Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität

Yin und Yang allgegenwärtig - Kampf und Einheit der Gegensätze 2 [SPID 4150]

Liebe und Hass, Gott und der Teufel, Schöpfer und Werk, Christ und Antichrist, hell und dunkel, aber auch Konkreteres wie Nazis und Linke, Naturzerstörung und Umweltschutz, Krieg und Frieden, sind Teile des menschlichen Weltverständnisses und stellen sich als unversöhnlich dar. Kann man diese Gegensätze, die Prinzipien von Polarität und Dualität, aufheben, vielleicht durch Verständnis „heilen“?

Polarität und Dualität

Man bezeichnet, was sich als unvereinbarer Gegensatz gegenübersteht als Dualismus. In dem Gastbeitrag Polarität und Dualität ist die Sichtweise der Unterscheidung sehr gut herausgearbeitet, es heißt darin, Zitat:

Polarität wird häufig mit Dualität verwechselt. Dualität bedeutet: eine Zweiheit bildend, in voneinander unabhängiger Gegensätzlichkeit. Im philosophisch-religiösen Bereich ist es die Lehre von zwei unabhängigen ursprünglichen Prinzipien im Weltgeschehen: Gott-Welt, Leib-Seele, Christ-Antichrist usw.  Im Unterschied hierzu sind Polaritäten nie voneinander unabhängig.

Man sieht hier bereits die Denkschwierigkeit, die sich aus dem Begriff der Dualität ergibt. Was ist dieses Etwas, das der genaue Gegensatz von etwas anderem ist, aber von diesem Anderen völlig unabhängig?

Aus spirealistischer Sicht ist ein unauflöslicher Widerspruch, ein unabhängiges Gegensatzpaar, nicht möglich. Denn, gerade wenn man etwas in einem genau gegenteiligen Verhältnis sieht, wird zweifellos ein starkes Verhältnis daraus begründet. Und ein Verhältnis lebt von der Stellung der Teile zueinander, von Unabhängigkeit kann keine Rede sein.

Man kann sich das wie folgt vorstellen, zum Beispiel im Denken eines Christen: Wie soll es einen Gott geben, ohne Welt? Die wichtigste Eigenschaft Gottes ist es ja gerade, die Welt erschaffen zu haben. Und umgekehrt : wie soll es eine Welt geben ohne Gott? Wenn Gott das welterschaffende Prinzip ist, so muss es ihn wohl geben, oder ist die Welt vielleicht nicht „da“? Wenn die Welt nicht erschaffen ist, worüber reden wir dann? Wie man die Welt sieht, so sieht man Gott – und umgekehrt.

Oder so: Wie soll es das Gute geben ohne das Böse? Die Eigenschaft des Guten ist es ja gerade, nicht böse zu sein. Und umgekehrt. Je böser das Böse desto besser das Gute.

Oder, ganz weltlich, so: wie kann es Kommunisten geben ohne Faschisten? Wie kann es Reich geben ohne Arm? Auch hier bedingen sich die gegensätzlichen Paare – in einem armen Land ist reich, wer ein paar Ziegen hat. In einem reichen Land ist reich wer viele Millionen hat.

Und: wären alle reich, gäbe es keine Reichen mehr. Denn wo wären die Armen, die zum Bestehen des Reichen unabdingbar sind?

Im Spirealismus formuliere ich das Prinzip des Sich-gegenseitigen-Bedingens, und gleichzeitig Sich-gegenseitig-Ausschließens, so:

Es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Das Eine kann nicht ohne das Andere sein.

Diese Sichtweise ist dem Einzelnen meist völlig unverständlich. Er fragt sich, vielleicht als Kommunist: „Was habe ich mit den Faschisten zu tun?“ Oder als Klerikaler: „Was habe ich, der ich ein guter Christ bin, mit dem Teufel zu tun?“

Die Unvereinbarkeit von beidem kommt in folgendem Satz zum Ausdruck, der zum obigen Zitat zwingend hinzugehört:

Das Eine kann nicht das Andere sein.

Das bedeutet, dass sich ein Etwas, was immer es sein mag, als etwas definiert, das in einem Verhältnis zu etwas anderem steht. Das zwingende Grundverständnis eines Verhältnisses ist, das es aus mehreren Elementen bestehen muss, die sich unterscheiden. Es gibt kein Verhältnis zwischen völlig gleichen Dingen. Noch einmal: Das Eine kann nicht das Andere sein.

Sichtweisen im Wettstreit – konkrete Auswirkung

Im Konkreten bedeutet das: Hätte der Kommunist so viel Verständnis für den Faschisten, dass er sich ihm auf die größtmögliche Art und Weise annähert, dann wäre er selbst ein Faschist. Aber es kommt noch ein Aspekt hinzu: angenommen alle Kommunisten würden das tun, dann verschwände der Faschismus. Wo bliebe er? Er würde als Gegenteil von etwas anderem nicht mehr wahrnehmbar sein.

Kann man sich das vorstellen? Das ist schwierig, aber lassen Sie uns diesen Gedanken dennoch kurz zu Ende denken.

Wenn alle Menschen Anhänger des Faschismus würden, wo bliebe dann die Ungerechtigkeit des Faschismus? Anhänger zu sein bedeutet doch Zustimmung, wohingegen allein die Vorstellung von Ungerechtigkeit die ist, dass man mit ihr nicht einverstanden sein kann.

Am oben Gesagten ist folgende Erkenntnis wichtig:

  • Das Aufheben der Gegensätze ist uns nicht möglich. Wir Menschen sind diesbezüglich begrenzt, sind gefangen.  Um es religiös zu sagen: Wir können nicht Gott sein. Wir können uns aus einer Position nicht „lösen“, die die Grundbedingung unseres Seins ist.

In meinen philosophischen Aussagen habe ich es immer so formuliert:

Wir sind Element der Schöpfung, nicht Beobachter der Schöpfung.

  • Andererseits muss uns zweitens möglich sein, die Gestalt der Gegensätze, ihre Position zueinander, zu beeinflussen. Das aber offensichtlich erst dann, wenn man Punkt 1 tatsächlich versteht. Denn andernfalls ist man das Element, aus dem heraus die Polarität unerkannt fließt, und was man als den eigenen Willen sieht, als die eigenen Entscheidungen, oder auch als das Wirken des Äußerlichen (das Wirken der Natur), ist das, was sich aus dem Zwangsläufig-Polarisierenden des Selbst ergibt.

Element der Schöpfung

Als Element der Schöpfung, muss man sich selbst als Etwas verstehen, durch das hindurch die Schöpfung erst zu Stande kommt. Nur in dieser Sichtweise ist es möglich, Verständnis für das uns eigentlich rätselhafte Prinzip des Selbstbezuges, der weitere Aussagen unmöglich macht, zu gewinnen.

Dieses Prinzip wird versinnbildlicht durch den Ouroboros, eine sich selbst verschlingende Schlange. Man denke auch an das Wort Tautologie – es bezeichnet in der Logik eine Herleitung aus sich selbst, also etwa: Etwas ist eins, weil es eins ist. Oder das bekannte literarische „eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ In der Logik ist dies eine nutzlose Herleitung, denn das Ergebnis des logischen Schließens sagt nicht mehr, als sein Ausgangspunkt. Andererseits aber kennt die Logik keinen klaren Urgrund für nur den kleinsten und alltäglichsten Gegenstand. So dass man sagen kann: Die Dinge der Welt, so fest und klar umrissen sie auch scheinen, haben ihre Wurzeln im Unbestimmten, in der Unendlichkeit. Alles trägt daher, in der Tiefe, den Charakter des Tautologischen.

