Die Welt als Sichtweise – die Welt als Phantasie

Die Welt ist eine Sichtweise, die sich nach dem Sehenden richtet. Das haben viele kluge Köpfe gesagt, ich habe nur wenige Sekunden gebraucht, um ein passendes Zitat aufzutreiben; jenes von Thackeray. Natürlich wird es dem Materialisten scheinen, als sei das wahr, dann aber auch wieder nicht … Aber das ist eine andere Geschichte.


Auch der große Philosoph Schopenhauer kam zu dem Schluss, die Welt sei eine Vorstellung (sein Hauptwerk: „Die Welt als Wille und Vorstellung“). Er versuchte das in seinen Schriften zu beweisen, darzulegen. In wissenschaftlicher Weise zitierte er, lateinisierte er, bewies er – und war, auf Grund seines enzyklopädischen Wissens auch dazu in der Lage! Doch, eine allzu große Wirkung erzielte er damit nicht, wie er selbst einmal feststellte. Er schrieb, er habe von seiner ganzen Philosophie nicht mehr gehabt, als dass sie ihm vieles erspart habe. Er meinte wohl (in seiner etwas hochtrabenden Art), dass ihm seine Philosophie die Zeit und Mühe erspart habe, sich mit nichtssagenden Leuten abzugeben, sowie deren nichtssagenden Äußerungen. Diese Zeit habe er für sich selbst gewonnen, der besten Gesellschaft, die er kannte.

Dass er der Welt nichts beweisen konnte lag wohl zum Allerersten daran, dass er nichts vorzuweisen hatte, das jenen, die ihn beurteilten sollten, sichtbar war. Was ihm sichtbar war, war jenen unsichtbar. Und so fiel sein Urteil über jene, die ihn umgaben, bitter aus. Umgekehrt machte man sich oft über ihn lustig, empfand ihn als Un-Persönlichkeit, die nur im Abseitig-Geistigen, jenseits des „prallen Lebens“, ihre Existenz hatte. Kurz gesagt: Man verstand ihn nicht.

So wie er versuchten sich viele daran, wissenschaftlich nachzuweisen, was doch in einem Außen nur dann sichtbar wäre, wenn es auch der Glaube der Vielen wäre. Die materialistische Weltanschauung ist ebenfalls ein Glaube. Ein Glaube, der erst einmal durchbrochen sein will, um sich einem anderen Glauben zuwenden zu können. Denn die materialistische Weltanschauung hält sich ihrem Wesen nach nur selbst für möglich, beweist sich selbst, stabilisiert sich selbst. Es ist ein Monotheismus. Der materialistische Glaube hat seine (scheinbaren) Vorteile und Unabdingbarkeiten für die Gläubigen, die nur allzu gern an das Feste, an die Materie, die ihnen ein anderes Wort für Gott ist, glauben möchten.

Die materialistische Wissenschaft möchte stets Psychologie und Glauben abtrennen von dem, was sie selbst formuliert – denn es gehöre nicht zusammen. Glaube und Wissenschaft seien zweierlei. Das sieht Spirealismus natürlich anders. Glaube, Psychologie und Wissenschaft gehören zusammen. Wir haben nur ein Organ der Wahrnehmung für alle Formen des kausalen Schließens, des Beweisens, des Imaginierens – das Bewusstsein. Der Spirealismus fragt: Welche ontologischen Entitäten könnte man untersuchen, würde man beispielsweise den Glauben an das Atom verlieren?

Auch ich mühte mich, die Ergebnisse meiner Überlegungen und meines Glaubens für andere sichtbar zu machen. In der Art eines Konvertiten vom Materialismus hatte ich den Anspruch, das müsse doch beweisbar sein. Doch, was heißt das, wenn man sagt, die Welt ist eine Vorstellung?

Es bedeutet, dass die Welt abhängig ist von der Sichtweise des Individuums. Das Individuum .. das kann auch eine Gruppe von Personen sein – siehe Supersubjektivität). Aber, wenn man nun eine andere Sichtweise hat, die weit von der Sichtweise der Vielen abweicht … ? Was wohl kann man dann den Vielen beweisen? Ich bin da ein bisschen pessimistisch geworden. Im Grunde ist es den Gläubigen des Materialismus schon unverständlich, wenn man nach dem Unterschied zwischen dem Objekt der Anschauung, und der Anschauung selbst fragt – diesen Unterschied soll es dem Materialismus zufolge ja geben. Der Materialist glaubt ja, er habe die einzig mögliche, beste Vorstellung vom ihm vor Augen stehenden Objekt, gleichwohl gäbe es eine Differenz zwischen Denken und Objekt … (man denke an Kants Frage nach dem Ding „an sich“).


Muss man etwas beweisen? Auf materialistische Art kann man jedenfalls nichts Nichtmaterialistisches beweisen. Getreu einer Hauptaussage des Spirealismus („Die Welt ist semantischer Natur“) sehe ich meine Aufgabe eher darin, Worte zu finden, die das Spirealistische in der besten Weise ausdrücken. Das ist gar nicht einfach – die materialistische Welt steckt bereits in unseren Worten. Die Welt (als Vorstellung) ist eben semantischer Natur. Worte sind verdichtete Vorstellungen. Die Aufgabe ist, nicht-materialistische Vorstellungen mit materialistischen Worten zu formulieren! Wenn das denn überhaupt möglich ist, so ist es schwer. Doch es hilft, wenn man sich zumindest der Problematik und des Ziels bewusst ist.

Weil ich eben den Spirealismus in der wirksamsten Form darlegen und nachweisen möchte, sind mir Worte des Glaubens, des Okkulten, des Symbolismus, nicht fern (siehe auch Ouspenskys „Der Symbolismus des Tarot“. Sie gehören dazu, denn die Welt als Vorstellung ist naturgemäß auch eine Welt der Phantasie. Ich kenne keine Worte, die es schöner ausdrücken, als jene Ouspensky’s. Es geht ihm um jene allgegenwärtige Phantasie … sie ist eine Naturkraft.

 

Die Natur träumt, improvisiert, erschafft Welten. Lerne, deine Vorstellungskraft mit ihrer Vorstellungskraft zu vereinen, und dir wird nichts jemals mehr unmöglich sein. Wende dich ab von der äußerlichen Welt und suche in dir. Dann wirst du das Licht finden.

P. D. Ouspensky
esoterischer Schriftsteller, Schüler von Georges I. Gurdjieff
* 4. März 1878 in Moskau; † 2. Oktober 1947 in Lyne Place, Surrey

 

 

 

Die Welt als Sichtweise – die Welt als Phantasie was last modified: Januar 25th, 2018 by Henrik Geyer

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst

Es ist eine Kuriosität, dass die Menschen sich als Individuen sehen, ohne die vielfältigen Verbindungen zu bemerken, die in ihnen sind.

Was genau meine ich? Woran können wir das sehen?

Nun, an uns, zum Beispiel.

Hilfe, ich höre Stimmen!

In uns sind Stimmen – viele Menschen hören sie gar nicht. Die sogenannte „innere Stimme“ ist ihnen fremd. Daher gibt es Trainer, die den Menschen erklären, dass sie innere Stimmen haben und lernen können, auf sie zu hören.

Ich erinnere mich, dass es auch mir einmal fremd war, von einer „inneren Stimme“ zu sprechen, und die Vorstellung Stimmen im Kopf zu haben, erschreckte mich und erschien mir bedrohlich wie eine Erkrankung. Ich lernte erst, diese Dinge als normal anzusehen und die innere Stimme als etwas ganz Alltägliches und Hilfreiches wahrzunehmen. Als etwas, das einfach da ist – es ist niemandes Verdienst … Es ist aber auch eine bedauernswerte Selbstentfremdung, wenn man diese innere Stimme nicht hören kann. Es lohnt sich, auf sie zu achten.

Ich weiß noch, wie kurios es mir schließlich vorkam zu erfahren, dass viele Psychologen mit dieser inneren Stimme wenig anzufangen wissen, sie nicht kennen. Sie wollen also Patienten davon heilen (böse) Stimmen zu hören, und haben nicht die mindeste Vorstellung davon, wie das ist, so eine innere Stimme. (Ich war, wie ich in Alles ist Geist schrieb, eine Zeit lang recht involviert mit Psychiatrie und Psychologen, denn mein Sohn hatte eine psychische Erkrankung)

Schweigen über das Selbst

Da übrigens die Menschen über ihre innersten Vorstellungen kaum reden, ist es fast ein geheimes Wissen, wie selbstentfremdet die Menschen heutzutage sind. Sie beurteilen sich und andere demgemäß, was sie sich in einer Art unehrlichem Smalltalk gegenseitig über „vernünftiges Denken“ erzählen. Auch Allernächsten wird nur ganz selten das Innerste offenbart; meist jedoch wollen die Menschen als irgendetwas erscheinen.

