Aspekte des Ich-Universums, Teil 3: praktische Erfahrung des Ich-Universums

In den Texten bisher ging es um eine eher theoretische Betrachtung des Begriffes Ich-Universum, bzw darum, einige Grundsätze darzulegen, die dieser Sichtweise innewohnen. In diesem Abschnitt möchte ich ein wenig praktischer werden und darlegen, wie ich selbst darauf kam, die Fragen zu stellen, die mich schließlich zum Spirealismus führten, und dazu, den Begriff Ich-Universum zu benutzen.

Wie ich schon beschrieb ging es damals, vor einigen Jahren, um psychiatrische Behandlung meines Sohnes, und im Zuge dieser Behandlung hatte ich natürlich vielfältigen Kontakt mit Ärzten, Psychologen, medizinischem Personal.

Was mir nach einiger Zeit auffiel, war, dass die in der Psychiatrie Tätigen selbst nur sehr selten die Rätselhaftigkeit der Psyche begreifen, darüber grübeln, versuchen zu verstehen. Vielmehr gingen sie meist in einer mir unverständlichen Vereinfachung davon aus, dass das, was sie in einem Moment über das Denken eines Patienten aussagen, dessen Geisteswelt gut beschreibt, so dass ihnen die Psyche Desjenigen nicht weiter fraglich erscheint. Dadurch erscheint es so, als sei die Psyche eines Anderen recht einfach zu begreifen und so, als sei sie völlig erforscht, wenn man nur ein Wort für eine Krankheit oder eine Zustandsbeschreibung parat hat.

Das alles wäre mir vielleicht nicht weiter aufgefallen, wenn es nicht von drastischsten Fehlbehandlungen begleitet worden wäre, so dass die Tatsache, dass hier etwas schief lief, geradezu mit Händen zu greifen gewesen wäre.

Letztlich nutzt das medizinische Personal Worte (und schreibt Worte auf Diagnosescheine), die nicht verstanden sind, und im Grunde wenig sagen. Diese Worte, Krankheitsbezeichnungen, sind eher eine Art Symptomeinordnung … oft werden Diagnosen so gestellt, dass man ein Medikament ausprobiert, und wenn dieses Medikament hilft, dann ist die Krankheit, gegen die das Medikament hilft, so wie es auf dem Beipackzettel steht, die Krankheit, die der Patient hat.

Ein tiefergehendes Verstehen-Wollen, ein grüblerisches Forscherbewusstsein, gar eine philosophische Ader, habe ich im Bereich der Psychiatrie nicht feststellen können. Statt dessen häufig eine Verwaltungsmentalität, oder auch eine gewisse technische Fertigkeit. Woran es aber meiner Ansicht deutlich mangelte, war Phantasie, war Sich-Einfühlen-Wollen, so wie es die Ikonen der Psychologie, wie es Freud oder Jung, taten. Warum sage ich Phantasie – und nicht wissenschaftliches Faktenwissen? Weil wir es bei der Psyche mit jener unerforschlichen Entität zu tun haben, die scheinbar eine äußerliche Welt beobachtet und interpretiert, eine äußerliche Welt wohlgemerkt, die, im Sinne der materialistischen Wissenschaft das eigentlich Wichtige ist – wohingegen es auf die Psyche, auf den Geist, angeblich nicht so ankommt. Gleichzeitig ist die Psyche Erzeugerin von Realität, denn nichts ist beobachtbar ohne sie, ohne dieses Werkzeug(?), diese Brille(?), dieses Kaleidoskop der Phantasie(?). Und so gesehen darf es als spannend gelten, welche Resultate die Psyche bei der phantasivollen Beobachtung ihrer selbst (was ihr vorkommt wie die Beobachtung von etwas Äußerlichem) zeitigt.

Natürlich wäre in der Psychiatrie das eigentliche Rätsel zu ergründen: Wie sieht die Welt eines Geisteskranken aus,  so dass er sich so verhält, wie wir es im Außen sehen? Dieses Rätsel zu lösen wäre gleichbedeutend mit dem wahren Verstehen einer Geisteskrankheit, und wäre damit sicherlich auch eine gute Voraussetzung, mit einer Geisteskrankheit richtig umzugehen. Ich meinte damals, es sei für die Psychologie selbstverständlich, sich diese Frage zu stellen, ganz ähnlich einem Autoschlosser, den doch der Zustand der Zündkerzen interessieren sollte, damit er dem mechanischen Problem zu Leibe rücken kann. Doch solche „tiefschürfenden“ Fragen stellt man sich in der Psychiatrie in der Regel nicht, vielmehr herrscht dort ein ziemlich flaches mechanistisches Denken, dem zufolge auch diese, eigentlich faszinierende Wissenschaft, im Grunde keine besonderen Überraschungen bereithält.