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ – diese Aussage ist richtig. Richtig aber in einem Sinn, wie man diesen Satz meist nicht versteht. Meist wird der Satz verstanden als: man müsse nicht weiter erklären, was die Rose ist, denn mit dem Wort Rose sei das Wichtige bereits gesagt.

Richtiger hingegen ist es zu sagen: es kann nicht erklärt werden. Denn wir sind Element der Schöpfung. Was wir über die Rose sagen kommt durch uns in die Welt, ist eine Schöpfung. Die Rose existiert nicht in dem von uns gedachten Sinn, in Zeit und Raum, von uns unabhängig. Sondern sie entsteht durch uns, durch Denken. Was die Rose in einem objektiven Sinn sein könnte, jenseits unseres Denkens, ist niemals ermittelbar, denn Objektivität existiert nicht (für uns), ebenso wenig wie ein Denken jenseits des Denkens.

Es gibt nichts Beobachtbares, das vom Beobachter unabhängig wäre.

Yin und Yang

Und so entsteht der Gegensatz der Dinge aus uns. Warum? Weil Teil der Rose wir selbst sind. Was wäre die Rose ohne uns, ohne den, der sie denkt, der sagt: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose..“?

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Und hier kommen wir wieder auf den uns eigentlich unerklärlichen Widerspruch, den die sich selbst verspeisende Schlange verkörpert.
Einerseits beißt sich die Schlange in den Schwanz und verspeist sich selbst, zurück bleibt Leere. Andererseits ist die Schlange im Verspeisen begriffen und solange dieser Zustand anhält, ist sie auch „da“. Gleiches gilt für „die Welt“, denn der Ouroboros versinnbildlicht die Welt in ihrem grundlegenden Prinzip.

Man kann den Ouroboros auch als Verkörperung des dialektischen Prinzips sehen, bei dem aus dem Kampf (bei gleichzeitiger Einheit!) der Gegensätze das stets Neue entsteht, das Dritte.

Man kann es auch so formulieren: Die Schlange beinhaltet sich selbst, und doch ist sie von sich verschieden. Die Schlange verspeist die Schlange – da sind zwei: da ist erstens die Schlange die gerade etwas verschlingt, und da ist zweitens der Gegenstand ihrer Gier. Zählen wir noch das Ergebnis des Augenblicks hinzu, eine Schlange die halb da ist und halb aufgefressen, sind es drei.

Man kann das Symbol des Ouroboros auch in das Symbol des Yin und Yang übersetzen – Ouroboros und Yin/Yang ähneln sich – das Eine durchdringt das Andere, das Eine ist im Anderen. Ohne das Eine nicht das Andere und umgekehrt.

Yin und Yang [SPID 4000]Es ist nicht genau dasselbe, ob man von völliger Vermischung spricht, oder ob man sagt, die Gegensätze durchdringen sich ununterscheidbar und bleiben als Gegensätze dennoch intakt. Yin und Yang, auch Ouroboros, verkörpern den unauflösbaren Widerspruch für das materialistische Denken, verkörpern ein Paradox – und dennoch charakterisieren sie die Beschaffenheit der Welt auf die bestmögliche Weise.

Man bedenke: wenn Yin ununterscheidbar im Yang aufginge – was wäre dann „da“? Die Antwort ist: Nichts! Bildlich überlegt könnte man sich vorstellen, dass sich schwarz und weiß zu grau durchmischen. Was wiederum wäre grau auf grau? Grau wäre nur erkennbar als Gegensatz zu etwas anderem – und da sind sie wieder: Die existenziellen (für die Existenz notwendigen) Gegensätze. …. Und das Prinzip der Gegensätze wiederum ist eben durch Yin und Yang bereits verkörpert.

Das bedeutet: Das völlige Verschmelzen der Gegensätze ist Aufgehen in Allem, ist Nirvana, ist Tod. Das Existieren der Gegensätze ist selbst Existenz.

 

Aus der Existenz der Gegensätze, die durch uns in die Welt kommen, können wir uns nicht lösen. Wir können sie nicht im eigentlichen Sinn „überwinden“. Wir können sie lediglich in der Schärfe der Trennung mildern – und haben dafür nur ein Werkzeug: Verständnis.

Verständnis, eben für das dargelegte Prinzip, nämlich, dass das Eine das Andere bedingt, und zwar in zwei Richtungen: Das Eine kann nicht das Andere sein, aber das Eine kann auch nicht ohne das Andere sein.

Polarität ist der Urgrund und die Urbedingtheit der Welt.

Polarität und Dualität – es gibt nur Polarität

Aus diesem Grund habe ich den Artikel überschrieben mit „Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität“.

Es gibt keine Dualität im Sinne eines objektiven Gegensatzes. Ein Gegensatz also, der außerhalb und unabhängig von uns vorhanden wäre … und daher uns unauflösbar. In uns entstehen die Gegensätze und in uns und mit uns lösen sie sich auch auf.

Etwas, das von etwas anderem unabhängig wäre, und gleichzeitig in einem Zusammenhang gedacht wird, existiert nicht. Etwas, das der unbedingte und unauflösbare Gegensatz von etwas anderem ist, kann nicht sein – jedenfalls nicht außerhalb von uns selbst.

Was ich mit dem oben Gesagten darlegen will, ist, dass die Überlegungen zu Polarität und Dualität erstens in unserer Welt sehr konkrete Auswirkungen haben. Wenn man über Gott und den Teufel spricht, über den Schöpfer und die Schöpfung, dann klingt das alles sehr vage und theoretisch. Wenn man aber über Rechts und Links spricht, Kommunismus und Faschismus, Krieg und Frieden, das Richtige und das Falsche tun, im Jetzt, dann nehmen diese Überlegungen eine viel konkretere Form an und man erkennt ihre Wichtigkeit. Man kann diese Überlegung als eine Grundhaltung in der täglichen Auseinandersetzung gut nutzen, ich will in einem weiteren Artikel konkretisieren, auf welche Weise.

Lesen Sie weiter: Polarität überwinden – Lehre des Spirealismus

 

 

 

Polarität und Dualität – es bleibt die Polarität was last modified: Oktober 3rd, 2016 by Henrik Geyer

Gut ist böse, böse ist gut

Gut ist böse, böse ist gut - Dr. Manhattan sieht mehr [SPID 3992]

in diesem Artikel bespreche ich die philosophisch- spirituellen Aspekte des Films Watchmen und die Frage: gut und böse – was ist das?

Watchmen ist vordergründig ein Film um eine Gruppe Superhelden, die Watchmen. Der Film spielt in einer parallelen Realität, im Jahr 1985. Der Name Watchmen (Wachmänner) ist Programm, die Watchmen haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Böse zu bekämpfen, und wo es geht, es auszumerzen. Und – man möge es glauben – sie sind wirklich nicht böse, sondern gut!

Gut ist böse, böse ist gut - völlig fremde Welten im Welten-Raum [SPID 3991]
Gut ist böse, böse ist gut – völlig fremde Welten im Welten-Raum

Watchmen ist kein „Kinospaß“

Ich habe den Film vor Jahren im Kino gesehen, er kam mir damals verworren, zynisch, gewalttätig und überlang vor. Er hatte aber eine faszinierende Bildsprache, wie ich damals fand. Entgegen zeitweiliger Impulse das Kino zu verlassen, blieben wir bis zum Ende.