Insofern ist das Unwissen über die Mächte des Inneren sehr groß, obwohl doch der Mensch stets meint, sich in sich selbst sehr gut auszukennen. So entsteht das Bild des unheimlichen „Es“, eines Gedanken-Ungeheuers, das im Keller des Ich einer geheimnisvollen Denk-Tätigkeit nachgeht, und sich erfrecht Gedanken zu denken, die einerseits ganz tierisch und grob sind, uns andererseits nicht gerade unbekannt. Wir haben einige Mühe, sie in unser Selbstbild, das vom oben genannten unehrlichen Smalltalk geprägt ist, zu integrieren.

Statt offen zu sein für das, was sie in sich finden, haben die Menschen ein eher heiliges Bild von sich selbst, das sie nach Außen transportieren wollen. Andere sollen ja nicht (über sie) denken, dass …

Der Smalltalk erleichtert die illusorische Integrität des Selbstbildes; man führt tagein tagaus seltsam seichte Konversationen, um nur ja nicht das zu berühren, das man doch mit Fug und Recht eigentlich als das Wichtigste sehen könnte – die Art und Weise wie man Dinge sieht; und wie man schließlich und endlich sich selbst und andere wahrnimmt …

Nur einmal angenommen, die Menschen würden mit dem Smalltalk aufhören und anfangen offene Gespräche zu führen, so würden sie sich ihres Scheins entblößen; sie stünden sie da wie der Kaiser ohne Kleider. Man könnte das Lächerlichste sehen. Die geheimen Gedanken, die Dummheiten, die oft unanständige innere Stimme …

Man stelle sich das vor … auch bei den Mächtigen, den Regierenden, die, entkleidet ihres Pompes, nur als das erscheinen könnten was in ihnen ist. Dann ginge es um kluge Gedanken, so aber geht es um Floskeln.

Es wäre es eine große Erleichterung, zu erfahren, wie alltäglich all die inneren Welten sind, wie normal. Was im Außen geschieht käme uns weit weniger unvorhersehbar vor, gäbe es eine Kultur der Ehrlichkeit. Andererseits hätten Moral-Scharlatane, wie sie heutzutage Konjunktur haben, geringe Chancen.

Aber, eine solche Offenheit ist natürlich reine Theorie.

Ich glaube jedoch, dass hierin die Chance der Menschheit liegt, sich weiterzuentwickeln. Sie fände, was sie angeblich so lange sucht: die Möglichkeit eins zu werden, bis zu einem gewissen Grad. Denn die Chance der Menschheit auf Frieden muss in Selbsterkenntnis liegen … worin sonst? Schließlich liegt alles (beeinflussbare) Ungemach des Menschen seiner Quelle nach in ihm selbst.

Wahre Selbsterkenntnis aber ist dem Wesen nach nicht angenehm. Selbsterkenntnis ent – täuscht – d.h.: Ihr Wesen ist, Täuschungen über das Selbst aufzuheben. Die dafür nötige Offenheit erzeugt unangenehm-angreifbare Nacktheit. Die Täuschung des geliebten heiligen Selbstbildes wird zerstört. Wer glaubt, so etwas sei ein Fest, der irrt. Jedoch befreit es.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Indem wir etwas beim Namen nennen, verliert es an Macht

Indem wir etwas beim Namen nennen,
verliert es an Macht über uns.

Hermann Bahr
österreichischer Schriftsteller und Kritiker
geb. 19. Juli 1863 in Linz; gest. 15. Januar 1934 in München, lebte 71 Jahre.

Wessen Stimme ist das?

Merkwürdig genug ist so eine innere Stimme ja, denkt man sich den Menschen als Eines. Mit wem spricht man da? Mit sich selbst, natürlich, aber zu welchem Zweck? Welche zwei Meinungen will man da einholen, wenn es doch nur einer ist, der spricht? Wie kann Eins zu Zwei werden?

Die Antwort ist: Es ist von Anfang an nicht Einer. Das ist nur, wie wir uns sehen – im Großen als voneinander völlig getrennte Individuen, und das Individuum wiederum als einen Geist, der getrennt von einem vielgliedrigen Körper ist.

Allein schon die vorausgesetze Trennung von Geist und Körper ist ein kaum nachvollziehbarer Kunstgriff der materialistischen Weltsicht – sie muss wohl sein, wenn man einmal Geist und Materie als voneinander strikt getrennt definiert. Heben wir diese Trennung einmal gedanklich auf, denken wir also spirealistisch, dann haben wir den ganzheitlichen Menschen vor uns. Ein Körper, der Geist ist, und dessen ganzes Sein in diesem Körper zum Ausdruck kommt. Der Körper als Bild des geistigen Seins. Sehen wir also unseren Körper an, so besteht er aus vielen Teilen, die jeder für sich auch Bedürfnisse haben, die sich wohl fühlen können, oder auch nicht; Teile, die leben wollen, es aber nicht einzeln können. Sie benötigen die Verbindung dazu, den Staat … dessen Bild der Körper ist.

Das ist der Mensch – das ist das Ganze; es besteht aus Vielem. In uns ist Vieles. Wir können es nicht im Einzelnen benennen (oder können wir es doch benennen? Neulich sagte mein kleiner Sohn, als ich ihn fragte, ob er noch Hunger habe, sein Bauch sage ihm „nein“ …), aber, das ist der Ursprung der „inneren Stimme“. Es sind eigentlich Stimmen (Mehrzahl).

Gehorchen uns (dem Ganzen) diese Stimmen? Oder ist es umgekehrt  – gehorcht das Ganze den Stimmen? Das ist wohl eine Frage der Sichtweise. Üblich ist, dass sich das Ich als Eins sieht und es den Widerstreit der Vielstimmigkeit als Ausdruck des eigenen freien Willens interpretiert. Schließlich entstammt der Vielstimmigkeit dann jeweils ein Entschluss … ein einziger. Und das Ich sieht sich als eins.

Doch es lässt sich auch anders denken: Das Ich als Sprachrohr der Vielheit, d.h. der vielen Einzelinteressen.

So gesehen macht auch Nietzsches „Es denkt“ mehr Sinn: nämlich als innere Stimme (Denken), die ohne eine Absicht, die das Ich vereinnahmend als „meine Absicht“ bezeichnen könnte, spricht.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Es denkt

Es denkt.

Friedrich Nietzsche
deutscher klassischer Philologe und Philosoph
geb. 15. Oktober 1844 in Röcken; gest. 25. August 1900 in Weimar, lebte 56 Jahre.

 

Zusatz

Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht lediglich als deren Beobachter. Alles Grundsätzliche des Außen findet er in sich. Daher auch kann man die vielfältigen Verbindungen, die der Mensch gewohnt ist im Äußerlichen zu sehen oder herzustellen, auch in sich selbst finden.

Sich aber als getrennt von der Schöpfung zu sehen, als Geist innerhalb toter Materie, DAS ist die täuschende Welt der zehntausend Namen.

Als Grundsatz des Spirealismus erwähnte ich auch des Öfteren, das Eine könne nicht das Andere sein. Das ist, bezogen auf den Menschen, das Prinzip der Individualität. Das Eine könne aber auch nicht ohne das Andere sein – das ist das (uns rätselhafte) Prinzip der allgegenwärtigen Verbindung, die mindestens ebenso Wirklichkeit in unserem Sein hat, wie das Erstgenannte. In uns selbst spüren wir das. In uns sind Viele.

Aus Vielem wird immer wieder Eins – das ist, wieder bezogen auf das menschliche Subjekt, Supersubjektivität. Betrachtet sich das Eine (das Subjekt) genauer, stellt es fest, aus Vielem zu bestehen – das ist Subsubjektivität.

Subsubjektivität ist einfach ein Wort für die spirealistische Gewissheit, dass im Einzelnen, aus dem jedes Ganze (auch der Mensch) besteht, jeweils ein subjektiver Wille herrscht. Subsubjektivität ist ebensowenig „objektiv“ zu umreißen wie Supersubjektivität.

 

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst was last modified: Januar 22nd, 2018 by Henrik Geyer

Wissen um die eigene Begrenztheit ist auch ein Wissen. Und es ist nicht dumm.

Wissen um die eigene Begrenztheit ist auch ein Wissen, und es ist nicht dumm.

Warum?

Heutzutage hört man vieles über die Allmacht des Menschen, seine Unbegrenztheit, seinen scharfen Verstand. Der Mensch ist sich sein eigener Gott geworden, und er kann nichts Intelligenteres finden als sich selbst. Aus dem esoterischen Bereich (der sich heutzutage oft auf das Allereinfachste verlegt und das Gegenteil einer „Geheimwissenschaft“ ist) kommt die Nachricht, der Mensch sei unendlich. Solche Worte lassen sich leicht sagen. Sie klingen dem Materialisten angenehm; man hört diese Worte häufig und man sagt sie sicherlich gern.

Jedoch waren die klügsten Köpfe stets überzeugt, von einer höheren Macht umgeben und durchdrungen zu sein. Höher als sie selbst. Größer als das menschliche Denken. Wie kamen sie wohl darauf?

