Materialismus vs Spirealismus – als Vorstellung

Materialismus ist die Vorstellung, dass die Menschen einzelne Individuen sind, die Materie außerhalb des eigenen Geistes beobachten. Damit einher geht die feste Annahme, diese Materie, diese außerhalb des Geistes liegende Welt, ließe sich auf eine endgültige Weise beschreiben, trage unverrückbare Naturgesetze in sich, etc..

Materialismus ist eine Grundannahme, die wir wohl alle kennen, und die 99 % der Menschen in sich tragen. Die Menschen befestigen sich gegenseitig in ihrem Glauben, denn das, was „alle“ für richtig halten, müsse wohl auch stimmen, meint jeder. DAS zu hinterfragen gilt als unnütz und dumm.


Spirealismus ist die Vorstellung, dass es jenseits des Geistes kein Element gibt, das von Geist wesentlich unterscheidbar ist. Alles ist Geist. Sollte der Spirealist Materie erklären müssen, würde er von einer quantitativen Unterscheidung sprechen – etwa so, wie man sagen kann, dass auch ein Apfel die Erde anzieht, und dass das Gravitationsgesetz auch umgekehrt gilt: Der Apfel zieht die Erde an, nicht nur die Erde den Apfel. Ebenso wird das Vielgedachte fest, aus dem Blickwinkel des Weniggedachten. Das bedeutet aber nicht, dem Vielgedachten mangele die Eigenschaft jedes Gedankens, nämlich die der grundsätzlichen Freiheit.

Alles ist Gedanke. „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Schopenhauer) – das ist dem Spirealismus die eigentliche Realität. Anders als Schopenhauer, der an der Materie die Richtigkeit seiner Aussagen beweisen will, ist der Spirealismus überzeugt, dass die Materie eine „Erfindung“ der Menschen ist. Man kann an ihr nicht den Spirealismus beweisen, weil es die Materie, im Sinne des Materialismus, als außerhalb des menschlichen Geistes, nicht gibt. Die Materie in Gedanken zu bewegen bedeutet, ihr Existenz zu geben … und auf etwas zu weisen und zugleich zu sagen: „Siehe, es ist nicht da!“ ist insbesondere dem Materialisten sinnlos.

Die Vorstellung

Während der Materialismus also die Vorstellung beinhaltet, die wir wohl alle kennen, nämlich die, wir seien Beobachter eines materiellen Außen, ist die Vorstellung des Spirealismus deutlich schwerer zu erklären, denn sie ist uns eigentlich völlig fremd und ungewohnt.

Ungewohnt – mehr aber auch nicht, denn aus eigenem Erleben kann ich berichten, dass auch die Vorstellung des Spirealismus zur Gewohnheit werden kann. Sie ist nicht unangenehm, sie dehnt gewissermaßen den Raum. Sich vorzustellen, dass die Gedanken die eigentlichen Erzeuger der Realität sind, lässt die strikten Begrenzungen, die wir überall sehen, dehnbar werden.

Wenn der Spirealismus die Welt als eine Vorstellung begreift, dann ist damit auch gesagt, dass die Welt in Vorstellungen kreiert wird. Vorstellungen haben es an sich, vielfältig und gewissermaßen flüssig zu sein. Vorstellungen können jede Form haben. Anders, als es der Materialist von „der Welt“ annimmt. Diese könne es nur einmal geben, und sie sei eindeutig beschreibbar, meint er.

Als Gleichnis: Der Spirealismus sieht die Vorstellung der Welt ganz ähnlich, wie wir Menschen wiederum im Computer Vorstellungen kreieren, die einerseits  zu den Vorstellungen passen, die wir bereits haben – man denke an irgendein Bild, das schließlich auf einem Computerbildschirm entsteht. Denken wir an ein Bild von Menschen in einer Stadt. Andererseits haben diese Vorstellungen in ihrem „Ursprung“ (im Computer) eine ganz andere Form als jene, die schließlich als Bild auf dem Bildschirm entsteht. Es sind Nullen und Einsen. Oder es ist Strom oder kein Strom. Oder es ist eine Leiterplatte – dies wäre der Standpunkt des Informatikers. Und so, wie auf dem Computerbildschirm ein räumliches Bild erscheint, das jedoch mit der räumlichen Anordnung der Information im Computerspeicher nichts zu tun hat, sieht der Spirealismus keinen eindeutigen Zusammenhang jeglicher Vorstellungen mit etwas Festem, mit Materie.

Das bedeutet auch: Die Vorstellungen, und damit jede Vorstellung, auch die von einer Welt, ließen sich stets in eine Unendlichkeit anderer Vorstellungen transformieren, und könnten, im jeweils gewählten Zusammenhang, stimmig sein!

„Die Welt“ kann alles sein. Aber … warum können wir das nicht sehen? Aus der Sicht des Spirealismus deshalb, weil wir Menschen begrenzt sind. IN UNS wird das Mögliche zu Etwas. IN UNS wird das Allgemeine konkret. Die Grenzen des Möglichen sind nicht außerhalb von uns, in der Materie, sondern in uns.

