Materialismus vs Spirealismus – als Vorstellung

Materialismus ist die Vorstellung, dass die Menschen einzelne Individuen sind, die Materie außerhalb des eigenen Geistes beobachten. Damit einher geht die feste Annahme, diese Materie, diese außerhalb des Geistes liegende Welt, ließe sich auf eine endgültige Weise beschreiben, trage unverrückbare Naturgesetze in sich, etc..

Materialismus ist eine Grundannahme, die wir wohl alle kennen, und die 99 % der Menschen in sich tragen. Die Menschen befestigen sich gegenseitig in ihrem Glauben, denn das, was „alle“ für richtig halten, müsse wohl auch stimmen, meint jeder. DAS zu hinterfragen gilt als unnütz und dumm.


Spirealismus ist die Vorstellung, dass es jenseits des Geistes kein Element gibt, das von Geist wesentlich unterscheidbar ist. Alles ist Geist. Sollte der Spirealist Materie erklären müssen, würde er von einer quantitativen Unterscheidung sprechen – etwa so, wie man sagen kann, dass auch ein Apfel die Erde anzieht, und dass das Gravitationsgesetz auch umgekehrt gilt: Der Apfel zieht die Erde an, nicht nur die Erde den Apfel. Ebenso wird das Vielgedachte fest, aus dem Blickwinkel des Weniggedachten. Das bedeutet aber nicht, dem Vielgedachten mangele die Eigenschaft jedes Gedankens, nämlich die der grundsätzlichen Freiheit.

Alles ist Gedanke. „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Schopenhauer) – das ist dem Spirealismus die eigentliche Realität. Anders als Schopenhauer, der an der Materie die Richtigkeit seiner Aussagen beweisen will, ist der Spirealismus überzeugt, dass die Materie eine „Erfindung“ der Menschen ist. Man kann an ihr nicht den Spirealismus beweisen, weil es die Materie, im Sinne des Materialismus, als außerhalb des menschlichen Geistes, nicht gibt. Die Materie in Gedanken zu bewegen bedeutet, ihr Existenz zu geben … und auf etwas zu weisen und zugleich zu sagen: „Siehe, es ist nicht da!“ ist insbesondere dem Materialisten sinnlos.

Die Vorstellung

Während der Materialismus also die Vorstellung beinhaltet, die wir wohl alle kennen, nämlich die, wir seien Beobachter eines materiellen Außen, ist die Vorstellung des Spirealismus deutlich schwerer zu erklären, denn sie ist uns eigentlich völlig fremd und ungewohnt.

Ungewohnt – mehr aber auch nicht, denn aus eigenem Erleben kann ich berichten, dass auch die Vorstellung des Spirealismus zur Gewohnheit werden kann. Sie ist nicht unangenehm, sie dehnt gewissermaßen den Raum. Sich vorzustellen, dass die Gedanken die eigentlichen Erzeuger der Realität sind, lässt die strikten Begrenzungen, die wir überall sehen, dehnbar werden.

Wenn der Spirealismus die Welt als eine Vorstellung begreift, dann ist damit auch gesagt, dass die Welt in Vorstellungen kreiert wird. Vorstellungen haben es an sich, vielfältig und gewissermaßen flüssig zu sein. Vorstellungen können jede Form haben. Anders, als es der Materialist von „der Welt“ annimmt. Diese könne es nur einmal geben, und sie sei eindeutig beschreibbar, meint er.

Als Gleichnis: Der Spirealismus sieht die Vorstellung der Welt ganz ähnlich, wie wir Menschen wiederum im Computer Vorstellungen kreieren, die einerseits  zu den Vorstellungen passen, die wir bereits haben – man denke an irgendein Bild, das schließlich auf einem Computerbildschirm entsteht. Denken wir an ein Bild von Menschen in einer Stadt. Andererseits haben diese Vorstellungen in ihrem „Ursprung“ (im Computer) eine ganz andere Form als jene, die schließlich als Bild auf dem Bildschirm entsteht. Es sind Nullen und Einsen. Oder es ist Strom oder kein Strom. Oder es ist eine Leiterplatte – dies wäre der Standpunkt des Informatikers. Und so, wie auf dem Computerbildschirm ein räumliches Bild erscheint, das jedoch mit der räumlichen Anordnung der Information im Computerspeicher nichts zu tun hat, sieht der Spirealismus keinen eindeutigen Zusammenhang jeglicher Vorstellungen mit etwas Festem, mit Materie.

Das bedeutet auch: Die Vorstellungen, und damit jede Vorstellung, auch die von einer Welt, ließen sich stets in eine Unendlichkeit anderer Vorstellungen transformieren, und könnten, im jeweils gewählten Zusammenhang, stimmig sein!

„Die Welt“ kann alles sein. Aber … warum können wir das nicht sehen? Aus der Sicht des Spirealismus deshalb, weil wir Menschen begrenzt sind. IN UNS wird das Mögliche zu Etwas. IN UNS wird das Allgemeine konkret. Die Grenzen des Möglichen sind nicht außerhalb von uns, in der Materie, sondern in uns.

Dem angefügt sei noch das Folgende: Die Grenzen der Welt sind gewissermaßen „in“ uns, jedoch nicht dergestalt, dass wir sagen können, wir könnten uns die Welt einfach anders ausdenken, so wie das von esoterischen Heilsbringern oft verkündet wird. Dies zu glauben wäre Materialismus; es wäre die typische Sichtweise des Materialismus auf Geist, nämlich Geist als etwas vom Menschen Ausgehendes. Nein, die Grenzen kommen durch uns zum Ausdruck, sind aber durch uns nicht einfach aufhebbar. Aufheben oder dehnen können wir die Grenzen nur in einem sehr engen Maß. Wir können es übrigens umso mehr, je mehr wir die Nichtexistenz der Materie überhaupt begreifen/verstehen/glauben können.

Kurz: Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht als Beobachter der Schöpfung. Das heißt: Wir und die Schöpfung sind nicht getrennt. Die Schöpfung – als zugleich der Prozess und dessen Resultate – sind, zumindest uns, ununterscheidbar. Beides ist Schöpfung: der Prozess und das Resultat, der Gedanke und die Materie. Wir sind Element von etwas Größerem; etwas, das durch uns nicht einsehbar oder änderbar oder erklärbar ist. Der Spirealismus sieht dieses unveränderliche Prinzip, dieses Unerklärliche, dieses Irrationale. Er sieht es, weiß um dessen Existenz, aber versucht nicht es zu erklären.

Denn wer Gott unter bestimmten Formen sucht, der ergreift wohl die Form, aber Gott, der in ihr verborgen ist, entgeht ihm.

Meister Eckhart
spätmittelalterlicher Theologe und Philosoph
geb. um 1260, gest. 30. April 1328 in Avignon

Der scheinbare Vorteil der Beweisbarkeit

Dem materialistischen Denker ist die spirealistische Vorstellung unangenehm, da sich in ihr alle letztendlichen Weltbeweise auflösen. Ganz anders als der Materialismus, der vollmundig in jedem Zeitalter verkündete und verkündet, die Welt-Erkenntnis auf die Spitze getrieben zu haben und die Herkunft der Welt nachweisen zu können. In unserer Zeit ist es die Vorstellung von einem Urknall, die uns Antwort auf die Fragen aller Fragen ist.

Was hingegen hat der Spirealismus zu bieten? Keinen Knall, nicht einmal etwas anderes? Kein Schleichen, kein Loch im Nicht-Sein, kein Raum-Zeit-Existenzsprung? Dann kann es nicht richtig sein!

Jedoch ist, wie gesagt, der Spirealismus auch eine Denkgewohnheit. Diese Denkgewohnheit benötigt keine Beweise für die „letzten Fragen“, denn sie weiß, dass es solche Beweise nicht geben kann. Vielmehr sieht der Spirealismus die Kausalität, das Finden von Gründen, als eine Funktionalität der Vorstellung, des Geistes, und damit der Weltentstehung. Die Kausalität, und mithin die aus ihr entstehenden Vorstellungen, muss es wohl geben. Dass man aber mit Hilfe der Kausalität zur Quelle der Kausalität vorstößt, hält der Spirealismus für unmöglich.

Mit derselben Leichtigkeit der Denkgewohnheit, aus der heraus Hume sagt, man müsse letztendlich an eine existierende Außenwelt glauben, sagt der Spirealismus, dies sei selbstverständlich nicht der Fall. Ebenso wenig wie man (ich komme auf das Beispiel zurück), auf einem Computerbildschirm Menschen in einer Stadt sehend, davon ausgehen muss, diese Menschen in einer Stadt seien im Computer.


Das Festwerden der Welt durch Kausalität, durch Zeitbezüge, und damit das Treffen (fester) Aussagen, kann und muss nicht umgangen werden. Denn die jeweils von uns so empfundene „Realität“ wird durch den Spirealismus nicht negiert, sondern ist ihm Ausgangspunkt jeder Überlegung. Der Spirealismus ist aber die Verabschiedung der Vorstellung von irgendeiner durch den Menschen zu treffenden, allerletzten Aussage oder Wahrheit. Denn die Wahrheit entsteht ja erst – durch den Menschen. Der Mensch als EIN Ausdruck eines Kontinuums aus Geist.

 

Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen „auf den Grund“ zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst, verunendlichfacht: wen die ganze maßlose Fülle des Lebendigen nah und fern schließlich seines vermeinten Verantwortungsgefühls – als ob auf ihm just alle Pflicht und Schwere läge – lächeln macht -, er wird in seinem und in allem Leben einigermaßen gerecht werden können. Alles Vereinfachen tötet, (denn es führt zum Buchstaben, zur Ruhe, zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten; was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und restlos alles.

Christian Morgenstern
deutscher Dichter und Schriftsteller
geb. 6. Mai 1871 in München; gest. 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn

 

 

Das Reh

Denk dir, die Liebe sei ein Reh,
du willst es gerne fangen.
Der sanfte Blick, das weiche Fell
erwecken dein Verlangen.

 

Doch, mühe dich nicht gar zu sehr,
dräng nicht, streng dich nicht an
Lock es, dann kommt es willig zu dir her
und bringt sich selbst heran

 

Dann wird es kommen, von allein,
du musst nur warten still
darfst nicht rufen, darfst nicht schrei’n
es kommt, weil selbst es will

 

Du denkst: Ich zwing’s, so schieß‘ ich’s eh,
dann ist es mein sogleich!
Doch kommt zu dir dann nicht ein Reh
sondern der Tod, und rohes Fleisch.

 

Denk dir, dass jedes gute Ding
hat was vom Reh an sich
Geh sacht und leise zu ihm hin
sonst wirst du’s fangen nicht

 

 

Henrik Geyer, Mai 2018

 

 

 

 

Vergessen

In schweren Erden weilend

in einem fahlen Licht

Wohl wimmelnd, doch auch schweigend

wird eine neue Sicht.

Dem Bruderblick verborgen

der Menschenwelt gestorben

im Erdenschoß geborgen

vergessen alle Pflicht

 

Erinnrung ist versunken

Traum von der Menschen Land

Die Wasser sind getrunken

Lachen und Qual verschwand

Die Bilder sind gelebet

der reife Geist, er schwebet

mit Erden nun verwebet

Gehirn und Herz und Hand

 

Von Säen und von Mäen

mal schneidend und mal stumpf

Gedanken, die erzählen

von Gliedern, Kopf und Rumpf.

Von Schweiß und Augenlichtern

von Nächten und von Dichtern

von Kühnheit und von Richtern

von Angst, Mut und Triumph

 

Ergab sich allen Lüsten

dem Traum des Menschensein

mit Fäusten und mit Brüsten

mit Wassern und mit Wein

Jetzt kann kein Ich mehr quälen

nur Freiheit anstatt Wählen

nichts Festes kann hier fehlen

in endlos-trübem Schein

 

Im Erdenschwarz hier unten

kehrt keine Ruhe ein

was nur erscheint versunken

geht neue Bindung ein.

Fleisch wird zu neuem Fleische

aus Andrem wird das Gleiche

aus Fäulnis werden Reiche

aus Äther wird Gestein

 

Wo Gottes Hand berühret

wird neu Gestalt gewählt

in Leben überführet,

formfügend abgezählt.

Das Gestern wird zu Morgen

wird Hoffen oder Sorgen

ganz offen uns verborgen

entsteht ein ander Welt.

 

Und neue Seelen wagen

mal grad wie Klingenstahl

oft krumm wie rost’ge Haken

des Schöpfers Ideal.

Gestalten, die sich beugen

in Wahrheit oder Leugnen

der Welten Werte zeugen –

ganz nach des Schicksals Wahl

 

Erinnrung bildet Borken

aus Raum wird neuer Ort.

Schicksal mit neuen Pforten –

in Ewigkeit geht fort.

