Herz der Finsternis – mein Review

Neulich las ich „Herz der Finsternis“ – ein sehr bekanntes Buch von Joseph Conrad. Ich wollte es schon immer einmal lesen; es ist ja bekannt, fast schon legendär, vielleicht auch durch den Film „Apocalypse Now“, der sich des Stoffs annimmt und in einen (Anti-)Kriegsfilm verwandelt. Der Film „Apocalypse Now“ ist mir zwar ikonenhaft in Erinnerung geblieben, mit seinen angreifenden Hubschraubern zu den Klängen des Walkürenrittes, dem gegen den Dschungel kämpfenden kleinen Militärboot, den bombastischen Feuersbrünsten etc.. Aber ich habe mich auch immer gefragt, was uns der Film eigentlich sagen will, mit seinem vom Marlon Brando gespielten Colonel Kurtz, der im Dschungel eine Art Königreich von eigenen Gnaden errichtet und nun fernab und quasi unabhängig von der Militäradministration, lebt. Er philosophiert am Ende des Films wirr-langweilig. Ist er verrückt geworden?

Insofern war ich gespannt auf das Büchlein (Büchlein: Viel mehr als ein schmales Bändchen ist es eigentlich nicht, ich war nach zwei Abenden des Lesens „durch“). Es hat auch einen mich sehr ansprechenden Titel – das Herz der Finsternis interessiert mich, denn die Finsternis ist mysteriös und spannend, als der Herkunftsort jeder Phantasie …

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Ich halte das Buch für eine philosophische Betrachtung in Form einer Erzählung. Es geht ihr im Wesentlichen um die Frage, was den Menschen ausmacht, und ob nicht die menschliche Kultur mit all ihren „Errungenschaften“, als recht dünner und brüchiger Firnis über einem unveränderlichen Wesenskern des Menschen aufgetragen ist. Dieser Wesenskern findet sich im Gentleman englischer Prägung ebenso gut, wie im Eingeborenen Afrikas. DAS ist das eigentliche Herz der Finsternis: Alles ist möglich, der Mensch ist nicht als höheres Wesen an irgendwelche kategorischen Imperative gebunden, seine hochentwickelte Gesellschaft beruht letztlich auf den selben Prinzipien von Gier, Macht und Gleichgültigkeit, die auch überall dort zu finden sind, wo diese Gesellschaft nicht ist – beispielsweise im Dschungel Afrikas.

Es war des Öfteren zu lesen, in „Herz der Finsternis“ gehe es um eine Kritik am Kolonialsystem, und der daraus folgenden Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung Afrikas. Aber das, finde ich, trifft es einfach nicht, denn die Schwarzen werden im Buch nicht als irgendwie besser dargestellt (der edle Wilde), sondern eigentlich eher als ein Abbild der Weißen, nur eben natürlicher handelnd, sich ihrer selbst weniger bewusst und damit unverfälschter seiend; sie sind sozusagen das die Finsternis im Herzen des Gentleman; ihre Urgesellschaft ist der unveränderte Wesenskern der modernen Gesellschaft.

Die Dunkelheit – wenn man so will, ist auch: Das Unbewusste. Es ist überall. Die Dunkelheit ist in uns und begleitet uns! Das Buch geht gleich los mit einer sehr phantasievollen Vision. Die Rahmenhandlung ist ja, dass vier Personen auf einem Themseschiff von London aus in Richtung Themsemündung fahren, um das offene Meer zu erreichen, und von dort aus noch weitere Fernziele. Während sie also Richtung Atlantik unterwegs sind, spricht einer davon, wie es wohl für die römischen Eroberer Englands vor 2000 Jahren gewesen sein muss, in die Region des heutigen London vorzustoßen. Und, bevor noch das Buch seine Bilder entfaltet, erahnt man, dass die Reise der Legionen auf der Themse in Richtung des wilden Kerns des für sie unentdeckten Britanniens, eine ebensolche Reise in die Finsternis gewesen sein muss, wie jene Reise ins Herz Afrikas, von der im Buch dann später die Rede ist.

