Sind wir vorbestimmt oder frei?

Haben wir eine eigene Vernunft, oder sind wir abhängig von Vorbestimmtheit? Wenn man die Gegenwart als reine Folge einer Kausalkette der Ereignisse der Vergangenheit ansieht, dann mag man auf diesen Gedanken kommen. Wo setzt nun eigentlich das Freie im Handeln ein?

Immanuel Kant formulierte diesen Gedanken so:

Um das regulative Prinzip der Vernunft durch ein Beispiel aus dem empirischen Gebrauche desselben zu erläutern, nicht um es zu bestätigen (denn dergleichen Beweise sind zu transzendentalen Behauptungen untauglich), so nehme man eine willkürliche Handlung, z. E. eine boshafte Lüge, durch die ein Mensch eine gewisse Verwirrung in die Gesellschaft gebracht hat, und die man zuerst ihren Bewegursachen nach, woraus sie entstanden, untersucht, und darauf beurteilt, wie sie samt ihren Folgen ihm zugerechnet werden könne. In der ersten Absicht geht man seinen empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben durch, die man in der schlechten Erziehung, übler Gesellschaft, zum Teil auch in der Bösartigkeit eines für Beschämung unempfindlichen Naturells, aufsucht, zum Teil auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit schiebt; wobei man denn die veranlassenden Gelegenheitsursachen nicht aus der Acht läßt. In allem diesem verfährt man, wie überhaupt in Untersuchung der Reihe bestimmender Ursachen zu einer gegebenen Naturwirkung. Ob man nun gleich die Handlung dadurch bestimmt zu sein glaubt: so tadelt man nichtsdestoweniger den Täter, und zwar nicht wegen seines unglücklichen Naturells, nicht wegen der auf ihn einfließenden Umstände, ja sogar nicht wegen seines vorher geführten Lebenswandels, denn man setzt voraus, man könne es gänzlich beiseite setzen, wie dieser beschaffen gewesen, und die verflossene Reihe von Bedingungen als ungeschehen, diese Tat aber als gänzlich unbedingt in Ansehung des vorigen Zustandes ansehen, als ob der Täter damit eine Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe.

Dieser Tadel gründet sich auf ein Gesetz der Vernunft, wobei man diese als eine Ursache ansieht, welche das Verhalten des Menschen, unangesehen aller genannten empirischen Bedingungen, anders habe bestimmen können und sollen. Und zwar sieht man die Kausalität der Vernunft nicht etwa bloß wie Konkurrenz, sondern an sich selbst als vollständig an, wenngleich die sinnlichen Triebfedern gar nicht dafür, sondern wohl gar dawider wären; die Handlung wird seinem intelligiblen Charakter beigemessen, er hat jetzt, in dem Augenblicke, da er lügt, gänzlich Schuld; mithin war die Vernunft, unerachtet aller empirischen Bedingungen der Tat, völlig frei, und ihrer Unterlassung ist diese gänzlich beizumessen.

Quelle: Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1790 (Jahr)

 

 

Sind wir vorbestimmt oder frei? was last modified: März 29th, 2014 by Henrik Geyer

Interview mit Malerin und Schriftstellerin Ria von Sypo

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Ria von Sypo Gemälde

Ria von Sypo ist eine unter Pseudonym arbeitende Malerin und Schriftstellerin. Sie sucht und findet Sinn in ihrem Engagement für die Erhaltung der Welt, die sie in Gefahr sieht.

Im Spireo Interview beantwortet sie Fragen zu ihrem Werk. 

Du bist Malerin- wie kamst Du zum Schreiben?

Den Spaß am Malen entdeckte ich sehr früh. Leider befremdete mich das Ergebnis häufig. Dennoch blieb ich am Üben und hatte wohl auch gelegentliches Glück mit verständigen Lehrern. Speziell mein Professor im Studium glaubte an mich. Heute wäre ein Leben ohne zu malen für mich undenkbar.

