Verloren wie Tränen im Regen

Liebe zum Leben … Der Cyborg Batty liebt sein Leben, aber plötzlich auch das Deckerts, seines Feindes. Er begreift Deckert als eine Variante seiner selbst. Der Cyborg erkennt das Gemeinsame von Mensch und Maschine, dort, wo der Mensch diese Gemeinsamkeit nicht zu sehen vermag. Und er hat Mitleid mit dem Leben, mit der Erinnerung. Er schätzt das, von dem er weiß, dass er es verlieren wird.rr [SPID 1166]

Was wir nicht wertschätzen, das verlieren wir. Das ist ein alter taoistischer Grundsatz. Und oft lernen wir erst wertzuschätzen, wenn wir verlieren …

Neulich, beim Joggen, nahm ich eine Weinberg-Schnecke vom Weg auf und warf sie ins Gras. Wie automatisch – ich wunderte mich selbst. Hat das Sinn? Ist sie nun vor irgendetwas gerettet? Früher hätte ich es nicht getan. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass man das Leben wertschätzt. Ich erinnerte mich an den Film Blade Runner, den ich vor vielen Jahren gesehen habe, und seitdem noch oft. Es gibt darin eine magische Szene, an die ich denken musste. Der Moment, in dem ausgerechnet künstliches Leben … Wertschätzung für das Leben lehrt.

Es geht um Leben und Tod

Der Blade Runner (gespielt von Harrison Ford) ist ein abenteuerlicher Kerl – er ist Privatdetektiv, sein Job ist es, entflohene Cyborgs einzufangen. Diese entziehen sich in der Zukunftswelt des Films regelmäßig ihrer planmäßigen „Stilllegung“, man könnte auch sagen: dem Tod.

Blade Runner – das kann Klingenläufer bedeuten, was auf das hohe Risiko hindeutet, das der Detektiv einzugehen hat. Oder es bedeutet Klingen-(Aus-)Lieferer, im Sinne von Killer.

Denn ein Killer im eigentlichen Sinn ist dieser Detektive namens Deckert, allerdings nur, wenn man das Sein dieser Roboter als Leben begreift. Begreift man es als maschinenhaftes Funktionieren, dann ist die Tätigkeit des Detektives lediglich ein Ausschalten. Und darum dreht sich der Film auch. Es ist die Frage: Was ist Leben? Was ist lebenswertes Leben? Was ist schützenswertes Leben? Sind die künstlich in die Roboter implementierten Erinnerungen an Familie, Freunde, Urlaube, nicht letztlich Erinnerungen wie alle anderen auch? Was unterscheidet künstliches Denken von natürlichem?

Showdown im Regen

Nachdem der Blade Runner einige dieser Roboter „erledigt“ hat, kommt es zum Showdown, und zum Kampf auf Leben und Tod zwischen ihm und einem Cyborg namens Roy Batty – dem letzten der kleinen Gruppe, gleichzeitig dem stärksten und gerissensten.

Deckert hat keine Chance gegen den Cyborg, schließlich hängt er über einem Abgrund und droht abzustürzen.

Doch der Maschinenmensch erweist sich als „menschlich“, er hat Mitleid und rettet Deckert. Damit erteilt er Deckert eine Lehre, die diesem zeigen könnte, dass Leben Bewusstsein ist, dass Leben Erinnerung ist und dass die Cyborgs keine mechanischen Puppen sind, sondern fühlende Wesen mit eigenem Bewußtsein. Das zu entdecken hatte Deckert im Film einige Male Gelegenheit. Doch scheinbar wollte er es nicht wissen, durfte es nicht denken – die Erfüllung seines Jobs erfordert eine ganz bestimmte Sichtweise …

Nun rettet der Cyborg Roy Batty dem Blade Runner, der ihm nach dem Leben trachtete, das Leben. Doch er selbst muss sterben, sein auf Vergänglichkeit programmiertes Bewusstsein ist abgelaufen. Seine letzten Worte sind eine Erinnerung an Phänomene, die er weit draußen im Weltall, in den außerirdischen Kolonien, sah. Sie sind dem Zuschauer rätselhaft …

„Ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Zeit zu sterben.“

Erinnerungen in der Zeit – verloren wie Tränen im Regen

Im Zeitpunkt des Todes versteht der Cyborg den Wert des Lebens, so, wie es wohl auch die Menschen zum Zeitpunkt des Todes am besten verstehen. Das Leben ist Erinnerung und mit dem Leben gehen die Erinnerungen verloren. Im riesigen Strom der Zeit sind alle Erinnerungen, so bedeutsam sie scheinen mögen, belanglos wie Regentropfen im Regen, und doch bedeuten sie dem, der sie hat, viel. So wie Tränen, die sich ununterscheidbar in den Regen mischen.

Und so schätzt Batty sein Leben, aber auch das Deckerts, seines Feindes. Er begreift Deckert als eine Variante seiner selbst. Der Cyborg erkennt das Gemeinsame von Mensch und Maschine, dort, wo der Mensch diese Gemeinsamkeit nicht zu sehen vermag. Und er hat Mitleid mit dem Leben, mit der Erinnerung. Er schätzt das, von dem er weiß, dass er es verlieren wird.
Siehe auch: Artikel Glück: Mir fehlt kein Pfennig zum Glück

Siehe auch: Sind wir vorbestimmt oder frei?

Lesen Sie auch: Beitrag Macht der Gedanken

Verloren wie Tränen im Regen was last modified: Juli 2nd, 2016 by Henrik Geyer

Was bedeutet „Alles fließt“?

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Alles fließt, Heraklit

Was bedeutet eigentlich das „Alles fließt“ des Heraklit (griech. Philosoph, geboren um 520 v. Chr.; gestorben um 460 v. Chr.)?

„Alles fließt“ als: Alles befindet sich in Bewegung

In seiner offensichtlichen Bedeutung heißt es, dass alles im Fließen begriffen ist, im Werden und im Vergehen. Das gilt für alles Leben und auch den Menschen, aber auch für jedes Ding, auch wenn es uns noch so fest und statisch erscheinen mag.

Weil nichts in Endgültigkeit „vorhanden“ ist, weil alles in der Zeit existiert, mit Vergangenheit und Zukunft, läßt sich „Alles fließt“ interpretieren als:

Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.
August Bebel

Das bedeutet: Wahres Verständnis für die Dinge ist Verständnis ihres Zusammenhanges mit anderen Dingen. Andere Dinge – das sind völlig verschiedene Dinge, aber auch dieselben Dinge, die in ihrem Wandel in der Zeit immer neue Formen annehmen. Man denke an Staaten, oder an die Dinge die uns umgeben .. man denke an die Menschen, oder an sich selbst.

„Alles fließt“ als: Grenzenlosigkeit in Zeit und Raum

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die Schöpfung ist ein Werden ohne Anfang und ein Vergehen ohne Ende.Wenn man das Konzept des Fließenden vor Augen hat, dann erschließt sich auch die Endlosigkeit des Seins – das Sein als Kreislauf. Denn alles Fließende ist, als Objekt betrachtet zwar endlich, aber „hinter unserem Rücken“, unserem Blick verborgen, schließt sich ein Kreis, und, was scheinbar endgültig an uns vorbeifloss, kehrt in anderer Form, zum Beispiel als Wolke, als Regentropfen, oder wieder als Fluss, zu uns zurück. Wir sehen die Dinge einzeln, sehen Quellen entspringen und Flüsse ins Meer münden, aber  alles hängt endlos mit allem zusammen. Wenn man die verschiedenen Formen in den Zusammenhang zu bringen weiß, erhält man eine Ahnung von der Schöpfung. Von einem  Werden, das ohne Anfang ist, und einem Vergehen, das ohne Ende ist.

„Alles fließt“ als: Es gibt nichts Objektives

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Heraklit … Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen.Alles fließt in seiner tieferen Bedeutung leitet uns zu wahrem Verständnis der Dinge, indem wir feststellen, dass nichts in seinem Wesen, als endgültige Entität, erkannt werden kann, oder existiert.

Es ist das

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen
Heraklit

… es bedeutet, dass der Fluss als solcher nicht in einem endgültigen Sinn „vorhanden“ ist, da er sich von Moment zu Moment konstituiert. Und das gilt für alle Dinge, denn es heißt ja „alles fließt“, und nicht: „Manches fließt und anderes nicht“. Dass alles fließt ist allerdings eine Vorstellung, die wir von den Dingen in der materialistischen Denkweise nicht haben, eine Vorstellung, die, weil sie uns im Grunde so unzugänglich ist, uns die Begrenztheit unseres Denkens anzuzeigen vermag.

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ des Heraklit wird zu „Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen“ des Plato. Es wird zu der Frage nach den Dingen in ihrem wirklichen Wesenskern und Immanuel Kants Feststellung, dass die Dinge „an sich“ nicht erkennbar sind.

Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.
Wilhelm Busch

 

So kann man „Alles fließt“ verstehen:

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Nichts hört je vollständig auf zu sein, was es einmal war, es sei denn, es wäre nicht mehr. Nichts kann je etwas vollständig anderes werden, als es ist, es sei denn, es hörte auf zu sein.

Man kann den Satz „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ auch umdrehen: Nichts hört je vollständig auf zu sein, was es einmal war, es sei denn, es wäre nicht mehr. Man kann das so verstehen: Wenn es etwas gibt, das in der Vergangenheit wurzelt (und für welches Ding würde das nicht gelten?), dann ist das, was es ist, auch darin zu sehen, was es einmal war…

 

Nichts ist in Vollständigkeit abgrenzbar, eingrenzbar, als Menge oder Form nur auf einem Wege erkennbar.