Einstein bekannte sich zu Gott – in seiner Sichtweise war es eine namenlose Kraft, auch identifizierbar mit der Natur, mit dem Universum.

Newton, der Physiker der die Gravitationstheorie erschuf und der erstaunten Wissenschaftsgemeinde Formeln zur Berechnung von Planetenbahnen präsentierte, so wie man sie heute noch in Raumschiffen anwendet, wollte zunächst mit seinem Wissen gar nicht an die Öffentlichkeit. Denn er wusste, dass, alles was er präsentieren würde, nur ein Aspekt der Wahrheit sein würde. Das Wesen des Kosmos hingegen, das auch er so gern ergründet hätte, blieb ein Rätsel. Ein Rätsel, dem zumindest er voller Ehrfurcht gegenüberstand.

Und war es nicht Sokrates, der sagte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“?

Spruchbild, Bildspruch: Ich weiß daß ich nichts weiß Um diesen Unterschied

Die Allermeisten die wir heute „groß“ nennen, hatten die feste Vorstellung, dass es eine höhere, eine rätselhafte, eine namenlose Macht geben müsse, jenseits ihrer Begriffe. Dass die Welt rätselhaft ist, und sie diesem Rätsel gegenüberstehen wie Winzlinge.

Hingegen glauben ausgerechnet die Kleingeister stets an die Allmacht des eigenen Geistes. Denn, so räsonieren sie, was soll es wohl „bringen“, den eigenen Geist, das eigene Wesen, als begrenzt anzusehen? Und im Umkehrschluss: Einen Gott zu imaginieren, der über ihr Schicksal waltet?

Hier die Antwort: Der Gott ihrer Vorstellungen ist so klein wie sie selbst. Es ist ein Gott nach ihrem Ebenbilde. Und so fragen sie sich natürlich: Warum soll ein Gott, der so einer sein muss wie ich, über mich bestimmen? Tja, so gesehen, haben sie natürlich Recht.

Aber … das ist das absurdeste Verständnis Gottes!

Spruchbild, Bildspruch: Alles was man von Gott aussagen kann das ist Gott nicht

Und – was soll es „bringen“, die eigene Begrenztheit zu erkennen? Nun, ganz einfach: Es bringt uns der Wahrheit ein Stückchen näher. Es ist wahrer als die unerträgliche Selbstschmeichelei. Erst durch Erkenntnis der eigenen Beschränktheit wird der Weg frei zu Gott, zum Höheren, wie auch immer man es bezeichnet, worin auch immer man es sieht.

Das Wissen um die eigene Beschränktheit bedeutet nicht zu sagen: „Ich bin dumm.“ Sondern, das zu wissen ist erstens auch ein Wissen, das es erst einmal zu erlangen gilt – offenbar ist das gar nicht so einfach. Es ist zweitens ein wesentlich intelligenteres Wissen, als das Wissen um die eigene Unbegrenztheit, das man auch eine hochmütige Blasiertheit nennen könnte.

An das Höhere zu glauben, es zu sehen, das ist Wahrheit. Es tut gut, und es macht gesund. Weil es uns in ein natürliches Verhältnis zu dem uns umgebenden Geist bringt. In der richtigen Proportion.

 

Wissen um die eigene Begrenztheit ist auch ein Wissen. Und es ist nicht dumm. was last modified: Januar 21st, 2018 by Henrik Geyer

Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz

Kontingenz ist ein philosophischer Begriff, der die Nicht-Notwendigkeit des Vorhandenen charakterisiert, und andererseits die Möglichkeit von Allem. Kontingenz (griech., „etwas, was möglich ist“). Wie kommen Philosophen auf so etwas – und was bewirkt es? Ist denn das Sein nicht begrenzt auf das, was wir vor uns sehen?


Kontingenz ist ein Gegenbegriff zu jenem Denken, das die Möglichkeiten der Natur als eng begrenzt sieht, als einschränkbar auf das, was das (menschliche) Denken wahrnehmen kann.

Kontingenz ist der Gegenbegriff zu Alternativlosigkeit – jenem Denken in angeblichen Unabdingbarkeiten, in Notwendigkeiten etc..

Kontingenz ist eine schwer fassbare, aber deshalb nicht weniger zutreffende Weltauffassung. Es handelt sich dabei nicht um etwas ganz Abstraktes, sondern wir begegnen dem Unterschied der Begriffs-Welten in vielen Themen der Gegenwart. Im ganz Alltäglichen ist der Unterschied zwischen jenen, die auf Grund ihrer Weltsicht alles für möglich halten, und jenen, die in der Natur enge Grenzen des Möglichen vermuten, sehr sichtbar und geht in die einfachsten Begriffe ein.

Die Vertreter der Alternativlosigkeit können es sich beispielsweise schon nicht so recht vorstellen, dass es eine vernünftige Vernunft jenseits der eigenen geben kann. Man denke an das Wort „postfaktisch“: die „Fakten“ sind im eigenen Besitz; jene aber, die eine Gegenposition zur eigenen Position einnehmen, werden als „jenseits von Fakten“ imaginiert.

Oder, dass sich ein (gesellschaftlicher) Zustand leicht wandeln kann, zum Beispiel von Reichtum zu Armut, von Frieden zu Krieg, von Freiheit zu Unterdrückung. Sie glauben im Sein stets eine sichere Bank zu haben, gleich einem unwandelbaren Objekt. Das Sein betrachten sie als starr und statisch – und sich selbst als im Besitz des besten Begriffes davon.

Während also das Denken in Unbedingtheiten stets im Objekthaften verharrt, der Mensch sei so und so, die Gesellschaft sei so und so (und nicht anders denkbar), ist Kontingenz verbunden mit der Vorstellung einer Welt, die im Flusse ist; durch den menschlichen Geist letztlich als Objekt unfassbar, denn sie ist in jedem Moment des Begreifens ein wenig anders. Und – wenn sie kaum fassbar ist, so ist damit auch eine Vorstellung eines Unwissens über ihre Möglichkeiten verbunden.

Spruchbild, Bildspruch: Es ist unmöglich zweimal in denselben Fluss zu springen

Dazu im Gegensatz meint der Vertreter des Objekthaften stets, die Objekte seiner Anschauungen seien nicht anders auffassbar, als in der eigenen Perspektive. Auch auf die Zukunft projeziert er seine Überzeugungen – die Zukunft könne sich nur zwischen den Zuständen A und B abspielen, meint er.

Aus dem Wissen um das prinzipielle Wesen der Zukunft leitet der statisch Denkende beispielsweise ab, der Mensch würde sich vom Niederen zum Höheren entwickeln. Seine Zukunft, das könne nicht anders sein, sei die einer weltumspannenden Einigkeit, eines End-Glücks ohne Widersprüche. Dass der Mensch die Widersprüche, und damit Streit und Krieg, selbst generiert, wie ein ewig drehender Dynamo, will dem Vertreter der Unbedingtheiten nicht so recht einleuchten. Er sieht den Menschen als getrennt von der Welt, als geniehaften Beobachter. Die Welt, so meint er, würde vom Menschen lediglich klug analysiert und gestaltet, und betreut wie ein alter Opi.

Und, noch eins: Weil selbstverständlich keine Sekunde zu verlieren ist, die Welt ihrem glücklichen Schicksal zuzuführen, findet man im Lager der Verabsolutierer viele Revolutionäre, Heilsbringer und Weltverbesserer. Sie sehen sich als Katalysatoren des Weltglücks – einer ihrer Auffassung nach unvermeidlichen Entwicklung, wodurch sie sich auf Seiten einer natürlichen Gesetzmäßigkeit wähnen. Die Menschheit, so meinen sie, werde ihnen Dank wissen, ist erst der glückliche Endzustand erreicht.

Doch sind sie es meist selbst, die die Welt verheeren mit ihren vielversprechenden Ideen. Diese Ideen wirken verschieden, sind es aber im Wesen gar nicht. Es geht immer um die Erlösung des Menschen durch ein großes Glück in Einigkeit … ein festes und dauerhaftes Glück sozusagen – so statisch wie das Denken jener, die an es glauben.

Denken wir an den Dreißigjährigen Krieg, der um den rechten Glauben (Katholizismus an Stelle des aufkommenden Reformgedankens) geführt wurde. Und damit um die „richtige“ Erlösung. Denken wir überhaupt an sogenannte „Glaubenskriege“ (geht es denn nicht immer um Glauben?). Denken wir an die große chinesische Hungersnot, die ausbrach, weil die chinesische kommunistische Regierung die Landwirtschaft ihrem Glauben gemäß umbauen wollte; sie kostete viele Millionen das Leben. Denken wir an die Gulags Stalins – das waren Säuberungen im Namen des großen sozialistischen Gedankens, der alle Menschen als potentielle Brüder sieht. Wer wohl konnte gegen dieses Große Glück sein? Derjenige musste in den Gulag! Denken wir an den Zweiten Weltkrieg, den Hitler sich zu führen traute, denn er wollte die Deutschen ihrem dauerhaften Glück und ihrer Erlösung zuzuführen – wieder liegt die Erlösung in der uneingeschränkten Gültigkeit der Ideologie, respektive ihrer Weltherrschaft. Denken wir an die Roten Khmer, die einmal mehr die Welt mit der altbekannten Erlösungsideologie beglückten, welche natürlich wieder,  für den Moment, die „harte Hand“ nötig machte.