Nun habe ich den Film noch einmal gesehen, habe auf Wikipedia die Geschichte der Watchmen gelesen, die ich vorher nicht kannte. Das hat mir manche Logiklücke geschlossen, und ich konnte die spirituell-philosophische Tiefe von Watchmen würdigen. Und die hat mich zutiefst beeindruckt, daher schreibe ich diesen Artikel.

Dennoch sei noch einmal gesagt: Watchmen ist kein Kinospaß, kein Actionkracher, kein Buddyfilm und auch eigentlich kein „richtiger“ Superheldenfilm, denn die Superhelden sind doch allzu menschlich. Watchmen ist oft explizit gewalttätig, enthält Sexszenen und ist oft, wie mancher es empfinden wird, zynisch.

Doch Watchmen ist ein bildgewaltiges Epos um Gut und Böse, und könnte (Erwachsene!) kaum mehr faszinieren. Seine Länge von über 2 Stunden ist eigentlich wohlbemessen. Der Film ist eine lange Meditation über Gewalt, den Kampf der Gegensätze in der Welt, und wie es dem Menschen möglich ist, sich daraus zu lösen.

Gut ist böse, böse ist gut - Liebe in Zeiten des Atomkrieges [SPID 3990]
Gut ist böse, böse ist gut – Liebe in Zeiten des Atomkrieges

3D Superhelden

Die Superhelden in Watchmen werden uns dreidimensional gezeigt – sie wollen wahrhaftig nur das Gute, doch erscheinen sie im Film teilweise alles andere als gut, oft alles andere als menschlich. Sie haben, um dem Recht Geltung zu verschaffen, ganz andere Mittel zur Verfügung als der Normalmensch, doch unterliegen sie den Zweifeln und den Schwingungen des menschlichen Gemütes. Und ihre Methoden reichen je nach charakterlicher Disposition von Splatterbrutalität (Rohrschach) zu philosophischer Gleichgültigkeit (Dr. Manhattan).

Und das Faszinierende ist: wir sehen den Superhelden-Charakteren dabei zu, wie sie sich entwickeln. Sie stellen sich Fragen, beantworten sie, kommen weiter…

Gut ist böse, böse ist gut - Kriegsverbrechen in Vietnam [SPID 3988]
Gut ist böse, böse ist gut – Kriegsverbrechen in Vietnam

Die Ambivalenz von gut und böse

Die Filmrealität von Watchmen spielt in einer Zeit des Vietnamkrieges, einer Zeit der nuklearen Konfrontation der Supermächte, in der die nukleare Apokalypse wie zwangsläufig, wie nur noch eine Minute entfernt, erscheint.

Die Superhelden werden von der Regierung im Vietnam-Krieg eingesetzt, wo sie ihre Pflicht tun, und die Kapitulation Nordvietnams herbeiführen. Doch sie machen sich auch die Hände schmutzig, werden Schuldige an Kriegsverbrechen – ganz ungewollt. So wie die Soldaten dieses Krieges … jedes Krieges.

Der faszinierende Comedian ist ein zynischer Realist – ihm macht es Spaß, gegen Verbrecher mit aller Härte vorzugehen. In Vietnam begeht er ein dem Zuschauer kaum erträgliches Verbrechen. Doch, wie der Film zum Ende hin zeigt, liegt auch im Comedian die Saat des Guten.

Dr. Manhattan hat von allen Superhelden eine übernatürliche Einsicht in Vergangenheit und Zukunft. Doch das führt nicht etwa dazu, dass er sich umso effektiver für das Gute einsetzt. Sondern, er scheint nicht mehr zu wissen, was das Gute ist. Das Gute erscheint ihm belanglos, sich aufhebend, gleich dem Bösen. Er löst sich von der Menschheit und ist nur durch den intensiven Appell seiner Ex-Geliebten dazu zu bewegen, eine letzte Anstrengung zu unternehmen, die Menschheit vor dem endgültigen Untergang zu bewahren. Und kommt dabei, im Gleichklang mit Superheld Ozymandias, dem „klügsten Menschen der Welt“, zu einer überraschenden, brutalen, aber wirkungsvollen Lösung.

Das Gute ist im Bösen. Das Böse ist im Guten

Ich möchte in diesem Artikel nicht den Film wiedergeben, auch nicht seine Pointen verraten.

Ich will nur so viel sagen: wer sich auf diesen Film einlässt, nicht wie man sich auf einen Superheldenfilm einlässt, sondern auf einen schwierigen, vielschichtigen Film, bekommt hier einiges geboten. Einiges auch, was mehr als schwer verdaulich scheint. Und was doch, wie ich glaube, in unserer Zeit mehr und mehr Realität gewinnt. Und was zum Teil mitten ins Herz trifft.

Der Film wirft einen Blick auf den Menschen, aber ohne sein verklärendes Selbstbild vom „gottähnlichen Menschen“. Es stellt die ganz ehrlich gemeinte Frage „Wie können wir der Selbstvernichtung entgehen?“ – und gelangt zu überraschenden Einsichten.

Taugt etwa unser Gut-Böse-Schema in Wirklichkeit gar nicht, um die wirklich wichtigen Fragen zu beantworten? Man bedenke: Sind wir denn nicht immer auf der Seite des Guten, was immer wir tun? Liegt daher denn nicht … im Guten das Böse?

Wie sagte Dr. Manhattan so treffend: „Ich kann alles ändern. Nur das menschliche Wesen, das kann ich nicht ändern.“ Was wir brauchen sind neue Antworten.

Gut ist böse, böse ist gut - ist der Holocaust die beste Prävention des Holocaustes? [SPID 3986]
Gut ist böse, böse ist gut – ist der Holocaust die beste Prävention des Holocaustes?
Gut ist böse, böse ist gut was last modified: September 26th, 2016 by Henrik Geyer

Der Südpol des Menschen ist sein eigentliches Zentrum

Außerirdische erreichen die Erde - [SPID 3979]

Die Interstellare Allumfassende Union (IAU), ein erlesener Verbund der 2.345.982.478 wichtigsten Welten des Universums, hatte Wind davon bekommen, dass in einem unbedeutenden Seitenarm einer unbedeutenden Galaxie eine Zivilisation existierte, die für die Aufnahme in eben dieses wichtige Gremium in Frage kam. Man munkelte, dass auf einem entfernten Planeten namens „Erde“ eine Spezies vorherrscht, die Intelligenz und Tatkraft in sich vereint.

Natürlich, wie das in diesen Fällen immer ist, wurde eine Delegation in einem schnellen Raumschiff entsandt. Nach dem Durchmessen von 424.784 Lichtjahren, einer erschreckenden und schockierenden Strecke quer durch die schwarzen Weiten des Alls, fand sich dieses Raumschiff im Erdorbit ein.

Die Außerirdischen suchten Kontakt. Aber mit wem und wie? Gewöhnlich wird zunächst eine Analyse erstellt. Wer ist der wichtigste Mensch, geeignet als Vertreter der Menschheit? Was sind die Themen der Menschen, was bewegt sie? Was sind also die Dinge, die man am besten den Menschen gegenüber anspricht, welche lässt man weg? Je nach Ergebnis dieser Analyse würde es den Außerirdischen möglich sein, sich mit Hilfe einer ausgefeilten Technologie in einer den Menschen verständlichen Sprache auszudrücken – und die Themen der Menschheit zu adressieren. Auf Grund ihrer formwandlerischen Fähigkeiten würden sie außerdem eine dem Menschen angenehme Gestalt wählen. All dies ist wichtig, um bei der entscheidenden ersten Begegnung mit einer fremden Spezies ja keine Fehler zu machen!