So ist ein Fluss alles was in ihm fließt, man stelle sich das als das Allerverschiedenste vor: Wasser, Erde, Blätter, ein Mensch … Was der Fluss ist, ist das, was in ihm fließt – man kann eigentlich nichts weglassen, ohne die Vollständigkeit zu mindern. Und es sind all diese Dinge in ihrer Stellung zueinander … man stelle sich das vor, und so gewinnt man einen Eindruck eines komplexen, nie in Gänze erfassbaren Zusammenhanges. Sondern alles kommt für den Menschen in dem einen Wort zusammen, mit dem er meint, das „Ding“ umfassend zu beschreiben: Der Fluss.

Was für den Fluss gilt, gilt für jedes Ding. Für den Stein am Straßenrand, für das Tier, natürlich für den Menschen, für das Universum.

Dasselbe lässt sich über die Worte unserer Sprache sagen – jedes einzelne Wort gewinnt seine Bedeutung nur aus dem Zusammenhang mit anderen Worten, aus der Stellung zu ihnen. Eine Konstellation, die nie aufhört und nie aufhören kann, zu variieren. Die Worte sind letzten Endes wie die Dinge – die Worte sind die Dinge. Denn die Gedanken, die uns Kunde geben von den Dingen, sind am Ende das, was wir „über“ die Dinge wissen und (in Worten) zu sagen haben. Nichts anderes.

Ähnliches Thema: Artikel Sind die Gedanken bei den Dingen? Ist das Denken von den Dingen gleich den Dingen?

Auch die Zahlen, auch wenn sie uns vollkommenste Eingrenzbarkeit suggerieren, unterscheiden sich darin nicht von den anderen Worten, denn ohne das Begreifen der Dinge sind uns die Zahlen sinnlos. Die Zahlen sind die Dinge, in ihrem universellsten Sinn.

Lesen Sie auch: Mengenlehre, Worte, Zahlen. Sind Zahlen objektiver als Worte?

Siehe auch: Artikel Erkenntnis – was ist das? Die Chance und der Preis des Erkennens.

Ähnliches Thema: Viele Welten statt einer Welt – eine philosophische Viele Welten Theorie

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Was bedeutet „Alles fließt“? was last modified: Juni 21st, 2016 by Henrik Geyer

Faszination Lyrik – was macht Lyrik so magisch?

Faszination Lyrik, Stairway to heaven

Die Faszination an der Lyrik – wie entsteht sie?

Besprochen wird das anhand eines magischen Songs – „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin – ein Song, den man sicherlich immer wieder gern hört und uns in diesem Moment inspirieren kann.

unklare Lyrik

Ich habe das Beispiel „Stairway to heaven“ gewählt, weil man über die Lyrik dieses Songs durchaus geteilter Meinung sein kann.

Da ist die Dame, die glaubt sie könne sich den Zugang zu himmlischen Gefilden (die Treppe in den Himmel) einfach erkaufen, da ist der lockende Pfeifer (am Tor zur Dämmerung?), da ist das Geheimnis, das sich im Gebüsch verbirgt, Rauch steigt zwischen den Bäumen auf und schließlich liegt die Treppe in den Himmel im flüsternden Wind (verborgen) … weißt du? Was ergibt das alles zusammen? Der weniger Spirituelle wird vielleicht sagen: „Nichts! Man könnte hier zwar sonstwas für einen tiefgründigen Sinn vermuten, aber eigentlich ist doch da Leere.“

Aber da ist ja noch die wunderschöne Musik, zu der eine spirituell-mystische Lyrik gut passt. Diese Lyrik erscheint zwar zusammengewürfelt aus Versatzstücken spiritueller Klischees – und genauso so wurde der Song auch geschrieben, wie es heißt: an einem Abend, von zwei pragmatischen jungen Leuten die einen Song für ihr  Album fertigbekommen wollten, und inspiriert waren von verschiedenen spirituellen Quellen. In der Aussage ist diese Lyrik so wenig eindeutig, dass man eigentlich gar nicht sagen kann, worum es geht. Aber die Verse sind mystisch und spirituell genug, um die Musik vieldeutig und attraktiv erscheinen zu lassen. Und darauf kommt es an.

Die Phantasie des Zuhörers erschafft die Faszination

Denn die Bedeutung entsteht erst im Zuhörer, im individuellen (und damit immer unterschiedlichen) Verstehen. Wer nun die Faszination der Verse in den Worten sucht, wird schwerlich fündig. Denn sie liegt mindestens ebenso im Zuhörer, in dessen Begreifen, in seinen Erfahrungen, etc..

Und das ist die eigentliche Faszination der Lyrik als einem Beispiel für unser Wahrnehmen (auf eben dieselbe Weise könnte man das Sehen untersuchen und käme zu ganz Ähnlichen Ergebnissen). Da, wo nichts ist, erschafft das Denken – aus sich heraus, geheimnisvoll.

Die Lyrik fasziniert ganz besonders dort, wo sie unbestimmt und geheimnisvoll ist, wo sie nur wenige dürre Versatzstücke bereit hält, die geeignet sind, die Phantasie anzuregen. Die Worte geben eine Denkrichtung vor, die Leere aber wird aufgefüllt mit den Phantasien des Zuhörers, ja, diese Leere ist geradezu nötig, um Raum zu lassen, für diese Phantasien.

Oder würde eine alles erklärende Lyrik denn nicht platt und mechanisch erscheinen und somit alle Faszination einbüßen?

Faszination Lyrik – was macht Lyrik so magisch? was last modified: Mai 24th, 2016 by Henrik Geyer

Was ist Philosophie und was bedeutet Philosophie heute noch?

Was ist philosophie? Warum findet Philosophie kein Ende?

Was ist Philosophie?

Philosophie bedeutet Liebe zur Weisheit und ist in der griechischen Antike als Wissenschaft entstanden. Heute versteht man die Philosophie nicht als Wissenschaft im eigentlichen Sinne – sie ist eine Geisteswissenschaft, die im Selbstverständnis der Philosophen mal diese, mal jene Ergebnisse hervorbringen kann – und … welche ernsthafte und nutzbringende Wissenschaft kann sich dergleichen schon leisten?

Die Philosophie ist außer Ansehn gekommen: und doch war sie die höchste Beschäftigung der Weisen. Die Wissenschaft der Denker hat alle Achtung verloren. Seneka führte sie in Rom ein; eine Zeit lang fand sie Gunst bei Hofe: jetzt gilt sie für eine Ungebührlichkeit. Und doch war stets die Aufdeckung des Trugs die Nahrung des denkenden Geistes, die Freude der Rechtschaffenen.
Gracian’s Orakel der Weltklugheit, Balthasar Gracian

Dabei waren die Anfänge der Philosophie und die Anfänge der strengen Wissenschaften durchaus verbunden – die Philosophen waren meist gleichzeitig Naturkundler ersten Ranges …

Ein weiterer Grund mag sein, dass sich die Philosophie allzu weit davon entfernt hat, ein Wert des öffentlichen Bewußtseins zu sein – sie scheint sich (für den Außenstehenden) allzusehr mit Themen zu beschäftigen, die keinen praktischen Wert haben, sie kann nichts lehren das als hoher gesellschaftlicher Wert verstanden würde, oder das man als persönlichen Gewinn ansehen würde, hätte man nur Anteil …

Vorbei die Zeiten, als (vor mehr als 2000 Jahren) einige der griechischen Sophisten hochangesehene Lehrer der Tugenden waren, wie beispielsweise des Sprechens (der Rhetorik), und damit viel Geld verdienten.

 

Die Kompliziertheit der in der modernen Philosophie behandelten Themen förderte auch eine recht komplizierte Sprache, was ebenfalls zum Rückzug der Philosophie aus dem öffentlichen Bewusstsein beitrug.

Offenbar waren viele Philosophen aus einer gewissen intellektuellen Überheblichkeit recht zufrieden damit, sich einer kryptischen Sprache zu bedienen. Dennoch darf man wohl davon ausgehen, dass gerade jene, die diesen Missstand erkannten und erkennen, und versuchen ihn zu beheben, die Hoffnung der modernen Philosophie sind …

Warum aber hat Kant seine »Kritik der reinen Vernunft« in einem so grauen, trockenen Packpapierstil geschrieben? Ich glaube, weil er die mathematische Form der Descartes-Leibniz-Wolfianer verwarf, fürchtete er, die Wissenschaft möchte etwas von ihrer Würde einbüßen, wenn sie sich in einem leichten, zuvorkommend heiteren Tone ausspräche. Er verlieh ihr daher eine steife, abstrakte Form, die alle Vertraulichkeit der niederen Geistesklassen kalt ablehnte. Er wollte sich von den damaligen Popularphilosophen, die nach bürgerlichster Deutlichkeit strebten, vornehm absondern, und er kleidete seine Gedanken in eine hofmännisch abgekältete Kanzeleisprache. Hier zeigt sich ganz der Philister.

„Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ von Heinrich Heine

denn was nützt schon etwas, das in seiner Allgemeingültigkeit zwar eigentlich äußerste Wichtigkeit hat, das aber kaum jemand lesen, geschweige denn begreifen mag?

Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.
Ludwig Wittgenstein

Jedenfalls erscheint mit dem Siegeszug der strengen Naturwissenschaften in den letzten Jahrhunderten die Philosophie geradezu wie eine aus dem Fokus entschwundene Wissenschaft; eine Wissenschaft der man im Grunde nicht mehr bedarf; eine Wissenschaft, die nur dann betrieben wird, wenn jemand eine gewisse Liebe dafür aufbringt … und somit eine Wissenschaft, die nicht aus keiner besonderen Notwendigkeit heraus betrieben wird.

Eine Wissenschaft, die nicht immer und überall reproduzierbare Ergebnisse liefert, gilt heute wenig. Weisheit … was ist das?

Was nun macht die Philosophie so schwierig?

Dass nun die Philosophie gleichzeitig die schwierigste Wissenschaft ist, ist zumindest aus spirealistischer Sicht verständlich.

Einerseits versucht diese Wissenschaft die grundlegendsten Prinzipien des Kosmos zu ergründen, also jene Prinzipien, die den Gesetzen und Naturgesetzen übergeordnet sind. Somit strebt die Philosphie die Formulierung der fundamentalsten Grundsätze an, will die aller-allgemeinsten Aussagen treffen. Und findet nun die Schwierigkeit vor, dass sich nichts Allgemeines sagen lässt, ohne das vorherige Formulieren des Speziellen. Ohne das Erkennen der Einzeldinge lässt sich keine Aussage über die Gesamtheit treffen. Das Begreifen der Gesamtheit wiederum wirkt sich auf das Verstehen der Einzeldinge aus. Dieser Zirkelschluss führt dazu, dass man mit dem Justieren der Aussagen zu keinem Ende kommen kann.

Ich will das an einer Analogie deutlich machen.

Wenn wir eine Aussage über das Universum machen wollen, dann müssen wir die Konkretheit der Himmelskörper beobachten. Wenn wir eine Aussage über die Himmelskörper machen wollen, dann müssen wir die Konkretheit der Elemente beobachten, aus denen sie bestehen.

Nun scheint es dem materialistischen Verstand so zu sein, als beobachteten wir eine außerhalb unserer selbst liegende Realität, die in den Möglichkeiten der Materie begrenzt ist. Insofern müssten wir mit den Beobachtungen dieser einen Realität irgendwann an ein Ende gelangen.

Der Spirealismus sieht das Wesen der Welt als geistig, und das Wesen des Geistes als die Relation an. Die Relationen bestehen zwischen allen Begriffen, so dass das Erkennen des Einzelnen auf das Erkennen des Gesamtzusammenhanges wirkt, aber ebenso auch umgekehrt: jede Formulierung eines Gesamtzusammenhanges wirkt auf das Erkennen des Einzelnen zurück.

Anders ausgedrückt: als was wir das Universum sehen, wirkt auf das Verständnis der Planeten zurück. Etwas Einzelnes, das sich nur aus sich heraus begreifen ließe, gibt es nicht.

Nun wollen wir uns das Ganze aber als ein Universum aus Begriffen denken. Also nicht ein Universum aus Planeten, Galaxien, etc., sondern ein Universum aus Worten, ein Universum der Semantik gewissermaßen. Die Worte dieser Semantik bezeichnen alles, was wir begreifen können, also zum Beispiel ein Universum, hierfür gibt es die Begriffe Erde, Planet, Galaxie, etc.. Aber auch ein Haus, hierfür gibt es die Begriffe Wand, Dach, Tür, Fenster, Raum. Oder einen Kirschbaum, hierfür gibt es die Begriffe Stamm, Zweig, Kirsche, Kirschkern, etc..

Wer nun meint, all dies, also Universum, Haus, Kirschbaum, seien Dinge, die miteinander nichts zu tun haben, der irrt. Das Universum enthält nicht nur Erde, Planeten, Galaxien, sondern auch Häuser, Türen, Fenster, Äste, Kirschen, etc.. Umgekehrt bezeichnet man Teile von Galaxien als Zweige, wir suchen nach Kernen in allen Dingen, so als hätten wir immer Kirschen vor uns, man denke an den Erdkern, den Atomkern, des Pudels Kern, etc.. Ein Haus in Verbindung mit Universum ergibt zum Beispiel „Tür in eine andere Dimension“.  Das bedeutet: Alles steht in einer Verbindung mit allem anderen. Alles ist eingebunden in ein schwingendes Netzwerk aus Relationen, aus Sinnverbindungen. Das Verständnis was ein Kirschkern ist, lässt uns sowohl Mikrokosmos wie auch Makrokosmos in einer ganz bestimmten Weise begreifen. Nichts steht für sich allein. Alles ist eine Metapher. Und daher: Ändert sich ein Begriff, ändert sich der Kosmos der Begriffe … das Universum ist nichts anderes als das Einzelne in seinem Zusammenhang, in seiner Konstellation. Und das Einzelne wiederum ist nichts anderes als ein Kosmos im Kosmos – es lässt sich nicht verstehen, wenn man es nicht als Teil einer Gesamtheit begreift.

 

Die Naturwissenschaften machen es sich in einer gewissen Weise leicht. Sie zweifeln ihre Paradigmen nicht an. Für die Mathematik sind die Zahlen unzweifelhafte Wesenheiten, die Chemie vertraut ihrem Periodensystem der Elemente, die Physik ihren Gesetzmäßigkeiten. Würden die Naturwissenschaften ihre Grundbegriffe hinterfragen, was durchaus berechtigt wäre, und was die gesamte Wissenschaft ändern würde (man denke an den Paradigmenwechsel in der Physik durch Einsteins Relativitätstheorie), dann würde sie sich sozusagen philosophischer Methoden bedienen.

Denn das macht die Philosophie – sie ist dem Wesen der Dinge auf der Spur. Sie will nicht wissen, wie man mit Zahlen rechnen kann, sondern sie will wissen was Eins ist. Sie will nicht den Urknall logisch ergründen, sondern will wissen wie wir von Einem zum Anderen kommen, so dass wir logische Ableitungen erhalten.

Nun stellt aber insbesondere der Philosoph fest, dass er in der Erforschung des Allgemeinen nie zu einem Ende gelangen kann, denn, wie gesagt, die Interpretation eines Begriffes, die Definition eines Tatbestandes, welcher es auch sei, seine Verschiebung innerhalb eines semantischen Sinn-Netzwerkes, bringt einen geänderten Kosmos der Begriffe hervor, der nun erneut beschrieben werden könnte.

Innerhalb der materialistischen Vorstellungswelt erschließt es sich uns eben nicht, dass wir nicht Beobachter eines äußerlichen Prozesses sind, sondern Elemente dieses Prozesses. Wir beobachten nicht, sondern erschaffen. Und der Philosoph ist dieser Wahrheit eigentlich am nächsten, kann sie aber ebenso wenig erkennen wie die materialistische Wissenschaft, solange er glaubt, mit seinen Worten eine äußerliche Realität zu beschreiben.

 

 

 

Was ist Philosophie nicht – im Gegensatz zur exakten Naturwissenschaft?

Geisteswissenschaften wie Philosophie liefern nur Subjektives. Diese Auffassung geht von der materialistischen Sichtweise aus, der zufolge der Mensch Beobachter eines von ihm selbst unabhängigen Außen ist.

Die Ergebnisse der Naturwissenschaften seien demzufolge objektiv, also außerhalb und unabhängig des menschlichen Bewußtseins gültig und „vorhanden“, die Wissenschaft der Philosophie jedoch eher eine Sammlung von Sichtweisen.

Die Subjektivität der Naturwissenschaft

Im Rahmen der Besprechungen zum Spirealismus wurde auf diesem Blog dargelegt, warum die Naturwissenschaften keine Objektivität aufweisen. Man denke auch an Schopenhauers „Die Welt ist eine Vorstellung“ …

Siehe auch: Artikel Was bedeutet subjektiv? Ist ein wissenschaftlicher Versuch objektiv?

Ähnliches Thema: Mengenlehre, Worte, Zahlen. Sind Zahlen objektiver als Worte?

Siehe auch: Beitrag Was ist das Nichts?

So gesehen sind in einem absoluten Sinn die Weisheiten der Philosophie nicht weniger objektiv als die der Naturwissenschaften. Oder, besser gesagt, die Naturwissenschaften sind gleichermaßen subjektiv. Der Unterschied ist lediglich ein gradueller – er trägt den Charakter einer Einigung.

Während die Philosophie als Arbeitswerkzeug die Alltags-Sprache hat, und sich jeder Philosoph seine eigenen Begriffe prägt, nutzt die Naturwissenschaft seit Jahrtausenden die gleichen Begriffe und kommt so auf die Idee, es könne keine anderen geben – man denke an die Idee, alles sei aus „Kernen“ aufgebaut, die Dinge enthielten Atome (und diese wiederum Atomkerne), so wie die Kirsche einen Kern hat.

Die Naturwissenschaft setzt voraus, den Gedanken der eigenen Objektivität stets hegend, dass es keine andere Sichtweise geben könne, als die eigene, daher hat jeder, der Naturwissenschaft betreiben möchte, die vorhandene Sprache zu lernen und anzuwenden, was wiederum zu einer Stabilisierung und Kontinuität der soeben besprochenen  Vorstellung von der eigenen Objektivität führt – anders gesagt: ein anderes zum Vergleich taugendes Wissenschaftssystem steht nicht zur Verfügung; ein ewig auf sich selbst zurückführender Zirkelschluss.