Das Bedürfnis zum Schreiben ereilte mich wahrhaftig über Nacht. Lag es nun daran, dass ich so viel erlebt hatte und mein Unterbewusstsein spontan die Sprache der Bilder verließ? Wollte es die Verarbeitung in Worte kleiden? Wie auch immer, ich erwachte aus einem klaren, lebhaften fast realistischen Traum. Und jeder Versuch ihn abzuschütteln oder zu verbannen, scheiterte. Er nistete sich in einer Ecke meines Gehirns ein, machte es sich dort gemütlich  und erweiterte grinsend sein Revier. Dieser Traum zwang sich mir auf und vereinnahmte mehr und mehr mein Denken. Der sich gegen ihn aufbäumende Widerstand unterlag hilflos und schlug sich schließlich feige in die Flucht. Was konnte ich entgegenhalten? Ich skizzierte meine Gedanken, ordnete sie auf vertrautem Terrain, wollte diese Phantasie zum Schwächeln zwingen. Welch gravierender Fehler! Stattdessen nahm diese Utopie Gestalt an, schälte sich aus nebulösen Gebilden in deutliche Strukturen und zog bereits erste Worte an sich. Alles hatte ich bereits gemalt! Eben noch verwirrt, musste ich feststellen, dass mir das Spiel mit Worten großes Vergnügen bereitete. Plötzlich flossen Sätze aus mir und stachelten mich zu stetig weiterem Schreiben an. Und wollte ich nicht daran ersticken, so musste ich mich diesem Druck devot ergeben, dem Schicksal gehorchen. Daraus wurde „Bitte lass es nie enden“, nach der gleichnamigen Bildserie. Ein Liebesroman, der sich eine friedliche Welt vorstellt, in der die Menschen endlich erwachen und gemeinsam den Kampf gegen den Klimawandel aufnehmen.

 

Ist Dir Kreativität wichtig? Wenn ja, warum?

Seine eigenen Stärken zu erkennen und anzunehmen, ist ein wichtiger Prozess. Egal welchem Beruf wir nachgehen, ein jeder sollte auf seinem Gebiet einfallsreich sein. Ob am Schreibtisch, im OP, beim Fahren oder Bauen.  Ein Künstler setzt seine Phantasie in etwas Erlebbares um, drückt sich in Farben, Worten, Formen etc. aus, schafft etwas Individuelles.

Bei mir bahnte sich der Schöpfergeist schon früh einen Weg und suchte nach Gestaltungsmöglichkeiten. Nicht immer zur Freude meiner Familie. So zerschnitt ich als kleines Mädchen Kleidungsstücke meiner Mama oder Schwester, um mir daraus etwas sehr eigenes zu kreieren. Und auch später fiel mir allerlei ein. Die Jahre lehrten mich, dass Kreativität auch zur Belastungsprobe für mein Umfeld werden kann. Manche Idee oder deren Umsetzung fordern unsere Mitmenschen heraus. Der Eine feiert das Internet, der andere verdammt es. Mode, geliebt und gehasst. Das Handy gefeiert und verflucht. Wo Licht ist, gibt es Schatten.

Kreativität ist ein Prozess, ist Leben, Bewegung und fordert bei Einhaltung von Regeln Toleranz. Immerhin bereichert  sie vielfältig  und bunt unser Leben.

 

_DSC3444 _2Glaubst Du, Du hast eine Aufgabe in dieser Welt?

Was ist eigentlich Bestimmung? Darüber ließe sich seitenweise debattieren. Worte wie: Zufall, Auftrag, Antwort, Gebot, Wahl und Pflicht, Deutung, Richtung, Schicksal, Gefüge usw. fallen mir ein.

Ich hänge dem Glauben an, dass alles einen Sinn hat. Auch wenn wir ihn nicht sehen können oder gerade verzweifeln. Im Nachhinein erklärt sich vieles. Für mich schält sich meine Aufgabe als Vermächtnis heraus. Meine Eltern lebten uns das Streben für einen friedlichen und liebevollen Umgang vor, die Achtung vor jedem Leben und eine Ehrfurcht vor der Schönheit und Vollkommenheit dieses Planeten.

Somit erfüllt der Roman eine wichtige Funktion in meinem Dasein. Er trug mich in eine Richtung. „Was ist uns wichtig?“, fragt sich meine Romanfigur Evi. Wie könnte sie an der Rettung ihrer Erde mitwirken?