Um nun also die dringendsten Informationen über die Menschheit zu erlangen, schlug einer der außerirdischen Wissenschaftler vor, die menschliche Kommunikation abzuhören und zu entschlüsseln. Was würde sich für dieses Vorhaben wohl besser eignen als das Internet? Das Internet ist der größte offene Daten- und Wissensspeicher der Erde, in ihm kommt außerdem das menschliche Wesen sehr schön zum Ausdruck.

So loggten sich die Außerirdischen mit einem Fake-Account namens „John Smith“ bei Facebook und Twitter ein, sie waren neugierig, wer hier die meiste und lebendigste Gefolgschaft hat … wie die Menschen das nennen: „Follower“.

Es stellte sich heraus, dass die beliebtesten Menschen der Erde eine Gruppe recht eigenwilliger Personen waren, die sich selbst gern in allen möglichen Situationen fotografierten. Wie eine spezielle Research-Gruppe der IAU später in detaillierter Kleinarbeit feststellte, handelte es sich dabei um sogenannte „Selfies“, also Fotos die man von sich selbst macht. Erstaunt sahen sich die außerirdischen Wissenschaftler an. Was für eine grandiose Idee, was für eine hohe Kultur!

Das wichtigste Organ der Menschheit, so legten es die tiefer gehenden Analysen immer wieder nahe, ist sozusagen der Südpol des Menschen, seine Rückseite – dies ist auf den sogenannten Selfies immer wieder das zentrale Thema, und wird auch von den Followern goutiert. Diese Rückseite erscheint, wenn man sie einer genauen fotoanalytischen Vermessung unterzieht und mit einem geringerwertigen Menschen-Exemplar vergleicht, bei den wirklich wichtigen Menschen irgendwie vergrößert.

Natürlich fiel es den außerirdischen Wissenschaftlern auf Grund dieses Materials leicht, die notwendigen Schlüsse über das menschliche Wesen, sein Organ der Aufmerksamkeit und Intelligenz, sozusagen sein Zentrum und sein eigentliches Kapital, zu ziehen.

Das war der Grund, warum die die verwunderte Menschheit später eine „Bande dickärschiger Paviane“ (das waren die Worte des amerikanischen Außenministers) als Gesandte der Interstellaren Allumfassenden Union bei begrüßte. An anderer Stelle war gar die Rede von „Flittchen“. Das war kein Wunder, denn die Delegation der IAU kam, als sie auf die Weltpresse traf, gerade Arm in Arm mit Kim Kardashian aus einem schicken Restaurant. Die Außerirdischen hatten sich in äußerlicher Form und in der Weise ihrer Kommunikation angepasst…

Der Kontakt jedenfalls führte nicht zum Beitritt der Menschheit in das stolze Gremium der Interstellaren Allumfassenden Union. Die Menschheit selbst stand den Außerirdischen mit großer Reserviertheit gegenüber – dergleichen wollte man nun doch nicht!

Und das, obwohl die IAU die denkbar fundierteste Analyse des menschlichen Wesens zur Grundlage ihrer Annäherung gemacht hatte. Man hatte sich jedenfalls Mühe gegeben.

 

Der Südpol des Menschen ist sein eigentliches Zentrum was last modified: September 24th, 2016 by Henrik Geyer

Ist Blues nun traurig oder fröhlich?

Blues Interpreten - Diverse [SPID 3974]

Ich mag Blues-Musik und fragte mich, was denn eigentlich so besonders ist an dieser Musikrichtung. Blues ist doch recht einfach, fast spröde … und ist Blues nicht auch sehr traurig?

Blues ist nachdenklich

Blues hat jedenfalls einiges, das man als tiefsinnig oder spirituell charakterisieren kann. Blues hat Soul und Gospel inspiriert, kommt letztlich aus denselben Quellen, und hat oft umgekehrt viele Elemente von diesen – Gospel-Blues etc.. Es sind beispielsweise übersinnlich klingende Backgroundchöre, Bläsersätze, oder der stampfende und eingängige Sound von Gospel. Die lebensnahen Themen des Blues regen zu tiefem Nachdenken an.

Wurzeln im Leben

Vielleicht könnte man Blues als eine der natürlichsten Musikrichtungen sehen – von einfachen Menschen gemacht und fortentwickelt. Im Ursprung kommt er aus dem Süden der USA. Es ist die abendliche Unterhaltung der Menschen dort, wenn man so will ein Lebensgefühl. Blues könnte in seiner ursprünglichsten Form eine Erzählung über das Alltägliche sein, die von einfachen Gitarrenriffs begleitet wird, und ohne spektakuläre Wendungen vor sich hinplätschert. Ohne Strophen und Refrain, ohne Bridge.

Das wandelt sich natürlich, beim komplizierter und anspruchsvoller werdenden Blues, in den alle möglichen Stile einfließen man denke an Muddy Mississippi Waters, Eric Clapton, Stevie Ray Vaughan …. u.v.m., die eine Progression verkörpern.

Was das Wesen des Blues ausmacht, finde ich in diesem Titel eines jungen Musikers namens Justin Johnson gut wiedergegeben. Er handhabt seine Shackup Bluesguitar so virtuos, als würden 3 Personen spielen, statt einer.

 

Ist Blues-Musik traurige Musik?

Blues ist synonym geworden mit einer nachdenklichen Traurigkeit – aber ist Blues-Musik nun wirklich traurig?

Ich denke nicht. Blues-Musik ist so universell wie das Leben, und gerade die einfachen Momente haben immer beides, das Element der Traurigkeit, wie auch des Humors. Vielleicht auch manchmal des unfreiwilligen Humors.

Blues ist geerdet, ist im Jetzt. Die Themen des Blues sind so simpel wie sinnfällig. Zum Beispiel Lüg mich nicht an!, eine Fahrt auf einem Alabama Highway oder die eigene Freundin. Blues findet das Poetische im Einfachen.

Blues ist einfach, eingängig, der Rhythmus des Lebens. Er hat die kleinen Kicks bzw. Licks, die das Leben schön machen, macht aber auch aus Traurigkeit keinen Hehl. Traurigkeit gehört zum Leben. Der größte denkbare Gegensatz zu Blues-Musik sind vielleicht die „lustigen Musikanten der Volksmusik“, die das Potential haben so manchen eher traurig zu stimmen.

In „I’ll play the Blues for you“ gibt Albert King ein Gespräch mit einem Mädchen wieder, das Mädchen ist traurig, hat den Blues. Er macht dem Mädchen Mut, erklärt einfache Dinge. Albert King spielt ihr den Blues, und dieser Blues ist nicht traurig.

 

 

Blues ist bitter – sweet

Townes van Zandt, ein Country & Blues-Interpret der Siebziger, wurde einmal gefragt, warum die meisten seiner Songs so traurig seien. Und er sagte, die seien gar nicht so traurig, nur hoffnungslos. Sie drehen sich um total hoffnungslose Situationen, aber so sei eben das Leben. Vom Erkennen des Traurigen komme das Fröhliche, und man könne, das Traurige erkennend, sich dem Fröhlichen zuwenden. „Wissen Sie“, sagte er, „Blues ist fröhliche Musik.“

Ich finde, das ist schön ausgedrückt. Hoffnungslosigkeit hält man normalerweise für sehr negativ. Es mag als eine merkwürdige Sichtweise erscheinen, aber Hoffnung hat auch einen negativen, polaren Aspekt – anders gesagt: wo viel Licht ist, muss notwendigerweise Schatten sein. Hoffnung bedeutet ja auch: die Gegenwart für nicht gut halten, auf das Bessere der Zukunft zu hoffen. Man möchte aus dem Jetzt weg.