Und als vergleichbar und ebenbürtig wird die Wissenschaft ja eben nicht angesehen, es ist noch nicht einmal die Vorstellung der Philosophie von sich selbst, ebenbürtig zu sein. Wie oft schon habe ich selbst studierte Philosophen mit Geringschätzung über die Philosophie sprechen hören – dies oder jenes sei nur Philosophie …

Die wahre Bedeutung der Philosophie

Doch, wie das wahre Verständnis des Spirealismus, oder von Philosophen wie Schopenhauer oder Kant zeigt: Umfassendere Wahrheiten wie die des Fehlenden Objektiven, der Fortentwicklung der Menschheit als einer Fortentwicklung seiner Begriffe, sind aus den Naturwissenschaften mit ihrem materialistischen Objektivitätsdenken nicht zu erwarten.

Die Philosophie tut sich keinen Gefallen, wenn sie sich ebenfalls diesem Maßstab unterwirft, ganz freiwillig sozusagen und unter Negation ihrer wichtigsten geistigen Errungenschaften. (Ganz Ähnliches gilt übrigens für die Psychologie).

Weiterlesen: Beitrag Naturwissenschaften vs Geisteswissenschaften. Die Psychologie in der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft

Vielmehr muss sie versuchen ihre Resultate in klarere Worte zu fassen um in der Gesellschaft als wichtige und wirkliche Wissenschaft wahrgenommen werden zu können; eine Wissenschaft sogar, die, wie sich herausstellen könnte, die weiterführendsten Erkenntnisse für die Menschheit hervorbringt.

Diese Erkenntnis von der ich spreche, das ist in ihrem Wesen die, dass die Begriffe in ihrer Weiterentwicklung wieder neue Begriffe und Probleme hervorbringen müssen, ganz ähnlich einem Esel, dem der Reiter eine an einer Angel hängende Möhre vorhält – der Esel kann die Möhre zwar nicht erlangen, aber er schreitet fort. Die Menschheit entwickelt ihr Universum (auch) aus sich heraus fort. Und das unterscheidet die Naturwissenschaften eben nicht von der Philosophie. Das ist im Übrigen die Folge des spirealistischen Grundsatzes der fehlenden Objektivität, das ist die Folge von: „Die Welt ist eine Vorstellung“. Sie ist eine Möglichkeit.

Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und die Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.
Ludwig Wittgenstein

 

 

Siehe auch: Artikel Lebensweisheiten

 

 

Was ist Philosophie und was bedeutet Philosophie heute noch? was last modified: Juni 7th, 2016 by Henrik Geyer

Magischer Moment – was fern war, ist plötzlich da … und ganz anders

Little Wing

In diesem Artikel geht es um einen einfachen Gedanken den ich hatte, als ich das Lied „Alabama Highway“ hörte – gesungen von Steve Young. Ich dachte an diese magischen Momente, die man manchmal im Leben hat: Wenn sich durch etwas, das man selbst nicht versteht, Türen öffnen, das Schwere leicht wird, das Unerreichbare plötzlich da ist.

Es geht in dem Lied um eine schier endlose Fahrt auf einer Landstraße in Alabama – der Fahrende kommt von einer harten und auszehrenden Arbeit auf den Baumwollfeldern. Während er durch die Nacht fährt, erscheint ihm der Highway wie ein magischer Weg, der ihn schließlich zu den Sternen führt.

Alabama Highway, nimm mich durch das Mondlicht in den Tag
verwandle dich; führe mich zu den Sternen, und lass mich gewähren.
Ich will frei sein, Alabama Highway.

Alabama Highway, Take Me On Neath the Moonlight Toward The Day
Turn Supernatural, Take Me to the Stars, And Let Me Play
I Wanna Be Free, Alabama Highway

 

Mich erinnerte das an eine lange Wegstrecke, vielleicht ein Ziel, das man erreichen möchte, und für das man sehr lange arbeitet. Vielleicht viele Jahre. Der Weg, die Jahre, kommen einem zu lang vor, sie zermürben …

Doch man bleibt vielleicht einfach bei der Sache, geht den Weg weiter – und plötzlich verwandelt sich der Weg … in einem übernatürlich erscheinenden Akt. Es geht leichter, geht aufwärts, der Weg führt plötzlich geradewegs zu den Sternen, weiter und immer weiter. Plötzlich ist man dort, wohin man nie zu reisen beabsichtigt hatte; und auch das Ziel hat sich verwandelt – in etwas, das man nie für möglich hielt. All das geschieht wie übernatürlich – eine Verzauberung – nicht nachvollziehbar, irrational
… ein magischer Moment.

Die Magischer Moment: das Verwandeln von Quantitätsänderung in neue Qualität

In der Philosophie kennt man das als das Umschlagen einer Änderung der Quantität in eine neue Qualität.

Lesen Sie auch: Beitrag Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall

In dem uns endlos immer weiterführenden Schöpfungsprozess, dessen Teil wir Menschen sind, können wir alles immer erklären … und doch ist dieses Umschlagen, dieses Sich-Verwandeln, was es ist: ein magischer Moment, der letztlich unerklärlich bleibt.

 

Siehe auch: Artikel Was ist Wahrheit? Wahrheit als Weltanschauung.

Weiterlesen: Beitrag Freude wieder finden – Freude bereiten

Magischer Moment – was fern war, ist plötzlich da … und ganz anders was last modified: Mai 19th, 2016 by Henrik Geyer

Die Zahl Vier – Symbol für die ganze Welt

Die Zahl Vier, Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die Vorstellung von den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Die Zahl Vier – die Diversifizierung der Welt

Ich darf noch einmal erinnern an die Zahl Eins – und die in diesem Beitrag zitierte Passage aus dem taoistischen Werk „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, indem es um das Entstehen der Welt, vorgestellt als Zahlen, ging.

Siehe auch: Beitrag Die Zahl Eins

Nachdem das kosmische Urprinzip seinen Ausdruck findet in den Zahlen Eins, Zwei und Drei, ebenso wie den uns im eigentlichen Sinn unfassbaren Ausdrücken Null und Unendlich, entdecken wir die Zahl Vier, wenn die Welt beginnt Formen anzunehmen in vier prinzipiellen Vorstellungen – oft bezeichnet als Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Nun ist es ja die Eigenschaft des Spirealismus, immer die Verschiedenheit der Vorstellungen zu betonen und zu verdeutlichen – denn ein objektives Außen gibt es nicht. Alles kann daher auch anders gesehen werden – und dem Symbolismus, der Metaphorik, kommt im Spirealismus eine besondere Bedeutung zu.

Ich mag Ouspensky, daher möchte ich auch an dieser Stelle ein Zitat aus einem seiner Werke einfügen – wohlgemerkt stellvertretend für viele mögliche Quellen, aus vielen verschiedenen möglichen Bereichen.

J.P. Ouspensky: A New Model Of The Universe

Aber wie als Gegenstück zu toten Ideen, die nirgendwo sonst existieren, gab es auf der anderen Seite lebendige Ideen, die immer und überall wiederkehren und stets präsent sind, in allem was ich dachte, erfuhr und zu dieser Zeit verstand. Zuerst war da die Vorstellung einer Triade, oder Trinität, die in alles eindrang. Ein weiterer sehr wichtiger Platz wurde durch die Vorstellung von den vier Elementen eingenommen: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dies war eine reale Vorstellung, und während der Experimente, im neuen Zustand der Bewusstheit, verstand ich, wie alles von der Triade durchdrungen und verbunden war. Doch im Normalzustand verließ mich der Sinn für die Wichtigkeit und die Verbindung dieser beiden Ideen.

Die Zahl Vier könnte man auch so sehen …

Die vier Elemente – Ihre sprachliche Verwandtschaft zu allem was wir kennen Siehe Dahn – die Heldengoetter – entstammen Urprinzipien. In seinen visionären Interpretationen der Tarotkarten beschreibt Ouspensky die Zahl Vier als ein Prinzip, das am Rand eines rotierenden Kreises (die Welt selbst) zu finden ist, so als solle dieser Kreis in seinem Lauf stabilisiert werden … Materie ist das Gerinnen des Geistes..“

 

J.P. Ouspensky: Der Symbolismus des Tarot

Karte 21: Die Welt

Eine unerwartete Vision erschien mir. Ein Kreis, der einer Frucht ähnlich sah, gewoben aus Regenbogen und Blitzen, wirbelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit von Himmel zu Erde, mich durch seine Strahlkraft blendend. Und mitten in diesem Licht und Feuer hörte ich Musik und leises Singen, Donnerschläge und das Brüllen eines Orkans, das Rumoren von zusammenstürzenden Bergen, und Erdbeben.

Der Kreis wirbelte mit einem erschreckenden Lärm, die Erde und die Sonne berührend, und, in der Mitte sah ich die nackte, tanzende Figur einer wunderschönen jungen Frau, eingehüllt in ein leichtes, transparentes Tuch, in ihrer Hand hielt sie einen Zauberstab.

Augenblicklich erschienen die vier apokalyptischen Bestien am Rand des Kreises; eins mit dem Gesicht eines Löwen, eins mit dem Gesicht eines Menschen, eins dem eines Adlers und das vierte dem Gesicht eines Bullen.

Die Vision verschwand so schnell wie sie erschienen war. Eine seltsame Stille überfiel mich. Ich fragte mich, was all das wohl bedeutete.