Erst später verstand ich, dass die Psychiatrie im Grunde das gleiche Problem hat, wie die Gesellschaft insgesamt: das einer Selbstentfremdung. Die meisten Menschen in der Gesellschaft, und auch die meisten Menschen, die in der Psychiatrie tätig sind, kennen sich selbst wenig, haben keine Ahnung von inneren Stimmen, von abgrundhaften Zuständen der Psyche, wie sie in Ausnahmefällen eintreten können, und verstehen eigentlich auch nicht, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebt. So etwas können sie mit dem Mund sagen, aber wirklich verstehen können sie es meist nicht. Nur deshalb erscheint ihnen die Frage nach dem Wesen dieser inneren Welten, die sie da vor sich haben, wie überflüssig und wie bereits geklärt.

Man könnte es auch so sagen: Das Wesen der inneren Welten der Patienten zu erforschen erscheint vielen Psychiatern und Psychologen müßig, denn diese sind ja dysfunktional in ihrem Denken – wozu wohl sollte man sich die Mühe machen, einen Verrückten zu verstehen? Die Definition des Irrsinns ist diesen Leuten eigentlich die, dass sie abweicht vom eigenen Denken, das sich in einem fast perfekten Gleichklang mit dem Denken der Mehrheit glaubt. Man sieht das ähnlich wie den Verkehr auf einer Autobahn: der Geisterfahrer ist der, dem hunderte Autos entgegenkommen, während in seiner Richtung niemand unterwegs ist. Um bei diesem Vergleich zu bleiben: Natürlich hat die Psyche (gerade wenn man den Begriff des Ich-Universums wirklich versteht und verinnerlicht) viel mehr Möglichkeiten Realität zu erzeugen, als die zwei Fahrtrichtungen auf einer Autobahn – gerade hier gewinnt der Vergleich: Letztlich geht es für die gefahrlose Benutzung der Autobahn nur um die EINIGUNG, in welcher Richtung sie befahren werden soll. Denn eigentlich ist es egal, ob Linksverkehr oder Rechtsverkehr vereinbart wird, das Wichtige ist nur, dass die Regelung kommuniziert wird und sich alle daran halten. Ganz ähnlich ist es mit der Geisteskrankheit, auch hier gibt es eine Unendlichkeit von Realitäts-Möglichkeiten für die Psyche, eigentlich ist es egal, was man denkt, wenn man sich nur im Gleichklang mit der Mehrheit befindet. Während unsere bisherige Weltsicht (Materialismus) es so aussehen lässt, als würde der Kranke die Realität nicht erkennen, wohingegen alle Gesunden ein- und dieselbe Realität beobachteten und sich darin völlig einig sind.

Die fremden Welten beginnen im Nächsten

Eine Psychose beispielsweise ist dadurch definiert, dass der Patient von der richtigen Wahrnehmung der Realität abweicht. Er hat Wahnvorstellungen, also Vorstellungen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Das ist die gängige und allseits bekannte Vorstellung der Psychiatrie.

Das eigentlich Interessante bleibt, wenn man eine Psychose so beschreibt, völlig unverstanden. Ich will die sich aufdrängende Problematik in folgende Fragen kleiden (die ich damals, als ich mit Psychiatern und Psychologen zu tun hatte, auch stellte, und dabei weitgehendes Unverständnis erntete):

  • Wer hat die richtige Realität im Kopf? Schließlich ist es doch so, dass wir alle annehmen, wir seien nicht im Besitz der letztendlichen Wahrheit über die sogenannte Realität, da jeder Mensch nur einen Aspekt der Realität kennt. Wer also kennt die wirkliche Wirklichkeit? Wer kennt die reale Realität?
  • Wenn man die erste Frage in dem Verständnis abschließt, dass es niemanden gibt, der die Realität richtig und endgültig kennt, dann schließt sich die notwendige Frage an, wie und warum wir darauf kommen, es gäbe überhaupt eine einzige Realität, und nicht viele Realitäten? Denn – was wohl soll eine Realität sein, die nicht begriffen wird, die also in niemandes Denken als Realität existiert? Wenn also im Denken von 7 Milliarden Menschen 7 Milliarden Realitäten existieren, dann ist die eine und einzige Realität, von der wir ständig sprechen, definitionsgemäß nicht darunter. Aber wo ist sie dann?
  • Wie können wir, wenn wir doch das Fremde (den Patienten) nur mit den Mitteln verstehen können, die uns unsere eigene geistige Welt bietet, das eigentlich Fremde verstehen wollen? Muss das, was wir im Anderen erkennen, nicht zwangsläufig unsere eigene Welt sein, die wir dort, gewissermaßen spiegelbildlich verkehrt, vorfinden? Sieht der Gesunde im Kranken das (spiegelverkehrte) Bild der eigenen Psyche?
  • Was ist etwas, das uns definitionsgemäß unbekannt ist, und das wir dennoch benennen als sei es uns bekannt? Diese Frage entzündete sich an dem Benennen „des Unbewussten“ im Sinne von etwas Bekanntem (erst später erfuhr ich, dass es sich hier um ein allgemeines und ständig auftretendes Paradoxon handelt, das, in ganz ähnlicher Form, bereits durch den antiken Philosophen Plato  angesprochen worden war, und zwar in der Behandlung des Begriffes des Nichts). Es handelt sich also um die Frage: Kann man etwas, das nicht bewusst ist, im Bewusstsein haben? Kann man etwas Unaussprechliches aussprechen? Kann man etwas Unbekanntes kennen – und, kann man auf das Nichts zeigen und sagen: Da ist es?
  • Zu dem Vorgenannten gehört schließlich noch die aus meiner Sicht zentrale Frage, als was eigentlich man das Bewusstsein versteht: als ein Werkzeug, mit dem äußerliche Informationen im Inneren (im Gehirn) gespiegelt werden, oder als einen Generator von Realität? Denn wenn man akzeptiert, dass es nicht wirklich eine Realität gibt, sondern vielmehr so viele Realitäten wie es Menschen gibt (von den Realitäten der Tiere einmal ganz zu schweigen), dann fragt es sich doch, welche Freiheit das Bewusstsein hat, eine eigene Realität zu erschaffen, anstatt mit Notwendigkeit immer wieder auf eine einzige Realität zurückkommen zu müssen?