Ihre Gedanken führen mich zu einer Konsequenz. Als Folge erwacht meine Seite: pro-elf.de

Elf steht abgekürzt für PRO ERDE, LIEBE, FRIEDEN. In Evis Traum wächst eine kleine Gruppe zu einer weltumspannenden, grenzübergreifenden Macht heran. Auch meine Hoffnung stirbt zuletzt! Mögen viele Leser sich einreihen und es immer weiter tragen!

 

Wenn Du Deine Aufgabe bzw. Dein Ziel nur rückblickend beurteilen kannst/willst, was, glaubst Du steuert Dich im Jetzt? Es ist ja nicht trivial sich monatelang hinzusetzen und zu schreiben..

Mein Jetzt beziehe ich aus den Bausteinen der Vergangenheit. Es ist die Erkenntnis, warum ich z.B. wie getrieben an diesem Roman saß. Meine Gegenwart resultiert aus den Erfahrungen. Als ein steht Ergebnis steht pro-elf.de

 

Glaubst Du an Gott?

Hierzu möchte ich kurz aus meinem Buch zitieren: „ Egal welchen Glaubens, welcher Religion oder Theorie- uns alle vereint die Achtung und Ehrfurcht im Angesicht dessen, was ein Mensch nie hat schaffen können! Einer großen, wirkenden Kraft, die tausend Namen und Anreden erträgt.“(2. Hauptteil, Kap.18)

 

Glaubst Du an ein Leben nach dem Tod?

Bei meinen Eltern begegneten mir so unglaubliche Dinge in ihrem Prozess des Sterbens, dass ich eine tiefe Gewissheit  in mir trage und an eine Weiterexistenz der Seele glaube. Eine Wiedergeburt ermöglicht Chancen, unterwirft neuen Prüfungen, diktiert Aufgaben, fordert und schleudert  alles aktuell. Stetig geschliffen, sollte sich die Gesinnung von üblen Mängeln befreien.

 

Können wir die Erde retten? Wie siehst Du die Zukunft für unseren Planeten?

Die Gegenwart sehe ich pessimistisch. Für die Zukunft wage ich zu hoffen.

Die alarmierenden Zustände rütteln eine wachsende Anzahl von Menschen wach. Ein ermutigendes Zeichen!

Doch wo kämpfen wir geeint? Ob beim Tier-, Klima-, Pflanzenschutz, dem Kampf gegen Krieg, Gewalt und Unterdrückung, ob männlich, weiblich, schwarz, gelb oder weiß, groß oder klein etc., überall finden wir Gruppen und Engagement. Manchmal sogar bewusst voneinander abgrenzend.

Jeder ist wichtig! Aber nur gemeinsam erlangen wir Kraft! Nur eine vereinte, anschwellende Masse wird zu einer Energie und ernsten Macht!

Es ist wie mit dem unbedeutenden Vögelchen, das den Waldbrand löschen will. Es nimmt Wasser im Schnäbelchen auf und fliegt bis zur Erschöpfung. Aber es versucht es! Bis auch die Großtiere endlich helfen.

So will auch mich einbringen. Deshalb meine Seite PRO ELF. Vielleicht erreichen auch wir einmal mehr?

 

Worin besteht die Hoffnung für die Zukunft, wenn die Gegenwart nicht hoffen lässt? In einer Katastrophe vielleicht, die das Umdenken erzwingt?

Dieser Gedanke geht auf einen Ausspruch eines Philosphen zurück. Er trifft meine Einschätzung. Ich denke, dass noch ein weiter Weg vor der Menschheit liegt. Die Probleme rücken bei zunehmend mehr Menschen ins Bewußtsein, dennoch blicken Scharen weg oder verdrängen sie. Andere resignieren, geben auf. Dann begegnen wir dem Tunnelblick, der nur eine Sichtweise akzeptiert. Katastrophen mehren sich schon heute. Und ja, sie führen zu manchem Umdenken. Trägheit, die in gemeinsame Entschlossenheit wächst, benötigt Zeit.

 

Ria von Sypo - Bitte lass es nie enden.
Ria von Sypo – Bitte lass es nie enden.