Das Herz der Finsternis, es ist auch London, diese glitzernde und glänzende Stadt. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden hier Römerschädel eingeschlagen, in der überaus einleuchtenden Überzeugung, hier komme der böse Feind, und nicht etwa der Vorbote einer Hochkultur! So ist es offenbar einfach die eigene Überzeugung, die die Wahrheit so wahr macht – Wir sind im Recht! DAS hat sich am Herzen der Finsternis auch nicht geändert! Das heutige London basiert auf demselben Prinzip – nur die äußerlichen Merkmale sind scheinbar verschieden. Aber die Geschichte schreibt der Sieger und die Wahrheit ist immer seine Wahrheit, und zwar ohne(!) dass man diese Wahrheit kritisieren könnte, als eine falsche Wahrheit. Anders gesagt ist es einfach das Wesen der Wahrheit, subjektiv zu sein.

Und so, wie die römischen Legionen in das Herz der Finsternis (das heutige London ) reisten, das sich durch sie in eine andere Art von Finsternis verwandelte, so reist der Erzähler (Mr. Marlow) dann in sein Herz der Finsternis, den Dschungel des Kongo. Alles wiederholt sich. Die Reise des Mr. Marlow ist natürlich eine äußerliche, eine geographische, aber sie ist auf den zweiten Blick auch eine psychologische, in die unentdeckten innereren Welten seines eigenen Ich.

Die Erde wirkte unirdisch. Wir mögen es gewohnt sein, die hingestreckte Gestalt eines besiegten Untiers zu betrachten – hier aber sah man einem Ding ins Auge, das ungeheuerlich und frei war. Es war unirdisch, und die Menschen waren … Nein, sie waren nicht unmenschlich. Und seht ihr, das war das Schlimmste dabei – dieser Verdacht, daß sie eben nicht unmenschlich waren. Es überkam einen ganz langsam. Sie heulten und sprangen und drehten sich und schnitten furchtbare Gesichter; was einen aber peinigte, war der Gedanke an ihre Menschlichkeit, gleich der eigenen, der Gedanke, daß man mit diesem wilden und verzweifelten Aufruhr entfernt verwandt war. Fürchterlich. Ja, es war fürchterlich genug; wenn man sich aber Manns genug fühlte, dann gestand man sich ein, daß in einem selbst der Schimmer einer Antwort auf den furchtbaren Freimut des Getöses lebte; eine dunkle Ahnung, daß ein Sinn sich dahinter berge, der einem selbst, so himmelfern man der Nacht der ersten Zeiten auch war, verständlich sein könnte. Und warum nicht; Der Menschengeist ist zu allem fähig, weil er alles umfaßt, die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft. Was war schließlich das vor uns; Freude, Angst, Kummer, Ergebenheit, Tapferkeit, Wut – wer kann es sagen; – Aber Wahrheit, Wahrheit, des Zeitgewandes entkleidet.

Mr. Kurtz

Was nun den Mr. Kurtz angeht, das Ziel der Reise des Erzählers der Rahmenhandlung: Er ist Agent im Auftrag einer englischen Handelsgesellschaft, der jene Güter beschaffen soll, die die Daheimgebliebenen reich machen. Er hat sich im Dschungel des Kongo ein eigenes wildes Königreich erschaffen (eben ganz wie der Colonel Kurtz des Films „Apocalypse Now“). Sein Mittel zum Zweck: Er scheint die Ureinwohner einfach so zu nehmen, wie sie sind! Er ist derjenige, der die Fesseln der Zivilisation abstreifen kann, sich der Phrasen entledigt, und nun, mit den Mitteln der Moderne, also ihren Waffen und Technologien, aber auch dem Verständnis der Schwarzen entsprechend, selbstherrlich regiert. Den Staketenzaun vor seinem Dschungelanwesen schmücken abgeschlagene Köpfe der Eingeborenen – eine Tatsache, die ihm unter der einheimischen Bevölkerung viel Ehre einbringt. Er ist derjenige, der den Glauben an die Zivilisation über Bord geworfen hat. Tat er es, um im Dschungel zu überleben, was ihm recht erfolgreich gelingt? Oder ist er ein Philosoph, der ganz neue Erkenntnisse gewann, die er nun der Welt mitzuteilen hat? Kurtz spricht ja davon, er wolle seine „Ideen“ der Welt mitteilen – im Buch steht nicht, welche genau das sind. Und man ahnt schon, dass die Ideen des Mr. Kurtz der englischen Snobgesellschaft so gar nicht ins Konzept passen werden, wenn auch eben diese Snobgesellschaft im Kongo auf gar nichts anderes aus ist, als die Ausbeutung des Elfenbeins, also die Stoßzähne von Elefanten (würde das nicht jeder „Wilde“ genau so machen?). Oder ist Mr. Kurtz ob der „unmenschlichen“ Verhältnisse im Herzen der Finsternis (die ja eben gar nicht unmenschlich sind), einfach verrückt geworden?