Vergessen ist ein Streben

vergangner Lüste Beben

vergraben ist ein Leben

und neu entsteht ein Wort

 

Mit Hoffen oder Bangen,

Allmacht Gedankengang

sind sehnend wir gefangen

in eines Traumes Drang.

Der zeiget uns ein Ende

die Deckel vieler Bände

der Räume enge Wände

doch jedes fängt erst an

 

Henrik Geyer, Mai 2018

 

 

Bitte, Gebitte, Gebet

Gibst du mir eine Reise,
dass ich meine Seele speise?
Gibst du mir einen Raum
für meines Lebens Traum?

 

Bitte gib mir Luft zum Atmen
Gib Gedanken, die mich tragen.
Gebe Phantasien mir,
gebe mir ein Jetzt und Hier.

 

Gib mir Bäume, die mich streichen.
Gib mir Freunde, die nicht weichen.
Gib das Grün, dann wird auch Rot
Gib das Leben, dann wird Tod.

 

Kannst du mich lehren zu unterscheiden
Zwischen Menschen die zu meiden,
und den Dingen die beflügeln
jenseits des Flusses, in den Hügeln?

 

Gib mir diese Weisheit, bitte
Führe mich zur Seelenmitte
Gib mir Einsicht, Akzeptanz.
Gib mir Vielfalt, mach mich ganz.

 

Henrik Geyer, Mai 2018

 

Sinn und Sinnlosigkeit

Sinn gibt es nicht außerhalb des Denkens

Goethe-Zitat:

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.

Johann Wolfgang von Goethe
der wohl größte deutsche Dichter
geb. 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Johann Wolfgang Goethe; gest. 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Das klingt wie nichtssagend, wie ein in sich geschlossener Kreis, wie eine Tautologie, bei der sich die Schlussfolgerung bereits in der Ausgangsfrage findet. Und doch ist es die tiefste findbare Wahrheit.

Außerhalb des Kreises, außerhalb der Tautologie, ist kein Sinn, den wir kennen können. Sinn ist der Bezug auf den Bedeutungsraum den wir kennen. Es ist der Bezug auf uns selbst.

Das erinnert an die sich in den Schwanz beißende Schlange, den Ouroboros, ein uraltes Symbol für die Welt. Die Schlange frisst, um zu sein. Was frisst sie? Sich selbst. Anders gesagt: Um zu sein muss sie sich selbst Nahrung sein. Der Sinn des Seins kommt aus dem Sein. Existenz aus der Existenz. Mehr Grund, mehr Vernunft, mehr Sinn für das Sein kann und muss es nicht geben, als eben das Sein!

Unbefriedigende Rätselhaftigkeit

Warum erscheint uns diese Weisheit als unbefriedigende Rätselhaftigkeit?

Das erscheint uns so, weil es in der materialistischen Sichtweise die Eigenschaft von Rätseln ist, dass sie gelöst werden. Denn alles, so glauben wir, habe einen Grund. Und dass es Gründe geben könnte, die dem Menschen nicht ermittelbar sind, können wir uns nicht vorstellen. Das ist ähnlich der Unendlichkeit des Weltalls – wie kann es ein Ding geben, zum Beispiel das Weltall, das zwar einen definierten Inhalt hat, aber keine Grenzen? Jedes Ding definiert sich in seiner Gesamtheit doch durch eine Grenze! Und ganz ähnlich ist uns ein Rätsel, das in sich Beginn und Ende trägt, dessen Antwort die Frage wiederholt, ein Rätsel also, das offensichtlich nicht lösbar ist, unbefriedigend. Wenn der Sinn des Lebens das Leben selbst ist, und wenn hier Ursache und Folge unauflösbar miteinander verwoben sind, erscheint uns dies nicht wie eine gültige Antwort auf eine Frage. Und dennoch ist es so.

Wir glauben eben an das Prinzip des eindeutigen Grundes, der außerhalb von uns liegen soll – so, wie wir auch an die Existenz von Objekten außerhalb von Geist glauben. Das glauben wir so sehr, dass sich der Materialismus, dessen Grundannahme eben dies ist, sich schmeichelt, die Welt erkannt zu haben, und zwar so gründlich, dass sie ihm bereits als geradezu langweilig erscheint.

Für den Spirealismus gilt das nicht, und die oben angeführte Rätselhaftigkeit versteht er als seine Grundaussage, und verweist immer wieder auf die Aussage, dass alle Rätsel ja aus uns selbst kommen. Wir selbst sind Quell und Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Wir sind nicht die Beobachter und Ergründer von Sinn, sondern Sinn Wie können wir „die Rätsel“ lösen, wenn wir selbst sie generieren? Unser Denken steckt in unseren Worten. Wenn wir von „den Rätseln“ sprechen, so klingt das wie eine abzählbare Gesamtheit. Doch wie können die Rätsel eine abzählbare Gesamtheit sein, wenn wir selbst sie hervorbringen. So lange wir da sind, müssen demnach immer neue Rätsel entstehen.

Das gleiche gilt für Sinn. Solange wir da sind, wird immer neuer Sinn generiert, immer anderer Sinn. Ganz wie das Spiel der Farben und Dinge in einem Kaleidoskop. Die Frage wie viele Male kann ein Kaleidoskop Muster erzeugen kann wird zu der Frage, wie oft ein Mensch daran zu schütteln vermag.

Während der Materialismus glaubt Rätsel seien zu nichts gut, als nur dazu, gelöst zu werden, sieht der Spirealismus sehr wohl Nutzen im Wahrnehmen der Rätselhaftigkeit. Warum? Um der Selbstentfremdung des Menschen zu begegnen. Damit sich der Mensch seiner Quelle nähern kann. Um spirituelle Macht in sich selbst zu finden. Um die Existenz Gottes wahrzunehmen – Gott als die Rätselhaftigkeit, das Irrationale. Gott als die Unendlichkeit des Nichts. Gott als unbeschreiblich und jenseits der menschlichen Vorstellung. Wer Gott wahrnehmen kann, wird umso weniger dazu neigen sich selbst zu überhöhen. Der Mensch wird im Materialismus zwar sein eigener Gott, ist aber eben dadurch umso weniger Herr seiner selbst.

Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens.

Carl Gustav Jung
Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker
* 26. Juli 1875 in Kesswil; † 6. Juni 1961 in Küsnacht

Und … Selbstfindung ist für den Spirealismus nicht lediglich etwas, das nur den einzelnen Menschen angeht, denn auch die Gesellschaft lässt sich als ein Organismus verstehen.


Kurioserweise fiel mir noch folgendes Zitat in die Hände; es tauchte auf, als ich nach dem Goethe-Zitat suchte:

Der Sinn des Lebens ist mehr als das Leben selbst.

Stefan Zweig
österreichischer Schriftsteller
geb. 28. November 1881 in Wien; gest. 23. Februar[1] 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien

Mir gefällt das Goethe-Zitat besser. Wenn da mehr Sinn wäre, als das Leben, dann wäre zu klären, was das sein soll, dieses „Mehr“. Können wir das? Natürlich nicht.

Wenn wir ein Mehr definierten, wäre es wieder Produkt unseres Selbst. Es war nicht „vorher da“, denn ohne Leben kann es keinen auf das Leben bezogenen Sinn geben. Was über das Leben zu sagen ist, ist eben nicht sagbar ohne das Leben.

Der Satz Zweigs ist für mich ein typisches Produkt der Vermischung materialistischer Weltanschauung (die Dinge existieren außerhalb des Denkens) mit spirituellem Denken.

 

 

Die Kreativität des Zufalls

Ich hatte im Artikel Der Zufall als Element kreativer Programme über die Rolle gesprochen, die der Zufall im kreativen Prozess spielt, und auch beim Zustandekommen von Intelligenz. Intelligenz hier verstanden als etwas sehr Allgemeines, sozusagen als das Denken.

 

Als einfaches Beispiel für ein kreatives Programm führte ich eines an, das unter anderem das unten stehende Bild erzeugt hat. Eine Schlüsseltechnik innerhalb dieses Programms sind Zufallszahlen.

 

Eine Zufallszahl ist kreativ

Letztlich ist die entscheidende Komponente, die eine nicht vorhersagbare Variante des o.g. Bildes hervorbringt, eine Zufallszahl. Ist eine Zufallszahl kreativ? Ist eine Zufallszahl intelligent?

So sehen wir das natürlich nicht. Warum eigentlich nicht?

Weil der Materialismus einige Paradigmen hat, die dieser Sichtweise fundamental entgegenstehen. Beispielsweise die Vorstellung, die Wirklichkeit gäbe es nur einmal, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: die Wirklichkeit ergäbe sich aus einer Notwendigkeit der Materie. Anders formuliert: Da die Objekte in eindeutig-bestimmter Weise außerhalb des menschlichen Geistes existierten, so die Logik des Materialismus, und da ein Objekt das andere in eindeutig-bestimmter Weise aufbaut und begründet, wie etwa ein Motor aus eindeutig-bestimmten Bauteilen besteht ohne die er nicht laufen würde, oder wie etwa ein Gegenstand aus einer bestimmten Anzahl von Atomen besteht, ohne die er nicht so sein könne wie er eben sei, so determiniere sich die Wirklichkeit aus einer bestimmten Notwendigkeit heraus.

Der Spirealismus hat diese Sichtweise natürlich nicht. Weder gibt es die Objekte jenseits des menschlichen Geistes sozusagen „extra“, noch existiert nur eine Wirklichkeit, noch kommt eine Wirklichkeit mit einer bestimmten Notwendigkeit zu Stande. Oder: Weil es nicht nur eine Wirklichkeit gibt, entfällt der Gedanke an eine Notwendigkeit „der“ Wirklichkeit.

Wille und Zufall

Das Letztgenannte hat natürlich wiederum Auswirkungen auf unsere Vorstellung von uns selbst. Wenn eine Zufallszahl in etwa so kreativ wäre wie ein Künstler, der verblüffende Zeugnisse seines kreativen Wollens erschafft – hieße das nicht, dass Kreativität, dass Wille …. vergleichbar und ähnlich dem Zufall sind? Dem Zufall, den man zwar überall im Außen am Werk sieht, nur nicht beim Menschen?

Und, nur einmal angenommen Wille wäre im Kern Zufall – was wird dann aus unserer Vorstellung von der Notwendigkeit kausaler Zusammenhänge? Denn nur mit Hilfe unseres Wissens um die Kausalitäten in der Natur (von denen wie wir glauben eine endliche Anzahl existiert), ganz ähnlich dem Willen bei uns selbst, schaffen wir es doch, die Natur zu erkennen und zu beschreiben … und zwar willentlich.

Innerhalb des Materialismus ist Wille als Zufall undenkbar.

Innerhalb des Spirealismus nicht, denn der sagt ja, der Mensch sei Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Was der Mensch im Außen sieht, kommt also auch in ihm und durch ihn zum Tragen, der er ein ganz normales Element ist. Die grundsätzliche Trennung zwischen Mensch und der ihn umgebenden Natur existiert nicht jenseits seiner Phantasie. Was er als seinen „völlig unabhängigen“ Willen bezeichnet, ist der Zufall einer anderen Sichtweise.

Warum noch kann Wille und Zufall in der materialistischen Sichtweise keinen Zusammenhang haben? Weil unsere Vorstellung von Kausalität und Zeit die Vorstellung von Wille ebenfalls stützen. Die Vorstellung von Wille ist, dass man zuerst etwas will, und es dann im Folgenden umsetzt. Etwas wird zuerst gedacht, und dann materialisiert es sich, als Ausdruck von Willen. So sind auch unsere Vorstellungen von Kausalität und Zeit mit dem Begriff Willen verknüpft. Das „Zuerst“ und das „Dann Folgt“ lässt uns an einen eindeutigen Zeitstrahl denken.

Ist der Begriff Zufall nicht im selben Maße mit Kausalität und Zeit verknüpft? Etwas passiert zufällig und dann … Nein. Zufall kann nicht auf rationale Weise eine Ursache genannt werden. Wenn Zufälliges Unvorhersagbares hervorruft, so ist die Verbindung zwischen beidem offensichtlich willkürlich – ganz anders als die materialistische Vorstellung von Kausalität. Zufall kennt kein Vorher und Nachher. Nur weil der Zufall eingebettet zu sein scheint in eine überwiegend kausal bestimmte Welt, scheint er notwendigerweise Teil der Kausalkette(n) zu sein. Sinnbild hierfür kann ein Würfel sein. Seine Form lässt nur 6 Möglichkeiten zu, welche Zahl geworfen wird. Die Form ist der rationale Anteil, die kausale Vorbestimmung. Der Zufall, das Nicht-Vorhersagbare, ist damit eingeschränkt auf 6 Möglichkeiten, und erscheint nun wieder vorhersagbar.