Ähnliches Thema: Artikel Ohne Hoffnung und ohne Furcht

Blues ist im Jetzt

Blues ist geerdet und kennt den Moment als den höchsten Sinn. Fröhlichkeit, auch Traurigkeit, Genuss eben, liegen nur im Augenblick des Lebens, man findet sie nicht in einem abstrakten Sinn – das ist Blues.

Blues ist bitter-sweet: süß-sauer.

Im Blues wiederholt sich alles, es ist ein langer, manchmal sehr lang ausgespielter Rhythmus. Das, die Variationen, sind der Genuss. So wie das Leben ein Rhythmus ist – der Rhythmus, der in einem selbst ist. Die endlosen Variationen des Lebens werden von erfindungsreichen Gitarren-Improvisationen repräsentiert, die für Blues-Musik typisch sind. Unter Bluesmusikern finden sich, das muss man sagen, die besten und kreativsten Gitarrenvirtuosen.

Ist Blues nun traurig oder fröhlich? was last modified: September 26th, 2016 by Henrik Geyer

Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen

Frühstück bei Tiffanys mit Audrey Hepburn als Holly [SPID 3972]

Den Film Frühstück bei Tiffany’s kennen bestimmt viele, und viele werden ihn in’s Herz geschlossen haben, so wie ich.

Es ist eigentlich kein „spiritueller“ Film, sondern, wie man so schön sagt, eine „leichte Filmkomödie“. Aber für mich ist „spirituell“, was eine besondere, tiefere Bedeutung in den Gedanken gewinnt. Und dieser Film, den ich oft sah, und dessen Melodie ich oft hörte, hat das: eine tiefere Bedeutung.

 

Holly Golightly ist ein Callgirl, eine Prostituierte, im New York der 50er Jahre. Im Film ist Holly, gespielt von der bezaubernden Audrey Hepburn, allerdings so blütenweiß und so rein, dass man diesen Aspekt der Geschichte von Truman Capote eigentlich gar nicht bemerkt. Holly scheint lediglich etwas leichtsinnig zu sein, der Name Golightly hat auch den Anklang von Leichtlebigkeit, von Nichts-wichtig-Nehmen.

Holly ist fest entschlossen, ihr Glück durch Heirat eines reichen Mannes zu machen. Liebe, meint sie, spiele dabei keine Rolle. Sie lernt einen jungen Schriftsteller namens Paul kennen, der sich in sie verliebt, und sie verliebt sich in ihn, will es sich aber nicht eingestehen.

Paul sieht nicht gern, womit Holly ihr Geld verdient. Doch die macht ihm schnell klar, dass er gar nicht so verschieden von ihr ist – im Grunde führt er das Leben eines Gigolo. Denn er lebt von Gnaden einer reichen Frau: wohnt in ihrer Wohnung, nimmt ihr Geld. Als Schriftsteller jedenfalls verdient er (noch) nichts.

Glücks-Sucher

Die beiden, Holly und Paul, sind zwei Glücks-Sucher, jeder auf seinem eigenen, abenteuerlichen Weg.

Holly glaubt, sich nicht festlegen zu dürfen. Sie könnte alles sein, was zu sein man von ihr erwartet. Sie will im Gegenzug nur eins: reich sein.

Konsequenterweise lebt sie ein Leben auf Abruf, nichts lässt sie sich ans Herz wachsen. Der Kater, der bei ihr „nur wohnt“, und mit dem sie, wie sie sagt, ansonsten nichts zu tun hat, ist eine Metapher für ihr freies Denken. Sie hat dem Kater noch nicht einmal einen Namen gegeben, und nennt ihn nur … Kater.

Auch den Schriftsteller Paul will sie nicht in ihr Herz lassen, denn der hat ja nichts.

Moon River von Henry Mancini

Eine geniale Facette des Filmes ist die Filmmusik von Henri Mancini.  Henri Mancini war ein großer Film-Komponist, er erschuf z.B. auch das Thema des Films „Der rosarote Panther“.

Der Song „Moon River“, so befand Henry Mancini einmal, ist von Audrey Hepburn auf die bestmögliche und gelungenste Weise vorgetragen worden, obwohl es sicher tausend Interpretationen dieses Liedes gibt. „Moon River“ ist traurig-schön. Die Verse drücken den Aspekt des Suchens und der Sehnsucht aus. Sie spielen mit den Wortbildern des amerikanischen Selbstverständnisses.

Der Mondfluss ist jener geheimnisvolle Schicksalsstrom, den zu bereisen gleichsam das Abenteuer des Lebens ist. Hinter jeder Flussbiegung kann das Glück warten („waiting round the bend“) – man muss sich nur auf das Abenteuer einlassen. Ähnlich  Huckleberry Finn (my Huckleberry friend), der tausend Kilometer auf einem Floß den Mississippi hinunter fährt, um Freiheit und Glück für sich und seinen Freund Jim zu finden. Huckleberry und Jim sind zusammengeschmiedet, durch ihre Sehnsucht und ihre Suche, und ganz ähnlich sind auch Holly und Paul Schicksalsgenossen. Sie sind Herumtreiber, die sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu sehen … und es gibt so viel Welt zu sehen! Wozu sich festlegen? Reisen bedeutet, Dinge und Orte zu verlassen; besser man reist mit leichtem Gepäck.

Two drifters off to see the world
There’s such a lot of world to see
We’re after the same rainbow’s end
Waitin‘ round the bend
My Huckleberry friend

Eines Tages wird Holly erreichen, was sie sich vorgenommen hat, wird den Fluss in Reichtum und Glück befahren (crossing you in style, some day), da ist sich Holly sicher. Sie und Paul haben die gleichen hochfliegenden Pläne, beide wollen zum Ende des Regenbogens gelangen. Eine schöne Metapher für Glück – das Ende des Regenbogens ist ein verführerisch scheinender Ort, jedoch kann man ihn nicht erreichen … jedenfalls nicht, indem man ihm nachjagt.

Glück ist nicht Suchen

Zum Ende des Films findet Holly was sie sucht: einen reichen Mann zum Heiraten. Alles scheint perfekt, und doch ist sie unglücklich. Der reiche „Knilch“ bedeutet ihr nichts, und sie bedeutet ihm ebenso wenig. Dennoch ist sie entschlossen, ihr Vorhaben umzusetzen. Zum Zeichen ihrer Entschlossenheit überlässt sie „Kater“ seinem Schicksal – auch er soll sich umorientieren, so ist eben das Leben! Im strömenden Regen, zwischen Mülltonnen und alten Kisten soll er sich von Ratten ernähren.

Paul, der das sieht, lässt es nicht zu, und erklärt Holly, dass Glück Ankommen ist. Wertschätzen der Dinge und Menschen, aber nicht unstete Suche. Glück kann man daher in sehr einfachen Dingen finden. Wo man wertschätzt, und wo man wertgeschätzt wird, da ist man auch glücklich. Glück muss man nicht in der Welt suchen, sondern in sich.

Holly sieht das ein, und sucht Kater. Sie findet ihn völlig durchnässt zwischen Müll, nimmt ihn an sich. Im strömenden Regen bahnt sich das Happy End an – man darf vermuten, dass Holly ihren reichen „Knilch“ nicht heiratet, sondern Paul, und dass „Kater“ endlich einen richtigen Namen bekommt.

