnenem Gemüt. In den folgenden Tagen näherte ich mich ihm immer wieder, da die Gespräche mit dem schon erwähnten Gastwirt langwieriger waren, als zuerst gedacht, und ich mit meinen Männern immer wieder die Elbbrücke zu passieren hatte. Es war uns – mir und auch meinen Männern, die sonst wagemutig und geradezu draufgängerisch veranlagt sind – unangenehm, in die Nähe des mächtigen Berggeistes zu kommen, nachdem diese erste, eher unerfreuliche Begegnung, stattgefunden hatte. Schließlich vermieden wir es sogar ganz, die genannte Elbbrücke zu nutzen, sondern machten lieber einen langen, beschwerlichen Umweg.

Doch wollte mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass es doch, statt mit Einheimischen nur über den Berggeist zu sprechen, für den Leser nützlicher wäre, seine wahre Existenz direkt dokumentiert und bewiesen zu erhalten! Und so machte ich denn einen zweiten, nicht minder tollkühnen Vorstoß. Diesmal wappnete ich mich mit einem höheren, wie ich hoffte angemessener erscheinendem, Geldbetrag.

Kritiker werden bemerken, und es gab solche Stimmen bereits, dass der vorgesehene Betrag i.H.v. 2 Euro verschwenderisch hoch war, dass solche Summen das Schlechte in den Menschen zum Vorschein bringen, dass solche Bestechungen das Handwerk des Journalisten diskreditieren, etc.. Doch man möge bitte bedenken: Rübezahl ist kein Mensch, sondern Geist. Und außerdem: Er ist bereits reich! Welche Wirkung ein zu geringes Geldangebot hat, davon hatte ich mich ja schon überzeugen können. Die Wirkung ist alles andere als produktiv, kann ich nur sagen. Und ich mag auch nicht das Wort Bestechung in diesem Zusammenhang, die Geldgabe sehe ich eher als eine Unterstützung und Spende an eine insgesamt sozial und ökologisch wirkende, positive Kraft. Schließlich noch mag man bedenken, dass auch im Journalistengewerbe letztendlich der Erfolg zählt – wäre es der trauten Leserschaft vielleicht lieber, ohne das zeitlose Dokument eines endlich einmal vor das Kameraobjektiv gebrachten Berggeistes aus diesem sachlichen Bericht zu scheiden?

Ich näherte mich jedenfalls dem Rübezahl, wieder sah er mich mit schneidendem Blick an. Mit unsicherer Stimme trug ich mein Anliegen vor. Wie überglücklich war ich, als ich bemerkte, dass der wankelmütige Bergfürst mir diesmal wohlgesonnener war! Ich und meine kleine Schaar wagemutiger Männer bekamen das lang ersehnte Dokument – ich stelle es an den Anfang dieses Berichtes. Das Maß meines Glückes quoll geradezu über, als der Unheimliche schließlich sogar seinen Zaubermantel über unsere kleine Schaar ausbreitete, wohl um damit anzudeuten, dass wir nunmehr unter seinem Schutz stünden. Leider existiert davon kein Bild, doch dies Symbol der mächtigen Zuneigung des „Herrn Johannes“ ist meiner Erinnerung so wertvoll, als hätte ich tausend Urkunden.

Rübezahl - die ganze Wahrheit - ein magischer Schein des Bergfürsten [SPID 4261]
Rübezahl – die ganze Wahrheit – ein magischer Schein des Bergfürsten
Schließlich vertraute mir der Herr der Berge, wie er sich gern anreden lässt, sogar noch einen kleinen magischen Schein an, unter dessen Zuhilfenahme ich Vergünstigungen verschiedenster Art erhalten würde. Je nach Art der Bestellung in einer bestimmten Schänke im Orte Spindlermühle, würde ich einen Geldbetrag erhalten, oder besser gesagt, einen gewissen Betrag noch nicht einmal ausgeben müssen! Sozusagen sparen. Ich verwahrte den mir anvertrauten kleinen Schatz in meiner Geldbörse, mit der festen Absicht, ihn nicht anzurühren, wenn nicht schiere Not entweder meiner selbst, oder meiner Männer, dies unumgänglich machte.

Doch der Tag sollte kommen, wie sich schon allzu bald erweisen würde. An jenem Tag, von dem ich zu berichten habe, waren meine Leute und ich lange in dem sogenannten Wellness-Bereich der Lokalität verblieben, in der wir Unterkunft und Verpflegung gefunden hatten. „Wellness“, das bedeutet übersetzt aus dem Tschechischen, die Hingabe an eine körperliche Ertüchtigung, die teils in atemberaubenden Hitzeräumen, teils in Kältebädern erfolgt. Letztere sind oft so eisig, dass ganze Körperteile binnen kurzem auf ein kaum mehr erkennbares Maß zusammenschnurren. Meine Leute und ich hatten uns für diesen Tag nichts weiter vorgenommen, als jene Kasteiung des Körperlichen – gedacht ebenso als Buße wie als geistige Reinigung, ein zweifellos hohes Gut. Die ständig wiederholten Strapazen forderten ihren Tribut, und nagender Hunger und Durst bei meinen Leuten ließ mich überlegen, wo ich deren Kräfte restaurieren konnte. Natürlich wäre die Küche der Lokalität, in der wir nächtigten, in Frage gekommen, doch die Erfahrung lehrte mich, meinen Männern verschiedenste Reize angedeihen zu lassen, um deren Wachheit und geistige Klarheit, derer ich auf meinen Expeditionen so dringend bedurfte, zu erhalten, oder nach Möglichkeit noch zu steigern. Und die einzige in Frage kommende Restauration, die in Reichweite war (andere wären vielleicht bis zu 20 m weiter entfernt gewesen – in unserem damaligen Hungerzustand also unerreichbar), schien mir das Lokal des Rübezahl zu sein.