In der spirealistischen Vorstellungswelt gibt es weder Kausalität noch Zeit unabhängig vom (menschlichen) Geist. Warum nicht? Allein schon deshalb, weil der Spirealismus die Objekte nicht als unabhängig von Geist sieht. Und, bei Kausalität handelt es sich ja um Bezüge zwischen Objekten. Kausalität wiederum, mit seinem zuerst war … (Grund), dann ergab sich (Folge), spannt Zeit auf.

Kurz gesagt: Objekte, Kausalität und Zeit existieren für den Spirealismus innerhalb des Geistigen, also eines vollständig relationalen Bezugssystems, das nichts Objektives hat. Somit hat der Spirealismus eine andere Vorstellung von Existenz als der Materialismus, der ja davon ausgeht, der Mensch beobachte eine Realität außerhalb seiner selbst, und all dies, also die Objekte, die Kausalität und die Zeit, hätten nichts mit dem menschlichen Geist zu tun, sondern existierten unabhängig davon.


Zusatz: Was hat eine Sichtweise mit der Wirklichkeit zu tun? Schon hier spricht der Spirealismus eine dem Materialismus unverständliche Sprache, denn die Wirklichkeit einerseits, und eine Sichtweise andererseits, sind in der Denkweise des Materialismus strikt zu trennen.

Doch dem Spirealismus, wenn er davon ausgeht dass nicht nur EINE Wirklichkeit existiert, kann „die“ Wirklichkeit nichts anderes sein als eine Sichtweise. „Die Realität“ ist so gesehen eine Möglichkeit unter einer nicht benennbaren Anzahl an Möglichkeiten. Und den Gedanken an eine Wirklichkeit kann man im semantischen Zusammenhang des Materialismus auch eine Phantasie nennen.

Jedoch versteht der Spirealismus das Wort Phantasie nicht im materialistischen Sinn, als eine UN-Wirklichkeit, denn für ihn gibt es den direkten Gegensatz zwischen „der“ Wirklichkeit und etwas, das man über die Wirklichkeit denkt, nicht. Wie dem Spirealismus grundsätzlich der Gedanke an ein Objekt, und das Objekt selbst, untrennbar verbunden sind (Spirealismus = der Gedanke an eine Realität ist eine Realität).

 

Lebenskrise als Chance

Lebenskrisen geben uns Gelegenheit über die wichtigen Themen des Lebens nachzudenken.

Warum können wir das normalerweise nicht?

Weil wir abgelenkt sind von den tausenderlei Geschehnissen des Tages, den Anforderungen, den „ganz wichtigen“ Dingen.

Oft sind wir erst in der Lage über uns selbst nachzudenken, wenn etwas Schlimmes geschieht. Dann werden wir zu Recht ganz kleinlaut. Die „Wichtigkeiten“ der Welt treten in den Hintergrund, werden unwichtig und klein. Wir lecken die Wunden. Das Ego löst sich auf, wird biegsam und schmiegsam – quasi formbar. Das Ego ist jene Instanz, die uns sagt, etwas ganz Bestimmtes zu sein; das Ego ist das Ich. Ich BIN … Plötzlich ist man sich über vieles nicht mehr so ganz im Klaren .. was vorher ganz sicher schien.

Der Verlust des Ego geht oft einher mit einem Verlust an Gewicht. Die Körperlichkeit verliert, man könnte es als einen Prozess der teilweisen Auflösung sehen und als eine schöne Illustration dafür, dass Körper auch Geist ist. Der mit der Depression (Depression lateinisch für Niedergang, Zurückgehen) verbundene Niedergang des Ego drückt sich in einem Niedergang des Körperlichen aus.

Und nun erst, weil die Lage gar keinen anderen Schluss mehr zulässt, kann man sich eingestehen, dass man selbst an all dem Übel, das einem zustieß, Schuld (mit-)trägt. Nur jetzt, in dieser schweren Zeit, kann man akzeptieren, selbst der Bösewicht zu sein.

Das könnte man eigentlich dauerhaft so sehen, aber die wenigsten tun es. Daher ist eine solche Not-Lage eine große Chance. Sie bietet die Möglichkeit wachsender Einsicht.

Es ist eine einmalige Gelegenheit, etwas unschätzbar Wichtiges zu verstehen, etwas, das man sonst wohl nie lernen würde. Was man jetzt verstehen kann, ist, wie sehr unser Außen ein Spiegelbild des Innen ist. Und wie sehr die Teufel des vermeintlichen Außen in einem selbst wohnen. Und umgekehrt hat man die Chance zu begreifen, dass der Himmel ebenfalls in einem selbst wohnt, sofern man ihn dort sehen kann. „Gottes Reich ist inwendig. Man wird nicht mit dem Finger weisen können, es sei da oder dort … [im Außen]“


Kontemplation ist jetzt wichtig. Nachdenken. In sich gehen. Nicht viele Worte, sondern Schweigsamkeit. Keine Schuldzuweisungen. Nichts hat NUR eine Seite. Nichts ist einzeln. Auch das Ego ist das Resultat aus Beziehungen. Wenn es klein wird hat es die Chance sich neu zu definieren. Man drückt das oft so aus: Man will sich selbst finden. Oder: Man will sich neu er-finden.

Das ist wichtig. Es geht darum, was man tun wird. Was einem am allerwichtigsten ist. Wer man ist, oder besser: als was man sich sieht.

Und es geht jetzt wieder darum, wer man sein wird. Wer man sein will, wenn man es sich aussuchen könnte. Es ist dann wieder ein bisschen, als sei man ein kleines Kind. Alles ist offen(er). Man kann sich die Zukunft neu aussuchen, vorausgesetzt, man findet jetzt das richtige Verständnis für die Situation.

Man überlegt, wie man mit der Situation umgeht. Folgende Punkte halte ich für besonders bedenkenswert. Jeder einzelne Punkt ist eine Philosophie für sich und sollte in das Denken einsinken. Es reicht eigentlich nicht aus, die Punkte zu lesen und sie gut zu finden, sondern sie müssen begriffen und gelebt werden.