Weiterlesen: Verloren wie Tränen im Regen.

 

Weiterlesen: Schätzen, was man hat. Wertschätzen.

Ähnliches Thema: Artikel Schätzen, was man hat. Wertschätzen und dankbar sein, wer – man ist und wie man ist

Ähnliches Thema: Glücklich sein – wie geht das? Völlig idiotisch glücklich sein!

Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen was last modified: September 19th, 2016 by Henrik Geyer

Element der Schöpfung, nicht Beobachter – Meine Weltsicht

da ich so viel Philosophisches schreibe, überkommt mich ab und zu das Verlangen, auf eine kürzeste Formel zu bringen, was man auch im Detail ausformulieren könnte. Einmal mehr möchte ich das versuchen und frage mich: Was bewirkt diese ungewöhnliche Sichtweise eigentlich … als Haltung gegenüber dem Leben und den Dingen?

Element der Schöpfung, nicht Beobachter der Schöpfung

Ein Satz, den ich häufig gebrauche, und der Kern meines Spirealismus ist, lautet, dass wir Menschen Elemente der Schöpfung sind, durch die hindurch die Schöpfung fließt, wir sind nicht die genialen Beobachter der Schöpfung.

Element der Schöpfung zu sein, das lässt sich leicht sagen, jedoch ist dieser Satz, indem er ausgesprochen wird, meist nicht verstanden. Elemente der Schöpfung zu sein, nicht Beobachter der Schöpfung, bedeutet beispielsweise, sich zu fragen, ob wir einer Rose, in derselben Logik die wir auf uns selbst anwenden, das Prädikat zuzubilligen wollen, Erfinderin einer effektiv auf Bienen wirkenden Kombination aus roter Blüten-Farbe und einzigartigem Geruch zu sein. Sehen wir das so? Doch wohl nicht!

Umgekehrt … sich selbst als Element der Schöpfung zu sehen, nicht als Beobachter, bedeutet, was man für die Rose sagen würde, für sich selbst wahrzunehmen. Der Mensch ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern ihr Element. Indem er IST, „beobachtet“ er, setzt sich in Beziehung. Indem er ist, erschafft er. Die Rose kann es nur geben, indem sie erschaffend beobachtet wird. So wie sie selbst auch erschafft, durch ihr Sein. Sie erschafft sich selbst, und beispielsweise Denjenigen, der sie pflücken will. Es ist der spirealistische Grundsatz:

Das Eine kann nicht das Andere sein.

und:

Das Eine kann nicht ohne das Andere sein.

Man sieht vielleicht, dass daraus eine ganze Welt an Schlussfolgerungen erwächst, man denke an Begriffe wie Wille, Freiheit, Individualität u.v.m.. Daher schreibe ich darüber Bücher – niemals könnte ich das „in einigen wenigen Sätzen formulieren“, wie manche das möchten.

Wie wirkt sich diese Weltsicht konkret aus?

Ganz konkret, für die Lebensführung, bedeutet das, zumindest für mich:

… alles für möglich zu halten.

Es erzeugt eine gewisse Zurückhaltung in der Beurteilung des Möglichen, wenn man die Welt nicht als statisch, sondern aus den Elementen (z.B. sich selbst) „erzeugt“ sieht. Möglich im Sinne von „in den Schein der Wahrscheinlichkeit tretend“ ist eher, was die Phantasie zu einer Möglichkeit macht.

Phantasie übrigens ist aus spirealistischer Sicht nicht frei, sondern ohnehin in die strenge Regelwelt unseres Denkens eingebunden, aus dem wir alle uns nicht lösen können. So gesehen ist Phantasie nicht irgendein  Quatsch, sondern, wenn man so will, ein Fühler in eine mögliche Realität, die Wahrscheinlichkeit gewinnt, indem der Fühler ausgestreckt wird.

Phantasie als hoher Wert

Im Prinzip könnte „die Welt“ uns vieles sein. Durch unser Denken im Jetzt ist sie aber auf eine bestimmte Gestalt „reduziert“. Sie zu reduzieren, auf eine einzige Möglichkeit, daraus können wir uns nicht lösen – das ist unser Wesen. Wir können uns auch nicht daraus lösen, selbst nur ein Element zu sein, und somit nicht im Vollbesitz von Gestaltungsmacht durch Denken. Aber wir können doch unser Denken in einer begrenzten Art und Weise formen. Das bedeutet: Das, was der Leser dieser Zeilen in diesem Moment für möglich hält, das, was er in diesem Moment für wahr hält, kann er selbst formen! Denn es gibt die Wahrheit nicht in einem von uns unabhängigen Außen. Sie entsteht aus uns – wir sind das Element der Schöpfung, aus der auch die Wahrheit, die wir sehen, erst entsteht.

Und daher sehe ich die Phantasie als einen Schlüssel für die individuelle Welt an. Ich pflege sie, und rate anderen, sie zu pflegen.

Die Welt als Wahrnehmung und Sichtweise – Neugier

Ich bezeichne das metaphysische Irgendetwas, das all die Welten als die Geschöpfe jeder Art hervorbringt, all die Welten in den Köpfen (Ich-Universen), manchmal als Gott, oder den Schöpfer. Indem ich das tue will ich aber nicht sagen, dass dieser Ursprung eine willenhafte Person ist, eine Kopie unserer (materialistischen) Menschenvorstellung, sondern eher eine Kraft, die durch uns z.B. auch das in die Welt bringt, was wir „Wille“ nennen. Diese Kraft wirkt aber universell, nicht speziell auf und für den Menschen, so dass man den Willen auch sonst in der Natur finden kann – zumindest, wenn man dafür eine Wahrnehmungsfähigkeit entwickelt.

Umgekehrt ist dieser Schöpfer, so wie ich ihn verstehe, kein Unmensch, kein Zyniker, der auch all das Grauen zulässt. Er ist überhaupt kein Mensch. Sondern, in seinem Reich ist einfach alles möglich. Es ist an uns, wenn wir denn überhaupt einen Willen haben, und nicht nur fremdbestimmt sind, die für uns guten Welten in uns und durch uns entstehen zu lassen.

Daher ist das meine Neugier: Ich bin daran interessiert, die Wahrnehmungen anderer zu erfahren, deren Wahrheiten und innere Welten. Eine absolute Wahrheit jenseits des Individuums gibt es für mich nicht. Und prinzipiell alles, was andere für möglich halten, könnte auch eine Möglichkeit für mich sein.

Sinn für das Mysteriöse

Der Neugier steht notwendigerweise ein Sinn für das Unerklärliche der Welten gegenüber, eine Wahrnehmung und Anerkenntnis, sogar Suche, nach dem Mysteriösen. Die materialistische Sichtweise hingegen bedingt die Wahrnehmung „der Welt“ als das Faktische, das Fragen-eigentlich-überflüssig-Machende. Auf dieser Basis lässt sich natürlich trefflich streiten, jedoch ohne erkennbaren Gewinn, denn der Materialist glaubt die Antworten ja bereits zu haben, nicht suchen zu müssen.

Dem Materialisten erscheint die Welt oft genug eindimensional, bereits erklärt, fast schon langweilig. Oft genug sieht er es als seine Aufgabe an, die Abgeirrten zu überzeugen. Da ich früher ebenso materialistisch dachte, verstehe ich das zwar recht gut, der Streit als Selbstzweck ist mir jedoch wie gesagt nutzlos geworden – ich meide das. Das ist vielleicht verständlich, wenn man sich „Wahrnehmung“ nicht als feste Größe denkt, sondern als von vorn herein individuell verschieden.