Der Spirealismus ist eine Philosophie, die den Menschen als endlich im Unendlichen sieht. Das Endliche seiner Gedanken, das ist das menschliche Sein. Die Unendlichkeit dessen, was nicht in seinen Gedanken ist, die Unendlichkeit des Möglichen also, ist ihm das Nichts, oder auch die „Nichtexistenz“.

Doch, was weiß er über das Nichts? Nichts. Nur innerhalb seiner paradoxen materialistischen Weltanschauung will es ihm scheinen, als verfüge er über die  Möglichkeit, das Nichts einzugrenzen, in dem er es verdinglicht, zu dem Nichts.

Aus der Sichtweise des Spirealismus folgt Kontingenz – die Möglichkeit von allem, die Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden, als völlig normale und logische Konsequenz. Statisches Denken ist ihm fremd.

Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz was last modified: Januar 24th, 2018 by Henrik Geyer

Du bist nicht eins mit der Welt

Du bist nicht eins mit der Welt – und musst es auch nicht sein.

Die Welt – das sind Viele und Vieles. Vieles, das sich unterscheidet, so wie du dich unterscheidest von allem anderen. Das ist das kosmische Grundgesetz: Das Eine kann nicht das Andere sein. Das Eine kann nicht ohne das Andere sein.

Das Eine kann nicht das Andere sein bedeutet, dass es nicht zwei gäbe, wenn alles gleich wäre.

Und, das Eine kann auch nicht ohne das Andere sein, aus demselben Grund: sonst könnte es nicht zwei Dinge geben. Das Eine definiert das Andere. Ohne Zwei keine Eins, ohne Eins keine Zwei.

Übereinstimmung zu suchen ist eine Sache. Aber, Grenzen zu definieren ist die andere Sache – beides gehört zusammen. Die eine Seite des Prinzips ist nicht besser oder schlechter als die andere.

Viele Menschen suchen die Einheit. Sie wollen unbedingt passen, sie wollen übereinstimmen, sie wollen Gleichheit und Einheit mit der Welt. Es gibt für diese Einheit viele schöne Worte und Namen. Worte, die zu Ideologien wurden, und zum Unglück für Viele. Denn sie hörten auf, an sich zu denken und daran, dass sie immer noch ganz eigene Gedanken haben. Dass sie ganz eigene Gedanken haben dürfen, und ganz eigene Gedanken haben müssen.

Viele Menschen leiden sehr darunter, dass sie einfach nicht zu dem passen können, was sie für die eine und einzige Realität halten. Und dass, aus ihrer Sicht, umgekehrt, vieles Äußerliche einfach nicht passen will, nicht dazugehören will. Dass sich das Viele der Einheit(lichkeit) entzieht, die ihnen doch als das einzig Vernünftige erscheint. Warum ist das so? Wieder: weil es nicht anders kann – das Viele muss verschieden sein! Wo oder was wäre sonst die Welt?

Wenn du das kosmische Prinzip verstehst, dann ist der (schöne?) Traum von der Einheit der Welt dahin. Dafür aber verspürst du etwas Besseres und viel Stärkeres: Ein Verständnis für die kosmische Ordnung. Wenn du die Einheit in Gott suchst – das ist sie; sie liegt in deiner Individualität. Wenn du die Verbindung zum Unendlichen suchst – das ist sie; sie liegt in deiner Endlichkeit.

Das ist die Einheit die du wirklich suchst, sie liegt in diesem Verständnis.

Du bist nicht eins mit der Welt was last modified: Januar 27th, 2018 by Henrik Geyer

Lerne zu schweigen, wenn du nichts Rechtes zu sagen weißt

Unsere Welt ist, was wir darüber denken. Daher ist jeder Gedanke an die Welt .. die Welt selbst.

Es ist eine alte Weisheit, sich in seinen Gedanken zu zügeln. Was man denkt, wird zum eigenen Schicksal. Denn, so wie man denkt, so wird man handeln. Man kann es auch so sehen: Was man denkt, das ist bereits das Schicksal. Denn, so wie man denkt, gibt man die Welt wieder, so, wie man sie erlebt. So, wie sie sich schicksalhaft für das Ich geformt hat.

Mehr noch als unsere Gedanken ist, was wir reden, unser Schicksal. Denn der Gedanke ist schnell im Vergleich zum Wort. Was wir reden, haben wir in vielen schnellen Gedanken geformt.

Und, bedenke: Was du redest, das wird auch gehört. Mindestens von dir selbst. Du kennst das, dass dich jemand zu etwas überredete. Dass du von etwas überzeugt wurdest, durch die starke Kraft von Worten. Doch wer wäre überzeugender, als du, dir selbst gegenüber? Daher: Achte auf deine Worte, ob sie sich im Geist bilden, oder ob sie dir über die Lippen kommen; ob du nun allein bist, oder in Gesellschaft.

Bevor wir uns noch unseren Gedanken zuwenden können, und versuchen können, durch sie unsere Welt zu formen, müssen wir auf unser Reden Acht geben. Der erste Schritt ist, dass wir schweigen, wenn uns nichts Rechtes einfällt. Wenn wir nicht zielführend reden können, sondern nur so daher. Wenn wir defätistisch reden – welchen Sinn soll das haben? Wenn wir nur reden, um auch einmal etwas zu sagen, oder um klug zu erscheinen. Wenn wir werten, urteilen, schlecht reden – so zum Smalltalk, oder, weil wir Klatsch lieben.

Mehr nützt es dir, die Dinge offen zu lassen. Nicht werten, so lange die Dinge oder Menschen keine Bewertung benötigen. Dann werden dort, wo du durch Reden Verschlossenheit erzeugen würdest, viele Möglichkeiten bleiben. Möglichkeiten, die Chancen sein können. Möglichkeiten … Dinge, die noch nicht ausgeformt sind und die der Bewertung, des Fest-Werdens, harren. Dann vielleicht in einem von dir gewünschten Sinn.

Lerne zu schweigen, wenn du nichts Rechtes zu sagen weißt was last modified: Januar 19th, 2018 by Henrik Geyer

das Nichts – Raum der unbegrenzten Möglichkeiten

Stell dir vor …

Stell dir vor, deine Gedanken hingen nicht ab von einem materiellen Außen, das du beobachten und bedenken musst, um richtig denken zu können. Verbinde das mit Übungen der Stille und Kontemplation, und beobachte deine Gedanken, wenn sie allein gelassen werden. Wenn du dich bemühst, nicht zu denken. Schließe die Augen.

Du wirst bemerken, dass deine Gedanken aus sich heraus Vorstellungen erzeugen. Ganz ohne Objekte, die die Augen sehen, werden Objekte des Denkens erzeugt. Der neue Gedanke, zusammen mit dem noch neueren, bringt den allerneuesten hervor. Die Gedanken nehmen, setzt man diese Übung fort, die phantastischsten Formen an.

Das ist die Welt der Imagination und Phantasie. Losgelassen kann sie dir alles mögliche zeigen. Welten über Welten. Wie ein Kaleidoskop erzeugt das Denken neue Ideen, Assoziationen, Vorstellungen.

Manche davon denkst du immer wieder, sie fließen in deine Realität ein. Es sind deine (guten) Ideen, deine Lösungen, deine Pläne. Deine Hoffnungen und deine Furcht.

Spruchbild, Bildspruch: Es denkt


Es denkt. Ganz willenlos. Woher kommt das?

Es kommt aus dem Raum des Unendlich-Möglichen. In dir wird das Mögliche fest. Als Element der Schöpfung vertrittst du es. Du trägst deine individuelle Wahrheit in dir und bringst sie ein in das, was man gemeinhin Welt nennt.

Den Raum des Unendlich-Möglichen kann man auch als das Nichts bezeichnen – warum? Weil kein Mensch dort hinein Zutritt hat. Als Existenz erschließt sich dieser Raum nicht. Es gibt eine unsichtbare Grenze. Warum ist sie unsichtbar? Weil man gemeinhin glaubt, in Gedanken alles fassen zu können. Die Gedanken wabern hinaus, doch, überschreiten sie die Grenze zum Nichtgedachten? Nein, wie könnten sie.