  1. Endlichkeit. Alles ist für den Menschen sehr endlich, zum Beispiel die Zeit, also die Jahre, die man noch hat. Egal ob man jung oder alt ist. Und damit sind die Dinge endlich, die man tun kann. Die Zeit, die einem verbleibt, und deren Maß man nicht abschätzen kann, ist sehr wertvoll – man sollte nicht damit herumschludern. Dieser Gedanke sollte einem ein Gefühl dafür geben, wie entscheidend es ist, sich auf die allerwichtigsten Werte konzentrieren und JETZT das Leben zu leben, das man für richtig hält.
  2. Endlichkeit akzeptieren. Trotzdem geht es nicht darum,  das Leben „maximal auszunutzen“. Der Wert der Dinge ist ohnehin eine Sichtweise. Nichts was man tut weil man es „tun muss“ gewinnt dadurch an Wert. Was man schnell und ohne Liebe tut, ist verschwendet. Was man ohne Überzeugung tut, ist verschwendet. Aus der Sichtweise der Endlichkeit (Punkt 1) folgt, dass der Mensch nur einfache, kleine Dinge, tun kann. Er ist endlich im Unendlichen! Doch diese kleinen Dinge können für ihn den allergrößten Wert haben. Es geht also darum, Verständnis zu gewinnen. Es muss mit Bedacht ausgewählt werden, was man selbst für wichtig hält.
  3. Karma: Was wir tun, was wir denken, hat Wirkungen. Wirkungen, die wir nicht im Zusammenhang mit ihren Ursachen sehen können. Der Gedanke des Karma ist der Gedanke des Wissens um ein Nichtwissen: ALLES hat seine Wirkungen, und ALLES hat auch einen Grund. Die Begrenztheit des Menschen kommt darin zum Ausdruck, dass er nur wenige Wirkungen ihren Ursachen zuordnen kann, und nur wenige Ursachen ihren Wirkungen. Der Gedanke des Karma lässt uns verstehen, wie wichtig unsere innere Einstellung für andere Leben ist, im Sinne eines nie endenden Kontinuums. Das wir die Dinge gekapselt sehen, als in sich abgeschlossen, uns selbst beginnend und endend in Geburt und Tod, ist nur eine Sichtweise; tatsächlich ist alles mit allem verbunden. Beispielsweise werden wir unseren Kindern kein Gefühl für Verantwortung hinterlassen können, wenn wir selbst keins haben. Das ist Ursache und Wirkung. Wir können kein Gefühl der Liebe an unsere Kinder weitergeben, wenn Liebe für uns Nebensache ist, oder wenn wir Liebe für manipulierbar und als Mittel zum Zweck ansehen. Und so weiter. Auch wenn wir glauben, die Kinder lebten später „ihr eigenes Leben“, ist, was in ihnen bleibt, die Erinnerung an unser gelebtes Leben, das in ihnen mit dem unserem verwoben ist. Wer die Sichtweise des Karma verinnerlicht, der wird es für wichtiger halten, fundamentale Werte im eigenen Leben zu verwirklichen, als flüchtige Werte, als materielle Werte, als wechselnde Werte des Momentes.
  4. Entscheidungen. Klar werden. Die Sichtweise der Endlichkeit hat auch eine weitere klare Folge: Man muss sich entscheiden. Man kann nicht alles haben. Man muss auch nicht alles haben, um ein erfülltes und gutes Leben zu leben. Man kann die schon erwähnte Endlichkeit akzeptieren, darf für sie sogar dankbar sein. Dieser Gedanke sollte dazu dienen, dass wir uns für einige Akzente unseres Lebens entscheiden, die wir gern verwirklicht sehen möchten. Es geht eher um entscheidende Prinzipien, als um einen genauen Weg. Beispielsweise geht es sehr häufig um „Ehrlichkeit“ im Gegensatz zu Lebenslügen. Wer diesen Akzent setzen will, der muss in sich Ehrlichkeit verwirklichen. Der muss eine ENTSCHEIDUNG treffen. Man kann nicht ehrlich sein, wenn man es gleichzeitig für möglich hält unehrlich zu sein. Und es geht auch nicht darum, Ehrlichkeit im Außen zu suchen, etwa, um andere Menschen zu bewerten und sie ihrer Unehrlichkeit wegen zu verurteilen.
  5. Das Ego verstehen. Überhaupt ist die Besinnung auf das Selbst, die oft erst in Krisenzeiten eintritt, sehr wichtig. Im Arbeitsprozess, in der Peergroup, werden die Anforderungen, die Meinungen, schnell verinnerlicht. Man weiß nicht mehr zu unterscheiden zwischen dem, was anderen wichtig ist, und dem, was einem selbst wichtig ist. Wenn man beginnt das Ego als etwas Eigenständiges zu sehen, dann beginnt man andererseits auch, die Verwobenheit des Ego mit den anderen Egos zu  begreifen. Und man beginnt das Wechselspiel, den Prozess zu sehen, der zwischen all diesen kosmischen Punkten stattfindet. Der Prozess ist das Interessante, nicht die statische Auffassung: Derjenige IST so und so, Jener dort IST so und so …
  6. Vergebung. Meist haben unsere schwersten Lebenskrisen etwas mit anderen Menschen zu tun, denken wir an Ehekrisen, an geschäftliche Krisen, an Freundschafts- und Vertrauenskrisen, u.v.m.. Wer das Ego versteht, der versteht auch, dass derselbe Kampf der Gefühle, der Unsicherheiten, des Das-Gute-tun-wollen-und-Böses-Hervorrufen, überall im Gange ist. In uns und außerhalb von uns. In diesem Gedanken liegt Verständnis für andere Egos. Darin liegt Vergebung. Vergebung bedeutet Verständnis für die psychischen Nöte des Anderen. Vergebung muss nicht heißen, dass man auf sein (juristisches) Recht verzichtet. Das kann es heißen. Vergebung muss nicht heißen, dass man keinen Zorn mehr spürt. Das kann es heißen. Vergebung muss nicht heißen, dass es keine Konsequenzen gibt. Das kann es heißen. Vergebung kann dazu führen, dass man bestimmte Rechtsmittel nicht einlegt, dass man sich in Frieden trennen kann, dass man sich nicht zermürbt in Zweifeln und in Gedanken an eigene Lächerlichkeit. Vergebung kann heißen, dass man Schlaf und Ruhe findet, und damit die Kraft neu anzufangen. Vergebung ist im Grunde ein tiefes Verständnis für das Wesen des Kosmos – als eine Wechselwirkung. Nichts was ich im Außen sehe ist mir wirklich fremd, denn es ist auch in mir! Vergebung ist der Form nach Vergebung für andere, ist aber ebenso ein Sich-selbst-Vergeben. Anderen Ruhe geben bedeutet, selbst Ruhe finden. Anderen Schuld zu verzeihen bedeutet eigene Schuld überhaupt sehen zu können. Anderen Schuld zu verzeihen bedeutet, sich weniger auf das eigene Leid konzentrieren zu müssen.
  7. Sich auf sich selbst konzentrieren. Wir vergessen oft, dass unser Schicksal zuallererst von uns selbst abhängt. Der wichtigste Hebel für unser Glück und für unser Wertschätzen sind wir selbst. Niemanden können wir in derselben Weise, mit der gleichen Leichtigkeit, formen, so wie uns selbst. In diesem Gedanken liegt ein tiefer Frieden, denn wir müssen auf niemanden warten, dass dieser uns unser Glück ins Haus trägt. Sondern, wir können und müssen bei uns selbst anfangen. Das vermindert unsere Unzufriedenheit über das Handeln anderer. Das Handeln anderer sollten wir als ein Geschenk sehen, auf das man hoffen darf, das man aber nicht mit Sicherheit hervorrufen kann. Sich auf sich selbst zu konzentrieren vermindert unser manipulatives Verhalten anderen gegenüber, was wiederum von diesen intuitiv wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Was wir geben kommt auf diese Weise zu uns zurück. So bekommen wir auch den besten Hebel für unser Glück in die Hand: Indem wir verstehen dass der entscheidende Faktor für Glück bei uns selbst liegt, erkennen wir, durch Tun, die Formbarkeit des Selbst. Übrigens lernt man auf diese Weise, indem man das Selbst begreift und formt, dass das keineswegs leicht ist. Das Ego zu formen ist in etwa so schwer, wie es schwer für einen Bodybuilder ist, 30 kg Muskelmasse aufzubauen. Hier wie dort handelt es sich um einen Prozess, der nicht damit erledigt ist, dass man sagt: „Jetzt habe ich etwas verstanden.“ Es hat eher etwas mit täglichem Tun und Denken, bzw. Training zu tun. Man benötigt Entschlossenheit, um die bisherigen Lebensgewohnheiten und Sichtweisen fundamental umzustellen. In Lebenskrisen gibt es die Chance auf eine solche Entschlossenheit.
  8. Gottvertrauen. Bei aller Selbstsicherheit, dass man sein Schicksal „in die eigenen Hände nehmen“ könne, darf man niemals vergessen, dass die Zukunft in ihrem Wesen ungewiss ist. Ist denn nicht die aktuelle Lebenskrise der beste Beweis, dass man eben nicht Herr des Schicksals ist? Gerade eben noch glaubte man alles „im Griff“ zu haben! Das macht kleinlaut, völlig zu Recht. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Man darf voller Schicksalsergebenheit auf Gott vertrauen. Krisenzeiten bieten immer auch die Chance zu verstehen, wie wichtig das Loslassen ist. Loslassen als das Gegenstück des Zwangsdenkens, wir hätten unser Leben „in der Hand“ und müssten es gottgleich steuern. Das gelingt nicht, überfordert nur. Alles kann passieren. Auch wenn man sich noch so bemüht kann es doch nie gelingen, dass man das eigene Schicksal vollständig in die Hand bekommt. Unser Schicksal ist verwoben mit so vielen anderen Schicksalen, die ganz ähnlich ungewiss sind. Akzeptanz … Loslassen … Auf Gott, das Höhere, vertrauen!
  9. Die Formbarkeit des Ego erhalten. Gottvertrauen hat auch den Aspekt von: Das Ego nicht zu groß werden lassen. Denn wer das Höhere als eine Seinsbedingung begreift, wer Gott am Werk sieht, überall dort, wo er auch hinschaut, dem kann das eigene Ego nicht zu einem Gott werden. Zu einem scheinbar allmächtigen Gott-Ego, das da sagt: ICH verstehe alles, ICH habe alles im Griff. Und wer die Formbarkeit des Selbst als einen Prozess versteht (man denke an den erwähnten Bodybuilder), der wird auch verstehen, wie wichtig es ist, die Formbarkeit des Ego zu erhalten. Denn das Ego hat die Tendenz wieder stark und übermächtig zu werden, in Selbstgefälligkeit zu verknöchern und später spektakulär und schmerzhaft zu zerbrechen. Man sollte versuchen das Ego jung und biegsam zu halten. Im Lebens-Prozess gibt es immer wieder Gelegenheiten für wichtige Entscheidungen, die wir dann gut meistern können, wenn unser Ego nicht zu übermächtig geworden ist. Wenn wir uns selbst noch ändern können.
  10. Jetzt. Weil alles im Leben endet, weil alle Dinge kaputtgehen, alle Menschen sterben, alle Gedanken vergessen werden, sollte man lernen das Jetzt und den Moment wertzuschätzen und anzunehmen. Das Jetzt ist das eigentliche Sein. Man darf Danke sagen für das Jetzt. Ziele, die man für eine ferne Zukunft hat, verleiten uns oft dazu das Jetzt nicht wertzuschätzen. Verleiten uns, das Jetzt als einen flüchtigen Moment des Übergangs in eine besseren Zeit zu verstehen. Als einen unglücklichen Moment sogar, um den es nicht schade ist, da er ja dem höheren Zweck dient, einer besseren Zukunft geopfert zu werden. So hofft denn mancher, dass das Jetzt bald vorübergehen möge. Doch es bleibt. Das Jetzt ist immer. Auf diese schlichte Weise vergeben sich viele das Glück und die Erfüllung, die der Moment für sie bereithalten könnte – in der Hoffnung auf ein Glück und eine Erfüllung der Zukunft. Doch welche Zukunft des Glücks will man aufbauen aus einer Gewohnheit des Unglücklichseins heraus?
  11. Abgrenzung und Verbindung. Weil das Ego das Resultat aus Beziehungen ist, darf man nie vergessen, dass Abgrenzung ebenso wichtig ist, wie die Verbindung. Selbsternannte Esoteriker reden oft davon, man müsse sich mit allem verbinden. Alles sei „in Wirklichkeit“ eins. Aber Abgrenzung, das Lösen von Verbindungen, ist ebenso wichtig. Das geht schon aus dem ersten Punkt, der menschlichen Endlichkeit, hervor. Wir müssen uns beispielsweise keinen Problemen stellen, die wir nicht haben, die wir nicht einmal kennen. Es ist der alte spirituelle Weg des Eremiten. Man kann das Ego wie einen SÜCHtigen begreifen, dessen SUCHE nach immer Demselben (dieselben Denkgewohnheiten, dieselben Informationsquellen, dieselbe Peergroup) das Schicksal gestaltet. So, wie es einem Alkoholsüchtigen geraten ist Kneipen zu meiden (selbst wenn er vorgibt dort nur Brause trinken zu wollen und Zeitung zu lesen), ist es für das Ego auch wichtig bestimmte Verbindungen zu meiden und neue aufzubauen. Je nachdem, was man im Leben verwirklicht sehen möchte. Je radikaler das gelingt, desto umfassender kann eine Veränderung sein.
  12. Wertschätzung. Das bedeutet: als wertvoll einschätzen, was gut ist am eigenen Leben. Das heißt, die Menschen wert zu schätzen, die einem gut tun; die Dinge wertzuschätzen, die einem das Leben erleichtern; die kleinen Dinge wertzuschätzen die völlig oder fast kostenlos sind, wie die Luft, das Wasser, auch die Nahrung. Das bedeutet sparsam und nicht zu anspruchsvoll zu sein. Mit Wertschätzung kann das einfachste Leben ein glückliches Leben sein. Wertschätzung bildet einen guten Lebenskompass. Wertschätzung ist eine Übung, ein Lebensweg. Es ist die Übung, jeden Tag „Danke“ zu sagen. Ausgerüstet mit dem Kompass der Wertschätzung lassen sich die wichtigen Lebensentscheidungen gut treffen. Dann kann man gut unterscheiden zwischen dem, was man wirklich braucht, was einem wichtig ist. Und dem, was eigentlich ganz überflüssig und wertlos ist – selbst wenn die ganze Welt anderer Ansicht ist. Oft genug leben wir die Werte anderer und vergessen darüber, das eigene Leben, und die eigenen Dinge darin, wertzuschätzen.

Man kann eine Lebenskrise als eine Gelegenheit sehen, das eigene Leben neu zu verstehen und neu aufzubauen. Eine Lebenskrise ist, so gesehen, wertvoll. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass man eine Lebenskrise nicht genießen kann. Und man sucht Lebenskrisen auch nicht, sondern will sie vermeiden. Man denke an schwere Krankheiten, an Scheitern, an Abschiede, an Unfälle, an Vertrauensbrüche und vieles mehr. Vielleicht tröstet es ein wenig in der schwierigen Situation, wenn man die oben genannten Punkte bedenkt, selbst wenn man sie zuerst nicht wirklich versteht.

Lebenskrisen sind Phasen, von denen man sagt „so etwas möchte ich nie wieder erleben.“ Man hat gute Chancen, dasselbe nicht noch einmal zu erleben, und dieselben Fehler nicht noch einmal zu begehen,  wenn man aus einer Lebenskrise lernt. Wenn man eine Lebenskrise, schließlich und endlich, als Chance begreift.

Kosmos und Universum – umfassende Intelligenz

Intelligenz ist etwas, das uns umgibt, und aus dem wir hervorgehen. Nicht etwas, das nur wir Menschen hätten, im Gegensatz zu der uns umgebenden Welt.

Um sich das ein wenig vorzustellen hier ein Beispiel: Was ist ein wacher Geist ohne ein Buch zum Lesen? Was wiederum ist ein Buch, das nicht gelesen wird? Die Intelligenz – der Gedanke – ist auf beiden Seiten. Nun meinen wir natürlich, ein Buch habe kein Bewusstsein, und könne daher nicht intelligent sein. Doch der Spirealismus geht davon aus, dass unsere Vorstellung von Bewusstsein erstens nur eine mögliche Vorstellung ist, und zweitens eine Vorstellung, die relativ falsch ist („relativ“ weil: eine absolute Wahrheit nicht existiert). Relativ falsch, denn diese Vorstellung ermöglicht es uns nicht, Bewusstsein in der uns umgebenden Natur zu sehen, obwohl das aus der Sicht des Spirealismus unbestreitbar ist.

„Bewusstsein“ ist falsch verstanden, wenn wir Menschen meinen, es müsse genau so sein, wie wir unser eigenes Bewusstsein verstehen oder eher: nicht verstehen. Und wenn wir zweitens nicht wahrnehmen, dass Bewusstsein als Relation in Erscheinung tritt, und daher überall ist, nicht nur in uns Menschen.

Die Zeichen, dass sich der Mensch in seiner kosmischen Rolle grundlegend falsch einschätzt, sind, zumindest aus spirealistischer Sicht, unübersehbar. Man denke an den allgegenwärtigen Anthropozentrismus, die seltsame Annahme Krone der Schöpfung zu sein und Krone des Geistigen gar. Das Nichtwahrnehmen der den Menschen umgebenden Rätselhaftigkeit, so dass er auf den Gedanken kommen kann, es gäbe erstens eindeutige Objekte, und zweitens habe er, der Mensch, diese völlig begriffen u.v.m.. Warum sollte eine Spezies, die glaubt, es gelte in tausenden Lichtjahren Entfernung nach intelligentem Leben zu suchen, die aber nicht in der Lage ist mit den Tieren vor Ort zu kommunizieren, viel von Bewusstsein verstehen? Eine Spezies, die sich selbst nicht erkennt (Stichwort Selbstentfremdung), die die Spezialwissenschaft der Psychologie und die Geheimwissenschaft der Spiritualität benötigt um ihr zu sagen, dass eine spezifische Sichtweise „auf die“ Welt eine spezifische Welt hervorbringt?

Also noch einmal: was ist ein Buch, das nicht gelesen wird? Was ist ein Baum, der nicht gesehen wird? Ist ein Sonnenuntergang schön, den niemand sieht? Ist ein Sonnenuntergang rot, den niemand sieht? Was ist ein Sonnenuntergang, der nicht gesehen wird? Ist es überhaupt ein Sonnenuntergang?

Nein. Der Sonnenuntergang kommt, wie jeder Gedanke, zu Stande als eine Relation. Eine Relation zwischen 2 Instanzen. Die eine Instanz sind wir selbst, als Gedanke der uns umgebenden Schöpfung. Die andere Instanz ist das, was wir als Sonnenuntergang sehen, ebenfalls ein Gedanke der Schöpfung. Daher verwende ich oft den Satz, der Mensch sei Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter.

Er kann also nicht sagen, was ein Sonnenuntergang jenseits seines Begreifens ist. Als spezifisches Element kann er nicht zugleich anderes spezifisches Element sein. Das SEIN des Menschen und sein Begreifen sind eins. Er kann aber verstehen, zumindest mit Hilfe des Spirealismus, dass eine völlig andere Perspektive möglich ist.