Warum helfen die Großtiere dieses Gleichnisses nicht?

Vermutlich helfen die Großtiere nicht sofort, weil es in der Fabel, wie im realen Leben zugeht. Ein Maß an Desinteresse, Eigeninteresse, Überheblichkeit oder gar Arroganz scheint ihnen eigen zu sein.

Interview mit Malerin und Schriftstellerin Ria von Sypo was last modified: April 28th, 2015 by Henrik Geyer

Mit dem Atomkraftwerk kam der Wohlstand

Atomkraftwerk

Aus einem Fernsehbeitrag vor einigen Tagen:

Vorgestellt wurde ein Mann, der als Einziger in dem Gebiet lebt, das durch das im Jahr 2011 verunglückte Atomkraftwerk Fukushima verseucht wurde – in der Sperrzone sozusagen.

Der Mann, ein großer, uriger Bauer mit weißen Haaren, berichtete davon, dass nach der Katastrophe alle Menschen in Panik das Gebiet verließen, alles, auch die Tiere zurücklassend. Er selbst habe auch bei Freunden und Verwandten außerhalb der Todes-Zone unterkommen wollen, doch niemand wollte ihn aufnehmen, alle hatten Angst, selbst verseucht zu werden.

So fuhr er zurück auf seinen Bauernhof innerhalb der Todeszone; nun lebt er dort wieder, einsam inmitten der verlassenen Häuser. Er bekam das Sterben der Tiere in den Ställen mit, als die Menschen die Gegend verließen. Kühe, Schweine, Schafe, Hunde und Katzen verhungerten, oft mit Jungtieren an ihrer Seite. Wo er konnte, habe er manchmal Hunde aufgenommen oder andere Tiere, sagte er.

Er berichtete von der Zeit vor der Katastrophe.

Bevor das Atomkraftwerk gebaut wurde, war die Gegend arm. Wenn die Kinder ein Loch in der Kleidung hatten, gabs einen Flicken drauf, und weiter ging’s. Die Leute hatten keine Autos, die konnte sich niemand leisten.

Erst, als das Atomkraftwerk kam, hielt der Wohlstand Einzug. Die Leute hatten plötzlich Autos, viele Familien auch mehrere. Geflickt musste nichts mehr werden. Reich wurde man. Wenn da nicht das Unglück wäre…

Ist der Mensch wirklich das Genie, für das er sich hält? Ist es vielleicht sein Streben nach immer mehr, das ihn am Ende umbringt?

 

 

 

mit dem Atomkraftwerk kam der Wohlstand
mit dem Atomkraftwerk kam der Wohlstand
Mit dem Atomkraftwerk kam der Wohlstand was last modified: März 13th, 2015 by Henrik Geyer

Interview mit Autor Dr. phil. Christian Hardinghaus

Christian Hardinghaus

Herr Dr. Hardinghaus hat das Buch „Mindfuck Stories“ vorgestellt, ein Buch voller überraschender Wendungen, die uns auf psychologischer Ebene fragen lassen: „was ist unsere Realität?“ Hierzu einige Fragen an Dr. Hardinghaus: 

 

Mindfuck Stories
Mindfuck Stories

Können Sie zu Beginn des Interviews bitte noch einmal erklären, was ein Mindfuck ist?

Natürlich, es wäre schlecht, könnte ich es nicht. Der Begriff stammt aus dem Filmbereich und beschreibt eine völlig unerwartete Wendung in der Handlung einer Geschichte, die den Zuschauer verblüfft, fasziniert und noch lange nachdenken lässt. Zugegeben, der Begriff klingt vulgär, aber eine geeignete deutsche Übersetzung gibt es nicht und das Wort hat sich bereits etabliert. Sprachlich kann man es vom umgangssprachlichen Englischen „to fuck with somebody´s mind“ ableiten, was so viel bedeutet wie jemanden den Kopf verdrehen.

 Sie sind Medienwissenschaftler und Journalist. Wie kamen Sie dazu, auch Belletristik zu schreiben?