Der Mensch ist begrenzt auf die Gedanken, die er in sich findet. Wie viele Gedanken jedoch sind möglich, vor allem, wenn man die Augen schließt? Unendlich viele? Es ist nicht möglich, die Unendlichkeit zu denken, sie ist uns das Un-Konkrete, das Un-Feste. Das Feste, gedacht als die Festigkeit der Materie hingegen, ist die Existenz im materialistischen Sinn.

Das Nicht-Feste, die unendlichen Welten der Phantasie, das Nichts aus dem alles werden könnte – das ist die Nichtexistenz des Nichts.

 

 

das Nichts – Raum der unbegrenzten Möglichkeiten was last modified: Januar 19th, 2018 by Henrik Geyer

Werde deiner Endlichkeit bewusst

Wozu sich der eigenen Endlichkeit bewusst werden? Wozu sich des eigenen Todes bewusst werden? Ist das nicht recht deprimierend? Sollte man daher überhaupt über Endlichkeit und Tod nachdenken?

Ja, man sollte. Um den Augenblick wertschätzen zu können.

Deprimierend kann das nur sein, wenn du es nicht akzeptieren kannst. Und du kannst es nicht akzeptieren, wenn du das kosmische Wesen nicht verstehst.

Das Wesen des Kosmos ist der Wandel. Du bist ein Teil der Welt, so wie alles. Du bist kein abseits stehender Beobachter.

Denk dir, dass alles was du liebst, alles was dir nahe ist und dich umgibt, bald nicht mehr da sein wird. Dann erhältst du eine Vorstellung von der eigenen Endlichkeit. Eine Vorstellung davon, dass du teilnimmst am immerwährenden Wandel. Dass du keine Sonderstellung einnimmst – als singuläre Konstante innerhalb eines sich stets im Wandel befindlichen Kosmos.

Sich der Endlichkeit von allem bewusst zu werden, des stetigen Wandels, ist eine gute Übung der Bewusstwerdung.

Denk dir …

Also denk dir: Deine Lieblingstasse, aus der du jeden Morgen deinen Kaffee trinkst, wird bald zerbrechen. Deine Uhr wird stehenbleiben. Die Kleidung die du liebst, und die an dir so gut aussieht, wird bald schon überlebt und unförmig wirken, und bald darauf zu Staub zerfallen. Dein Haus wird den zukünftigen Menschen weit weniger wohnlich erscheinen als dir, sie werden es abbrechen. Dein geliebtes Auto, für das du so manches opfertest, wird bald verschrottet werden. Deine Freunde werden sterben, deine Verwandten ebenfalls, und alle Menschen, die dir die Allerliebsten sind. Auch die Personen, die du hasst und die du bekämpfst, werden bald tot sein.

All das wird in einer Zeitspanne geschehen, die so kurz ist, dass sie gegenüber der Ewigkeit des Kosmos wie ein Zwinkern der Augen wirkt. Man sagt auch Blick der Augen dazu, oder Augen-Blick. Aber nicht nur der Ewigkeit des Kosmos gegenüber wird dein Leben wie Jota wirken. Auch schon für die Generation nach dir wirkt dein Leben wie verkürzt. Prüfe dich: Dir selbst erscheint deine eigene Vergangenheit wie sehr kurz – ist es nicht so? Und je älter du wirst, umso kürzer erscheint dir das ganze Leben, von dem du zuerst glaubtest, es würde fast ewig währen.

Auch du wirst bald tot sein. Mit den Personen deiner Zeit, mit deinen Freunden und mit deinen Feinden, wirst du Seite an Seite ruhen. Und die Orte und Dinge, die du liebst, werden vergessen sein, zusammen mit dir.

Die Erinnerung an dich wird in Dingen, in anderen Menschen, in deinen Kindern, eine Zeit lang weiter getragen werden. Die Erinnerung an dich, an deinen Namen, wird sich mehr und mehr vermischen mit anderen Erinnerungen, so dass schließlich niemand mehr an deinen Namen denken wird. Weil andere Namen in den Vordergrund treten; so, wie dein Name sich auflöst, entstehen sie. Es ist eine Welt der Namen.

Du bist, auch wenn du tot bist, immer noch in dieser Welt, als die Dinge und die Menschen, die du berührt hast. Aber du transformierst dich, und dein Ich – ein Name – löst sich auf, verdünnt sich mehr und mehr. In dieser Welt sehen wir das als ein Ende, jedoch ist es eigentlich eine Wandlung.

Ähnlich erinnert man sich bald nicht mehr an den Baumeister eines Hauses, selbst wenn das Haus noch lange steht. Der Baumeister ist im Haus verewigt, als seine Gedanken, seine Baukunst, sein Geschmack. Aber das Haus wird neu assoziiert, neu gedacht werden. Es wird assoziiert werden mit den Menschen, die im Augenblick darin leben, mit ihren Gedanken, ihren Künsten, ihrem Geschmack.

 

So wandelt sich alles – von Staub zu Dingen und wieder zurück. Und natürlich wirst auch du dich verwandeln. Und wirst wieder entstehen, in anderer Form.

Wirst du dich selbst, in dieser anderen Form wiedererkennen?

Kannst du dich in diesem Moment wiedererkennen, als eine andere Form, die bereits vergangen ist?

Sieh, wie sich alles wandelt. Und lerne den Augenblick zu schätzen. Lerne zu schätzen, dass du mit den Dingen, und mit den Menschen, die dich im Augenblick umgeben, auf dieser Welt sein darfst. Lerne den Gedanken zu schätzen, als das bewusste Sein, das dich sagen lässt: „Ich bin!“. Lerne zu schätzen, dass du diesen Augenblick erleben kannst. Lerne deine Endlichkeit zu schätzen, denn nur sie lässt dich sagen „Ich bin hier“. Denn, wo wärst du, wenn dieses Hier nicht ein abgegrenzter Ort wäre? Was wäre ein Ich, wäre es nicht endlich? Was wäre dein Sein, wäre es nicht etwas Begrenztes?

Sage „Danke für diesen Augenblick“. Im nächsten Moment ist er vergangen. Jedes Leben ist so ein Augenblick.

 

 

Werde deiner Endlichkeit bewusst was last modified: Januar 18th, 2018 by Henrik Geyer

Lass andere anders sein

Bleib bei dir selbst. Und lass andere anders sein.

Bedenke, dass Andere anders sein müssen. Das ist die Definition unserer Welt – sie muss Vieles enthalten. Sie kann nie Eins werden.

Dass man andere beeindrucken möchte, dass man andere von den eigenen Konzepten überzeugen möchte, dass man andere anziehen möchte, das ist so natürlich, wie eine Masse eine andere anzieht. Durch die Massenanziehung entsteht die Erdenschwere, auch Gravitation genannt. Ebenso entsteht aus der Sucht, überzeugen und beeindrucken zu wollen, eine Schwere des Lebens.

Im Persönlichen ist es oft besser, zu schweigen und zuzuhören. Denn in anderen ist genau dieselbe Suche nach Zustimmung wie in dir. Schweigst du, wird der Eindruck von Einfühlsamkeit und Zuhören entstehen. Zuhören ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Weil sie so selten ist, ist sie ist sehr gesucht; der Bedarf ist nahezu unerschöpflich.

Und, sofern der Eindruck von Einfühlsamkeit täuscht, weil dein Zuhören zuerst lediglich auf der eben beschriebenen Technik beruht: Dein Einfühlungsvermögen wird wachsen, mit der Zeit, und zwar durch die Technik.

Bedenke, dass du schweben kannst – du kannst dich der Gravitation entziehen, wenn du verstehst,  dass die Suche nach der Gemeinsamkeit in allen Menschen ist, als ihr Grundgesetz. Und dass sie trotzdem niemals völlig zusammenkommen können. Daher ist es ein ganz zweckloser und aussichtsloser Kampf, eine Sucht sogar, andere stets von den eigenen Überzeugungen unterrichten zu wollen, andere bereden zu wollen, sie über-reden zu wollen.

Lass andere anders sein was last modified: Januar 17th, 2018 by Henrik Geyer

Nachweis des Spirealismus

Der Spirealismus trifft einige sehr fundamentale Aussagen, die er in ihrer Tragweite im Folgenden weiter untersucht. Doch wie steht es mit der Beweisbarkeit dieser Aussagen, sagen wir ruhig Thesen?

Noch einmal kurz zu den Aussagen: Die grundlegende Aussage des Spirealismus ist, dass es keine Objektivität gibt. Diese Aussage könnte „nur“ so verstanden werden, dass man sagt: Es gibt keine endgültig feststehenden Wahrheiten – damit wäre das materialistische Weltbild noch unbeschädigt. Aber mehr noch ist es die Überzeugung des Spirealismus, dass es auch die „reale Außenwelt“ der materialistischen Sichtweise nicht gibt. Schließlich ist demzufolge der Existenzbegriff des Spirealismus ein anderer, als der des Materialismus. Existenz ist im Spirealismus die Relation der Begriffe zueinander (Stichwort „semantische Natur der Dinge“), ohne dass sich für den einzelnen Begriff oder das einzelne Ding irgendeine Existenzberechtigung oder Existenznotwendigkeit formulieren ließe, als eben jene Relation. Und das führt wieder auf die Aussage zurück, dass es die Welt jenseits unseres Denkens, die Welt materialistischer Anschauung, nicht gibt, denn die Relation kommt unter anderem durch uns Menschen zum Ausdruck und „in die Welt“ – als Gedanke.