„Das ist ein Abbild der Welt“, sagte die Stimme. „Doch das kann erst verstanden werden, nachdem der Tempel betreten wurde. Dies ist eine Vision der Welt im Kreislauf der Zeit, inmitten der vier Prinzipien. Doch Ihr seht verschieden, denn Ihr seht die Welt außerhalb Eurer selbst. Lernt sie in Euch selbst zu sehen und ihr werdet den unendlichen Grundstoff entdecken, der hinter allen illusorischen Formen verborgen liegt.

Versteht, dass die Welt die Ihr kennt nur ein Aspekt der unendlichen Welt ist, und Dinge und Erscheinungen sind Hieroglyphen der tieferen Ideen.

Der Mensch kommt in seinen Vorstellungen immer wieder auf Urvorstellungen zurück

Der Mensch kommt in seinen Vorstellungen immer wieder auf fundamentalste Urvorstellungen zurück, oft verbunden mit den Elementen Luft, Wasser, Feuer, Erde.

 

Der Philosoph Thales beispielsweise fand als Urgrund und Substrat aller Dinge das Feuchte, das Wasser.

Der Philosoph Anaximenes wiederum sah die Luft als den Urgrund aller Dinge, denn aus dieser entstünde alles, und löse sich auch wieder auf.

Heraklit sagte:

Alles ist Austausch des Feuers und das Feuer Austausch von allem, gerade wie für Gold Waren und für Waren Gold eingetauscht wird.

In der Bibel schließlich ist die Erde (Staub) das, aus dem alles ist:

Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zur Erde kehrst, von der du genommen bist; denn du bist Staub und kehrst wieder zum Staub zurück! (1. Mose 3)

Sprache ist die Vorstellung von der Welt … Sprache ist die Welt

Man kann das Ganze auch wie ein Sprachforscher angehen, der zeigt, dass den Diversifikationen der Worte (und den damit verbundenen Vorstellungen) stets einfache Urworte und Urvorstellungen zugrundeliegen, denn es ist die spirealistische Vorstellung, dass die Worte die Umsetzungen unserer Vorstellungen sind, und, da die Welt(en) im Spirealismus aus Vorstellungen bestehen, sind die Worte ebenso die Welt(en). So gesehen ist die Entwicklung der Worte gleichzusetzen mit der Entwicklung der Welt(en).

Ich habe nun hierfür folgendes Zitat, in dem Felix Dahn (unter anderem) aufzeigt, dass aus der Praxis der Germanen, Zauberzeichen (Runen) in Stäbe einzuritzen, diese in einem Gefäß zu mischen (etwa einem Helm), auf die Erde zu schütten und von dort aufzulesen, das Wort „lesen“ stammt.

(Zauber von zepar; opferbare Tiere, im Gegensatz zu Unziefer, Ungeziefer, welches die Götter verschmähen), Weissagung, Zukunftsforschung, Losung. Man ritzte in Stäbchen von Buchenrinde Zeichen, warf sie (etwa aus einem Helm) zur Erde und las sie einzeln auf (daher „lesen“);

aus: Germanische Heldensagen von Felix Dahn

Empedokles sagte:

… so ist auch die Quelle der irdischen Dinge, so viele uns in ihrer unendlichen Fülle bekanntgeworden sind, nirgendwo anders als in ihren Elementen zu suchen.

 

Damals war die Vorstellung von Grundelementen die von Feuer, Wasser, Luft und Erde. Und, wechselnd, auch einigen anderen, wie z.B. Blut. Heute haben wir im Periodensystem der Elemente etwa 116 Elemente, mit der Tendenz zur allmählichen Steigerung der Anzahl. Haben wir heute ein objektives Wissen vor uns, im Gegensatz zur griechischen Antike? Aus der Sicht des Spirealismus nicht, denn der sieht in der Fortentwicklung einen nie aufhörenden, kontinuierlichen Prozess der Herausbildung der Welt(en).

Das Stück „die Welt“ wird aufgeführt auf der Bühne der vier Dimensionen

Den Pytagoreern wird folgende geometrische Erkenntnis zugeschrieben, die gleichzeitig Erweiterung und Variation dessen ist, was bereits über die Zahlen Eins, Zwei und Drei gesagt wurde:

Eins ist der Punkt.

Die Bewegung des Punktes erzeugt die Linie, das ist die Zwei.

Die Bewegung der Linie erschafft die Fläche, das ist die Drei.

Die Bewegung der Fläche erschafft die Körper, das ist Vier.

Diese (geometrische) Betrachtung kann man als Vorstellung vom Entstehen der Welt sehen, denn die Bühne „der Welt“ ist nach geläufiger Vorstellung der Raum. Die Bewegung ist die Veränderung der Sichtweise (verbunden mit Ortswechsel im Raum), möglich gemacht durch Zeit. Die Körper (Dinge) aus denen unsere Welt besteht werden möglich gemacht durch die Dimensionen, von denen es, zumindest bis vor kurzem, noch vier gab – auch hier finden wir wieder die Zahl Vier.

Nebenbemerkung: Inzwischen wollen Forscher die Zahl der Dimensionen mit 11 angeben, wenn ich da auf dem Laufenden bin, vielleicht sind es inzwischen schon mehr. Ich halte es für unsachgemäß Dimensionen einfach herbeidefinieren zu wollen – der Begriff Dimension, mehr noch als jeder andere Begriff, steht nach meinem Dafürhalten für ein grundlegendes Prinzip, das in der Vorstellungswelt Aller seine Wurzeln haben muss, nicht nur einiger Wissenschaftler, und sich daher nicht aus den Berechnungen von Atomphysikern ergeben kann. 

Die Zahl Vier als die symbolhafte Verkörperung der Welt

So erklärt sich, dass die Zahl Vier eine gewisse Wichtigkeit hat – sie steht, nachdem das Prinzip der Dreifaltigkeit zum ursprünglichen Entstehen der Welt zu rechnen ist, für das Entstehen der Dinge. Die unendlich vielen Dinge, sie beginnen, für das menschliche Denken, für die Sprache, in ganz einfachen Dingen.

So suchen wir beispielsweise immer noch den Kern in jeder Sache. Denken wir an den Atomkern, und seine diversen Kerne (Elektronen, Protonen, Neutronen, Quanten) – so als handelte es sich um den Kern, der man selbstverständlich in einer Kirsche zu finden erwartet.

Der Spirealismus versteht den Menschen als Teil eines ihm übergeordneten Bewusstseins, eines Kontinuums aus Denken, in dem es kein Gestern und kein Morgen gibt, sondern sich stetig entwickelnde und diversifizierende Begriffe.

Daher ist die Sichtweise berechtigt, dass alles, was wir heute denken, auf einige wenige Urvorstellungen zurückgeht, wie Erde, Luft, Wasser, und Feuer. Die Zahl Vier.

Siehe auch: Beitrag Symbolismus – was ist das? Symbolhaftes Denken

Siehe auch: Artikel Monokausal und Multikausal – wie viele Gründe kann man zählen?

Siehe auch: Beitrag Der Mensch möchte zu den Sternen singen

Die Zahl Vier – Symbol für die ganze Welt was last modified: Mai 19th, 2016 by Henrik Geyer

Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall

Schmetterlingseffekt

Der Schmetterlingseffekt legt etwas nach materialistischem Verständnis ganz Erstaunliches nahe: die Ursache für ein (jedes) Ereignis könnte in einem ganz unscheinbaren Mikroereignis liegen. Und damir nicht in einem eindeutigen, deutlichen, großen, nachvollziehbaren Ereignis, sondern einem geradezu beliebigen.

Was ist der Schmetterlingseffekt?

Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment – der Schmetterlingseffekt bezeichnet die Wirkung (den Effekt), den der Flügelschlag eines Schmetterlings haben könnte. Denn auch der Flügelschlag eines Schmetterlings hat schließlich seine Auswirkungen, die sich weiter und immer weiter fortpflanzen, auch der Schmetterling gehört zu dieser Welt und kann somit nicht von dem in der Unendlichkeit wurzelnden System aus Wirkbeziehungen getrennt werden, von dem wir uns umgeben glauben …

So gesehen könnte der Flügelschlag eines Schmetterlings an anderer Stelle (eine Stelle, die man vielleicht nicht mit dem Schmetterlings-Flügelschlag in Verbindung bringen würde) Entscheidendes bewirken. Der Flügelschlag eines Schmetterlings könnte der entscheidende Grund für Leben oder Tod eines Menschen sein. Weltreiche könnten entstehen oder untergehen, aufgrund eines Schmetterlings, etc..

 

Ein Beispiel: Eine Präsidenten-Wahl geht äußerst knapp aus. Am Ende ist es der Bürger John Smith in Wyoming, der dafür verantwortlich ist, dass Anwärter X an die Macht kommt. Während Anwärter Y für Ausgleich stand, zettelt X einen Weltkrieg an …

Und dabei war es Zufall, dass John Smith am Wahltag überhaupt zur Wahl ging. Der Motor seines Autos war kaputt, und er hatte sich schon in seine Stube gesetzt, in der Meinung, nun doch nicht zum Wahlbüro zu fahren. Doch da kam zufällig Tante Amely vorbei und fragte John, ob sie ihn mitnehmen solle.

Sichtweisen

Quantität und Qualität

Der Schmetterlingseffekt steht, gerade das genannte Beispiel macht das deutlich, in Verbindung mit dem in der Philosophie seit antiker Zeit betrachteten Effekt, dass auf wundersame Weise aus einer quantitativen Änderung sich schließlich die Änderung einer Qualität ergibt.

