Alles ist Eins – bedeutet das, die Welt sei ohne Grenzen … grenzenlos?

In der spirituellen, esoterischen, religiösen Szene wird heutzutage oft „Alles ist eins“ zitiert – oft wird dieser Satz so verstanden, dass man sagt, der Mensch, insbesondere der spirituelle Mensch, habe auf einen Zustand hinzuarbeiten, hinzudenken, in dem er sich verbindet … mit allem. Dieser Satz wird häufig von Menschen gebraucht, die Alles ist eins völlig falsch verstehen und die sich durch die falsche Anwendung dieses sehr tiefsinnigen Gedankens einen spirituellen Heiligenschein überstülpen möchten.

Daher hier eine Anmerkung zum spirituellen Verständnis von alles ist eins.

Man versteht dieses Alles ist eins falsch, wenn man meint, es hieße, dass eigentlich alles dasselbe sei, oder dass es nicht wichtig sei, dass die Dinge verschieden aussehen, verschieden wirken, da sie doch im Grunde gleich seien. Man versteht es falsch, wenn man meint, es sei angeraten alle Grenzen einzureißen, denn, da alles eins sei, werden diese Grenzen in Wahrheit nicht benötigt.

Es wäre dies die äußerste Verballhornung, ein völliges Ad-Absurdum-Führen dieses Satzes, dessen Verständnis so einfach nun auch wieder nicht ist.

Nein.

Alles ist eins ist eine Weisheit, die sich auf eine metaphysische Ebene bezieht, also eine Ebene, die hinter den (trügerischen) Erscheinungen dieser Welt liegt. Alles ist eins bedeutet, dass alles auf ein Prinzip zurückgeht, nennen wir es das göttliche Prinzip.

Ein Prinzip also hinter den verschiedenen Erscheinungen der Welt. Schon an dieser Stelle sei angemerkt, dass das Entstehen der Unterschiedlichkeit aus einem einzigen Prinzip heraus nicht so verstanden werden sollte, als sei die Unterschiedlichkeit irgendwie überflüssig. Alles andere als das – sie macht ja unsere Welt erst aus!

Dieses eine Prinzip von dem ich spreche ist das geistige Prinzip – alles ist Geist. Wenn man dieses Prinzip versteht, versteht man auch, was die Dinge in ihrer Unterschiedlichkeit gemeinsam haben, wie sie einander brauchen um existieren zu können. Wie ein Ding, um ein Ding sein zu können, Grenzen braucht, und wie es (daher!) die anderen Dinge braucht, damit es Grenzen finden kann. Und (nur) in diesem Sinn hat sogar die größte Unterschiedlichkeit auch den Aspekt der Einheit! Ganz so, wie es Anaximander ausdrückte:

Die Grenzen eines Dinges sind die Grenzen eines anderen

Man versteht dann, dass das Gute das Böse bedingt, und umgekehrt. Dass ein Mensch nur existieren kann, in einer Unterschiedlichkeit von etwas anderem. Man versteht dann auch Grenzziehungen, sei es im Privaten (denken wir an einen privaten Rückzug; denken wir an einen Eremiten), oder auch im Gesellschaftlichen (beispielsweise Landesgrenzen) als Ausdruck dieses Prinzips.

Nun wäre es völlig verfehlt, wenn man alles ist eins so verstünde, als müssten wir Menschen diesem göttlichen Prinzip hier, in dieser Welt, zum Durchbruch verhelfen. Das wäre dumm, und durchaus gefährlich, denn hier würde etwas sträflich missverstanden. Nein, wir Menschen brauchen dem Prinzip nicht zum Durchbruch zu verhelfen, denn das Prinzip ist intakt – das war es immer und wird es immer sein. Wir Menschen können nicht Gott spielen und wir müssen nicht der Unterschiedlichkeit in ihrer Begrenztheit den Kampf ansagen. Wir müssen nicht Yin und Yang erfinden (das Prinzip des Yin und Yang ist das hier besprochene Prinzip in einer Variation), und müssen auch nicht Yin und Yang durchsetzen, denn das Prinzip ist bereits in uns – wir selbst sind sein Ausdruck.

Wir sollten das Prinzip verstehen, aber dann bitte richtig verstehen. Verständnis ist der Schlüssel zu verständigem Handeln, dem Vermeiden von Falschem. Verständnis ist aber nicht der Schlüssel zur Auflösung der Dinge der Welt … in Allem.

Hier, in dieser Welt, ist die Unterschiedlichkeit die Quelle der Dinge, der Grund für die Dinge. Und das dem zugrunde liegende Prinzip heißt: alles ist eins – es bedeutet: alles entstammt dem unbegrenzten Raum der Möglichkeiten, dem wahrhaftigen „All“ (das Alles), dem Nirvana, welches nur einen kleinen Makel hat: es existiert nicht im menschlichen Sinn. Das menschliche Sein hingegen kommt zu Stande in der Unterschiedlichkeit der Dinge. Denken wir ganz direkt an uns: ein Mensch muss sich von einem anderen unterscheiden, wie könnte er sonst sein?

Hier bei uns sind 1 + 1 =  2. Wäre alles eins, im plattesten Sinn, gäbe es nicht einmal die Eins, denn was wäre dieses Eine, wenn es sich nicht von etwas anderem unterschiede? Dann könnte keine Gleichung entstehen 1 + 1 …

Die Zahlen sind Ausdruck der Unterscheidbarkeit der Dinge, sind Ausdruck unserer Welt. Die erste eigentliche Zahl ist die Zwei – sie symbolisiert das Enstehen des ersten Unterschiedes zwischen einem Ding …. und etwas anderem.

 

Alles ist Eins – bedeutet das, die Welt sei ohne Grenzen … grenzenlos? was last modified: Dezember 20th, 2017 by Henrik Geyer