Alles ist relativ – auch der Spirealismus?

Es hat einige Zeit gebraucht bis ich mir darüber klar wurde, dass aus dem oben genannten Grund auch der Spirealismus nicht für sich proklamieren kann, objektiv zu sein. Denn, jede Aussage die objektiv genannt wird, muss unter dem Aspekt der Objektivität falsch sein. Doch – man sucht so sehr das „Objektive“ – als etwas, das dann alle (Menschen) so sehen müssen … weil es einfach „da ist“. Aber … eben das ist ja wiederum eine Vorstellung des Materialismus – dass die Dinge einfach „da sind“.

Ich weiß noch, wie jemand, der mein Buch „Alles ist Geist“ zur Probe gelesen hatte, und darin die Aussage fand, auch der Spirealismus sei nicht objektiv, mich fragte, wozu ich das Buch überhaupt schriebe. Ein nicht-objektives Buch sei irrelevant. Ich war damals ein wenig verunsichert, dachte an das Verständnis der Leser und ihr mögliches Desinteresse an einem Buch, das einerseits versucht Dinge zu erklären, andererseits von sich selbst sagt, nicht objektiv zu sein. Ich strich den schuldigen Satz aus „Alles ist Geist“.

Bemerkenswert erscheint mir der Vorgang heute in zweierlei Hinsicht. Erstens können Menschen das Buch „Alles ist Geist“ lesen und dessen fundamentale Aussage einfach nicht begreifen. (Ganz genau so übrigens wie es des Öfteren vorkam dass ich auf Philosophen traf, die alles Mögliche über Kant und dessen Suche nach dem Ding „an sich“ wussten, denen jedoch die Frage selbst, ihrem Ursprung und ihrer Tragweite nach, völlig nichtssagend war). Für mich ist eben das das Erscheinen von Denkgrenzen.

Und zweitens zeigt es mir (was ich eigentlich von Herzen weiß), wie schwierig das Begreifen und völlige Erfassen der Aussage „Alles ist Geist“ in ihrem grundlegenden Sinn ist – und zwar auch für mich! Die Denkgrenzen sind also nicht irgendwo anders, und wirken nicht auf unbeschreibliche Weise, sondern sie sind (natürlich) auch in mir, und ich kann sie in ihrer Wirkungsweise beobachten. Ich selbst hatte der Logik des Anderen folgend, den Satz aus meinem Buch gestrichen, war der Unlogik und der Unklarheit gefolgt. Der Mensch ist eben Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter. Die Gesetze der Schöpfung wirken durch uns … Ich beobachte nichts von den Gedanken Getrenntes und kann die Begrenztheit, die Schwere der Gedanken, auch in mir spüren. Heute weiß ich noch besser als vor einigen Jahren, wie schwierig und langwierig es ist, dass der spirealistische Gedanke einsinkt. Er muss gelernt werden, es muss zu einem festen Glauben werden, so wie der Materialismus ein fester Glaube ist. Erst dann kann man „Alles ist Geist“ mühelos denken und wahrhaft verstehen.

Heute erscheint mir die Aussage, der Spirealismus könne nicht objektiv sein, als das Natürlichste von der Welt. Die Sucht, objektiv sein zu wollen, und damit, jedem Denken gerecht werden zu wollen, ist gewichen. Nichts ist objektiv. Ich habe keine Angst mehr davor, das zu formulieren, etwa weil ich fürchte, ein Buch würde keine Leser finden, oder ich würde auf Unverständnis treffen. Denn ich denke inzwischen, dass die Mehrzahl der Menschen ohnehin nicht die mindeste Neigung verspürt, die Grundbegriffe des (eigenen) Seins zu hinterfragen, und eine Philosophie wie den Spirealismus einer geistigen Würdigung zu unterziehen, zumal das, wie ich ja zugebe, äußerst schwierig ist. Und die Neigung der Menschen ist doch eher, auch im Geistigen, das Allereinfachste zu tun (ich spreche durchaus auch von mir und von eigener Erfahrung) und sich nicht auf irgendwelche Mühen einzulassen, für die es im materialistischen Sinn keine Rechtfertigung zu geben scheint. Es ist eben keineswegs so, dass Denken leicht sei. Verständnis für den Spirealismus zu wecken ist in etwa so, als würde man versuchen Schüler für den Zen-Buddhismus zu finden, die bereit sind Jahre hinter Klostermauern zu verbringen. Sofort taucht im Kandidaten die Frage auf, was eine solche Aktion denn wohl bringe, wie man die Lehre des Zen-Buddhismus in einem Satz zusammenfassen könne damit man sie unmittelbar verstehen könne, was (konkret!) an Geld dabei herausspränge, etc.. Fast zwecklos also. Wenn man etwas verkaufen will, dann sollte das (wenn es ein Buch ist) einfach der Denkwelt Vieler entsprechen – das heißt, es kann nur sehr begrenzt grundlegend Neues enthalten. Und .. objektiv kann und muss es nicht sein.

Für die Philosophie jedoch kommt es mir abseits von Verkaufsüberlegungen eher darauf an, die zu machenden Aussagen möglichst klar und eindeutig zu formulieren, und sie durchaus populär zu schreiben – denn ich sehe keinen Sinn darin, eine Philosophie  akademisch zu formulieren, und sie am Ende verwirrend oder unverständlich zu machen. Der Spirealismus untersucht die Grundbegriffe des Denkens, nicht aber die x-te Ableitung aus der Namenswelt des Materialismus. Daher muss er sich keiner akademischen Sprache bedienen, das wäre kontraproduktiv.

Das soll meiner eigenen Klarheit dienen, denn nicht zuletzt habe ich mit der Formulierung des Spirealismus Klarheit im eigenen Denken gesucht. Aber natürlich soll das auch der Klarheit der Leser dienen. Dass aber der Spirealismus, wenn er Objektivität nicht sucht, sondern vielmehr Objektivität im ersten Schritt negiert, vielen unverständlich bleiben muss, ist nicht zu ändern. Es gibt hier einen Zielkonflikt zwischen Klarheit und (vermeintlicher) Verständlichkeit aus materialistischer Sicht – ich entscheide mich für Klarheit.

Der Spirealismus ist eine mögliche Vorstellung

Der Spirealismus als Vorstellung eines Kosmos relativer Vorstellungen ist wahrer als der Materialismus, in dem Sinn, wie der Spirealismus Wahrheit nur verstehen kann: wiederum als Relation von Vorstellungen. Seine Aussage ist: Es hat Sinn den Spirealismus zu formulieren, da er der Funktionalität unserer Vorstellungswelten näher ist, als der Materialismus.

Nun müsste man auf die Frage antworten: Die Funktionalität welcher Vorstellungswelten ist gemeint? Der Spirealismus sagt ja selbst, dass sich die Gedanken in den Individuen nur ähneln, nie aber wirklich gleich sein können. Hierzu die Erklärung: Der Spirealismus benötigt als Ressource eine gedankliche Achtsamkeit (Achtsamkeit dem Denken gegenüber). Wenn man so will eine Geistigkeit, eine Spiritualität. Gemeint ist aber nicht die Spiritualität üblicher Vermarktungsstrategien (die ohnehin mit Materialismus mehr zu tun hat, als mit Spiritualität). Dies allein ist schon eine hohe Hürde, denn nach meiner Auffassung ist diese Fähigkeit alles andere als verbreitet.

Jedenfalls wird, wer sein eigenes Denken achtsam beobachtet, zu der Überzeugung gelangen, dass die Dinge nichts anderes sind, als die (eigenen) Gedanken daran. Und zu beobachten ist, dass sich die Dinge mit den Gedanken wandeln – von Augenblick zu Augenblick. Die Gedanken an die Dinge wandeln sich im Verlauf, und ebenso müssen sich die Gedanken an Dinge von Individuum zu Individuum unterscheiden.

Dies ist die Achtsamkeit, die ich mindestens für erforderlich halte. Erst mit ihr ausgestattet kann sich die Frage nach den Dingen „an sich“ als sinnvoll erweisen. Es ist die Frage: Was sind die Dinge jenseits des Denkens?

Dass sich, auf diese Weise, die Aussagen des Materialismus als nur in einem Spezialfall als sinnvoll erweisen, sozusagen als das Fortschreiten des Denkens in ein spezielles Denkuniversum hinein, das gleichsam von unendlich vielen anderen möglichen Denkuniversen wie abgeschnitten ist – diese Aussage muss der Spirealismus einfach treffen, ohne hierfür eine Erklärung im materialistischen Sinn abgeben zu können. Der Sinn einer solchen Aussage liegt schlicht darin, dass dies die Realität der Denkwelten, sofern man sie wie gesagt überhaupt beobachten kann, am allerbesten beschreibt.