Aus Frieden wurde Krieg – was genau war der Grund? War es Smith? Oder Tante Amely? Oder waren es die Freundinnen von Amely, die diese an jenem Wahltag zum Kaffeekränzchen eingeladen hatten, woraufhin Amely mit ihrem Auto losfuhr, und an John Smith’s Haus vorbeikam?

 

Ein weiteres Beispiel: An einem Damm steht das Wasser bis zum Rand. Es fällt noch ein Tropfen ins Wasser – am Damm bricht sich ein kleines Rinnsal Bahn, das Sandkörner mitreißt, wodurch mehr und immer mehr Wasser nachströmen kann. Der von Moment zu Moment stärker werdende Strom entwickelt mit der Zeit Macht und Energie … ein Dammbruch ist die Folge.

So wird durch eine quantitative Änderung die Änderung einer Qualität bewirkt – das stetige Fallen von Regentropfen lässt aus einer nutzbringenden Anlage zur Stromerzeugung (der Damm gehörte zu einem Wasserkraftwerk) eine Katastrophe hervorgehen.

 

Oder man denke an den Vorgang des Sparens. Man spart und spart, fährt Fahrrad, plötzlich hat man genug Geld um sich ein schickes Auto zu kaufen …

 

Warum nannte ich diesen Effekt „wundersam“? Weil er uns letztlich nicht begründbar ist, siehe Schmetterlingseffekt. Wer ist der Mensch oder das Ding, das letztlich für Krieg oder Frieden die Verantwortung trägt?

Welches ist der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt?

Welches ist der Cent, der schließlich den Kauf des Autos ermöglicht?

Und was ist der Effekt? Dieselbe Betrachtungsweise lässt sich nämlich auch umgekehrt anstellen – nicht auf die Vergangenheit, den Grund gerichtet, sondern auf die Zukunft und die Wirkung (den Effekt).

Ist der Effekt des Sparens und des Autokaufs nun eine Erleichterung der Wege im Alltag, das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit wenn man im offenen Wagen durch die Landschaft rast, oder vielleicht ein Herzinfarkt durch die Sitzerei im Auto – wo man doch früher radelte?

 

Einem weisen Mann lief eines Tages ein Pferd zu.

Man gratulierte ihm ob dieser glücklichen Fügung. Doch der weise Mann sagte: „Wer weiß, wer weiß … “

Der weise Mann ritt in der Folgezeit auf dem Pferd herum und freute sich daran. Doch eines Tages viel er vom Pferd und brach sich ein Bein.

Wieder kamen die Leute zu ihm, um ihn zu bedauern. Doch er sagte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

Weil der Weise krank darniederlag konnte er an einem bestimmten Tag nicht zum Markt gehen, wie es sonst seine Gewohnheit war. Doch an diesem Tag brach in der Markthalle ein Feuer aus, viele wurden verletzt.

Er sei ein Glückspilz sagte man ihm, doch der weise Mann erwiederte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

… u.s.w..

 

 

Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist.
William Shakespeare

 

Zufall

Der Schmetterlingseffekt ist mit dem Zufall verbunden. Das Gedankenexperiment des Schmetterlingseffekts zeigt uns, dass es nicht gelingen kann, den letzten Grund (und die letzte Wirkung) für irgendetwas zu finden.

Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.
Wilhelm Busch

Und etwas, das uns nicht erklärlich ist, für das wir keinen Grund finden können und das uns daher unberechenbar ist, nennen wir „zufällig“.

Wahrscheinlichkeit

Den Zufall wiederum glauben wir mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit ausschalten zu können. Die Wahrscheinlichkeit nimmt eine später eintretende Wahrheit (Ereignis, Effekt) vorweg, indem sie postuliert, sie müsse mit einer bestimmten Notwendigkeit eintreten.

Somit wird die (noch verschwommen erscheinende) Wahrheit der Zukunft zur Wahrheit des Jetzt.

Man kann das alles aber auch viel einfacher sehen – als eine Sichtweise, der der Mensch ohne eigenes Zutun ohnehin unterliegt, während wir die Wahrscheinlichkeit als unsere menschliche Erfindung sehen. Sehen wir beispielsweise wie sich ein Apfel vom Ast löst, erwarten wir, dass er im nächsten Augenblick auf der Erde auftrifft. Der Wahrscheinlichkeitstheoretiker würde sagen: „Der Apfel trifft mit der Wahrscheinlichkeit 1 (also völlig sicher) auf der Erde auf, wenn er sich einmal vom Ast gelöst hat.“

Wahrscheinlichkeit ist Zufall – Die Welt als Zufall

Doch für die Wahrscheinlichkeit und die Wahrscheinlichkeitsrechnung läßt sich wiederum sagen, was wir bereits für „jedes Ding“ postulierten: auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung hat ihre Wurzeln in der Unendlichkeit und ist nicht zu ergründen, bzw. zu begründen.

Es ist Zufall, welche Grundprämissen man der Berechnung einer Wahrscheinlichkeit zu Grunde legt – und welches Ergebnis man demzufolge erhält. Ob oder ob nicht eine bestimmte Wahrscheinlichkeit überhaupt zur Berechnung kommt, ist wiederum nicht zu begründen – und damit Zufall. Ob man eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellt, könnte man wiederum als das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeit ansehen.

Und … was schließlich ist eine Wahrscheinlichkeit, die niemand kennt, niemand denkt? Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es „da“ oder nicht?

 

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Weil es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und daher letztlich unergründlich, unberechenbar und zufällig ist, ist die Summe aller Dinge, die Welt, zufällig vorhanden.Und schließlich: Wenn es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und das daher letztlich unergründlich ist, dann ist die Summe aller Dinge, also die Welt, auch zufällig vorhanden, nicht wahr? Zumindest aus menschlicher Sicht.

 

 

 

spirealistische Sichtweise

Der Schmetterlingseffekt ist in der spirealistischen Sichtweise überaus selbstverständlich, denn hier kommen die Dinge durch den Gedanken in die Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kommt damit auch in eine Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kann als der Grund von etwas Anderem verstanden werden. Umgekehrt: Was ein Gedanke nicht erfasst kann auch niemals als der Grund von etwas anderem verstanden werden.

Alles Beliebige kann der Grund für etwas anderes sein – weil sich eine Grenze der Gedanken aus menschlicher Sicht niemals ziehen lässt. So kann selbstverständlich auch der Flügelschlag eines Schmetterlings der Grund für etwas sehr Gravierendes sein – vorausgesetzt, das Denken verleiht dieser Logik Existenz. Es ist die spirealistische Grundauffassung, die Welt als Sichtweise zu verstehen – die Welt kommt durch den Gedanken erst in die Existenz.

Anders gesagt: der Mensch ist nicht Beobachter einer äußerlichen Realität, sondern Erschaffer – allerdings nicht gemeint als eine Art Gott. Er ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern Element der Schöpfung. Die Realität, gibt es, abgetrennt von seinem Gedanken, nicht noch einmal „extra“, in objektiver Form.

 

Das angeführte „zufällige Vorhandensein der Welt“ ist im Übrigen letztlich die Umformung des Gedankens an fehlende Objektivität. Es ist das Ding „an sich“ des Kant, das sich nicht finden lässt. Es ist das „Alles fließt“ des Heraklit. Nichts ist erfassbar, das nicht auch anders gesehen werden könnte. Warum also erfassen wir es gerade so, wie wir es erfassen? Warum glauben wir an eine völlige Bestimmtheit eines Dinges das wir beobachten? Weil wir in der materialistischen Sichtweise meinen, ein in sich definiertes Außen vor uns zu haben, wenn wir etwas (ein Ding) beobachten. Doch wir sehen eigentlich: Die Dinge sind nicht ergründlich. Und aus unserer Sicht ist die Welt ein Zufall.

Nebenbemerkung: übrigens ist „die Welt“ in der spirealistichen Sichtweise nicht die Summe aller Dinge, sondern ein Objekt des Denkens wie jedes andere. 

Oder hat Gott einen Plan? Die materialistische Weltanschauung sagt: „Ja!“ Denn „Gott würfelt nicht“, wie Einstein formulierte. Doch der Schmetterlingseffekt ist eine Spielart jener Paradoxien, die das materialistische Weltbild hervorbringt und es gleichzeitig wanken lassen. Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment, das uns über die Wurzeln der Dinge unserer Welt(en) Auskunft gibt, und uns gleichzeitig rätseln lässt.

 

Ähnliches Thema: Artikel Was ist Wahrheit? Wahrheit als Weltanschauung.
Siehe auch: Artikel Letzte Wahrheit – gibt es sie?

Lesen Sie auch: Beitrag Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Weiterlesen: Artikel Die Wahrheit ist das, was im Fernsehen läuft

Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall was last modified: Juni 8th, 2016 by Henrik Geyer

Beweisbarkeit des Spirealismus

Wie läßt sich der Spirealismus beweisen? Wenn der Spirealismus aussagt, dass die Realität in den Gedanken liegt, ist seine Beweisbarkeit dann eine Frage der Phantasie?

fehlende Objektivität

Man muss sagen: Genau so ist es!

Das leitet sich bereits aus dem über Objektivität Gesagten ab.