Dreimal „ja“, würde ich sagen. Die Verrücktheit liegt ganz im Auge des Betrachters – zweifellos ist Kurtz, wenn er auch der englischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten hätte, vom äußerlichen Glauben abgerückt, und somit verrückt – aus der Sicht dieser Gesellschaft nicht erkennbar. Aber natürlich auf sehr funktionale Art – sein kleines Königreich funktioniert und prosperiert, und zwar auf die in England gewünschte Weise. Er ist verrückt, weil die Gesellschaft Englands an etwas anderes glaubt, als er, der den Dingen im Herzen der Finsternis auf den Grund ging. In England glaubt man, ganz anders zu sein, kultiviert natürlich – er jedoch weiß es besser.

Um Glauben geht es nun einmal, denn wie gesagt, die Wahrheit ist relativ; die Finsternis ist überall, man muss sie nur sehen können. Die Wahrheit ist das, woran man glaubt. Das allein ist ein sehr unheimlicher, finsterer Gedanke.

Grundsätze? Grundsätze genügen nicht. Die sind äußerlich angehängt wie Kleider – bunte Fetzen, die beim ersten Zupacken davonfliegen. Nein – man braucht einen ehrlichen Glauben.

Die Finsternis, das ist im Buch eine oft wiederholte Paraphrase für das Unentdeckte, das Unheimliche, das aber wohlgemerkt, eigentlich nicht in tausenden Kilometern Entfernung „lauert“, nicht nur im Herzen Afrikas. Sondern, sie ist hier, in uns, bei uns, mit uns. Eine Verbindung zur Finsternis entsteht sofort, wo die Ideen des Mr. Kurtz in den Köpfen der Menschen bewegt werden, beispielsweise wird es bei einem Gespräch des Erzählers mit der Verlobten des Mr. Kurtz finster im Zimmer, als die Rede auf den inzwischen verblichenen Kurtz kommt.

Die Finsternis ist dem Autor durchaus unheimlich, das merkt man, und auch die Metapher des Finsteren hat ja etwas Bedrückendes. Es ist fürchterlich, wenn der Mensch entdeckt, dass er dem Tierischen kaum entrückt ist, wo er doch bisher glaubte, von der Natur völlig verschieden zu sein! Die Finsternis – das sind die im Dunkeln lauernden Dämonen, die, wenn wir es recht bedenken, uns zu steuern scheinen, und die immer wieder das aus uns hervorrufen, was wir doch als „zivilisierte Menschen“ an uns partout nicht sehen wollen, und was wir strikt verleugnen!

Die Finsternis ist, so könnte man sagen, das durchaus in diese Zeit fallende Unbewusste Freuds. Diese unheimliche Entität, die uns einerseits begleitet, uns aber dennoch nicht bekannt ist – hier ist ein irrationales Paradoxon (schon wieder unheimlich): Das Unbewusste, von dem wir wissen, ist ja schon nicht mehr unbewusst!

Und die Finsternis ist überall! Sie zu sehen ist eher eine Frage der Phantasie, eine Frage der Erkenntnis auch. Das Buch endet, als die Reisenden der Rahmenhandlung die Themsemündung erreichen.

Die Mündung war von einer schwarzen Wolkenbank umlagert, und die ruhige Wasserstraße, die zu den letzten Enden der Welt führte, strömte düster, unter bedecktem Himmel dahin, wie in das Herz einer ungeheueren Finsternis.

Herz der Finsternis – mein Review was last modified: Februar 10th, 2019 by Henrik Geyer