Kosmos und Universum

Der Kosmos, das ist Ordnung (Kosmos griech. für „die Ordnung“). Die Ordnung, die wir überall sehen, indem die Dinge aufeinander bezogen sind, und das Eine das Andere begründet.

Die Unterscheidung zwischen dem Kosmos dieses Verständnisses, und dem Begriff Universum ist, dass dem Wort Kosmos die Unbestimmtheit, die Nicht-Notwendigkeit innewohnt. Der Kosmos ist die Unendlichkeit des Nichts, ein Raum der Möglichkeiten. Um erlebt zu werden (SEIN) muss der Kosmos eine Ordnung sein. Welche Ordnung das ist, ist für das SEIN unerheblich.

Im Gegensatz dazu schließt der Begriff „Universum“ den Gedanken ein, das Universum sei in einer ganz bestimmten Weise da (=Vorhandensein; =SEIN). Denn das Universum ist dem Wortsinn nach ALLES WAS IST, also das SEIN. Und unsere gängige Vorstellung von dem was IST, also dem SEIN, ist eben, dass wir glauben, alles sei eindeutig „da“ oder auch „nicht da“. Wir meinen, alles das, was wirklich da sei, gäbe es in eindeutiger und objektiver Weise, woran sich wieder endlose Streitereien anschließen über das, was wir „wirklich“ nennen und was uns die Realität sein soll. Und dieses Missverstehen der Realität als eindeutig und starr führt zu dem merkwürdigen Gedanken, das Universum sei nicht anders denkbar als gerade wir Menschen es uns denken, denn es beruhe auf einem nicht änderbaren Geflecht objektiver Wirkbeziehungen (Kausalität), die wir erkannt hätten.

Die angesprochene Merkwürdigkeit liegt allein schon darin, dass es ja keine zwei selben Meinungen darüber gibt, was das Universum ist, und dass gleichzeitig, sollte dahingehend Einigkeit angestrebt werden, dies den Charakter einer Abstimmung hat. Das Ziel dieser Abstimmung ist aber gerade Übereinstimmung, nicht aber das Benennen vorhandener Paradoxien (unauflösbarer Widersprüche). Es handelt sich somit nicht um einen „völlig freien Austausch“ unterschiedlichster Ansichten die eigentlich nichts miteinander zu tun hätten, wie der Mensch stets meint. Sondern diese vermeintlichen Einzel-Ansichten haben sehr, sehr viel miteinander zu tun. Mehr noch: sie wären ohne einander ganz unwahrscheinlich!


Die Sicht des Spirealismus ist hingegen, dass Relativität das Wirkprinzip des Kosmos ist. Das SEIN als ein, wenn man so will, „schwingendes“ Geflecht. Als Element dieses Geflechtes verdinglicht der Mensch die Relation, durch ihn wird sie zu (s)einer Wirklichkeit. Dem Menschen mag es so erscheinen, als gäbe es nur eine Wirklichkeit, nämlich „die“ Wirklichkeit. Doch genau bedacht ist es absurd anzunehmen, die Wirklichkeit könne nur jene sein, die der Mensch selbst sieht.

Diese Absurdität kann ein Mensch eigentlich sehr schnell begreifen, sobald er es lernt, sich selbst wahrzunehmen. Sobald er den Blick abwendet von den ach so selbstverständlichen „objektiven“ Objekten seines vermeintlichen Außen, und sobald er lernt, die Entstehung der Objekte in sich selbst wahrzunehmen.

Ich-Universum

Ich möchte noch kurz zu dem Begriff „Ich-Universum“ etwas sagen und kurz erklären, warum Ich-Universum ein zentraler Begriff des Spirealismus ist.

1.

Universum ist die verdinglicht-feste Ordnung des Kosmos aus der Sicht des Menschen. Das Universum ist der Kosmos in der menschlich-spezifischen Form, sozusagen. Es repräsentiert das SEIN des Menschen.

Während Kosmos wie gesagt der Gedanke an eine Ordnung allgemeinster Art ist.

2.

Das Ich als Universum. Das Ich ist ein Universum, denn es beinhaltet alle Dinge UND auch das Ich. Kann es das Ich auch ohne Universum geben? Nein. Kann es ein spezifisches Universum ohne Ich geben? Nein. Kann es schließlich ein Universum geben, das nicht spezifisch ist? Nein, denn unsere Vorstellung des SEINs ist ja gerade, es sei spezifisch und fest. Man könnte auch sagen, dass es eine Vorstellung, die ohne einen bestimmten (spezifischen) Gegenstand auskommt, nicht gibt.

Das Ich kann nicht ohne die Dinge sein, die es umgeben, denn es ist selbst nur Relation. Dasselbe gilt für die Dinge.

Das Universum als ALLES WAS IST ist aus jeder menschlich-spezifischen Sicht etwas Individuelles. So, wie sich der Mensch ja als Individuum sieht: einzigartig. Es gibt, so gesehen, keine zwei selben Universen, so wie es keine zwei gleichen Ichs gibt.

Das Ganze leitet sich aus dem spirealistischen Grundgedanken ab, dass die Dinge nichts anderes sein können, als das, was man sich darunter vorstellt. Das gilt für das „Ding“ Universum auch. Wenn also das Universum alles ist, was ist, also das gesamte SEIN, dann übersetzt der Spirealismus das mit: Das Universum, das sind alle Vorstellungen, die man hat.

3.

Das Universum als Ich. Wie kommt ein Ich zustande? Offenbar als die die Summe der Dinge, die dem Ich sind. Wieder sein spezifisches SEIN.

Die kosmische Perspektive verdinglicht die stets wechselnden Relationen. Weil der Kosmos Ordnung ist, benötigt er den Zusammenhang: eine Perspektive ist Relation, ist Zusammenhang. So wird der Kosmos, der im Eigentlichen keine Form haben mag, dem Menschen zu ETWAS.

Die Perspektive erschafft Dinge. Verdinglichung IST Perspektive. Warum? Weil ein Ding immer etwas Spezifisches ist, etwas Konkretes, etwas im Moment Gefangenes. Als Kontrast dazu mag man sich die völlige Freiheit der Formlosigkeit vorstellen. Ein Ding muss in einer konkreten Weise wahr werden …  wahr genommen werden.

Auch das Ich ist so gesehen eine Verdinglichung von Perspektive, also nichts Außergewöhnliches. Als konkret werdende kosmische Relation, als Gedanke des umfassenden Geistes, ist eine Perspektive (Ich) etwas sehr Allgegenwärtiges.


Warum also ist der Begriff Ich-Universum so notwendig für den Spirealismus?

Weil die materialistische Sprache wenig geeignet ist, eine andere Logik zu verdeutlichen als die eigene. Den Zusammenhang zwischen Ich und Universum gibt es beispielsweise in der normalen materialistischen Sichtweise nicht, für den Spirealismus hingegen ist es eine wichtige Denkvoraussetzung. Meine eigene Erfahrung ist, dass man kaum über das normal-materialistische Denken hinauskommt, wenn man nicht bestimmte geistige Haltepunkte setzt, z.B. in Form von Worten.

 

 

 

Objekthaftes Denken

Ich habe lange überlegt, wie ich einen Begriff erläutern kann, der sehr wichtig und grundsätzlich für den Spirealismus ist.

Der Begriff heißt „objekthaftes Denken“; ich erwähnte ihn bereits in „Alles ist Geist“. Dieser Begriff hat sich für mich weiterentwickelt, und er repräsentiert heute für mich das Wunder des Geistigen schlechthin.

„Objekthaftes Denken“ – das ist Frage und Antwort zugleich.

Hat man einmal verstanden, dass es die materielle Außenwelt als separat von Geist existierend nicht gibt, stellt sich natürlich die Frage, wie denn nun diese Welt, die wir doch scheinbar so eindeutig vor uns sehen, zustande kommt?

Die Frage nach dem Zustandekommen des Kosmos (der Ordnung) steckt in dem Begriff „objekthaftes Denken“.

Der Begriff fragt: Wie kommt es, dass wir dort, wo keine materiellen Objekte (jenseits von Geist) sind, dennoch Objekte sehen?

Und der Begriff gibt die Antwort: Weil wir objekthaft denken.

Der Begriff objekthaftes Denken ist damit sozusagen der Name für ein Rätsel, ein nicht weiter hinterfragbares Phänomen. Es ist einfach so.

Wo kann man Objekthaftes Denken beobachten?

Dem Materialisten wird der Gedanke recht fremd sein. Warum gibt es Objekte? Er sagt: Weil sie da sind! Nichts einfacher als das. Die Antwort steckt schon in der Frage: Warum gibt (das SEIN) es Objekte? Weil sie „da“ sind (das Sein). Noch einmal die Frage des Spirealisten: „Warum sehen wir Objekte, obwohl sie (im materialistischen Sinn, also jenseits von Geist) nicht da sind?“

 

Wie also kann ich das Phänomen des objekthaften Denkens beschreiben, seine Gründe und Folgen?

Ich möchte das Phänomen des objekthaften Denkens an verschiedenen Beispielen zeigen. Im Grunde ist objekthaftes Denken ein Wunder, es ist letztlich nicht erklärbar. Dieses Wunder sehen zu können, darum nur kann es dem Spirealismus gehen. Das Wunder kann eigentlich jeder Einzelne sofort an seinem eigenen Denken feststellen.

1

Man denke an irgendetwas, ein Objekt. Man stelle es sich vor. Es kann ein Ding sein, das man im Außen kennt, wie ein Baum etwa. Es kann aber auch ein fiktives Objekt sein, etwas völlig Ausgedachtes. Im Grunde ist doch alles im Geist. Der materiellste Gegenstand verliert doch im Moment, in dem ich den Blick von ihm wende, seine allein materielle Existenz, und existiert (mindestens jetzt!) im Geist. Und die Grenzen zwischen Phänomen und Noumenon, die die Philosophie seit Jahrtausenden zu definieren sucht, verwischen.

Mit dem ersten Gedanken an dieses Objekt meint man, das Objekt völlig zu erfassen. Da ist es! Es steht vor dem geistigen Auge. Wenn man jedoch die Gedanken darauf ruhen lässt, wird es detaillierter und detaillierter. Es gewinnt an Information, einfach so. Es lässt sich aufteilen, der Baum lässt sich in hunderterlei Aspekten untersuchen. Plötzlich sieht man die Risse in der Baumrinde vor sich, ein Käfer krabbelt da. Und in jedem Moment glaubt man, völlig verstanden zu haben, was man da vor sich sieht. Jeweils abgeschlossene Objekte.

Man sieht auf diese Weise, dass das Denken endlos in Objekte „hineinzoomen“ kann – die Integrität der Objekte, die wir gewöhnlich als in sich völlig erklärlich und abgeschlossen ansehen, löst sich somit auf. Siehe auch Punkt 10. Das objekthafte Denken äußert sich nun darin, dass trotz dieses Sich-Auflösens man in jedem Moment glaubt abgeschlossene Objekte „vor sich“ (jenseits des Geistigen) zu haben.

2

Das vorgenannte Wunder lässt sich in das Paradox von Englands Küste transformieren. Ich hatte es mehrmals besprochen, z.B. hier. In einem Satz beschrieben: Es ist ein (scheinbar) mathematisches Spezialproblem: Die Küste Englands wird umso länger, je genauer man sie berechnet. Und zwar übrigens genau dann, wenn man sich dieses Objekt so vorstellt, dass dessen Grenze aus anderen Objekten besteht, im Beispiel von Englands Küste aus Buchten, diese wieder aus Kieselsteinen. Und die Kieselsteine setzen sich wiederum aus Teilen von Steinen zusammen, etc..

(Wenn man jedoch ein abstraktes Objekt annimmt, dessen Grenze nicht aus Teilen besteht, sondern immer Null ist, dessen Umfangs sozusagen aus lauter Punkten besteht mit der Größe Null, wie zum Beispiel bei einem gedachten Kreis, dessen Länge man mit Hilfe einer mathematischen Formel berechnet, dann gilt das nicht. Man bedenke dabei aber, dass es solche abstrakten Objekte in unserer menschlichen Wirklichkeit eigentlich gar nicht gibt! Es gibt kein Ding mit dem Radius und der Oberfläche Null. Ebenso wenig gibt es ein Ding ohne Eigenschaften.).

Das Beispiel „Englands Küste“ ist kein mathematischer Sonderfall, sondern gilt für jedes Objekt. Eigentlich ist es auch kein mathematisches Problem, sondern ein philosophisches. Alles wird umso inhaltsreicher, detaillierter, anders, je länger man darüber nachdenkt. Jeder Stuhl, jedes Ei, jedes ausgedachte Science-Fiction-Land. Jeder Gedanke – siehe Punkt 1. Und es zeigt, dass, obwohl die Objekte keine abgeschlossenen Objekte sind, die in Form und z.B. Umfang letztendlich bestimmbar sind, man immer glaubt, abgeschlossene Objekte jenseits des Geistigen vor sich zu haben.