Unabhängkeit, Freiheit

Aus dem oben Gesagten ergibt sich wiederum, was ich ganz am Anfang anführte: Eine gewisse Offenheit. Denn, was mich davon abhalten könnte, für möglich zu halten was ein Anderer, mit dem ich in Kommunikation trete, für möglich hält, also, so zu denken und so zu hoffen wie dieser, das sind meine eigenen Überzeugungen. Sie resultieren zu einem Großteil aus den Menschen und Dingen um mich. Überzeugungen sind mir also nicht nur notwendig, sondern begrenzen mich auch. Insofern gilt es hier genau auszuwählen mit wem und was man sich umgibt, und an was man denken möchte.

Ich sehe es als eine wichtige Aufgabe an, die Möglichkeiten der geistigen Freiheit zu ergründen,  wohl wissend, dass diese Möglichkeiten sehr begrenzt sind.

Glück als einziges Ziel

In den Köpfen anderer sind nicht nur erstrebenswerte Denkwelten, sondern auch Höllen jeder Art. Das sind oft Denkwelten, die aus tausend unerfreulichen Imperativen bestehen.

Da es nach meiner Auffassung kein göttliches Prinzip gibt, dem zufolge irgendetwas Erfreuliches oder auch Unerfreuliches passieren muss, sehe ich es als Aufgabe an, sich von jenen schlechten Denkwelten abzugrenzen, und sich den guten zuzuwenden. Abgrenzen heißt übrigens oft genug: Einstellen der Kommunikation, nicht jedoch Streit.

Das einzig formulierbare Ziel, das im Grunde für jeden auch erreichbar ist, ist Glück. Glück ist das Einzige, das sich sinnvoll als Ziel benennen lässt, denn es hat einfach keinen Sinn, irgendetwas anderes anzustreben. Das ist eine Logik, die aus den Elementen der Schöpfung selbst hervorgeht, zum Beispiel also den Menschen. Das muss uns keine höhere Macht erklären – die Menschen brauchen, um das zu beobachten, nirgendwo anders hinzuschauen, als auf sich selbst.

Einklang mit der Natur – Existenz als Ziel

Die Existenz selbst ist als Ziel natürlich das Fundamentale. Ohne (geistige) Existenz keine Welt. Ohne geistige Existenz keine Notwendigkeit, sich um die Ziele der Existenz zu sorgen.

Weil der Spirealismus den Menschen nicht als von der Natur übernatürlich-hervorhoben sieht, nicht als Beobachter sondern Element, ist seine Tendenz die des Ausgleiches, des Einklanges. Der Mensch geht aus der ihn umgebenden Natur hervor, ist von ihr abhängig – es könnte ihm nichts Dümmeres einfallen, als sich getrennt von der Natur zu sehen, zu glauben, er sei nur seinen eigenen Regeln unterworfen. Die größte Gefahr für die Menschheit sieht der Spirealismus aus einer Entfremdung gegenüber der Natur – das ist die negative Seite des Materialismus.

Wer meint, die Menschheit würde schon überleben: die individuelle Existenz ist nicht „die Menschheit“. Wer außerdem glaubt, die Menschheit könne einen Ort ihrer Existenz verschleißen, um dann zum nächsten überzugehen, denkt und handelt dumm.

Konservativismus

Die Welten bestehen fort, ob nun in Form eines menschlich-geprägten Denkens oder nicht. Der Kosmos ist immer im Ausgleich. Woran dem Menschen gelegen sein sollte, wenn er die eigene Form des Seins schätzt, ist ein Bewahren, ein Wertschätzen, dessen was IST – insbesondere wenn er sich sagen muss, dass das, was was IST, eine relativ glückliche Seinsform ist. In den Stürmen hingegen, den Umstürzen, die Neues und vermeintlich Besseres bringen sollen, vergeht das Alte.

Die Linke, das Revolutionäre, ist die Denkrichtung des Umsturzes – sie begründet ihr Handeln mit einer erhofften besseren Zukunft, im Religiösen wäre das der Begriff der Erlösung. Die Vision ist stets, dass die Menschheit sich eines Tages in einem völligen Gleichklang bewegen wird, in einer Gesellschaftsform der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Doch Erlösung in einem umfassend-endgültigen Sinn ist nicht möglich. Und das Wesen verschiedener Menschen ist die Verschiedenheit – mit der Verschiedenheit sollte klug umgegangen werden, jedoch ohne sie zu leugnen.

Der Umsturz des Bestehenden, dem die o.g. Ideologie letztendlich immer dient, mag Berechtigung haben, wenn die Seinsbedingungen schlecht sind, und es geraten scheint, eine bessere Welt der Zukunft anzustreben. In einer relativ guten Welt der Gegenwart aber, in der der Mensch den Ausgleich aus eigenem demokratischen Verständnis sucht, plädiere ich für Moderatheit und für Konservativität.

Wer meint, es sei egal was kommt, Hauptsache es sei anders, betreibt oft allzu leichtfertig die Veränderung, und wird von den Wirkungen, die in der Gesamtheit durch den Menschen nicht kontrollierbar sind, überrollt.

Ganz genau so sehe ich es auch für den Einzelnen. Wer nicht zu schätzen weiß was er hat (und ist), verliert es. Etwas Wichtiges zu verlieren ist viel einfacher getan als es scheint, solange man es hat. Wertschätzen dessen was ist, ist der beste Weg zu persönlichem Glück.

ein unverliebter Blick auf die Menschheit

Ich sehe, wie ich bereits sagte, keine Notwendigkeit darin, dass irgendetwas Bestimmtes eintreten muss. Das allein ist im Grunde schon ein Paradox für die materialistische Weltsicht, die ja immer an das Bestimmte glaubt … sich selbst rätselhaft, nimmt sie das auch für die Zukunft an.

Dies nicht annehmend glaube ich nicht, dass alle Menschen einander lieben müssen, um eine maximal glückliche Gegenwartsrealität zu erreichen. Ich sehe eher die Notwendigkeit des Unterschiedes und der sich daraus immer neu generierenden Konflikte. Der Mensch ist eben Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Verständnis hierfür, und die aus diesem Verständnis folgende Fähigkeit, mit den notwendigen Gegensätzen klug umzugehen, halte ich für die eigentliche, und dann auch berechtigte, Hoffnung der Menschheit auf Frieden. Hoffnung der Menschheit auf Weisheit und Bestehenbleiben.

Verständnis würde eine gewisse emotionale Zurückhaltung beinhalten, die allemal besser wäre als Liebe oder Hass – die beiden austauschbaren, polarisierenden Gegensätze desselben Prinzips. Die starke Gegensätzlichkeit heißt beim Menschen im Ergebnis „Krieg“.

Verständnis – damit ist für mich Verständnis auch und gerade gegenüber der Schöpfung gemeint, nicht nur Verständnis des Menschen sich selbst gegenüber. Verständnis bedeutet Einordnen in das Höhere, es akzeptieren, es nicht ändern und dabei zerstören wollen.