Ein Autor wird immer danach gefragt und fast jeder gibt an, dass das Schreiben schon immer seine Leidenschaft gewesen sei. Das klingt irgendwie abgedroschen. War es bei mir anders! Nein, genauso! Auf das Projekt Mindfuck Stories bin ich gekommen, nachdem ich in meiner Doktorarbeit Manipulationstechniken in Film und Internet untersucht habe. In meinen Stories geht es auch darum, den Leser zu manipulieren. Allerdings auf eine ungefährliche und unterhaltsame Weise.

Als was sehen Sie sich denn vorrangig, als Schriftsteller, Wissenschaftler oder Journalist?

Als alles in einer Person und Berufung. Wenn man Affinität und Übung im Schreiben hat, dann kann man alles schreiben, das ist meine Meinung. Ich könnte wohl auch eine Bedienungsanleitung für eine Waschmaschine verfassen, doch das wäre langweilig. Als Wissenschaftler liebe ich es, investigativ zu forschen, als Journalist schreibe ich zu psychologischen und historischen Themen.

Was ist das Resümee des Schriftstellerseins? In welcher Hinsicht lohnt es sich? Auch persönlich?

Ich habe als Autor schon eine Reihe Sachbücher veröffentlicht. Doch am meisten Freude bringt mir die erzählende, fiktionale Literatur. Das bedeutet für mich, die absolute Freiheit zu haben. In den Geschichten läuft alles zusammen: eigene Erlebnisse, von anderen gehörte Erlebnisse und die individuelle Fantasie. Alles kombiniert mit einer Menge Recherche. Sicher muss sich jeder Newcomer von der Illusion befreien, sofort einen Bestseller landen zu können. Das gelingt wirklich nur ganz Wenigen. Aber das ist auch mein Traum. Und da ich gerade erst angefangen habe und schon ein unglaublich positives Feedback bekommen habe, bleibe ich dran.

Haben Sie als Schriftsteller neue Erkenntnisse gewonnen? Welche?

Ich habe mich darin bestätigt gefühlt, dass ich Menschen mit meinen Worten unterhalten und faszinieren kann. Die Leser leben mit meinen Figuren, so wie ich es tue. Oft kommt es vor, dass Leser wissen wollen, wie die Geschichten der Charaktere weitergehen und sie entwickeln dabei selbst Fantasie. Schriftsteller und Leser, beides gehört symbiotisch zusammen. Daher ist mir die Kommunikation mit Lesern besonders wichtig geworden.

Sie greifen viele psychologische Themen auf. Beschreiben eindringlich Ängste, Zwänge und Trauer. Ihre Protagonisten sind schizophren oder hypochondrisch. Stecken Teile davon in Ihnen selbst?

Auf jeden Fall. Bei mir genauso wie bei allen anderen Menschen. Erst, wenn Symptome sehr ausgeprägt sind und das Leben einschränken, kann man von Erkrankungen sprechen. Ich glaube, dass es in einem Menschen eine Grundsensibilität gibt, die bei jedem unterschiedlich ausgeprägt ist. Als Schriftsteller muss man aber auf jeden Fall sehr sensibel sein. Genauso wie im realen Leben muss sich der Schriftsteller genau in die Gefühle seiner Figuren hineinversetzen können. Das ist vergleichbar mit der Kunst eines Schauspielers.

Braucht man nicht auch psychologisches Fachwissen, um über solche Dinge zu schreiben?

Möglicherweise geht das auch ohne. Da muss man aber auch vorsichtig sein, schließlich gibt es die Fachleser, und da möchte man auch nichts Falsches schreiben. Das Internet hält aber ja genug Wissen parat, um sich zu informieren. Ich selbst habe mich viel mit Psychologie beschäftigt, habe eine Weiterbildung in Allgemeiner Psychologie gemacht und auch mein Promotionsthema wurde sozialpsychologisch behandelt.

Ihre Mindfuck Stories erinnerten mich an Roald Dahl – sind Sie von Roald Dahl inspiriert?