Einerseits habe ich häufig dargelegt, warum es keine Objektivität gibt, wie das gemeint ist, woran man es sehen kann, etc.. Andererseits bedeutet das natürlich auch (und es hat mir selbst lange Kopfzerbrechen bereitet), dass der Spirealismus selbst nicht objektiv sein kann.

Eine Weile dachte ich so: Fehlende Objektivität ist die einzige IMMER feststellbare Tatsache – und somit dem am allernächsten, was man objektiv nennen könnte. Doch, nein, die ehrliche Antwort ist: Nicht existierende Objektivität läßt sich auch nicht objektiv beweisen!

Wie schwer es fällt, diese Denkhürde zu überwinden beweist jedoch, wie sehr unsere Vorstellungen auch Denkgrenzen sind.

Lesen Sie auch: objektiv subjektiv. Was ist der Unterschied zwischen Objektivität und Subjektivität?

eine Frage der Phantasie

Wenn man nun in dieser Welt (spirealistisch: in diesen Welten) keine Objektivität finden kann, dann bedeutet das, dass die Dinge, so wie sie uns vor Augen stehen, als Vorstellungen in die Welt(en) kommen.

Spruchbild: Nicht "unser" Denken im Gehirn erzeugt Realität - das Denken geht nicht von unserem Gehirn aus, sondern umschließt und erschafft uns. Ebenso wenig erzeugt eine Quelle Wasser. In einer Quelle tritt Wasser nur zu Tage.(Aus spirealistischer Sicht sind dies allerdings Vorstellungen eines kollektiven Bewusstseins, eines panpsychischen Bewußtseins sozusagen. Nicht so, wie wir uns Bewußtsein gemeinhin vorstellen, als nur im Menschen zu verorten, nur der Mensch erbringe den Beweis für Bewußtsein und zwar durch „sein“ Bewußtsein, u.s.w.).

 

 

Dass die Phantasie hier die entscheidende Instanz eines Beweises ist, will ich wie folgt illustrieren:

Seit Jahrtausenden gibt es in der Philosophie Überlegungen, die die spirealistischen Thesen stützen, und die ich daher in verschiedensten Beiträgen zitierte. Diesmal erinnere ich an den bekannten Ausspruch des Heraklit

Alles fließt.

oder auch (ebenfalls von Heraklit)

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.

Dies bereits mag ein wenig schwierig sein, sich vorzustellen, aber es ist eigentlich logisch: Wer zu zwei verschiedenen Zeitpunkten in den Fluss steigt, findet nicht denselben Fluss vor, sondern eigentlich zwei verschiedene. Der Stoff des Flusses hat sich sowohl in seiner Identität (der Stoff: das Wasser) gewandelt, wie auch in der Zusammensetzung, der Menge, etc..

Man mag nun denken: Der Fluss ist ein Sonderfall – das flüssig-flüchtige Element Wasser, aus dem er besteht, ist nicht in den (festen) Dingen. Doch, was für den Fluss gilt, muss man sich nun für alle Dinge denken, so verlangt Heraklit, denn alles fließt.

Warum sagt er das? Weil, was für den Fluss zutrifft, der ja im Grunde eine ganz alltägliche Erscheinung ist, nicht in seinem Wesen völlig verschieden sein kann, von allem anderen. Nein, in einem Kontinuum der Wahrnehmungen ist der Fluss eine Erscheinung, die sich nur graduell unterscheidet, nicht jedoch wesenhaft. Dies ist übrigens auch exakt die Aussage vieler Teilchenphysiker der Moderne, die sich mit dem Wesen der Materie beschäftigen.

Nun kann man aber – auch das gibt es bereits seit Jahrtausenden – konsequenterweise weiter sagen:

Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen.

Dies ergibt sich als logische Konsequenz, wenn man versteht, dass Wissen Erinnerung ist (Platon), und dass, wenn man einen Fluss sieht, und ihn bereits in einem zweiten Gedanken ergründen will, seinem Wesen auf die Spur kommen will, dieser Fluss bereits im zweiten Moment verändert ist – es gilt also auch hier das bereits Gesagte: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Heraklit … Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen.

Das wiederum ist identisch mit der spirealistischen Sichtweise des fehlenden Objektiven … es gibt kein Ding, das ein eigenes, vom Denken unabhängiges Wesen hätte, es gibt kein unabhängiges Außen, das wir beobachten. Sondern, die Existenz der Welt(en) IST Denken, IST Relativität, IST Subjektivität – das ist die spirealistische Grundüberzeugung.

 

 

 

Art und Weise des Beweises

Wie also könnte ein Beweis für dieses Denken aussehen?

In der quasi einzig gewünschten Form, in Form des Beweises eines objektiven Tatbestandes, kann er nicht stattfinden, denn das würde die Negation dessen erfordern, was der Spirealismus proklamiert und was ja gerade bewiesen werden soll.

Anders gesagt: Wenn die (weltanschaulichen) Brillen der Ichs dafür verantwortlich sind, was für eine Welt ihnen entsteht, was für sie also „sichtbar“ ist, dann ist für den materialistischen Denker die Geisteswelt des Spirealismus unsichtbar, undenkbar, nicht nachweisbar.

Es bleibt dem Spirealisten nichts anderes übrig, als die Phantasie des Materialisten anzuregen, ihn an Alltagserfahrungen zu gemahnen die seiner materialistischen Grundüberzeugung widersprechen, also die Widersprüche des Materialismus aufzuzeigen, und auf der anderen Seite die Logik, den Nutzen und die letztliche Unabwendbarkeit des Spirealismus aufzuzeigen.

Das ist aber nicht einfach – gerade der Spirealismus in seiner Konsequenz zeigt ja, dass die Welten (welche es auch seien) immer in sich logisch und vollständig wirken müssen, es gibt für sie jeweils kein „fehlendes“ Element, keine Notwendigkeit, eine andere Welt zu erschaffen. Sondern es gibt innerhalb des Materialismus nur die Notwendigkeit den Materialismus weiterzuentwickeln. Ich möchte das mit einem provokativen Beispiel illustrieren – dem Wunderglauben des Mittelalters. Vorausgesetzt man glaubt an die Existenz von Hexen ist die daraus folgende Konsequenz ja nicht, die Existenz von Hexen in Zweifel zu ziehen, sondern die Konsequenz ist, die Auffindbarkeit des Hexenunwesens zu ergründen, die Hexen zu vernichten, etc.. Das bedeutet, der Glaube, jede Vorstellungswelt, auch die des Materialismus, stabilisiert sich selbst. Und das ist es, was wir ja auch tatsächlich stets und ständig sehen.

Die Notwendigkeit des Spirealismus im Heute

… und … gilt das soeben Gesagte nicht auch für den Spirealismus? Stabilisiert er sich dann demzufolge nicht auch selbst?

Doch. Das Gesagte gilt auch für den Spirealismus, der allerdings von vorn herein weniger in festen Begriffen denkt, sondern ja eben gerade die Relativität jedes Begriffes betont. Insofern glaubt der Spirealismus die Welt(en) besser beschreiben zu können und unseren Vorstellungen nützlich zu sein.

Und .. wenn jede Weltvorstellung sich selbst völlig genügt, welche Notwendigkeit und besondere Dringlichkeit besteht dann, in spirealistischen Begriffen zu denken?

Die heutige Zeit sehe ich geprägt durch eine stark entwickelten Materialismus, in dem für Wunderglauben und den Gedanken an etwas „Höheres“ (als den menschlichen Geist) kein Platz zu sein scheint – was die Gegenposition zum Spirealismus ist. Aber auch geprägt durch tausenderlei Widersprüchlichkeiten, beispielsweise aus der häufig von mir ins Feld geführten Teilchenphysik. Weiterhin wird ind er Popkultur zunehmend die Frage gestellt, was überhaupt die Realität ist – man denke an den Film Matrix, aber auch diverse Science Fiction-Romane (auch Filme), beispielsweise von Philip K. Dick. Diese populär werdenden Fragestellungen werden angereichert durch eine jahrtausendelange reiche philosophische Überlegungen … Heraklit, Plato, Kant, Hegel, Schopenhauer, Wittgenstein, Bohr, Einstein, Heisenberg … nun müssten deren Überlegungen „nur noch“ Gegenstand des Alltagsdenkens werden. Und schlussendlich – und vielleicht am wichtigsten – sind es die ganz praktischen Ergebnisse der materialistischen Wissenschaft, die selbst die entscheidenden Fragen immer unvermeidbarer werden lassen: der Computer, die weltweite Vernetzung, die künstliche Intelligenz.

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Wenn es eine Frage der Nützlichkeit (und nicht einer schlichten Wahrheit) sein sollte: Der Spirealismus hat, richtig verstanden, Nützlichkeit. Und: Er fügt sich in das bestehende Denken nahtlos ein, will z.B. die Wissenschaft nicht etwa überflüssig machen, nur weil er die Wahrheit spirituellen Denkens darlegt – denn er stellt die Relativität der Welt(en) fest, und postuliert ihre jeweilige „Gültigkeit“. Gleichzeitig stellt er keineswegs die Existenz in Frage, auch wenn er die Welt(en) als „gedacht“ bezeichnet. Jedoch hat der Spirealismus einen eigenen Existenzbegriff, der von dem des Materialismus abweicht.