All das menschliche Streben das Gute zu erreichen schlägt immer wieder in Böses um, und umgekehrt, den Menschen wundert das selbst. Je nach Laune bezichtigt er Gott oder den Teufel, bzw. nennt die Dinge böse oder gut. Ich sehe das Gute aus dem Bösen erwachsen, und das Böse aus dem Guten. Aus subjektiver Sicht ist, was das Individuum tut, immer gut und immer richtig, wer würde schon das Falsche anstreben? Gut und Böse sind menschliche Perspektiven – es gibt keine eindeutige Festgelegtheit.

Ich sehe auch keine besondere Getrenntheit des Menschen von der Natur, oder einen besonderen prinzipiell höheren Wert des Menschen gegenüber den Tieren oder den Dingen. Dass der Mensch sich selbst liebt, sich selbst stets als Mittelpunkt der Welt sieht, ist zwar verständlich, ist eine Notwendigkeit seiner Existenz; er ist so geschaffen. Es hilft ihm aber nicht dabei, seinen kosmischen Platz zu erkennen. Gott würde einen prinzipiellen Unterschied nicht machen. Sein Rat an jede Seinsform ist, sich nicht zu überheben, sondern den Einklang und das verträgliche Maß zu suchen. Auch und gerade Maß bewahren, im eigenen Sein!, und Verständnis dafür haben, dass jedes Übermaß zu (unerfreulichen) Reaktionen führen muss, die Teils an ganz anderen Stellen auftreten. Maßhalten liegt also im eigenen, wohlverstandenen Interesse.

Spirituelle Lehren, die die Göttlichkeit des Menschen betonen, halte ich für falsch, vielleicht sogar gefährlich, weil sie Spiritualität auf ein Hilfsmittel materialistischer Sichtweisen reduzieren, und die Getrenntheit des Menschen von dem, was ihn hervorbringt, betonen. Solches Denken fördert die Selbstüberhöhung und das Übermaß, anstatt es zu begrenzen.

Die hohe Intelligenz des Menschen ist Ausdruck der weitaus höheren Intelligenz der Natur, deren Teil und Knospe der Mensch ist, nichts anderes. Den Intelligenz-„Vorsprung“ der Natur gegenüber dem Menschen sehe ich als eine prinzipielle Notwendigkeit oder Immanenz, die nicht überwunden werden kann. Damit ist gesagt, dass es für den Menschen kein Ende der Erkenntnis geben kann, wie überhaupt keine Endgültigkeit.

Die Selbstverliebtheit des Menschen ist eher ein Stolperstein für dessen Existenz, als ein Konzept, das weit führen könnte. Gott liebt die Schöpfung, das ist wahr, sie wird nicht enden. Was aber endet, in jedem Individuum stets aufs neue, ist die persönliche Existenz. Ebenso kann und wird die Existenz „des Menschen“ enden, es ist eher eine Frage der Zeit und der Definition als eine Frage des Grundsatzes. Ende und Anfang kommen ja aus uns; wir selbst und Endlichkeit, das sind Synonyme! Wir sind endlich, in einer uns unverständlichen Unendlichkeit. Wir Menschen sind gut beraten, dies zur Kenntnis zu nehmen, und uns nicht aus Überheblichkeit in die Opposition zu Kräften zu begeben, die wir nie und nimmer beherrschen können .. weil wir glauben, uns von der Natur im Prinzipiellen entfernt zu haben.

Seelenruhe und Gottvertrauen

Die spirealistische Weltsicht sieht den Menschen als eingeordnet in die Natur, als Teil von etwas Höherem, ihm notwendigerweise Unverständlichen. Der Kosmos hat kein Ziel, sondern Ursache und Wirkung (Kausalität), und somit Urgrund und letztendliches Ziel, sind selbst Begriffe, die den Kosmos in der für den Menschen verfügbaren Verständlichkeit hervorbringen. Die Welt als Sichtweise, als Gedanke – sie entspringt sozusagen im allumfassenden Denken, und der Mensch ist eine ihrer Quellen. Die Welt entspringt dem Subjektiven. Hier wird sie scharfgestellt, hier nimmt eine einzigartige, individuelle Form an; hier wird sie konkret und fest. Im Subjektiven liegt auch der Kern der Wahrheit, eine darüber hinausgehende objektiv-endgültige Wahrheit gibt es nicht.

Die Welt ist ein Prozess, der aus Widersprüchen angetrieben wird. Dies so sehend muss man also nicht damit hadern, wenn man bei sich einen Widerspruch innerer Wahrheit zu äußerlicher Wahrheit (z.B. einer Wahrheit der Gesellschaft) feststellt, denn dieser Widerspruch ist immanent, er muss geradezu sein. Umgekehrt: Sollte man einen solchen Widerspruch im Einzelfall nicht sehen können, ist dies eine Art wohltuende Ungenauigkeit der Wahrnehmung, die zu suchen geradezu geraten scheint.

Es liegt im und am Einzelnen, wie sehr er sich in die Widersprüchlichkeit des Außen involviert. Je nachdem wird er persönliches Glück erfahren, oder sich auch, im anderen Extrem, an Widersprüchen aufreiben. Das gesunde Maß zu wahren ist hier wichtig. Dass es aber kein äußerliches, „objektives“, Gesetz gibt, demzufolge die Wahrheit des Einzelnen in einem Gleichklang mit einer äußerlichen Wahrheit sein muss, lässt die Seele zur Ruhe kommen. Denn hieraus folgert, dass es auch kein objektives Gesetz geben kann, demzufolge die wahrgenommenen Widersprüche unbedingt zu bekämpfen sind, oder überhaupt unbedingt wahrgenommen werden müssen. Im Gegenteil: Fokussiert man sich auf Widersprüche, ist die persönliche Welt schnell voll davon – die Kämpfe können nie enden. Fokussiert man sich auf Harmonie, ist die persönliche Welt, ist das eigene Ich-Universum, wiederum davon voll.

Es ist erlaubt, sich in gewissem Sinn die Welt schön zu denken, sich von nicht wohltuender Kommunikation abzukoppeln, dies bewusst zu tun. Ebenso spricht natürlich auch kein Prinzip dagegen, sich die Welt als ein Höllenloch zu denken – es sei denn der vorgenannte Grundsatz des Glückes als das universelle Ziel des Individuums. Letztendlich ist die Welt ohnehin nichts anderes als der Gedanke an sie.

Nonkonformismus

Ein gewisser Nonkonformismus ist unvermeidlich und tut der Seele gut. Die Natur meines Spirealismus macht es unvermeidlich, zumindest in Bezug auf diese Philosophie als Nonkonformist wahrgenommen zu werden. Ich formulierte außerdem im vorigen Abschnitt: Die Welt ist ein Prozess, der aus Widersprüchen angetrieben wird. Dies so sehend muss man also nicht damit hadern, wenn man bei sich einen Widerspruch innerer Wahrheit zu äußerlicher Wahrheit feststellt. (Warum bei sich selbst? Weil man Element der Schöpfung ist, nicht Beobachter).

Man sollte nicht hadern, sondern den Nonkonformismus als Wesen der Persönlichkeit begreifen. Das Wort Person beinhaltet bereits den Unterschied und die Grenze zu einer anderen Person.  Nonkonformismus ist konstruktiv und wohltuend, insbesondere wenn man das „Nicht Passende“ herzlich begrüßt und genießt.

Nonkonformismus sollte wiederum nicht als dauernde Entschuldigung betrachtet werden. Auch nicht als Aushängeschild, welches anderen viel sagen könnte. Man möchte in Harmonie mit seiner Umwelt leben.

 

Element der Schöpfung, nicht Beobachter – Meine Weltsicht was last modified: November 30th, 2016 by Henrik Geyer