In einem materialistischen Sinn muss diese Aussage keinen Sinn machen, besser gesagt: kann sie keinen Sinn machen, da die Aussage dem Materialismus zutiefst widerspricht. Und die geliebte Frage nach der Objektivität (insgeheim: nach der Relevanz) all dessen muss unter den Tisch fallen.

Wie schon des Öfteren formuliere ich auch an dieser Stelle, um das Enden der materialistischen Kausalkette in einem irrationalen Nichts zu zeigen: Die göttliche Erschaffung der Welt in sieben Tagen unterscheidet sich nicht grundlegend von der Annahme, die Welt sei vor 14 Milliarden Jahren in einem lautlosen Knall ins Entstehen gekommen.

Bilden wir eine Mischform: Gott erschuf die Erde in einem lautlosen Knall, der vor 14 Milliarden Jahren stattfand. Dieser Vorgang dauerte nicht sieben Tage, sondern eine Milliardstel Sekunde. Auch das klingt plausibel.

Beides sind Begriffe für einen unbegreiflichen Vorgang. Und wenn ich unbegreiflich sage, dann meine ich, dass es in einem objektiven Sinn hierfür kein Begreifen geben kann – man könnte auch von Irrationalität sprechen. In einem subjektiven Sinn hingegen ist sehr wohl eine Aussage zu treffen, und das ist es auch, was wir tun, wenn wir von der göttlichen Erschaffung der Welt reden, oder aber vom Urknall. Es ist jeweils ein Griff in die Trickkiste der Unendlichkeit, innerhalb derer alles Sein und Werden haben kann.

Nicht-objektiv ist nicht irrelevant

Dass etwas Nicht-Objektives gleichzeitig sehr relevant sein kann, erschließt sich wiederum erst aus der spirealistischen Sicht. Denn für den Spirealismus ist es völlig natürlich zu denken, dass die subjektiven Welten die allerhöchste Relevanz besitzen. Objektivität gibt es schließlich nicht.

Überprüfbar ist das sofort:

Welche Realität hat die größte Relevanz für das Individuum? Die eigene. Ist das „die“ (eine) Realität? Nein.

Welche Realität hat die größte Relevanz für eine Gruppe von Individuen? Die der Gruppe. Ist das „die“ (eine) Realität? Nein.

Welche Realität hat die größte Relevanz für die Menschheit? Die der Menschheit. Ist das „die“ (eine) Realität? Wieder: Nein.

 

Subjektiv ist nicht irrelevant. Sondern subjektiv – das ist das uns Bekannte. Was könnte höhere Relevanz haben als das uns Bekannte, während das uns Unbekannte ungedacht und unbenannt bleiben muss?

Nichts ist objektiv bedeutet: alles ist subjektiv. Subjektivität wird nicht durch mehrfach ähnliche Gedanken zu Objektivität, sondern zu Supersubjektivität.

der Nachweis

Wie also könnte der Nachweis des Spirealismus aussehen?

Zunächst: Was wäre nachzuweisen? Es wäre nachzuweisen, dass unsere Gedanken von den Dingen die Dinge selbst sind. Dass es also keine „existierende“ Außenwelt gibt, die von den Gedanken getrennt wäre, sondern dass die Gedanken, ohne (von uns) bestimmbaren Grund, die Dinge erzeugen. Und … der Begriff „die Gedanken“ … das wäre wohlgemerkt nicht materialistisch zu verstehen, als Gedanken die ausgehen von Köpfen. Sondern das wären Gedanken kosmisch-unbestimmten Ursprungs; wertneutral: Informationen, die die materielle Welt erzeugen.

Wenn ich am Anfang sagte, dass der objektive Nachweis nicht gelingen kann, weil es keine Objektivität gibt, will ich es hier wiederholen. Wie sollte der Nachweis einer fehlenden materiellen Außenwelt gelingen, wenn die Vorstellung einer Welt stets die Welt selbst ist? Anders gesagt: Was auch immer wir uns vorstellen – innerhalb der Eckpfeiler unserer Vorstellungen müssen wir „richtig“ und „falsch“ definieren – darüber hinaus können wir nicht. „Richtig“ und „falsch“ wiederum haben in einem Kosmos unbegrenzter Möglichkeiten keine Notwendigkeit, und stehen in keiner Weise singulär für sich. Sondern „richtig“ und „falsch“ sind wiederum Möglichkeiten innerhalb eines semantisch definierten Begriffsraumes.

der Beweis des Nicht-Existenten

Den spirealistischen Kosmos der unbegrenzten Möglichkeiten kann man nicht nachweisen, weil er sich in seiner unendlichen Form nicht zeigen oder nachweisen lässt. Wir selbst sind begrenzt. Und der Kosmos der unendlichen Möglichkeiten ist unbegrenzt und somit undefiniert, man könnte auch sagen, dass er für uns, die wir endlich sind, nicht existiert. Existenz hingegen ist für uns das Definierte, und zwar definiert in unseren Vorstellungen.

Im materialistischen Sinn „zeigen“ lässt sich nur, was in unseren Vorstellungen ist; somit ist das Unbegrenzte nicht zeigbar, da unsere Vorstellungen per se begrenzt sind. Und der eigentlich wissenschaftliche Nachweis wäre etwas, das in unseren Vorstellungen ist, und sich in ähnlicher Form in Vielem findet. Man könnte auch sagen: die gemeinsamen Phantasien vieler Menschen sind die Realität der Gruppe.

Wie soll also der „realistische“ Beweis für etwas aussehen, das außerhalb der Realität (der Gruppe) ist? Es ist die Vorstellung des Materialismus, wie ein Beweis auszusehen habe, die einen Beweis des jenseits des Materialismus Liegenden verhindert. Der Materialismus beweist sich selbst in einer Endlosschleife – eine letztlich nichtssagende Tautologie. Der Materialist muss einen Beweis, der ihn fordert die Grenzen des materialistischen Denkens zu überschreiten, als unwirksam ansehen.

Ich formulierte übrigens „sich in Vielem findet“, und nicht in Vielen (Menschen), weil ja die Vorstellung des Spirealismus von einem Information erzeugenden Kosmos der eines Kontinuums aus Geist ist, der quasi stufenlos von uns fremden Gedanken zu menschlichen Gedanken übergeht. Das Urteil des Menschen über das Universum bleibt eine Möglichkeit, aber nur die Möglichkeit seiner Vorstellungen. Insofern wäre es falsch, die Vorstellungen der Menschen in irgendeiner Form objektivieren zu wollen, indem man sie ablöst von Vorstellungen des uns umgebenden geistigen Universums – man käme damit auf das materialistische Weltbild zurück, demzufolge die Vorstellungen vieler Menschen objektiv sind, die Vorstellungen des Einzelnen hingegen nicht. Die Vorstellungen vieler Menschen nennt der Spirealismus „supersubjektiv“ – sie bleiben eine subjektive Vorstellung.

 

Ich unterscheide, auch das sei noch hinzugesetzt, zwischen Universum und KosmosUniversum nenne ich den Begriffsraum unserer Vorstellungen, und gehe davon aus, dass es viele Universen gibt oder geben kann. Kosmos nenne ich die Notwendigkeit, dass es eine Ordnung der Begriffe aus sich selbst heraus geben muss – als Synonym für Bewusstsein.

Eine Ordnung der Begriffe aus sich selbst heraus … die es geben muss? Warum muss? Kann es nicht eine Ordnung von Begriffen, oder auch Dingen, jenseits von Bewusstsein geben, so wie es sich der Materialismus vorstellt? Die halb scherzhafte Antwort lautet: Nicht dass ich wüsste! Womit gesagt sein soll: Das Wissen, somit das Bewusstsein, ist die Voraussetzung für jede Frage die wir stellen, und jede Antwort die wir finden können.

Wenn man so will ist ein Kosmos die Voraussetzung des Entstehens von Universen. Vielleicht ist das auch der Sinn, in dem der Begriff Kosmos im antiken Griechenland gebraucht wurde, denn Kosmos heißt ja „Ordnung“.

Die materielle Außenwelt versus die Welt der zehntausend Namen

David Hume (1711-1776)  formulierte, dass sich eine materielle Außenwelt nicht durch rationale Begründungen nachweisen lasse. Dennoch könne der Mensch nicht umhin, an die Existenz der Außenwelt zu glauben.

Seine Formulierung legt nahe, dass es sich beim materialistischen Weltbild um einen Glauben handelt – was exakt die Formulierung der spirealistischen Sichtweise ist. Und man kann sagen, dass, wenn es sich also um einen Glauben handelt, es andererseits auch keinen besonderen Grund gibt, diesen Glauben auf Biegen oder Brechen beizubehalten. Sondern man könnte sich, insbesondere als Gläubiger des materialistischen Weltbildes, vorstellen, das Weltbild zu wechseln, anders gesagt: sich einen anderen Glauben „zuzulegen“. Einfach etwas anderes glauben! Denn das Denken (Glauben) geht ja vom menschlichen Kopf aus … und … sind denn die Gedanken nicht frei?