Das ist schön, dass Sie das ansprechen. Die Zahl der Leser häuft sich, die meine Stories mit den Geschichten von Roald Dahl vergleichen. Und wissen Sie was? Ich habe noch keine einzige Geschichte von ihm gelesen, aber über ihn und werde das wohl nun nachholen müssen. Ich bin ein Fan von Edgar Allen Poe. Für mich der Star unter den Kurzgeschichtenschreibern und ein Mitbegründer der Schauerromantik. Literatur inspiriert mich. Was den Mindfuck betrifft, so bin ich aber doch sehr stark von Filmen beeinflusst. Mein großes Idol ist David Lynch. Sein Film Mulholland Drive ist ein Meisterwerk. Darüber habe ich ein Sachbuch geschrieben und den Film analysiert. Er steckt voller Mindfuck Effekte. Lynch gerät leider zunehmend in Kritik durch seine Leidenschaft zur Transzendentalen Meditation. Der Bewegung wird von einigen Wissenschaftlern sektenähnliche Strukturen vorgeworfen. Ich halte mich da mit meiner Meinung zurück. Für mich ist und bleibt er der größte Regisseur unserer Zeit.

Sie bauen in Ihren Geschichten Rätselbilder auf, die in den letzten Zeilen entschlüsselt werden. Ist Mindfuck ein sehr starkes Wort für Rätselbilder?

Nein, das Rätseln setzt erst nach dem Mindfuck ein. Die Leser fragen sich, wie sie so in die Irre geführt werden konnten, hinterfragen sich selbst und lesen die Geschichten noch mal. Kaum eine Story wird aber zum Schluss vollständig entschlüsselt. Beim Mindfuck ist es wichtig, dass dem Leser Platz für eigene Deutungen bleibt. Was nicht bedeutet, dass man am Ende ratlos da sitzt. Die Geschichten werden nur unterschiedlich verstanden. Es kommt vor, dass Leser etwas in den Mindfuck Stories finden, auf das ich selbst so nicht gekommen bin, wo ich aber sagen muss: tatsächlich, das könnte so auch passiert sein!

Wie wichtig ist Kreativität?

Kreativität ist mit die wichtigste Eigenschaft eines Schriftstellers, ebenso eines jeden Künstlers. Darauf bauen Geschichten auf und Kreativität ist ein sich stetig erweiternder Prozess. Doch allein Kreativität reicht nicht, um ein guter Schriftsteller zu sein. Man muss die Technik des Schreibens beherrschen, fit in der Rechtschreibung sein, strukturiert arbeiten können. Eine Anekdote zum Thema Kreativität: Ich habe Deutschlands Vorzeigeautor Sebastian Fitzek mal zu diesem Thema interviewt. Ich bewundere seine Art zu schreiben. Auch er hat Mindfucks in seinen Geschichten. Die Therapie ist das beste Beispiel. Ich glaube, er ist einfach auch wahnsinnig sensibel und hat auch deswegen ein Gespür für gute Geschichten. Auf jeden Fall hat er mich während des Interviews motiviert, es auch mal mit einem Buch zu versuchen. Das hab eich nun gemacht und es ihm letzte Woche zugeschickt. Ich bin gespannt, ob er es liest.

Glauben Sie an eine Aufgabe in dieser Welt?

Ich glaube, man hat viele Aufgaben in dieser Welt. Eigentlich bekommt man die ja jeden Tag. Ob es eine einzige Lebensaufgabe gibt? Ich glaube nicht, aber das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss, sollte und darf.

Wenn ja, wer verteilt die Aufgaben? Gibt es jemanden zentral oder macht das jeder selbst?

Die Welt steckt voller Herausforderungen. Ich glaube es gibt genug Möglichkeiten, sich daraus seine speziellen Aufgaben zu entnehmen. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es für uns nicht bewusst wahrnehmbare Kräfte gibt, die uns lenken, zumindest in gewisser Weise. Das ist aber eine schöne Vorstellung. Und Einigen scheint es ja auch zu gelingen, diese Kräfte für sich sichtbar zu machen. Das bedeutet für mich spirituelles Erleben. Und ich spüre da auch Vieles um mich herum, dass ich mir noch nicht erklären kann. Auch das ist natürlich unfassbar faszinierend.

 Glauben Sie an Gott? Oder verbietet die wissenschaftliche Sichtweise den Glauben an Gott?