Dem angefügt sei noch das Folgende: Die Grenzen der Welt sind gewissermaßen „in“ uns, jedoch nicht dergestalt, dass wir sagen können, wir könnten uns die Welt einfach anders ausdenken, so wie das von esoterischen Heilsbringern oft verkündet wird. Dies zu glauben wäre Materialismus; es wäre die typische Sichtweise des Materialismus auf Geist, nämlich Geist als etwas vom Menschen Ausgehendes. Nein, die Grenzen kommen durch uns zum Ausdruck, sind aber durch uns nicht einfach aufhebbar. Aufheben oder dehnen können wir die Grenzen nur in einem sehr engen Maß. Wir können es übrigens umso mehr, je mehr wir die Nichtexistenz der Materie überhaupt begreifen/verstehen/glauben können.

Kurz: Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht als Beobachter der Schöpfung. Das heißt: Wir und die Schöpfung sind nicht getrennt. Die Schöpfung – als zugleich der Prozess und dessen Resultate – sind, zumindest uns, ununterscheidbar. Beides ist Schöpfung: der Prozess und das Resultat, der Gedanke und die Materie. Wir sind Element von etwas Größerem; etwas, das durch uns nicht einsehbar oder änderbar oder erklärbar ist. Der Spirealismus sieht dieses unveränderliche Prinzip, dieses Unerklärliche, dieses Irrationale. Er sieht es, weiß um dessen Existenz, aber versucht nicht es zu erklären.

Denn wer Gott unter bestimmten Formen sucht, der ergreift wohl die Form, aber Gott, der in ihr verborgen ist, entgeht ihm.

Meister Eckhart
spätmittelalterlicher Theologe und Philosoph
geb. um 1260, gest. 30. April 1328 in Avignon

Der scheinbare Vorteil der Beweisbarkeit

Dem materialistischen Denker ist die spirealistische Vorstellung unangenehm, da sich in ihr alle letztendlichen Weltbeweise auflösen. Ganz anders als der Materialismus, der vollmundig in jedem Zeitalter verkündete und verkündet, die Welt-Erkenntnis auf die Spitze getrieben zu haben und die Herkunft der Welt nachweisen zu können. In unserer Zeit ist es die Vorstellung von einem Urknall, die uns Antwort auf die Fragen aller Fragen ist.

Was hingegen hat der Spirealismus zu bieten? Keinen Knall, nicht einmal etwas anderes? Kein Schleichen, kein Loch im Nicht-Sein, kein Raum-Zeit-Existenzsprung? Dann kann es nicht richtig sein!

Jedoch ist, wie gesagt, der Spirealismus auch eine Denkgewohnheit. Diese Denkgewohnheit benötigt keine Beweise für die „letzten Fragen“, denn sie weiß, dass es solche Beweise nicht geben kann. Vielmehr sieht der Spirealismus die Kausalität, das Finden von Gründen, als eine Funktionalität der Vorstellung, des Geistes, und damit der Weltentstehung. Die Kausalität, und mithin die aus ihr entstehenden Vorstellungen, muss es wohl geben. Dass man aber mit Hilfe der Kausalität zur Quelle der Kausalität vorstößt, hält der Spirealismus für unmöglich.

Mit derselben Leichtigkeit der Denkgewohnheit, aus der heraus Hume sagt, man müsse letztendlich an eine existierende Außenwelt glauben, sagt der Spirealismus, dies sei selbstverständlich nicht der Fall. Ebenso wenig wie man (ich komme auf das Beispiel zurück), auf einem Computerbildschirm Menschen in einer Stadt sehend, davon ausgehen muss, diese Menschen in einer Stadt seien im Computer.


Das Festwerden der Welt durch Kausalität, durch Zeitbezüge, und damit das Treffen (fester) Aussagen, kann und muss nicht umgangen werden. Denn die jeweils von uns so empfundene „Realität“ wird durch den Spirealismus nicht negiert, sondern ist ihm Ausgangspunkt jeder Überlegung. Der Spirealismus ist aber die Verabschiedung der Vorstellung von irgendeiner durch den Menschen zu treffenden, allerletzten Aussage oder Wahrheit. Denn die Wahrheit entsteht ja erst – durch den Menschen. Der Mensch als EIN Ausdruck eines Kontinuums aus Geist.

 

Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen „auf den Grund“ zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst, verunendlichfacht: wen die ganze maßlose Fülle des Lebendigen nah und fern schließlich seines vermeinten Verantwortungsgefühls – als ob auf ihm just alle Pflicht und Schwere läge – lächeln macht -, er wird in seinem und in allem Leben einigermaßen gerecht werden können. Alles Vereinfachen tötet, (denn es führt zum Buchstaben, zur Ruhe, zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten; was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und restlos alles.

Christian Morgenstern
deutscher Dichter und Schriftsteller
geb. 6. Mai 1871 in München; gest. 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn

 

 

Materialismus vs Spirealismus – als Vorstellung was last modified: Juni 4th, 2018 by Henrik Geyer