Doch an dieser Stelle sehen wir wieder sehr deutlich die Macht der Gedanken – sie sind keineswegs frei, und, sich einen anderen Glauben „zuzulegen“ ist keineswegs einfach. Ich komme insofern auf den weiter oben formulierten Satz über Klosterschüler des Zen-Buddhismus zurück – es ist eine Mühe, einen alten Glauben abzulegen und einen neuen zu gewinnen. Es hat auch etwas zu tun mit der ebenfalls bereits formulierten Tatsache, dass die gemeinsamen Phantasien vieler Menschen die Realität der Gruppe sind. Da die Realität der Gruppe quasi die sog. Realität selbst ist, der sich jeder Mensch geistig zuordnen will und muss, ist es alles andere als leicht, diese Realität zu verlassen. Das wahrscheinlichste Szenario, dass dies gelingen könnte, wäre, dass sich die Realität der Gruppe änderte (was ja ohnehin stets und ständig geschieht).

Ich hatte gesagt, dass sich der Spirealismus nicht beweisen lässt, indem man sagen kann, „Siehe, dort sind ist der Kosmos der unbegrenzten Möglichkeiten“. Jedoch, dass der Gedanke im oben genannten Sinne fest wird, indem er sich in ähnlicher Form in Vielem findet, indem die Realität der Gruppe „die Realität“ ist, das ist ein Beweis für den Spirealismus. Viele Beweise ähnlicher Art ließen sich finden und ich habe versucht sie auf diesem Blog zusammenzutragen.

Ausgangspunkt ist immer die Überlegung, dass Welten entstehen können, ohne dass das materialistische Weltmodell bemüht werden muss – was wiederum deutlich jenseits des materialistischen Weltbildes und seines Selbstbeweises liegt. Wenn man aber verstanden hat, dass das materialistische Weltbild keinen Imperativ darstellt, dann wird man bemerken, dass ein Weltmodell jenseits des materialistischen schlüssiger ist.

Was also sind weitere Beweise? Die Paradoxie unserer materialistischen Vorstellung vom Nichts beispielsweise, oder der Unendlichkeit. Oder unser ewiges Uns-selbst-für-den-Mittelpunkt-des-Universums-Halten, und zwar nicht nur in räumlicher Hinsicht, sondern auch in geistig-intellektueller Hinsicht. Beweise sind auch offensichtlich paradoxe Annahmen  zu Realität und Objektivität, wie z.B. hier formuliert.

Die erwähnten materialistisch-paradoxen Annahmen zu Nichts und Unendlichkeit finden sich wieder in paradoxen Annahmen zum äußerlichen Universum (gemeint ist jenes Universum „mit den Sternen darin“). Gemeint ist zum Beispiel die Frage nach den Grenzen des äußerlichen Universums. Ist das Überschreiten (nicht vorhandener) Grenzen möglich?

Wenn, wie der Spirealismus meint, die Natur der Dinge semantisch sei, und, ebenso wie die Sprache, je nach Stellung der Begriffe zueinander Sinn und Form verändert, dann ist das Untersuchen der Worte als ein Synonym für unsere Vorstellungen ein Beweis für den Spirealismus. Und zwar dann, wenn diese Untersuchung ergibt, dass die Worte, ihre Verwendung sowie ihre vorgestellten Einschränkungen oder Erweiterungen, unser Weltbild und unser Begreifen der Dinge, formen. Derlei Beispiele habe ich auf diesen Seiten einige niedergelegt, und im Prinzip läuft alle Beschäftigung mit Sprache darauf hinaus … Konkret kann ich, um beim genannten Beispiel des Universums zu bleiben, unsere Vorstellung von einem Weltall benennen, das doch Alles enthalten soll, und das sich gleichzeitig dem Verständnis unter diesem Aspekt, nämlich Alles zu sein, entzieht. Ist Alles unendlich? Alles, das finden wir, liegt außerhalb unserer Vorstellungen. Und Alles hat auch keine Grenzen – warum? Der Spirealismus sagt: Weil Bewusstsein Alles generiert. Der Materialismus hingegen sagt das nicht – und bleibt eben deshalb paradox und unverständlich. Er bleibt artig innerhalb des ewigen Selbstbeweis-Kreislaufes und kann, wie es scheint, sehr gut mit der eigenen Widersprüchlichkeit leben.

Die vorgenannte Paradoxie lässt sich überleiten zu der prinzipiellen Frage nach Teil und Ganzem … lässt sich das Universum aufsummieren, als die Summe aller Masse / aller Dinge in ihm? Die ständige Annahme des Materialismus ist ja, dass das Ganze eine festgelegte Anzahl an Teilen in sich haben müsse (die wir, paradox genug, selbst definieren können), denken wir an den Begriff „Atom„, oder umgekehrt, dass eine Summe von Teilen ein Ganzes ergäbe, in einer Art fester, vom Bewusstsein abgekoppelter, mathematischer Formel. Ich hatte hier des Öfteren das Paradox von Englands Küste erwähnt, das uns das Gegenteil zeigt, und das ebenfalls ein Beweis für den Spirealismus ist.

In Gott würfelt nicht? hatte ich über die Annahme nachgedacht, dass Kausalität materialistisch gesehen außerhalb von Bewusstsein existiert – also objektiv sei, obwohl doch jede Kausalität die wir kennen nur auf den Begriffen basiert, die wir Menschen haben, die wiederum nicht objektiv sind. Und dass, zumindest aus spirealistischer Sicht verständlich und beobachtbar, Kausalität, als Quelle und gleichzeitig abhängige Funktion unserer Kenntnis dessen was „es gibt“, einem stetigen Wandel unterliegt. Und sich daher auch die Vergangenheit ständig wandelt.

Beweise sind auch durchaus die Erkenntnisse der materialistischen Naturwissenschaft, die beispielsweise nahelegen, dass kleine Teilchen sich unserem Bewusstsein entsprechend verhalten und formen, oder, dass es Farben nicht im eigentlichen Sinn im Außen gibt (Optik), sondern, dass sie sich im Geiste bilden. Ich erinnere mich beispielsweise an die Lektüre des Buches QED: Die seltsame Theorie des Lichts und der Materie, in der der Autor recht eindrucksvoll erklärt, wie Licht und Farben einerseits gut berechenbar und nutzbar sind, wie unlogisch jedoch letztlich die dazugehörigen Theorien sind (gemeint ist unsere Vorstellung von Augen, die Lichtteilchen aufnehmen, welche vorher wie Bälle von im Außen liegenden Objekten abgeprallt sind).

All die Theorien des Materialismus sind letztlich Stückwerk, und passen am Ende nicht zusammen. Warum ist das so? Der Spirealismus sagt: Weil ein Zusammenpassen für das, was wir am Ende „die Realität“ nennen, gar nicht nötig ist!

DAS ist der Grund, warum ich die Aussage Humes ablehne. Nein, man muss keineswegs an die Existenz einer materiellen Außenwelt glauben! Man kann offensichtlich an vieles glauben, im subjektiven wie im supersubjektiven Sinn – das tut der Wirklichkeit der Realität, und auch ihrer Funktionalität, überhaupt keinen Abbruch.

Ich denke, dass das, was der Autor von „Die seltsame Theorie des Lichts und der Materie“ darlegt, sich dem aufmerksamen Geist in letztlich jeder Gestalt, jedem Ding, zeigt. Oder besser: zeigen könnte. Ich komme insofern wieder auf diese notwendige Ressource des Verstehens zurück: Spiritualität. Wer nicht denken kann, dass der Gedanke selbst die Ursache aller Erscheinungen ist, oder wer schon die Frage nach der Ursächlichkeit nicht versteht und die Möglichkeit des Primats der Gedanken nicht in Erwägung ziehen kann, der wird auch den nächsten Schritt nicht tun können. Insofern möchte ich dem Humeschen Postulat, dass sich eine materielle Außenwelt zwar nicht durch rationale Begründungen nachweisen ließe, man dennoch nicht umhin komme an sie zu glauben, ein Demokrit-Zitat gegenüberstellen: „Kein Phänomen kann ein Kriterium sein, weil Phänomene nicht existieren.“

Ganz offensichtlich kann beides eine gültige und wirksame Realität sein. Die Demokritsche Realität und die Humesche. Die Welt der zehntausend Namen und die Welt des materiellen Außen.  Und, weil beides die Realität sein kann, ist die spirealistische Weltsicht wahrer als die materialistische, denn sie schließt die Selbstverständlichkeit vieler Realitäten ein.

Nachweis des Spirealismus was last modified: Januar 21st, 2018 by Henrik Geyer