Ja, ich glaube an Gott und spreche jeden Tag zu ihm. Das Beten vermittelt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Die Gespräche mit Gott sind ein Teil von mir und gleichzeitig auch Selbstgespräch. Ich gehe kaum in die Kirche, da ich meinen eigenen Draht zu Gott habe und mit ihm alleine sprechen möchte. Es ist schade, dass so viele Menschen den Glauben verlieren. Mir würde das wahnsinnig fehlen. Ich bin sicher, dass Glaube positive Energien freisetzt.

Und wie ist es mit dem Leben nach dem Tod?

Auch daran glaube ich fest, aber nicht daran, dass man auf dieser Erde ein neues Leben geschenkt bekommt. Ich glaube an die stetige Fortentwicklung der Seele, die mit dem Tod nicht abgeschlossen ist. Hätte es folglich aber ein Leben vor meinem jetzigen gegeben, müsste ich mich daran erinnern, und zwar nicht nur in Teilen, sondern ganz. Denn auch alle Erinnerungen und Erfahrungen sind Teil der Seele. Allgemein spielt das Thema Tod in meiner Familie eine bedeutende Rolle. Mein Vater ist Mediziner, hat eine der ersten Palliativstationen in Deutschland gegründet und koordiniert ein Netzwerk von Krankenhäusern, die diese Form, der umsorgenden, nicht mehr heilenden Praxis anbieten. Er hat tausende Patienten in den Tod begleitet. Ich war natürlich auf der Station und habe mit den sterbenden Menschen gesprochen. Da herrscht eine ganz ruhige, friedliche und würdevolle Atmosphäre. Die Patienten werden dort sehr spirituell, nehmen Farben, Formen und Symbole viel intensiver wahr und bereiten sich zusammen mit Ihren Angehörigen, Psychologen oder Seelsorgern auf den Tod vor. Der Tod spielt übrigens in den Mindfuck Stories eine ganz bedeutende und zentrale Rolle.

 

..im Gespräch mit Sat 1
..im Gespräch mit Sat 1

MINDFUCK STORIES lesen – das bedeutet, sich literarisch mal so richtig den Kopf verdrehen zu lassen. Die fünfzehn mysteriösen Kurzgeschichten in diesem Buch führen Sie geschickt in die Irre, indem sie immer wieder überraschende Haken schlagen. Christian Hardinghaus lädt Sie dazu ein, zusammen mit den Helden der Stories das gänzlich Unerwartete zu erleben. Jede Geschichte birgt ein neues Geheimnis, jede erzählt von einem anderen tragischen Schicksal. MINDFUCK STORIES – intelligent, bissig und voller Emotionen geschrieben!

(180 Seiten, ISBN 978-3-9816409-0-8) Print: 14,80 €, ebook: 6,80 €

 

Interview mit Autor Dr. phil. Christian Hardinghaus was last modified: April 28th, 2015 by Henrik Geyer

Nur einen Gedanken entfernt

Nur einen Gedanken entfernt

 

Oh, a storm is threat’ning
My very life today
If I don’t get some shelter
Oh yeah, I’m gonna fade away
War, children, it’s just a shot away
It’s just a shot away
War, children, it’s just a shot away

aus: „Give me shelter“ von den Rolling Stones.

Der Krieg ist nur einen Schuss weit entfernt. Das ist wahr.

Der Friede ist nur einen vernünftigen Gedanken weit entfernt. Das ist ebenfalls wahr.

Das Glück ist nur ein Wort entfernt.

Mord ist nur ein Fingerkrümmen weit entfernt.

Die Einsicht ist nur einen Gedanken entfernt.

Genialität ist nur einen logischen Schluss weit entfernt.

Die Liebe ist nur ein Gefühl weit entfernt. Der Hass ist nur ein Gefühl weit entfernt.

Der Friede ist nur einen friedlichen Gedanken weit entfernt.

Die Ruhe ist nur einen ruhigen Moment weit entfernt.

Was wir tun ist unsere Realität.

nur einen Schuss entfernt
nur einen Schuss entfernt

 

 
Nur einen Gedanken entfernt was last modified: Oktober 16th, 2015 by Henrik Geyer