Gerade die letzte Frage ist es, die, einen aufmerksamen Blick vorausgesetzt, in der Psychiatrie beantwortbar wäre, denn hier hätte man Gelegenheit, die Wandlungsfähigkeit der Psyche in Vollkommenheit zu sehen. Wenn man das beobachtet, dann muss man die Macht des Geistes unbegrenzt nennen, nicht eingrenzbar durch unser „gesundes“ Denken jedenfalls, das selbst wie aus einem Käfig heraus unendliche Mannigfaltigkeit beobachtet. Die Realität kann jede Form annehmen! Ich habe das so beobachtet und dafür den Satz gefunden, der für mich nach wie vor vollständig gültig ist:

Das Denken ist die Realität. Es gibt die Realität nicht noch einmal extra.

DAS ist es, was uns die geistig Kranken zeigen können. Um das zu verstehen, müssen wir jedoch unsere Vorstellung einer geistigen Krankheit ändern. Wir sollten Geisteskrankheit als eine kontinuierlich geänderte Variante unseres eigenen Denkens verstehen, nicht als völlig abwegig, nicht als abartig, nicht als unverständlich etc.. Sondern Geisteskranke haben eine eigene Realität, das ist wahr. Aber, eine eigene Realität zu haben, das ist eigentlich nicht das Besondere, sondern das gilt ja für uns alle!

SO verstanden erscheint eine Geisteskrankheit wie etwas ganz anderes, als die Psychiatrie gemeinhin darin sieht. Nicht als eine falsche Widerspiegelung „der Realität“, sondern als eine fehlgeleitete Kommunikation – denn es ist die Sichtweise des Spirealismus, die Realität als eine Funktion der Kommunikation zu sehen; außerhalb und unabhängig von uns Menschen gibt es die Realität nicht. Jedenfalls nicht die Realität, von der wir Menschen sprechen. Und: Außerhalb und unabhängig vom Indidviduum gibt es aus demselben Grund und mit denselben Konsequenzen keine individuelle Realität.

Übrigens ist ja tatsächlich ein Schlüssel für die Gesundung eines geistig Kranken die Kommunikation – man denke nur an Freud und seine Couch. Man denke an Psychoanalyse, Therapiegespräche u.v.m.. Auch ich selbst habe das so erlebt: Die Kommunikation, so mühevoll sie ist, so beschwerlich und teilweise auch dröge sie sein mag, ist der Schlüssel, einen psychisch Kranken wieder an die Welt zu binden. Und … Kommunikation ist umfassend zu verstehen. Es sind die Worte, aber auch die Blicke, die Dinge die man miteinander erlebt, und die Dinge die man ablehnt zu erleben.

„Die Welt“, das ist eigentlich nur eine bestimmte Art der Sichtweise; der Eindruck trügt, es gäbe die Welt in der Einzahl.

Die Notwendigkeit des Ich-Universums

Und das war der Grund für mich, diesen Terminus Ich-Universum gewissermaßen zu erfinden – um damit, in einem Wort, in einem recht sinnbildlichen Begriff, etwas auszudrücken, das in unserem Gewohnheitsdenken eigentlich nicht vorkommt. Nämlich die Vorstellung, dass im anderen Menschen eine Welt ist, ein eigenes Universum, und dass wir, von unserem eigenen Universum aus gesehen, das Universum des Fremden nicht im eigentlichen Sinn betreten können. Wir können es nicht sehen, wir können es nicht ver-stehen und wir können nicht darin stehen, so wie es das andere Ich kann.

Worte sind unser äußerer Ausdruck für innerliche Vorstellungen, beides lässt sich nicht sinnvoll trennen. Daher ist es manchmal nötig, ein neues Wort zu kreieren, um neuen Vorstellungen Raum zu geben, und um deutlich anzuzeigen: Hier kommt man mit der hergebrachten Denkweise nicht weiter, hier braucht man neue Vorstellungen, ein neues Herangehen. Aus diesem Grund ist der Terminus Ich-Universum sehr vielsagend, denn er beinhaltet eine ganze Welt von Vorstellungen, die von unseren materialistischen Vorstellungen abweichen.

Aspekte des Ich-Universums, Teil 3: praktische Erfahrung des Ich-Universums was last modified: Mai 29th, 2017 by Henrik Geyer