Der Beweis …

… ist also keine nachrechenbare Formel, das kann es nicht sein. Auch (verständlicherweise) kein: „Seht, dort ist das Nichts!“

Sondern es ist ein Aufzeigen stets und ständig vorhandener unendlicher anderer Denkmöglichkeiten, als sie gerade im öffentlichen (supersubjektiven) oder individuellen Bewusstsein vorherrschen. Es ist ein Denken in Metaphern, in Symbolen, ein Quer- und Andersdenken, und ein Aufzeigen von dessen Wahrheit.

 

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Beweisbarkeit des Spirealismus was last modified: Mai 20th, 2016 by Henrik Geyer

Zynismus – Verzicht auf das Mehr!

Zynismus: Nachdenklich liegt in seiner Tonne, Diogenes hier an der Sonne.

Das Wort Zynismus bedeutet nach heutigem Verständnis das die (hohen) Werte der Gesellschaft Ablehnende. Ein Zyniker schätzt gering, was allgemein hoch geachtet ist, tut es ab, und ist so (nach außen nicht immer erkennbar), der soziale Paria der Gesellschaft.

Das Wort Zynismus entstammt der Denkrichtung der Zyniker der griechischen Antike. Es ist eine Philosophie, die durch materiellen Verzicht Reinheit und Unabhängigkeit zu erreichen suchte – ein Gedanke, der, weil er auch etwas Zwingendes hat, immer wieder in der Geschichte auftaucht, man denke nur an Franz von Assisi, an Jesuiten, an die Fastenbewegung heute …

Siehe auch: Wenn du frei sein willst, nimm dir Zeit

Zynismus (Kynismus) leitet sich vom griechischen Wort für Hund ab – es bedeutet Hündigkeit, leben wie ein Hund, wegen der dem Kynismus eigenen Bedürfnislosigkeit.

Zynismus ist ursprünglich nicht negativ

Weil sich der zynische (kynische) Philosoph (jedenfalls ursprünglich) allem möglichen Ungemach aussetzte, um seine hohen Ideale der Natürlichkeit und Freiheit zu erreichen, kann man ihn nicht eigentlich abtuend oder negativ im heutigen Sinne nennen.

Bekanntestes Beispiel für einen Zyniker im klassischen Sinne ist Diogenes von Sinope. In einer herrlich gezeichneten Bildgeschichte von Wilhelm Busch ist er das arme Mobbingopfer zweier böser Buben. Da er als „Dach überm Kopf“ lediglich ein Weinfass sein eigen nennt, ist er deren Angriffen auch relativ schutzlos ausgeliefert. Doch trotz (oder gerade wegen?) der Gewaltlosigkeit des Diogenes enden die Angriffe der Buben für diese schlimm, für Diogenes hingegen gut.

Eine weitere amüsante Geschichte ist, als Diogenes durch eine Volte des Schicksals in Gefangenschaft gerät und als Sklave teuer verkauft werden soll. Von Kaufinteressenten gefragt, was er denn besonders gut könne, antwortete er: „Ich kann besonders gut Befehle geben. Wer also Interesse hat sich hier einen Herrn einzukaufen, der möge zuschlagen.“

Eine weitere bekannte Anekdote ist der Besuch des berühmten Feldherrn Alexander (des Großen) bei Diogenes. Alexander war erstaunt gewesen, warum Diogenes ihm nicht seine Aufwartung gemacht hatte, wie es bei der Anwesenheit des Königs alle taten, die in der Stadt ein gewisses Ansehen hatten. So kam nun Alexander zu Diogenes und fand ihn müßig in der Sonne liegend vor. Alexander begrüßte ihn und fragte: „Wenn du dir etwas von mir wünschen könntest, was würdest du dir wünschen?“ Diogenes antwortete: „Dass du mir aus der Sonne gehst.“

 

Das Gesagte macht deutlich, dass Zynismus in Bezug auf die Freiheit anspruchsvoll ist, was eine Abkehr von den Werten der Gesellschaft als Notwendigkeit mit sich bringt.

Zynismus ist im Ursprung aber nicht bösartig, nicht gemein, nicht zerstörerisch. Sondern in gewisser Weise konstruktiv. Vielleicht muss sich die Gesellschaft wandeln, sich abkehren von der ewigen Logik des Mehr! und immer Mehr! In diesem Fall würde wohl eine Spielart des Zynismus eine der Welt wohltuende Renaissance erleben.

 

Weiterlesen: Beitrag Verantwortung für die Welt übernehmen

Siehe auch: Artikel Wachstumswahn – wie viel ist genug? Ist ein Ende des Wachstums erst dann erreicht, wenn wir die Schnauze voll haben?

Siehe auch: Artikel Ist der Mensch die Krankheit der Welt? Zerstörung der Erde – Heilung der Erde.

 

 

Zynismus – Verzicht auf das Mehr! was last modified: Mai 17th, 2016 by Henrik Geyer

Lebenslügen: leben wie eine Katze auf einem heißen Blechdach … es aushalten

Lebenslügen - leben wie eine Katze auf einem heißen Blechdach …. Es aushalten

Im Film „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ geht es um Lebenslügen.

Der Film entstand im Jahr 1958 nach einem erfolgreichen Theaterstück von Tennessee Williams.

Der Plot

Es geht um eine reiche Südstaatenfamilie, um Erbschaftsstreitigkeiten, um Enttäuschungen, um den schönen Schein, und vor allem um Lebenslügen.

Das Oberhaupt der Familie, „Big Daddy“, feiert im Kreis seiner Familie seinen 65. Geburtstag. Er ist durch eine schwere Krankheit todgeweiht, doch niemand hat den Mut, es ihm zu sagen.

Er wird nicht müde zu sagen, dass er sein Reich, die Farm, eben alles, ganz allein aufgebaut hat, mit seinen eigenen Händen. Big Daddy nimmt an, dass es das ist, wofür man ihn liebt. Derweil entfaltet sich ein munteres Ränkespiel um das bald fällig werdende Erbe, denn alle anderen wissen über seine Erkrankung Bescheid. Big Daddy ist in diesem Ränkespiel Statist und weiß es nicht einmal.

Auch sein Sohn Gooper lebt mit einer Lüge. Er hat alles getan, so wie sein Daddy es ihm gesagt hat: Er wurde Anwalt, zog nach Memphis, heiratete, bekam viele Kinder. Er hat das Leben seines Daddy gelebt und glaubt nun, dies verschaffe ihm die Liebe seines Vaters. Doch der liebt seinen anderen Sohn mehr, Brick.

Brick (gespielt von Paul Newman) wiederum ist insgeheim homosexuell (das kommt im Film nicht zur Sprache – wohl aber im Theaterstück), doch er verbirgt das seit seiner Jugend. Mit seinem Vater konnte er darüber nie sprechen, alles was der verstand, und alles was ihn alleinig interessierte, das waren Leistung und Erfolg. Brick ist sich der Lügen zum Teil bewusst und sie sind ihm unerträglich. Sein Leiden kompensiert er mit dem Konsum von reichlich Alkohol.

Bricks junge Frau Maggie „die Katze“ (gespielt von Elizabeth Taylor), kommt aus ärmlichen Verhältnissen und hat gelernt mit allen Härten umzugehen. Sie durchschaut die Lebenslügen und Intrigen dieser Familie voll und ganz, spielt mit. Sie ist gewohnt und fähig, das Unerträgliche zu ertragen, sie ist zäh wie eine Katze auf einem heißen Blechdach. Ihr „Trick“ ist, einfach solange wie möglich darauf zu bleiben.

Lebenslügen – Höhepunkt in einem Keller voller Ramsch

In einem eskalierenden Streit erklärt Brick Big Daddy, dass dieser nur noch kurze Zeit zu leben hat. In einem stimmungsvollen Höhepunkt entlädt sich nun Wahrheit um Wahrheit, ebenso wie die Blitze des zur selben Zeit stattfindenden Gewitters. Dass die Wahrheit über das nahe Ende Big Daddys ausgesprochen wurde, löst alles. Auch andere Wahrheiten können nun gesagt werden.

In einem Keller voll mit luxuriösem Ramsch, der angeschafft wurde, weil er so wertvoll schien, aber seine vollständige Nutzlosigkeit dadurch preisgibt, dass er aufgestapelt nur die Sicht versperrt, so wie die Lebenslügen dieser Familie die Sicht auf die Wahrheit versperren, sprechen sich Brick und Big Daddy aus.

Die Katze auf dem heißen Blechdach als DVD

Big Daddy beklagt, sein Vater habe ihm nicht mehr hinterlassen als einen Koffer und einen alten Hut aus dessen Soldatenzeit. Doch durch Brick erst versteht Big Daddy, dass da etwas anderes war, zwischen ihm und seinem Vater. Big Daddy konnte seinen Vater lieben, viel mehr, als es Brick bei Big Daddy möglich gewesen war. Die Gewöhnung an die allgegenwärtigen Lebenslügen hatte die Liebe zwischen Vater und Sohn erstickt.

Wie die Natur nach dem reinigen Gewitter, das über den Mississippi hin abzieht, sind die Menschen nach dieser Entladung von Wahrheiten, die so lange verborgen gehalten worden waren, befreit und geläutert.

 

Die Katze auf dem heißen Blechdach als Buch

Ein wunderbarer Film (und Buch), der uns gemahnt, in unserem Leben aufzuräumen, Lebenslügen zu meiden, wertzuschätzen, ehrlich zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterlesen: Beitrag Letzte Wahrheit – gibt es sie?

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Lebenslügen: leben wie eine Katze auf einem heißen Blechdach … es aushalten was last modified: Juni 1st, 2016 by Henrik Geyer