Alles ist Geist bedeutet schließlich, dass das, was wir als unser Außen sehen, ebenfalls Geist ist. Und die Phänomene des Geistigen, insbesondere natürlich das Phänomen des objekthaften Denkens, lassen sich letztlich überall zeigen.

3

Genau dasselbe können wir auf das Objekt des Ich anwenden. Das Ich (-Universum) hat eine geradezu unendliche, uns unbegreifliche Tiefe. Man denke an die rätselhaften Begriffe Seele, Gott, etc., die damit im Zusammenhang stehen. Ich spreche jetzt übrigens nicht über etwas ganz Abstraktes, sondern über das Ich des Lesers – er möge bitte an sich selbst prüfen.

Einerseits ist das Ich „da“. Das ist der Aspekt des objekthaften Denkens. Alles scheint erklärlich zu sein. Da ist ein Objekt: Ein Ich! Mia san doch mia, oda net? Ich kenne mich doch selbst!! Andererseits ist gerade das Ich letztlich unbeschreiblich, unerklärlich, rätselhaft, in seiner Tiefe paradox.

Was dem materialistischen Denker entgeht, ist die Beobachtung, dass jeder Gedanke kreativ ist, und die Tiefe des Körpers vergrößert, auf den er sich richtet. Das bedeutet: Aus spirealistischer Sicht hat das Ich nicht von vornherein eine Tiefe, sondern es gewinnt sie, durch jeden Gedanken. Und das ist im wahrsten Sinn des Wortes Unendlichkeit. Die Unendlichkeit – sie entsteht durch die Kreativität der Gedanken!

Die Annahme, da wäre in jedem Moment ein in sich abgeschlossenes Objekt, das ist das Wesen des objekthaften Denkens.

4

Ich hatte im vorigen Abschnitt vom Ich-Universum gesprochen. Und es gibt, so viel weiß der Leser sicherlich, jene hermetischen Grundsätze, die insbesondere dem Spirealismus wichtig sind: Wie oben so unten. Wie innen so außen. Alles ist Geist. Das bedeutet: Alles unterliegt den Grundprinzipien des Geistigen.

Was wir über das Ich-Universum sagten, gilt genauso für das Universum des Außen. Und umgekehrt, denn im Grunde ist „das Universum“ nichts anderes als ein Ich.

Je länger wir unsere Gedanken auf den Raum richten (übersetzt: je tiefer wir in den Welt-Raum hineinschauen, je genauer wir auch den Mikrokosmos untersuchen), desto tiefer wird er. Ein Ende können wir nicht erreichen. Er ist unendlich, sowohl in der Richtung der Verkleinerung wie auch der Vergrößerung. Dennoch erscheint uns der Raum stets als endlich. Als abgeschlossenes Objekt. Es ist DER Weltraum – ein Objekt, oder nicht? Es ist DER Mikrokosmos – ein Objekt mit endlichem Raum darin … oder nicht?

5

Objekthaftes Denken, bezogen auf das Ich-Universum, könnte man auch in Folgendem sehen: Der eigentlich paradoxen Sichtweise auf das Selbst, das stets geschlossen, vollständig und rund wirkt.

Vermisst das Kleinkind an seinem Ich-Universum etwas? Nein. Vermisst der Dumme gegenüber dem Klugen irgendetwas? Nein. Was weiß man darüber, was man nicht weiß? Eben: Nichts! Ich hatte dies oft als die paradoxe Sichtweise des Materialismus auf das Nichts thematisiert. Das Nichts erscheint dem materialistischen Denker dem Sinn nach wie die Abwesenheit von Etwas, somit verdinglicht, und somit eingrenzbar. Doch, das Nichts ist nicht verdinglichbar, denn es ist nicht eingrenzbar. Das Nichts ist daher nicht wenig, sondern sehr viel. Anders gesagt: Das Nichts ist nicht die Null unseres materialistischen Weltverständnisses.

Zurück zum Ich … Immer glauben wir ein vollständiges Objekt vor uns zu haben: ein Ich. Was mangelt dem Ich? Nichts. Doch, und das ist das Faszinierende: In dieses Ich kann man hineinzoomen – wie in die Unendlichkeit des Weltalls. Man findet darin kein Ende. Da, wo vorher wenig war, ist plötzlich mehr! Aus sich selbst heraus! DAS ist die Verbindung zur Unendlichkeit.

Wenn jetzt etwas wegfiele, dann könnte man sagen, dass es mangelt. Aber – wie groß sind die Bereiche, die nie „da“ waren? Wie viel ist das, was man nie begriff? Unendlich groß, nicht bezifferbar, riesig. Nicht klein. Nicht Null.

5 a)

Die vollständige Rundheit des Bewusstseins und die damit einhergehende Vermutung, dass es außerhalb dessen nichts Vernünfiges geben könne (Paradoxie des Nichts), finden wir wieder im Anthropozentrismus, also der stetigen Annahme des Menschen, Dreh- und Angelpunkt aller vorstellbarer Welten zu sein. Wobei „alle vorstellbaren Welten“ natürlich nur die Welten der dem Menschen eigenen Vorstellungen sind. Auch hier sehen wir wieder „die Menschheit“ als abgeschlossenes Objekt, das ganz eigenständig denken kann; und nur auf diese Weise kann es schließlich sein, dass sich die Menschheit als völlig von der sie umgebenden Natur abgehoben sieht – aus der Sicht des Menschen sogar: hervorgehoben.

Was natürlich nicht der Fall ist. Die Phantasien des Menschen verschmelzen mit denen der Natur und sind von diesen nicht unabhängig vorstellbar, ebenso wenig wie das Denken des Einzelnen in sich abgeschlossen ist und unabhängig von den Gedanken des Anderen wäre. ( als ein Stichwort seien hier „Archetypen des Unterbewussten“ genannt.)

6

Wir finden objekthaftes Denken in einem Phänomen, das man ebenso gut als Oberflächlichkeit beschreiben könnte. Es ist der materialistische Glaube, dass Worte in sich abgeschlossene Bedeutungsentitäten sind. Das sind sie in Wirklichkeit nicht. Jedoch suggeriert eben das die materialistische Weltanschauung, indem sie davon ausgeht, dass Worte die bestmögliche Beschreibung für feststehende „Objekte des Außen“ sind, die ihrerseits Sinn und festes Sein in die Welt hineinbringen.

Dem Spirealisten hingegen, der vom Nichtvorhandensein solcher Objekte ausgeht, ist völlig klar, dass Worte nie zu trennen sind, von der Vorstellung, von der Phantasie, von der Imagination, die bei ihrem Gebrauch auftreten. Und dass Worte daher von Mensch zu Mensch verschieden aufgefasst werden müssen. Sie können also niemals genau dasselbe bezeichnen, wenn sie verschieden aufgefasst werden.

Ein Beispiel: Neulich sah ich im Fernsehen eine Diskussion. Ein Professor erklärte, die Nationalsozialisten (Nazis) seien in Wirklichkeit Linke gewesen, nicht Rechte des heutigen Verständnisses. Die Moderatorin sagte, man wolle sich nicht in Detailfragen verlieren, das sei nebensächlich(!). Sondern man wisse ja, was gemeint sei, wenn man „Nazi“ sage: Die Braunen eben. So als ob das nun mehr erkläre.

Nun sagt der Spirealismus: Nein, das weiß „man“ nicht. Niemals ist irgendeine Sache zu trennen von dem Verständnis, das man für sie hat. Daher lohnt es sich, das Verständnis zu hinterfragen. Es lohnt sich, über Worte und ihre Bedeutungen nachzudenken, insbesondere solange man den Menschen als eine Art Könner des Geistigen ansieht.

An Worte orthodox zu glauben in dem Sinn, sie hätten eine in ihnen liegende Bedeutung, die jeder sehen würde, sehen müsse – dieser Glaube macht es scheinbar überflüssig, Worte zu hinterfragen, ihren Sinngehalt zu prüfen. Dieser orthodoxe Glaube an Worte ist leider sehr verbreitet, auch bei Leuten, die man vielleicht für klug halten möchte, wie man sieht. Und man kann eine solche Aussage wiederum nur an ein Publikum richten, welches das ebenfalls glaubt. Der Glaube an die Eindeutigkeit von Worten ist ebenso verbreitet wie die materialistische Weltanschauung mit ihrem Glauben an die Eindeutigkeit der Objekte.

Das objekthafte Denken macht es zu einer scheinbaren Selbstverständlichkeit, stets an ein völliges Wortverständnis zu glauben, egal wie wenig Substanz dieses Verständnis in Wirklichkeit beinhaltet.

7

Weiter zu objekthaftem Denken als die Vorstellung stets abgeschlossener Objekte, bezogen auf Worte und Sprache ….

das ist etwas, an dessen Widersprüchlichkeit sich ganze Generationen von Wissenschaftlern und Philosophen abgearbeitet haben.

Man denke an Wittgenstein und seine Frage nach der Übersetzbarkeit von Text von einer Sprache in die andere. Dem Spirealisten ist klar, dass jedes Wort im Bewusstsein verschiedener Menschen verschiedene Phantasien auslöst. Und auf die Vorstellungen kommt es dem Spirealismus an! Denn er sagt: Was wohl anderes können die Dinge sein, wenn nicht unsere Vorstellungen von ihnen?

Wem das aber nicht klar ist, der fragt sich, so wie Wittgenstein, wie man das Wort „übersetzen“ denn wohl verstehen dürfe, wenn es nicht eine 1:1 Gleichung sei? Dem folgt als logische nächste Frage, wie denn wohl die Abweichung zu quantifizieren sei? Wie kann man sie bemessen? Und … man begibt sich ins Reich des Irrationalen, des Nicht-enden-wollenden-Grübelns. Nicht enden wollend, weil: Man kann nicht die Vorstellungen im Kopf eines anderen bemessen, wenn ein Wort gebraucht wird. Und über Vorstellungen reden wir letztendlich … Die Welt als Vorstellung einer Welt.

Man denke auch an Sokrates und seine Gespräche über die einfachsten Worte, die stets in einer unerklärlichen Rätselhaftigkeit endeten.

Wenn ich hier von Irrationalität spreche, so sage ich das in aller Achtung, denn am Ende ist es tatsächlich so: Es ist irrational, es ist nicht zu ergrübeln. Wie gesagt: die Abweichungen sind nicht ermittelbar. Das Ding „an sich“ (Kant) ist nicht zu ergrübeln.

 

 

Das ist letztlich dieses Paradox, das ich „objekthaftes Denken“ nenne, und das mir zugleich Frage und Antwort ist. Es ist die Beschreibung einer fundamentalen Tatsache.

Im Spirealismus nenne ich das Phänomen des objekthaften Denkens übrigens auch die „semantische Natur der Dinge“, wodurch die Einheit von Wort und Vorstellung von einem Ding gekennzeichnet wird. Die „semantische Natur der Dinge“ ist es, dass, auch wenn wir glauben die Dinge seien in sich abgeschlossen, sie es nicht sind.  Vielmehr sind die Dinge, ebenso wie die Worte, Vorstellungen – und damit, wie Semantik – eine sich im Unendlichen verlierende Kette von Sinn-Relationen.

8

Das Vorgenannte wiederum könnte man transformieren in die letztlich unzutreffende Annahme, dass jemand, ein Wort gebrauchend, eine ganz bestimmte Vorstellung in jemand anderem auslösen kann, und zwar genau die, die er selbst hat.

Und umgekehrt ebenso: Die Vorstellung, dass jemand, wenn er spricht, dieselbe Vorstellung im Kopf habe wie man selbst.

Ich besprach das bereits unter Punkt 6 – der schlichte Glaube an stets abgeschlossene Objekte, an eine in sich geschlossene Wahrheit, an Worte die einen selbstverständlichen Sinn einschließen, etc., etc.. Man könnte das auch als eine Oberflächlichkeit sehen.

9

Einstein, der Finder von Relativität in Entitäten, deren grundsätzliches, eigenständiges, völlig ungestörtes VORHANDENSEIN vorher als sicheres Wissen galt, wurde einmal gefragt, was man denn machen solle, wenn sich die verbliebenen festen Entitäten ebenfalls als relativ herausstellten? Beispielsweise die Lichtgeschwindigkeit?

Pragmatiker, der er war, sagte er, dann müsse man etwas anderes finden, das man als statisch und gegeben ansehe.

Das ist objekthaftes Denken. Was anderes können wir tun, als Dinge sehen? Scheinbar in sich abgeschlossene Entitäten? Wenn wir keine 1 zum Rechnen hätten, mit welchen Zahlen könnten wir rechnen?