Rübezahl - die ganze Wahrheit - Rübezahls Zauberschänke [SPID 4266]
Rübezahl – die ganze Wahrheit – Rübezahls Zauberschänke
Dorthin lenkte sich also unser Schritt, und wir betraten schließlich einen gastlichen Raum, der von den erlesensten Speisen nur so duftete. Ein sogenannter Televisor bereitete dem Ankömmling einen klingenden Empfang mit den schönsten Weisen der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, aus einem sogenannten Musikkanal. Einige meiner Leute wollten an dieser Lokalität eine gewisse Schmuddeligkeit bemerken, man könne nicht aus dem Fenster sehen … ich jedoch zähmte solches vorlaute Geschwätz mit dem Hinweis auf die weitreichende Macht des Herrn der Berge, und dessen magischen Schein, den ich immer noch am Herzen trug.

Wir bestellten uns, was Küche und Keller zu bieten hatten, und es war ein Hochgenuss, diese herrlichen Speisen zu kosten, die in Tschechien oft mit Knödeln deftig, und ebenso oft mit Knödeln süß, serviert werden.  Die Genüsse schienen direkt den unterirdischen Zaubergärten des Rübezahl zu entstammen, so wohl war uns, so reichhaltig der Gaumenkitzel der verschiedensten Gerichte und Spezereien.

Schließlich jedoch, erreichten wir den Zustand einer gewissen Sättigung: wir konnten einfach nicht mehr.

Der heraneilenden Fee die uns bediente, ein kräftiges und wohlgerundetes Himmelskind mit einem langen blonden Zopf aus dichtem und starkem Haar, übergab ich, als sie mir die Rechnung darreichte, den mystischen Schein des Herrn der Berge. Ich tat dies wortlos und war voller Spannung, welche Magie dies nun wohl hervorbringen möge. Die bezaubernde Nymphe jedoch sagte mir, dass ich den Schein gleich bei Eintritt in das Lokal hätte vorzeigen müssen, nun jedoch schien er seine Zauberkraft gänzlich verloren zu haben. Unter Aufbietung der finanziellen Mittel aller Beteiligten bezahlten wir die Rechnung i.H.v. umgerechnet 25 Euro dennoch.

Unter meinen Leuten wurde Murren hörbar, was dies denn solle, und ob der „Bergschrat“ denn etwa seine „Zettel“ selbst drucke. Auf meine Frage hin, zu welchem Zweck wohl der Herr der Berge solches tun solle, wurde mir frech entgegnet „um anzugeben“. Einer der Männer meinte gar, es sei das wahre Wesen des Berggeistes, das ergaunerte Geld in Stretchlimousinen mit leichten Mädchen zu verjubeln – ich unterband wie man sich vorstellen kann solchen Aberwitz, in dem ich die eine oder andere Kopfnuss verteilte. Mir lag weiterhin an einem guten Einvernehmen mit dem Bergfürsten.

Bis zu unserer Abreise jedoch wollten die Zweifel am Herrn der Berge nun nicht mehr verstummen. Zumal man im Folgenden wahrzunehmen meinte, dass dieser sich auch mit anderen Passanten der vorgenannten Elbbrücke ins Benehmen setzte, sich von diesen leichthin fotografieren ließ, und gar, ebenso wie mir!, denen einen magischen Zettel einfach in die Hand drückte. Das wurde mir zugetragen – was daran wahr ist, kann ich nicht sagen. Einerseits erscheint es mir ganz unwahrscheinlich, auf der anderen Seite sah ich mit eigenen Augen, als wir alle am letzten Tage im Auto saßen um die Rückreise ins heimatliche Deutschland anzutreten, wie der Berggeist seinen magischen Mantel über eine fremde Familie breitete, die er offensichtlich gerade erst kennengelernt hatte. Ich traute meinen Augen kaum und vergaß in all der Verwirrung sogar, ein Fotodokument aus dem offenen Wagenfenster heraus anzufertigen.

Doch man möge mir vertrauen – dies ist die ganze Wahrheit.

Rübezahl - die ganze Wahrheit - Krokonosch ist der tschechische Name [SPID 4257]
Rübezahl – die ganze Wahrheit – Krokonosch ist der tschechische Name

 

Rübezahl. Die GANZE Wahrheit. was last modified: November 15th, 2016 by Henrik Geyer