Nikola Tesla sagte einmal: „Wenn Du die Geheimnisse des Universums finden willst, dann denke in Formen von Energie, Frequenzen und Schwingungen.“ Das finde ich richtig. Diese Energie, Frequenzen und Schwingungen lassen ein Bild von sich stets ändernder Relativität entstehen, was die Sichtweise des Spirealismus ist. Und die große Frage ist aus meiner Sicht, inwieweit es dem Menschen überhaupt möglich ist, den Zustand einer Welt als etwas anderes als den Schnittpunkt von Energie, Frequenzen und Schwingungen in einem Moment festzustellen?? Kann man die Welt anders sehen, als objekthaft?

Ich denke, es ist nicht möglich. Denn, dass die Welt alles ist, oder alles sein könnte – das ist unkonkret. Es ist keine Antwort auf irgendeine Frage. Das ist letztlich keine Welt. Daher muss die Welt konkret sein, und sie wird durch uns konkret. Der Mensch als Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter.

Jedoch kann man den hier dargestellten Zusammenhang feststellen, ihn verstehen und nutzen. Und das ist eine Frage der Weltanschauung.

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Man denke an die Frage der alten Griechen nach dem Atom – ich sehe das als ein Phänomen des objekthaften Denkens. Wie kam man darauf, es müsse ein Atom geben, also eine nicht weiter spaltbare Entität, aus der sich die Natur aufbaut?

Das kommt daher, dass man feste Dinge des Außen sieht, in sich geschlossene Objekte. Und man nimmt von diesen Objekten sicher an, dass sie sich wiederum aus ganz festen und bestimmbaren Teilen zusammensetzen.

Wenn man nun dieses Teilen und Wiederteilen in alle Ewigkeit fortführte, dann würde man doch auf nichts Bestimmtes treffen können, nicht wahr? Endlosigkeit heißt so gesehen: Namenlosigkeit. Verschwommenheit, Nicht-Objekthaftigkeit. Doch, die Welt, so scheint es uns, besteht doch aus bestimmbaren Dingen, aus Objekten! Das ist doch das Wesen des objekthaften Denkens!

Also muss all das Teilen irgendwo ein Ende haben. Man nannte es Atom – das nicht weiter spaltbare Element, aus dem die Dinge sind. Und man stellt heute fest: das Atom ist teilbar, so wie der Gedanke (Punkt 1), so wie die Wellen und die Energie des Nicola Tesla, die letztendlich keine festgefügte Form haben.

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„Das Teilen muss ein Ende haben“ – auch das ist ein Aspekt des objekthaften Denkens. Alles muss ein Ende haben. Alles muss einen Anfang haben. Man denke an unsere eingrenzende Auffassung von Leben als die Mitte von Geburt (Anfang) und Tod (Ende). Alles sehen wir als bestimmbar, als eindeutig, als eingrenzbar. Das ist objekthaftes Denken. Und doch ahnen wir, dass wir hier nur einen Aspekt sehen können. Denn in uns sind die Grenzen, die wir im Außen als gegeben annehmen, im Detail aber vergeblich suchen. Durch uns entstehen sie.

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Genau dasselbe Paradox des Mikrokosmos mit seinen angenommenen Atomen begegnet uns übrigens im Makrokosmos – in der Unendlichkeit des Weltalls unter der gleichzeitigen Annahme, beim Weltall handele sich um eine in sich abgeschlossene Entität, woraus dann wieder die erfolglose Unterscheidung folgen soll zwischen Dingen die es gibt, und anderen, die es nicht gibt.

Es geht hier also um den von mir oft besprochenen Existenzbegriff (Sein) des Materialismus, der zu den paradoxesten Annahmen führt (weshalb er vom Spirealismus negiert wird).

(Wir erinnern uns an die paradoxe Frage nach der Anzahl Romane schreibender Affen in einem unendlichen Weltall. Kann es sie geben? Aber ja, sofern die Wahrscheinlichkeit für einen Affen, der auf einer Schreibmaschine Tasten drückt, über Null ist. In einem unendlichen Weltall muss die Anzahl maschineschreibender Affen unendlich sein, und es gilt dann als sichere Annahme, dass dabei auch einmal ein guter Roman herauskommen muss. Oder vielleicht die Bibel …. ).

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Wir brauchen aber nicht unbedingt in die Tiefen des Makro- oder Mikrokosmos zu gehen, und damit in etwas scheinbar sehr Fernliegendes, um dieses Paradox anzutreffen, sondern wir können jedes Ding ansehen. Ich verweise insofern wieder auf Punkt 2.

Grundsätzliche Überlegung

Aus dem Vorgenannten ergibt sich für mich ein Grundprinzip des Denkens, das in Einklang steht mit uralten religiösen und auch esoterischen Motiven. Mit Esoterik meine ich übrigens nicht die Profession der Wahrsager und Heilsbringer, sondern Esoterik als „Geheim“-Wissenschaft, letztlich eine Art metaphysische Philosophie.

Es geht um ein Grundprinzip des Denkens, das jeder an sich beobachten kann.

Das Grundprinzip des Denkens nenne ich die Eigenschaft, dass das Denken den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Einen und dem Anderen konstruiert, und dadurch Entitäten erschafft. Das ist das Grundprinzip des objekthaften Denkens. Es geht um die Bildung eines Unterschiedes. Ohne den Unterschied keine Objekte. Es scheint so, als seien die Objekte in sich abgeschlossen und voneinander getrennt. Aber, wenn ich sage, dass die Objekte nur durch den Unterschied SEIN können, so sieht man schon, dass die Objekte einander bedingen, und keineswegs voneinander getrennt sind.

Als Symbol kennen wir das: Es ist die Einheit und zugleich Verschiedenheit von Yin und Yang.

Man kann es auch als die Einheit und den gleichzeitigen Kampf von Gegensätzen bezeichnen (Hegel).

Es handelt sich auch um das Verhältnis des Teiles zum Ganzen (Heisenberg). Denn, wenn es um das Wesen der Objekte geht, dann geht es natürlich auch darum, wie diese sich bilden, und damit um die Frage des Aufbaus den Einen durch das Andere.


Yin und Yang [SPID 4000]

Wie im Yin Yang Symbol ist die Welt im Wesen rund, denn sie ist nur erfahrbar aus der Sicht eines Elementes (Bewusstsein, Ich, Ich-Universum) das sich stets in der zentralen Position glaubt. Um das Element herum entfaltet sich der Raum.

Das Ganze besteht aus untrennbaren Gegensätzen, in diesem Fall Yin und Yang genannt. Das Besondere an diesem Symbol ist die Weisheit der Untrennbarkeit, die darin liegt. Yin und Yang erscheinen wie absolute Gegensätze, wie schwarz und weiß, die einander widerstreben. Und sie widerstreben tatsächlich, sie kämpfen, sie hadern; definieren sich aber auch gegenseitig, und zwar durch einander. Sie definieren sich als der Unterschied. Daher können sie ohne einander nicht sein! Sie lieben sich auch: Sie nähern sich scheinbar immerfort einander an. Sie sind sich nahe, auch wenn man glaubt, es seien die größten Gegensätze.

Yin und Yang sind die Ergebnisse des objekthaften Denkens. Und auch das Ganze wird wiederum als Objekt aufgefasst (man denke an DIE Welt, DAS Weltall)

Es sind eben eigentlich keine abgeschlossenen Entitäten, sondern einander bedingende. Weil sie sich bedingen, ändern sie sich stetig, sind also keineswegs fest. Auch dieses Zerfließende drückt das Yin-Yang Symbol aus. Wir denken wieder an Nicola Tesla und seine Energie, Frequenzen, Schwingungen. Ohne Yin kein Yang. Ohne Yang kein Ying. Ohne Yin und Yang keine Welt.

 

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]

Die Dinge be-Dingen einander. Kein Ganzes ohne Teile, keine Teile ohne Ganzes. Daher sind die Teile nie völlig durch sich selbst definiert, wie es der Materialismus glaubt. Es gibt nichts Einzelnes! Denn: Ohne das Eine kann das Andere nicht sein.

Ganz wie beim Ouroboros, ebenfalls ein Symbol für das Wesen der Welt. Man beachte seine Rundheit, ebenso Zeichen für das Göttliche wie das Yin-Yang Symbol. Der Ouroboros nährt sich selbst, indem er seinen eigenen Schwanz auffrisst. Ohne Ouroboros keine Nahrung. Ohne Nahrung kein gefräßiger Kopf. Ohne Nahrung und Kopf kein Ouroboros.

Die Welt ensteht aus sich heraus – das nicht weiter erklärbare Prinzip der Objekthaftigkeit. Die Objekte wirken einerseits völlig erklärlich und eben „da“, sind es aber nicht. Sie bedingen einander und können aus sich heraus immer neu, immer anders, entstehen. Und: kann es einen Ouroboros geben, der nur den fressenden Kopf hat, aber keine Nahrung? Was ist überhaupt etwas, das keinen Körper, keinen Gegenstand hätte? Kann es das Ganze geben, wenn keine Teile darin sind? Kann es Teile geben, ohne dass sie ein Ganzes bilden? Kann es Raum geben ohne Sterne? Etc. etc..

So sind die Teile nie völlig eigenständige Objekte, die das Ganze bilden, und das Ganze hängt nicht in eindimensional schlüssiger Weise von den Teilen ab. Auch wenn das die gängige Art und Weise unseres Denkens, unserer Logik ist.

Man denke beispielsweise an eine Mauer – wird sie denn nicht von Mauersteinen gebildet? Ja und nein – es ist eine Frage der Sichtweise. Eine Mauer erklärt sich nicht einfach als die Summe von Ziegelsteinen. Sondern, sie ist (auch) etwas grundsätzlich anderes. Anders als ein Ziegelstein kann eine Mauer jemanden daran hindern, ein Grundstück zu betreten. Und umgekehrt: eine Mauer kann man nicht fallen lassen oder damit werfen, ganz anders als bei einem Ziegelstein.


Dass wir Objekte sehen, das ist objekthaftes Denken. Und Denken ist alles, denn alles ist Geist. Alles unterliegt dem Prinzip des Geistigen.

Dass wir glauben, die Objekte die wir sehen seien in eindeutiger Art und Weise in sich definiert, dass sie unabhängig von Geist vorhanden seien, das ist noch etwas anderes. Das ist Materialismus.

Materialismus kann man überwinden, beispielsweise indem man sich des objekthaften Denkens bewusst wird. Das objekthafte Denken kann man nicht überwinden.

Den Begriff „objekthaftes Denken“ zu verstehen entspricht der Wahrnehmung, dass die Wirklichkeit aus und durch uns hindurch „fließt“. Dass die Objekte keine unverrückbar in sich ruhende Logik bergen, sondern auf zerrinnende Weise mannigfach sind; bis in die Unendlichkeit, bis ins Nichts.

Der Zufall als Element kreativer Programme

Ich hatte in den Artikeln Über die Intelligenz einer Harke und Was hat Intelligenz mit Kreativität zu tun? mein Konzept zum Thema Intelligenz erörtert. Ich hatte den zwingenden Zusammenhang zwischen Intelligenz und Kreativität erörtert.

Intelligenz meinte ich als Eigenschaft eines beliebigen Wesens oder Dinges. Das mündet für mich in die Frage: Was verstehen wir überhaupt unter Intelligenz? Inwiefern ist die Natur intelligent? Wie würde man Intelligenz erkennen, angenommen man stünde einem Alien gegenüber? Was ist künstliche Intelligenz?

Ich nannte Intelligenz eine „sinnvolle Kommunikation„, Sinn nannte ich: „Bezug auf einen Bedeutungsraum„.

Ich kam zu dem Schluss, dass Intelligenz überall ist. Alles ist Geist. Die Natur ist in sich intelligent. Wir selbst sind, wenn man so will, die Gedanken in einer Schöpfung. Können wir Menschen, so gesehen, hervorgehoben intelligent sein? Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht intelligenter als die Schöpfung. Absurderweise sehen wir es genau umgekehrt. Und genau darin sehe ich unsere besondere Dummheit. Selig sind die geistig Armen, denn, wenn sie überhaupt wenige Ideen haben, dann kommen sie zumindest auf diese absurde Idee auch nicht.

Die Unterscheidung, die wir gewohnt sind zu machen: Hier sei Intelligenz, dort nicht, nenne ich eine Nuance. Durch uns kommt diese Nuance ins Entstehen. Die Natur selbst kennt keine Unterscheidung von intelligent/nicht intelligent. In der Natur ist alles neu. Und alles hat einen Bezug zueinander. Es ist ein Kosmos – Kosmos im Griechischen verstanden als eine Ordnung. Alles ist, so gesehen, intelligent. In allem ist Geist.

Die Möglichkeit, dass wir etwas zu sehen bekommen, das nicht im oben genannten Sinn intelligent ist, nenne ich null. Denn alles was wir sehen können, hat einen Bezug zu einem Bedeutungsraum – unserem. Es gewinnt also Sinn, indem es gesehen wird. Alles, was wir sehen, ist auch neu. Ist kreativ. Weil jeder Gedanke in uns einzigartig ist.


Ich hatte Intelligenz mit Kreativität in Verbindung gebracht. Warum? Weil Kreativität („das Erschaffende“), Neues entstehen lässt. Und insbesondere Intelligenz benötigen wir ja, damit sie im Ergebnis Neues und Sinnvolles hervorbringen kann. Prüfen wir das an der Umkehrung: Zum Nachplappern von Bekanntem benötigen wir keine Intelligenz – so verstehen wir Intelligenz nicht. Ein intelligenter Mensch wäre jemand, der uns verblüffend Neues (Kreativität) erzählt (Kommunikation). Etwas, das Sinn (Bezug zu unserem Bedeutungsraum) hat. Unser Bedeutungsraum: Die Welt.


Einschub: Was ist „neu“? Sagte ich nicht, alles sei „neu“?

Alles ist neu, weil jeder Gedanke einzigartig ist, das ist die spirealistische Sichtweise.

Der Materialismus macht aus Nuancen das Absolute. Das Objekthafte. DAS Neue. Man könnte „neu“ (als Nuance eines Überganges) auch so beschreiben: unähnlich dem Bedeutungsraum. Wenn jemand eine ganz neue Idee hat, so erscheint sie dem bekannten Bedeutungsraum erst einmal wenig zugehörig, sondern ungewohnt. Dieser Prozess währt kurz, dann ist das Ungewohnte gewohnt. Das ehemals Neue ist in den Bedeutungsraum integriert, es ist nun nicht mehr neu. Und der Bedeutungsraum hat sich auch verändert.

Bedeutungsraum“ ist übrigens nicht statisch gemeint, sondern ein sich mit jedem Gedanken ändernder „Raum“ von Bezügen (ich erinnere daran: alles ist Geist). Insofern ist der Bedeutungsraum ganz vergleichbar mit dem Weltraum, dessen Größe und Art ja ebenfalls schwankt, je nachdem, wie wir ihn verstehen.

Beispiel: Wenn wir Sterne in 15 Milliarden Lichtjahren Entfernung entdecken, wo wir vorher nur 14 Milliarden Lichtjahre weit sehen konnten, dann hat das Universum für uns eine Ausdehnung von 30 Milliarden Lichtjahren im Durchmesser, anders als vorher, mit 28 Milliarden. Der Materialist wird sagen: Aber nein, wir beobachten etwas, das statisch ist, nur unsere Auffassung von dieser Sache (dem Weltraum) ändert sich. Das ist eben der Unterschied der Weltanschauungen – der Materialist glaubt, er beobachte eine Welt außerhalb der Gedanken … der Spirealist glaubt das nicht.

Ist Programmieren eine mechanistische Tätigkeit?

Ich möchte ein wenig über das Programmieren sprechen. Denn uns fasziniert künstliche Intelligenz. Was ist das, was kann sie? Künstliche Intelligenz erwarten wir aus Computern (Rechnern). Rechner werden programmiert. Wie kann man ein Ding, das nur etwas ausrechnet, so programmieren, dass es intelligent wird?

Ich denke, dass der Prozess des Programmierens selbst geeignet ist, uns näher zu bringen, was das ist, Intelligenz. Oder auch Denken.

Ich hatte in dem Artikel Über die Intelligenz einer Harke gesagt, dass mich das Falschverstehen von Programmieren in einem Youtube-Video ärgerte. Es ging in diesem Video um künstliche Intelligenz.

Das Verständnis dieses kümmerlichen Videos war in etwa dieses: Programmieren, das wisse ja jeder, sei im Prinzip vorhersehbar. Der kluge Programmierer gibt den Programmablauf „in den Computer ein“, so dass dieser dann auf vorhersagbare Weise sein Programm „abspult“. Der Programmierer ist schließlich so klug, auf magische Weise ein Programm hervorzubringen, das ganz und gar denken kann. Und zwar selbst.

Man fragt sich natürlich sofort, wie denn, wenn alles nur ein-gegeben wird, hinterher mehr drin sein kann, als zuvor. Mehr als das, was man ein-gab?

Könnte ein Programm, das so mechanistisch programmiert wird, irgendetwas anderes enthalten, als einen Gedanken des Programmierers? So entsteht doch keine künstliche Intelligenz!

Nein, bereits die mechanistische Vorstellung von Programmieren ist falsch.

Hier muss glaube ich einiges erklärt werden.

Programmieren ist kreativ

Wenn man etwas programmiert, dann hat man eine Idee, einen Nutzen zu erzeugen. Mit Hilfe der Werkzeuge, die man im Prozess immer besser zu gebrauchen lernt, so wie man ein Handwerk erlernt, erzeugt man etwas. Es ist aber nicht vorhersehbar, wie genau das Programm schließlich funktioniert. Gerade wenn es komplex ist.

Sondern man testet, testet und testet. Man versteht das Programm, das man geschrieben hat, besser, wenn man sieht was es macht. Man hat einen Zielkorridor im Kopf, was ungefähr man erreichen will. Und, was man erreicht, ist oft besser als das, was man zu erhalten gedachte. Der Zufall ist willkommen. Was da entsteht überrascht manchmal – im Chaos erkennt man Muster. Willkommene Muster, die man behält. So wie ein Maler, dem der Pinsel abrutscht, und der sagt: „Das sieht aber hübsch aus!“.

Jedenfalls ist allein die mechanistische Vorstellung falsch, etwas liefe nach Plan ab, und das Ergebnis wäre im Detail vorgedacht. Das ist es nicht, denn Programmieren ist ein kreativer Prozess.

Ich empfinde Programmieren so spannend und so kreativ, als schriebe man ein Buch. Spannend ist es, das Werkzeug kennen zulernen, also die Programmier-Sprache. So wie man als Autor die Schrift-Sprache mit der Zeit immer besser versteht und besser zu gebrauchen lernt. Spannend ist auch, was man für riesige Möglichkeiten mit dem Programmieren in die Hand erhält, ganz ähnlich dem Romanautor, der die unendlichen, in ihm selbst liegenden Welten kennenlernt. Und fasziniert ist.

Programmieren hat gegenüber dem literarischen Schreiben den Vor- oder Nachteil, dass man sehr genau sein muss, sehr strukturiert nachdenken muss. Ob ein Programm funktioniert oder nicht, hängt oft an einem Satzzeichen, wie einem Komma. So gesehen ist man eingeschränkt. Ein Text hingegen „funktioniert“ auch, wenn man ein Komma vergisst.

Andererseits aber ist diese Genauigkeit auch sehr willkommen; auch das literarische Schreiben profitiert von Genauigkeit, denn es verwirrt den Leser, wenn man Tatsachenangaben durcheinanderbringt …


Generell aber will ich betonen: Programmieren ist ein kreativer Vorgang.

Da ist das Unvorhersehbare, also der Zufall. Und, da ist Sinn! Da ist der Bezug auf den Bedeutungsraum, der um interessante Aspekte erweitert wird.

Welten entstehen … aus Welten!

Wie erschafft man ein kreatives Programm?

Der Begriff Kreation meint „Schöpfung„. Der Programmierer erschafft ein Programm.

Doch wie kann man ein Programm erschaffen, das seinerseits kreativ ist und etwas Neues erschafft?

Im Grunde genauso! Wieder mit den Elementen „Zufall“ und „Sinn“ (Bezug auf einen Bedeutungsraum). Um ein kreatives Programm zu erschaffen, bedient man sich Zufallszahlen. Zufallszahlen können die Programm-Objekte auf unvorhersagbare Weise variieren.

(In den verschiedenen Computerprogrammen gibt es stets einen „Random“-Befehl, also einen Befehl, der eine Zufallszahl erzeugt. Man hat die Möglichkeit, die Bandbreite der Zufallszahl selbst festzulegen. Beispielsweise: floor(random(0,3)) erzeugt bei jedem Aufruf eine ganzzahlige zufällige Zahl, die null, eins oder zwei sein kann.)

Das Produkt eines Programms kann ein Text sein, ein Bild, eine Tabelle, etc etc.. Das Programm selbst kann ein Produkt sein, denken wir an ein Spiel. Durch Zufallszahlen kann man erreichen, dass das Produkt des Programms einzigartig und unvorhersagbar ist. Weder der Programmierer, noch der Kunde des Programmierers können vorhersagen, wie das End-Produkt aussieht. Der Programmierer kennt lediglich die Zielvorstellung, die er hatte.

Bei einem Spiel beispielsweise ist das Produkt letztlich die Interaktion des Spielers mit dem Programm. Ob hier Spaß kreiert wird oder nicht, das ist die Frage nach der Güte des Programms. Der Spaß kommt aber nicht nur aus dem Programm, sondern auch aus dem Spieler.

Ich will ein Beispiel geben, ein ganz einfaches. Beiliegendes Bild ist mit Hilfe von Zufallszahlen zu Stande gekommen. Es ist ein Gif-Bild. .gif ist ein Dateiformat, in dem verschiedene Digital-Bilder gespeichert sind, die nacheinander gezeigt werden. Dadurch entsteht der Eindruck von Bewegung. Die Bilder werden in einer Endlosschleife gezeigt, immer wieder von vorn.

Um dieses Bild zu erzeugen, wurde der Wechsel der Position jedes einzelnen Buchstabens errechnet, ausgehend von zufälligen Positionen. Und zwar aus Millionen von Möglichkeiten. Auch die Schriftart wurde zufällig ausgewählt. Die Hintergrundfarbe: Zufall.

Weil Zufallszahlen das Endergebnis ermöglichen, kennt der Programmierer das Ergebnis des Programmlaufes, also das Bild, nicht, bevor es entstanden ist. Es ist ihm neu. Es ist ein wenig paradox (so wie Kunst überhaupt). Man hat etwas erschaffen, aber man spürt, dass man es nicht selbst war. Da ist etwas anderes, etwas Unvorhersagbares, etwas Irrationales. Es ist der Zufall, angewandt auf einen Bedeutungsraum! Beim Menschen sagt man Kreativität dazu – es ist die Mischung aus Intuition und handwerklichem Geschick, aus Variation und Erfahrung, aus Zufall und Sinn.

Wir haben, um wieder auf den philosophischen Aspekt zu kommen, hier also beide Elemente der Intelligenz: Das Kreativ-Unvorhersagbare, das in diesem Fall durch eine Zufallszahl erzeugt wird. Und zweitens der Bezug auf einen gegebenen Bedeutungsraum. Der gegebene Bedeutungsraum ist, dass das Bild erkannt wird, und dass es für den Menschen Sinn macht. Der Bezug auf den Bedeutungsraum – das ist auch der dargestellte Text, der seinerseits Sinn enthält.


Hätte ein Mensch ein solches Bild „mit der Hand zu Stande gebracht“, wäre das Ergebnis auch nicht „kreativer“. Womit gesagt sein soll: Ist ein Mensch kreativ, dann kommt seine Kreativität durch einen ganz ähnlichen Vorgang, ein ähnliches Phänomen, zum Tragen: Durch den Zufall. Jeder, der kreativ ist, prüfe das an sich. Der kreative Prozess ist im Wesentlichen der, dass man x Versuche unternimmt, Ideen erzeugt, also zufällige Varianten. Und dann immer prüft: „Passt“ das? Das Letztgenannte wäre der wichtige Aspekt des Bezuges auf einen Bedeutungsraum, also Sinn, Geschmack, Mode, Spannung, Interesse.

Mir kommt es natürlich darauf an, etwas sehr Kompliziertes auf etwas sehr Einfaches zu reduzieren. Intelligenz, insbesondere wenn man sie in allem sieht, in der ganzen Natur, kann auch etwas sehr Einfaches sein, das ist meine Überzeugung. Und, gerade wenn etwas sehr einfach ist, dann sieht man sehr gut, wie sein Prinzip funktioniert.

Wem das aber zu simpel erscheint, der stelle sich hilfsweise ein Computer-Programm vor, das viel komplexer ist als das hier gezeigte. Man denke an ein Programm, bei dem viele Programmierer etwas für den Verbraucher völlig Verblüffendes herstellen, so klug und weise, dass die klügsten Köpfe der Menschheit nicht klüger sind. Auch dieses Programm hat im Wesentlichen wieder beide Elemente: Den Zufall und den Bezug auf Bekanntes.

Um dem gängigen Verständnis von Intelligenz vollkommen gerecht zu werden, braucht es noch etwas anderes. Intelligenz, Denken, sieht man eher als einen Prozess … Nicht als das statische Produkt eines Prozesses. Sagen wir, es fehlt das dynamische Element, namens Lernen.

Davon soll aber an anderer Stelle die Rede sein.